Er erwiderte: „Und ich bin dankbar, dass ich Sie hier begrüssen kann.“

Hierauf wende ich mich zu den Arabern, nehme als Antwort auf ihren

Begrüssungs-Chorus von Yambos meine Kopfbedeckung ab und der Doctor

stellt sie mir mit Namen vor. Dann kehren Livingstone und ich, die

Menge und die Männer, die meine Gefahren mit mir getheilt haben, völlig

vergessend zu seinem Tembé. Er weist auf die Veranda oder vielmehr

den Lehm-Altan unter dem breiten überhängenden Dach hin und zeigt

auf seinen eigenen Sitzplatz, dessen Construction ihm, wie ich sehe,

sein Alter und die Kenntniss des Lebens in Afrika eingegeben hat,

und der aus einer Strohmatte mit einem darüber gelegten Ziegenfell

und noch einem andern Fell besteht, das an die Mauer genagelt ist,

um seinen Rücken vor der Berührung mit dem kalten Lehm zu bewahren.

Ich protestire dagegen, seinen Sitz einzunehmen, der ihm so sehr viel

mehr ziemt als mir, der Doctor aber gibt nicht nach und ich muss ihn

einnehmen.

Wir, der Doctor und ich, sitzen mit dem Rücken gegen die Wand. Die

Araber setzen sich zur Linken. Mehr als tausend Eingeborene befinden

sich vor uns und erfüllen dicht den ganzen Platz. Sie befriedigen ihre

Neugierde und unterhalten sich über die Thatsache, dass zwei Weisse in

Udschidschi zusammentreffen, der eine eben von Manyuema im Westen, der

andere von Unyanyembé im Osten kommend.

Die Unterhaltung beginnt. Um was sie sich dreht, habe ich, offen

gestanden, vergessen. Ach, wir richteten Fragen aneinander, wie

folgende:

„Wie sind Sie hierhergekommen?“ und „Wo sind Sie die ganze lange

Zeit über gewesen? Die Welt hat Sie für todt gehalten.“ Ja, so fing

die Unterhaltung an; was der Doctor mir aber erzählt und was ich

ihm gesagt, kann ich nicht genau wiedergeben, denn ich war damit

beschäftigt, ihn anzublicken und den wunderbaren Mann, an dessen Seite

ich jetzt in Central-Afrika sass, zu studiren. Jedes Haar seines

Hauptes und Bartes, jede Runzel seines Gesichts, seine hagern Züge und

etwas abgespanntes Aussehen brachte mir die Kunde, nach der ich mich

immerwährend gesehnt, seitdem ich die Worte gehört: „Nehmen Sie, was

Sie brauchen, aber -- finden Sie Livingstone.“ Was ich da sah, war für

mich eine Kunde von höchstem Interesse und ungeschminkte Wahrheit. Ich

hörte und las zu gleicher Zeit. Was erzählten mir diese stummen Zeugen?

O Leser, wärest Du an dem Tage in Udschidschi an meiner Seite gewesen!

Wie beredt hätte sich Dir das eigentliche Wesen der Mühen dieses Mannes

offenbart! Wärest Du nur da gewesen, um ihn zu sehen und zu hören! Von

seinen Lippen, die nie lügen, erfuhr ich die Einzelheiten derselben.

Ich kann es nicht wiederholen, was er sagte, denn ich war zu sehr

eingenommen, als dass ich mein Notizbuch hätte herausziehen und seine

Erzählungen stenographiren können. Er hatte so viel zu erzählen, dass

er mit dem Ende anfing und scheinbar die Thatsachen vergass, dass er

über fünf bis sechs Jahre Rechenschaft abzulegen habe. Allmählich aber

kam sein Bericht hervor, rasch nahm er grosse Verhältnisse an und wurde

zu einer wunderbaren Geschichte von Thaten.

Die Araber erhoben sich mit einem Zartgefühl, das ich billigte,

als ob sie instinctmässig wussten, dass wir uns selbst überlassen

bleiben müssten. Ich schickte Bombay mit ihnen fort, damit er ihnen

Nachrichten über den Stand der Angelegenheiten in Unyanyembé gebe,

nach denen sie sich so sehr sehnten. Sayd bin Madschid war der Vater

des tapfern jungen Mannes, den ich in Masange gesehen, der mit mir in

Zimbizo gekämpft und von Mirambo’s Ruga-Ruga im Walde von Wilyankuru

getödtet worden war; und da er wusste, dass ich dabei gewesen, wünschte

er dringend die Geschichte des Kampfes zu hören; auch alle übrigen

hatten Freunde in Unyanyembé, und natürlich erwarten sie sehnsüchtig

Nachrichten über dieselben.

Nachdem ich Bombay und Asmani Befehl gegeben hatte, die Leute der

Expedition mit Essen zu versehen, rief ich „Kaif-Halek“ oder „Wie geht

es Ihnen?“ und stellte ihn Dr. Livingstone als einen der Soldaten

vor, der die in Unyanyembé liegenden Güter zu hüten gehabt und den

ich gezwungen hatte, mich nach Udschidschi zu begleiten, damit er

persönlich seinem Herrn den Briefbeutel, den ihm Dr. Kirk anvertraut,

übergeben könne. Dies war der berühmte mit dem Datum vom 1. November

1870 bezeichnete Beutel, der dem Doctor jetzt, 305 Tage, nachdem

er Zanzibar verlassen, übergeben wurde. Wie lange wäre er wol noch

in Unyanyembé geblieben, wenn ich nicht den grossen Reisenden in

Central-Afrika aufgesucht hätte?

Der Doctor behielt seinen Briefbeutel auf den Knien, dann öffnete er

ihn sofort, sah sich die Briefe, die in demselben enthalten waren, an

und las ein paar von seinen Kindern, wobei sich sein Gesicht aufhellte.

Darauf bat er mich, ihm Nachrichten zu geben.

„Nein, Doctor,“ sagte ich, „lesen Sie erst Ihre Briefe, auf die Sie

gewiss ungeduldig sind.“

„Ach,“ sagte er, „ich habe Jahre lang auf Briefe gewartet und habe

Geduld gelernt. Da kann ich wirklich noch ein paar Stunden warten.

Nein, erzählen Sie mir erst die allgemein interessanten Neuigkeiten.

Was passirt in der Welt?“

„Vermuthlich wissen Sie schon, dass der Suezkanal zur Thatsache

geworden, dass er eröffnet ist und jetzt ein regelmässiger Handel

zwischen Europa und Indien durch denselben getrieben wird?“

„Ich habe von seiner Eröffnung nichts gehört. Das ist etwas

Grossartiges. Nun, was noch?“

Bald darauf befand ich mich in der Rolle einer Jahreschronik

ihm gegenüber. Ich brauchte nichts zu übertreiben oder ihm

Sensationsnachrichten zu geben. Die Welt hatte in den letzten Jahren

viel gesehen und erfahren. Die Pacific-Eisenbahn war vollendet worden;

Grant war Präsident der Vereinigten Staaten geworden; Aegypten war von

Gelehrten überflutet worden; die Revolution von Kreta war beendet;

eine Revolution hatte Isabella vom spanischen Throne getrieben und

einen Regenten an ihre Stelle gesetzt. General Prim war ermordet;

Castelar hatte Europa mit seinen Fortschrittsideen über die Freiheit

des Cultus electrisirt; Preussen hatte Dänemark gedemüthigt und

Schleswig-Holstein annectirt und seine Armeen befanden sich jetzt um

Paris. Der „Schicksalsmann“ war ein Gefangener in Wilhelmshöhe, die

Königin der Mode und Kaiserin der Franzosen befand sich auf der Flucht

und das im Purpur geborene Kind hatte auf immer die für sein Haupt

bestimmte Kaiserkrone verloren. Die Napoleonische Dynastie war durch

die Preussen, Bismarck und Moltke, vernichtet und das stolze Kaiserthum

Frankreich in den Staub getreten.

Wozu hätte man diese Thatsachen noch zu übertreiben brauchen? Welch

grosse Menge Nachrichten war das für jemand, der aus den Tiefen der

Urwälder von Manyuema herauskam! Der Widerschein des glänzenden Lichtes

der Civilisation strahlte auf Livingstone, als er sich verwundert

eines der alleraufregendsten Blätter der Geschichte erzählen liess.

Wie schwanden die kleinen Thaten der Barbaren vor diesen dahin. Wer

konnte wissen, von welch neuen Sorgen und Unruhen Europa eben jetzt

heimgesucht werde, wo wir, seine beiden vereinsamten Kinder, die

Geschichte der letzten Ruhmesthaten und Leiden desselben besprachen.

Würdiger hätte sie wol ein lyrischer Demodocus erzählt, doch spielte in

Ermangelung des Dichters der Zeitungscorrespondent seine Rolle so gut

und wahr als möglich.

Kurz nachdem die Araber fort waren, wurde uns von Sayd bin Madschid

eine Schüssel heisser Fleischpasteten, von Mohammed bin Sali ein

gewürztes Huhn, sowie von Muini Kheri eine Schüssel gekochtes

Ziegenfleisch mit Reis zugeschickt. So kamen Geschenke von

Nahrungsmitteln der Reihe nach an und wir machten uns ebenso rasch, wie

sie gebracht wurden, an dieselben. Ich hatte eine gesunde, kräftige

Verdauung und die Bewegung, die ich mir gemacht, hatte sie in guten

Stand gesetzt; doch auch Livingstone, der sich darüber beklagt hatte,

er habe keinen Appetit, sein Magen weise alles ausser einer Tasse Thee

ab, ass wie ein kräftiger, hungriger Mann, und als er die Pfannkuchen

mit mir um die Wette verzehrte, wiederholte er immer: „Sie haben mir

neues Leben gebracht!“

„Wahrhaftig!“ sagte ich, „ich habe etwas vergessen. Rasch, Selim,

bring uns die Flasche, Du weisst welche, und die silbernen Becher.

Diese Flasche habe ich blos für diesen Fall mitgebracht, von dem ich

hoffte, dass er eintreten werde, obgleich mir meine Hoffnung oft eitel

erschienen ist.“

Selim wusste die Flasche Sillery-Champagner zu finden und kehrte bald

damit zurück. Ich gab dem Doctor einen silbernen Becher, gefüllt mit

dem erheiternden Weine und sagte, indem ich etwas davon in meinen

Becher goss: „Dr. Livingstone, auf Ihr Wohl!“

„Auf das Ihrige!“ antwortete er, und der Champagner, den ich für

dieses glückliche Zusammentreffen aufbewahrt, wurde mit herzlichsten

gegenseitigen Segenswünschen getrunken.

Wir plauderten und plauderten weiter; den ganzen Nachmittag wurden

uns allerlei Speisen zugetragen. Jedesmal, wenn neue kamen, assen wir

weiter, bis ich vollständig gesättigt und auch Livingstone genöthigt

war einzugestehen, dass er ebenfalls genügend habe. Dabei befand sich

Halimah, Livingstone’s Köchin, in einem Zustande grosser Aufregung.

Sie hatte nämlich den Kopf wiederholt zur Küche herausgesteckt, um

sich zu überzeugen, dass wirklich zwei Weisse dort auf der Veranda

sässen, wo sonst gewöhnlich nur einer sich befand, der nichts essen

wollte oder konnte. Sie hatte gefürchtet, ihr Herr wisse ihre Kochkunst

nicht genügend zu schätzen, war aber jetzt über die ungeheure Menge

verzehrter Speisen sehr verwundert und zugleich entzückt. Wir hörten,

wie sie mit grosser Zungenfertigkeit die erstaunte Menge, die vor der

Küche hielt, mit ihren Neuigkeiten erbaute. Die gute, treue Seele!

Während wir ihr lautes Geschwätz mit anhörten, berichtete der Doctor

über ihre treuen Dienste und die furchtbare Angst, die sie an den Tag

gelegt, als unsere Flinten zuerst die Ankunft eines zweiten Weissen in

Udschidschi ankündigten. Er erzählte mir, wie sie im Zustande höchster

Aufregung aus der Küche zu ihm und dann wieder auf den freien Platz

gelaufen sei, die verschiedensten Fragen aufwerfend; wie sie über die

spärliche Einrichtung ihrer Speisekammer, ihre dürftigen Vorräthe

in Verzweiflung gerathen und besorgt gewesen sei, ihre Armuth durch

glänzendes Auftreten zu verdecken und den Weissen durch eine Art

Barmekidenfest zu begrüssen. „Ist er denn nicht einer der unsern?“

sagte sie. „Bringt er uns nicht viel Tuch und Perlen? Sprecht mir nur

nicht von den Arabern! Wie kann man Araber mit Weissen vergleichen?“

Wir, Livingstone und ich, unterhielten uns über gar vieles, namentlich

über seine unmittelbaren Sorgen und die Enttäuschung, die er bei seiner

Ankunft in Udschidschi erlebt, als man ihm mittheilte, dass alle seine

Waaren verkauft und er dadurch zum armen Mann geworden sei. Es waren

nur noch etwa zwanzig Tücher von dem ganzen Vorrath übrig, den er dem

Trunkenbold Scherif, dem Halbblutschneider, welchem der britische

Consul die Güter anvertraut, in Verwahrung gegeben hatte. Ausserdem war

er von einem Ruhranfall heimgesucht worden und befand sich in einem

sehr beklagenswerthen Zustande. Er war noch keineswegs hergestellt,

obgleich er heute gut gegessen hatte und sich schon kräftiger und

besser zu fühlen begann.

Auch dieser für mich so glückliche Tag neigte sich schliesslich, wie

alle andern, seinem Ende zu. Wir sassen mit unsern Gesichtern gen Osten

gewandt, wie Livingstone es Tage lang vor meiner Ankunft gethan, und

beobachteten die dunkeln Schatten, welche über dem Palmenhain jenseits

des Dorfes und dem Wall von Bergen, den wir an jenem Tage überstiegen,

daherzogen und diese jetzt rasch in der Dunkelheit verschwinden

liessen. Wir lauschten mit dankbarem Herzen gegen den grossen Geber

alles Glücks und Segens, dem lauten Donner der Wasser des Tanganika und

dem Chor der Nachtinsekten. So vergingen die Stunden und wir sassen

noch immer mit den merkwürdigen Ereignissen des Tages beschäftigt, als

es mir einfiel, dass der Reisende seine Briefe noch nicht gelesen habe.

„Doctor,“ sagte ich, „Sie würden wol besser daran thun, Ihre Briefe zu

lesen. Ich will Sie nicht länger aufhalten.“

„Ja,“ erwiderte er, „es wird spät und ich will meine Briefe lesen. Gute

Nacht! Gott segne Sie!“

„Gute Nacht, mein theurer Doctor, und lassen Sie mich hoffen, dass die

Nachrichten, welche Sie bekommen, Ihnen recht erwünscht sein mögen.“

Und jetzt, theurer Leser, nachdem ich Dir in kurzem berichtet, „wie ich

Livingstone fand“, sage ich auch Dir „Gute Nacht.“

[1] 4 Fundo = 40 Halsbänder, 1 Fundo = 10 Halsbänder.

[2] Halsbänder.

[3] „Dieser Engländer war, wie ich später fand, ein Militär, welcher

aus Indien in seine Heimat zurückkehrte und die Wüste hier

durchzog, um nach Palästina zu kommen. Ich meinerseits war

ziemlich direct aus England gekommen und wir sahen uns

hier in der Wüste ungefähr auf dem halben Wege von unsern

Ausgangspunkten. Als wir uns einander näherten, entstand

die Frage, ob wir uns anreden sollten. Ich hielt es für

wahrscheinlich, dass der Fremde mich anreden könne und wenn er

das thäte, war ich ganz bereit, so gemüthlich und gesprächig

zu sein, als es meine Natur erlaubte. Trotzdem fiel mir

nichts besonderes ein, was ich ihm zu sagen hätte. Natürlich

entschuldigt unter civilisirten Leuten dieser Umstand das

Schweigen nicht; ich war aber scheu und träge und hatte keine

grosse Lust, anzuhalten und mitten in diesen weiten Einöden wie

bei einer Visite Conversation zu machen. Der Reisende mochte

wol ähnliche Empfindungen durchmachen, denn mit Ausnahme einer

stummen Begrüssung, die im Heben der Hand an die Mütze und

höflichem Armschwenken bestand, gingen wir aneinander vorbei, als

ob wir uns mitten in London befänden.“

~Kinglake’s~ _Eothen_.

[Illustration: UNSER HAUS IN UDSCHIDSCHI.]

Wie ich Livingstone fand; Zweiter Band · 第 36 / 88 题