Maria Alexandrowna, eine Dame mittleren Alters, und Michailo
Andrejewitsch, ihr Sohn.
Maria Alexandrowna. Hör, Mischa, ich wollte schon längst mit dir
sprechen: du mußt deinen Dienst wechseln.
Mischa. Meinetwegen morgen.
Maria Alexandrowna. Du mußt zum Militär.
Mischa (reißt die Augen auf). Zum Militär?
Maria Alexandrowna. Ja.
Mischa. Was sagen Sie, Mamachen, zum Militär?
Maria Alexandrowna. Warum bist du so erstaunt?
Mischa. Aber ich bitte Sie -- wissen Sie denn nicht: man muß doch mit
dem Junker anfangen!
Maria Alexandrowna. Nun ja, du wirst ein Jahr als Junker dienen, und
dann wirst du Offizier werden -- laß das nur meine Sorge sein.
Mischa. Aber was finden Sie Militärisches an mir? Auch meine Figur ist
doch gar nicht militärisch. Ich bitte Sie, Mütterchen, wahrhaftig, Sie
haben mich mit diesen Worten so überrascht, daß ich ... ich ... ich weiß
einfach nicht, was ich davon denken soll. Ich bin Gott sei Dank ein
wenig dick, und wenn ich noch die Junkeruniform mit den kurzen Schößen
anziehen soll, werde ich mich schämen, mich anzusehen.
Maria Alexandrowna. Tut nichts. Man wird dich zum Offizier ernennen, und
du wirst eine Uniform mit langen Rockschößen tragen, die deinen
Embonpoint gänzlich verdecken wird, so daß man nichts davon merkt. Es
ist sogar besser, daß du ein wenig beleibt bist -- um so eher wird die
Beförderung kommen: sie werden sich ja schämen, daß es in ihrem Regiment
so einen dicken Fähnrich gibt.
Mischa. Aber Mutterchen, ich habe ja nur noch ein Jahr bis zum
Kollegienassessor. Ich bin schon zwei Jahr lang Titularrat.
Maria Alexandrowna. Hör auf, hör auf! Dieses Wort »Titular« peinigt
meine Ohren; mir kommt immer gleich Gott weiß was dabei in den Sinn. Ich
will, daß mein Sohn in der Garde dient, ich kann diese Garnitur jetzt
einfach nicht mehr ansehen.
Mischa. Aber Mutterchen, bedenken Sie: sehen Sie mich einmal gut an,
auch mein Äußeres. Schon in der Schule nannte man mich eine Schlafmütze.
Beim Militär ist es doch immer notwendig, daß man mutig auf seinem Gaul
sitzt, eine klangvolle Stimme, einen heldenhaften Wuchs und eine
schlanke Taille hat.
Maria Alexandrowna. Das wirst du schon haben, das wirst du schon alles
haben. Ich wünsche unbedingt, daß du dienst. Und es gibt einen wichtigen
Grund dafür.
Mischa. Was für einen Grund?
Maria Alexandrowna. Nun -- einen wichtigen Grund.
Mischa. Immerhin können Sie mir doch sagen, was für ein Grund das ist.
Maria Alexandrowna. Ach, ich habe meinen Grund -- ich weiß auch gar
nicht, ob du das richtig verstehen wirst. Die Gubomasowa, diese Närrin,
sagte vorgestern bei den Rogoschinskis -- und zwar absichtlich, damit
ich's hören sollte -- ich saß als dritte in der Reihe: vor mir saß Sofia
Wotruschkow, die Fürstin Alexandrin und nach der Fürstin Alexandrin
gleich ich -- und was glaubst du wagte diese abscheuliche Person zu
sagen? ... Wahrhaftig, ich wollte mich schon von meinem Platze erheben
und wenn nicht die Fürstin Alexandrin dagewesen wäre, weiß ich nicht,
was ich getan hätte. Denk dir, sie sagte: »Ich bin sehr froh, daß man
keine Zivilisten zu den Hofbällen zuläßt, die sind alle« sagte sie,
»_mauvais genre_, sie riechen nach etwas Unvornehmen. Ich bin froh,«
sagte sie weiter, »daß mein Alexis keinen solchen ekelhaften Frack
trägt«. Und das alles sagte sie so geziert, in so einem Ton, so ...
wahrhaftig, ich weiß nicht, was ich getan hätte. Und dabei ist ihr Sohn
doch einfach ein Trottel, der nichts kann, als die Beine in die Höhe
heben. So ein abscheuliches Frauenzimmer!
Mischa. Was, Mütterchen, das ist der ganze Grund?
Maria Alexandrowna. Ja, jetzt will ich es erst recht haben, ihr zum
Trotz -- daß mein Sohn bei der Garde dient und alle Hofbälle besucht.
Mischa. Aber Mütterchen, ich bitte Sie: -- einzig weil sie eine Närrin
ist ...?
Maria Alexandrowna. Nein, ich bin fest entschlossen: sie soll vor Ärger
platzen, sie soll wütend sein.
Mischa. Aber ...
Maria Alexandrowna. Oho, ich werde es ihr schon zeigen! Sie mag tun was
sie will: ich werde alle meine Kräfte anstrengen, und mein Sohn wird
auch in der Garde dienen. Wenn er auch etwas dadurch verliert -- er wird
unbedingt dort dienen. Soll ich jedem ekelhaften Frauenzimmer gestatten,
sich vor mir aufzublasen und ihre Stumpfnase noch höher zu tragen? Nein,
nie wird das geschehen! Sie können machen, was Sie wollen, Natalia
Andrejewna!
Mischa. Aber werden Sie sie damit auch ärgern?
Maria Alexandrowna. Nein, ich werde das nie zugeben!
Mischa. Gut, wenn Sie es verlangen, werde ich mich zum Militär versetzen
lassen; aber wahrhaftig, es wird mir selbst lächerlich vorkommen, wenn
ich mich in der Uniform sehen werde.
Maria Alexandrowna. Mindestens ist sie noch vornehmer als dieses
Fräckchen. Und nun etwas anderes: ich will dich verheiraten.
Mischa. Wie, alles auf einmal? Ich soll den Dienst wechseln und mich
außerdem noch verheiraten?
Maria Alexandrowna. Nun und was ist dabei? Als ob es nicht möglich ist,
daß man den Dienst wechselt und zugleich heiratet.
Mischa. Aber ich hatte ja gar nicht die Absicht. Ich will noch nicht
heiraten.
Maria Alexandrowna. Du wirst schon wollen, wenn du erst erfährst, wen.
Mit dieser Heirat wirst du dein Glück machen: sowohl im Dienst wie in
der Familie. Mit einem Wort: ich will dich mit der Fürstin
Schlepochwostow verheiraten.
Mischa. Aber Mütterchen, das ist ja eine Gans allerersten Ranges.
Maria Alexandrowna. Gar nicht ersten Ranges. -- Sie ist genau so eine
wie alle andern. Ein ausgezeichnetes Mädchen, sie hat nur kein
Gedächtnis: manchmal vergißt sie sich und sagt etwas Unpassendes; doch
das ist nur Zerstreutheit, dafür klatscht sie nicht und sie wird sich
nie etwas Schlimmes ausdenken.
Mischa. Aber ich bitte Sie, wie sollte sie auch klatschen! Sie kann ja
kaum ein Wort hervorbringen und wenn sie es tut, dann nur so, daß man
die Hände ringen möchte. Sie wissen ja selbst, Mütterchen, das Heiraten
ist eine Herzensangelegenheit, man muß die Seele ...
Maria Alexandrowna. Nun ja! Als ob ich's geahnt habe! Höre, laß diesen
liberalen Tonfall! Er paßt nicht zu dir, ich habe dir das schon
zwanzigmal gesagt. Anderen mag er vielleicht liegen, aber dich kleidet
er schon gar nicht.
Mischa. Mütterchen, war ich Ihnen je ungehorsam? Ich bin schon bald
dreißig Jahre alt, und ich gehorche Ihnen in allem wie ein Kind. Sie
befehlen mir irgendwohin zu fahren, wohin ich in den Tod nicht fahren
möchte -- und ich tue es, ohne Ihnen auch nur zu zeigen, wie schwer es
mir fällt. Sie befehlen mir, mich im Vorzimmer des Herrn Soundso
herumzudrücken, und ich drücke mich im Vorzimmer des Herrn Soundso
herum, auch wenn es ganz gegen meine Wünsche ist. Sie befehlen mir, auf
den Bällen herumzutanzen -- und ich tanze, trotzdem alle über mich und
meine Figur lachen. Schließlich befehlen Sie mir den Dienst zu wechseln:
und ich wechsle den Dienst, mit dreißig Jahren werde ich Junker, werde
mit dreißig Jahren gleichsam von neuem geboren wie ein Kind -- alles
Ihnen zuliebe, und dabei reiben Sie mir jeden Tag den Liberalismus unter
die Nase. Es vergeht kein Moment, wo Sie mich nicht einen Liberalen
nennen. Hören Sie, Mütterchen, das schmerzt -- ich schwöre Ihnen, das
schmerzt. Ich habe doch wohl für meine aufrichtige Liebe und
Anhänglichkeit an Sie mehr verdient, als ...
Maria Alexandrowna. Bitte, sprich nicht so. Als ob ich nicht weiß, daß
du ein Liberaler bist! Ich weiß sogar, wer dir dies alles eingeredet
hat: das kommt alles von diesem widerlichen Sobatschkin.
Mischa. Nein, Mütterchen, das ist zu viel, nun soll ich auch noch
Sobatschkin folgen. Sobatschkin ist ein Lump, ein Spieler und alles, was
Sie wollen. Aber daran ist er unschuldig. Ich werde ihm niemals
erlauben, auch nur einen Schatten von Einfluß auf mich zu haben.
Maria Alexandrowna. Ach mein Gott, was ist das für ein furchtbarer
Mensch! Ich erschrak förmlich, als ich ihn durchschaute. Ohne alle
Grundsätze, ohne Tugenden -- was für ein abscheulicher Mensch! Wenn du
wüßtest, was er für Gerüchte über mich verbreitet hat! ... Drei Monate
konnte ich mein Gesicht nirgends sehen lassen. Talgstümpfe soll man bei
mir brennen! Wochenlang sollen die Teppiche in den Zimmern nicht mit der
Bürste berührt werden! Die Pferde seien bei mir mit einfachen Stricken
angeschirrt, und ich soll so spazieren gefahren sein: mit einem Kummet,
wie bei einem gewöhnlichen Droschkengaul ... Ich wurde ganz rot vor
Scham; über eine Woche bin ich nicht ausgegangen, ich weiß gar nicht,
wie ich das alles überstehen konnte. Wahrhaftig, nur der Glaube an die
Vorsehung hat mich noch aufrecht erhalten!
Mischa. Und Sie glauben, daß so ein Mensch Macht über mich gewinnen
könnte? Sie glauben, ich würde erlauben, daß er ...
Maria Alexandrowna. Ich habe ihm gesagt, daß er es nicht wagen soll,
sich vor meinen Augen zu zeigen, und es gibt nur ein Mittel, mit dem du
dich rechtfertigen kannst: daß du jetzt deinen Trotz aufgibst und noch
heute der Fürstin eine Deklaration machst.
Mischa. Aber Mütterchen, wenn das nicht möglich ist?
Maria Alexandrowna. Wieso ist das nicht möglich, wieso nicht?
Mischa (beiseite). Ein entscheidender Augenblick. (Laut.) Gestatten Sie
mir, mindestens hier meine eigene Meinung zu haben, mindestens in einer
Angelegenheit, von der das Glück meines zukünftigen Lebens abhängt. Sie
haben mich bis jetzt nicht gefragt -- aber wenn ich nun in eine andere
verliebt wäre?
Maria Alexandrowna. Das ist ja etwas ganz neues für mich, ich muß
gestehen, davon habe ich noch nichts gehört. Nun, und wer ist diese
andere?
Mischa. Ach Mütterchen, ich schwöre dir, nie hat es ein ähnliches Wesen
gegeben. Sie ist ein Engel: ein Engel an Leib und Seele.
Maria Alexandrowna. Und wo ist sie her? Wer ist ihr Vater?
Mischa. Ihr Vater ist Alexander Alexandrowitsch Odossimow.
Maria Alexandrowna. Odossimow? Der Name ist mir unbekannt. Ich weiß von
keinem Odossimow ... Ist er ein reicher Mann?
Mischa. Ein seltener Mensch! Ein merkwürdiger Mensch!
Maria Alexandrowna. Und ist er reich?
Mischa. Was soll ich Ihnen sagen! Sie müssen ihn selbst sehen! Solche
seelischen Vorzüge, wie er sie hat, gibt es auf der ganzen Welt nicht
wieder.
Maria Alexandrowna. Aber was ist er? Wer ist es? Was ist sein Rang? Wie
groß ist sein Vermögen?
Mischa. Ich verstehe, was Sie meinen, Mütterchen. Gestatten Sie mir,
Ihnen meine Gedanken offen darzulegen. Wie auch die Verhältnisse sein
mögen -- es gibt jetzt in Rußland keinen Bräutigam, der nicht eine
reiche Braut sucht. Jeder will seine Lage mit Hilfe der Mitgift seiner
Frau verbessern. Das mag ja unter gewissen Verhältnissen verzeihlich
sein: ich begreife, daß ein Mann, der im Dienste oder anderswo einen
Mißerfolg gehabt hat, den vielleicht übermäßige Ehrlichkeit daran
gehindert hat, sich ein Vermögen zu erwerben -- kurz, was der Grund auch
sein mag, -- daß der ein Recht hat, sich eine reiche Braut zu suchen.
Und vielleicht wären die Eltern ungerecht, die seine guten Eigenschaften
nicht anerkennen und ihm ihre Tochter nicht zur Frau geben würden. Aber
sagen Sie selbst: würde ein begüterter Mann gerecht handeln, der sich
eine reiche Braut suchen wollte? Was sollte dann aus der Welt werden?
Das ist doch ebenso, als wollte einer einen Mantel über seinen Pelz
anziehen, wenn ihm schon ohnedies warm genug ist ... während dieser
Mantel vielleicht jemand anderem die Schultern wärmen könnte. Nein,
Mütterchen, das ist unrecht! Der Vater hat sein ganzes Vermögen der
Erziehung seiner Tochter geopfert.
Maria Alexandrowna. Genug! Genug! Ich bin nicht imstande, mehr zu hören!
Ich weiß schon alles -- alles! Da hat er sich in eine Vagabundin
verliebt, in die Tochter irgendeines Fourieurs, der vielleicht Gott weiß
was treibt.
Mischa. Mütterchen ...
Maria Alexandrowna. Der Vater ist ein Säufer, die Mutter eine Köchin,
und die Verwandtschaft besteht aus kleinen Polizeibeamten und
Branntweinverkäufern! ... Und das alles muß ich mit anhören, muß das
alles ertragen ... ertragen von dem eigenen Sohn, für den ich mein Leben
nicht geschont habe! ... Nein, das werde ich nicht überleben!
Mischa. Aber Mütterchen, erlauben Sie ...
Maria Alexandrowna. Mein Gott, was für eine Moral haben denn die jungen
Leute jetzt nur! Nein, das werde ich nie überleben, ich schwöre es dir,
das werde ich nicht überleben ... Ah, wie wird mir, mir wird ganz
schwindlig im Kopf. (Schreit auf.) Ach, ich habe Stiche in der Seite!
... Maschka! Maschka! Das Fläschchen! ... Ich weiß nicht, ob ich den
Abend noch erleben werde! Grausamer Sohn!
Mischa (eilt auf sie zu). Mütterchen, beruhigen Sie sich. Sie schaden
sich nur ...
Maria Alexandrowna. Und das alles hat dieser widerliche Sobatschkin
angerichtet. Ah, ich weiß nicht, warum ich diese Pest bis jetzt noch
nicht davongejagt habe.
Der Lakai (in der Tür). Sobatschkin ist gekommen.
Maria Alexandrowna. Was! Sobatschkin? Schickt ihn fort! Fortschicken,
daß keine Spur mehr von ihm übrig bleibt!