10. Auftritt

Dieselben. Uteschitelny und Michailo Alexandrowitsch Glow, ein

Herr in gesetzten Jahren.

Uteschitelny. Hier, Icharew, gestatte, daß ich dir Michailo

Alexandrowitsch Glow vorstelle.

Icharew. Ich muß gestehen, ich habe mir schon lange die Ehre gewünscht.

Da wir doch in einem Hotel wohnen ...

Glow. Ich freue mich auch, Ihre Bekanntschaft zu machen. Nur schade, daß

es fast vor der Abreise geschieht.

Icharew (reicht ihm einen Stuhl). Bitte ergebenst! Leben Sie schon lange

in dieser Stadt? (Uteschitelny, Schwochnew und Krugel flüstern

miteinander.)

Glow. Ach, lieber Herr, ich habe sie schon so satt, diese Stadt, ich

würde mich schon herzlich freuen, von hier fortzukommen.

Icharew. Nun, halten Sie hier Geschäfte davon ab?

Glow. Jawohl, Geschäfte. Ist das eine Sache, diese Geschäfte!

Icharew. Wohl ein Prozeß?

Glow. Nein, Gott sei Dank, kein Prozeß, aber doch eine ziemlich

schwierige Angelegenheit. Sehen Sie mal, ich verheirate jetzt meine

Tochter, ein achtzehnjähriges Mädchen. Verstehen Sie meine Lage als

Vater? Ich bin hierher gekommen, verschiedene Einkäufe zu machen,

hauptsächlich aber eine Hypothek auf ein Gut aufzunehmen. Die Sache wäre

schon ganz zu Ende, aber das Amt gibt noch immer das Geld nicht heraus,

und so bleibe ich ganz unnützer Weise hier.

Icharew. Gestatten Sie mir die Frage, für welche Summe verpfänden Sie

Ihr Gut?

Glow. Für zweihunderttausend. Schon in diesen Tagen sollte das Geld

ausgezahlt werden, aber nun zieht sich's hin, und ich hab's schon satt,

hier zu sitzen. Zu Hause, wissen Sie, habe ich alles nur auf ganz kurze

Zeit zurückgelassen. Meine Tochter ist Braut. Alles wartet ... Ich habe

sogar schon beschlossen, nicht weiter zu warten und hier alles liegen zu

lassen.

Icharew. Wieso? Wollen Sie denn nicht abwarten, bis Sie das Geld

bekommen?

Glow. Was ist zu machen, mein Liebster? Bedenken Sie nur meine Lage.

Seit einem Monat habe ich meine Frau und die Kinder nicht gesehen und

habe auch keinen Brief erhalten. Weiß Gott, wie's dort zugeht. Ich

überlasse alles meinem Sohn, der hierbleibt. Ich hab's satt. (Sich an

Schwochnew und Krugel wendend.) Was machen Sie, meine Herren? Ich

glaube, ich störe wohl. Sie waren mit etwas beschäftigt?

Krugel. Unsinn! Das ist nur so; vor Langeweile spielen wir ein bißchen.

Glow. Ich glaube, das ist so etwas wie Bankspiel?

Schwochnew. Ach was, nur zum Zeitvertreib: ein Pfennigspiel.

Glow. Ach, meine Herren, hören Sie, was Ihnen ein alter Mann sagt. Sie

sind junge Leute, natürlich, da ist nichts Schlimmes dabei: so'n bißchen

Zerstreuung; und in einem Pfennigspiel kann man ja nicht viel verlieren.

Das ist ja ganz richtig. Aber immerhin ... Ach, meine Herren, ich habe

selbst gespielt und kenne das aus Erfahrung. Da heißt alles auf der Welt

eine Pfennigsache, aber sieht man näher zu, so endet ein kleines

Spielchen manchmal als sehr großes Spiel.

Schwochnew (zu Icharew). Na, da fängt der Alte schon mit seinem Gerede

an. (Zu Glow.) Nun sehen Sie mal, da machen Sie gleich aus einer

Kleinigkeit eine wichtige Sache. Das ist so die gewohnte Manier der

alten Herren.

Glow. Wieso? Ich bin ja noch gar nicht so alt, aber ich urteile aus

Erfahrung.

Schwochnew. Ich meine ja nicht gerade Sie, aber die alten Herren haben

es überhaupt an sich: wenn sie sich an etwas verbrannt haben, so sind

sie überzeugt, daß auch der andere sich an derselben Sache verbrennen

müsse. Wenn sie auf einem Wege dahingingen und aus Zerstreutheit auf dem

Glatteis ausgeglitten und hingefallen sind, dann schreien sie gleich und

geben es für eine allgemeine Regel aus, daß auf diesem Wege niemand

gehen soll, denn da sei an einer Stelle Glatteis und jeder müsse auf die

Nase fallen. Das bedenken sie nicht, daß ein anderer vielleicht nicht so

zerstreut sein wird und seine Stiefel auch nicht so glatte Sohlen haben.

Nein, das alles verstehen sie nicht. Hat mal ein Hund einen Menschen auf

der Straße gebissen, dann heißt es, alle Hunde beißen, und niemand darf

auf die Straße gehen.

Glow. Nun ja, mein Teuerster, das ist schon richtig, so ne schlechte

Gewohnheit gibt's ja. Aber auch die jungen Leute sind gut, die haben

schon gar zu viel Feuer, die laufen jeden Augenblick Gefahr, sich das

Genick zu brechen!

Schwochnew. Das ist es eben, daß wir keinen Mittelweg kennen. Die Jugend

tobt, daß es nicht mehr auszuhalten ist, und das Alter wird so

heuchlerisch, daß wieder die anderen es nicht aushalten können.

Glow. Also so eine beleidigende Meinung haben Sie von den Alten?

Schwochnew. Aber nein, was ist denn das für eine beleidigende Meinung?

Das ist die reine Wahrheit, nichts mehr.

Icharew. Gestatte mir doch die Bemerkung: dein Urteil ist zu scharf.

Uteschitelny. Von wegen des Kartenspiels bin ich ganz derselben Meinung

wie Michailo Alexandrowitsch. Ich habe selber gespielt und habe stark

gespielt, aber Gott sei Dank, ich habe das für immer aufgegeben. Nicht

etwa, daß ich all mein Geld verloren hätte oder daß ich mich gegen das

Schicksal auflehnte. Glauben Sie mir, das ist noch gar nichts: der

Geldverlust ist nicht so wichtig, wie die Seelenruhe. Schon die

Aufregung, die man während des Spiels empfindet, verkürzt, was man auch

sagen mag, merklich unser Leben.

Glow. Jawohl, richtig, mein Teuerster, bei Gott, das haben Sie sehr

weise bemerkt. Gestatten Sie mir eine unbescheidene Frage: Ich habe

schon so lange das Vergnügen, Ihre Bekanntschaft zu genießen und bis

jetzt ...

Uteschitelny. Welche Frage denn?

Glow. Gestatten Sie mir die Frage, wenn es auch eine kitzlige Sache ist:

wie alt sind Sie?

Uteschitelny. Neununddreißig.

Glow. Denken Sie mal, was ist das denn, neununddreißig Jahre? Noch ein

ganz junger Mensch. Wenn doch bei uns in Rußland recht viele solche

wären wie Sie, die so weise urteilen. Du lieber Himmel, das wäre ja ein

goldenes Zeitalter, sozusagen eine Asträa. Wie bin ich dem Schicksal

dankbar, daß ich Sie kennen gelernt habe!

Icharew. Glauben Sie mir, ich teile auch ganz dieselbe Ansicht. Ich

würde jungen Burschen auch nicht gestatten, Karten in die Hand zu

nehmen, aber weshalb sollen denn vernünftige, gesetzte Leute sich nicht

etwas amüsieren, z. B. ein älterer Herr, der nicht mehr tanzt, warum

nicht?

Glow. Das ist schon richtig, gewiß, aber glauben Sie mir, es gibt im

Leben so viele Freuden, sozusagen heilige Pflichten. Ach meine Herren,

hören Sie doch auf einen alten Mann. Es gibt für den Menschen keine

bessere Bestimmung als das Familienleben, im häuslichen Kreis. Alles was

Sie jetzt umgibt, sind ja nichts als Aufregungen, bei Gott, nur

Aufregungen, aber das eigentliche Glück haben Sie ja noch nicht

genossen. Nehmen Sie mal mich, glauben Sie mir, ich kann die Minuten

kaum zählen, bis ich die Meinigen wiedersehe, bei Gott! Wenn ich mir

vorstelle, wie mein Töchterlein mir um den Hals fällt: Papachen,

liebstes Papachen! Auch mein Sohn ist aus dem Gymnasium gekommen, ich

habe ihn ein halbes Jahr lang nicht gesehen. Wahrhaftig, ich kann's gar

nicht aussprechen; bei Gott, so ist es! Nach alledem will man keine

Karte mehr ansehen!

Icharew. Aber weshalb soll man denn die väterlichen Gefühle mit den

Karten zusammenwerfen? Die väterlichen Gefühle sind etwas für sich, und

die Karten sind wieder etwas für sich.

Alexej (tritt ein, zu Glow). Ihr Diener fragt wegen der Koffer: befehlen

Sie, sie hinauszutragen? Die Pferde warten schon.

Glow. Ah, sofort. Entschuldigen Sie, meine Herren, daß ich Sie für einen

Augenblick verlasse. (Ab.)

Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke · 第 148 / 240 题