Chlestakóff (allein). Auch eine Zigarre ist mal ganz nett. Wieviel
Beamte es doch hier gibt usw.
V.
Vorwort
zu einer zum Besten der Armen geplanten Ausgabe des »Revisor«.
1846.
Fast alle russischen Schriftsteller haben aus Teilen ihrer Werke Spenden
zum Besten der Armen gemacht: manche gaben zu diesem Zweck ganze Bücher
heraus, andere steuerten bereitwillig zu Sammelwerken bei; noch andere
endlich veranstalteten eigens dafür öffentliche Vorlesungen. Ich allein
hatte mich abseits gehalten. Vom Wunsche beseelt, diese meine
Unterlassung, wenn auch spät, zu sühnen, bestimme ich die vierte und
fünfte gleichzeitig in Moskau und Petersburg erscheinende Ausgabe des
»Revisor« zum Besten der Notleidenden. Sie ist um eine dem Publikum noch
unbekannte Skizze: »Die Deutung des Revisors« vermehrt, die aus
verschiedenen Gründen und Umständen bisher nicht veröffentlicht werden
konnte und hier zum erstenmal ihren Platz findet.
Der Erlös dieser beiden Ausgaben soll ausschließlich solchen Bedürftigen
zugute kommen, welche sich in unscheinbaren, niedrigen Stellungen
befinden und bei einem Einkommen, das kaum für den eigenen Unterhalt
notdürftig hinreicht, noch ärmere Anverwandte zu unterstützen, oft sogar
zu erhalten gezwungen sind; mit einem Wort: er ist für diejenigen
bestimmt, denen das bittere Los fiel, die doppelte Last des Lebens zu
tragen. Und deshalb bitte ich alle meine Leser, welche bereits durch den
Kauf dieses Buches das wohltätige Werk begonnen haben, es auch in
gleicher Weise fortzusetzen, namentlich aber, soweit es ihre Zeit
erlaubt, über alle in erster Linie Bedürftigen in Moskau sowohl wie in
Petersburg nach Möglichkeit Kunde einzuziehen, sich die Mühe nicht
verdrießen zu lassen, um in deren drückende Verhältnisse selbst
hineinzuschauen, und alle derartigen Nachrichten denen zu übermitteln,
die mit der Verteilung der Unterstützungen betraut sind.
Es herrscht viel Elend um uns her, von dem wir nichts wissen; oft siecht
in derselben Stadt, derselben Straße, ja in demselben Hause, in dem wir
wohnen, ein Mensch unter der schweren Last der Not und dem durch sie
erzeugten Herzenskummer dahin, dessen ganzes Schicksal vielleicht
abgewendet werden konnte, wenn wir nur einmal den Blick auf ihn
gerichtet hätten; wir aber schauten uns nicht nach ihm um; wir leben
sorglos und unbekümmert weiter, hören fast teilnahmslos die Nachricht,
daß ein jemand, der neben uns lebte, zugrunde gegangen ist, und ahnen
nicht einmal, daß die Ursache seines Unterganges lediglich die war, daß
wir uns nicht die Mühe gaben, nach ihm hinzusehen. Um Christi willen
bitte ich inständigst einer mündlichen Rücksprache mit solchen nicht aus
dem Wege zu gehen, welche verschlossen und zurückhaltend sind, stumm
sich grämen, stumm leiden und stumm dahinsterben, so daß man nur selten
und oft erst nach ihrem Tode erfährt, sie seien unter der unerträglichen
Last ihres Kummers zusammengebrochen. Alle diejenigen meiner Leser,
welche durch wichtige Geschäfte und Pflichten gebunden nicht die Muße
haben, sich direkt der Lage der Bedürftigen anzunehmen, bitte ich, sich
einer möglichst weitgehenden pekuniären Beihilfe nicht zu versagen und
diese einer von den mit der Verteilung der Unterstützungen betrauten
Personen zu überweisen, deren Namen und Adressen am Schluß dieses
Vorwortes verzeichnet sind.
Ich erachte es für meine Pflicht hierbei mitzuteilen, daß ich für diese
Mühewaltung lediglich solche von den mir bekannten Persönlichkeiten
ausgewählt habe, welche, ohne durch eigene Sorgen und Geschäfte an der
für dergleichen Angelegenheiten notwendigen Muße gekürzt zu sein, sich
überdies aus Herzensbedürfnis gedrungen fühlen, dem Nächsten zu helfen
und diese mühselige Arbeit freudig auf sich genommen haben, ungeachtet
dessen, daß sie sie vieler angenehmer gesellschaftlicher Vergnügungen
beraubt, auf die man sonst ungern verzichtet. Deshalb darf sich jeder
Gebende überzeugt halten, daß die von ihm gewährte Unterstützung auch
mit Überlegung verteilt und keine Kopeke nutzlos vergeudet werden wird.
Die Betreffenden werden keinem Menschen eher beispringen, bevor sie ihn
nicht aus der Nähe kennen gelernt, alle obwaltenden Umstände erwogen und
so die volle Einsicht gewonnen haben, auf welche Art und Weise die jenem
zugedachte Unterstützung zur Anwendung kommen soll. In solchen Fällen
jedoch, wo der Unglückliche sein schweres Los selbst verschuldet hat und
sein Elend mit Gewissensfragen in Verbindung steht, werden sie die
Beihilfe nur durch erfahrene Geistliche und namentlich solche Beichtiger
zur Ausführung bringen lassen, die nicht zum erstenmal mit Seele und
Gewissen des Menschen zu tun hatten. Es wäre wünschenswert, wenn jeder,
der Nachforschungen nach Bedürftigen anzustellen gedenkt, sich der
Mühe unterziehen wollte, die Ergebnisse den Verteilern der
Unterstützungsgelder persönlich und nicht schriftlich darzulegen; denn
bei mündlicher Rücksprache lassen sich all' jene Mißverständnisse leicht
beseitigen, die bei brieflicher Mitteilung nie zu vermeiden sind. Auf
diese Weise wird jeder sich nach Beschaffenheit seines Falles selber
darüber ein Urteil bilden können, an welche der bezeichneten Personen er
sich lieber, bequemer und zweckentsprechender wenden mag, auch erwägen
können, wann die mitfühlende Beteiligung einer Frau, wann das kräftige,
brüderlich ermutigende Wort eines Mannes im besonderen vonnöten sei.
Noch nützlicher wäre, wenn zu solchen Besprechungen ein für allemal eine
bestimmte Stunde festgesetzt würde, beispielsweise von 11-12, eine
Stunde, die überhaupt für alle, wenigstens für die Mehrzahl, die
geeignetste ist; und sollte sie trotzdem dem einen oder anderen nicht
genehm sein, so wird der zu dieser Stunde Vorsprechende auf jeden Fall
die Ansage einer anderen, geeigneteren erhalten können.
Zur Verteilung der Unterstützungsgelder haben sich bereit erklärt:
In _Moskau_:
Awdotja Pietrowna Jelagina.
Katerina Alexandrowna Swjerbejewa.
Wjera Sergejewna Aksakowa.
Alexej Stjepanowitsch Chomjakoff.
Nikolai Filippowitsch Pawloff.
Pjotr Wassiljewitsch Kirejewski.
In _Petersburg_:
Olga Stjepanowna Odojewskaja.
Gräfin Anna Michailowna Wjeljegorskaja.
Gräfin Daschkowa.
Arkadij Ossipowitsch Rosseti.
Jurij Fjodorowitsch Ssamarin.
Wladimir Alexejewitsch Muchanoff.
VI.
Die Deutung des Revisors
Personen:
Erster Schauspieler, Komiker: Michailo Sjemjonowitsch Schtschepkin.
Eine hübsche Schauspielerin.
Zweiter Schauspieler.
Fjodor Fjodorowitsch, Theaterenthusiast.
Pjotr Pjetrowitsch, ein vornehmer Herr.
Sjemjon Sjemjonowitsch, ein Herr aus ebenfalls ziemlich gutem Stande.
Nikolai Nikolajewitsch, ein Literat.
Schauspieler und Schauspielerinnen.
* * * * *
Erster Schauspieler (tritt auf die Bühne). Nun, jetzt wäre
Bescheidenheit unangebracht. Diesmal, darf ich sagen, habe ich
ausgezeichnet gespielt und der Applaus des Publikums war nicht
unverdient. Fühlt man das selber, ohne sich vor sich selbst zu schämen,
dann war eben die Leistung vollkommen.
(Eine Menge Schauspieler und Schauspielerinnen betreten die Bühne)
Zweiter Schauspieler (einen Kranz in der Hand). Michailo Sjemjonowitsch,
jetzt kommen wir, nicht das Publikum, um Ihnen diesen Kranz zu bringen.
Das Publikum verteilt seine Kränze nicht immer nach strenger Wahl; es
schenkt sie auch geringeren Leistungen. Wenn aber Kollegen, die doch
oftmals neidisch und unbillig sind -- wenn eben diese Kollegen jemandem
einmütigen Sinnes einen Kranz bringen, dann besagt das, daß dieser Mann
des Kranzes vollkommen würdig ist.
Erster Schauspieler (den Kranz entgegennehmend). Liebe Kollegen, ich
weiß diesen Kranz zu schätzen.
Zweiter Schauspieler. Nein, nicht in der Hand, aufs Haupt sollen Sie ihn
setzen!
Alle Schauspieler und Schauspielerinnen. Aufs Haupt den Kranz!
Die hübsche Schauspielerin (vortretend, mit befehlender Gebärde).
Michailo Sjemjonowitsch, den Kranz aufs Haupt!
Erster Schauspieler. Nein liebe Kollegen, den Kranz nehme ich zwar von
Euch an, aber aufsetzen darf ich ihn nicht. Etwas anderes ist's, vom
Publikum einen Kranz zu empfangen, als den gewohnten Ausdruck des
Dankes, womit es jeden beschenkt, der seinen Beifall zu erringen wußte;
einen solchen Kranz nicht aufsetzen, würde Geringschätzung gegenüber
seiner Gunst bedeuten. Um aber einen Kranz im Kreise gleichwürdiger
Kollegen aufzusetzen, dazu bedürfte es weit größerer Selbstüberhebung,
als ich sie besitze.
Alle. Den Kranz aufs Haupt!
Die hübsche Schauspielerin. Den Kranz aufs Haupt, Michailo
Sjemjonowitsch!
Zweiter Schauspieler. Das ist unsere Sache, hier richten wir, nicht Sie.
Setzen Sie ihn bitte nur erst mal auf, dann wollen wir Ihnen schon
sagen, weshalb wir Sie bekränzt haben. So ist's recht! Und nun hören
Sie! Der Kranz gebührt Ihnen darum, weil Sie uns schon reichlich zwanzig
Jahre angehören, ohne daß auch nur ein einziger unter uns sich jemals
von Ihnen gekränkt gefühlt hätte; darum, weil Sie hingebender als wir
alle ihre Pflicht getan und eben dadurch auch unseren Ehrgeiz geweckt
haben, auf unserer Bahn nicht zu ermatten, wozu wir sonst schwerlich die
Kraft gehabt hätten. Gibt es denn eine Macht, die stärker fortreißen
könnte, als das anfeuernde Beispiel eines Kollegen? Und darum auch, weil
Sie stets nicht nur an sich selbst gedacht, sich nicht nur Mühe gegeben
haben, Ihre eigne Rolle gut zu spielen, sondern auch Sorge trugen, daß
jeder andere die seine nicht verderbe, keinem Ihren Rat versagt und
keinen gering geachtet haben. Und endlich darum, weil Sie die Kunst so
geliebt haben, wie niemals einer von uns übrigen. Nun wissen Sie, warum
wir einmütig Ihnen jetzt diesen Kranz widmen.
Erster Schauspieler (mit Rührung). Nein, liebe Kollegen, so war es
nicht, wiewohl ich wünschte, es wäre so gewesen.
(Es erscheinen Fjodor Fjodorowitsch, Sjemjon Sjemjonowitsch,
Pjotr Pjetrowitsch und Nikolai Nikolajewitsch.)
Fjodor Fjodorowitsch (den ersten Schauspieler lebhaft umarmend).
Michailo Sjemjonowitsch, ich bin außer mir, weiß gar nicht, was ich zu
Ihrem Spiel sagen soll: so schön haben Sie noch nie gespielt!
Pjotr Pjetrowitsch. Ohne alle Schmeichelei, Michailo Sjemjonowitsch,
aber ich muß aufrichtig bekennen: ich habe niemals -- trotzdem ich, wie
ich ohne mich zu brüsten sagen darf, alle erstrangigen Theater Europas
besucht und die vorzüglichsten Schauspieler gesehen habe -- niemals habe
ich ein ähnlich vollkommenes Spiel gesehen, nein niemals, ohne alle
Schmeichelei!
Sjemjon Sjemjonowitsch. Michailo Sjemjonowitsch! ... (außerstande, sich
in Worten auszudrücken, mit einer Handbewegung). Sie sind der reine
Dämon!
Nikolai Nikolajewitsch. So vorzüglich, so restlos vollkommen, so
verständnisvoll und mit so tiefer Auffassung seine Rolle spielen --
nein, das geht über eine einfache Darstellung hinaus, das ist eine
zweite Gestaltung, ist eine Neuschöpfung!
Fjodor Fjodorowitsch. Die vollendete Kunst hat ihren Kranz erhalten!
Hier endlich begreift man die Hoheit der Kunst. Was hat denn z. B. die
Persönlichkeit, die Sie eben darstellten, sonst reizvolles an sich?
Ist's möglich, dem Zuschauer durch Verkörperung irgendeines beliebigen
Schurken Genuß zu bereiten? Ihnen ist das gelungen. Ich habe geweint,
nicht aus Teilnahme für das Schicksal dieses Menschen, sondern weil ich
hingerissen war. Mir wurde hell und leicht ums Herz, und zwar deshalb,
weil Sie alle Züge dieses verderbten Charakters ans Licht brachten, weil
Sie klar erkennen ließen, was so ein Schurke bedeutet.
Pjotr Pjetrowitsch. Gestatten Sie mir immerhin, um ganz abzusehen von
der meisterhaften Darstellung des Stückes, dergleichen ich aufrichtig
gestanden noch nie gesehen habe -- und ich bin doch, ohne Rühmens
gesagt, in den besten Theatern gewesen -- ich weiß auch nicht einmal,
wem der Autor mehr zu Dank verpflichtet ist: Ihnen, meine Herrschaften,
oder unserer Theaterleitung; wahrscheinlich aber beiden zugleich, denn
eine derartige Aufführung hebt jedes Stück (ich bitte meine Worte nicht
als leere Schmeichelei aufzufassen!). Immerhin also gestatten Sie mir,
wenn wir von alldem absehen, eine Bemerkung über das Stück selbst zu
machen, dieselbe Bemerkung, die sich mir schon vor zehn Jahren, bei
Gelegenheit der ersten Aufführung aufdrängte: ich vermag nämlich im
»Revisor«, auch wenn er so vortrefflich wie jetzt gespielt wird, nicht
den geringsten Nutzen für die Allgemeinheit zu erkennen, so daß man
sagen dürfte, das Stück sei für sie unentbehrlich.
Sjemjon Sjemjonowitsch. Ich meinesteils halte es sogar für schädlich; es
wird darin unsere Entwürdigung geschildert. Ich kann nicht glauben, daß
derjenige, der es schrieb, sein Vaterland liebt. Überdies: welche
Nichtachtung, welche Rücksichtslosigkeit offenbaren sich darin! Ich
fasse es überhaupt nicht, wie man wagen kann, allen ins Gesicht zu
sagen: »was lacht ihr? Ihr lacht über euch selber!«
Fjodor Fjodorowitsch. Aber Sjemjon Sjemjonowitsch, lieber Freund, du
vergißt ja ganz, daß das nicht der Autor, sondern der Polizeimeister
sagt, der aufgebrachte, zornige Schurke, der natürlich wütend ist, weil
man über ihn lacht.
Pjotr Pjetrowitsch. Fjodor Fjodorowitsch, dagegen wäre doch einzuwenden,
daß gerade diese Worte eine befremdende Wirkung taten, und daß
sicherlich sehr viele Zuschauer den Eindruck gehabt haben, als richte
der Autor jene Worte: »Was lacht ihr? Ihr lacht über euch selber!«
ausdrücklich an sie. Ich sage das -- meine Herrschaften, Sie werden
meine Worte nicht so auffassen, als ob ich dem Autor persönlich
übelwollte, oder voreingenommen gegen ihn wäre, oder ... kurz, als ob
ich irgend etwas gegen ihn hätte, verstehen Sie mich recht; nein, ich
gebe lediglich meinem eigenen Empfinden Ausdruck; mir kam es aber
wirklich so vor, als ob in diesem Augenblick ein Mensch vor mir stünde,
der sich über alles an uns lustig macht, über unsre Eigenschaften, unsre
Sitten und Gewohnheiten; und, indem er uns zwingt, selber über all dies
zu lachen, uns ins Gesicht sagt: »ihr lacht über euch selber!«
Erster Schauspieler. Erlauben Sie mir hier ein Wort einzuschalten. Das
hat sich ganz unwillkürlich so ergeben: in einem an sich selbst
gerichteten Monologe pflegt sich der Schauspieler gewöhnlich dem
Publikum zuzuwenden. Obwohl nun der Polizeimeister halb bewußtlos und
dem Wahnsinn nahe ist, muß er doch erkennen, wie überaus lächerlich er
sich durch seine ohnmächtigen Drohungen gegen Chlestakóff macht, der zur
selben Zeit im Postwagen über Stock und Stein auf Nimmerwiedersehen
davonjagt. Mag man dem immerhin die Deutung geben, von der Sie reden:
dem Autor jedenfalls hat jede derartige Absicht ferngelegen; ich sage
Ihnen das deshalb, weil ich ein kleines Geheimnis dieses Stückes kenne.
Gestatten Sie mir übrigens eine Gegenfrage: was wäre denn, wenn der
Autor wirklich die Absicht gehabt hätte, dem Zuschauer begreiflich zu
machen, daß er über sich selber lacht?
Sjemjon Sjemjonowitsch. Danke für das Kompliment! Ich für mein Teil
vermag nichts an mir zu entdecken, was ich mit den im »Revisor«
geschilderten Personen gemein hätte. Verzeihen Sie! Ich will mich gewiß
nicht rühmen, ohne Fehler zu sein, wie das ja auch sonst kein Mensch
kann, aber jenen Leuten gleiche ich doch nicht. Das fehlte noch gerade!
Im Motto heißt es: »Den Spiegel soll nicht schelten, wer eine Fratze
hat.« Pjotr Pjetrowitsch, ich frage dich: habe ich eine Fratze? Und
dich, Nikolai Nikolajewitsch, frage ich: habe ich eine Fratze? (Sich an
die übrigen wendend.) Meine Herrschaften, ich frage Sie alle: habe ich
etwa eine Fratze?
Fjodor Fjodorowitsch. Aber, Sjemjon Sjemjonowitsch, lieber Freund, du
stellst wunderliche Fragen. Ein Ausbund von Schönheit bist du freilich
nicht, wie ja auch wir allesamt Sünder sind. Man kann wirklich nicht so
ohne weiteres behaupten, daß dein Gesicht die Vollkommenheit selber
wäre; wie man es sich auch betrachtet, ein wenig schief ist es doch;
nun, und was schief ist, ist schließlich auch eine Fratze.
Pjotr Pjetrowitsch. Aber meine Herren, Sie kommen ja ganz vom Thema ab!
Das ist doch jedermanns eigene Gewissenssache; und wir amüsieren uns
darüber zu streiten, wer eine Fratze hat, und wer nicht. Die eigentliche
Frage war aber doch, um wieder darauf zurückzukommen: ich sehe in dieser
Komödie nichts von Vernunft, ich sehe nichts von einem Zweck darin,
wenigstens geht aus dem Werke selbst nichts dergleichen hervor.
Nikolai Nikolajewitsch. Ja, was wollen Sie denn noch für einen Zweck,
Pjotr Pjetrowitsch? Die Kunst trägt doch ihren Zweck in sich selbst; das
Streben nach dem Schönen und Erhabenen, das ist Kunst; das ist das
unverbrüchliche Gesetz der Kunst, und ohne dies ist Kunst nicht Kunst.
Und darum kann sie in keinem Falle unmoralisch sein. Sie strebt durchaus
zum Guten, positiv oder negativ, ob sie uns nun das Edelste darstellt,
was der Mensch besitzt, oder sich über die Häßlichkeit seiner Laster
lustig macht. Wenn man alles Schlechte zur Schau stellt, was im Menschen
steckt, und so kraß darstellt, daß jeder Zuschauer tiefen Abscheu davor
empfindet, dann frage ich: Ist das nicht eine Verherrlichung alles
Edlen? Nicht eine Verherrlichung der Tugend?
Pjotr Pjetrowitsch. Unstreitig, Nikolai Nikolajewitsch, doch möchte ich
trotzdem ....
Nikolai Nikolajewitsch (fortfahrend). Nicht das ist schlimm, daß man uns
im Sünder die Sünde zeigt, so daß wir erkennen, wie schlecht sie ist,
sondern schlimm ist, wenn sie so dargestellt wird, daß man nicht weiß,
auf welche Seite man sich stellen soll; schlimm endlich, daß uns die
Tugend in einer Weise gezeigt wird, daß man in ihr nichts mehr von
Tugend erkennt.
Erster Schauspieler. Wahr und schön gesprochen, Nikolai Nikolajewitsch!
Sie haben ausgesprochen, was von jeher meine Überzeugung war, nur daß
ich selbst es nie so treffend formulieren konnte. Ja, das ist das
Schlimme, daß man in der Tugend die Tugend nicht mehr erkennt. Dies Übel
kommt aber von all den modernen Dramen her, mit denen wir das Publikum
unterhalten müssen. Der Zuschauer verläßt das Theater, ohne sich
Rechenschaft geben zu können, was er denn eigentlich gesehen hat, ob ein
böser oder ein guter Mensch vor ihm stand; er leitete ihn nicht zur
Tugend, er hielt ihn nicht vor dem Laster zurück, und so bleibt er wie
in einem Traum befangen, ohne aus dem, was er gesehen, eine brauchbare
Richtschnur fürs Leben gewinnen zu können, ja sogar irre gemacht auf dem
Wege, den er bisher gegangen, und bereit, dem ersten besten zu folgen,
der ihn abseits führt, ohne zu fragen wohin und warum.
Fjodor Fjodorowitsch. Fügen Sie noch hinzu, Michailo Sjemjonowitsch,
welche Überwindung es einen Schauspieler kosten muß, eine derartige
Rolle zu spielen, sofern er ein echter, wahrer Künstler ist.
Erster Schauspieler. Sprechen Sie nicht davon, Ihre Worte treffen mich
mitten ins Herz. Sie können gar nicht ermessen, wie bitter das manchmal
ist. Man lernt, man studiert seine Rolle, und weiß doch selber nicht,
wie man sie verkörpern soll. Dann vergißt man sich mitunter, versetzt
sich in die Lage der darzustellenden Person, erhitzt sich, erschüttert
die Zuschauer -- und wenn man sich schließlich besinnt, wodurch man das
erreicht hat, wird man uneins mit sich selbst: man möchte in die Erde
versinken, und glüht beim Applaus wie vor eigener Scham. Ja, ich vermag
nicht zu entscheiden, was verwerflicher ist: die Niedertracht so
darzustellen, daß es den Zuschauer mit ihr zu sympathisieren gelüstet,
oder das Walten der Tugend so wenig zur Erscheinung kommen zu lassen,
daß jener gar nicht den Wunsch fühlt, ihr zu folgen. Eines wie das
andere ist meiner Meinung nach -- Fäulnis, aber keine Kunst. Nikolai
Nikolajewitsch hat weise gesprochen: schlimm ist's, wenn man in der
Tugend die Tugend nicht erkennt.
Zweiter Schauspieler. Wahr, sehr wahr; schlimm, wenn man in der Tugend
die Tugend nicht erkennt.
Pjotr Pjetrowitsch. Dagegen habe ich ganz und gar nichts einzuwenden.
Nikolai Nikolajewitsch hat weise gesprochen, und Michailo Sjemjonowitsch
hat es noch weiter ausgeführt. Jedoch ist all dies keine Antwort auf
meine Frage. Das, was Sie eben ausgesprochen haben, nämlich: daß die
Tugend mit einer magischen Kraft dargestellt werden solle, fähig, nicht
nur den guten, sondern auch den schlechten Menschen an sich zu ziehen,
und andererseits das Laster in so durchsichtiger Weise, daß der
Zuschauer nicht nur keine Neigung spürt, mit den dargestellten Personen
zu sympathisieren, sondern umgekehrt den lebhaften Wunsch fühlt, sie
weit von sich zu stoßen, -- all dies, Nikolai Nikolajewitsch, muß
selbstverständlich die absolute Vorbedingung jedes Dichterwerkes sein;
um von Zweck schon gar nicht zu reden. Jedes Dichterwerk aber muß
darüber hinaus noch Sinn und Bedeutung selbständiger Art besitzen,
Nikolai Nikolajewitsch, sonst geht seine Originalität verloren, sehen
Sie das wohl ein? Deshalb kann ich im »Revisor« nicht die große
Bedeutung erkennen, die andere ihm beimessen. Es ist notwendig, daß
volle Klarheit darüber herrsche, warum solch ein Werk unternommen wurde,
speziell was es bezweckt, worauf es zielt und was es neues durch sich
sagen will. Darum handelt es sich, Nikolai Nikolajewitsch, und nicht um
das, was Sie im allgemeinen über Kunst sagen.
Nikolai Nikolajewitsch. Aber wozu denn erst fragen, was es bezweckt? Das
liegt doch auf der Hand.
Pjotr Pjetrowitsch. Nein, Nikolai Nikolajewitsch, das liegt keineswegs
auf der Hand. Ich kann in dieser Komödie keinen besonderen Zweck
erkennen, es sei denn, der Autor hätte ihn absichtlich verhüllt. Dann
aber bedeutet das eine Verletzung des Kunstprinzips, was Sie auch
dagegen einwenden mögen. Betrachten wir diese Komödie doch mal genauer:
der »Revisor« bringt doch gewiß nicht die Wirkung hervor, daß die
Zuschauer sich hinterher erhoben fühlen; im Gegenteil, ich denke, Sie
wissen es selber, daß die einen zwecklos beunruhigt, andere sogar
erbittert wurden, und alle samt und sonders ein drückendes Unbehagen mit
nach Haus nahmen. Wenn wir absehen vom Vergnügen, das die geschickt
erfundenen Szenen bereiten, von der komischen Situation vieler Personen,
von der gewiß meisterhaften Zeichnung einzelner Charaktere absehen, so
bleibt doch in Summa so etwas -- ich kann das gar nicht einmal klar
bezeichnen -- so etwas unnatürlich Düsteres, so etwas wie Schrecken über
unsere Sittenlosigkeit zurück. Gerade das Erscheinen des Gendarmen, der
wie eine Art Henker in die Tür tritt, dies Versteinern, welches sich in
allen Gesichtern ausprägt, während er das Eintreffen des wahren Revisors
ankündigt, der sie alle zerschmettern, vernichten, vom Erdboden
vertilgen soll, -- all dies ist unerhört schreckhaft! Ich bekenne Ihnen
ganz aufrichtig, _à la lettre_, daß mir keine einzige Tragödie jemals
eine so trübe, drückende, trostlose Stimmung verursacht hat; weshalb ich
sogar argwöhne, der Autor habe durch die letzte Szene seiner Komödie
absichtlich diese Wirkung hervorbringen wollen. Es ist ausgeschlossen,
daß das durch bloßen Zufall zustande gekommen sein sollte.
Erster Schauspieler. Da sind Sie also doch endlich bei dieser Frage
angelangt. Der »Revisor« wird nun schon an die zehn Jahr auf den Bühnen
dargestellt; mehr oder minder haben alle an der niederdrückenden
Wirkung, die er auf sie ausübte, Anstoß genommen; und dennoch hat sich
niemand die Frage vorgelegt: weshalb mußte diese Wirkung erzielt werden?
Als wenn der Autor seine Komödie nur so aufs Geratewohl geschrieben
haben sollte, ohne überhaupt daran zu denken, wozu sie nützen und welche
Folgen sie haben könnte. Gestehen Sie ihm doch wenigstens dieses
Quentchen Verstand zu, das Sie sonst keinem Menschen absprechen; jede
Tat hat doch schließlich einen Beweggrund, selbst bei unvernünftigen
Leuten.
(Alle sehen ihn erstaunt an.)
Pjotr Pjetrowitsch. Erklären Sie sich genauer, Michailo Sjemjonowitsch,
das ist nicht ganz verständlich.
Sjemjon Sjemjonowitsch. Sie scheinen uns Rätsel aufgeben zu wollen.
Erster Schauspieler. Ja, ist Ihnen denn wirklich gar nicht aufgefallen,
daß der »Revisor« keinen Schluß hat?
Nikolai Nikolajewitsch. Wieso keinen Schluß?
Sjemjon Sjemjonowitsch. Was denn noch für einen Schluß? Fünf Akte sind
doch da, auf sechs bringt es keine Komödie. Soll etwa noch ein weiterer
Skandal nachfolgen?
Pjotr Pjetrowitsch. In der Tat, Michailo Sjemjonowitsch, was wäre denn
das für eine Art Stück, wenn es keinen Schluß hätte? Ist das etwa auch
eine Kunstregel, Nikolai Nikolajewitsch? Das kommt mir wirklich so vor,
als wenn man vor uns alle ein verschlossenes Kästchen hinstellen und
fragen wollte, was darin sei.
Erster Schauspieler. Und wenn es nun tatsächlich zu dem Zweck
hingestellt wäre, damit Sie sich selber bemühen, es zu öffnen?
Pjotr Pjetrowitsch. Dann muß einem das wenigstens gesagt, oder gleich
der Schlüssel in die Hand gegeben werden.
Erster Schauspieler. Aber wenn der Schlüssel nun doch daliegt, neben dem
Kästchen liegt?
Nikolai Nikolajewitsch. Sprechen Sie doch nicht weiter in Rätseln! Sie
haben von irgend etwas Kenntnis. Sicherlich hat Ihnen der Autor den
Schlüssel an die Hand gegeben, und Sie halten ihn fest und spielen den
Geheimnisvollen.
Fjodor Fjodorowitsch. Erklären Sie sich, Michailo Sjemjonowitsch; es
interessiert mich allen Ernstes zu erfahren, was dahinter stecken mag!
Mit meinen Augen sehe ich nichts.
Sjemjon Sjemjonowitsch. So öffnen Sie uns doch das rätselhafte Kästchen!
Was ist's mit diesem seltsamen Ding, das uns geheimnisvoll gebracht,
geheimnisvoll vor uns aufgestellt und geheimnisvoll vor uns verschlossen
gehalten wird?
Erster Schauspieler. Und was dann, wenn es sich so öffnet, daß Sie sich
wundern müßten, es nicht selber haben öffnen zu können? Wenn dann etwas
darin liegt, was manchem als wertloser Groschen, anderen aber als
blanker Dukaten gilt, von dauerndem Wert, wie auch seine Prägung sich
verändern möge?
Nikolai Nikolajewitsch. Jetzt genug mit Ihren Rätseln! Geben Sie uns
ohne Umschweife den Schlüssel!
Sjemjon Sjemjonowitsch. Den Schlüssel, Michailo Sjemjonowitsch!
Fjodor Fjodorowitsch. Den Schlüssel!
Pjotr Pjetrowitsch. Den Schlüssel!
Alle Schauspieler und Schauspielerinnen. Michailo Sjemjonowitsch, den
Schlüssel!
Erster Schauspieler. Den Schlüssel? Werden Sie ihn auch annehmen, meine
Herrschaften? Ihn nicht vielleicht mitsamt dem Kästchen fortschleudern?
Nikolai Nikolajewitsch. Den Schlüssel! Weiter wollen wir nichts hören.
Den Schlüssel!
Alle. Den Schlüssel!
Erster Schauspieler. Gut also, ich will Ihnen den Schlüssel geben.
Möglicherweise sind Sie nicht gewohnt, aus dem Munde eines Komikers
derartige Worte zu vernehmen; doch einerlei, heut glüht meine Seele, ich
fühle mich leicht und frei, und will darum alles aussprechen, was ich
auf dem Herzen habe, wie Sie auch immer meine Worte aufnehmen mögen.
Nein, meine Herrschaften, der Autor hat mir den Schlüssel nicht
anvertraut, aber es gibt Momente der Seelenstimmung, wo man plötzlich
erkennt, was vordem unbegreiflich war. Ich fand diesen Schlüssel und
mein Herz sagt mir, daß es der rechte sei; das Kästchen tat sich vor mir
auf, und meine Seele sagt mir, daß der Autor selber nichts anderes
gemeint haben könne.
Schauen Sie einmal genau in jene Stadt hinein, die im Stück geschildert
wird! Alle ohne Ausnahme sind überzeugt, daß es eine solche Stadt in
ganz Rußland nicht gibt; man hat nirgendwo bei uns von einem Orte
gehört, in dem sämtliche Beamten solche Schurken wären; immer sind doch
wenigstens zwei bis drei ehrenhafte darunter. Hier aber kein einziger.
Mit einem Wort, solch eine Stadt existiert nicht, nicht wahr? Wie aber
nun, wenn dies vielmehr unsere eigene Seelenstadt wäre, die sich in
einem jeden von uns befindet? Nein, lassen Sie uns nicht mit irdischen
Augen auf uns schauen -- denn kein irdisches Wesen wird dereinst über
uns zu Gericht sitzen, -- versuchen wir doch einmal mit den Augen dessen
auf uns zu schauen, der von allen Menschen Rechenschaft fordern wird,
vor dem auch die besten unter uns, beherzigen sie das, vor Scham die
Blicke zu Boden senken werden, und dann wollen wir einmal sehen, ob noch
ein einziger den Mut haben wird zu fragen: »habe ich denn eine Fratze?«
Ob er nicht vielmehr über seine eigene Verworfenheit dann ebenso
erschrecken wird, wie er über die Verworfenheit aller jener Beamten
erschrak, die er vorhin im Stück sah. Nein, Pjotr Pjetrowitsch, nein,
Sjemjon Sjemjonowitsch, sagen Sie mir nicht: »das ist alter Kram« oder
»das wissen wir längst!« Lassen Sie auch mich einmal reden. Bin ich denn
etwa bloß zum Spaßmachen da? Dinge, die uns zu dem Zweck gegeben sind,
damit wir ewig an sie denken sollen, darf man nicht alt heißen: wie
etwas Neues sollen wir sie aufnehmen, gleich als hörten wir sie zum
erstenmal, ohne Ansehung dessen, der sie ausspricht, sei er wer er sei.
Nein, Sjemjon Sjemjonowitsch, nicht um unsere Vortrefflichkeit darf es
sich handeln, sondern um die Sorge, daß unser Leben, welches wir für
eine Komödie anzusehen uns gewöhnt hatten, nicht auch so tragisch ende,
wie die Komödie, die wir vorhin gespielt haben. Man sage was man will,
furchtbar aber ist jener Revisor, der uns an den Pforten des Grabes
erwartet. Und Sie wüßten nicht, wer dieser Revisor ist? Wozu die
Verstellung? Dieser Revisor ist unser erwachendes Gewissen, das uns
jählings zwingt, uns mit scharfem Auge selbst zu betrachten. Vor diesem
Revisor wird nichts verborgen bleiben, weil er in Sendung des
Allerhöchsten kommt und gerade in dem Augenblicke gemeldet wird, wo es
keinen Schritt zurück mehr gibt. Dann wird sich vor uns, wird sich in
unserm eignen Innern ein solches Gräuel enthüllen, daß sich vor
Schrecken unser Haar sträuben wird. Darum ist es besser eine Revision
von alle dem, was in uns ist, im Anfang des Lebens vorzunehmen, und
nicht erst am Schlusse; besser, statt schalen Selbstlobs und schaler
Selbstbeschönigungen schon jetzt in diese unsaubere Seelenstadt
einzutreten, die oftmals verwahrloster als jede andere Stadt ist, und in
der unsere Leidenschaften wie verworfene Beamte hausen, die den Schatz
unsrer eigenen Seele bestehlen. Am Anfang des Lebens soll man einen
Revisor nehmen und Hand in Hand mit ihm alles durchprüfen, was in uns
ist, -- einen wirklichen Revisor, keinen falschen, keinen Chlestakóff!
Chlestakóff ist ein Windbeutel, Chlestakóff ist das leichtfertige
irdische Gewissen, das feile, betrügerische Gewissen; ein Chlestakóff
wird von den in unsrer Seele hausenden Leidenschaften sofort bestochen;
an seiner Hand werden wir in unserer Seele nichts entdecken. Sehen Sie
doch, wie sich jeder Beamte im Gespräch mit ihm geschickt herauswindet,
rechtfertigt und fast wie ein Heiliger davongeht. Bedenken Sie, ist
nicht jede unserer Leidenschaften noch viel schlauer als diese
schurkischen Beamten? Die Leidenschaften nicht nur, nein sogar jede
beliebige gleichgültige, platte Gewohnheit? Sie weiß sich uns so
geschickt zu entwinden und zu rechtfertigen, daß man sie geradezu für
eine Tugend hält, sich vor seinem Nächsten noch brüstet und spricht:
»sieh, wie herrlich meine Stadt ist, wie alles darin so ordentlich und
sauber ist!« Heuchler sind unsere Leidenschaften, Heuchler, sage ich
Ihnen, denn ich habe für mich selbst mit ihnen zu schaffen gehabt. Nein,
mit dem leichtfertigen irdischen Gewissen entdeckt man in sich nichts
davon: dies wird von jenen, und jene werden von diesem geprellt, wie die
Beamten von Chlestakóff, und schließlich verflüchtigt es sich auf
Nimmerwiedersehen. Und man steht dann da wie der Dummkopf
Polizeimeister, der schon wer weiß wie hoch hinauswollte, sich schon
General träumte, ganz zuversichtlich verkündete, er werde in der
Residenz der Erste sein, den anderen bereits Ämter und Würden versprach,
und dann doch plötzlich wahrnehmen muß, daß er komplett betrogen und
übertölpelt worden ist von einem Bürschchen, einem Schlingel, einem
Windbeutel, der nicht die geringste Ähnlichkeit mit einem wirklichen
Revisor besessen hatte. Nein, Pjotr Pjetrowitsch, nein, Sjemjon
Sjemjonowitsch, nein, meine Herrschaften, alle, alle, die ihr solcher
Anschauung sein mögt, entschlagt auch dieses weltlichen Gewissens! Laßt
uns nicht mit Chlestakóff, sondern mit dem wirklichen Revisor auf uns
schauen. Ich versichere euch, unsere Seelenstadt ist es wert, daß für
sie so von uns gesorgt werde, wie ein gewissenhafter Herrscher für sein
Reich sorgt. Mit Ernst und Strenge, wie er aus seinen Landen die
Bestechlichen entfernt, so laßt uns die bestechlichen Elemente aus
unsrer eigenen Seele vertreiben! Ein Mittel, eine Geißel gibt es, womit
man sie austreiben kann: mit dem Lachen, meine werten Landsleute! Mit
dem Lachen, das all' unsre niederen Leidenschaften so fürchten, dem
Lachen, das uns geschenkt ist, um über alles, was die echte Schönheit
des Menschen entstellt, lachen zu können. Geben wir doch dem Lachen
seine wahre Bedeutung wieder! Entreißen wir es denen, die es erniedrigt
haben zu einem leichtfertigen, weltlichen Gespött über alles, ohne
Unterschied zwischen Gut und Böse. In derselben Weise, wie wir über die
Verderbtheit anderer gelacht haben, laßt uns hochherzig lachen über die
eigenen Schwächen, welcher Art sie auch sein mögen! Laßt uns nicht nur
diese eine Komödie, sondern alles, was aus der Feder jedes beliebigen
Schriftstellers kommt, der Laster und Niedrigkeit lachend an den Pranger
stellt, so auf uns selbst beziehen, als wenn es lediglich für uns
geschrieben wäre: alles werden wir in uns aufspüren, sofern wir unsere
Seele nur nicht mit einem Chlestakóff, sondern mit dem wirklichen und
unbestechlichen Revisor betreten. Und nicht wollen wir uns irre machen
lassen, wenn so ein aufgebrachter Polizeimeister oder richtiger: der
böse Geist selber uns zuraunt: »Warum lacht ihr? Ihr lacht über euch
selbst!« Stolz wollen wir ihm dann entgegnen: »Jawohl, wir lachen über
uns selbst, weil wir die Stimme unseres edlen russischen Wesens
vernehmen, weil wir den Befehl des Höchsten vernehmen, der uns gebietet,
besser zu werden als die übrigen!« Meine lieben Landsleute, seht, in
meinen Adern fließt dasselbe russische Blut wie in den euren. Schaut
her: ich weine! Ich, der Komiker, der euch noch eben belustigt hat, ich
weine jetzt. Gönnt mir das Bewußtsein, daß auch mein Lebensweg so
ehrenhaft ist, wie der eines jeden von euch, daß auch ich meinem
Vaterlande so ehrlich diene, wie ihr andern alle, daß ich kein
beliebiger Possenreißer bin, geschaffen zur Kurzweil der gedankenlosen
Menge, sondern ein treuer Beamter des großen Gottesreiches; und daß ich
ein Lachen in euch erweckt habe -- nicht das sündhafte, mit dem ein
Mensch den andern verspottet, und das die nichtige Leere des Müßiggangs
gebiert, -- sondern jenes Lachen, welches aus der Nächstenliebe quillt.
Einträchtig wollen wir aller Welt beweisen, daß in russischen Landen
alles, was da lebt, klein und groß, bemüht ist, dem zu dienen, dem man
auf Erden dienen soll, und (nach oben blickend) nach dorthin aufwärts
strebt zur höchsten, ewigen Schönheit.
VII.
Nachtrag
zur »Deutung des Revisors«.
Sjemjon Sjemjonowitsch. Was bedeutet das, Michailo Michailowitsch, von
was für einer Seelenstadt reden Sie?
Michailo Michailowitsch. Es war eine Eingebung. Mir schien, es sei dies
meine eigene Seelenstadt, und die letzte Szene stelle die letzte Szene
des Lebens vor, wo das Gewissen einen plötzlich zwingt, sich selbst
scharf zu betrachten und vor sich selber zu erschrecken. Mir schien, als
sei dieser wirkliche Revisor, dessen bloße Ankündigung am Schluß der
Komödie solchen Schrecken hervorruft, unser wahres Gewissen, welches uns
an der Pforte des Grabes entgegentritt; und dieser Windbeutel
Chlestakóff, dieser Schelm, oder wie Sie ihn sonst nennen wollen, sei
unser falsches weltliches Gewissen, das, indem es sich unsern Schrecken
zunutze macht, unversehens die Maske des wahren annimmt und sich von
unseren Leidenschaften bestechen läßt, wie Chlestakóff von den Beamten,
um dann wie dieser spurlos zu verschwinden. Mir schien, als träte jener
trostlos niederdrückende Schluß, der die Zuschauer so betrübt und
erschüttert hat, mit der Mahnung vor mich hin, daß auch das Leben, das
wir gewöhnlich als eine Komödie betrachten, einen solch
düster-tragischen Abschluß haben könne. Mir schien, als lehre der
gesamte Inhalt der Komödie, daß man die Pflicht habe, zu Anfang jenen
Revisor zu nehmen, der uns am Schluß entgegentritt, um an seiner Hand
die eigene Seele genau so durchzuprüfen, wie ein gerechter Herrscher
sein Reich revidiert, und daß man sich ebenso gegen die eigenen
Leidenschaften wappnen müsse, wie sich ein solcher gegen bestechliche
Beamte wappnet; und zwar darum, weil jene ebenso rücksichtslos die
Schätze unserer Seele bestehlen, wie diese die Kassen und das Vermögen
des Staates. Mit dem echten Revisor soll man es tun, weil unsere
heuchlerischen Leidenschaften, und nicht nur sie allein, sondern jede
geringste alberne Gewohnheit so schlau uns beizukommen, sich so
geschickt vor uns zu beschönigen versteht, wie nur irgend die
schurkischen Beamten vor Chlestakóff, so daß man drauf und dran ist, sie
für Tugenden zu halten und sich der Ordnung in der eigenen Seelenstadt
zu rühmen, ohne auch nur im entferntesten zu argwöhnen, daß man
hinterher der Betrogene sein könne, gleichwie der Polizeimeister. So kam
es mir vor.
Pjotr Pjetrowitsch. Michailo Michailowitsch, all das ist schön
gesprochen; wo aber fanden Sie hier die Ähnlichkeit? Was für eine
Beziehung besteht denn zwischen Chlestakóff und dem leichtfertigen
weltlichen Gewissen, oder zwischen dem echten Revisor und dem echten
Gewissen? Nikolai Nikolajewitsch, sagen Sie mir offen: finden Sie hier
irgendwelche Analogie?
Nikolai Nikolajewitsch. Nicht die geringste.
Sjemjon Sjemjonowitsch. Auch ich nicht; wie weit ich auch die Augen
aufsperre, ich sehe nichts davon.
Fjodor Fjodorowitsch. Ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, Michailo
Michailowitsch, obgleich der Gedanke nicht übel ist und einer
künstlerischen Arbeit sehr wohl als Thema dienen könnte, daß ich dennoch
nicht glauben kann, der Autor habe ihn im Sinn gehabt.
Nikolai Nikolajewitsch (bestimmt). Unsinn! er ist ihm nicht einmal
eingefallen!
Michailo Michailowitsch. Ja, habe ich denn etwa behauptet, daß der Autor
ihn im Sinne gehabt hat? Ich erklärte Ihnen doch vorhin schon: »Der
Autor gab mir den Schlüssel nicht, ich biete Ihnen dafür den meinen.«
Selbst wenn er diesen Gedanken gehabt hätte, würde er doch in einem
solchen Falle unklug gehandelt haben, wenn er ihn deutlich erkennen
ließe. Dann wäre die Komödie auf eine Allegorie hinausgelaufen, hätte
sich in eine dürre, moralisierende Predigt verwandelt. Nein, seine Sache
war es vielmehr, lediglich den Abscheu vor tatsächlichen Mißständen,
nicht solchen in einer ideellen Stadt, sondern in einer realen,
irdischen, zur Darstellung zu bringen, und alles Schlechte unserer
Heimat so zusammenzufassen, daß man es sofort als solches erkennt und
nicht etwa für das unvermeidliche Übel hält, welches ebenso
unausweichlich zwischen das Gute gemengt ist, wie die Schatten auf einem
Gemälde. Seine Pflicht war es, diese Schatten so schwarz zu malen, daß
ein jeder fühlen soll, es müsse dagegen angekämpft werden; daß den
Zuschauer Schrecken erfaßt und ihm der Schauder durch Mark und Bein
geht. Das war seine Pflicht. Unsere Pflicht aber ist es, die Moral
daraus zu ziehen. Wir sind Gott sei Dank keine Kinder mehr. Ich habe
darüber nachgesonnen, was für eine Moral ich für mich selbst daraus
ziehen könnte, und bin auf jene verfallen, die ich Ihnen soeben
mitgeteilt habe.
Pjotr Pjetrowitsch. Michailo Michailowitsch! Eine Komödie wird für alle
geschrieben; es soll jedermann die Moral daraus ziehen können, eine
Moral, die naheliegt und allen erreichbar ist, nicht aber so fern liegen
darf, daß höchstens ein ungewöhnlich begabter Mensch sie für sich allein
finden kann. Warum, frage ich, hat niemand außer Ihnen diese Moral
gefunden?
Nikolai Nikolajewitsch. Sehr richtig, das ist der springende Punkt!
Erklären Sie erst einmal, weshalb nur Sie, und nicht auch alle anderen
sie gefunden haben?
Sjemjon Sjemjonowitsch. Ja, Michailo Michailowitsch, weshalb haben Sie
und nur Sie allein sie gefunden?
Michailo Michailowitsch. Zunächst einmal: woher wissen Sie, daß nur ich
allein diese Moral gefunden habe? Und ferner: aus welchem Grunde halten
Sie sie für fernliegend? Ich meine doch, daß uns unsere Seele näher
liegt, als alles andere. Ich hatte damals meine eigene Seele im Sinne,
ich dachte an mich selbst, und darum eben zog ich diese Moral daraus.
Hätten auch andere vor allem an sich selbst gedacht, dann hätten auch
sie gewiß die gleiche Moral wie ich finden können. Dringt denn aber
jeder von uns so tief in das Dichterwerk ein, wie die Biene in die
Blüte? Um herauszusaugen, was man braucht? Nein: wir suchen in allem
eine Moral für andere, nicht für uns; wir sind immer dabei, die
Allgemeinheit zu behüten und zu bewahren, indem wir eifrigst für die
Moralität anderer Leute Sorge tragen -- und unsere eigene vergessen.
Machen wir uns doch gern über andere lustig, nicht aber über uns selbst;
freuen uns, die Fehler der anderen zu bemerken, nicht aber die eigenen.
Wie dem nun auch sein mag, schauen Sie doch aber mal hin: dreitausend
Menschen kommen ins Theater; alle wissen, daß sie gekommen sind, um sich
zu amüsieren und jeder von diesen dreitausend setzt voraus, er werde
Gelegenheit finden, sich über andere lustig machen zu können, nicht aber
über sich selbst. Die leiseste Andeutung, daß er selber vielleicht gar
dem ähnele, über den er lachte, kann ihn erzürnen und er würde sofort
wütend wiederholen: »habe ich denn eine Fratze?«
Sjemjon Sjemjonowitsch. Michailo Michailowitsch, in diesem Sinne meine
ich das nicht ...
Michailo Michailowitsch (ihn unterbrechend). Gestatten Sie, Sjemjon
Sjemjonowitsch! Sie, ein ehrenwerter Mann, mit echt russischem Herzen,
ein Mensch, der mit wahrhaft christlichem Auge das Leben betrachtet, --
warum sprechen Sie aus, was Ihrer eigenen Denkungsart widerstreitet? Vor
allem, warum vergessen Sie jedesmal, daß das Thema der Komödie und
überhaupt der Satire nicht das Tüchtige, sondern das Verächtliche im
Menschen ist? Daß, je schwärzer sie das Laster schildert und je stärker
sie den Zuschauer erbeben und vor ihm schaudern macht, sie desto
vollkommener ihren Zweck erreicht? Warum vergessen Sie das jedesmal und
weisen der Satire Motive zu, die vielmehr dem Bereiche der Tragödie
gehören? Warum betrachten Sie nicht auch das Werk des Schriftstellers
mit dem Auge des Christen? Nein, wer eine Moral haben will, wird sie für
sich selbst auch finden; wer in seine eigene Seele schaut, wird von
überallher nehmen, was er braucht: wird auch in dieser realen Stadt
seine eigene Seelenstadt erkennen, wird erkennen, daß man sich mit aller
Kraft gegen die Heuchelei wappnen muß. Nein, lassen Sie die Satire
unbehelligt, sie tut ihre Schuldigkeit. Das Laster darf nirgendwo
geschont werden, mag es zu Tage treten, wo es wolle. Wenn Sie aber schon
christlich handeln wollen, dann beziehen Sie die Satire auf sich selbst,
wenden Sie die Komödie auf sich selbst an, ehe Sie eine Beziehung auf
die Allgemeinheit darin suchen. Will man wahrhaft christlich handeln,
dann ist es Pflicht, jede Dichtung, in der das Laster gegeißelt wird,
auf sich selbst zu beziehen, gleich als wäre Sie bloß unsertwegen
verfaßt. Sie wissen es ja doch, daß wir keinen Fehler an anderen
entdecken können, den wir nicht wenigstens als Reflex auch selber
besäßen, -- in geringerem Maßstabe, anders geartet, in anderer
Verkleidung, anständiger, liebenswürdiger und verbrämter als
Chlestakoff. Einerlei was man sucht, wenn man in seine Seele nur mit
jenem unbestechlichen Revisor hineinschaut, der unser an der Pforte des
Grabes harrt! Wir wissen das sehr wohl, wollen es aber nicht wissen!
Tagtäglich gestehen wir uns ein, daß unser Inneres von Leidenschaften
wimmelt, aber austreiben wollen wir sie nicht. Und haben doch eine
Peitsche in der Hand, um sie austreiben zu können.
Sjemjon Sjemjonowitsch. Eine Peitsche? Welche Peitsche denn?
Michailo Michailowitsch. Ist das Lachen etwa keine Peitsche? Oder meinen
Sie, es wäre uns umsonst geschenkt, während doch selbst der verworfenste
Mensch sich davor fürchtet? Fürchtet sich doch sogar derjenige davor,
der sich sonst vor nichts fürchtet! Also ist es uns zu einem wichtigen
Zwecke geschenkt. Und wozu? Meinen Sie etwa, um uns in oberflächlicher
Weise zu amüsieren? Haben wir es aber zu dem Zwecke erhalten, um damit
alles zu geißeln, was die edleren Eigenschaften des Menschen befleckt,
warum geißeln wir dann nicht zuerst einmal das, was unsere eigene Seele
verunziert? Warum verwenden wir es nicht gegen das eigene Innere,
treiben nicht aus dem eigenen Lande die eigenen Schurken hinaus? Warum
soll die leise Andeutung, daß wir über uns selbst lachen, uns Ärger
verursachen? Sei dem wie ihm wolle, aber jede unserer Leidenschaften,
jede unserer schlechten Gewohnheiten will immer eine möglichst vornehme
Rolle spielen und äußerlich vornehm scheinen, und schleicht sich
lediglich unter dieser Maske in unsere Seele ein, die, weil von edlerer
Natur, jene in ihrer schmutzigen Nacktheit sonst zurückweisen würde.
Aber glauben Sie mir, würden wir sie vor uns selbst dem Lachen
preisgeben und so schonungslos geißeln, daß man selber vor Scham erglüht
und nicht weiß, wo man sein Antlitz verbergen soll, -- sie würde nicht
wagen, sich in unserer Seele einzunisten, und würde spurlos
verschwinden.
Sjemjon Sjemjonowitsch. In der Tat, Ihre Worte geben zu denken. Sie
glauben also, die Anwendung des Lachens auf sich selbst, gegen die
eigene Person, sei möglich?
Pjotr Pjetrowitsch. Ich bin der Meinung, daß das bloß derjenige vermag,
der den Adel der menschlichen Natur fühlt und Schauder vor seinen
eigenen Fehlern empfindet.
Michailo Michailowitsch. Und ich meinerseits bin überzeugt, daß, wer nur
ein echt russisches Herz besitzt, es ganz leicht kann. Ein jeder von uns
besitzt ja doch dies Lachen; ein gewisser schonungsloser Sarkasmus ist
selbst unter unseren niederen Volksschichten verbreitet. Auch besitzen
wir den Mut, aus uns herauszugehen und uns selbst nicht zu schonen. Und
gerade deshalb ist es vielleicht uns allein möglich, dem Lachen seine
ihm gebührende Richtung zu geben. Widerlegen Sie mich, beweisen Sie mir,
daß ich lüge; vernichten Sie, zerstören Sie meine Überzeugung, und
vernichten Sie zugleich mich selber, den armseligen Possenreißer, der
für diese Überzeugung lebt, die er an seinem eigenen Leibe erprobt hat.
Sjemjon Sjemjonowitsch, fließt nicht in meinen Adern das gleiche
russische Blut wie in den Ihren? Fühle ich in meinen erhabensten
Momenten etwas anderes, als Sie in solchen zu fühlen fähig sind? Stehe
ich nicht gerade jetzt in meinem erhabensten Momente vor Ihnen? Meine
Laufbahn ist beendet; ich verlasse das Theater, dem ich zwanzig Jahre
lang gedient habe. Sie selber haben mich mit dem Kranz geschmückt, haben
mich in Wallung gebracht. Sie selber haben mich fast gezwungen zu sagen,
was ich eben gesagt habe. Sehen Sie her: ich weine. Ich, der Komiker,
der Sie noch eben belustigte, ich weine nun. Gönnen Sie mir das
Bewußtsein, daß auch mein Lebensweg so ehrenhaft war, wie der eines
jeden von Ihnen; daß auch ich meinem Vaterlande treu gedient habe, daß
ich kein alberner Possenreißer, sondern ein ehrlicher Beamter des großen
Gottesreiches war, und in Ihnen nicht etwa das törichte Lachen erweckt
habe, womit ein Mensch den anderen verspottet, sondern jenes Lachen,
welches aus der Nächstenliebe quillt. Nikolai Nikolajewitsch, Fjodor
Fjodorowitsch, Sjemjon Sjemjonowitsch, und ihr andern Kameraden alle,
mit denen ich Stunden der Arbeit und Stunden lehrreicher Aussprache
geteilt, von denen ich vieles gelernt habe und von denen ich jetzt mich
trenne, -- Freunde! Das Publikum liebte mein Talent, ihr aber liebtet
mich selber! Entreißt, wenn ich nicht mehr da bin, entreißt dieses
Lachen denjenigen, die es herabgewürdigt haben zu einem Gespött über
alles, ohne Unterschied zwischen Gut und Böse! Ich sage euch: glaubt
diesen meinen Worten ... Es ist edel, es ist ehrenhaft, dieses Lachen.
Es ist uns ausdrücklich darum geschenkt, damit wir über uns selbst,
nicht über unsern Nächsten lachen sollen. Und wer nicht den Mut hat,
über seine eigenen Fehler zu lachen, der sollte besser überhaupt nicht
lachen! ... Er wird einst dafür Rechenschaft geben müssen! ...