Ich darf es nicht unterlassen, hier zu sagen, dass, obwol Livingstone
und ich gegen den starken Strom des Rusizi, der rasch in den Tanganika
fliesst, zu kämpfen gehabt haben, der Doctor doch der Ueberzeugung
lebt, dass, welche Rolle auch der Rusizi spielen möge, der Tanganika
doch irgendwo einen Ausfluss haben müsse, weil alle Süsswasserseen
Ausflüsse haben. Livingstone kann seine Ansichten und Gründe hierfür
viel besser als ich auseinandersetzen, und um nicht über den Gegenstand
falsch zu berichten, will ich ihn ruhen lassen, bis Livingstone selbst
Gelegenheit hat, sich darüber auszusprechen, was er vermöge seiner
grossen Kenntniss Afrikas sachkundiger zu thun vermag.
Mir und, wie ich glaube, auch dem Doctor ist jetzt eins klar, dass
nämlich Sir Samuel Baker den Albert Nyanza um einen, wenn nicht zwei
Breitengrade wird verkürzen müssen. Dieser berühmte Reisende hat seinen
See weit in das Gebiet der Warundi hineingezeichnet und Ruanda an sein
östliches Ufer verlegt; während ein grosser Theil desselben, wenn nicht
das ganze, nördlich von dem Theil gezeichnet werden müsste, den er auf
seiner Karte als Usigé bezeichnet. Die Aussage eines so intelligenten
Mannes wie Ruhinga ist nicht zu verachten; denn wenn der Albert-See
bis auf hundert Meilen in die Nähe des Tanganika käme, so würde jener
gewiss von seinem Dasein gehört haben, sogar wenn er ihn nicht selbst
gesehen hätte. Ruhinga ist ursprünglich von Mutumbi gekommen und von
diesem Lande nach Mugihewa, dem Bezirk, den er jetzt beherrscht,
gereist. Er hat Mwezi, den grossen König von Urundi, gesehen und
beschreibt ihn als einen etwa vierzigjährigen, sehr guten Mann.
Unsere Aufgabe war jetzt beendigt; es gab nichts mehr, was uns in
Mugihewa zurückhalten konnte. Ruhinga war sehr freundlich gegen uns
gewesen und hatte uns einen Ochsen nach dem andern zum Schlachten und
Essen geschenkt. Dasselbe hatte Mukamba gethan. Ihre Frauen versahen
uns reichlich mit Milch und Butter und wir hatten jetzt bedeutende
Vorräthe davon.
Livingstone hatte eine Reihe von Breiten- und Längenbeobachtungen
angestellt, nach denen Mugihewa auf 3° 19′ südl. Breite liegt.
Früh am Morgen des 7. December verliessen wir Mugihewa und kamen an dem
südlichen Ende der Katangara-Inseln vorüber in die Nähe der Hochlande
von Uaschi, dicht an die Grenzlinie zwischen dem Gebiete Mukamba’s und
Uvira. Diese soll von einer weiten Schlucht gebildet werden, in deren
Tiefen sich ein Hain schöner geradstämmiger Bäume befindet, aus denen
die Eingeborenen Canoes verfertigen.
Am Kanyamabengu-Flusse vorbei, welcher dicht an dem Markt von Kirabula
in den See fliesst, dem äussersten Punkte, wo Burton und Speke den
Tanganika untersucht haben, steuerten wir südlich dem westlichen Ufer
des Flusses entlang noch eine halbe Stunde weiter nach Kavimba, wo wir
halt machten, um unser Frühstück zu bereiten.
Das Dorf, wo Mruta, König von Uvira, lebt, war von unserm Lager aus
zu sehen, und da wir Leute die Berge häufiger auf- und absteigen
sahen, als für uns von guter Vorbedeutung zu sein schien, beschlossen
wir, unsere Fahrt nach Süden fortzusetzen. Ausserdem trafen wir
eine trostlos aussehende Anzahl Wadschidschi, die einige Tage vor
unserer Ankunft deshalb geplündert worden waren, weil sie, wie die
Wavira glaubten, es versucht hatten, Hongazahlungen auszuweichen.
Dergleichen Thatsachen und unsere Kenntniss von der allgemeinen im
Lande herrschenden Unsicherheit, die von vielen in den Bezirken des
Tanganika wüthenden Kriegen herrührten, bestimmte uns, nicht in Kavimba
anzuhalten.
Ehe die Wavira sich versammelt hatten, begaben wir uns rasch in unser
Boot und wandten uns nach Süden einem starken Winde entgegen, der
gerade von Südwesten hertrieb. Nachdem wir etwa zwei Stunden, dem
sich rasch erhebenden Sturm entgegen, anstrengend gerudert hatten,
wandten wir unser Boot in eine kleine, ruhige, unter hohen Buchen fast
verborgene Bucht und begaben uns für die Nacht ans Land.
Mit den uns umgebenden Gefahren vertraut und wohl wissend, dass der
unversöhnliche Wilde unser schlimmster Feind sei, verwandten wir unsere
ganze Kraft auf die Errichtung eines starken Zaunes von Dornbüschen,
setzten uns darauf zum Abendessen und legten uns nieder. Vorher hatten
wir jedoch Wachen für unser Boot ausgestellt, damit die kühnen Diebe
von Uvira es nicht stehlen könnten, in welchem Falle wir in eine böse
Lage gekommen wären.
Bei Tagesanbruch verliessen wir nach unserm einfachen, aus Kaffee,
Käse und Dourra-Gebäck bestehenden Frühstück die Spitze Kukumba und
steuerten noch einmal nach Süden. Obwol unsere Feuer die Aufmerksamkeit
der scharfsichtigen, argwöhnischen Fischer von Kukumba auf sich
gezogen, hatten sich unsere Vorsichtsmassregeln sowie die von uns
ausgestellte Wache als wirksam gegen die Diebe von Uvira bewährt.
Auf unserer Weiterfahrt zeigten sich die westlichen Ufer des Sees als
höher und kühner, wie die Waldhöhen von Urundi und die struppigen
Erhebungen von Udschidschi. Zwischen den gekerbten Spitzen der
vordern Berglinie zeigte sich ein dahinter liegender Höhenzug, der
Vortrab der Berge, die sich weiter ins Land erheben, der eine Höhe
von 2500–3000 Fuss über dem See erreichte. In den Einschnitten der
vordern Gebirgsreihe streben einzelne Berge von bedeutender Höhe
plötzlich steil empor und sind in landschaftlicher Beziehung höchst
malerisch. Die meisten dieser Berge haben abgerundete, glatte oder auch
tafelförmige Gipfel. Der Bergrücken, den sie bilden, lässt hie und da
Vorsprünge von mehr allmählich absteigenden Contouren als Vorgebirge in
den See treten. So oft wir um diese Punkte herumfuhren, nahmen wir mit
dem Compass die Lage der Gegend auf und beobachteten die Richtung aller
interessanten, hervorragenden Gegenstände. Oft werden diese Caps von
Alluvialebenen gebildet, durch welche bestimmt ein Fluss fliesst. Diese
hübschen Alluvialebenen, die von Süden, Westen und Norden von einem
grossartigen Bergbogen umgeben werden, bieten eine üppige, bezaubernde
Landschaft dar. Die Vegetation scheint hier von selbst zu wachsen.
Gruppen der Palme Elaeis Guinensis hüllen ein dunkelbraunes Dorf ein;
eine Reihe majestätischer, herrlich gewachsener Mvule-Bäume, eine weite
von lebhaft grünen Sorghumstauden bedeckte Fläche, fallschirmartig
belaubte Mimosen, ein schmaler Streifen weissen Sandes, auf welchen
Boote der Eingeborenen weit ausserhalb des Bereiches der wogenden,
unruhigen Brandung hinaufgezogen sind; Fischer, die träge im Schatten
eines Baumes liegen: das sind die Scenen, welche sich uns auf der
Fahrt in unserm Canoe auf dem Tanganika darboten. So oft wir von der
Romantik solcher wilden Tropenlandschaft ermüdet waren, brauchten
wir nur das Auge zu den grossen Gebirgsgipfeln zu erheben, die in
düsterer Majestät rechts aus der Ferne herüberschauen; die leichten
Zeichnungen der Federwolke zu beobachten, die ihre Gipfel streift und
durch den Wind nach Norden getrieben wird; oder die Verwandlungen zu
betrachten, welche die Wolken annehmen, wie sie aus diesen leichten
Flocken in die dichtem, finstern Haufenwolken übergehen, den Vorläufer
von Sturm und Regen, die sich bald in eine unheilschwangere Gruppe
aufeinandergethürmter Alpen verwandeln und uns mahnen, dass der bisher
brauende Sturm da und es Zeit sei, ein Unterkommen zu suchen.
Hinter Muikamba sahen wir verschiedene Gruppen von hohen Mvule-Bäumen.
Bis nach Bemba hin werden die Berggipfel von den Wabembe bewohnt,
wogegen die Wavira die Alluvialebenen längs des Flusses und der
niedrigern Abhänge des Gebirges bebauen. In Bemba hielten wir an, um
Stückchen von Pfeifenthon mitzunehmen in Uebereinstimmung mit dem
Aberglauben der Wadschidschi, welche meinen, dass man eine gute,
glückliche Ueberfahrt hat, wenn man nach dieser alten Sitte verfährt.
Hinter Ngovi kamen wir an eine tiefe Bucht, welche sich im Bogen bis
zu dem zehn Meilen entfernten Cap Kabogi hinzieht. Nachdem wir etwa
zwei Drittel des Weges zurückgelegt, gelangten wir an eine Gruppe
von drei sehr steilen Felsinselchen, von denen die grösste etwa 300
Fuss Länge und 200 Fuss Breite an ihrer Basis hatte. Hier machten wir
Vorbereitungen, um die Nacht zu bleiben. Die Inseln wurden von einem
buntgefiederten alten Hahn, der als Sühnopfer für den Geist der Insel
gehalten wurde, von einer kränklichen, gelb aussehenden Drossel, einem
hammerköpfigen Storch und zwei Fischhabichten bewohnt, welche, als
sie entdeckten, dass wir von dem Orte Besitz genommen, der ihnen nach
frommer Sitte vorbehalten war, auf die westlichste Insel fortflogen,
von wo aus sie uns feierlich von ihren Horsten weiter beobachteten.
Da wir den Namen dieser Inseln Kavunvweh nur mit Mühe aussprechen
konnten, nannte sie Livingstone, da er glaubte, dass sie die
einzige von uns zu machende Entdeckung sein würden, die „New
York-Herald-Inseln“ und bekräftigte mir diesen neuen Namen durch einen
Händedruck. Durch sorgfältigen Ueberschlag wurde ihre Lage als auf 3°
41′ südl. Breite befindlich festgestellt.
Der Gipfel der grössten Insel war sehr geeignet zur Aufnahme der
Gegend, und wir benutzten diese Gelegenheit, da wir einen sehr
ausgedehnten Rundblick auf den breiten, länglichen See und die
denselben umgebenden hohen Gebirgszüge genossen. Die Ramata-Berge
zeigten sich deutlich und lagen nordnordöstlich davon; Cap Katanga
Südost zu Süd; Sentakeyi ostsüdöstlich; Magala Ost zu Nord; der
südwestliche Punkt der Muzimu-Insel zeigte nach Süden, der nördliche
nach Südsüdost.
Mit dem Morgengrauen des 9. December bereiteten wir uns auf unsere
Weiterreise vor. In der Nacht waren wir einigemal von Fischern
besucht worden, die jedoch durch unsere ängstliche Wachsamkeit am
Raube verhindert worden waren. Es schien mir aber, dass die Bewohner
des andern Ufers, die uns besuchten, eifrig auf eine Gelegenheit
warteten, über unser Boot herzufallen oder uns persönlich als Beute
fortzuschleppen. Durch diesen Gedanken wurden unsere Leute bedeutend
beunruhigt, wenn man nach der Energie, mit der sie von unserm letzten
Lagerplatze fortruderten, urtheilen darf.
Am Cap Kabogi kamen wir in das Gebiet der Wasansi. Dass wir einem
andern Stamm uns gegenüberbefanden, erfuhren wir durch die
Begrüssungsformel „Moholo“, die uns eine Gruppe Fischer zurief. Die
Begrüssung der Wavira heisst nämlich „Wake“, ebenso wie auch in Urundi,
Usige und Uhha.
Bald darauf kamen wir in Sicht von Cap Luvumba, einem absteigenden
Vorsprung eines Gebirgsrückens, der weit in den See hineinragt. Da ein
Sturm im Anzuge war, steuerten wir in eine gemüthliche, kleine Bucht,
die vor einem Dorfe lag, zogen unsern Nachen aus dem Wasser, schlugen
das Zelt auf und bereiteten uns für die Nacht vor.
Da die Eingeborenen ruhig und höflich zu sein schienen, hatten wir
keinen Grund, anzunehmen, dass sie gegen Araber und Wangwana feindselig
gesinnt seien. Wir liessen also unser Frühstück kochen und legten
uns darauf, wie gewöhnlich, zu einem Nachmittagsschläfchen hin. Bald
schlief ich ein und träumte in meinem Zelt, ohne von dem Streit und
Zank, der, seitdem ich mich gelegt, entstanden war, etwas zu ahnen,
als ich eine Stimme mir zurufen hörte: „Herr, Herr! stehen Sie rasch
auf, soeben fängt ein Kampf an!“ Ich sprang auf und spazierte, nachdem
ich meinen Revolvergürtel rasch vom Flintenständer genommen, hinaus.
Wirklich schien eine erhebliche Feindseligkeit zwischen den beiden
Parteien, nämlich einer lärmenden, rachsüchtig aussehenden Anzahl
Eingeborener und unsern Leuten zu bestehen. Sieben oder acht der
Unsrigen hatten sich hinter dem Boot versteckt und ihre geladenen
Gewehre halb auf die leidenschaftlich erregte Masse gerichtet, die
jeden Augenblick sehr an Anzahl zunahm; den Doctor aber konnte ich
nirgends sehen.
„Wo ist der Doctor?“ fragte ich.
„Er ist mit seinem Compass über jenen Berg gegangen“, sagte Selim.
„Ist jemand bei ihm?“
„Susi und Dschumah.“
„Bombay, schicke sofort zwei Leute an den Doctor, damit er hierher
eile.“
Doch gerade in diesem Augenblick erschien er und seine beiden Leute
auf dem Abhang eines Berges und blickte in ruhiger Weise auf die
tragikomische Scene, die das kleine Becken, in welchem wir lagerten,
darbot. Denn trotz des ernstlichen Aussehens derselben mischte
sich wirklich manches Komische hinein, da ein nackter, vollständig
betrunkener Jüngling, der sich kaum auf den Beinen halten konnte, den
Boden mit seinem einzigen Lendentuche schlug und wie ein Toller schrie
und wüthete. In seiner eigenen vorzüglichen Sprache schwor er hoch und
theuer, kein Mgwana oder Araber dürfe sich auch nur einen Augenblick
auf dem geheiligten Boden von Usansi aufhalten. Auch sein Vater, der
Sultan, war ebenso betrunken wie er, aber nicht ganz so heftig in
seinem Betragen.
Mittlerweile kam Livingstone herab und Selim hatte mein gezogenes
Winchestergewehr gefüllt mit Patronen in meine Hand gesteckt.
Ruhig erkundigte sich der Doctor, was vorläge, und erhielt von den
Wadschidschiführern die Antwort, die Leute wünschten, dass wir
fortzögen, da sie Feinde der Araber seien, weil der älteste Sohn
des Sultans von Muzimu, der grossen fast gegenüberliegenden Insel,
von einem Belutsch namens Khamis in Udschidschi zu Tode geprügelt
worden sei, als der junge Mensch es gewagt, in den Harem des andern
hineinzusehen. Seit der Zeit sei der Friede zwischen den Wasansi und
Arabern gebrochen.
Nach Berathschlagung mit den Führern kamen wir zu dem Schluss, dass
es besser sei, den Versuch zu machen, den Sultan durch ein Geschenk
zu beruhigen, als sich durch die überspannte Laune eines betrunkenen
Jungen beleidigt zu fühlen. Dieser hatte in seiner unsinnigen Wuth den
Versuch gemacht, einen meiner Leute mit einer Sichel, die er bei sich
trug, zu verletzen. Dies galt als Kriegserklärung und die Soldaten
waren zum Kampf bereit; es lag jedoch keine Nothwendigkeit vor, sich
mit dem betrunkenen Pöbel in einen Kampf einzulassen, der, wenn wir
es gewünscht, mit unsern blossen Revolvern von der Stelle hätte
verscheucht werden können.
Der Doctor entblösste seinen Arm und sagte, er sei weder Mgwana noch
Araber, sondern ein Weisser; die Araber und Wangwana unterschieden
sich von uns durch die Farbe. Wir Weissen seien in jeder Beziehung
andere Menschen, als die, welche sie zu sehen gewohnt seien. Kein
Schwarzer habe je von einem Weissen etwas zu leiden gehabt. Diese
Rede schien eine grosse Wirkung hervorzubringen, denn es bedurfte
nicht vieler Worte, um den betrunkenen Jüngling und seinen ebenso
berauschten Vater zu bewegen, Platz zu nehmen und ruhig zu sprechen. In
ihrer Unterhaltung mit uns bezogen sie sich häufig auf Mombo, den Sohn
Kisesa’s, des Sultans von Muzimu, der in brutaler Weise ermordet worden
sei. „Ja, brutal ermordet!“ riefen sie wiederholt in ihrer eigenen
Sprache aus, indem sie durch eine ausdrucksvolle Pantomime andeuteten,
wie der unglückliche Jüngling gestorben sei.
Livingstone setzte seine Unterhaltung mit ihnen in milder, väterlicher
Weise fort und eben liessen ihre lauten Proteste gegen die Grausamkeit
der Araber nach, als der alte Sultan plötzlich aufstand, in sehr
aufgeregter Weise hin und herlief, sein Bein auf dieser Wanderung
absichtlich mit der scharfen Spitze seines Speeres verletzte und dann
ausrief, die Wangwana hätten ihn verwundet!
Bei diesem Ausruf ergriff die Hälfte der versammelten Menge schleunigst
die Flucht; ein altes Weib jedoch, das einen starken Stab trug, auf
dessen Spitze das Bild einer Eidechse eingeschnitzt war, begann den
Häuptling mit der ganzen Macht ihrer beweglichen Zunge zu schimpfen
und ihm vorzuwerfen, er wünsche, dass sie alle getödtet würden. Andere
Weiber kamen dazu und riethen ihm gleichfalls, ruhig zu sein und das
Geschenk anzunehmen, das wir ihm gern geben wollten.
Offenbar gehörte nicht viel dazu, um alle in dem kleinen Thal
anwesenden Leute zu einem blutigen Streit zu veranlassen. Das milde,
geduldige Betragen Livingstone’s bewirkte jedoch vor allen Dingen,
dass Blutvergiessen verhindert wurde, solange noch die geringste
Aussicht für eine freundschaftliche Beilegung des Streites bestand, und
schliesslich siegte es ob und es gelang, sowol den Sultan als seinen
Sohn in froher Stimmung fortzuschicken.
Während der Doctor sich mit ihnen unterhielt und ihre wilden
Leidenschaften zu beschwichtigen versuchte, liess ich das Zelt
abbrechen, die Boote ins Wasser bringen und das Gepäck besorgen; und
als die Verhandlungen freundschaftlich geschlossen waren, bat ich den
Doctor ins Boot zu springen, da dieser Friede anscheinend nur eine Ruhe
vor dem Sturm bedeute. „Ausserdem,“ sagte ich, „befinden sich etliche
Feiglinge in unserm Boot, die im Fall einer abermaligen Störung sich
nicht besinnen würden, uns beide hier zu lassen.“
Von Cap Luvumba fingen wir ungefähr um ½5 Uhr nachmittags an,
quer über den See zu rudern; um 8 Uhr befanden wir uns gegenüber Cap
Panza, dem nördlichen Ende der Insel Muzimu; um 6 Uhr morgens waren
wir südlich von Bikari und ruderten auf Mukungu in Urundi los, wo wir
um 10 Uhr morgens, nach einer 17½stündigen Ueberfahrt über den See
ankamen, der, wenn man die Stunde zu 2 Meilen rechnet, in directer
Entfernung etwa 35 engl. Meilen breit sein und dessen Länge vom Cap
Luvumba bis hierher etwas mehr als 43 Meilen betragen kann.
Am 11. December kamen wir nach siebenstündigem Rudern wieder im
malerischen Zassi an; am 12. in der südlichen Bucht von Niasanga, und
um 11 Uhr vormittags waren wir um Bangwe gefahren und Udschidschi lag
vor uns.
Still, ohne wie gewöhnlich Flinten abzuschiessen, da wir wenig Pulver
und Kugeln hatten, fuhren wir in den Hafen. Bei unserer Landung kamen
unsere Soldaten und die arabischen Grossen an den Rand des Wassers, um
uns zu begrüssen.
Mabruki hatte viel zu erzählen, was in unserer Abwesenheit geschehen
war. Dieser treue Mensch, der als Wache für Livingstone’s Haus
zurückgelassen worden war, hatte sich vorzüglich aufgeführt. Kalulu
hatte sich verbrüht und zeigte infolge dessen eine schrecklich
aussehende Brandwunde auf seiner Brust. Mabruki hatte Marora in Ketten
gelegt, weil er einen der Esel verwundet; der stotternde Feigling
Bilali, ein Kerl, der stets den Weibern etwas vorrenommirte, hatte
einen Tumult auf dem Marktplatz erregt und war von Mabruki tüchtig mit
dem Stock bearbeitet worden. Vor allem willkommen war mir ein Brief des
amerikanischen Consuls in Zanzibar vom 11. Juni, welcher Telegramme
aus Paris vom 22. April desselben Jahres enthielt. Der arme Livingstone
rief aus: „Und ich habe keine. Wie angenehm ist es, einen wirklich
guten Freund zu besitzen!“
Unsere Reise auf dem Tanganika hatte 28 Tage gedauert, während welcher
Zeit wir mehr als 300 Meilen zu Wasser zurückgelegt hatten.
[Illustration: KÜHE AUS UDSCHIDSCHI UND UNYAMWEZI, PARIAHUND,
FETTSCHWÄNZIGES SCHAF.]