Die Bahn überwindet mit geringen Curven die kleinen Terrainfalten der
Freiberger Hochebene, bis sie vor Oederan in eine bewegtere Gegend
gelangt, deren Mittelpunkt die stattliche Augustusburg bildet.
=Oederan.= Hirsch. Deutsches Haus. Bellevue. Garküche. Rest.:
Rathskeller. Kögel. Günther. 5850 Einw. 383 m ü. M. Flanell- und
Tuchfabriken. Anmuthige Lage. Nur 3 km entfernt über das hochgelegene
Rittergut Börnichen liegt die 482 m hohe =Schönerstädter Höhe=, welche
ihrer prächtigen Aussicht wegen neuerdings viel besucht wird.
Die Bahn windet sich hinab an die Gehänge des Flöhathals,
überschreitet bei =Hetzdorf= auf dem imposanten =Hetzdorfer
Viaduct= die Flöha und zugleich die Flöhathalbahn. Die Brücke
zeigt sich am Besten kurz nach Passierung derselben am rechten
Waggonfenster.
=Flöha=, ein weitgebautes Dorf im prächtigen Thalkessel am
Zusammenfluss der Flöha und Zschopau. Sitz einer Amtshauptmannschaft.
Die Kirche wurde vom Prof. Arnold restaurirt. Goth. Kreuzgewölbe.
Herrlicher Altarschrein und schöne Kanzelverzierung. Flöha mit dem
nahen Plaue ist ein bedeutender Bahnknotenpunkt für die Annaberger,
Flöhathal und Chemnitz-Freiberger Linie.
Bei der Weiterfahrt zeigt sich links Augustusburg und rechts Schloss
Lichtenwalde. In Wiesa zweigt die Linie Frankenberg-Hainichen ab.
=Chemnitz.= Droschken: 1 Pers. 50 Pf., 2 Pers. 60 Pf. Pferdebahn nach
dem Innern der Stadt wie auch nach der Zwickauer Vorstadt.
+Gasthöfe+: Römischer Kaiser, Marktplatz. Stadt Gotha, Johannisplatz.
Stadt Berlin, Langestrasse. Hotel Reichold, am Bahnhof. Drei Schwäne,
Langestr. Hotel de Saxe, Klosterstr. Hirsch, Langestr. Stadt Nürnberg,
Neustädter Markt. Küttners Hotel, Wiesenstrasse. Anker, neue
Dresdner Strasse. Stadt Wien, Klosterstrasse. Helm, Klosterstrasse.
Centralherberge, Zschopauerstrasse.
+Wirthschaften+: Mosellasaa. (Grösseres Vergnügungslocal in orient.
Styl.) Kaisersaal, Langestrasse. Alicke in Stadt Wien. Barthel,
Langestrasse (auch Café und Conditorei). Ewald, Johannisgasse.
Johannisgarten, Königstrasse. Starkbesuchte Sommerrestaurants:
Letzter Seufzer, Stollberger Strasse. Tivoligarten, am Tivolitheater.
Kesselgarten, auf dem Schloss, nebenan Schlossrestaurant. Baums
Restaurant an der Zschopauerstrasse. Renom. Weinstube, Hartenstein,
Bretgasse.
+Cafés+: Barthel, Langestrasse. Lincke, Königstrasse. Pick,
Poststrasse. Jakob, Zwickauerstrasse. Kretschmar, Klosterstrasse.
+Bäder+: Hedwigbad an der Klostermühle. (Dampf- u. Wannenbäder.
Irisch-röm. Bäder. Rest.) Peters Bad, Nicolaistr. (Wannenbäder.)
Helenenbad, Zschopauerstrasse.
Chemnitz (von Camennicze, zu deutsch Steinbach) liegt im weiten
Chemnitzthal, 294 m hoch. Die Einwohnerzahl ist seit Einbezirkung von
Schlosschemnitz auf 96000 gestiegen, zudem ist die Stadt die Centrale
einer sehr stark bevölkerten Umgegend. Die Gewerbthätigkeit ist eine
ganz ausserordentliche; hauptsächlich florirt der Fabrikbetrieb, doch
ist die Hausindustrie gleichfalls bedeutend. Die reichliche Hälfte wird
für den Export erzeugt, namentlich sind es Russland, Oestreich, die
Türkei, die skandinavischen Länder und Nord- und Südamerika, welche
die bedeutendsten Absatzmärkte für Chemnitz und die Chemnitzer Gegend
darstellen. Das nordamerikanische Consulat in Chemnitz weist den
stärksten Verkehr unter allen Consulaten der Union im Deutschen Reiche
auf. Der Güterverkehr in den Ladehallen, weitaus der stärkste Sachsens,
hat einen wahrhaft cosmopolitischen Charakter. Gegen 80 Güterzüge
täglich schleppen das Rohmaterial aus allen Winkeln Europas und allen
Erdtheilen herbei und führen die Waaren dahin zurück. Chemnitz nennt
mehr schwimmende Güter sein Eigen, wie so manche mittelgrosse Seestadt.
Unter den deutschen Industriestädten, welche der englischen Industrie
auf dem Weltmarkt Parole geboten, steht zweifellos Chemnitz obenan.
+Geschichtliches.+ Das Kloster Chemnitz wurde im 12. Jahrhundert durch
König Lothar begründet und dieses auf dem nahen Schlossberg gelegene
Benedictinerstift mag auch die Begründung der Stadt veranlasst
haben. Das Marktrecht datirt vom Jahre 1143 und ward ertheilt durch
Konrad III. Dauernd unter die Wettiner kam die Stadt 1410, womit die
Reichsunmittelbarkeit ihr Ende fand. In den Hussitenkriegen ward sie
zweimal, 1429 und 1430 vergeblich belagert. Chemnitz, unbetheiligt
an dem ausgedehnten erzgeb. Bergbau, mag schon früh der Industrie
zugedrängt worden sein, boten doch die Bergstädte selbst ein dankbares
Absatzfeld. Im 30jähr. Krieg verfiel auch Chemnitz dem allgemeinen
Ruin, vor welchem sie selbst ein wirthschaftlich höchst wichtiges
Bleichprivileg, das sie vor ihren Nachbarstädten voraus hatte, nicht
schützen konnte. Die Periode der Grossindustrie begann mit der
Einführung der Baumwollspinnmaschiene; auf diese stützte sich die
Weberei und Strumpfwirkerei, auch für die Zeugdruckerei bildete die
Spinnerei den Lebensnerv. Die weitere Folge war ein vielseitiger
Maschinenbau, der nothwendig entstehen musste. Die bürgerlichen Gewerbe
hoben sich natürlich mit den Hauptbranchen und zu diesen gesellen sich
eine zahllose Menge Nebenbranchen.
Im Anfang dieses Jahrhunderts zählte Chemnitz 9000 Einw., heute
hausen nahezu 11 mal mehr Menschen auf derselben Scholle und finden
ein reichlicheres Brod wie die 9000 von damals. Chemnitz ist übrigens
der Knotenpunkt von 8 Eisenbahnen, eine Zahl, die nur von wenigen
Grossstädten im Reich übertroffen wird.
Sehenswürdigkeiten.
=Industrien.= Voran ist hier die =Sächs. Maschinenfabrik= zu stellen,
von dem genialen Richard Hartmann gegründet, einem Selfmen von grossem
wirthschaftlichen Scharfblick und Talenten († 1879). Gegen 3000
Arbeiter. Locomotivenbau, Werkzeugmaschinenbau und Maschinenbau für
fast alle Textilbranchen. Gewöhnliche Dampfmaschinen, Schiffs- und
Bergdampfmaschinen.
Die Chemnitzer =Werkzeugmaschinenfabrik=, gegründet von Joh.
von Zimmermann (gleichfalls ein Selfmen). Hochrenomirt in der
Werkzeugbranche. Holzbearbeitungsmaschinen sind eine Spezialität der
Fabrik. Die =Schönherr'sche Webstuhlfabrik= gehört zu den grössten in
ihrer Art. Der Schönherr'sche Webstuhl ist in der Weberei epochemachend
gewesen. Grossartige Webfabriken sind: Robert Hösel, Lose, Marbach
u. Weigel. Die =Actienspinnerei=, die grösste Spinnerei Sachsens,
zählt 65000 Spindeln. Die grössten Strumpf- und Handschuhfabriken sind
die von Esche, Hecker und Gulden. Strassendampfwagen baut Michaelis.
Viele der grösseren Chemnitzer Firmen haben ihre Etablissements in
der Umgebung, so die Firmen Clauss und Hauschild. Die =Permanente
Industrieausstellung= von Hermann Findeisen an der Zschopauerstr.
gewährt einen umfassenden Ueberblick über die Chemnitzer und erzgeb.
Industrie.
=Sehenswerthe Bauten= besitzt die schnell aufgeschossene Stadt noch
nicht sehr viele. Die goth. =Johanniskirche= stammt aus kath. Zeit und
zeigt edle Formen, namentlich im Innern. Diese Kirche wurde in den
jüngsten Jahren durch Baumeister Altendorf renovirt. Das =Rathhaus=
neben der Kirche ist ein spätgoth. Bau. Auf der Klosterstrasse im
Klosterhof befindet sich in einem Hintergebäude das intr. Portal des
alten Chemnitzer Nonnenklosters eingemauert. Die =Adlerapotheke= am
Markt verdient als ein mittelalterlicher Bau gleichfalls Beachtung. Für
die prächtige Zimmermannsche Villa am Bahnhof lieferte ein Osnabrücker
Bürgerhaus das Modell. Am Schillerplatz liegt die neue =Gewerbeschule=
und die =Actienspinnerei=, die als industrieller Monumentalbau gelten
kann. Gleich imposant durch seine Lage wie durch seine Grösse ist auch
das neue =Justizgebäude= auf dem Kassberg.
Die =Schlosskirche= über dem Schlossteich besitzt ein originelles
Architecturstück von kunsthistorischem Werth; es ist das ein Portal,
bei welchem gemeisselte Baumstämme mit Zweigverschlingungen eine
phantastische Architectur darstellen. Das ganze erscheint gefällig und
leicht und ermangelt keineswegs der statischen Wirkung. Im Innern der
restaurirten Kirche, die einst Klosterkirche des Benedictinerstiftes
war, die Kreuzigung Christi, eine stark realistische Figurengruppe in
Lebensgrösse aus +einem+ Eichstamm geschnitzt.
Die =Kunsthütte= an der Annaberger Strasse. Geöffnet Donnerstags
und Sonntags von 10 bis 3 Uhr. (Donnerstags mit Ausschluss der
Mittagsstunde.) Eintritt frei. Ausser der Zeit öffnet der Castellan. 50
Pf. Trinkgeld. Kunsthütte nennt sich ein Verein für Kunstpflege, der in
genanntem Gebäude eine Ausstellung von eigenen und von verkäuflichen
Gemälden unterhält. U. A. Harlekin von Gönne. (Bedeutendes Bild.)
Das =Museum des Geschichtsvereins= befindet sich gleichfalls im Gebäude
der Kunsthütte. Geöffnet Sonntags von 10 bis 12 Uhr. Eintritt frei.
Von Kunstwerth ist eine Grablegung, ein grosses Schnitzwerk aus den
Mittelalter, zu nennen. (Entstammt der Johanneskirche.) Ausserdem
vieles von localgeschichtlichem Werth.
Das =Naturalienkabinet= ist ebenfalls im Gebäude der Kunsthütte
untergebracht. Sonntags von 10 bis 12 Uhr. Eintritt frei. Interessant
durch viele Versteinerungen aus der geologisch merkwürdigen Chemnitzer
Umgebung.
Die =Stadtbibliothek= im alten Rathhaus besitzt 15000 Bände, die meist
durch Geschenke zusammengebracht worden sind. (Montag und Freitag von 5
bis 7 Uhr geöffnet. Bibliothekar Dr. König.)
Die =Gewerbe-= und =Bauschule= mit Baugewerken und Werkmeisterschule
verbunden, besitzt intr. Modellsammlungen.
=Denkmäler.= Das =Beckerdenkmal= an der Poststrasse zeigt den
Grossindustriellen Becker in Ueberlebensgrösse. Derselbe war
ein Pfarrerssohn aus der Pulsnitzer Gegend und schwang sich vom
vermögenslosen Kaufmannsdiener zum Fabrikbesitzer empor; er war ein
edler Menschenfreund und nahm sich besonders in theueren Zeiten durch
Brod- und Getreidevertheilung des Volkes warm an. Das =Kriegerdenkmal=
am Theaterplatz ist von Händel modellirt. Schlanke Säule mit Victoria.
Am Schaft die Medaillonportraits von Kaiser Wilhelm, König Albert,
Bismarck und Moltke. Unfern davon in den Promenaden steht in Form
eines Denkmals ein versteinerter Baumstamm, ein besonders schönes
Exemplar einer Araucaria, wie sie sich in der Umgegend sehr häufig
finden. Wurde 1862 beim Bau der Stiftstrasse ausgegraben. (Im Hof
der Kunsthütte liegt ein noch grösseres Exemplar.) Das =Vater
Augustdenkmal= am Schillerplatz ist eine sehr bescheidene Büste auf
einem essenkopfartigen Granitwürfel, die dem imposanten Platz wenig
angemessen erscheint. An der Webschule befindet sich das Standbild des
Erfinders der Jaquardmaschine, Jaquard.
=Spaziergänge.= In der Stadt selbst verdient vor Allem der sehr
grosse =Schillerplatz= mit seinen prächtigen Anlagen einen Besuch.
Instructiver ist freilich ein Gang auf den =Katzberg=, der die Stadt
in ihrer ganzen Ausdehnung zeigt. Am Fuss des Berges an der Bierbrücke
Rest. Am beliebtesten ist der Spaziergang nach dem =Schlossteich=,
auf die =Schlossteichinsel= und auf das =Schloss=. Hier liegen die
Schlosskirche (s. S. 58.) und einige alte Bauten, die Ueberreste
des alten Benedictinerklosters und zwei Restaurants mit höchst
anmuthiger Aussicht auf den Schlossteich und auf die Stadt mit ihrer
reichangebauten Umgebung. (Die Küche im Kesselgarten zeigt noch ein
Stück von dem alten gothischen Kreuzgang des Klosters.) Ein ebenfalls
beliebter Spaziergang in entgegengesetzter Richtung ist an der Chemnitz
aufwärts durch =Sachsens Ruhe=. Der Weg führt später zum =Wind=
(Rest.) empor und auf der aussichtsreichen Stollberger Strasse nach
der Stadt zurück. Hübsche Blicke auf die Stadt gewähren auch noch die
Zschopauer Strasse bis zu =Baums Rest.= und die Dresdner Strasse bis
zum =Waldschlösschen=, welches letztere freilich 3 km von der Stadt
entfernt liegt.
Kleinere Touren ab Chemnitz.