Unser Fahrzeug ein schwanker Nachen. -- Sehr grosser hundeähnlicher
Affe. -- Die Fischer des Tanganika. -- Fluss und Dorf Zassi. --
Sondirungen des Sees. -- Die Insel Nyabigma. -- Störung beim
Abendessen. -- Feindseligkeit der Eingeborenen. -- Krieg zwischen
Mukamba und Warumaschanya. -- Ein Mgwana behauptet, der Rusizi
fliesse aus dem See. -- Ich werde vom Fieber aufs Lager geworfen und
vom Doctor gepflegt. -- Mukamba widerspricht dem Bericht des Mgwana.
-- Massen von Krokodilen. -- Ruhinga’s Kunde. -- Das Ende des Sees
und die Mündung des Rusizi. -- Die Frage, ob der Rusizi in den See
oder aus demselben fliesst, ist auf immer gelöst. -- Der Doctor
glaubt noch immer an einen Abfluss des Sees. -- Burton’s und Speke’s
weitester Punkt. -- Zeichen von Unruhe in Mruta’s Dorfe. -- Die New
York-Herald-Inseln. -- Cap Luvumba. -- Ein Gefecht in Vorbereitung.
-- Der Sultan wird beruhigt. -- Eine tragikomische Scene. -- Rückkehr
nach Udschidschi.
„Ich leugne es aufs bestimmteste, dass ich mich durch irgendwelche
Instruction der Königl. Geographischen Gesellschaft in Bezug auf die
Lage des Weissen Nils habe verleiten lassen, die grosse Bedeutung
der Richtung des Rusizi-Flusses ausser Acht zu lassen. Es ist eine
Thatsache, dass wir unser Bestes thaten, ihn zu erreichen, dass es
uns aber nicht gelang.“
~Burton’s~ _Zanzibar_.
„Das einstimmige Zeugniss der Eingeborenen, dass der Rusizi-Fluss ein
Zufluss sei, ist der zwingendste Beweis dafür, dass er aus dem See
herausfliesst.“
~Speke.~
„Ich beanspruche daher für den See Tanganika solange die Ehre, das
südlichste Reservoir des Nils zu sein, bis ein positiverer, auf
factische Beobachtungen gestützter Beweis es anders bestimmen wird.“
~Findlay.~
Hätten Livingstone und ich, nachdem wir uns entschlossen, das nördliche
Ende des Sees Tanganika zu besuchen, uns durch die abgeschmackten
Forderungen und Befürchtungen einer Schar Wadschidschi zwingen lassen,
nach Unyanyembé zurückzukehren, ohne das Problem des Rusizi-Flusses
gelöst zu haben, so hätten wir es gewiss verdient, in der Heimat mit
allgemeinem Hohngelächter aufgenommen zu werden. Burton’s Miserfolge
jedoch, der die Frage nicht erledigt hat, weil er Wadschidschi in seine
Dienste genommen, und das damalige lächerliche Verhalten des wilden
Häuptlings Kannena, dienten uns zur Warnung, von solchen Leuten für die
Lösung eines geographischen Problems eine Unterstützung zu erwarten.
Auch hatten wir ja eine hinreichende Zahl guter Matrosen bei uns, die
ganz unter unsern Befehlen standen. Konnten wir uns daher nur ein Canoe
verschaffen, so liess sich unseres Erachtens die Sache gut ausführen.
Nachdem wir uns also an Sayd bin Madschid gewandt, gestattete er uns in
freigebiger Weise sofort den Gebrauch seines Bootes zu jedem beliebigen
Zweck. Wir mietheten daher zwei Wadschidschiführer zu je zwei Doti und
trafen unsere Vorbereitungen, etwa eine Woche nach meiner Ankunft, aus
dem Hafen von Udschidschi abzureisen.
Ich habe schon mitgetheilt, weshalb Livingstone und ich die
Untersuchung der nördlichen Hälfte des Tanganika und des Flusses
Rusizi, über den so viel geschrieben und gesagt worden ist,
unternahmen.
Ehe wir uns einschifften, hatte sich Livingstone noch nicht definitiv
entschlossen, was er in seiner traurigen Lage thun solle. Seine
Dienerschaft bestand aus Susi, Dschumah, Hamoydah, Gardner und Halimah,
der Köchin, die mit Hamoydah verheirathet war. Zu diesen kam noch
Kaif-Halek, der Mensch, den ich gezwungen hatte, mich mit Livingstone’s
Briefen von Unyanyembé aus zu begleiten.
Wohin konnte sich Dr. Livingstone begeben mit diesen wenigen Leuten
und dem geringen Rest von Zeugen und Perlen, der ihm noch von dem
vom schwachköpfigen Scherif verschwendeten Vorrath übrig geblieben?
Das war eine schwer zu lösende Frage. Wäre Dr. Livingstone bei guter
Gesundheit gewesen, so hätte sie die ihm eigene Kühnheit und sein
unbezwinglicher Muth kurz beantwortet. Er hätte sich einiges Zeug von
Sayd bin Madschid, wenn auch zu einem enormen Preise, leihen können,
das ausgereicht hätte, ihn nach Unyanyembé und der Seeküste zu bringen.
Wie lange aber wäre er wol genöthigt gewesen, in Udschidschi zu bleiben
und auf die Waaren zu warten, die für ihn in Unyanyembé liegen sollten?
Wie lange wäre er von Erwartungen gefoltert worden, hätte er in der
täglichen Hoffnung auf das Ende des Krieges und die Ankunft seiner
Güter dort weilen müssen? Wer weiss, wie lange seine geschwächte
Gesundheit gegen die zahlreichen Enttäuschungen, die ihm bevorstanden,
Widerstand hätte leisten können?
Ich war so kühn, bei aller Dr. Livingstone’s grossen Erfahrungen als
Reisender gebührenden Hochachtung, ihm folgende Wege vorzuschlagen, von
denen er einen oder den andern annehmen konnte:
Erstens, nach Hause zu gehen und sich die so wohl verdiente Rast, der
er damals sehr zu bedürfen schien, zu gönnen.
Zweitens, nach Unyanyembé zu ziehen, dort seine Güter in Empfang zu
nehmen und hinreichend viel Pagazi zu miethen, um nach Manyuema oder
Rua zu reisen und das Nil-Problem, das seiner Meinung nach der Lösung
so nahe sei, zu erledigen.
Drittens, nach Unyanyembé zu gehen, dort seine Karavane in Empfang
zu nehmen, Leute zu miethen und sich mit Sir Samuel Baker zu
vereinigen, indem er nach Muanza marschirte und durch Ukerewe oder den
Victoria-Nyanza in meinen Booten bis nach Mtesa’s Palast in Uganda
segelte. Hierdurch würde er Mirambo und Swaruru von Usui vermeiden,
die ihn sonst auf dem gewöhnlichen Karavanenwege nach Uganda berauben
würden. Von Mtesa könnte er sich zu Kamrasi, dem König von Unyoro,
begeben, wo er jedenfalls etwas über den grossen Weissen erfahren
würde, der mit einer zahlreichen Mannschaft in Gondokoro sein sollte.
Viertens, nach Unyanyembé zu gehen, seine Karavane in Empfang zu
nehmen, Leute zu miethen und nach Udschidschi, sowie über Uguhha nach
Manyuema zurückzukehren.
Fünftens, über den Rusizi durch Ruanda und weiter nach Itara und Unyoro
zu Baker zu gehen.
Auf jeder dieser Touren, welche ihm auch als die zweckmässigste
erschiene, wollten ich und meine Leute ihm als Eskorte und Lastträger
nach besten Kräften beistehen. Wenn er die Heimfahrt wählte, so würde
ich stolz darauf sein, ihn zu begleiten und mich seinen Befehlen in
Bezug auf Marsch- und Rasttage vollständig zu unterwerfen.
Sechstens schlug ich ihm als letzten Ausweg vor, sich von mir bis
Unyanyembé begleiten zu lassen, wo er seine Waaren in Empfang nehmen,
von mir grosse Vorräthe des allerbesten Tuches, vorzüglicher Perlen,
Gewehre und Munition, Kochgeräthe, Kleider, Boote und Zelte erhalten
und sich in einem bequemen Hause ausruhen könne, während ich an
die Küste eilte, eine neue aus 50–60 treuen, gutbewaffneten Leuten
bestehende Expedition organisirte und ihm durch dieselbe neue Vorräthe
von erwünschten Genüssen in Gestalt von Naturalien zuschickte.
Nach langer Ueberlegung entschloss er sich, den letzten Weg
einzuschlagen, da dieser ihm der beste, am leichtesten auszuführende
zu sein schien, obwol er es nicht unterliess, sich über die
unverantwortliche Apathie seines Agenten in Zanzibar zu beklagen, die
ihm so viel Mühe, Verlegenheit und aufreibende Märsche von Hunderten
von Meilen verursacht hatte.
Unser Schiff, ein zwar nur schwankes, aus dem edeln Mvule-Baum Ugomas
ausgehöhltes Canoe, war eine afrikanische Argo, die auf eine edlere
Unternehmung als ihr berühmtes griechisches Vorbild ausging, denn wir
zogen nicht für schnöden Lohn nach einem goldenen Vlies aus, sondern
um womöglich eine Heerstrasse für den Handel zu entdecken, welche die
Schiffe vom Nil bis Udschidschi, Usowa und nach dem fernen Marungu
führen könne. Wir konnten nicht wissen, was wir alles auf der Reise
ans Nordende des Tanganika entdecken könnten, denn wir meinten, der
Rusizi sei ein Ausfluss des Tanganika, der nach dem Albert- oder
Victoria-Nyanza fliesse, da Eingeborene wie Araber uns sagten, der
Rusizi fliesse aus dem See heraus.
Sayd bin Madschid hatte behauptet, sein Nachen könne 25 Mann und 3500
Pfd. Elfenbein tragen. Auf diese Kunde hin schifften wir 25 Leute
ein, von denen mehrere sich Beutel mit Salz für den Handel mit den
Eingeborenen eingepackt hatten. Als wir aber vom Ufer bei Udschidschi
abstiessen, entdeckten wir, dass das Boot zu schwer beladen sei und bis
an den Hauptbalken einsank. Wir kehrten daher ans Ufer zurück, luden
sechs Leute und die Salzbeutel aus und behielten somit 16 Ruderer, den
jungen Araber Selim, den Koch Feradschi und zwei Wadschidschiführer bei
uns.
Nachdem wir so unser Boot in Ordnung gebracht, stiessen wir ab und
steuerten auf die Bangwe-Insel zu, die 4–5 Meilen von dem Bunder von
Udschidschi entfernt ist. Als wir dieselbe passirten, theilten uns
unsere Führer mit, die Araber und Wadschidschi hätten während eines vor
einigen Jahren stattgehabten Einfalls der Watuta, bei welchem diese
eine Menge Einwohner in Udschidschi massacrirten, auf dieser Insel
Schutz gesucht. Nur diejenigen, welche hierher geflohen waren, entkamen
dem Feuer und Schwert, mit dem die Watuta Udschidschi heimgesucht
hatten.
Nachdem wir an der Insel vorbeigefahren und den verschiedenen Biegungen
und Einschnitten des Ufers gefolgt waren, kamen wir in Sicht der
herrlichen Bai von Kigoma, die sofort als ausgezeichneter Hafen gegen
die auf dem Tanganika herrschenden sehr veränderlichen Winde sich
darstellt. Etwa um 10 Uhr vormittags fuhren wir ins Dorf Kigoma, da
der Ostwind sich gerade erhob und uns in den See zu treiben drohte. Von
Udschidschi nach Norden fahrende Reisende, die nicht sehr eilig sind,
benutzen stets Kigoma als ersten Hafen für ihre Boote.
Mit dem nächsten Morgengrauen brachen wir unser Zelt ab, legten das
Gepäck im Boot zurecht, kochten, tranken Kaffee und fuhren wieder
weiter nach Norden.
Der See war ganz ruhig, sein dunkelgrünes Wasser spiegelte den heitern
blauen Himmel wider. Flusspferde kamen in beunruhigende Nähe unseres
Nachens, um Luft zu schöpfen und tauchten die Köpfe wieder unter, als
ob sie mit uns Verstecken spielten. Als wir den hohen Waldhügeln von
Bemba gegenüber und eine Meile vom Ufer entfernt waren, hielten wir die
Gelegenheit für günstig, das Wasser zu sondiren, da die Farbe desselben
auf eine bedeutende Tiefe schliessen liess. Hier fanden wir, dass sie
35 Faden betrug.
An diesem Tage fuhren wir dicht am Ufer entlang, an welchem eine schön
bewaldete und von grünem Gras bekleidete Bergreihe sich sehr steil,
fast jählings in die Tiefe des Sees herabsenkte, sich unmittelbar
über uns thürmend und, als wir um die verschiedenen Vorgebirge und
Vorsprünge fuhren, grosse Erwartungen neuer, wunderbarer Bilder
erweckend, die sich unsern Blicken eröffnen würden, sobald die tiefen
Einschnitte vor uns lagen. Auch wurden wir nicht enttäuscht, denn die
Waldhügel mit ihren reichen schönbelaubten Bäumen, von denen viele aus
ihrem Blütenschmuck unbeschreiblich süsse Düfte entsandten, erhoben
ihre Häupter in mannichfaltigen Umrissen, hier als Pyramiden oder
abgestumpfte Kegel, dort tafelförmig oder in kirchendachähnlichen
Formen, dort wiederum als eine herrliche Masse mit glatten Umrissen
oder wilden gezackten Contouren und alles dies bildete einen höchst
interessanten Anblick. Die ausnehmend schönen Bilder am Ende der
verschiedenen Buchten entlockten uns manchen Ausruf der Bewunderung.
Bei mir war es sehr natürlich, dass ich die höchste Bewunderung für
diese Reihenfolge herrlicher Naturgemälde empfand; nicht minder aber
war dies auch bei Livingstone der Fall, obgleich man hätte annehmen
können, dass er, von viel schönern, wunderbarem derart gesättigt,
längst seinen Sinn für Naturschönheiten abgestumpft haben müsste.
Auf dem Wege von Bagamoyo nach Udschidschi hatte ich nichts gesehen,
was sich dem vergleichen liesse, nichts von diesen Fischeransiedlungen
unter dem Schatten von Palmen-, Platanen-, Bananen- und Mimosen-Hainen,
oder Cassavagärten rechts und links von Palmenwäldern oder Plätzchen
voll üppigen Korns, welche auf die ruhige Bucht niederschauten, deren
stille Wasser am frühen Morgen die Schönheit der Berge widerspiegelten,
die sie vor den tobenden, draussen wüthenden Stürmen schützten.
Offenbar glauben die Fischer sich in einer angenehmen Lage zu befinden.
Der See bietet ihnen so viele Fische, wie sie wollen, mehr, als sie zu
verzehren im Stande sind, sodass die Fleissigen viel verkaufen können.
Die steilen Abhänge der Hügel, welche die Frauen bearbeiten, erzeugen
viel Korn, z. B. Dourra und Mais neben Cassava, Erd- oder Erbsennüssen
und süssen Kartoffeln. Die Palmen geben Oel und die Platanen herrliches
Obst in reicher Menge. Die Schluchten und tiefen Gründe versehen sie
mit hohen stattlichen Bäumen, aus denen sie ihre Canoes schnitzen. Die
Natur hat sie mit allem aufs reichlichste versehen, was sich der Mensch
für Herz und Magen nur wünschen kann. Wenn man sich diese Scenen, die
sowol innerlich als äusserlich vollständig glücklich machen können,
ansieht, überfällt den Beschauer wol der Gedanke, wie diese Leute nach
der Heimat seufzen müssen, wenn sie, von den Arabern für ein paar Doti
erkauft, durch die traurige, zwischen diesem Lande und der Seeküste
liegende Wüste, nach Zanzibar gebracht werden, um dort Gewürznelken zu
lesen oder als Lastträger zu arbeiten!
Als wir in die Nähe von Niasanga, unserm zweiten Lagerort, kamen, trat
uns die Aehnlichkeit zwischen der Reihe malerischer Berge und Buchten
mit ihrer Weide- und Ackerbau-Landschaft und den Küsten des alten
Pontus lebhaft vor Augen. Wenige Minuten, ehe wir unser Boot ans Ufer
zogen, ereigneten sich zwei kleine Zwischenfälle. Ich schoss nämlich
einen sehr grossen Affen mit hundeähnlichem Gesicht, der von der
Schnauze bis zum Ende des Schwanzes 4 Fuss 9 Zoll mass. Sein Gesicht
war 8½ Zoll lang und er wog ungefähr 100 Pfund. Er hatte weder
eine Mähne noch einen Büschel am Ende seines Schwanzes, sein Körper
aber war von langem, borstigem Haar bedeckt. Wir sahen zahlreiche
Exemplare dieser Gattung, wie auch kleinere mit Katzenköpfen und langen
Schwänzen. Der zweite Vorfall war der Anblick einer grossen Eidechse
von etwa 2½ Fuss Länge, die in ihren Schlupfwinkel forthuschte, ehe
wir sie genau sehen konnten. Dr. Livingstone hielt sie für den Monitor
terrestris.
Unter einem Bananenbaume schlugen wir unser Lager auf. Unsere Umgebung
bestand aus dem jetzt dunkelgrauen Wasser des Tanganika, einem
amphitheatralischen Bergzuge und dem Dorfe Niasanga, das an der Mündung
des Flüsschens Niasanga liegt und von Palmenhainen, Platanendickichten
und kleinen Korn- und Cassavafeldern eingeschlossen ist. In der Nähe
unseres Zeltes befanden sich ungefähr ein halbes Dutzend grösserer
und kleinerer den Dorfbewohnern gehöriger Canoes. Unser Zelt blickte
auf die herrliche, von Lüftchen gefächelte Wasserebene, und in
der Ferne auf Ugoma, Ukaramba und die Insel Muzimu, deren Berge
und Höhenzüge tiefblau aussahen. Zu unsern Füssen befanden sich
reine, in kleine Reihen und Haufen angeschwemmte Kieselsteine. Eine
Untersuchung derselben offenbarte uns das Material der Berge, die
sich hinter uns zur Rechten und Linken erhoben. Es war Thonschiefer
und Conglomerat-Sandstein, harter weisser Lehm, ockerartiger Lehm,
der viel Eisen enthielt, glatter Quarz u. s. w. Wenn wir zu unserm
Zelt hinausblickten, konnten wir zu unsern beiden Seiten eine Reihe
dicker hoher Binsen sehen, die gleichsam eine Hecke zwischen dem
Ufer und dem Niasanga umgebenden bebauten Lande bildeten. Unter den
hier vorkommenden Vögeln waren am bemerkenswerthesten die muntern
Bachstelzen, die von den Eingeborenen als Friedensboten und von guter
Vorbedeutung angesehen werden, daher jeder Schade, den man ihnen
zufügt, sofort mit einer Strafe geahndet wird; sie bieten ja auch nur
Böswilligen eine Verlockung zur Gewaltthätigkeit dar. Bei unserer
Landung kamen sie uns entgegengeflogen und schwebten in der Luft vor
uns her, sodass wir sie leicht mit den Händen hätten ergreifen können.
Im übrigen kamen Krähen, Turteltauben, Fischhabichte, Königsfischer,
Ibis nigra und Ibis religiosa, Reiher, Gänse, Stossvögel, Reisvögel,
Meisen und Adler vor.
An diesem Ort litt Dr. Livingstone an Diarrhoe, was, wie er selbst
sagte, sein einziger schwacher Punkt ist; später fand ich, dass er sehr
häufig daran zu leiden hat. Jede Gemüthsbewegung oder Unregelmässigkeit
beim Essen zeigte sich bei ihm in dieser Weise. Bei mir fand gerade
das Umgekehrte statt. Wenn ich mich der Malaria aussetzte, in der
Nähe eines schädlichen Sumpfes campirte oder Gemüthsbewegungen hatte,
so bekam ich sofort sehr starke Verstopfung und bisweilen einen
Wechselfieberanfall.
Der dritte Tag unserer Reise auf dem Tanganika brachte uns nach dem
Fluss und Dorf Zassi, nachdem wir vier Stunden gerudert waren. An
unserm Wege erhoben sich die Berge 2000–2500 Fuss über dem Wasser
des Sees. Mir kam es vor, als ob die Landschaft bei jedem Schritt
malerischer und belebter würde, und ich hielt sie für viel lieblicher
als die Umgebung von Lake George oder am Hudson. Die traulichen
Plätzchen am Ende der Bucht mit ihren stets schönen Federpalmen und
breiten grünen Platanen geben wunderhübsche Bilder ab; sie sind alle
von Fischern in Besitz genommen, deren conische, bienenkorbförmige
Hütten aus dem Laube hervorblicken. Die Gestade sind sehr bevölkert und
jede Terrasse, jedes kleine Plateau und Stückchen ebenen Bodens ist
besetzt.
Zassi lässt sich leicht erkennen durch eine Gruppe kegelförmiger Hügel,
welche sich in der Nähe desselben erheben und Kirassi heissen. Ihnen
gegenüber, in einer Entfernung von ungefähr einer Meile vom Ufer,
sondirten wir und fanden eine Tiefe von 35 Faden wie am Tage vorher.
Eine Meile weiter konnte ich mit meinem 115 Faden langen Senkblei
keinen Grund finden. Als ich es zurückzog, riss die Leine und ich
verlor drei Viertel derselben mit dem Blei. Bei dieser Gelegenheit
erzählte mir Livingstone, er habe eine Stelle, dem hohen im Süden
von Udschidschi belegenen Kabogo gegenüber, sondirt und die grosse
Tiefe von 300 Faden erreicht. Auch er verlor dabei sein Blei und 100
Faden Leine, hatte aber noch ziemlich 900 Faden übrig, welche sich im
Boot befanden. Diese lange Lothleine hofften wir auf unserm Wege vom
östlichen nach dem westlichen Ufer des Sees benutzen zu können.
Am vierten Tage kamen wir in Nyabigma an, einer sandigen Insel in
Urundi. Wir hatten die Grenze zwischen Udschidschi und Urundi eine
halbe Stunde vor Nyabigma passirt. Der Mschala-Fluss wird von beiden
Nationen als die eigentliche Grenze angesehen, obgleich es einige
Warundi gibt, die über die Grenze hinaus in Udschidschi eingewandert
sind, z. B. der Mutware und die Dorfbewohner des volkreichen Kagunga,
das eine Stunde nördlich von Zassi liegt. Auch gibt es kleine
Abtheilungen von Wadschidschi, die das schöne Land in den Deltas der
Flüsse Kasokwe, Namusinga und Luaba benutzt haben, von denen die beiden
ersten in dieser Bucht, an deren Ende Nyabigma liegt, in den Tanganika
fliessen.
Aus Nyabigma kann man eine recht schöne Aussicht geniessen auf die
tiefe Bogenlinie der grossen Gebirgskette, die vom Cap Kazinga bis
an das Cap Kasofu, 20 bis 25 Meilen weit läuft. Diese grosse, theils
höckrige, theils kammartige, unregelmässige Gebirgslinie gibt eine
höchst imposante Scene ab. Tiefe Schluchten und Klüfte bieten den
zahlreichen, im Hintergrunde entspringenden Bächen und Flüssen Abfluss;
weisse Wölkchen umhüllen fast immer den Gipfel des Gebirgs. Vom Fusse
desselben erstreckt sich eine weite Alluvialebene, die über alle
Beschreibung reich an Palmen, Platanen und schotenreichen Bäumen ist.
Ueberall sieht man Dörfer in Gruppen. In diese Alluvialebene mündet
der Luaba- oder Ruaba-Fluss, nördlich vom Cap Kitunda, sowie die
Flüsse Kasokwe, Namusinga und Mschala auf der Südseite desselben. Die
sämmtlichen Deltas der Flüsse, die sich in den Tanganika ergiessen,
werden von allen Seiten von einem aus Matete, einer riesigen Grasart,
und Papyrus gebildeten Dickicht eingehegt. In einigen derselben, wie
z. B. denen des Luaba und Kasokwe, haben sich Moräste gebildet, in
denen das Matete- und Papyrusdickicht undurchdringlich ist. In ihrem
Innern befinden sich stille, tiefe Pfützen, die von verschiedenen
Wasservögeln, wie z. B. Gänsen, Enten, Schnepfen, Speckenten,
Königsfischern, Ibissen, Kranichen, Störchen und Pelikanen bewohnt
sind. Ihren Aufenthaltsort zu erreichen ist jedoch für den auf Wild
ausgehenden Jäger sehr schwer und oft sowol wegen der verrätherischen
Natur dieser Moräste mit grosser Gefahr verbunden, als auch wegen
der schrecklichen Fieberanfälle, die in diesen Gegenden immer auf
Durchnässung der Füsse und Kleider erfolgen, bedenklich.
In Nyabigma bereiteten wir uns durch Austheilung von zehn Patronen
an jeden unserer Leute auf einen Kampf mit den zwei Stationen
weiter wohnenden Warundi für den Fall vor, dass sie uns durch ein
zu naseweises Zurschautragen ihres Vorurtheils gegen Fremde dazu
veranlassen sollten.
Mit dem Morgengrauen des fünften Tages verliessen wir den Hafen der
Insel Nyabigma und befanden uns in nicht ganz einer Stunde auf der Höhe
von Cap Kitunda. Dies ist eine ebene Platte von Conglomerat-Sandstein,
die sich etwa acht Meilen vom Fusse der grossen Gebirgscurve
erhebt, die dem Luaba und seinen Nachbarströmen den Ursprung gibt.
Wir setzten über die tiefe Bai, an deren Ende das Delta des Luaba
liegt und gelangten an das Vorgebirge Kasofu. In seiner Umgegend
liegen zahlreiche Dörfer. Von hier aus erblickten wir eine Reihe von
Vorgebirgen oder Spitzen, nämlich Kigongo, Katunga und Buguluka, die
wir alle passirten, ehe wir in der schönen Gegend von Mukungu halt
machten.
In Mukungu, wo wir am fünften Tage weilten, wurde uns Honga oder Tribut
abverlangt. Das Tuch und die Perlen, von denen wir während unserer
Fahrt auf dem See lebten, gehörte mir; da Dr. Livingstone aber der
ältere, erfahrenere und wichtigste Mann unserer Gesellschaft war, lag
es ihm ob, alle solche Anforderungen zu erledigen. Wie oft hatte ich
mich nicht dieser langwierigen, peinvollen Aufgabe des Tributzahlens
unterziehen müssen! Ich war daher sehr neugierig zu sehen, wie der
grosse Reisende dies Geschäft abmachen würde.
Der Mateko (der Rangstufe nach weniger als ein Mutware) von Mukungu
forderte uns 2½ Doti ab. So viel betrug die an uns bald nach
Eintritt der Dunkelheit gestellte Forderung. Der Doctor fragte darauf,
ob für uns nichts mitgebracht worden sei und erhielt zur Antwort:
Nein, es sei jetzt zu spät, um irgendetwas zu bekommen; wenn wir
aber den Tribut bezahlten, so sei der Mateko bereit, uns bei unserer
Rückreise etwas zu geben. Hierüber lächelte Livingstone und sagte dem
ihm gegenüberstehenden Mateko: „Wenn Ihr uns jetzt nichts geben könnt
und so lange warten wollt, bis wir zurückkehren, so werden auch wir
mit dem Honga bis dahin warten.“ Hierüber war der Mateko überrascht
und protestirte gegen diesen Vorschlag. Wir bemerkten nun, dass er
verdriesslich geworden und drangen in ihn, uns ein Schaf, ein einziges,
kleines Schaf zu bringen, da unser Magen fast leer sei und wir mehr
als einen halben Tag darauf gewartet hätten. Dieses Ersuchen ward
auch von Erfolg gekrönt, denn der alte Mann eilte fort und brachte
uns ein Lamm sowie einen Topf von zwölf Liter süsses, aber starkes
Zogga (Palmweinpunsch), und dafür zahlte ihm Livingstone 2½ Doti
Tuch. Das Lamm wurde geschlachtet und da wir bei guter Verdauung
waren, bekam uns sein Fleisch sehr gut, doch hatten wir die Wirkungen
des Zogga zu bedauern. Susi nämlich, der unschätzbare Diener Dr.
Livingstone’s, und Bombay, der Führer meiner Karavane, waren mit der
Bewachung unseres Canoes betraut; da sie aber zu viel von diesem
berauschenden Punsch getrunken, schliefen sie sehr fest, und am Morgen
hatten wir den Verlust mehrer werthvoller, unentbehrlicher Gegenstände
zu bedauern, unter denen ich Livingstone’s 900 Faden lange Senkleine,
500 Stück Nadel-, Reifen- und Hohl-Patronen für meine Gewehre und 90
mir gleichfalls gehörige Musketenkugeln nenne. Ausser diesen uns gegen
die feindlichen Warundi unentbehrlichen Dingen war ein grosser Sack
Mehl und des Doctors ganzer Vorrath an weissem Zucker gestohlen. Dies
war das dritte mal, dass mein Verlass auf Bombay mir einen bedeutenden
Verlust verursachte und zum neunundneunzigsten mal hatte ich es bitter
zu bereuen, so unbedingtes Vertrauen auf das ihm von Speke und Grant
gezollte grosse Lob gesetzt zu haben. Nur die unwissenden Dieben
eigene Furcht hatte die Wilden daran verhindert, das ganze Boot mit
allem Inhalt zu nehmen und Bombay sowie Susi zu Sklaven zu machen. Ich
kann mir lebhaft die freudige Ueberraschung der Wilden vorstellen beim
Anblick und vortrefflichen Geschmack des Livingstone’schen Zuckers,
sowie die Verwunderung, mit der sie die merkwürdige Munition der
Wasungu betrachtet haben müssen. Hoffentlich haben sie sich nicht mit
den explodirenden Kugeln und gereiften Patronen aus Unwissenheit über
ihren tödlichen Inhalt Schaden gethan, sonst wäre der Kasten und sein
Inhalt eine wirkliche Pandorabüchse für sie geworden.
Ueber unsern Verlust sehr misgelaunt setzten wir am sechsten Tage zur
gewohnten Stunde unsere Wasserreise fort. Wir fuhren dicht an den
niedrigen Landspitzen, die von den Flüssen Kigwena, Kikumu und Kisunwe
gebildet werden, vorüber und steuerten, sobald eine Bucht interessant
aussah, ihren Einschnitten nach. Während unserer Wasserreise brachte
uns jeder Tag ähnliche Bilder. Zur Rechten erhoben sich die Gebirge von
Urundi, die uns hin und wieder die Schluchten zeigten, durch welche die
verschiedenen Flüsse und Bäche in den See traten. Am Fusse derselben
lagen die Alluvialebenen, wo die Oelpalme und liebliche Platane
blühten, unter deren Schatten Dutzende von Dörfern gruppirt waren. Hin
und wieder kamen wir an langen, schmalen Streifen von kiesigem oder
sandigem Uferlande vorbei, auf denen Marktplätze für den Fischverkauf
und die Stapelproducte der verschiedenen Gemeinden improvisirt waren.
Dann zogen wir an breiten Morästen vorüber, die durch die zahlreichen,
aus den Bergen kommenden Bäche gebildet werden und auf denen Matete und
Papyrus wuchert. Bald reichten die Berge mit ihren steilen Wänden dicht
ans Wasser, bald traten sie in tiefen Einschnitten zurück, an deren
Fuss eine Alluvialebene von einer Breite von 1–8 Meilen bestimmt zu
sehen war. Fortwährend erblickte man Canoes, die dicht an der Brandung
herfuhren und furchtlos der Möglichkeit einer Katastrophe Trotz boten,
wie sie z. B. durch Umschlagen der Boote und Verspeisen der Bemannung
von gefrässigen Krokodilen herbeigeführt werden könnte. Bisweilen
zeigte sich uns ein Boot in geringer Entfernung vor uns, worauf unsere
Leute, vom Chorgesang ermuntert, sich aufs äusserste anstrengten,
es einzuholen. Wenn die Eingeborenen unsere Anstrengungen sahen, so
verdoppelten auch sie die ihrigen und gaben zugleich, indem sie beim
Rudern ganz nackt dastanden, reiche Gelegenheit, vergleichende Anatomie
zu treiben. Dann wiederum sahen wir eine Gruppe Fischer, die in puris
naturalibus faul dalagen und mit neugierigen Blicken die an ihnen
vorbeifahrenden Nachen verfolgten. Ein anderes mal fuhren wir an einer
Canoeflottille vorbei, deren Besitzer ruhig in ihren Hütten sassen und
fleissig Haken und Ruthen anwandten oder ihre Netze auswarfen, oder
an Leuten, die ihre langen Schleppnetze dicht am Ufer für einen Zug
vorbereiteten. An einem andern Orte befanden sich furchtlos im Wasser
spielende Kinder, deren Mütter unter dem Schatten eines Baumes mit
Vergnügen zuschauten, woraus ich den Schluss zog, dass es in dem See,
ausser in der Nachbarschaft der grossen Flüsse, nicht viel Krokodile
gibt.
Nachdem wir die niedrige Landspitze von Kisunwe, die durch den
Kisunwe-Fluss gebildet wird, umfahren hatten, kamen wir in Sicht des
ungefähr 4–5 Meilen entfernten Cap Murembwe. Das dazwischen liegende
Land ist ein flaches, sandiges, kieshaltiges Ufer. In der unmittelbaren
Nähe desselben befinden sich Dörfer zu Dutzenden und das belebte Ufer
zeigt die dichte Bevölkerung dieser Gegend an.
Ungefähr auf halbem Wege zwischen dem Cap Kisunwe und Murembwe befindet
sich ein Haufen von Dörfern, der Bikari heisst und einen Mutware hat,
der gewohnt ist, Honga zu nehmen. Da es uns unmöglich gemacht war, es
auf längere Zeit mit einer feindlich gesinnten Gemeinde aufzunehmen,
so vermieden wir alle Ortschaften, welche bei den Wadschidschi in
bösem Rufe stehen. Doch selbst unsere Wadschidschiführer befanden sich
bisweilen im Irrthum und führten uns mehr als einmal an gefährliche
Orte. Offenbar hatten sie nichts dagegen, in Bikari halt zu machen, da
es der zweite Lagerplatz von Mukungu ist; denn ihnen war das Halten
im kühlen Schatten von Platanen dem Holzpuppen gleichen Sitzen in
einem schwanken Canoe unendlich lieber. Ehe sie uns aber ihre Gründe
auseinandersetzten, rief uns das Volk von Bikari mit lauter Stimme ans
Ufer und bedrohte uns mit der Rache des grossen Wami, wenn wir nicht
halt machten. Da diese Stimmen durchaus nicht sirenenhaft klangen, so
verweigerten wir es hartnäckig, ihrer Aufforderung nachzukommen. Als
jene ihre Drohungen als erfolglos erkannten, nahmen sie ihre Zuflucht
zu Steinen und bewarfen uns mit denselben in eindringlichster Weise.
Da ein Stein nur ein Fuss weit von meinem Arme vorbeiflog, so schlug
ich vor, dass man ihnen dafür eine Kugel in die unmittelbare Nähe
ihrer Füsse entsenden solle; Livingstone sagte zwar nichts dagegen,
zeigte jedoch deutlich, dass er dies nicht ganz billige. Da uns
diese Feindseligkeiten durchaus nicht angenehm waren und wir Zeichen
derselben fast bei jedem Dorfe, an dem wir vorüberkamen, erblickten, so
reisten wir weiter, bis wir nach der Spitze von Murembwe kamen, welches
als Delta des gleichnamigen Flusses durch breites Dornendickicht,
stachliges Rohr und dichte Buchen- und Papyrusbüsche so gut geschützt
war, dass der kühnste Mrundi wol vor einem Angriffe zurückschrecken
musste, namentlich wenn er daran dachte, dass sich jenseits dieses
unwirthbaren Morastes die Gewehre von Fremdlingen befanden, die seine
Leute in so roher Weise herausgefordert hatten. Wir zogen unsere
Canoes ans Ufer und unser stets bereiter Koch Feradschi zündete auf
einem kleinen Fleck reinen Sandes ein Feuer an und kochte uns einen
prächtigen Mokkakaffee. Trotz der uns noch drohenden Gefahr waren wir
sehr glücklich und würzten unser Mahl mit etwas Moralphilosophie, die
uns unbewusst zu höhern Wesen machte, als die uns umgebenden Heiden,
auf die wir jetzt, unter dem Einfluss des Mokka und der Philosophie,
mit ruhiger Verachtung, die nicht ohne einen gewissen Grad von Mitleid
war, hinabblickten. Der Doctor erzählte einiges aus seinem Leben unter
ähnlich gesinnten Völkerschaften, unterliess es aber nicht, mit der
Weisheit eines erfahrenen Mannes, solche Vorkommnisse dem unklugen
Verhalten der Araber und Mischlinge zuzuschreiben. In dieser Ansicht
stimmte ich rückhaltlos mit ihm überein.
Von der Murembwe-Spitze setzten wir nach Beendigung unseres
Kaffeegenusses und des Gesprächs über Moral unsere Reise fort und
steuerten auf Cap Sentakeyi los, welches wir, obwol es 8–10 Meilen
entfernt ist, doch bis zur Dunkelheit zu erreichen hofften. Die
Wangwana ruderten mit Macht; doch schon waren zehn Stunden verflossen
und die Nacht kam heran und wir befanden uns noch immer sehr weit von
Sentakeyi. Da es eine schöne Mondnacht und wir uns unserer gefährlichen
Lage sehr wohl bewusst waren, so gingen sie darauf ein, noch ein paar
Stunden weiter zu rudern. Ungefähr um 8 Uhr abends ruderten wir an
einen verlassenen Fleck am Ufer, auf eine reine Sandbank, die etwa
30 Fuss lang und 10 Fuss breit war, von der sich eine Lehmwand 10–12
Fuss in die Höhe hob, während auf jeder Seite verwitterte Felsenmassen
herumlagen. Hier konnten wir uns unseres Erachtens durch stilles
Verhalten der Beobachtung und darausfolgenden Belästigungen auf
einige Stunden entziehen und darauf, nachdem wir ausgeruht, unsere
Reise fortsetzen. Unser Theekessel kochte und die Leute hatten sich
ein kleines Feuer angezündet und ihre irdenen Töpfe mit Wasser zum
Grützekochen gefüllt, als unsere Späher dunkle Gestalten unserm Bivouak
zukriechen sahen. Nachdem wir sie angerufen, kamen sie sofort hervor
und begrüssten uns mit der Formel der Eingeborenen „Wake“. Unsere
Führer erklärten ihnen, dass wir Wangwana seien, bis zum Morgen dort
zu campiren gedächten und, wenn sie etwas zu verkaufen hätten, uns
freuen würden, mit ihnen am folgenden Tage in Handelsbeziehungen
zu treten. Nach ihren Aeusserungen waren sie hierüber hocherfreut
und entfernten sich, nachdem sie noch ein paar Worte gewechselt
und versprochen hatten, am nächsten Morgen mit Nahrungsmitteln
wiederzukehren und Freundschaft mit uns zu schliessen; wir hatten
wohl bemerkt, wie sie genaue Beobachtungen in Bezug auf unser Lager
machten. Als wir den Thee tranken, liessen uns unsere Späher wissen,
dass sich wieder ein Trupp uns nähere, der in derselben Weise wie der
erste uns begrüsste und aufmerksam beobachtete. Auch dieser entfernte
sich in äusserst freudiger Stimmung, wie mir schien, und nach kurzer
Zeit kam noch eine dritte Partie, welche es wie die frühern machte.
Aus alle dem schlossen wir, dass die Neuigkeit sich rasch durch das
Dorf verbreite. Auch hatten wir bemerkt, wie zwei Canoes mit mehr
als gewöhnlicher und nöthiger Eile hin und zurück fuhren. Wir hatten
guten Grund, argwöhnisch zu sein, denn es ist nicht gewöhnlich, dass
sich die Bewohner der Länder zwischen Udschidschi und Zanzibar nach
Eintritt der Dunkelheit unter irgendeinem Vorwand besuchen oder
begrüssen. Nach Eintritt der Dunkelheit ist es niemand gestattet,
um das Lager herumzuschleichen, ohne dass man auf ihn schiesst; und
dieses Hin- und Hergehen, diese demonstrativen Freudenbezeugungen bei
der Ankunft einiger Wangwana, einem Ereigniss, das in vielen Theilen
von Urundi als etwas ganz gewöhnliches angesehen worden wäre, war sehr
verdächtig. Während Livingstone und ich zu dem Schlusse kamen, dass
diese Bewegungen doch wol Feindseligkeiten bedeuteten, kam eine vierte
sehr laute und lärmende Abtheilung an und besuchte uns. Jetzt war unser
Abendessen beendet und wir hielten es nun für hohe Zeit, zu handeln.
Nachdem der vierte Besuch sich unter übermässigen Freudenbezeugungen
entfernt hatte, schickten wir unsere Leute rasch ins Boot und nachdem
wir alle, mit Einschluss der Wachen, Platz genommen, stiessen wir
vom Lande ab, aber auch nicht einen Augenblick zu früh. Als nämlich
das Canoe in dem herrschenden Zwielicht vorwärtsglitt, machte ich
den Doctor auf mehrere dunkle Gestalten aufmerksam, von denen sich
einige hinter zur Rechten liegenden Felsen verbargen, andere darüber
hinwegkrochen, um bessere Positionen zu gewinnen. Gleichzeitig kamen
von der Linken Leute in derselben verdächtigen Weise heran und alsbald
rief uns eine Stimme von der Höhe der Lehmbank an, die über unsern
eben verlassenen Ruheplatz hinüberragte. „Das war nett gemacht!“
rief Livingstone, als wir durchs Wasser schossen und die getäuschten
Räuber hinter uns liessen. Hier wurde ich wiederum durch die blosse
Anwesenheit des Doctors daran verhindert, ein paar gutgezielte Schüsse
in die Menge hineinzusenden, um sie davor zu warnen, in Zukunft Fremde
zu belästigen, weil ich dachte, dieser werde, wenn es nothwendig sei,
nicht zögern, den Befehl dazu zu ertheilen.
Nachdem wir noch sechs Stunden gerudert und in der Zeit um Cap
Sentakeyi gekommen waren, hielten wir an dem kleinen Fischerdorf
Mugeyo, wo man uns unbelästigt schlafen liess. Mit dem Morgengrauen
setzten wir unsere Reise fort und kamen ungefähr 8 Uhr morgens im
Dorfe des freundlichen Mutware von Magala an. Wir hatten 18 Stunden
nacheinander gerudert, was im Verhältniss von 2½ Meilen in der
Stunde 45 engl. Meilen ausmachte. Bei der Aufnahme, die wir vom
Lager am Cap Magala, einem der hervorragendsten Punkte im Norden von
Udschidschi, von der Gegend machten, fanden wir, dass die grosse Insel
Muzimu, die wir immer seit unserer Umfahrt um Cap Bangwe, unweit
Udschidschi-Bunder, gesehen hatten, eine südsüdwestliche Richtung
habe und dass das westliche Ufer sich bedeutend dem östlichen nähere.
Die Breite des Sees betrug an diesem Punkte etwa 8–10 Meilen. Wir
hatten einen schönen Blick auf die westlichen Hochlande, welche
durchschnittlich 3000 Fuss über dem See zu liegen schienen. Der etwas
nach Norden und Westen von Magala sich erhebende Luhanga-Pic konnte
etwa 500 Fuss höher und der nördlich vom Luhanga liegende Sumburizi,
wo Mruta, der Sultan von Uvira, dem Lande, das diesem Theile von
Urundi gegenüberliegt, lebt, etwa 300 Fuss höher als die benachbarten
Höhen sein. Nördlich vom Cap Magala zieht sich der See zwischen zwei
Gebirgsketten hin, die beide an einem ungefähr 30 Meilen nördlich von
uns belegenen Punkte zusammenstossen.
Die Warundi von Magala waren sehr höflich und gafften uns gründlich an.
Sie sammelten sich um die Zeltthür und beobachteten uns hartnäckig, als
ob wir Gegenstände des höchsten Interesses seien, die jedoch leicht auf
immer plötzlich verschwinden könnten. Der Mutware kam in grossem Staat,
spät am Nachmittag, um uns zu besuchen. Es war ein junger Mensch,
der mir in der Menge der Gaffer durch sein stattliches Aussehen und
seine schönen Zähne, die er, weil er das Lachen sehr liebte, beständig
zeigte, aufgefallen war. Man konnte ihn nicht verkennen, obwol er jetzt
mit vielen Elfenbeinzierathen, Halsbändern und schweren Messingringen
um Hand- und Fussgelenk geschmückt war. Die Werthschätzung, die wir
für ihn an den Tag legten, erwiderte er und gab uns für zwei Doti
Tuch und ein Fundo Samsam ein schönes fettes breitschwänziges Schaf und
einen Topf Milch. Beides war in unserer Lage ausserordentlich annehmbar.
[Illustration: HALT IN MAGALA IN URUNDI.