2. Auftritt

Dieselben und Sobatschkin.

Sobatschkin. Maria Alexandrowna, seien Sie großmütig und verzeihen Sie

mir, daß ich so lange nicht bei Ihnen gewesen bin. Aber bei Gott, es war

mir unmöglich. Sie können sich gar nicht denken, wieviel Geschäfte ich

zu erledigen habe ... ich wußte ja, daß Sie böse sein werden,

wahrhaftig, ich wußte es ... (Er erblickt Mischa.) Guten Tag, Bruder,

wie geht's dir?

Maria Alexandrowna (beiseite). Ich finde einfach keine Worte. So ein

Mensch! Und er entschuldigt sich noch, daß er so lange nicht hiergewesen

ist!

Sobatschkin. Ich freue mich, daß Sie so wohl und gesund sind, soweit man

nach dem Aussehen urteilen kann. Und wie steht's mit der Gesundheit

Ihres Herrn Bruders? Ich muß gestehen, daß ich ihn auch hier zu treffen

hoffte.

Maria Alexandrowna. Da hätten Sie doch ihn aufsuchen sollen und nicht

mich.

Sobatschkin (lächelt). Ich bin gerade zu Ihnen gekommen, um Ihnen eine

höchst interessante Anekdote zu erzählen.

Maria Alexandrowna. Ich liebe die Anekdoten nicht.

Sobatschkin. -- Von Natalia Andrejewna Gubomasowa.

Maria Alexandrowna. Was? Von der Gubomasowa? ... (Bemüht sich ihre

Neugier zu verbergen.) Dann ist es wohl erst vor kurzem passiert?

Sobatschkin. In diesen Tagen.

Maria Alexandrowna. Um was handelt es sich denn?

Sobatschkin. Wissen Sie, daß sie ihre Mädchen eigenhändig prügelt?

Maria Alexandrowna. Nein! Was Sie sagen! Oh, was für eine Schande! Ist

es nur möglich?

Sobatschkin. Ich schwöre es Ihnen, erlauben Sie mir, Ihnen den Hergang

zu erzählen. Eines Tages befiehlt sie einem Mädchen, das sich irgend

etwas hatte zuschulden kommen lassen, sich so, wie es sich gehört, aufs

Bett zu legen. Sie selbst geht in ein anderes Zimmer -- ich kann mich

nicht mehr erinnern warum, aber ich glaube, um eine Rute zu holen.

Inzwischen verläßt das Mädchen aus irgendeinem Grunde das Zimmer. Statt

ihrer kommt Natalia Andrejewnas Mann hinein, legt sich aufs Bett und

schläft ein. Natalia Andrejewna erscheint also mit der Rute, befiehlt

einem Mädchen, sich dem auf dem Bett Liegenden auf die Füße zu setzen,

deckt einen Lappen über ihn -- und prügelt ihren eigenen Mann durch.

Maria Alexandrowna (schlägt die Hände zusammen). Mein Gott, welche

Schande! Wie habe ich bis jetzt nur nichts davon erfahren? Aber ich muß

Ihnen gestehen, ich war immer davon überzeugt, daß sie zu so etwas fähig

sei.

Sobatschkin. Selbstverständlich. Ich habe es schon in aller Welt

erzählt. Und da sagt man nun: dies Musterweib! Sie sitzt in ihrem Haus,

beschäftigt sich mit der Erziehung ihrer Kinder und bringt ihnen selbst

englisch bei! ... Eine schöne Erziehung! Jeden Tag prügelt sie ihren

Mann durch wie eine Katze! ... Wahrhaftig, es tut mir leid, aber ich

kann nicht länger bei Ihnen bleiben. (Verbeugt sich.)

Maria Alexandrowna. Warum haben Sie es so eilig, Andrej Kondratjewitsch?

Schämen Sie sich nicht, nachdem Sie so lange nicht bei mir gewesen sind?

... Ich war immer gewöhnt, Sie als Freund des Hauses zu betrachten --

bleiben Sie doch! Ich wollte noch mit Ihnen über etwas sprechen. Hör mal

Mischa, der Wagenbauer wartet in meinem Zimmer auf mich: bitte sprich du

mit ihm. Frage ihn, ob er es übernehmen will, die Kutsche bis zum ersten

wieder in Stand zu setzen. Er soll sie blau anstreichen, mit hellen

Ornamenten -- in der Art wie die Kutsche der Gubomasowa. (Mischa

entfernt sich.)

Maria Alexandrowna. Ich habe meinen Sohn absichtlich weggeschickt, weil

ich mit Ihnen allein reden will. Sagen Sie, wissen Sie etwas darüber, ob

es hier irgendwo einen Alexander Alexandrowitsch Odossimow gibt?

Sobatschkin. Odossimow? ... Odossimow ... Odossimow ... Ich weiß, daß es

irgendwo einen Odossimow gibt ... aber ich kann mich ja genauer

erkundigen.

Maria Alexandrowna. Bitte.

Sobatschkin. Ich erinnere mich ... Ja, ich erinnere mich, es gibt einen

Odossimow, einen Tischvorsteher oder einen Abteilungschef ... ja, ja, es

gibt so einen ...

Maria Alexandrowna. Denken Sie nur, es ist da eine komische Geschichte

passiert ... Sie könnten mir einen großen Dienst erweisen.

Sobatschkin. Sie haben nur zu befehlen. Für Sie bin ich zu allem bereit:

aber das wissen Sie ja selbst!

Maria Alexandrowna. Es handelt sich um folgendes: Mein Sohn hat sich

verliebt ... oder richtiger gesagt, es ist ihm eine wahnsinnige Idee in

den Kopf gekommen ... nun, er ist ein junger Mensch ... mit einem Wort:

er ist in die Tochter dieses Odossimow verliebt.

Sobatschkin. Verliebt? Aber er hat mir doch nichts davon erzählt?

Allerdings, wenn _Sie_ es sagen, wird er wohl verliebt sein.

Maria Alexandrowna. Ich bitte Sie um einen großen Dienst, Andrej

Kondratjewitsch ... Ich weiß, Sie gefallen den Frauen.

Sobatschkin. He he he! Woher wissen Sie das? Aber wirklich, denken Sie

sich nur: in der Fastnachtswoche haben sich sechs Kaufmannsfrauen ...

vielleicht glauben Sie, daß ich ihnen meinerseits irgendwie ... etwa den

Hof gemacht habe oder sonst was ... Ich schwöre Ihnen, nicht einmal

angesehen habe ich sie! Ja noch mehr! Kennen Sie diesen -- wie heißt er

nur gleich -- Jermolay? Jermolay ...? Mein Gott, Jermolay, der in der

Litejnaja wohnte, unweit der Kirotschnaja?

Maria Alexandrowna. Ich kenne dort niemanden.

Sobatschkin. Mein Gott, Jermolay Iwanowitsch, glaub ich -- schlagen Sie

mich tot, aber ich habe den Familiennamen vergessen. Seine Frau ist vor

fünf Jahren in eine peinliche Geschichte verwickelt gewesen ... Sie

kennen sie doch? .. Silphida Petrowna?

Maria Alexandrowna. Durchaus nicht. Ich kenne weder einen Jermolay

Iwanowitsch noch eine Silphida Petrowna.

Sobatschkin. Mein Gott, der in der Nähe von Kuropatkin wohnte!

Maria Alexandrowna. Ich kenne aber auch Ihren Kuropatkin nicht.

Sobatschkin. Nun, Sie werden sich später daran erinnern. Also die

Tochter ist fürchterlich reich. Bis zu zweimalhunderttausend Rubel

Mitgift -- ohne jeden Schwindel! Noch vor der Hochzeit soll man den

Lombardschein in den Händen haben ...

Maria Alexandrowna. Nun, und Sie? Und da haben Sie sie nicht geheiratet?

Sobatschkin. Nein! Drei Tage lang lag der Vater vor mir auf den Knien

und flehte mich an. Die Tochter hat es nicht verwinden können und sitzt

jetzt im Kloster.

Maria Alexandrowna. Und warum haben Sie sie nicht geheiratet?

Sobatschkin. Mein Gott ... Ich sagte mir: der Vater ist

Branntweinpächter, und die Verwandtschaft -- lauter hergelaufene Leute

... Glauben Sie mir, später hat es mir wahrhaftig selbst leid getan. Bei

Gott, hol's der Teufel! Wie diese Welt eingerichtet ist! Überall nichts

wie Konventionen und Rücksichten! Wie viele hat das schon zugrunde

gerichtet!

Maria Alexandrowna. Und warum müssen Sie sich nach der Welt richten?

(Beiseite.) Wahrhaftig, jetzt glaubt jedes emporgekommene Insekt, daß es

ein Aristokrat ist. Der Mensch ist erst Titularrat, -- und man höre nur,

wie er spricht!

Sobatschkin. Nun ja, aber es ging nun einmal nicht, Maria Alexandrowna,

wirklich, es ging nicht ... Sie verstehen, da hätte man gesagt: »Aha,

weiß der Teufel, wen er geheiratet hat ...« Allerdings passieren mir

fortwährend solche Geschichten. Manchmal habe ich wirklich keine Schuld,

von meiner Seite ist durchaus nichts geschehen, aber was soll man

machen? (Spricht leise vor sich hin.) Dann findet man, wenn die Newa

aufgeht, immer zwei bis drei ertrunkene Frauen -- ich schweige lieber

davon, weil man sonst noch in allerlei Geschichten verwickelt wird ...

Ja, man liebt mich -- und warum, frage ich? Man kann doch nicht sagen,

daß mein Gesicht so sehr ...

Maria Alexandrowna. Hören Sie auf! Als ob Sie nicht selbst wüßten, daß

Sie ein schöner Mann sind.

Sobatschkin (lächelt). Stellen Sie sich nur vor: schon als ich noch ein

Knabe war, ging keine an mir vorüber, ohne mich mit dem Finger am Kinn

zu fassen und zu sagen: »Oh, wie schön dieser Schelm ist!«

Maria Alexandrowna (beiseite). Ich bitte! ... Von wegen der Schönheit --

das ist doch ein richtiger Mops! Und das bildet sich ein, daß es schön

sei! (Laut.) Nun, dann hören Sie, Andrej Kondratjewitsch, bei Ihrem

Äußeren wird das leicht zu machen sein. Mein Sohn ist bis zur Narrheit

in das Mädchen verliebt und redet sich ein, daß sie die wahrhafte Güte

und Unschuld ist. Wissen Sie, wäre es nun nicht möglich, ihm das Mädchen

auf irgendeine Art in einem anderen Lichte erscheinen zu lassen? Sie

sozusagen ein bißchen herabzusetzen? ... Wenn auch Sie keinen Eindruck

auf sie machen, so daß sie sich in Sie vergafft ...

Sobatschkin. Seien Sie überzeugt, Maria Alexandrowna, streiten Sie

nicht! Sie wird es: ich lasse mir den Kopf abschlagen, wenn sie sich

nicht in mich verliebt. Oh, Maria Alexandrowna, lassen Sie mich Ihnen

erzählen, mir passierten schon andere Geschichten ... erst in diesen

Tagen ...

Maria Alexandrowna. Wie es auch enden mag -- ob sie sich nun vernarrt

oder nicht: es ist nur notwendig, daß sich in der Stadt das Gerücht

verbreitet, Sie hätten ein Verhältnis mit ihr ... und daß mein Sohn es

erfährt.

Sobatschkin. Ihr Sohn?

Maria Alexandrowna. Jawohl, mein Sohn.

Sobatschkin. Hm.

Maria Alexandrowna. Was -- hm?

Sobatschkin. Oh, nichts. Ich machte nur so: hm.

Maria Alexandrowna. Sie finden vielleicht, daß es zu schwierig für Sie

ist?

Sobatschkin. Oh, nein, gar nicht. Aber diese Verliebten ... Sie glauben

gar nicht, zu welch sinnlosen Dingen und unpassenden Kindereien sie sich

hinreißen lassen: bald sind es Pistolen, bald ... weiß der Teufel, was.

Nicht etwa, daß mich das irgendwie ... aber wissen Sie, es schickt sich

nicht in der guten Gesellschaft.

Maria Alexandrowna. Oh! Was das betrifft, da seien Sie ganz ruhig.

Verlassen Sie sich nur auf mich -- das werde ich schon nicht zulassen.

Sobatschkin. Übrigens war das nur eine Nebenbemerkung. Glauben Sie mir,

Maria Alexandrowna, wenn es sich darum handelte, mein Leben für Sie aufs

Spiel zu setzen: bei Gott, ich würde es mit Vergnügen tun! Ich liebe Sie

so sehr, daß es mir, um die Wahrheit zu sagen, fast etwas peinlich ist:

sie mögen Gott weiß was glauben, und doch ist es nur tiefe Verehrung. --

Ach ja, ausgezeichnet, daß ich mich daran erinnere! Ich wollte Sie

bitten, Maria Alexandrowna, mir auf kurze Zeit zweitausend Rubel zu

leihen. Weiß der Teufel, was ich für ein idiotisches Gedächtnis habe!

Als ich mich anzog, habe ich immerfort daran gedacht: nur die

Brieftasche nicht vergessen! Ich lege sie absichtlich auf den Tisch,

gerade vor meine Augen. Und nun hab' ich alles mitgenommen, hab' die

Tabaksdose mitgenommen und ein zweites Taschentuch -- nur die

Brieftasche ist auf dem Tisch liegen geblieben.

Maria Alexandrowna (beiseite). Was soll ich mit ihm machen? Gebe ich ihm

das Geld, so wird er mich vollends auspressen, gebe ich's ihm nicht, so

wird er in der ganzen Stadt solch einen Unsinn über mich verbreiten, daß

ich mein Gesicht nirgends sehen lassen kann. Das beste ist, daß er noch

behauptet, die Brieftasche vergessen zu haben! Die Brieftasche hast du

bei dir, das weiß ich genau, aber sie ist leer. Doch was soll ich machen

-- man muß ihm das Geld geben. (Laut.) Bitte, Andrej Kondratjewitsch,

warten Sie hier, ich werde es Ihnen gleich bringen.

Sobatschkin. Sehr schön, ich werde mich ein Weilchen hersetzen.

Maria Alexandrowna (während sie weggeht, beiseite). Ohne Geld wird der

Lump ja doch nichts machen.

Sobatschkin (allein). Diese Zweitausend kann ich gerade ausgezeichnet

gebrauchen. Meine Schulden werde ich davon allerdings nicht bezahlen:

der Schuster kann warten, der Schneider kann warten, und Anna Iwanowna

kann auch warten: sie wird natürlich wieder Lärm schlagen, aber was soll

ich machen? Ich kann doch nicht überall mit dem Gelde um mich werfen!

Sie hat an meiner Liebe genug, und was das Kleid betrifft -- da lügt

sie, das _hat_ sie! ... Ich werde es so machen: nächstens wird ein Fest

stattfinden, und wenn mein Wägelchen auch noch neu ist, so kennt es doch

jeder und hat es schon gesehen. Aber ich höre, daß Jochim soeben mit

einem Wagen fertig geworden ist, der ganz nach der letzten Mode gebaut

ist und den er noch niemandem gezeigt hat. Wenn ich diese Zweitausend

noch zu meinem Wagen hinzulege, so werde ich ihn sehr gut dafür

eintauschen können. Ah, wissen Sie, das wird Effekt machen! ... Auf dem

ganzen Fest werden höchstens ein oder zwei solche Wagen zu sehen sein.

Überall wird man dann von mir sprechen ... Inzwischen muß ich allerdings

über Maria Alexandrownas Auftrag nachdenken. Mir scheint, daß es das

Vernünftigste ist, wenn ich mit Liebesbriefen beginne. Wie, wenn ich

etwa einen Brief in ihrem Namen schriebe und ihn zufällig in seiner

Gegenwart fallen ließe oder ihn auf dem Tisch in seinem Zimmer vergesse?

Gewiß, es kann allerlei Böses dabei herauskommen. Nun und das wäre?

Schlimmstenfalls kann es Schläge geben ... Schläge tun natürlich weh,

aber doch nicht so, daß man ... Außerdem kann ich ja auch davonlaufen;

und wenn es irgendwie gefährlich wird -- laufe ich geradezu in das

Schlafzimmer Maria Alexandrownas und zwar direkt unter ihr Bett. Mag er

mich doch dort hervorholen! Die Hauptsache ist, wie der Brief

geschrieben werden muß! Ich kann in den Tod keine Briefe schreiben: das

ist mein Ende! Der Teufel weiß warum! Im Gespräch könnte ich alles,

scheint mir, sehr schön auseinandersetzen; aber sowie ich die Feder

anfasse, so ist es mir, als ob mir jemand eine Ohrfeige gegeben hätte.

Konfusion und nichts als Konfusion -- ich kann die Hand nicht bewegen,

und alles ist aus ... Vielleicht geht's so: Ich habe noch einige Briefe,

die vor kurzem an mich geschrieben worden sind; wenn ich einen von den

besseren aussuchte, den Namen wegradierte und einen andern an seine

Stelle setzte? Hm -- das ist wirklich nicht übel? Bei Gott, ich werde

mal in meinen Taschen nachsehen, ob ich nicht einen finde, den ich

brauchen kann. (Nimmt ein paar Briefe aus der Tasche.) Zum Beispiel

dieser! (Liest.) »Ich bin Gottseidank gesund, aber ich werde krank vor

Schmerz. Oder haben Sie mich ganz vergessen, mein Herzchen? Iwan

Danilowitsch hat Sie im Teater gesehen, mein Herzchen -- ach, wären Sie

doch zu mir gekommen und hätten Sie mich durch Ihre heiteren Gespreche

beruhigt.« Hol's der Teufel, ich glaube die Orthographie stimmt nicht.

Nein, mit dem läßt sich keine Falle legen, glaube ich. (Liest weiter.)

»Ich habe ein Strumpfband für Sie gestickt, mein Herzchen.« Und jetzt

wird sie zärtlich. Etwas reichlich bukolisch und schmeckt nach

Chateaubriand. Ah, hier ist noch etwas, vielleicht findet sich etwas

Besseres darunter! (Faltet einen Brief auseinander, kneift ein Auge zu

und bemüht sich, ihn zu entziffern.) »Lie-bens-wür-di-ger Freund!« Nein,

das heißt nicht liebenswürdiger Freund: aber wie heißt es denn nur?

»Zärtlichster, Teuerster?« Nein, auch nicht Teuerster, nein, nein.

(Liest.) »Lu-lu-lu-mp.« Hm. (Beißt die Lippen zusammen.) »Wenn du

verräterischer Räuber meiner Unschuld, wenn du dem Krämer das Geld, das

ich in der Unerfahrenheit meiner Seele für dich geborgt habe, nicht

bezahlst, werde ich dich, du ekelhafte Fratze (das letzte Wort preßt er

beinahe zwischen den Zähnen hervor) ... der Polizei anzeigen!« Der

Teufel soll sie holen, wahrhaftig, der Teufel soll sie holen! Es steht

doch wirklich garnichts in diesem Brief. Gewiß: man kann alles sagen,

aber man muß es doch anständig ausdrücken; in Worten, die einen Menschen

nicht verletzen. Nein, nein, ich sehe, alle diese Briefe sind nicht

geeignet. Man muß etwas Kräftiges suchen, etwas, worin etwas wie

Siedehitze, wie man zu sagen pflegt -- zu spüren ist. Ah, hier, hier --

sehen wir uns mal das an! (Liest.) »Grausamer Tyrann meiner Seele!« Aha,

das ist gut. »Laß dich durch mein Herzensschicksal rühren!« Sehr edel!

Bei Gott, sehr edel! Da spürt man doch die Erziehung! Man sieht gleich,

wie sich jemand benimmt. So muß man schreiben: empfindsam und doch wird

der Mensch nicht beleidigt. Diesen Brief werde ich ihm zustecken. Weiter

brauche ich ja gar nicht erst zu lesen: ich weiß nur nicht, wie man den

Namen so ausradieren kann, daß nichts zu sehen ist. (Er blickt auf die

Unterschrift.) Aha, das ist schön! Es steht gar kein Name darunter!

Ausgezeichnet! Das kann ich unterschreiben! Nein, wie sich die Sache von

selbst macht! -- Und dabei sagt man noch: das Äußere kommt nicht in

Betracht! Wenn du nicht hübsch wärst, so würde man sich nicht in dich

verlieben, so würde man dir keine Briefe schreiben, und hätte ich keine

Briefe, so würde ich nicht wissen, wie ich die Geschichte anfangen soll.

(Tritt vor den Spiegel.) Heut hab' ich mich noch ein bißchen gehen

lassen: manchmal ist mir's sogar, als ob ich ein bedeutendes Gesicht

habe ... Schade, daß meine Zähne schlecht sind, sonst hätte ich die

größte Ähnlichkeit mit Fürst Bagration. Ich weiß nur nicht, wie ich mir

den Backenbart stehen lassen soll: so, daß er ringsherum eine

ausgesprochene Freese bildet -- wie mit Tuch benäht, wie man zu sagen

pflegt -- oder ob ich alles kahl abrasieren und mir nur unter der Lippe

etwas zulegen soll? Ah?

Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke · 第 205 / 240 题