II. S. 132.]

Ich darf es nicht unterlassen, hier zu sagen, dass, obwol Livingstone

und ich gegen den starken Strom des Rusizi, der rasch in den Tanganika

fliesst, zu kämpfen gehabt haben, der Doctor doch der Ueberzeugung

lebt, dass, welche Rolle auch der Rusizi spielen möge, der Tanganika

doch irgendwo einen Ausfluss haben müsse, weil alle Süsswasserseen

Ausflüsse haben. Livingstone kann seine Ansichten und Gründe hierfür

viel besser als ich auseinandersetzen, und um nicht über den Gegenstand

falsch zu berichten, will ich ihn ruhen lassen, bis Livingstone selbst

Gelegenheit hat, sich darüber auszusprechen, was er vermöge seiner

grossen Kenntniss Afrikas sachkundiger zu thun vermag.

Mir und, wie ich glaube, auch dem Doctor ist jetzt eins klar, dass

nämlich Sir Samuel Baker den Albert Nyanza um einen, wenn nicht zwei

Breitengrade wird verkürzen müssen. Dieser berühmte Reisende hat seinen

See weit in das Gebiet der Warundi hineingezeichnet und Ruanda an sein

östliches Ufer verlegt; während ein grosser Theil desselben, wenn nicht

das ganze, nördlich von dem Theil gezeichnet werden müsste, den er auf

seiner Karte als Usigé bezeichnet. Die Aussage eines so intelligenten

Mannes wie Ruhinga ist nicht zu verachten; denn wenn der Albert-See

bis auf hundert Meilen in die Nähe des Tanganika käme, so würde jener

gewiss von seinem Dasein gehört haben, sogar wenn er ihn nicht selbst

gesehen hätte. Ruhinga ist ursprünglich von Mutumbi gekommen und von

diesem Lande nach Mugihewa, dem Bezirk, den er jetzt beherrscht,

gereist. Er hat Mwezi, den grossen König von Urundi, gesehen und

beschreibt ihn als einen etwa vierzigjährigen, sehr guten Mann.

Unsere Aufgabe war jetzt beendigt; es gab nichts mehr, was uns in

Mugihewa zurückhalten konnte. Ruhinga war sehr freundlich gegen uns

gewesen und hatte uns einen Ochsen nach dem andern zum Schlachten und

Essen geschenkt. Dasselbe hatte Mukamba gethan. Ihre Frauen versahen

uns reichlich mit Milch und Butter und wir hatten jetzt bedeutende

Vorräthe davon.

Livingstone hatte eine Reihe von Breiten- und Längenbeobachtungen

angestellt, nach denen Mugihewa auf 3° 19′ südl. Breite liegt.

Früh am Morgen des 7. December verliessen wir Mugihewa und kamen an dem

südlichen Ende der Katangara-Inseln vorüber in die Nähe der Hochlande

von Uaschi, dicht an die Grenzlinie zwischen dem Gebiete Mukamba’s und

Uvira. Diese soll von einer weiten Schlucht gebildet werden, in deren

Tiefen sich ein Hain schöner geradstämmiger Bäume befindet, aus denen

die Eingeborenen Canoes verfertigen.

Am Kanyamabengu-Flusse vorbei, welcher dicht an dem Markt von Kirabula

in den See fliesst, dem äussersten Punkte, wo Burton und Speke den

Tanganika untersucht haben, steuerten wir südlich dem westlichen Ufer

des Flusses entlang noch eine halbe Stunde weiter nach Kavimba, wo wir

halt machten, um unser Frühstück zu bereiten.

Das Dorf, wo Mruta, König von Uvira, lebt, war von unserm Lager aus

zu sehen, und da wir Leute die Berge häufiger auf- und absteigen

sahen, als für uns von guter Vorbedeutung zu sein schien, beschlossen

wir, unsere Fahrt nach Süden fortzusetzen. Ausserdem trafen wir

eine trostlos aussehende Anzahl Wadschidschi, die einige Tage vor

unserer Ankunft deshalb geplündert worden waren, weil sie, wie die

Wavira glaubten, es versucht hatten, Hongazahlungen auszuweichen.

Dergleichen Thatsachen und unsere Kenntniss von der allgemeinen im

Lande herrschenden Unsicherheit, die von vielen in den Bezirken des

Tanganika wüthenden Kriegen herrührten, bestimmte uns, nicht in Kavimba

anzuhalten.

Ehe die Wavira sich versammelt hatten, begaben wir uns rasch in unser

Boot und wandten uns nach Süden einem starken Winde entgegen, der

gerade von Südwesten hertrieb. Nachdem wir etwa zwei Stunden, dem

sich rasch erhebenden Sturm entgegen, anstrengend gerudert hatten,

wandten wir unser Boot in eine kleine, ruhige, unter hohen Buchen fast

verborgene Bucht und begaben uns für die Nacht ans Land.

Mit den uns umgebenden Gefahren vertraut und wohl wissend, dass der

unversöhnliche Wilde unser schlimmster Feind sei, verwandten wir unsere

ganze Kraft auf die Errichtung eines starken Zaunes von Dornbüschen,

setzten uns darauf zum Abendessen und legten uns nieder. Vorher hatten

wir jedoch Wachen für unser Boot ausgestellt, damit die kühnen Diebe

von Uvira es nicht stehlen könnten, in welchem Falle wir in eine böse

Lage gekommen wären.

Bei Tagesanbruch verliessen wir nach unserm einfachen, aus Kaffee,

Käse und Dourra-Gebäck bestehenden Frühstück die Spitze Kukumba und

steuerten noch einmal nach Süden. Obwol unsere Feuer die Aufmerksamkeit

der scharfsichtigen, argwöhnischen Fischer von Kukumba auf sich

gezogen, hatten sich unsere Vorsichtsmassregeln sowie die von uns

ausgestellte Wache als wirksam gegen die Diebe von Uvira bewährt.

Auf unserer Weiterfahrt zeigten sich die westlichen Ufer des Sees als

höher und kühner, wie die Waldhöhen von Urundi und die struppigen

Erhebungen von Udschidschi. Zwischen den gekerbten Spitzen der

vordern Berglinie zeigte sich ein dahinter liegender Höhenzug, der

Vortrab der Berge, die sich weiter ins Land erheben, der eine Höhe

von 2500–3000 Fuss über dem See erreichte. In den Einschnitten der

vordern Gebirgsreihe streben einzelne Berge von bedeutender Höhe

plötzlich steil empor und sind in landschaftlicher Beziehung höchst

malerisch. Die meisten dieser Berge haben abgerundete, glatte oder auch

tafelförmige Gipfel. Der Bergrücken, den sie bilden, lässt hie und da

Vorsprünge von mehr allmählich absteigenden Contouren als Vorgebirge in

den See treten. So oft wir um diese Punkte herumfuhren, nahmen wir mit

dem Compass die Lage der Gegend auf und beobachteten die Richtung aller

interessanten, hervorragenden Gegenstände. Oft werden diese Caps von

Alluvialebenen gebildet, durch welche bestimmt ein Fluss fliesst. Diese

hübschen Alluvialebenen, die von Süden, Westen und Norden von einem

grossartigen Bergbogen umgeben werden, bieten eine üppige, bezaubernde

Landschaft dar. Die Vegetation scheint hier von selbst zu wachsen.

Gruppen der Palme Elaeis Guinensis hüllen ein dunkelbraunes Dorf ein;

eine Reihe majestätischer, herrlich gewachsener Mvule-Bäume, eine weite

von lebhaft grünen Sorghumstauden bedeckte Fläche, fallschirmartig

belaubte Mimosen, ein schmaler Streifen weissen Sandes, auf welchen

Boote der Eingeborenen weit ausserhalb des Bereiches der wogenden,

unruhigen Brandung hinaufgezogen sind; Fischer, die träge im Schatten

eines Baumes liegen: das sind die Scenen, welche sich uns auf der

Fahrt in unserm Canoe auf dem Tanganika darboten. So oft wir von der

Romantik solcher wilden Tropenlandschaft ermüdet waren, brauchten

wir nur das Auge zu den grossen Gebirgsgipfeln zu erheben, die in

düsterer Majestät rechts aus der Ferne herüberschauen; die leichten

Zeichnungen der Federwolke zu beobachten, die ihre Gipfel streift und

durch den Wind nach Norden getrieben wird; oder die Verwandlungen zu

betrachten, welche die Wolken annehmen, wie sie aus diesen leichten

Flocken in die dichtem, finstern Haufenwolken übergehen, den Vorläufer

von Sturm und Regen, die sich bald in eine unheilschwangere Gruppe

aufeinandergethürmter Alpen verwandeln und uns mahnen, dass der bisher

brauende Sturm da und es Zeit sei, ein Unterkommen zu suchen.

Hinter Muikamba sahen wir verschiedene Gruppen von hohen Mvule-Bäumen.

Bis nach Bemba hin werden die Berggipfel von den Wabembe bewohnt,

wogegen die Wavira die Alluvialebenen längs des Flusses und der

niedrigern Abhänge des Gebirges bebauen. In Bemba hielten wir an, um

Stückchen von Pfeifenthon mitzunehmen in Uebereinstimmung mit dem

Aberglauben der Wadschidschi, welche meinen, dass man eine gute,

glückliche Ueberfahrt hat, wenn man nach dieser alten Sitte verfährt.

Hinter Ngovi kamen wir an eine tiefe Bucht, welche sich im Bogen bis

zu dem zehn Meilen entfernten Cap Kabogi hinzieht. Nachdem wir etwa

zwei Drittel des Weges zurückgelegt, gelangten wir an eine Gruppe

von drei sehr steilen Felsinselchen, von denen die grösste etwa 300

Fuss Länge und 200 Fuss Breite an ihrer Basis hatte. Hier machten wir

Vorbereitungen, um die Nacht zu bleiben. Die Inseln wurden von einem

buntgefiederten alten Hahn, der als Sühnopfer für den Geist der Insel

gehalten wurde, von einer kränklichen, gelb aussehenden Drossel, einem

hammerköpfigen Storch und zwei Fischhabichten bewohnt, welche, als

sie entdeckten, dass wir von dem Orte Besitz genommen, der ihnen nach

frommer Sitte vorbehalten war, auf die westlichste Insel fortflogen,

von wo aus sie uns feierlich von ihren Horsten weiter beobachteten.

Da wir den Namen dieser Inseln Kavunvweh nur mit Mühe aussprechen

konnten, nannte sie Livingstone, da er glaubte, dass sie die

einzige von uns zu machende Entdeckung sein würden, die „New

York-Herald-Inseln“ und bekräftigte mir diesen neuen Namen durch einen

Händedruck. Durch sorgfältigen Ueberschlag wurde ihre Lage als auf 3°

41′ südl. Breite befindlich festgestellt.

Der Gipfel der grössten Insel war sehr geeignet zur Aufnahme der

Gegend, und wir benutzten diese Gelegenheit, da wir einen sehr

ausgedehnten Rundblick auf den breiten, länglichen See und die

denselben umgebenden hohen Gebirgszüge genossen. Die Ramata-Berge

zeigten sich deutlich und lagen nordnordöstlich davon; Cap Katanga

Südost zu Süd; Sentakeyi ostsüdöstlich; Magala Ost zu Nord; der

südwestliche Punkt der Muzimu-Insel zeigte nach Süden, der nördliche

nach Südsüdost.

Mit dem Morgengrauen des 9. December bereiteten wir uns auf unsere

Weiterreise vor. In der Nacht waren wir einigemal von Fischern

besucht worden, die jedoch durch unsere ängstliche Wachsamkeit am

Raube verhindert worden waren. Es schien mir aber, dass die Bewohner

des andern Ufers, die uns besuchten, eifrig auf eine Gelegenheit

warteten, über unser Boot herzufallen oder uns persönlich als Beute

fortzuschleppen. Durch diesen Gedanken wurden unsere Leute bedeutend

beunruhigt, wenn man nach der Energie, mit der sie von unserm letzten

Lagerplatze fortruderten, urtheilen darf.

Am Cap Kabogi kamen wir in das Gebiet der Wasansi. Dass wir einem

andern Stamm uns gegenüberbefanden, erfuhren wir durch die

Begrüssungsformel „Moholo“, die uns eine Gruppe Fischer zurief. Die

Begrüssung der Wavira heisst nämlich „Wake“, ebenso wie auch in Urundi,

Usige und Uhha.

Bald darauf kamen wir in Sicht von Cap Luvumba, einem absteigenden

Vorsprung eines Gebirgsrückens, der weit in den See hineinragt. Da ein

Sturm im Anzuge war, steuerten wir in eine gemüthliche, kleine Bucht,

die vor einem Dorfe lag, zogen unsern Nachen aus dem Wasser, schlugen

das Zelt auf und bereiteten uns für die Nacht vor.

Da die Eingeborenen ruhig und höflich zu sein schienen, hatten wir

keinen Grund, anzunehmen, dass sie gegen Araber und Wangwana feindselig

gesinnt seien. Wir liessen also unser Frühstück kochen und legten

uns darauf, wie gewöhnlich, zu einem Nachmittagsschläfchen hin. Bald

schlief ich ein und träumte in meinem Zelt, ohne von dem Streit und

Zank, der, seitdem ich mich gelegt, entstanden war, etwas zu ahnen,

als ich eine Stimme mir zurufen hörte: „Herr, Herr! stehen Sie rasch

auf, soeben fängt ein Kampf an!“ Ich sprang auf und spazierte, nachdem

ich meinen Revolvergürtel rasch vom Flintenständer genommen, hinaus.

Wirklich schien eine erhebliche Feindseligkeit zwischen den beiden

Parteien, nämlich einer lärmenden, rachsüchtig aussehenden Anzahl

Eingeborener und unsern Leuten zu bestehen. Sieben oder acht der

Unsrigen hatten sich hinter dem Boot versteckt und ihre geladenen

Gewehre halb auf die leidenschaftlich erregte Masse gerichtet, die

jeden Augenblick sehr an Anzahl zunahm; den Doctor aber konnte ich

nirgends sehen.

„Wo ist der Doctor?“ fragte ich.

„Er ist mit seinem Compass über jenen Berg gegangen“, sagte Selim.

„Ist jemand bei ihm?“

„Susi und Dschumah.“

„Bombay, schicke sofort zwei Leute an den Doctor, damit er hierher

eile.“

Doch gerade in diesem Augenblick erschien er und seine beiden Leute

auf dem Abhang eines Berges und blickte in ruhiger Weise auf die

tragikomische Scene, die das kleine Becken, in welchem wir lagerten,

darbot. Denn trotz des ernstlichen Aussehens derselben mischte

sich wirklich manches Komische hinein, da ein nackter, vollständig

betrunkener Jüngling, der sich kaum auf den Beinen halten konnte, den

Boden mit seinem einzigen Lendentuche schlug und wie ein Toller schrie

und wüthete. In seiner eigenen vorzüglichen Sprache schwor er hoch und

theuer, kein Mgwana oder Araber dürfe sich auch nur einen Augenblick

auf dem geheiligten Boden von Usansi aufhalten. Auch sein Vater, der

Sultan, war ebenso betrunken wie er, aber nicht ganz so heftig in

seinem Betragen.

Mittlerweile kam Livingstone herab und Selim hatte mein gezogenes

Winchestergewehr gefüllt mit Patronen in meine Hand gesteckt.

Ruhig erkundigte sich der Doctor, was vorläge, und erhielt von den

Wadschidschiführern die Antwort, die Leute wünschten, dass wir

fortzögen, da sie Feinde der Araber seien, weil der älteste Sohn

des Sultans von Muzimu, der grossen fast gegenüberliegenden Insel,

von einem Belutsch namens Khamis in Udschidschi zu Tode geprügelt

worden sei, als der junge Mensch es gewagt, in den Harem des andern

hineinzusehen. Seit der Zeit sei der Friede zwischen den Wasansi und

Arabern gebrochen.

Nach Berathschlagung mit den Führern kamen wir zu dem Schluss, dass

es besser sei, den Versuch zu machen, den Sultan durch ein Geschenk

zu beruhigen, als sich durch die überspannte Laune eines betrunkenen

Jungen beleidigt zu fühlen. Dieser hatte in seiner unsinnigen Wuth den

Versuch gemacht, einen meiner Leute mit einer Sichel, die er bei sich

trug, zu verletzen. Dies galt als Kriegserklärung und die Soldaten

waren zum Kampf bereit; es lag jedoch keine Nothwendigkeit vor, sich

mit dem betrunkenen Pöbel in einen Kampf einzulassen, der, wenn wir

es gewünscht, mit unsern blossen Revolvern von der Stelle hätte

verscheucht werden können.

Der Doctor entblösste seinen Arm und sagte, er sei weder Mgwana noch

Araber, sondern ein Weisser; die Araber und Wangwana unterschieden

sich von uns durch die Farbe. Wir Weissen seien in jeder Beziehung

andere Menschen, als die, welche sie zu sehen gewohnt seien. Kein

Schwarzer habe je von einem Weissen etwas zu leiden gehabt. Diese

Rede schien eine grosse Wirkung hervorzubringen, denn es bedurfte

nicht vieler Worte, um den betrunkenen Jüngling und seinen ebenso

berauschten Vater zu bewegen, Platz zu nehmen und ruhig zu sprechen. In

ihrer Unterhaltung mit uns bezogen sie sich häufig auf Mombo, den Sohn

Kisesa’s, des Sultans von Muzimu, der in brutaler Weise ermordet worden

sei. „Ja, brutal ermordet!“ riefen sie wiederholt in ihrer eigenen

Sprache aus, indem sie durch eine ausdrucksvolle Pantomime andeuteten,

wie der unglückliche Jüngling gestorben sei.

Livingstone setzte seine Unterhaltung mit ihnen in milder, väterlicher

Weise fort und eben liessen ihre lauten Proteste gegen die Grausamkeit

der Araber nach, als der alte Sultan plötzlich aufstand, in sehr

aufgeregter Weise hin und herlief, sein Bein auf dieser Wanderung

absichtlich mit der scharfen Spitze seines Speeres verletzte und dann

ausrief, die Wangwana hätten ihn verwundet!

Bei diesem Ausruf ergriff die Hälfte der versammelten Menge schleunigst

die Flucht; ein altes Weib jedoch, das einen starken Stab trug, auf

dessen Spitze das Bild einer Eidechse eingeschnitzt war, begann den

Häuptling mit der ganzen Macht ihrer beweglichen Zunge zu schimpfen

und ihm vorzuwerfen, er wünsche, dass sie alle getödtet würden. Andere

Weiber kamen dazu und riethen ihm gleichfalls, ruhig zu sein und das

Geschenk anzunehmen, das wir ihm gern geben wollten.

Offenbar gehörte nicht viel dazu, um alle in dem kleinen Thal

anwesenden Leute zu einem blutigen Streit zu veranlassen. Das milde,

geduldige Betragen Livingstone’s bewirkte jedoch vor allen Dingen,

dass Blutvergiessen verhindert wurde, solange noch die geringste

Aussicht für eine freundschaftliche Beilegung des Streites bestand, und

schliesslich siegte es ob und es gelang, sowol den Sultan als seinen

Sohn in froher Stimmung fortzuschicken.

Während der Doctor sich mit ihnen unterhielt und ihre wilden

Leidenschaften zu beschwichtigen versuchte, liess ich das Zelt

abbrechen, die Boote ins Wasser bringen und das Gepäck besorgen; und

als die Verhandlungen freundschaftlich geschlossen waren, bat ich den

Doctor ins Boot zu springen, da dieser Friede anscheinend nur eine Ruhe

vor dem Sturm bedeute. „Ausserdem,“ sagte ich, „befinden sich etliche

Feiglinge in unserm Boot, die im Fall einer abermaligen Störung sich

nicht besinnen würden, uns beide hier zu lassen.“

Von Cap Luvumba fingen wir ungefähr um ½5 Uhr nachmittags an,

quer über den See zu rudern; um 8 Uhr befanden wir uns gegenüber Cap

Panza, dem nördlichen Ende der Insel Muzimu; um 6 Uhr morgens waren

wir südlich von Bikari und ruderten auf Mukungu in Urundi los, wo wir

um 10 Uhr morgens, nach einer 17½stündigen Ueberfahrt über den See

ankamen, der, wenn man die Stunde zu 2 Meilen rechnet, in directer

Entfernung etwa 35 engl. Meilen breit sein und dessen Länge vom Cap

Luvumba bis hierher etwas mehr als 43 Meilen betragen kann.

Am 11. December kamen wir nach siebenstündigem Rudern wieder im

malerischen Zassi an; am 12. in der südlichen Bucht von Niasanga, und

um 11 Uhr vormittags waren wir um Bangwe gefahren und Udschidschi lag

vor uns.

Still, ohne wie gewöhnlich Flinten abzuschiessen, da wir wenig Pulver

und Kugeln hatten, fuhren wir in den Hafen. Bei unserer Landung kamen

unsere Soldaten und die arabischen Grossen an den Rand des Wassers, um

uns zu begrüssen.

Mabruki hatte viel zu erzählen, was in unserer Abwesenheit geschehen

war. Dieser treue Mensch, der als Wache für Livingstone’s Haus

zurückgelassen worden war, hatte sich vorzüglich aufgeführt. Kalulu

hatte sich verbrüht und zeigte infolge dessen eine schrecklich

aussehende Brandwunde auf seiner Brust. Mabruki hatte Marora in Ketten

gelegt, weil er einen der Esel verwundet; der stotternde Feigling

Bilali, ein Kerl, der stets den Weibern etwas vorrenommirte, hatte

einen Tumult auf dem Marktplatz erregt und war von Mabruki tüchtig mit

dem Stock bearbeitet worden. Vor allem willkommen war mir ein Brief des

amerikanischen Consuls in Zanzibar vom 11. Juni, welcher Telegramme

aus Paris vom 22. April desselben Jahres enthielt. Der arme Livingstone

rief aus: „Und ich habe keine. Wie angenehm ist es, einen wirklich

guten Freund zu besitzen!“

Unsere Reise auf dem Tanganika hatte 28 Tage gedauert, während welcher

Zeit wir mehr als 300 Meilen zu Wasser zurückgelegt hatten.

[Illustration: KÜHE AUS UDSCHIDSCHI UND UNYAMWEZI, PARIAHUND,

FETTSCHWÄNZIGES SCHAF.]

Wie ich Livingstone fand; Zweiter Band · 第 42 / 88 题