Dieselben. Uteschitelny und Michailo Alexandrowitsch Glow, ein
Herr in gesetzten Jahren.
Uteschitelny. Hier, Icharew, gestatte, daß ich dir Michailo
Alexandrowitsch Glow vorstelle.
Icharew. Ich muß gestehen, ich habe mir schon lange die Ehre gewünscht.
Da wir doch in einem Hotel wohnen ...
Glow. Ich freue mich auch, Ihre Bekanntschaft zu machen. Nur schade, daß
es fast vor der Abreise geschieht.
Icharew (reicht ihm einen Stuhl). Bitte ergebenst! Leben Sie schon lange
in dieser Stadt? (Uteschitelny, Schwochnew und Krugel flüstern
miteinander.)
Glow. Ach, lieber Herr, ich habe sie schon so satt, diese Stadt, ich
würde mich schon herzlich freuen, von hier fortzukommen.
Icharew. Nun, halten Sie hier Geschäfte davon ab?
Glow. Jawohl, Geschäfte. Ist das eine Sache, diese Geschäfte!
Icharew. Wohl ein Prozeß?
Glow. Nein, Gott sei Dank, kein Prozeß, aber doch eine ziemlich
schwierige Angelegenheit. Sehen Sie mal, ich verheirate jetzt meine
Tochter, ein achtzehnjähriges Mädchen. Verstehen Sie meine Lage als
Vater? Ich bin hierher gekommen, verschiedene Einkäufe zu machen,
hauptsächlich aber eine Hypothek auf ein Gut aufzunehmen. Die Sache wäre
schon ganz zu Ende, aber das Amt gibt noch immer das Geld nicht heraus,
und so bleibe ich ganz unnützer Weise hier.
Icharew. Gestatten Sie mir die Frage, für welche Summe verpfänden Sie
Ihr Gut?
Glow. Für zweihunderttausend. Schon in diesen Tagen sollte das Geld
ausgezahlt werden, aber nun zieht sich's hin, und ich hab's schon satt,
hier zu sitzen. Zu Hause, wissen Sie, habe ich alles nur auf ganz kurze
Zeit zurückgelassen. Meine Tochter ist Braut. Alles wartet ... Ich habe
sogar schon beschlossen, nicht weiter zu warten und hier alles liegen zu
lassen.
Icharew. Wieso? Wollen Sie denn nicht abwarten, bis Sie das Geld
bekommen?
Glow. Was ist zu machen, mein Liebster? Bedenken Sie nur meine Lage.
Seit einem Monat habe ich meine Frau und die Kinder nicht gesehen und
habe auch keinen Brief erhalten. Weiß Gott, wie's dort zugeht. Ich
überlasse alles meinem Sohn, der hierbleibt. Ich hab's satt. (Sich an
Schwochnew und Krugel wendend.) Was machen Sie, meine Herren? Ich
glaube, ich störe wohl. Sie waren mit etwas beschäftigt?
Krugel. Unsinn! Das ist nur so; vor Langeweile spielen wir ein bißchen.
Glow. Ich glaube, das ist so etwas wie Bankspiel?
Schwochnew. Ach was, nur zum Zeitvertreib: ein Pfennigspiel.
Glow. Ach, meine Herren, hören Sie, was Ihnen ein alter Mann sagt. Sie
sind junge Leute, natürlich, da ist nichts Schlimmes dabei: so'n bißchen
Zerstreuung; und in einem Pfennigspiel kann man ja nicht viel verlieren.
Das ist ja ganz richtig. Aber immerhin ... Ach, meine Herren, ich habe
selbst gespielt und kenne das aus Erfahrung. Da heißt alles auf der Welt
eine Pfennigsache, aber sieht man näher zu, so endet ein kleines
Spielchen manchmal als sehr großes Spiel.
Schwochnew (zu Icharew). Na, da fängt der Alte schon mit seinem Gerede
an. (Zu Glow.) Nun sehen Sie mal, da machen Sie gleich aus einer
Kleinigkeit eine wichtige Sache. Das ist so die gewohnte Manier der
alten Herren.
Glow. Wieso? Ich bin ja noch gar nicht so alt, aber ich urteile aus
Erfahrung.
Schwochnew. Ich meine ja nicht gerade Sie, aber die alten Herren haben
es überhaupt an sich: wenn sie sich an etwas verbrannt haben, so sind
sie überzeugt, daß auch der andere sich an derselben Sache verbrennen
müsse. Wenn sie auf einem Wege dahingingen und aus Zerstreutheit auf dem
Glatteis ausgeglitten und hingefallen sind, dann schreien sie gleich und
geben es für eine allgemeine Regel aus, daß auf diesem Wege niemand
gehen soll, denn da sei an einer Stelle Glatteis und jeder müsse auf die
Nase fallen. Das bedenken sie nicht, daß ein anderer vielleicht nicht so
zerstreut sein wird und seine Stiefel auch nicht so glatte Sohlen haben.
Nein, das alles verstehen sie nicht. Hat mal ein Hund einen Menschen auf
der Straße gebissen, dann heißt es, alle Hunde beißen, und niemand darf
auf die Straße gehen.
Glow. Nun ja, mein Teuerster, das ist schon richtig, so ne schlechte
Gewohnheit gibt's ja. Aber auch die jungen Leute sind gut, die haben
schon gar zu viel Feuer, die laufen jeden Augenblick Gefahr, sich das
Genick zu brechen!
Schwochnew. Das ist es eben, daß wir keinen Mittelweg kennen. Die Jugend
tobt, daß es nicht mehr auszuhalten ist, und das Alter wird so
heuchlerisch, daß wieder die anderen es nicht aushalten können.
Glow. Also so eine beleidigende Meinung haben Sie von den Alten?
Schwochnew. Aber nein, was ist denn das für eine beleidigende Meinung?
Das ist die reine Wahrheit, nichts mehr.
Icharew. Gestatte mir doch die Bemerkung: dein Urteil ist zu scharf.
Uteschitelny. Von wegen des Kartenspiels bin ich ganz derselben Meinung
wie Michailo Alexandrowitsch. Ich habe selber gespielt und habe stark
gespielt, aber Gott sei Dank, ich habe das für immer aufgegeben. Nicht
etwa, daß ich all mein Geld verloren hätte oder daß ich mich gegen das
Schicksal auflehnte. Glauben Sie mir, das ist noch gar nichts: der
Geldverlust ist nicht so wichtig, wie die Seelenruhe. Schon die
Aufregung, die man während des Spiels empfindet, verkürzt, was man auch
sagen mag, merklich unser Leben.
Glow. Jawohl, richtig, mein Teuerster, bei Gott, das haben Sie sehr
weise bemerkt. Gestatten Sie mir eine unbescheidene Frage: Ich habe
schon so lange das Vergnügen, Ihre Bekanntschaft zu genießen und bis
jetzt ...
Uteschitelny. Welche Frage denn?
Glow. Gestatten Sie mir die Frage, wenn es auch eine kitzlige Sache ist:
wie alt sind Sie?
Uteschitelny. Neununddreißig.
Glow. Denken Sie mal, was ist das denn, neununddreißig Jahre? Noch ein
ganz junger Mensch. Wenn doch bei uns in Rußland recht viele solche
wären wie Sie, die so weise urteilen. Du lieber Himmel, das wäre ja ein
goldenes Zeitalter, sozusagen eine Asträa. Wie bin ich dem Schicksal
dankbar, daß ich Sie kennen gelernt habe!
Icharew. Glauben Sie mir, ich teile auch ganz dieselbe Ansicht. Ich
würde jungen Burschen auch nicht gestatten, Karten in die Hand zu
nehmen, aber weshalb sollen denn vernünftige, gesetzte Leute sich nicht
etwas amüsieren, z. B. ein älterer Herr, der nicht mehr tanzt, warum
nicht?
Glow. Das ist schon richtig, gewiß, aber glauben Sie mir, es gibt im
Leben so viele Freuden, sozusagen heilige Pflichten. Ach meine Herren,
hören Sie doch auf einen alten Mann. Es gibt für den Menschen keine
bessere Bestimmung als das Familienleben, im häuslichen Kreis. Alles was
Sie jetzt umgibt, sind ja nichts als Aufregungen, bei Gott, nur
Aufregungen, aber das eigentliche Glück haben Sie ja noch nicht
genossen. Nehmen Sie mal mich, glauben Sie mir, ich kann die Minuten
kaum zählen, bis ich die Meinigen wiedersehe, bei Gott! Wenn ich mir
vorstelle, wie mein Töchterlein mir um den Hals fällt: Papachen,
liebstes Papachen! Auch mein Sohn ist aus dem Gymnasium gekommen, ich
habe ihn ein halbes Jahr lang nicht gesehen. Wahrhaftig, ich kann's gar
nicht aussprechen; bei Gott, so ist es! Nach alledem will man keine
Karte mehr ansehen!
Icharew. Aber weshalb soll man denn die väterlichen Gefühle mit den
Karten zusammenwerfen? Die väterlichen Gefühle sind etwas für sich, und
die Karten sind wieder etwas für sich.
Alexej (tritt ein, zu Glow). Ihr Diener fragt wegen der Koffer: befehlen
Sie, sie hinauszutragen? Die Pferde warten schon.
Glow. Ah, sofort. Entschuldigen Sie, meine Herren, daß ich Sie für einen
Augenblick verlasse. (Ab.)