Proletew und Christophor Petrowitsch Burdjukow.
Burdjukow. Bitte entschuldigen Sie die Störung, die ich Ihnen
verursache. Allerlei Umstände und Geschäfte haben mich aus unserm
Städtchen vertrieben. Ich bin hergekommen, Sie um Ihre persönliche Hilfe
und um Ihren Schutz zu bitten.
Proletew (beiseite). Das ist wirklich ein anderer. Aber er hat eine
gewisse Ähnlichkeit mit ihm. (Laut.) Was wünschen Sie? Womit kann ich
Ihnen dienen?
Burdjukow (zuckt die Achseln). Gott, ein Prozeß. Eine Gerichtssache.
Proletew. Eine Gerichtssache? Gegen wen?
Burdjukow. Gegen meinen eigenen Bruder.
Proletew. Erlauben Sie mir, Sie zuerst um Ihren Namen zu bitten. Und
dann setzen Sie mir Ihre Angelegenheit näher auseinander. Wollen Sie
bitte Platz nehmen.
Burdjukow. Mein Name ist Burdjukow, Christophor Petrowitsch, und der
Prozeß geht gegen meinen leiblichen Bruder, Pawel Petrowitsch Burdjukow.
Proletew. Was sagen Sie? Was? ... Nein!
Burdjukow. Ja, was starren Sie mich so an? Glauben Sie vielleicht, ich
bin zu meinem Vergnügen mit der Post aus Tambow hierhergekommen?
Proletew. Gott segne Sie für diese gute Tat! Erlauben Sie mir, Ihre
nähere Bekanntschaft zu machen. Etwas Gescheiteres hätten Sie sich nie
ausdenken können. Nun soll man noch sagen, daß es keine Großmut und
keine Gerechtigkeit gibt! Und was wäre das? Hier steht der leibliche
Bruder! Durch Blutsbande verbunden -- und er hat den Bruder nicht
geschont! Ein Prozeß gegen den leiblichen Bruder! Erlauben Sie, daß ich
Sie umarme.
Burdjukow. Mit Vergnügen. Ich hätte Sie selbst gern für Ihr
Entgegenkommen umarmt. (Sie umarmen sich.) Das muß ich gestehen: vorhin,
als ich Ihr Gesicht sah, hätte ich niemals geglaubt, daß Sie ein so
vernünftiger Mensch sind!
Proletew. Da haben wir's! -- Wieso denn?
Burdjukow. Wirklich -- im Ernst! Gestatten Sie mir eine Frage: Ihre
selige Mutter hat wohl einen großen Schreck gehabt, als sie mit Ihnen
schwanger ging?
Proletew. Was der für einen Unsinn zusammenschwatzt!
Burdjukow. Wirklich, seien Sie nicht beleidigt, ich werde Ihnen sagen,
das kommt sehr oft vor. Bei unserm Vorsitzenden ist die ganze untere
Gesichtspartie, ähnlich wie bei einem Schaf, gleichsam abgeplattet und
mit Fell bewachsen -- ganz wie bei einem Schaf. Und das infolge eines
ganz unbedeutenden Umstandes: als die Selige beim Gebären war, da war
ein Schaf am Fenster erschienen, und der Böse muß es reiten, daß es zu
blöken anfängt!
Proletew. Bitte, lassen wir den Vorsitzenden und das Schaf in Ruh ...
Nein, wie ich mich freue!
Burdjukow. Und wie ich mich erst freue, daß ich solch einen Gönner
gefunden habe! Erst jetzt, wo ich Sie näher ansehe, finde ich, daß Ihr
Gesicht mir bekannt ist: wir hatten in unserm Karabinierregiment einen
Leutnant, der Ihnen ähnelte wie ein Tropfen Wasser dem andern. Ein
schrecklicher Trunkenbold! Wissen Sie, ich kann Ihnen sagen: kein Tag
verging, ohne daß seine Visage ganz zerschlagen war.
Proletew (beiseite). Wie es scheint, hat dieser Dorfbär nicht die
Gewohnheit, seine Zunge im Zaum zu halten; aller Unrat, der in seiner
Seele sitzt, muß auf die Zunge. (Laut.) Ich habe nicht viel Zeit, bitte,
kommen Sie zur Sache.
Burdjukow. Erlauben Sie, aber das läßt sich im Sitzen nicht erzählen.
Das ist ein schwieriger Kasus. Haben Sie die Gutsbesitzerin Jewdokia
Malafejewna Merinow aus dem Ustjuger Kreise gekannt? Nein? Sie haben Sie
nicht gekannt? Schön. Es war meine leibhaftige Tante und auch die dieser
Bestie, meines Bruders. Ich und mein Bruder sind ihre nächsten Erben. --
Belieben Sie das zu beachten: darum handelt es sich nämlich! Außerdem
ist noch eine Schwester da, die den General Polawischtschew geheiratet
hat: nun, über die wollen wir kein Wort weiter sagen, die hat ohnedies
schon ihr Teil abbekommen. Nun erlauben Sie: da hat sich also dieser
Gauner, mein Bruder, -- in dieser Beziehung kann der Teufel noch von ihm
lernen -- an meine Tante herangemacht: »Tantchen, Sie haben Gottseidank
schon siebzig Jahre lang gelebt, wozu wollen Sie sich bei einem so hohen
Alter noch mit der Wirtschaft abgeben: lassen Sie lieber mich für Sie
wirtschaften und für den Unterhalt sorgen.« Und so geschah es! Merken
Sie etwas? Merken Sie etwas? Er siedelte in ihr Haus über, und nun lebt
er dort und herrscht dort wie der wirkliche Herr des Hauses. Hören Sie
auch zu?
Proletew. Jawohl.
Burdjukow. Also schön. Ja also ... nun wird die Tante krank. Warum? --
Gott mag es wissen. Vielleicht hat er selbst ihr etwas eingegeben. Man
gibt mir von anderer Seite einen Wink. Merken Sie etwas? Ich komme hin:
im Flur begegnet mir diese Bestie, das heißt mein Bruder, ganz in Tränen
aufgelöst und wie abwesend, und sagt zu mir: »Nun, Brüderchen,« sagt er,
»nun sind wir für ewig unglücklich: unsere Wohltäterin ...« »Wie, hat
sie ihre Seele Gott überantwortet?« -- »Nein, sie liegt im Sterben.« Ich
trete ein und wirklich: die Tante liegt in den letzten Zügen und rollte
nur noch die Augen. Nun, was soll man tun? Weinen? Das hilft ja auch
nichts. Das hätte doch nichts geholfen, he?
Proletew. Nein, gar nichts.
Burdjukow. Was ist also zu machen? Nichts ist zu machen! Es war eben
Gottes Wille! Ich trete näher heran. »Tantchen,« sage ich, »wir sind
alle sterblich. Unser Leben steht heut wie morgen in Gottes Hand, wie
man zu sagen pflegt. Wollen Sie nicht rechtzeitig irgendeine Anordnung
treffen?« Und was tut das Tantchen? Ich sehe, sie kann kaum noch die
Zunge bewegen und lallt nur: »Eh, eh, eh!« Dieser Schuft aber steht
neben ihrem Bett und sagt: »Tantchen erklärt hiermit, daß sie ihre
Anordnungen schon getroffen hat!« Hören Sie? Hören Sie?
Proletew. So ein ..! Hatte sie denn wirklich etwas derartiges gesagt?
Burdjukow. I wo, zum Teufel! Sie lallte nur: »Eh, eh, eh!« Ich dränge
also immer mehr. »Gestatten Sie, Tantchen, daß ich erfahre, was das für
Anordnungen sind?« Und was tut das Tantchen? Das Tantchen antwortet
wieder nur: »Eh, eh, eh ...« Jener Schurke aber erklärt wieder:
»Tantchen sagt, das sich die betreffenden Anordnungen in ihrem Testament
befinden!« Hören Sie? Hören Sie? Was sollte ich da machen? Ich schwieg
und sagte kein Wort!
Proletew. Aber erlauben Sie: warum haben Sie ihn nicht gleich Lügen
gestraft?
Burdjukow. Was sollte ich machen? (Gestikuliert mit den Händen.) Er fing
an zu schwören, sie hätte das wirklich alles gesagt! Nun -- ich mußte
ihm glauben!
Proletew. Und hat man das Testament geöffnet?
Burdjukow. Jawohl.
Proletew. Nun, und ..?
Burdjukow. Passen Sie auf: Sobald man nach Christenpflicht alles besorgt
hatte, sagte ich, es sei doch jetzt Zeit, sich die letzte
Willenserklärung der Seligen anzusehen. Der Bruder konnte kaum
antworten: er war so voller Schmerz und Verzweiflung, daß er nur
fortwährend weinte. »Nehmen Sie es«, sagte er, »und lesen Sie selbst.«
Die Zeugen versammelten sich, und man las das Testament vor. Nun, und
was glauben Sie, steht in dem Testament? Folgendes: »Meinem Neffen Pawel
Petrows Sohn Burdjukow« -- passen Sie auf -- »hinterlasse ich zur
Belohnung für seine kindliche Sorge um mich und für sein stetes
Verweilen in meiner Nähe bis zu meinem Tode« -- merken Sie etwas? --
»mein ererbtes und wohlerworbenes Gut im Kreise Ustjug,« -- aha, soweit
ist es also gekommen! -- »fünfhundert Seelen, Mobilien und alles
Übrige!« Nun, haben Sie gehört? »Meiner Nichte Maria Petrowna
Powalischtschew, geborene Burdjukow, hinterlasse ich das ihr zukommende
Gut von hundert Seelen ... Meinem Neffen«, aha, merken Sie etwas? Da ist
die Eiterbeule! »Chrisanphy Petrows Sohn Burdjukow«, passen Sie auf,
passen Sie auf, »vermache ich als Erinnerung an mich«, oho! oho! »drei
Samtröcke und das ganze Gerümpel, das sich im Speicher befindet, als da
sind: zwei Federbetten, das Fayencegeschirr, die Laken und Häubchen ...«
und der Teufel mag wissen, was für Lumpereien noch! Nun? wie gefällt
Ihnen das? Ich frage Sie: wozu zum Teufel brauche ich drei Samtröcke?
Proletew. So ein Lump! Ich bitte Sie!
Burdjukow. Eine Schurkerei -- das stimmt vollkommen. Ich bin durchaus
einer Meinung mit Ihnen, aber ich frage Sie nochmals: wozu brauche ich
drei Samtröcke? Was soll ich damit anfangen? Soll ich sie mir über den
Kopf ziehen?
Proletew. Und haben die Zeugen unterschrieben?
Burdjukow. Natürlich, er hatte sich schon das rechte Lumpenpack
zusammengetrommelt!
Proletew. Und die Selige hatte eigenhändig unterzeichnet?
Burdjukow. Darum handelt es sich ja -- sie hat unterzeichnet, aber der
Teufel mag wissen wie!
Proletew. Wie?
Burdjukow. Passen Sie auf: die Selige hieß Jewdokia, und sie hat so ein
Zeug hingekritzelt, das keiner entziffern kann.
Proletew. Warum nicht?
Burdjukow. Ja das mag der Teufel wissen! Sie hätte doch Jewdokia
schreiben müssen -- in Wahrheit aber hat sie geschrieben: »Tauche ein!«
Proletew. Was Sie sagen!
Burdjukow. Oh, ich werde Ihnen sagen: der ist zu allem fähig! »Und
meinem Neffen Chrisanphy Petrow: drei Samtröcke!«
Proletew (beiseite). Dieser Pawel Petrowitsch Burdjukow ist ein
Hauptkerl, nie hätte ich geglaubt, daß er so ein Schlaukopf ist!
Burdjukow (gestikulierend). »Tauche ein!« Was soll das bedeuten? Das ist
doch kein Name: »Tauche ein!«
Proletew. Und was beabsichtigen Sie nun zu tun?
Burdjukow. Ich habe schon eine Eingabe behufs Kassierung des Testaments
eingereicht, weil die Unterschrift falsch ist. Sie sollen mir doch
nichts vorlügen: die Selige hieß Jewdokia und nicht »Tauche ein!«
Proletew. Sie haben ganz Recht! Doch erlauben Sie mir jetzt, die Sache
in die Hand zu nehmen. Ich werde sofort einen mir bekannten Sekretär
benachrichtigen, und Sie stellen mir inzwischen eine Abschrift von Ihrem
Testament zu.
Burdjukow. Ich bin Ihnen unendlich verpflichtet. (Nimmt seinen Hut.)
Durch welche Tür geht man hinaus, durch diese oder jene?
Proletew. Bitte durch diese.
Burdjukow. Aha. Ich habe bloß darum gefragt, weil ich noch wegen eines
Bedürfnisses wohin muß. Also auf Wiedersehen, Verehrtester! ... Wie
heißen Sie doch? ... Ich vergesse es immer.
Proletew. Alexander Iwanowitsch.
Burdjukow. Alexander Iwanowitsch. Alexander Iwanowitsch heißt einer von
den Proldiukowskis; kennen Sie ihn?
Proletew. Nein.
Burdjukow. Er wohnt fünf Werst von unserm Gute. Leben Sie wohl!
Proletew. Leben Sie wohl, Verehrtester, leben Sie wohl!