14. =Freiberg-Oederan= (17 km). =Flöha= (10 km). =Chemnitz= (12½ km).

Die Bahn überwindet mit geringen Curven die kleinen Terrainfalten der

Freiberger Hochebene, bis sie vor Oederan in eine bewegtere Gegend

gelangt, deren Mittelpunkt die stattliche Augustusburg bildet.

=Oederan.= Hirsch. Deutsches Haus. Bellevue. Garküche. Rest.:

Rathskeller. Kögel. Günther. 5850 Einw. 383 m ü. M. Flanell- und

Tuchfabriken. Anmuthige Lage. Nur 3 km entfernt über das hochgelegene

Rittergut Börnichen liegt die 482 m hohe =Schönerstädter Höhe=, welche

ihrer prächtigen Aussicht wegen neuerdings viel besucht wird.

Die Bahn windet sich hinab an die Gehänge des Flöhathals,

überschreitet bei =Hetzdorf= auf dem imposanten =Hetzdorfer

Viaduct= die Flöha und zugleich die Flöhathalbahn. Die Brücke

zeigt sich am Besten kurz nach Passierung derselben am rechten

Waggonfenster.

=Flöha=, ein weitgebautes Dorf im prächtigen Thalkessel am

Zusammenfluss der Flöha und Zschopau. Sitz einer Amtshauptmannschaft.

Die Kirche wurde vom Prof. Arnold restaurirt. Goth. Kreuzgewölbe.

Herrlicher Altarschrein und schöne Kanzelverzierung. Flöha mit dem

nahen Plaue ist ein bedeutender Bahnknotenpunkt für die Annaberger,

Flöhathal und Chemnitz-Freiberger Linie.

Bei der Weiterfahrt zeigt sich links Augustusburg und rechts Schloss

Lichtenwalde. In Wiesa zweigt die Linie Frankenberg-Hainichen ab.

=Chemnitz.= Droschken: 1 Pers. 50 Pf., 2 Pers. 60 Pf. Pferdebahn nach

dem Innern der Stadt wie auch nach der Zwickauer Vorstadt.

+Gasthöfe+: Römischer Kaiser, Marktplatz. Stadt Gotha, Johannisplatz.

Stadt Berlin, Langestrasse. Hotel Reichold, am Bahnhof. Drei Schwäne,

Langestr. Hotel de Saxe, Klosterstr. Hirsch, Langestr. Stadt Nürnberg,

Neustädter Markt. Küttners Hotel, Wiesenstrasse. Anker, neue

Dresdner Strasse. Stadt Wien, Klosterstrasse. Helm, Klosterstrasse.

Centralherberge, Zschopauerstrasse.

+Wirthschaften+: Mosellasaa. (Grösseres Vergnügungslocal in orient.

Styl.) Kaisersaal, Langestrasse. Alicke in Stadt Wien. Barthel,

Langestrasse (auch Café und Conditorei). Ewald, Johannisgasse.

Johannisgarten, Königstrasse. Starkbesuchte Sommerrestaurants:

Letzter Seufzer, Stollberger Strasse. Tivoligarten, am Tivolitheater.

Kesselgarten, auf dem Schloss, nebenan Schlossrestaurant. Baums

Restaurant an der Zschopauerstrasse. Renom. Weinstube, Hartenstein,

Bretgasse.

+Cafés+: Barthel, Langestrasse. Lincke, Königstrasse. Pick,

Poststrasse. Jakob, Zwickauerstrasse. Kretschmar, Klosterstrasse.

+Bäder+: Hedwigbad an der Klostermühle. (Dampf- u. Wannenbäder.

Irisch-röm. Bäder. Rest.) Peters Bad, Nicolaistr. (Wannenbäder.)

Helenenbad, Zschopauerstrasse.

Chemnitz (von Camennicze, zu deutsch Steinbach) liegt im weiten

Chemnitzthal, 294 m hoch. Die Einwohnerzahl ist seit Einbezirkung von

Schlosschemnitz auf 96000 gestiegen, zudem ist die Stadt die Centrale

einer sehr stark bevölkerten Umgegend. Die Gewerbthätigkeit ist eine

ganz ausserordentliche; hauptsächlich florirt der Fabrikbetrieb, doch

ist die Hausindustrie gleichfalls bedeutend. Die reichliche Hälfte wird

für den Export erzeugt, namentlich sind es Russland, Oestreich, die

Türkei, die skandinavischen Länder und Nord- und Südamerika, welche

die bedeutendsten Absatzmärkte für Chemnitz und die Chemnitzer Gegend

darstellen. Das nordamerikanische Consulat in Chemnitz weist den

stärksten Verkehr unter allen Consulaten der Union im Deutschen Reiche

auf. Der Güterverkehr in den Ladehallen, weitaus der stärkste Sachsens,

hat einen wahrhaft cosmopolitischen Charakter. Gegen 80 Güterzüge

täglich schleppen das Rohmaterial aus allen Winkeln Europas und allen

Erdtheilen herbei und führen die Waaren dahin zurück. Chemnitz nennt

mehr schwimmende Güter sein Eigen, wie so manche mittelgrosse Seestadt.

Unter den deutschen Industriestädten, welche der englischen Industrie

auf dem Weltmarkt Parole geboten, steht zweifellos Chemnitz obenan.

+Geschichtliches.+ Das Kloster Chemnitz wurde im 12. Jahrhundert durch

König Lothar begründet und dieses auf dem nahen Schlossberg gelegene

Benedictinerstift mag auch die Begründung der Stadt veranlasst

haben. Das Marktrecht datirt vom Jahre 1143 und ward ertheilt durch

Konrad III. Dauernd unter die Wettiner kam die Stadt 1410, womit die

Reichsunmittelbarkeit ihr Ende fand. In den Hussitenkriegen ward sie

zweimal, 1429 und 1430 vergeblich belagert. Chemnitz, unbetheiligt

an dem ausgedehnten erzgeb. Bergbau, mag schon früh der Industrie

zugedrängt worden sein, boten doch die Bergstädte selbst ein dankbares

Absatzfeld. Im 30jähr. Krieg verfiel auch Chemnitz dem allgemeinen

Ruin, vor welchem sie selbst ein wirthschaftlich höchst wichtiges

Bleichprivileg, das sie vor ihren Nachbarstädten voraus hatte, nicht

schützen konnte. Die Periode der Grossindustrie begann mit der

Einführung der Baumwollspinnmaschiene; auf diese stützte sich die

Weberei und Strumpfwirkerei, auch für die Zeugdruckerei bildete die

Spinnerei den Lebensnerv. Die weitere Folge war ein vielseitiger

Maschinenbau, der nothwendig entstehen musste. Die bürgerlichen Gewerbe

hoben sich natürlich mit den Hauptbranchen und zu diesen gesellen sich

eine zahllose Menge Nebenbranchen.

Im Anfang dieses Jahrhunderts zählte Chemnitz 9000 Einw., heute

hausen nahezu 11 mal mehr Menschen auf derselben Scholle und finden

ein reichlicheres Brod wie die 9000 von damals. Chemnitz ist übrigens

der Knotenpunkt von 8 Eisenbahnen, eine Zahl, die nur von wenigen

Grossstädten im Reich übertroffen wird.

Sehenswürdigkeiten.

=Industrien.= Voran ist hier die =Sächs. Maschinenfabrik= zu stellen,

von dem genialen Richard Hartmann gegründet, einem Selfmen von grossem

wirthschaftlichen Scharfblick und Talenten († 1879). Gegen 3000

Arbeiter. Locomotivenbau, Werkzeugmaschinenbau und Maschinenbau für

fast alle Textilbranchen. Gewöhnliche Dampfmaschinen, Schiffs- und

Bergdampfmaschinen.

Die Chemnitzer =Werkzeugmaschinenfabrik=, gegründet von Joh.

von Zimmermann (gleichfalls ein Selfmen). Hochrenomirt in der

Werkzeugbranche. Holzbearbeitungsmaschinen sind eine Spezialität der

Fabrik. Die =Schönherr'sche Webstuhlfabrik= gehört zu den grössten in

ihrer Art. Der Schönherr'sche Webstuhl ist in der Weberei epochemachend

gewesen. Grossartige Webfabriken sind: Robert Hösel, Lose, Marbach

u. Weigel. Die =Actienspinnerei=, die grösste Spinnerei Sachsens,

zählt 65000 Spindeln. Die grössten Strumpf- und Handschuhfabriken sind

die von Esche, Hecker und Gulden. Strassendampfwagen baut Michaelis.

Viele der grösseren Chemnitzer Firmen haben ihre Etablissements in

der Umgebung, so die Firmen Clauss und Hauschild. Die =Permanente

Industrieausstellung= von Hermann Findeisen an der Zschopauerstr.

gewährt einen umfassenden Ueberblick über die Chemnitzer und erzgeb.

Industrie.

=Sehenswerthe Bauten= besitzt die schnell aufgeschossene Stadt noch

nicht sehr viele. Die goth. =Johanniskirche= stammt aus kath. Zeit und

zeigt edle Formen, namentlich im Innern. Diese Kirche wurde in den

jüngsten Jahren durch Baumeister Altendorf renovirt. Das =Rathhaus=

neben der Kirche ist ein spätgoth. Bau. Auf der Klosterstrasse im

Klosterhof befindet sich in einem Hintergebäude das intr. Portal des

alten Chemnitzer Nonnenklosters eingemauert. Die =Adlerapotheke= am

Markt verdient als ein mittelalterlicher Bau gleichfalls Beachtung. Für

die prächtige Zimmermannsche Villa am Bahnhof lieferte ein Osnabrücker

Bürgerhaus das Modell. Am Schillerplatz liegt die neue =Gewerbeschule=

und die =Actienspinnerei=, die als industrieller Monumentalbau gelten

kann. Gleich imposant durch seine Lage wie durch seine Grösse ist auch

das neue =Justizgebäude= auf dem Kassberg.

Die =Schlosskirche= über dem Schlossteich besitzt ein originelles

Architecturstück von kunsthistorischem Werth; es ist das ein Portal,

bei welchem gemeisselte Baumstämme mit Zweigverschlingungen eine

phantastische Architectur darstellen. Das ganze erscheint gefällig und

leicht und ermangelt keineswegs der statischen Wirkung. Im Innern der

restaurirten Kirche, die einst Klosterkirche des Benedictinerstiftes

war, die Kreuzigung Christi, eine stark realistische Figurengruppe in

Lebensgrösse aus +einem+ Eichstamm geschnitzt.

Die =Kunsthütte= an der Annaberger Strasse. Geöffnet Donnerstags

und Sonntags von 10 bis 3 Uhr. (Donnerstags mit Ausschluss der

Mittagsstunde.) Eintritt frei. Ausser der Zeit öffnet der Castellan. 50

Pf. Trinkgeld. Kunsthütte nennt sich ein Verein für Kunstpflege, der in

genanntem Gebäude eine Ausstellung von eigenen und von verkäuflichen

Gemälden unterhält. U. A. Harlekin von Gönne. (Bedeutendes Bild.)

Das =Museum des Geschichtsvereins= befindet sich gleichfalls im Gebäude

der Kunsthütte. Geöffnet Sonntags von 10 bis 12 Uhr. Eintritt frei.

Von Kunstwerth ist eine Grablegung, ein grosses Schnitzwerk aus den

Mittelalter, zu nennen. (Entstammt der Johanneskirche.) Ausserdem

vieles von localgeschichtlichem Werth.

Das =Naturalienkabinet= ist ebenfalls im Gebäude der Kunsthütte

untergebracht. Sonntags von 10 bis 12 Uhr. Eintritt frei. Interessant

durch viele Versteinerungen aus der geologisch merkwürdigen Chemnitzer

Umgebung.

Die =Stadtbibliothek= im alten Rathhaus besitzt 15000 Bände, die meist

durch Geschenke zusammengebracht worden sind. (Montag und Freitag von 5

bis 7 Uhr geöffnet. Bibliothekar Dr. König.)

Die =Gewerbe-= und =Bauschule= mit Baugewerken und Werkmeisterschule

verbunden, besitzt intr. Modellsammlungen.

=Denkmäler.= Das =Beckerdenkmal= an der Poststrasse zeigt den

Grossindustriellen Becker in Ueberlebensgrösse. Derselbe war

ein Pfarrerssohn aus der Pulsnitzer Gegend und schwang sich vom

vermögenslosen Kaufmannsdiener zum Fabrikbesitzer empor; er war ein

edler Menschenfreund und nahm sich besonders in theueren Zeiten durch

Brod- und Getreidevertheilung des Volkes warm an. Das =Kriegerdenkmal=

am Theaterplatz ist von Händel modellirt. Schlanke Säule mit Victoria.

Am Schaft die Medaillonportraits von Kaiser Wilhelm, König Albert,

Bismarck und Moltke. Unfern davon in den Promenaden steht in Form

eines Denkmals ein versteinerter Baumstamm, ein besonders schönes

Exemplar einer Araucaria, wie sie sich in der Umgegend sehr häufig

finden. Wurde 1862 beim Bau der Stiftstrasse ausgegraben. (Im Hof

der Kunsthütte liegt ein noch grösseres Exemplar.) Das =Vater

Augustdenkmal= am Schillerplatz ist eine sehr bescheidene Büste auf

einem essenkopfartigen Granitwürfel, die dem imposanten Platz wenig

angemessen erscheint. An der Webschule befindet sich das Standbild des

Erfinders der Jaquardmaschine, Jaquard.

=Spaziergänge.= In der Stadt selbst verdient vor Allem der sehr

grosse =Schillerplatz= mit seinen prächtigen Anlagen einen Besuch.

Instructiver ist freilich ein Gang auf den =Katzberg=, der die Stadt

in ihrer ganzen Ausdehnung zeigt. Am Fuss des Berges an der Bierbrücke

Rest. Am beliebtesten ist der Spaziergang nach dem =Schlossteich=,

auf die =Schlossteichinsel= und auf das =Schloss=. Hier liegen die

Schlosskirche (s. S. 58.) und einige alte Bauten, die Ueberreste

des alten Benedictinerklosters und zwei Restaurants mit höchst

anmuthiger Aussicht auf den Schlossteich und auf die Stadt mit ihrer

reichangebauten Umgebung. (Die Küche im Kesselgarten zeigt noch ein

Stück von dem alten gothischen Kreuzgang des Klosters.) Ein ebenfalls

beliebter Spaziergang in entgegengesetzter Richtung ist an der Chemnitz

aufwärts durch =Sachsens Ruhe=. Der Weg führt später zum =Wind=

(Rest.) empor und auf der aussichtsreichen Stollberger Strasse nach

der Stadt zurück. Hübsche Blicke auf die Stadt gewähren auch noch die

Zschopauer Strasse bis zu =Baums Rest.= und die Dresdner Strasse bis

zum =Waldschlösschen=, welches letztere freilich 3 km von der Stadt

entfernt liegt.

Kleinere Touren ab Chemnitz.

Gampe's Erzgebirge mit Einschluss der böhmischen Bäder Teplitz, Karlsbad, Franzensbad und Marienbad, des Voigtlandes und des Granulitgebietes an den unteren Mulden. Ein Reisehandbuch · 第 28 / 47 题