II. S. 10.]

In jener Nacht wurden wir ungefähr um 11 Uhr durch das Gebrüll

eines Löwen dicht am Lager aufgeschreckt. Bald kam noch einer und

schliesslich ein dritter hinzu, und die Neuheit der Sache hielt

mich wach. Ich spähte durch die Pforte des Lagers und versuchte ein

gezogenes Gewehr, nämlich meine kleine Winchester-Flinte, auf deren

Genauigkeit ich grosses Vertrauen setzte, gegen ein Thier zu richten;

doch war es schade um die Patronen; sie hätten ebensogut mit Sägespänen

gefüllt sein können, so wenig nützte mir mein Schiessen. Mismuthig über

die elende Munition liess ich die Löwen allein und kehrte auf mein

Lager zurück, wo ich von ihrem Brüllen in Schlaf gewiegt wurde.

Das Thal des durchsichtigen Mtambu, dieses irdische Paradies des

Jägers, vertauschten wir am nächsten Morgen mit der den Wakawendi als

Imrera’s Kolonie bekannten Ansiedlung, doch kam uns dies jetzt nach

jener schönen Gegend wie eine Wüste vor. Das Dorf, in dessen Nähe wir

unser Lager aufschlugen, hiess Itaga und lag im District von Rusawa.

Sowie wir den Fluss Mtambu überschritten hatten, traten wir in Ukawendi

ein, das gewöhnlich von den Eingebornen des Landes Kawendi genannt wird.

Der Bezirk Rusawa ist dichtbevölkert. Das Volk ist ruhig und Fremden

freundlich gesinnt, obgleich nur wenige aus der Ferne diese Gegenden

besuchen. Ein paar Waswahilihändler kommen zwar fast jedes Jahr aus

Pumburu und Usowa hierher; da aber von diesem Volk sehr wenig Elfenbein

zu erlangen ist, so schreckt die grosse Entfernung zwischen den

verschiedenen Ansiedlungen den regelmässigen Händler davon ab, sich

soweit zu wagen.

Wenn Karavanen hier ankommen, so ist der Bezirk Pumburu ihr Zielpunkt,

welcher einen guten Tagesmarsch oder gegen 30 engl. Meilen südwestlich

von Imrera liegt; oder sie ziehen nach Usowa am Tanganika, über

Pumburu, Katuma, Uyombeh und Ugarawah. Usowa ist ein ganz wichtiger,

bevölkerter und blühender Bezirk am Tanganika. Diesen Weg hatten wir,

nachdem wir Imrera verlassen, eigentlich einzuschlagen beabsichtigt,

doch verboten uns die am letzteren Ort uns zugekommenen Gerüchte ein

solches Wagniss. Denn der Sultan von Usowa, Mapunda, der zwar ein

grosser Freund arabischer Händler ist, befand sich im Kriege mit der

Kolonie der Wazavira, welche wie wir uns erinnern, von Mpokwa und

dessen Umgegend in Utanda vertrieben worden waren und sich zwischen

Pumburu und Usowa niedergelassen haben sollten.

Als kluge, vorsichtige Leute, die eine grosse und werthvolle Expedition

zu hüten hatten, mussten wir uns darüber entscheiden, was zu thun und

welche Route einzuschlagen sei, da wir jetzt weit näher an Udschidschi

als an Unyanyembé waren. Ich schlug vor, wir sollten, dem Compass

nach, den directen Weg an den Tanganika einschlagen und ohne uns einem

bestimmten Weg oder Führer anzuvertrauen, gerade westlich ziehen, bis

wir an den Tanganika kämen, und dann dem Seeufer bis nach Udschidschi

folgen. Denn in meinem Geist spukte stets die Vorstellung, dass Dr.

Livingstone, wenn er von meiner Ankunft höre, was ja möglich war, falls

ich einen bekannten Weg einschlug, Udschidschi verlassen und meine

Expedition infolge dessen ihm stets nachziehen würde, ohne ihn zu

erreichen. Doch hielten meine bewandertsten Leute es für besser, dass

wir kühn nordwärts ziehen und an den Malagarazi marschiren sollten,

der ein grosser von Osten her in den Tanganika fliessender Fluss sein

sollte. Keiner meiner Leute jedoch kannte den Weg nach dem Malagarazi,

auch konnten wir keinen Führer von dem Sultan Imrera miethen. Man sagte

uns aber, der Malagarazi sei nur zwei Tagemärsche von Imrera entfernt.

In diesem Falle hielt ich es für gerathen, meine Leute mit Vorräthen

auf drei Tage zu versehen.

Das Dorf Itaga liegt in einer tiefen Bergschlucht und überblickt eine

ausgedehnte bebaute Fläche. Die Leute ziehen süsse Kartoffeln, Maniok,

-- aus dem Tapioka gemacht wird, -- Bohnen und den Holcus. Weder für

Geld noch gute Worte konnten wir ein einziges Hühnchen kaufen, sondern

waren nur im Stande, uns Korn und ein mageres, vor längerer Zeit aus

Uvinza importirtes Exemplar einer Ziege zu verschaffen.

Des 25. Octobers werde ich mich stets als eines sorgenvollen Tages

erinnern; denn mit ihm trat eine Reihe von Fatalitäten ein. Um Zutritt

zu dem Hochplateau, welches das Thal von Imrera westlich und nördlich

begrenzt, zu erlangen, zogen wir einen nach Osten führenden Weg. Nach

einem Marsch von 2½ Stunden campirten wir am Fusse desselben. Der

Pass versprach einen bequemen Aufgang auf den Gipfel des Hochlands, das

sich in einer Reihe von Abhängen tausend Fuss über dem Thale Imrera

erhob.

Meine Leute gaben mir zu verstehen, dass sie einen Tag in diesem Lager

halt machen wollten, um sich aus Imrera weitere Erkundigungen in

Betreff des Charakters des zwischen uns und dem Malagarazi liegenden

Landes zu verschaffen. Das war natürlich Unsinn, da ich schon einen Tag

in Imrera gehalten und die Führer mich dort bewogen hatten, diesen Weg

einzuschlagen, weil sie angeblich von Eingeborenen schon zuverlässige

Nachrichten über das Land erhalten hatten. Ich dachte an den Rathschlag

des Generals Andrew Jackson, den er einem jungen Freunde ertheilte,

welcher so lautete: „Sehen Sie wohl zu, ehe Sie etwas unternehmen, aber

wenn Sie sich entschlossen haben, es zu thun, thun Sie es sofort und

blicken Sie nie rückwärts“, -- und gerade das beabsichtigte ich zu thun.

Gegen Abend schoss einer meiner Leute einen Büffel, und dieser kleine

Umstand wurde wieder die Veranlassung zu Streit und bösen Worten.

Dem Büffel gelang es nämlich in ein Dickicht zu entkommen, wo man

ihn sicher am nächsten Morgen als Leiche gefunden hätte. Mehrere von

meinen gefrässigen und faulen Leuten baten mich, nun nur noch einen

Tag zu halten, damit sie sich durch Fleisch stärken könnten. „Nicht

eine Stunde nach dem morgenden Sonnenaufgang“, antwortete ich. Sofort

erscholl allgemein das Geschrei: „Kein “Poscho„“, d. h. Essen. „Ihr

habt Nahrungsmittel für drei Tage bei Euch“, erwiderte ich, „aber wenn

Ihr mehr wünscht, so ist Tuch hier. Geht und kauft Euch etwas.“

Als ich ihnen aber auftrug, sich ins Dorf zu begeben, um Einkäufe zu

machen, schützten sie sämmtlich zu grosse Ermüdung vor, bestanden

jedoch darauf, dass ich verpflichtet sei, noch einen Tag halt zu

machen, denn selbst wenn sie Korn kauften, so müsste dasselbe doch

gemahlen werden, ehe sie es verzehren könnten. Die verwöhnten Burschen

blieben lange bei diesem Raisonnement, aber ich war unerbittlich. Die

ganze Nacht über debattirten sie über die Schritte, die sie zu thun

hätten, um mich zum Halten zu bewegen. Ich hatte es jedoch Bombay

und Mabruki schon verboten, sich mit einer derartigen Bitte an mich

zu wenden, indem ich ihnen für solchen Fall eine gehörige Strafe in

Aussicht stellte, und Bombay erinnerte sich der von Speke erhaltenen

schrecklichen Bestrafung zu gut, um eine Wiederholung derselben zu

wünschen.

Am nächsten Morgen erliess ich bei Sonnenaufgang den Marschbefehl in

möglichst strengem, unnachgiebigem Tone, wodurch eine jede Anspielung

auf ein ferneres Halten ausgeschlossen war. Sie waren zwar sehr

verdriesslich und zur Rebellion geneigt, da ihnen aber nichts mehr

übrig blieb, was sie als Grund hätten anführen können, kamen sie

schliesslich, wenn auch widerwillig, meinem Befehl nach, und als wir in

unserm Lager am Ursprung des Rugufu-Flusses angekommen waren, hatten

die Leute den fetten Büffel vergessen und waren in ausgezeichneter

Stimmung.

Als wir jenen hohen Gebirgsbogen, welcher westlich und nördlich das

Becken von Imrera begrenzt, bestiegen, boten sich uns ausgedehnte

Aussichten nach Süden und Osten dar. Der Charakter der Landschaft

von Ukawendi ist stets belebt und malerisch, aber nie erhaben. Die

Einschnitte dieser Höhenkette enthalten verschiedene Ruinen von Bomas,

die während der Kriegszeit erbaut zu sein schienen.

Auf diesem Marsch war die Mbembufrucht sehr reichlich vorhanden und

da ich hinter meinen Leuten herzog, konnte ich fortwährend sehen, wie

sich diese eiligst einen Vorrath von den auf dem Boden herumliegenden

Früchten einsammelten.

Kurz ehe ich das Lager erreichte, hatte ich auf einen Leoparden

geschossen, ohne dass es mir gelungen wäre, ihn zu erlegen, da er

fortsprang. Zur Nacht brüllten die Löwen wie am Mtambu-Fluss.

Ein ziemlich langer Marsch im dunkeln Schatten eines grossen Waldes,

der uns vor den heissen Sonnenstrahlen schützte, brachte mich am

nächsten Tage an ein vor kurzem von Arabern aus Udschidschi erbautes

Lager, die so weit auf ihrem Wege nach Unyanyembé gekommen, aber durch

die Gerüchte über den zwischen Mirambo und den Arabern wüthenden Krieg

erschreckt, von hier zurückgekehrt waren. Unsere Route zog sich dem

rechten Ufer des breiten, trägen Rugufu-Flusses entlang, der von Rohr,

Binsen und Papyrus fast verstopft wird. Büffelspuren fanden sich

überall zahlreich vor, auch hatten wir einige Anzeichen für die Nähe

des Rhinozeros. In einer dichten Baumgruppe nahe am Fluss entdeckten

wir eine Colonie bärtiger, löwenartig aussehender Affen.

Als wir am Morgen des 28. im Begriff waren, das Lager zu verlassen,

spazirte eine Heerde Büffel bedächtig in Sicht. Sofort wurde völlige

Stille unter uns hergestellt, doch nicht, bevor die Thiere zu ihrem

grossen Erstaunen die ihnen drohende Gefahr entdeckt hatten. Als wir

anfingen, sie zu stellen, hörten wir alsbald das donnernde Geräusch

ihres Gallopirens, wonach es allerdings eine unnütze Aufgabe ist, ihnen

zu folgen auf einem langen Marsch in die Wüste.

An diesem Tage führte der Weg über grosse Lagen Sandstein und Eisenerz.

Das Wasser war abscheulich und spärlich und der Hunger fing an, uns

ernstlich zu bedrohen. Wir waren bereits sechs Stunden lang unterwegs

und hatten noch nirgends ein Zeichen von Cultur entdeckt. Nach meiner

Karte befanden wir uns noch zwei lange Märsche vom Malagarazi, wenn

Kapitän Burton die Lage dieses Flusses richtig bezeichnet hatte; nach

den Berichten der Eingeborenen hätten wir denselben an diesem Tage

erreichen müssen.

Am 29. verliessen wir unser Lager und befanden uns nach wenigen Minuten

vor der erhabensten aber wildesten Landschaft, die wir bisher in Afrika

gesehen hatten. Das Land war nach allen Richtungen von tiefen, wilden,

engen Schluchten durchschnitten, die sich überall hin, meist aber nach

Nordwesten zogen, und zu beiden Seiten erhoben sich enorme viereckige

Massen nackter Felsen (Sandstein), die theils rund und hochaufgethürmt,

theils pyramidal, theils in kreisförmigen Bergketten mit scharfem,

rauhem, kahlem Grat in die Höhe stiegen. Nirgends war viel Vegetation

sichtbar, ausser wo sie ein spärliches Unterkommen in der gespaltenen

Krone eines riesigen Berggipfels fand, wo sich etwas Erdreich gesammelt

hatte, oder am Fusse der röthlichen Ockerabhänge, die sich überall

steil vor unserm Blick erhoben.

Wir hatten eine lange Reihe von Felsrinnen hinabzusteigen, wo wir von

drohenden Massen verwitternden Gesteins umgeben waren, bis wir an

eine trockene, steinige Schlucht kamen, wo Berge von einigen tausend

Fuss Höhe sich über uns emporthürmten. Dieser Schlucht, die sich

nach allen Richtungen hin wand, allmählich aber zu einer weiten sich

nach Westen hinziehenden Ebene erweiterte, folgten wir. Der Weg, der

von hier weiter führte, ging über einen niedrigen Kamm nach Norden

und wir erblickten verlassene Ansiedlungen, deren Dörfer auf dichter

aussehenden, burgartigen Felsmassen erbaut waren. In der Nähe eines

steil aufsteigenden Felsens von mehr als 70 Fuss Höhe und etwa 50 Meter

Durchmesser, der die benachbarte riesenhafte Sykomore wie einen Zwerg

erscheinen liess, schlugen wir nach einem anhaltenden und raschen

Marsch von 5½ Stunden unser Lager auf.

Die Leute waren sehr hungrig; sie hatten jedes Stückchen Fleisch und

jede Spur von Korn, die sie besassen, vor 20 Stunden aufgegessen, und

eine sofortige Aussicht auf Nahrungsmittel war nicht vorhanden. Mir

waren nur 1½ Pfund Mehl geblieben, und diese Quantität hätte nicht

ausgereicht, um damit anzufangen, eine Truppe von mehr als 45 Leuten zu

nähren; ich hatte aber noch ungefähr 30 Pfund Thee und 20 Pfund Zucker,

und sobald wir im Lager ankamen, liess ich jeden Kessel füllen und aufs

Feuer setzen, und für alle Thee bereiten, indem ich einem jeden ein

Quart dieses heissen, angenehmen, gut versüssten Getränks gab. Einige

meiner Leute stahlen sich auch in die Tiefen des Dickichts, um wildes

Obst zu suchen, und kehrten alsbald mit Körben voll Waldpfirsich und

Tamarinden zurück, welche ihnen, obwol sie nicht sättigten, doch einen

Genuss boten. Ehe wir uns an jenem Abend zu Bett begaben, begannen die

Wangwana ein lautes, an Allah gerichtetes Gebet um Nahrungsmittel.

Zeitig am Morgen erhoben wir uns mit dem Entschluss, weiter zu reisen,

bis wir uns Nahrungsmittel verschaffen konnten, oder vor Strapazen und

Schwäche umfielen. Spuren von Rhinoceros und Büffeln waren reichlich

vorhanden, doch sahen wir kein lebendes Wesen. Wir zogen über eine

Menge kurzer Abhänge, kamen häufig in die Abgründe trockner, steiniger

Rinnen, und schliesslich in ein Thal, das auf der einen Seite von einem

dreieckigen Hügel mit steilen Seitenwänden, und auf der andern von

einer kühnen Gruppe von drei Bergen begrenzt war. Als wir dies Thal

hinabmarschirten, das bald sein trocknes, dürres Aussehen mit einem

lebhaften Grün vertauschte, erblickten wir in der Ferne einen Wald und

befanden uns bald in Kornfeldern. Gierig schauten wir nach einem Dorfe

aus und entdeckten ein solches auf dem Gipfel des hohen dreieckigen,

zu unserer Rechten befindlichen Berges. Bei dieser Entdeckung erhob

sich ein lautes Freudengeschrei, die Leute warfen ihre Lasten ab und

fingen an nach Nahrungsmitteln zu rufen. Ich ersuchte Freiwillige,

vorzutreten, um Zeug mitzunehmen und die Höhen zu erklimmen, um

Victualien um jeden Preis aus dem Dorfe zu bekommen. Während drei oder

vier danach ausgingen, ruhten wir ganz ermattet auf dem Boden aus.

In etwa einer Stunde kehrte unser Fouragecommando mit der erfreulichen

Nachricht zurück, dass Nahrungsmittel reichlich vorhanden seien. Das

Dorf, das wir sahen, hiess „Welled Nzogera’s“, des Sohnes von Nzogera;

dies liess uns erkennen, dass wir uns in Uvinza befanden, da Nzogera

der erste Häuptling von Uvinza ist. Ferner theilten sie uns mit, der

Vater Nzogera führe Krieg mit Lokanda-Mira wegen einiger im Thale des

Malagarazi belegenen Salzgruben und es werde infolge dessen schwer

sein, auf dem gewöhnlichen Wege nach Udschidschi zu ziehen; doch sei

der Sohn von Nzogera gegen Entschädigung bereit, uns mit Führern zu

versehen, die uns sicher auf einem nördlichen Wege nach Udschidschi

bringen könnten.

Da sich unsere Aussichten gut gestalteten, lagerten wir, um die

reichlichen Vorräthe zu geniessen, für welche unsere Mühen und

Entbehrungen während des Durchschreitens der Ukawendi-Wälder und

-Dickichte uns gut vorbereitet hatten.

Dann fing eine diplomatische Verhandlung an in Bezug auf die Quantität

und Qualität der Tuche, die der Sohn von Nzogera gewöhnlich von den

Reisenden verlangte. Es gelang uns, seine Anforderungen von 10 auf

7½ Doti Merikani und Kaniki herabzudrücken und uns die Führer, die

wir zu haben wünschten, zu verschaffen.

Nachstehend gebe ich einen Auszug aus meinem Marschtagebuch, da

ich ohne seine Hülfe es für unmöglich halte, unsere verschiedenen

Erlebnisse detaillirt zu erzählen, sodass man sie in ihrer Reihenfolge

gehörig überblickt, und da diese Auszüge am Schlusse eines jeden Tages

niedergeschrieben wurden, so besitzen sie, nach meiner Ansicht, mehr

Interesse als eine kühle Erzählung von Thatsachen, die jetzt durch die

Erinnerung abgeschwächt sind.

31. October, Dienstag. Lager im Dickicht. Richtung des Weges Nord zu

Ost. Zeit des Marsches 4 Stunden 15 Minuten.

Nachdem wir den Fuss des dreieckigen Berges verlassen hatten, auf

welchem der Sohn von Nzogera seine Veste gebaut hat, führte uns eine

lange Zeit unser Weg ostnordöstlich, um einen tiefen, unpassirbaren

Sumpf zu vermeiden, der sich zwischen uns und dem geraden Wege nach dem

Malagarazi-Flusse befand. Das Thal neigte sich rasch in diesen Sumpf

hinab, welcher in seine breite Fläche das Wasser von drei ausgedehnten

Bergzügen aufnahm. Alsbald kehrten wir nach Nordwesten und bereiteten

uns darauf vor, über den Morast zu ziehen. Als wir an seinem rechten

Ufer hielten, theilten uns die Führer eine furchtbare Katastrophe mit,

welche sich wenige Schritt oberhalb der Stelle, wo wir hinüberziehen

wollten, ereignet hatte. Sie erzählten nämlich von einem Araber und

seiner aus 35 Sklaven bestehenden Karavane, die plötzlich versunken

und nie wieder gesehen worden sei. Dieser Sumpf bot scheinbar eine

Breite von einigen hundert Meter dar und es wuchs ein dichtes aus

Gras und vielen verwesten Stoffen bestehendes Netzwerk darüber.

In seiner Mitte und unter diesem Grase lief ein breiter, tiefer,

reissender Fluss. Meine Leute schlichen den voranziehenden Führern mit

vorsichtigen Tritten nach. Als wir uns der Mitte näherten, sahen wir

die unsichere, von der Natur so sonderbar gebildete Grasbrücke sich in

schweren, langsamen Wellenlinien, dem Wogen des Meeres nach einem Sturm

vergleichbar auf und ab bewegen. Wo die beiden Esel unserer Expedition

gingen, erhoben sich die Graswellen einen Fuss hoch und plötzlich

stürzte einer derselben so unglücklich mit den Füssen durch, dass er

ausser Stande war aufzustehen, und die entstandene grosse Vertiefung

füllte sich alsbald mit Wasser. Mit Hülfe von zehn Leuten gelang es

uns jedoch, ihn wieder herauszuheben und auf einen festeren Punkt zu

bringen. So kam denn die ganze Karavane, indem sie die beiden Thiere

rasch weiter führte, ohne Unfall hinüber.

Als wir auf der andern Seite anlangten, schlugen wir uns nach Norden

und kamen in ein herrliches, in jeder Beziehung für den Ackerbau

geeignetes Land. Grosse Felsen erhoben sich hier und da; doch wuchsen

in den Spalten derselben stattliche Bäume, unter deren Schatten die

Dörfer der Bewohner versteckt lagen. Hier wurde die grosse Gier

verschiedener Dorfältesten nach Tuch durch die Anwesenheit des Jüngern

Sohns Nzogera’s im Zaum gehalten. Ziegen und Schafe waren merkwürdig

billig und in gutem Zustande, und folglich liess ich, um unsere Ankunft

in der Nähe des Malagarazi zu feiern, eine Heerde von acht Ziegen

schlachten und an meine Leute vertheilen.

1. November. Nachdem wir unser Lager verlassen, zogen wir nach

Nordwesten und erblickten, als wir einen Bergabhang hinabstiegen,

bald den ängstlich ersehnten Malagarazi, einen schmalen, aber tiefen

Fluss, der durch ein von hohen Gebirgen eingeschlossenes Thal fliesst.

Fischfressende Vögel sassen in Reihen auf den am Ufer befindlichen

Bäumen; links herum lagen Dörfer ziemlich dicht aneinander.

Nahrungsmittel waren reichlich und billig.

Nachdem wir das linke Ufer des Flusses einige Meilen entlang gereist

waren, kamen wir zu den Ansiedelungen, welche Kiala als ihren

Beherrscher anerkennen. Ich hatte angenommen, dass wir sofort über den

Fluss setzen könnten, doch erhoben sich Schwierigkeiten. Man sagte uns,

wir müssten unser Lager aufschlagen, ehe man sich auf Unterhandlungen

einlassen könne. Als wir dagegen protestirten, sagte man uns, wir

konnten über den Fluss setzen, wenn wir wollten, doch werde uns kein

Mvinza dabei helfen.

Da wir gezwungen waren, an diesem Tage halt zu machen, wurde das

Lager in der Mitte eines der Dörfer aufgeschlagen und die Ballen in

einer Hütte aufgespeichert, wo vier Soldaten sie bewachten. Nachdem

eine Gesandtschaft an Kiala, den ältesten Sohn des grossen Häuptlings

Nzogera abgeschickt worden war, um ihn um Erlaubniss zu bitten, als

friedliche Karavane den Fluss überschreiten zu dürfen, liess uns Kiala

wissen, der Weisse könne seinen Fluss überschreiten, nachdem er 50

Tücher bezahlt habe. 56 Tücher bedeutete fast einen ganzen Ballen!

Hier gab es also eine neue Gelegenheit, diplomatisch zu verfahren.

Ich bevollmächtigte daher Bombay und Asmani mit Kiala über das Honga

zu verhandeln; es sollte aber nicht mehr als 25 Doti betragen. Um 6

Uhr abends kehrten die beiden Leute, nachdem sie sieben Stunden lang

unterhandelt hatten, mit dem Verlangen zurück, dass Nzogera dreizehn

und Kiala zehn Doti erhalten müsse. Der arme Bombay war heiser, Asmani

jedoch lächelte noch immer, und ich gab nach und gratulirte mir,

dass die unverschämte Anforderung, die sich als eigentliche Räuberei

kennzeichnete, nicht schlimmer ausgefallen war.

Drei Stunden später kam noch eine Forderung. Kiala hatte Besuch von

einigen Häuptlingen seines Vaters erhalten, und als diese erfuhren,

dass ein Weisser sich an der Fähre befände, verlangten sie einige

Flinten und ein Fässchen Schiesspulver. Hier jedoch war meine Geduld

erschöpft, und ich erklärte ihnen, sie müssten es mit Gewalt nehmen,

denn ich werde mich nie in dieser Weise berauben lassen.

Bis 11 Uhr abends verhandelten Bombay und Asmani über diese

Extraforderung, raisonnirten, zankten und tobten, bis Bombay erklärte,

sie würden ihn durch ihr Schwatzen verrückt machen, wenn es noch viel

länger dauerte. Ich befahl Bombay, zwei Tuche, für jeden Häuptling

eins, mitzunehmen, und wenn sie das nicht für ausreichend hielten,

würde ich mich mit ihnen in einen Kampf einlassen. Das Geschenk wurde

angenommen, und die Unterhandlungen endigten um Mitternacht.

2. November. Ihata-Insel, 1½ Stunde westlich Von Kiala’s Behausung.

Um 5 Uhr nachmittags kamen wir vor die auf dem linken Ufer des

Malagarazi belegene Insel Ihata, nachdem der Morgen in kindischem

Geschwätz mit dem Besitzer der Nachen an der Fähre verschwendet

worden. Die schliessliche Forderung für das Uebersetzen betrug 8 Meter

Zeug und 4 Fundo[1] Sami-Sami oder rothe Perlen. Dies wurde sofort

bezahlt. Hierauf liess er vier Leute mit ihren Lasten in dem kleinen,

unförmlichen, schwanken Nachen übersetzen. Als die Bootsleute die

Passagiere und Lasten ausgesetzt hatten, erhielten sie den Befehl, auf

der andern Seite zu bleiben, und er kam abermals mit einer Forderung.

Die Fährleute hatten gefunden, dass zwei Fundo Perlen zu kurzes Maass

hätten und dass noch zwei Fundo bezahlt werden müssten, sonst würde der

Vertrag wegen des Uebersetzens als null und nichtig angesehen werden.

Also rückten wir noch zwei Fundo heraus, doch nicht ohne zu protestiren

und zu schwatzen, wie es in diesen Ländern nöthig ist.

Dreimal gingen die Nachen hin und zurück, und wiederum kam eine

Forderung mit dem gewöhnlichen Geschrei und wüthendem Wortstreit.

Diesmal sollten es fünf Khete[2] für den Mann sein, der uns an die

Fähre führte, eine Schukka Tuch für einen Schwätzer, der sich an den

altweibischen Dschumah gemacht hatte und nichts that als eben schwatzen

und den Lärm vermehren. Auch diese Forderungen wurden bewilligt.

Gegen Sonnenuntergang versuchten wir, die Esel überzusetzen. Simba,

ein schöner Kinyamwezi-Esel ging zuerst mit einem Strick um den Hals

hinein; als er aber in der Mitte des Stromes angelangt war, sahen wir,

wie er sich sträubte -- ein Krokodil hatte ihn an der Kehle gepackt.

Die Kämpfe des armen Thieres waren entsetzlich. Tschaupereh zog mit

aller Kraft an dem Strick, aber es war nutzlos, denn der Esel sank und

wir sahen ihn nicht mehr. Die Tiefe des Flusses ist an dieser Stelle

ungefähr 15 Fuss. Wir hatten die hellbraunen Köpfe, glänzenden Augen

und kammartigen Rücken in der Nähe gesehen, aber nicht geglaubt, dass

die Reptilien einer so aufregenden Scene sich nähern würden, wie sie

die Fähre während der Ueberfahrt darbot. Etwas betrübt über diesen

Verlust nahmen wir unsere Arbeit wieder auf und waren um 7 Uhr alle mit

Ausnahme von Bombay und dem einzigen uns jetzt noch übrig gebliebenen

Esel drüben, welcher am Morgen hinübergebracht werden sollte, wenn die

Krokodile den Fluss verlassen hätten.

3. November. Welche Zankereien haben wir in diesen letzten drei

Tagen erlebt! Welche Angst haben wir seit unserer Ankunft in Uvinza

ausgestanden! Die Wawinza sind schlimmer als die Wagogo und ihre

Habgier ist noch unersättlicher. Wir bekamen den Esel mit Hülfe eines

Mganga oder eines Medizinmannes hinüber, welcher ihn mit einigen

gekauten Blättern eines nahe am Strome über ihm wachsenden Baumes

bespie. Er theilte mir mit, er könne den Fluss zu jeder Stunde des

Tages oder der Nacht überschreiten, nachdem er seinen Körper mit diesen

gekauten Blättern eingerieben hätte, welche er für eine sehr wirksame

Medizin hielt.

Um 10 Uhr vormittags erschien aus der Richtung von Udschidschi eine

Karavane von 80 Waguhha, einem Stamme, der einen Landstrich auf der

südwestlichen Seite des Sees Tanganika bewohnt. Wir erkundigten uns

nach Neuigkeiten und erfuhren, dass ein Weisser gerade aus Manyuema

in Udschidschi angekommen sei. Diese Nachricht setzte uns alle in

Erstaunen.

„Ein Weisser?“ fragten wir.

„Ja, ein Weiser,“ lautete die Antwort.

„Wie ist er angezogen?“

„Wie der Herr,“ erwiderten sie auf mich deutend.

„Ist er jung oder alt?“

„Er ist alt; hat weisses Haar auf dem Gesicht und ist krank.“

„Von wo ist er hergekommen?“

„Aus einem weit hinter Uguhha liegenden, Manyuema genannten Lande.“

„Wirklich? Und hält er sich jetzt in Udschidschi auf?“

„Ja, wir haben ihn vor ungefähr acht Tagen gesehen.“

„Glaubt Ihr, dass er dort bleiben wird, bis wir ankommen?“

„Sigue“ (das wissen wir nicht).

„Ist er schon früher in Udschidschi gewesen?“

„Ja, er hat es vor langer Zeit verlassen.“

Hurrah, das ist Livingstone! Das muss er sein! Es kann kein anderer

sein; aber doch, vielleicht ist es doch ein anderer, irgendjemand von

der Westküste, oder vielleicht Baker! Nein, Baker hat kein weisses Haar

auf dem Gesicht. Aber jetzt müssen wir rasch marschiren, damit er nicht

hört, dass wir im Anzuge sind, und wegläuft.

Ich hielt eine Anrede an meine Leute, fragte sie, ob sie bereit seien,

ohne jeden Aufenthalt nach Udschidschi zu marschiren, und versprach

einem jeden von ihnen darauf, wenn sie auf meine Wünsche eingingen,

zwei Doti zu geben. Alle bejahten die Frage und waren fast ebenso

erfreut wie ich selbst. Ich aber war geradezu toll vor Freude und

ungemein darauf begierig, die brennende Frage zu lösen: „Ist dies Dr.

David Livingstone?“ Gott gebe mir Geduld, ich wünschte aber doch, es

gäbe in diesem Lande eine Eisenbahn oder wenigstens Pferde; denn mit

einem Pferde könnte ich Udschidschi in ungefähr zwölf Stunden erreichen.

Wir brachen sofort von den Ufern des Malagarazi auf, von zwei Führern

begleitet, die uns Usenge, der alte Fährmann, verschafft hatte, der

sich jetzt, wo wir hinüber waren, sehr liebenswürdig gegen uns erwies.

Nach einem Marsche von etwas mehr als einer Stunde kamen wir im Dorf

Isinga, des Sultans Katalambula, an. Die Salzebene, die wir dabei

durchschritten, wird weiterhin im Innern fruchtbar. Nachdem wir uns

gelagert, erhielten wir die Warnung, der Marsch am nächsten Tage sei

mit Vorsicht zu machen, da eine Bande Wavinza unter Makumbi, einem

grossen Häuptling Nzogera’s, vom Kriege zurückkäme, und Makumbi sei

gewöhnt, nach einem Siege nichts zurückzulassen. Vom Erfolg berauscht

greife er selbst die Dörfer seines eigenen Stammes an und mache

alles Lebende, Sklaven sowie Vieh, zu Gefangenen. Die Folgen einer

einmonatlichen Campagne gegen Lokanda-Mira sei die Zerstörung von zwei

Dörfern, das Tödten eines Kindes jenes Häuptlings und das Niedermetzeln

mehrerer Leute gewesen. Makumbi habe auch fünf Leute durch den Durst

verloren, den sie bei ihrem Uebergang über eine südlich vom Malagarazi

belegene Salzwüste erlitten hätten.

4. November. Mit grosser Vorsicht und unter tiefem Schweigen früh

aufgebrochen. Ich schickte die Führer voraus und zwar den einen 200

Schritt vor dem andern, damit sie uns beizeiten benachrichtigen

könnten. Der erste Theil des Marsches ging durch dünnes Gestrüpp von

Zwergbäumen, das immer dünner und dünner wurde, bis es schliesslich

ganz und gar verschwand. Nun hatten wir Uhha, ein flaches Land,

betreten. Unter den hohen gebleichten Stengeln von Dourra und Mais

waren Dörfer zu Dutzenden zu erblicken. Manchmal bildeten drei,

manchmal fünf, zehn bis zwanzig bienenkorbförmige Hütten ein Dorf.

Die Wahha lebten offenbar in völliger Sicherheit, denn kein einziges

ihrer Dörfer war von den gewöhnlichen Vertheidigungsmitteln eines

afrikanischen Dorfes umgeben. Ein schmaler, trockener Graben bildete

die einzige Grenze zwischen Uhha und Uvinza. Nachdem wir Uhha betreten,

war alle Gefahr vor Makumbi verschwunden.

In Kawanga hielten wir, und der Häuptling des Orts verlor keine Zeit,

uns zu verständigen, dass er der grosse Mutware von Kimenyi unter dem

König und der Zolleinnehmer für Seine Kiha-Majestät sei. Er erklärte,

er sei der einzige in Kimenyi, einem östlichen District von Uhha, der

Tribut verlangen könne, und es sei ihm sehr lieb und uns selbst eine

Ersparniss an Mühe, wenn wir seine Forderung von 12 Doti guten Tuchs

sofort abmachten. Das hielten wir jedoch nicht für das beste Verfahren,

da uns der Charakter der Afrikaner bekannt war. Wir fingen also sofort

an, diese Forderung zu verkleinern. Nach sechsstündigem heissen Reden

reducirte der Mutware dieselbe jedoch nur um zwei Doti. Hierauf wurde

sie denn in Ordnung gebracht unter der Abmachung, dass wir durch Uhha

bis an den Rusugi-Fluss reisen dürften, ohne weiter etwas bezahlen zu

müssen.

5. November. Nachdem wir Kawanga früh am Morgen verlassen und unsern

Marsch über die weiten Ebenen, die von der heissen Aequatorsonne

weissgedörrt waren, fortgesetzt hatten, zogen wir nach Westen voll

angenehmer Ahnungen, dass wir uns dem Ende unserer Mühen näherten, und

froh darüber, dass wir in fünf Tagen den Mann erblicken sollten, um

dessen willen ich aus so fernen civilisirten Ländern und durch so viele

Beschwerlichkeiten gekommen war. Wir waren im Begriff, eine Gruppe

von Dörfern zu passiren mit dem vollen Vertrauen von Leuten, an die

niemand weiter eine Forderung hat, als ich zwei Männer aus einer Schar

Eingeborener, die uns beobachtete, hervorspringen und an die Spitze der

Expedition heranlaufen sah, offenbar in der Absicht, unser Weiterziehen

zu verhindern.

Die Karavane hielt an und ich trat vor, um die Sache der beiden

Eingeborenen zu untersuchen. Ich wurde von beiden Wahha mit den

gewöhnlichen Yambos höflich begrüsst und dann gefragt:

„Warum zieht der Weisse durch das Dorf des Königs von Uhha ohne Gruss

und Gabe? Weiss der Weisse etwa nicht, dass ein König in Uhha lebt, dem

die Wangwana und Araber etwas für das Recht des Durchzuges bezahlen?“

„Wie? Wir haben ja gestern Abend den Häuptling von Kawanga bezahlt, der

uns mitgetheilt hat, er sei der Beamte, der den Zoll für den König von

Uhha einzunehmen habe.“

„Wie viel habt Ihr bezahlt?“

„Zehn Doti gutes Tuch.“

„Bestimmt?“

„Ganz bestimmt. Wenn Ihr ihn fragt, so wird er es Euch sagen.“

„Gut,“ sagte einer der Wahha, ein schöner, stattlicher, intelligent

aussehender Jüngling; „es ist unsere Pflicht gegen den König, Euch hier

aufzuhalten, bis wir die Wahrheit ermitteln. Wollt Ihr in unser Dorf

spazieren und Euch unter dem Schatten unserer Bäume ausruhen, bis wir

Boten nach Kawanga senden können?“

„Nein, die Sonne ist schon eine Stunde am Himmel und wir haben noch

weit zu reisen. Aber um Euch zu beweisen, dass wir nicht durch Euer

Land zu ziehen suchen, ohne das zu thun, was Rechtens ist, wollen wir

dableiben, wo wir jetzt sind, und Euern Boten zwei oder drei Soldaten

als Begleiter mitgeben, die Euch den Mann zeigen sollen, dem wir das

Tuch bezahlt haben.“

Die Boten zogen fort. Mittlerweile aber flüsterte der stattliche

Jüngling, der sich als ein Neffe des Königs auswies, einem jüngern

Menschen einen Befehl ins Ohr. Dieser eilte sofort mit der

Schnelligkeit einer Antilope in die Dörfergruppe, bei der wir eben

vorbeigezogen waren. Als Folge dieses Auftrags sahen wir bald eine

Truppe von ungefähr 50 Kriegern, die von einem langgewachsenen,

stattlichen Manne geführt wurde, auf uns zukommen. Er war mit einem

scharlachnen, Dschoho genannten Gewande bekleidet, dessen beide Enden

in einen Knoten über der linken Schulter zusammengebunden waren. Ein

Stück neue amerikanische Leinwand war wie ein Turban um seinen Kopf

gefaltet und ein grosses gekrümmtes Stück Elfenbein hing ihm um den

Hals. Er und seine Leute waren sämmtlich mit Speeren, Bogen und Pfeilen

bewaffnet und ihre Annäherung zeichnete sich durch eine überlegte Ruhe

aus, die unbedingtes Vertrauen auf jeden etwaigen Ausgang an den Tag

legte.

Auf der Ostseite des Pombwe-Flusses in der Nähe des Dorfes Lukomo in

Kimenyi in Uhha wurde uns Halt geboten.

Der prächtig gekleidete Häuptling war seinem Aussehen nach ein

merkwürdiger Mensch. Sein Gesicht war oval, mit hohen Backenknochen,

tief eingesunkenen Augen, einer vorragenden, kühnen Stirn, schöner Nase

und wohlgeformtem Munde. Er war schlank von Gestalt und ebenmässig

gebaut.

Als er sich uns genähert, begrüsste er mich in ganz herzlichem Tone mit

den Worten:

„Yambo bana?“ Wie geht es Euch, Herr?

Ich erwiderte ihm gleichfalls herzlich: „Yambo mutware?“ Wie geht es

Euch, Häuptling?

Ich und meine Leute wechselten solche Yambos auch mit den Kriegern

aus, und in unserer ersten Bekanntschaft war nichts, was einen

feindlichen Charakter angedeutet hätte.

Der Häuptling setzte sich mit untergeschlagenen Beinen und legte Bogen

und Pfeile an seine Seite; dasselbe thaten seine Leute.

Ich setzte mich auf einen Ballen und jeder meiner Leute auf seine Last,

wodurch ein Halbkreis gebildet wurde. Die Wahha waren etwas zahlreicher

als wir, aber während sie nur mit Bogen und Pfeilen, Speeren und

Knopfstöcken versehen waren, hatten wir Flinten, Musketen, Revolver,

Pistolen und Beile.

Wir sassen alle und tiefes Schweigen wurde von der Versammlung

beobachtet. Die grossen Ebenen um uns waren an diesem hellen Mittag

so still, als ob sie von allen lebenden Wesen verlassen wären. Darauf

sprach der Häuptling:

„Ich bin Mionvu, der grosse Mutware von Kimenyi, und der nächste nach

dem Könige, der dort wohnt,“ auf ein grosses, etwa zehn Meilen nach

Norden an nackten Bergen belegenes Dorf zeigend, „und bin hierher

gekommen, um mit dem Weissen zu sprechen. Es ist stets Sitte der Araber

und Wangwana gewesen, dem Könige, wenn sie durch dieses Land ziehen,

ein Geschenk darzubringen. Beabsichtigt der Weisse nicht, dem Könige

die Gebühren zu zahlen? Warum macht der Weisse halt am Wege? Warum will

er nicht das Dorf Lukomo betreten, wo Nahrungsmittel sind und Schatten

ist, wo wir die Dinge ruhig besprechen können? Gedenkt der Weisse zu

kämpfen? Ich weiss wohl, dass er stärker ist als wir. Seine Leute haben

Flinten und die Wahha haben nur Bogen, Pfeile und Speere; aber Uhha

ist gross und wir haben viele Dörfer. Möge er überall um sich blicken;

alles ist Uhha; unser Land dehnt sich viel weiter, als er an einem Tage

überblicken und durchschreiten kann. Der König von Uhha ist stark;

dennoch wünscht er die Freundschaft des Weissen. Will der Weisse Krieg

oder Frieden haben?“

Dumpfes Beifallsmurmeln folgte dieser Rede Mionvu’s von Seiten seiner

Leute und eine gewisse ungemüthliche Misbilligung seitens der meinigen.

Als ich im Begriff stand, ihm zu antworten, kamen mir die Worte

des General Sherman, die ich ihn gegen die Häuptlinge der Arapahoes

und Cheyennes im Jahre 1867 bei North Platte aussprechen hörte, ins

Gedächtniss zurück und ich legte in meiner Antwort an Mionvu, den

Mutware von Kimenyi, einigermassen denselben Geist an den Tag.

„Mionvu, der grosse Mutware, fragt mich, ob ich zum Kriege hergekommen

sei. Wann hat Mionvu je gehört, dass weisse Leute gegen Schwarze

kämpfen? Mionvu muss wissen, dass die Weissen sich von den Schwarzen

unterscheiden. Die Weissen verlassen weder ihr Land, um die Schwarzen

zu bekämpfen, noch kommen sie, um Elfenbein oder Sklaven zu kaufen,

sondern sie kommen her, um Flüsse, Seen und Berge aufzusuchen; um zu

erfahren, was für Länder, Völker, Flüsse, Seen, Wälder, Ebenen, Berge

und Gebirge in Euerm Lande sind; um die verschiedenen Thiere kennen

zu lernen, die in dem Lande der Schwarzen wohnen, damit sie, wenn sie

heimziehen, den weissen Königen, Männern und Kindern sagen können,

was sie in dem so fernen Lande gesehen und gehört haben. Die Weissen

unterscheiden sich von den Arabern und Wangwana, denn sie wissen

alles und sind sehr stark. Wenn sie kämpfen, so laufen die Araber und

Wangwana davon. Wir haben grosse Kanonen, welche donnern, und wenn sie

schiessen, so erzittert die Erde. Wir haben Geschütze, welche Kugeln

weiter tragen, als Ihr sehen könnt. Selbst mit diesen kleinen Dingern

(auf meine Revolver weisend) könnte ich zehn Leute schneller tödten,

als Ihr zählen könnt. Wir sind stärker, als die Wahha -- Mionvu hat

die Wahrheit gesagt --, trotzdem wünschen wir nicht, zu kämpfen. Ich

könnte jetzt Mionvu tödten, dennoch spreche ich mit ihm als Freund. Ich

wünsche, mit Mionvu und allen Schwarzen befreundet zu bleiben. Will mir

nun Mionvu sagen, was ich für ihn thun kann?“

Als diese Worte ihm unvollständig, wie ich vermuthe, aber doch

verständlich übersetzt wurden, zeigten die Gesichter der Wahha, wie

sehr sie dieselben zu würdigen wussten. Ein- oder zweimal glaube ich,

dass ich etwas wie Furcht in ihnen las, aber meine Versicherungen,

dass ich Frieden und Freundschaft mit ihnen haben wolle, verscheuchte

alsbald alle derartigen Empfindungen.

Mionvu erwiderte:

„Der Weisse sagt mir, dass er uns freundlich gesinnt sei. Warum kommt

er dann aber nicht in unser Dorf? Warum bleibt er am Wege? Die Sonne

ist heiss, Mionvu will hier nicht mehr sprechen. Wenn der Weisse ein

Freund ist, so wird er in unser Dorf kommen.“

„Jetzt müssen wir halten. Es ist Mittag. Ihr habt unsern Marsch

unterbrochen. Wir wollen also in Euerm Dorfe campiren,“ sagte ich,

indem ich aufstand und meine Leute anwies, ihre Lasten aufzunehmen.

So waren wir zum Bleiben gezwungen; es half nichts; die Boten waren

noch nicht von Kawanga zurückgekehrt. Als wir im Dorfe angekommen,

hatte sich Mionvu der Länge nach in den spärlichen Schatten geworfen,

den einige innerhalb des Boma stehende Bäume gewährten. Ungefähr um 2

Uhr nachmittags kehrten die Boten heim und sagten, es sei wahr, dass

der Häuptling von Kawanga zehn Tücher genommen habe, aber nicht für den

König von Uhha, sondern für sich selbst!

Mionvu, der offenbar scharfsinnig war und genau wusste, was er wollte,

erhob sich jetzt und fing an, kleine Bündel aus je zehn dünnen

Rohrstöckchen zu machen, und bald darauf überreichte er mir zehn dieser

kleinen Bündel, die zusammen 100 Rohrstöcke enthielten, mit den Worten:

Jeder Stab stelle ein Tuch vor, und das vom Könige Uhha verlangte Honga

betrage mithin +einhundert Tücher+! Fast zwei Ballen!

Nachdem wir uns von unserm fast unbeschreiblichen Erstaunen erholt,

boten wir ihm zehn an.

„Zehn Stück für den König von Uhha! Unmöglich! Ihr werdet Euch nicht

eher von Lukowo fortrühren, bis Ihr uns hundert bezahlt habt!“ rief

Mionvu in bedeutsamer Weise.

Ich antwortete ihm nicht, sondern ging in meine Hütte, die Mionvu

für mich eingerichtet hatte, und lud Bombay, Asmani, Mabruki und

Tschaupereh ein, sich mit mir zu berathen. Als ich sie fragte, ob wir

uns nicht durch Uhha kämpfend durchschlagen könnten, bekamen sie einen

gewaltigen Schreck, und Bombay bat mich flehend, mir wohl zu überlegen,

was ich thun wolle, da es ganz unnütz sei, sich mit den Wahha in einen

Krieg einzulassen.

„Ganz Uhha ist ein flaches Land, wir können uns nirgends darin

verstecken. Jedes Dorf um uns herum wird sich erheben, und wie können

45 Menschen mit Tausenden kämpfen? Sie würden uns alle in ein paar

Minuten tödten, und wie könnten Sie nach Udschidschi kommen, wenn Sie

todt wären? Bedenken Sie das, mein lieber Herr, und werfen Sie Ihr

Leben nicht für ein paar Tuchlappen fort.“

„Gut, Bombay; das ist aber Räuberei. Sollen wir uns dem unterwerfen?

Sollen wir diesem Kerl alles geben, was er verlangt? Er könnte mir

ebenso gut alles Tuch und alle Flinten abverlangen, wenn wir ihm nicht

zeigen, dass wir im Stande sind, gegen ihn zu kämpfen. Ich kann Mionvu

und seine bedeutendsten Leute selbst tödten und Ihr könnt alle diese

heulenden Kerle ohne viele Mühe erschlagen. Wenn Mionvu und seine

bedeutendsten Leute todt sind, so werden wir nicht sehr beunruhigt

werden und dann könnten wir südlich an den Malagarazi und von da

westlich nach Udschidschi ziehen.“

„Nein, mein lieber Herr, denken Sie keinen Augenblick daran. Wenn wir

uns in die Nähe des Malagarazi begeben, so würden wir mit Lokanda Mira

zusammentreffen.“

„Nun, dann wollen wir nach Norden gehen.“

„Dort hinauf zieht sich Uhha weit hin und jenseits Uhha sind die

Watuta.“

„Gut, dann sage mir, was wir thun sollen. Wir müssen etwas thun und

dürfen uns nicht berauben lassen.“

„Bezahlen Sie Mionvu, was er verlangt, und lassen Sie uns von hier

fortziehen. Dies ist der letzte Ort, wo wir zu zahlen haben werden, und

in vier Tagen sind wir in Udschidschi.“

„Hat Mionvu Dir gesagt, dass dies das letzte mal ist, wo wir zu zahlen

haben?“

„Ja wohl, das hat er.“

„Was sagst Du, Asmani, sollen wir kämpfen oder bezahlen?“

Asmani’s Gesicht hatte seinen gewöhnlichen lächelnden Ausdruck, er

antwortete aber: „Ich fürchte, wir müssen zahlen. Dies ist ganz

bestimmt das letzte mal.“

„Und Du, Tschaupereh?“

„Bezahlen Sie, Herr. Es ist besser, dass wir ruhig in diesem Lande

weiter kommen. Wenn wir stark genug wären, so würden sie uns bezahlen.

Ach! wenn wir nur zweihundert Flinten hätten, wie würden dann diese

Wahha laufen!“

„Was sagst Du, Mabruki?“

„Ach, lieber Herr, es ist sehr hart, und diese Leute sind grosse

Räuber. Ich würde wahrlich am liebsten ihnen die Köpfe abschlagen, aber

Sie thun doch besser daran, zu bezahlen. Dies ist ja das letzte mal,

und was sind hundert Tuche für Sie?“

„Schön also; Bombay und Asmani, Ihr geht zu Mionvu und bietet ihm

zwanzig. Will er die nicht nehmen, so bietet Ihr ihm dreissig, vierzig

bis achtzig, langsam steigend. Macht also viel Redensarten und gebt

nicht ein Doti mehr. Ich schwöre es Euch allen, ich werde Mionvu

erschiessen, wenn er mehr als achtzig beansprucht. Geht hin und

verhaltet Euch klug!“

Um die Sache kurz zu machen, wurden Mionvu um 9 Uhr vormittags 64 Doti

für den König von Uhha, 6 für ihn selbst und 5 für seinen Unterbeamten,

alles in allem 75 Doti, d. h. 1¼ Ballen, übergeben. Kaum hatten wir

diese bezahlt, als sie untereinander über die Beute zu streiten

anfingen, und ich hoffte, die verschiedenen Parteien würden sich eine

Schlacht liefern und ich somit einen Entschuldigungsgrund bekommen,

sie zu verlassen und mich südlich in das Dickicht zu schlagen, dessen

Existenz ich annahm, unter dessen freundlicher Bedeckung wir dann nach

Westen ziehen könnten. Es wurde aber nur ein Wortkampf daraus, der sehr

viel Lärm machte.

6. November. -- Mit dem Morgengrauen zogen wir sehr still und traurig

unsern Weg. Unser Tuchvorrath war arg vermindert. Wir hatten nur noch

neun Ballen übrig, die bei richtiger Oeconomie zusammen mit den noch

unberührten Perlen ausgereicht hätten, uns an den Atlantischen Ocean

zu bringen. Wenn ich aber noch vielen Leuten von Mionvu’s Schlage

begegnete, so hätte ich nicht genug gehabt, um nach Udschidschi zu

gelangen, und obgleich wir diesem Orte so nahe sein sollten, schien mir

Livingstone doch noch so weit wie je.

Wir zogen über den Pombwé und schlugen uns dann über eine leichte

wellige Ebene, die sich allmählich auf unserer Rechten zum Berge erhob

und sich zu unserer Linken in das Thal des Malagarazi senkte, welcher

Fluss ungefähr 20 Meilen entfernt war. Ueberall zeigten sich Dörfer;

Nahrungsmittel waren billig, Milch reichlich und Butter gut.

Nach einem vierstündigen Marsche überschritten wir den Kanengi-Fluss

und kamen in das Boma von Kahirigi, das von mehreren Watusi und Wahha

bewohnt wird. Hier sollte der Bruder des Königs von Uhha wohnen. Diese

Nachricht war mir durchaus nicht angenehm, und ich fing an, Verdacht

zu schöpfen, dass ich wiederum in ein Hornissennest gefallen sei. Wir

hatten noch keine zwei Stunden Rast gehalten, als zwei Wangwana in mein

Zelt kamen, die Sklaven unseres geckenhaften Freundes in Unyanyembé,

Thani bin Abdullah’s, waren. Diese Leute kamen von seiten des Bruders

des Königs, um Honga zu verlangen! Er verlangte 30 Doti, einen halben

Ballen!

Dürfte ich nur alle die wilden, wüthenden Gedanken, die in mir tobten,

als mir dies angekündigt wurde, schildern, so würde ich wol in einem

spätern ruhigen Augenblicke über mich selbst erschrecken. Ich war aber

böse, -- nein, das ist nicht das Wort; ich war wild, verzweifelt wild,

bereit und im Stande zu kämpfen und zu sterben, aber nicht von einer

solchen Bande elender, nackter Räuber mich aufhalten zu lassen. Noch

dazu angesichts von Udschidschi, wie man fast sagen konnte, nur vier

Tagereisen von dem Weissen, den ich für Livingstone halte, wenn nicht

noch ein zweites Exemplar von ihm in diesen Ländern herumreist. Gütige

Vorsehung! Was soll ich thun?

Mionvu hatte uns gesagt, das Honga von Uhha sei bezahlt, und hier kommt

noch eine Forderung vom Bruder des Königs! Zum zweiten male haben sie

gelogen und sind wir betrogen worden. Das soll nicht noch einmal

vorkommen.

Diese beiden Leute theilten uns mit, es existirten noch fünf

Häuptlinge, die nur zwei Stunden auseinander wohnten, welche uns wie

die, welche wir bereits besucht, Tribut abfordern würden. Als ich

dies erfuhr, fühlte ich eine gewisse Ruhe. Es war viel besser, das

Schlimmste sofort zu erfahren. Noch fünf Häuptlinge würden uns mit

ihren Forderungen bestimmt ruiniren. Was sollte ich angesichts dessen

thun? Wie soll ich zu Livingstone kommen, ohne völlig zum Bettler

geworden zu sein?

Ich entliess die Leute, rief Bombay und befahl ihm mit Asmani den

Tribut so billig wie möglich abzumachen. Dann zündete ich mir

meine Pfeife an, setzte die Kappe der Ueberlegung auf und begann

nachzudenken. In einer halben Stunde hatte ich einen Plan entworfen,

den ich noch in derselben Nacht ausführen wollte.

Ich citirte die beiden Sklaven Thani bin Abdullah’s, nachdem das Honga

zu jedermanns Zufriedenheit abgemacht war -- obgleich die grössten

Spitzfindigkeiten und diplomatischen Raisonnements ausser Stande waren,

es auf weniger als 26 Doti herabzubringen --, und fragte sie über die

Möglichkeit aus, den noch vor uns liegenden, Tribut verlangenden Wahha

auszuweichen.

Dies setzte sie anfänglich in Erstaunen und sie erklärten es für

unmöglich; schliesslich jedoch, nachdem ich in sie gedrungen, meinten

sie, einer von ihnen könne uns um Mitternacht oder etwas später in das

Dickicht, das sich an der Grenze von Uhha und Uvinza befände, führen.

Hielten wir eine direct westliche Richtung durch diese Dschungels ein,

so könnten wir, wie sie sagten, durch Uhha ohne weitere Beschwerden

reisen. Wenn ich dem Führer 12 Doti bezahlen und meinen Leuten, wenn

sie durch das schlafende Dorf zögen, völliges Stillschweigen auferlegen

wolle, so sei der Führer überzeugt, ich könne Udschidschi erreichen,

ohne ein einziges Doti weiter zu bezahlen. Es ist überflüssig

hinzuzufügen, dass ich die dargebotene Hülfe zu diesem Preise freudig

annahm.

Doch gab es da noch viel zu thun. Wir mussten uns Vorräthe für den

Durchzug durch das Dickicht auf wenigstens vier Tage kaufen und ich

schickte sofort Leute aus, um Korn zu jedem Preise herbeizuschaffen.

Das Glück begünstigte uns, denn vor 8 Uhr abends hatten wir Vorräthe

für sechs Tage.

7. November. -- In der vorigen Nacht ging ich gar nicht zu Bett, denn

meine Leute stahlen sich bald nach Mitternacht, als der Mond sich zu

zeigen anfing, in Abtheilungen von vier Mann, aus dem Dorfe heraus und

um 3 Uhr morgens befand sich die ganze Expedition ausserhalb des Boma,

ohne dass der geringste Lärm gemacht worden wäre. Nachdem ich dem neuen

Führer zugepfiffen hatte, fing die Expedition an, in südlicher Richtung

dem rechten Ufer des Kanengi-Flusses entlang sich zu bewegen. Nach

einstündigem Marsch schlugen wir uns nach Westen über die Grasebene und

blieben auf derselben trotz der sich uns darbietenden für die nackten

Leute sehr schlimmen Hindernisse. Hell beleuchtete der Mond unsern

Pfad; doch warfen dunkle Wolken hier und da lange Schatten über die

verlassenen einsamen Flächen, sodass die Mondstrahlen fast verdunkelt

wurden. Zu solcher Zeit schien unsere Lage schlimm, bis sich der Mond

wieder zeigte und über das Dunkel sein silbernes Licht leuchten liess.

Tapfer mühten sich die Leute ab, ohne zu murren, obwol ihre Beine

von dem scharfen Grase bluteten. Endlich erschien der ambrosische

Morgen mit seinen schönen, lieblichen Zügen. Der Himmel wurde uns neu

geboren und brachte uns Trost und Hoffnung. Als der Tag angebrochen,

eilten die Leute mit rascheren Schritten vorwärts, obwol sie durch

die ungewohnte Reise angegriffen waren, bis wir um 8 Uhr morgens den

raschen Rusugi-Fluss erblickten, wo in einem nahe gelegenen Gehölz halt

gemacht wurde, um zu frühstücken und zu ruhen. Beide Ufer des Flusses

wimmelten von Büffeln, Elenn und Antilopen; obwol uns aber der Anblick

sehr lockte, wagten wir es doch nicht zu feuern, da ein Flintenschuss

das ganze Land alarmirt haben würde. Ich zog daher blosses Zusehen und

die Befriedigung, die ich über unser Glück empfand, vor.

Nachdem wir eine Stunde geruht, sahen wir einige Eingeborene, die Salz

vom Malagarazi brachten, das rechte Ufer des Flusses hinaufkommen.

Als sie sich unserm Versteck gegenüber befanden, entdeckten sie uns,

legten ihre Salzbeutel nieder und liefen sofort laut schreiend davon,

um einige ungefähr vier Meilen nördlich von uns belegene Dörfer zu

allarmiren. Sofort befahl ich meinen Leuten, ihre Lasten wieder

aufzunehmen und in wenigen Augenblicken waren wir über den Rusugi,

und eilten direct auf ein vor uns liegendes Bambusdickicht zu. Kaum

waren wir darin, als ein albernes Weib laut zu schreien anfing. Meine

Leute waren sehr erschreckt über diese lärmende Demonstration, welche

die Rache der Wahha auf unser Haupt herabziehen musste, da wir den

ihnen gebührenden Tribut umgingen. In einer halben Stunde dürften

uns Hunderte von heulenden Wilden in den Dschungels umringen und

eine allgemeine Metzelei entstehen. Das Weib schrie immer wieder von

neuem ohne Ursache furchtbar auf. Sofort legten einige meiner Leute

in dem Instinkt der Selbsterhaltung ihre Ballen und Lasten nieder und

verschwanden im Dickicht und der Führer kam mit der Bitte auf mich

zugestürzt, den Lärm zum Stillstand zu bringen. Der Mann dieser Frau

zog nun in äusserster Wuth und Furcht sein Schwert und bat mich, ihr

sofort den Kopf abzuschlagen. Hätte ich nur ein Zeichen gegeben, so

hätte das Weib ihr Leben für ihre Thorheit gelassen. Ich versuchte

es, ihr Geschrei dadurch zu ersticken, dass ich meine Hand ihr über

den Mund hielt, aber sie entzog sich ihr mit Gewalt und fuhr fort,

schlimmer als je zu schreien. Mir blieb nichts übrig, als die Macht

meiner Peitsche an ihren Schultern zu erproben. Nach dem ersten Schlage

bat ich sie aufzuhören. „Nein!“ Sie schrie immer lauter, wie eine

Unsinnige. Wiederum fiel meine Peitsche auf ihre Schultern herab.

„Nein, nein, nein!“ Noch ein Schlag. „Willst Du wol still sein?“ „Nein,

nein, nein!“ Lauter und immer lauter schrie sie, und rascher und immer

rascher fielen die Schläge, um diese Widerspenstige zu zähmen. Als sie

aber einsah, ich sei ebenso entschlossen zuzuschlagen, wie sie, zu

schreien, gab sie es vor dem zehnten Schlage auf und wurde ruhig. Ein

Tuch wurde ihr über den Mund und die Arme über den Rücken gebunden,

und nach einigen Augenblicken, nachdem die Deserteure zu ihrer Pflicht

zurückgekehrt, begab sich die Expedition mit verdoppelter Schnelligkeit

vorwärts. Bis 1 Uhr mittags schritten wir standhaft weiter, bis wir den

kleinen See Musunya erblickten; der neunstündige Marsch hatte uns sehr

ermüdet.

Der See Musunya ist eins der kleinen kreisförmigen Becken, die in

diesem Theil von Uhha vorkommen. Es gibt ihrer eine ganze Gruppe.

Eigentlich könnte man sie nur grosse Pfützen nennen. In der

Masikajahreszeit muss sich der See Musunya drei bis vier Meilen in die

Länge und zwei in die Breite ziehen. Zahlreiche Flusspferde hausen in

ihm und an seinen Ufern kommen viele Jagdthiere vor.

In unserm Bivouak verhielten wir uns, wie man sich denken kann, sehr

ruhig; wir richteten weder Zelt noch Hütte auf, noch zündeten wir

Feuer an, um im Fall einer Verfolgung ohne Aufenthalt weiter ziehen zu

können. Ich hatte die Kammer meines gezogenen Winchestergewehrs (des

in einer solchen Krisis ausserordentlich werthvollen Geschenks meines

Freundes Morris) voll gefüllt und 200 Patronen in einem über meinen

Schultern hängenden Beutel gesteckt. Auch waren die Flinten aller

Soldaten fertig geladen, und wir zogen uns zurück, um unsere Strapazen

im Gefühl vollkommener Sicherheit zu verschlafen.

8. November. Lange vor dem Morgengrauen waren wir auf dem Marsch und

als der Tag anbrach, kamen wir aus dem Bambusdickicht heraus -- an

mehreren grossen, am Wege gelegenen Pfützen vorbei -- auf die nackte

Fläche von Uhha, welche weite Aussichten auf welliges Land darbietet,

in dessen Eintönigkeit hier und da charakteristische Baumgruppen

Abwechslung bringen. Stundenlang mussten wir uns über das wellenförmige

Land hinschleppen, während die Sonne mit afrikanischer Glut brannte,

diesmal jedoch ein wenig durch angenehme Lüftchen gemässigt, welche uns

den Duft frischen Grases und fremdartiger bunter Blumen zuwehten, die

auf der weiten, im übrigen blassgrünen Fläche wuchsen.

Wir kamen an den Rugufu-Fluss, nicht an den Rugufu von Ukawendi,

sondern den nördlichen Strom dieses Namens, der ein Zufluss des

Malagarazi ist. Es ist ein breiter, seichter, träger Fluss, der sich

fast unmerklich nach Südwesten zieht. Während wir im tiefen Schatten,

den uns eine dichte Dschungelgruppe gewährte, in unmittelbarer Nähe

des rechten Ufers halt machten, um etwas zu ruhen, ehe wir die Reise

fortsetzten, hörte ich deutlich im Westen einen Lärm wie von fernem

Donner. Als ich fragte, ob dies Donner sei, erhielt ich zur Antwort, es

sei der Kabogo.

„Kabogo? Was ist das?“

„Das ist ein grosser Berg auf der andern Seite des Tanganika, der voll

tiefer Löcher ist, in welche das Wasser stürzt, und wenn es auf dem

Tanganika windig ist, so gibt es einen Schall, wie Mvuha (Donner). Da

dort viele Boote zu Grunde gegangen sind, so ist es Sitte bei Arabern

und Eingeborenen, Tuch, Merikani und Kaniki, sowie namentlich weisse

(Merikani-)Perlen hineinzuwerfen, um den Mulungu (Gott) des Sees zu

besänftigen. Wer Perlen hineinwirft, kommt gewöhnlich ohne Fährlichkeit

davon, aber wer das nicht thut, geht zu Grunde und ertrinkt im See. Es

ist ein schrecklicher Ort.“ Diese Geschichte erzählte mir der stets

lächelnde Führer Asmani und sie wurde von einigen meiner Begleiter, die

früher den See beschifft hatten, bestätigt.

Dieser Ort, wo wir an den Ufern des Rugufu-Flusses zu Mittag halt

machten, ist wenigstens 18½ Stunden oder 46 Meilen von Udschidschi

entfernt und da der Kabogo nahe bei Uguhha sein soll, so muss er mehr

als 60 Meilen von Udschidschi fern sein. Es wurde also der Lärm des

donnernden Wassers, das sich in die Höhlen von Kabogo stürzen soll, von

uns in einer Entfernung von mehr als hundert Meilen gehört.

Nach drei Stunden setzten wir unsere Reise durch dünne Wälder, über

ausgedehnte Strecken von Urfelsen und dicht mit grossem Geröll

bestreute Felder fort, an zahlreichen Büffel-, Giraffen- und

Zebraheerden vorbei, und kamen über einen schwankenden, einem Torfmoor

ähnlichen Morast an den kleinen Bach Sunuzzi und an einen Lagerplatz,

der nur eine Meile von einer grossen Colonie der Wahha entfernt ist.

Da wir aber in den Tiefen eines grossen Waldes begraben waren, in

dessen Nähe sich kein Weg befand, und da wir keinen Lärm machten oder

Feuer anzündeten, sondern tiefes Schweigen beobachteten, so konnten wir

ruhig sein und bestimmt darauf rechnen, nicht gestört zu werden. Am

Morgen -- das hatte uns der Kirangozi zugesichert -- sollten wir aus

Uhha heraus sein, und wenn wir dann am selben Tage nach Niamtaga, in

Ukaranga, reisten, so würden wir am nächsten in Udschidschi sein. Sei

geduldig, liebe Seele! Noch einige Stunden und du wirst das Ende aller

dieser Mühen kennen! Dann werde ich mich dem weissen Manne gegenüber

befinden, der weisse Haare auf dem Gesicht hat, wer es auch sein mag!

9. November. Zwei Stunden vor dem Morgengrauen verliessen wir

unser Lager am Sunuzzi-Fluss und schlugen uns durch den Wald in

nordwestlicher Richtung, nachdem wir vorher unsere Ziegen geknebelt

hatten, damit sie uns nicht durch ihr Meckern verriethen. Dies war ein

Irrthum, der ein tragisches Ende hätte nehmen können, denn gerade als

der östliche Himmel eine bleichgraue Färbung annahm, kamen wir aus dem

Dickicht auf die Heerstrasse. Der Führer glaubte nämlich, wir hätten

Uhha hinter uns und hob ein Freudengeschrei an, in das alle Mitglieder

der Karavane einstimmten und alles zog mit erhöhter Energie vorwärts,

als wir plötzlich auf die Ausläufer eines Dorfes kamen, dessen Bewohner

im Begriff waren aufzustehen. Sofort wurde Stille geboten und die

Expedition zum Halten gebracht. Ich trat vor, um mich mit dem Führer

zu besprechen; er wusste aber nicht, was geschehen solle. Da keine

Zeit zur Ueberlegung war, liess ich die Ziegen schlachten und auf dem

Wege liegen und den Führer kühn durch das Dorf ziehen. Auch die Hühner

wurden abgethan und darauf nahm die Expedition, unter Leitung des

Führers, ihren Marsch rasch und schweigend wieder auf, nachdem ich den

Befehl ertheilt, schleunigst in das südlich vom Wege belegene Dickicht

zu ziehen. Ich blieb, bis der letzte Mann verschwunden war, dann

bildete ich, nachdem ich mein Winchestergewehr in Bereitschaft gesetzt,

mit meinen Flintenträgern und ihrer Munition den Nachtrab. Als wir im

Begriff waren, an der letzten Hütte vorbeizuziehen, sprang ein Mann aus

derselben und stiess einen Allarmruf aus, auch hörten wir laute Stimmen

wie von Streitenden. In kurzer Zeit jedoch waren wir in den Tiefen der

Dschungels und eilten vom Wege in südlicher leicht nach Westen sich

ziehender Richtung. Einmal glaubte ich, dass wir verfolgt würden, und

hielt hinter einem Baume, um unsere Feinde, wenn sie auf der Verfolgung

beständen, daran zu hindern; nach wenigen Minuten aber stellte es sich

heraus, dass niemand hinter uns her sei. Nach einem Marsch von einer

halben Stunde wandten wir uns wieder nach Westen. Jetzt war es heller

Tag und unsere Augen erfreuten sich an den malerischen, engen, kleinen

Thälern, wo wilde Obstbäume wuchsen, seltene Blumen blühten und kleine

Bäche über glatte Kiesel dahinflossen, wo alles herrlich und schön

war, bis wir schliesslich durch einen hübschen kleinen Bach watend,

dessen sanftes Gemurmel wir als liebliches Willkommen deuteten, die

Grenzen des bösen Uhha überschritten und in Ukaranga eintraten, was mit

jauchzendem Freudengeschrei begrüsst wurde.

Sofort fanden wir den ebenen Weg und gingen munter mit elastischen

Schritten, in beschleunigtem Tempo weiter, da wir wussten, dass

der Marsch sich seinem Ende nähere. Was kümmerten uns jetzt die

Beschwerden, die wir überstanden, die unebenen, schwierigen Wälder, die

dornigen Dickichte und schneidenden Gräser und das Geschrei der Wilden,

das uns so beunruhigt hatte? Morgen! Ja, der grosse Tag nähert sich,

und wir können in dieser triumphirenden Stimmung wol lachen und singen.

Wir haben schwere Prüfungen erduldet; sind im Ungemach gegeneinander

böse geworden, doch ist alles das jetzt vergessen und jedes Gesicht

strahlt von der Glückseligkeit, die wir alle verdient haben.

Zu Mittag machten wir einen kurzen Halt, um uns auszuruhen und zu

erfrischen. Man zeigte mir die Berge, von denen der Tanganika zu sehen

sei, welche das Thal des Liutsché im Westen begrenzen. Bei ihrem

Anblick konnte ich mich nicht länger halten; selbst dieser kurze Halt

machte mich unruhig und unzufrieden. Wir nahmen den Marsch wieder auf;

ich spornte meine Leute mit dem Versprechen an, dass sie morgen ihren

Lohn empfangen und so viel Fisch und Bier bekommen sollten, als sie

verzehren könnten.

Wir befanden uns in Sicht der Wakaranga-Dörfer. Als die Bewohner uns

erblickten, zeigten sie bedeutende Erregung. Ich schickte Leute voran,

um sie zu beruhigen, und sie kamen auch heraus, um uns zu begrüssen.

Dies war uns so neu und willkommen, so anders als das Verfahren der

unruhigen Wavinza und der Räuber von Uhha, dass wir gerührt waren. Doch

hatten wir keine Zeit, uns auf dem Wege aufzuhalten und uns der Freude

hinzugeben, denn ich wurde durch fast unbezwingliche Empfindungen

vorwärts getrieben und wünschte meinen Zweifeln und Befürchtungen ein

Ende zu machen. War Er noch da? Hatte Er von meiner Annäherung gehört?

Würde Er die Flucht ergreifen?

Wie schön sieht Ukaranga aus! Die grünen Hügel sind von Gruppen

strohgedeckter Kegel gekrönt; die Berge erheben und senken sich,

theils nackt, theils bebaut, hier als Weideland, dort als Holzschläge,

dort wiederum von Hütten belebt. Das Land hat etwas Aehnlichkeit mit

Maryland.

Wir überschreiten den Mkuti, einen herrlichen kleinen Fluss, besteigen

das andere Ufer und schreiten durch den Wald, wie Leute, die eine That

vollbracht haben, auf die sie stolz sein können. Schon sind wir neun

Stunden gereist und die Sonne sinkt rasch gen Westen; trotzdem scheinen

wir nicht ermüdet zu sein.

Wir erreichen die Ausläufer von Niamtaga und hören Trommeln schlagen.

Die Leute fliehen in die Wälder und verlassen ihre Dörfer, denn sie

halten uns für Ruga-Ruga, die Waldräuber Mirambo’s, die, nachdem sie

die Araber von Unyanyembé besiegt, die von Udschidschi bekämpfen

wollen. Selbst der König flieht aus seinem Dorf und jedermann folgt ihm

angsterfüllt. Wir ziehen in das Dorf, ergreifen ruhig Besitz davon, und

mein Zelt wird daselbst aufgeschlagen. Schliesslich verbreitet sich das

Gerücht, dass wir Wangwana aus Unyanyembé seien.

„Nun, ist Mirambo denn todt?“ fragen sie.

„Nein,“ erwidern wir.

„Wie seid Ihr denn durch Ukaranga gekommen?“

„Ueber Ukonongo, Ukawendi und Uhha.“

„Oh -- hi-le!“ Darauf lachen sie herzlich über ihre Angst und fangen

an, sich zu entschuldigen. Der König wird mir vorgestellt und sagt,

er sei nur in die Wälder gegangen, um uns anzugreifen, das heisst, er

habe die Absicht gehabt, uns alle todtzuschlagen, wenn wir Ruga-Ruga

gewesen. Wir wissen ja aber, wie sehr der arme König erschrocken

war und dass er bestimmt nie gewagt hätte zurückzukehren, wären wir

Ruga-Ruga gewesen. Doch wir sind nicht in der Stimmung, uns mit ihm

über seine eigenthümliche Ausdrucksweise zu streiten, sondern schütteln

ihm lieber die Hand und sagen ihm, wie wir uns freuen, ihn zu sehen.

Er nimmt auch an unserer Freude theil und lässt uns sofort drei der

fettesten Schafe, Töpfe mit Bier, Mehl und Honig zum Geschenk bringen

und ich beglücke ihn noch mehr mit zwei der schönsten Tücher, die ich

in meinen Ballen habe. Auf diese Weise kommt ein freundschaftlicher

Vertrag zwischen uns zu Stande.

Während ich mein Tagebuch über die Erlebnisse dieses Tages führe, lasse

ich Selim meinen neuen Flanellanzug auspacken, meine Stiefeln mit Oel

schmieren, meine Kopfbedeckung mit Kreide reinigen und mit einem neuen

Puggaree versehen, damit ich so anständig wie möglich vor dem weissen

Mann mit dem grauen Bart und den Arabern von Udschidschi erscheinen

könne, denn die Kleider, die ich im Dickicht und Walde getragen, sind

in Fetzen. Gute Nacht! Nur noch einen Tag und wir werden sehen, was die

Zukunft bringt.

Freitag, 10. November. Der 236. Tag seit Bagamoyo und der 51. seit

Unyanyembé. Allgemeine Richtung nach Udschidschi, West zu Süd.

Marschzeit sechs Stunden.

Es ist ein herrlicher, beseligender Morgen. Die Luft ist frisch und

kühl. Der Himmel lächelt liebevoll auf die Erde und ihre Kinder. Die

dichten Wälder sind von herrlichem, grünem Laub gekrönt; das Wasser des

Mkuti rauscht unter dem Smaragdschatten, den seine bewachsenen Ufer

darbieten, und scheint uns durch sein beständiges Rauschen zum Wettlauf

nach Udschidschi aufzufordern.

Wir befinden uns alle ausserhalb des Rohrzaunes des Dorfes; ein jeder

von uns sieht so nett und sauber und glücklich aus, wie damals, wo wir

uns in den Dhows in Zanzibar einschifften, was Ewigkeiten her zu sein

scheint; so viel haben wir gesehen und erfahren.

„Vorwärts!“

„Ay Wallah, ay Wallah, Bana yango!“ und die Braven schreiten leichten

Herzens davon in einem Tempo, das uns bald in Sicht von Udschidschi

bringen muss. Wir steigen einen mit Bambus bewachsenen Berg hinan,

in eine Schlucht hinab, durch welche ein wüthender kleiner Giessbach

stürzt, besteigen noch einen niedrigen Hügel, gehen dann einen ebenen

Fusspfad entlang, welcher in dem Abhang einer langen Bergkette

verläuft, und ziehen so eifrig weiter, wie es nur Leute mit leichtem

Herzen thun können.

Man hat mich darauf vorbereitet, dass ich in zwei Stunden den Tanganika

erblicken soll, denn der Kirangozi sagt, man sehe ihn von der Spitze

eines steilen Berges. Ich fange vor Erregung fast an zu weinen; doch

Geduld, wir müssen ihn doch erst sehen. Wir stürzen vorwärts, den Berg

athemlos hinauf, damit die grosse Scene nicht etwa davoneile. Endlich

sind wir auf dem Gipfel; aber ach, noch ist er nicht zu sehen. Noch

ein Endchen weiter, gerade dort; ja, dort ist er, ein Silberstreifen.

Ich erblicke ihn kaum zwischen den Bäumen, -- hier aber ist er endlich

wirklich, der Tanganika, und das sind die blauschwarzen Berge von Ugoma

und Ukaramba. Eine ungeheure, weite Fläche, ein glänzendes Silberbett

-- darüber ein leuchtender, blauer Baldachin -- hohe Berge als

Faltensaum, Palmenwälder seine Fransen! Der Tanganika! Hurrah! und die

Leute erwidern das Jubelgeschrei des Angelsachsen mit Stentorstimmen,

die grossen Wälder und Berge scheinen sich an unserm Triumph zu

betheiligen. „War dies der Ort, Bombay, wo Burton und Speke standen,

als sie zuerst den See erblickten?“

„Ich weiss das nicht mehr genau, Herr, glaube aber, es war irgendwo

hier in dieser Gegend.“

„Die armen Kerle! Der eine halb gelähmt, der andere halb blind,“ sagte

Sir Roderick Murchison, als er Burton und Speke’s Ankunft am Tanganika

beschrieb.

Und ich? Nun, ich bin so glücklich, dass ich, wenn ich ganz gelähmt und

blind wäre, doch glaube, ich könnte in diesem herrlichen Augenblick

mein Bett auf mich nehmen und wandeln und alle Blindheit hätte sofort

aufgehört. Zum Glück bin ich jedoch ganz wohl und keinen Tag krank

gewesen, seitdem ich Unyanyembé verlassen. Wie viel würde Shaw darum

geben, um jetzt an meiner Stelle zu sein? Wer ist glücklicher, er, der

in den Freuden Unyanyembés schwelgt, oder ich, der ich auf dem Gipfel

dieses Berges mit frohen Augen und stolzem Herzen auf den Tanganika

hinabblicke?

Wir steigen den westlichen Abhang des Berges hinab, das Thal des

Liutsché vor uns. Ungefähr eine Stunde vor Mittag haben wir das dichte

Matetegestrüpp erreicht, welches an beiden Ufern des Flusses wächst,

waten durch den klaren Strom, kommen auf der andern Seite an, treten

aus dem Dickicht hervor und die Gärten der Wadschidschi liegen vor

uns, ein Wunder von Pflanzenreichthum. Einzelheiten entziehen sich

meiner raschen, oberflächlichen Beobachtung. Ich bin von meinen eigenen

Gemüthsbewegungen fast überwältigt, wie ich die anmuthigen Palmen, die

netten grünen Gemüseplätze und kleinen, von schwarzen Mateterohr-Zäunen

umgebenen Dörfer erblickte.

Rasch eilen wir weiter, damit nicht die Nachricht unserer Annäherung

die Leute von Bunder-Udschidschi erreiche, ehe wir in Sicht und für

sie bereit sind. Wir halten an einem kleinen Bach, dann steigen wir

den langen Abhang einer nackten Hügelkette hinauf, die allerletzte

der unzähligen, die wir überschritten haben. Diese allein hindert uns

daran, den See in seiner ganzen gewaltigen Ausdehnung zu überblicken.

Wir kommen auf dem Gipfel an, überschreiten denselben bis an seinen

westlichen Rand und -- halt ein, Leser! -- der Hafen von Udschidschi

liegt in Palmen gehüllt nur 500 Schritt von uns entfernt. In diesem

grossen Augenblicke denken wir nicht mehr an die unzähligen Meilen,

die wir marschirt, die zahllosen Berge, die wir erklettert, die

vielen Wälder, die wir durchwandert haben; die Erinnerung an die

Dickichte und Dschungels, die uns belästigt, die heissen Salzebenen,

die uns die Füsse verbrannt, die glühende Sonne, die uns versengt

hat, an alle Gefahren und Beschwerden, die jetzt glücklich hinter uns

liegen, ist verschwunden! Endlich ist die grosse Stunde da! Unsere

Träume, Hoffnungen und Ahnungen sind jetzt erfüllt! Unsere Herzen und

Empfindungen liegen in den Augen, wie wir in die Palmen spähen und es

versuchen zu errathen, in welcher Hütte, in welchem Hause der weisse

Mann mit dem grauen Bart, von dem man uns am Malagarazi berichtet, wol

wohnen mag.

„Entfaltet die Fahne und ladet die Gewehre!“

„Ay Wallah, ay Wallah, Bana!“ erwidern die Leute eifrig.

„Eins, zwei, drei, feuert!“

Ein Kleingewehrfeuer von fast funfzig Flinten brüllt wie ein

Salutschuss von einer Artilleriebatterie. Wir werden die Wirkung

desselben auf das friedlich aussehende Dorf da unten sofort sehen.

„Jetzt, Kirangozi, halte die Fahne des Weissen hoch und lass die

Zanzibarer Flagge vor dem Nachtrab hergehen. Und Ihr, Leute, haltet

Euch dicht aneinander und feuert weiter, bis wir auf dem Marktplatz

oder vor dem Hause des Weissen stehen. Ihr habt mir oft gesagt, dass

Ihr die Fische des Tanganika riechen könnt; ich kann es jetzt auch.

Hier gibt es Fische und Bier und eine lange Rast für Euch. Marsch.“

Ehe wir 100 Schritt weiter gegangen waren, hatten unsere wiederholten

Schüsse den gewünschten Erfolg. Wir hatten Udschidschi benachrichtigt,

dass eine Karavane im Anzug sei, und man sah die Leute zu Hunderten

uns entgegenströmen. Der blosse Anblick der Fahnen liess jedermann

wissen, dass wir eine Karavane seien, doch erregte die von dem riesigen

Asmani, der das Gesicht heute zu einem beständigen Lächeln verzog,

hochgetragene amerikanische Flagge zuerst allgemeines Erstaunen.

Viele der Leute aber, die sich jetzt uns näherten, erinnerten sich

der Flagge, denn sie hatten sie über dem amerikanischen Consulat und

vom Mast so manchen Schiffes im Hafen von Zanzibar wehen sehen und

begrüssten sie alsbald mit den Rufen: „Bindera Kisungu!“ Die Flagge

eines Weissen! „Bindera Merikani!“ Die amerikanische Flagge!

Dann umgaben sie uns, die Wadschidschi, Wanyamwezi, Wangwana, Warundi,

Waguhha, Wamanyuema und Araber und machten uns fast taub mit ihrem

Geschrei „Yambo, yambo, bana! yambo, bana! yambo, bana!“ da jeder

einzelne meiner Leute in dieser Weise begrüsst wurde.

Noch befinden wir uns etwa 300 Schritt vom Dorfe Udschidschi und mich

umgibt eine dichte Menge. Plötzlich höre ich eine Stimme zu meiner

Rechten in englischer Sprache mir zurufen:

„Guten Morgen, mein Herr.“

Erstaunt darüber, diese Begrüssung inmitten einer solchen Menge

Schwarzer zu hören, kehre ich mich rasch um, um den Mann zu betrachten

und erblicke ihn an meiner Seite mit ganz schwarzem, aber belebtem,

frohem Gesichte, in einem langen, weissen Hemd, einen Turban von

amerikanischer Leinwand um das wollige Haupt gewunden, und frage ihn:

„Ach wer sind Sie denn?“

„Ich bin Susi, der Diener von Dr. Livingstone,“ sagte er lachend und

eine glänzende Reihe Zähne zeigend.

„Was? Ist Dr. Livingstone hier?“

„Ja wohl!“

„In diesem Dorfe?“

„Ja wohl!“

„Ganz bestimmt?“

„Ganz bestimmt. Ich habe ihn ja eben verlassen.“

„Guten Morgen, mein Herr!“ liess sich eine andere Stimme vernehmen.

„Halloh,“ sagte ich, „ist das noch einer?“

„Ja, mein Herr.“

„Wie heissen Sie denn?“

„Mein Name ist Dschumah.“

„Wie, sind Sie Dschumah, der Freund von Wekotani?“

„Ja wohl.“

„Und ist der Doctor gesund?“

„Nein. Er ist nicht sehr wohl.“

„Wo ist er so lange gewesen?“

„In Manyuema.“

„Nun, Susi, laufen Sie, um es dem Doctor mitzutheilen, dass ich komme.“

„Ja wohl, Herr!“ und wie ein Toller schnellte er davon.

Jetzt waren wir 200 Schritt von dem Dorfe entfernt. Die Menge wurde

dichter und versperrte uns fast den Weg. Fahnen und Flaggen waren

aufgehisst, Araber und Wangwana drängten sich durch die Eingeborenen,

um uns zu begrüssen, denn nach ihrer Ansicht gehörten wir zu ihnen.

Alle waren in höchstem Grade erstaunt und fragten: „Wie kommt Ihr von

Unyanyembé?“

Bald kam Susi zurückgelaufen und fragte mich nach meinem Namen. Er

hatte dem Doctor gesagt, dass ich im Anzuge sei, dieser aber war zu

sehr erstaunt, um es zu glauben, und als er ihn um meinen Namen fragte,

war Susi in Verlegenheit gerathen.

Während Susi’s Abwesenheit war dem Doctor jedoch die Nachricht

zugekommen, dass es wirklich ein Weisser sei, dessen Flinten abgefeuert

und dessen Fahnen zu sehen waren, und die grossen arabischen Magnaten

von Udschidschi, Mohammed bin Sali, Sayd bin Madschid, Abid bin

Suliman, Mohammed bin Gharib und andere hatten sich vor des Doctors

Haus versammelt und dieser war aus seiner Veranda getreten, um die

Sache zu besprechen und meine Ankunft zu erwarten.

Mittlerweile hatte die Spitze der Expedition halt gemacht; der

Kirangozi war aus den Reihen ausgetreten, hielt seine Flagge hoch und

Selim sagte mir: „Ich sehe den Doctor. Ach, was für ein alter Mann

ist es! Er hat einen ganz weissen Bart.“ Und ich -- was hätte ich

nicht darum gegeben, einen Augenblick allein in der Wildniss sein zu

können, um meiner Freude ungesehen in irgendeinem tollen Streiche

Luft zu machen, um nur die Erregung, deren ich kaum Herr werden

konnte, zu beschwichtigen. Rasch klopft mir das Herz; doch darf ich

meine Empfindungen nicht durch einen Gesichtsausdruck verrathen,

welcher der Würde Abbruch thun könnte, die ein Weisser unter solchen

aussergewöhnlichen Umständen an den Tag legen muss.

Ich that also, was ich für das Würdigste hielt; stiess die Menge zurück

und schritt, von hinten hervorkommend, durch eine lebendige Allee von

Menschen, bis ich an den von Arabern gebildeten Halbkreis gelangte, an

dem vorn der Weisse mit dem grauen Bart stand. Als ich langsam auf ihn

zutrat, bemerkte ich, dass er blass und ermüdet aussah und einen grauen

Bart hatte, eine bläuliche Mütze mit verschossenem goldenem Bande, eine

Weste mit rothen Aermeln und ein paar graue Hosen trug. Ich wäre gern

auf ihn zugelaufen; nur war ich in Gegenwart eines solchen Pöbelhaufens

zu feig dazu. Ich wäre ihm gern um den Hals gefallen; nur wusste ich

nicht, wie er, als Engländer, mich aufnehmen würde[3]. Ich that also,

was Feigheit und falscher Stolz mir als das Beste anriethen, schritt

bedächtig auf ihn zu, nahm meinen Hut ab und sagte:

„Dr. Livingstone, wie ich vermuthe.“

„Ja,“ sagte er mit freundlichem Lächeln, die Mütze leicht lüftend.

Ich setze meinen Hut wieder auf den Kopf, er seine Mütze, wir reichen

uns herzlich die Hand und ich sage laut:

„Ich danke Gott, Doctor, dass es mir gestattet ist, Sie zu sehen.“

Wie ich Livingstone fand; Zweiter Band · 第 35 / 88 题