1. Auftritt

Das Theater stellt ein Flurzimmer dar. Rechts führt eine Tür zur

Treppe, links eine zum Saal. Im Hintergrund, etwas zur Seite, die

Tür zum Kabinett. Auf einer Bank, die durch die Länge des Raums

bis zu dieser Tür reicht, schlafen Pjotr, Iwan und Grigori, einer

den Kopf auf die Schultern des andern stützend. An der Tür, die

zur Treppe führt, ertönt lautes Klingeln. Die Lakaien erwachen.

Grigori. Geh, mach die Tür auf! Man klingelt.

Pjotr. Und warum bleibst du sitzen? Du hast wohl Beulen an den Füßen,

was? Du kannst wohl nicht aufstehen?

Iwan (beruhigend). Nun gut, ich werde gehen. Ich werde schon aufmachen.

(Öffnet die Tür und ruft.) Das ist ja Andruschka!

(Ein fremder Diener in Mütze und Mantel tritt ein, er trägt ein

Bündel in der Hand.)

Grigori. Nun, du Moskauer Nachteule, was hat dich hierher getrieben!

Der fremde Diener. Du Schuchoner Kauz, wenn du so viel herumgelaufen

wärst wie ich! Sie befiehlt mir das da (hebt das Bündel empor) der

Blumenhändlerin auf der Petersburgskaja zu bringen. Aber kein Gedanke,

daß sie mir etwa eine Kopeke für eine Droschke gibt. Und auch zu eurem

Herrn soll ich .. nun, schläft er noch?

Grigori. Wer? Der Bär? Nein, der liegt noch in seiner Höhle und hat noch

nicht gebrummt.

Pjotr. Ist es wahr, daß eure Gnädige euch Strümpfe stopfen läßt? (Alle

lachen.)

Grigori. Brüderchen, von jetzt ab sollst du die Stopferin heißen -- wir

werden dich alle so nennen!

Der fremde Lakai. Bist du ein Lügner! Nie habe ich einen Strumpf

gestopft!

Pjotr. Aber es ist ja bekannt von euch: bis zum Mittag ist ein Diener

bei euch Koch, und nach dem Mittag Kutscher, Lakai oder Stiefelflicker.

Der fremde Lakai. Nun und was ist schon dabei? Ein Handwerk steht doch

dem andern nicht im Wege. Man kann doch nicht ohne Arbeit herumsitzen!

Gewiß, ich bin Lakai und Damenschneider zugleich. Ich nähe für meine

Gnädige und auch für Fremde -- so bring ich doch noch ein paar Kopeken

zusammen. Und ihr, was tut ihr? Ihr tut nichts!

Grigori. Nein Bruder, ein anständiger Herr wird seine Lakaien nicht mit

solchen Arbeiten beschäftigen: dafür gibt es Handwerker genug. Der Graf

Bulkin hat allein dreißig Diener, und dort, Bruder, dort gibt es nicht

so was. »Petruschka, geh mal da und dahin.« »Nein,« würde er antworten,

»nein, das ist nicht meine Sache. Belieben Sie doch Iwan zu

beauftragen!« Ja, so ist es! So sieht es aus, wenn ein Herr wie ein Herr

lebt! Eure Alte, die aus Moskau angekommen ist, hat überhaupt eine

Kalesche wie eine geknackte Nuß. Die Schwänze der Pferde sind mit

Strippen zusammengebunden. (Alle lachen).

Der fremde Lakai. Nein, was du für ein Spaßvogel bist! -- Und was hast

du davon, wenn du den ganzen Tag herumliegst? Dabei kommt keine Kopeke

heraus!

Grigori. Was brauche ich deine Kopeken? Wozu ist denn der Herr da? Den

Lohn zahlt er mir doch aus, ob ich nun arbeite oder nicht. Für das Alter

sparen brauche ich nicht. Das wäre ja ein netter Herr, der seinem Diener

keine Pension für seine Arbeit aussetzt.

Der fremde Lakai. Übrigens ... die Kollegen wollen einen Ball geben?

Pjotr. Ja. Kommst du?

Der fremde Lakai. Ach, das wird schon ein Ball werden. Bloß dem Namen

nach, sonst ...

Grigori. O nein Bruder, das wird ein richtiger Ball werden! Alle geben

einen Rubel, und manche noch mehr. Der Koch des Fürsten hat fünf Rubel

gegeben und übernimmt es persönlich, das Essen zu bereiten. Eine

Bewirtung wird es geben -- nicht etwa bloß Nüsse! Ein halbes Pud

Konfitüren sind schon gekauft, dazu Eis ... (man hört ein dünnes

Klingeln im herrschaftlichen Kabinet.)

Der fremde Lakai. Geh hin, der Herr klingelt.

Grigori. Der kann warten. -- Man will 'ne Lumination machen. Mit der

Musik ist auch schon verhandelt worden, man ist sich aber noch nicht

einig geworden: es ist kein Baß da, sonst wäre man schon ... (Man hört

ein etwas stärkeres Läuten aus dem Kabinett.)

Der fremde Lakai. Geh! Geh doch! Er klingelt.

Grigori. Der kann warten. -- Wieviel gibst du?

Der fremde Lakai. Ach, was ist an diesem Ball dran. Das ist alles doch

nur so.

Grigori. Nun binde mal deinen Beutel auf, du -- Stopferin. Da, sieh ihn

dir an, Petruschka, was für einer das ist ... (Pufft ihn mit dem Finger.

Während dieser Zeit öffnet sich die Tür, der Herr im Schlafrock streckt

die Hand aus und packt Grigori beim Ohr; alle erheben sich von ihren

Plätzen.)

Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke · 第 193 / 240 题