Stumme Szene

Als Schlußbild des letzten Aufzuges.

(In der Mitte der Polizeimeister wie eine Bildsäule, mit

ausgestreckten Armen und hintenüber geworfenem Kopf. Zu seiner

Rechten seine Frau und seine Tochter in einer mit ängstlicher

Spannung auf ihn gerichteten Körperhaltung; neben ihnen der

Postmeister, in ein Fragezeichen verwandelt, den Zuschauern

zugekehrt; neben diesem der Schulinspektor, in blödeste

Bestürzung versetzt; neben ihm, unmittelbar am Seitenrande der

Bühne, drei weibliche Gäste, eng gruppiert, deren höhnischer

Gesichtsausdruck dem Polizeimeister und seinen Angehörigen gilt.

Zur Linken des Polizeimeisters der Hospitalverwalter, den Kopf

ein wenig zur Seite geneigt, als wenn er auf etwas lausche; neben

ihm der Kreisrichter, mit gespreizten Händen fast am Boden

kauernd und die Lippen bewegend, als wenn er pfeifen oder

sagen wolle: »Holla, Alte, jetzt hat's eingeschlagen!« Neben

ihm Koróbkin, den Zuschauern zugewandt, ein Auge blinzelnd

zugekniffen und schadenfroh auf den Polizeimeister weisend; neben

ihm, unmittelbar am Seitenrande der Bühne, Dóbtschinski und

Bóbtschinski, einander die Hände entgegenstreckend und sich mit

aufgesperrtem Munde und weit aufgerissenen Augen anstarrend. Alle

übrigen Gäste stehen wie Bildsäulen da. Fast anderthalb Minuten

verharrt die ganze versteinerte Gruppe in dieser Stellung, bis

der Vorhang fällt.)

(Ende des letzten Aufzuges.)

Anhang zur Komödie

»Der Revisor«

I.

Abriß aus einem Brief

(1841)

den der Autor bald nach der ersten Aufführung an einen

Schriftsteller richtete

».... Der Revisor ist aufgeführt worden -- und mir ist so seltsam, so

traurig zumute ... Ich ahnte, ich wußte im voraus, wie es kommen würde,

und doch hat sich ein Gefühl tiefer Niedergeschlagenheit und herber

Enttäuschung meiner bemächtigt. Mein eigenes Werk kam mir unausstehlich,

fremd und gar nicht wie mein eigenes vor. Die Hauptrolle mißriet

vollständig; das hatte ich schon vorausgesetzt. Dürr begriff absolut

nicht, was Chlestakoff bedeutet. Er machte aus ihm eine Art Alnaskaroff,

von der Sorte landläufiger Vaudeville-Schelme, die sich im Gefolge der

Pariser Theaterstücke bei uns breit zu machen beliebten. Er machte einen

ganz gewöhnlichen Schwindler aus ihm, eine armselige Figur, wie sie seit

zweihundert Jahren in ein und derselben Maske auftritt. Ist denn

wirklich aus der Rolle selber nicht zu erkennen, was Chlestakoff

bedeutet? Oder war ich selber bis heute von einem blinden Dünkel

besessen, reichte mein Können nicht aus, um diesen Charakter zu

meistern, so daß sich für den Schauspieler keine Spur, kein Fingerzeig

bot? Und mir erschien er so klar. Chlestakoff ist ganz und gar kein

Betrüger, kein Lügner von Profession; er vergißt selber, daß er lügt,

und glaubt beinahe selber an das, was er faselt. Er läßt sich gehen, ist

gut aufgelegt; sieht, daß alles nach Wunsch geht, daß er umdienert wird;

und gerade deshalb redet er flotter, ungezwungener, frisch von der Leber

weg, plaudert sorglos ins Blaue hinein, und zeigt sich namentlich beim

Lügen in seiner wahren Gestalt. Unsere Schauspieler verstehen überhaupt

nicht zu lügen. Sie bilden sich ein, lügen hieße weiter nichts, als

dummes Geschwätz machen. Lügen heißt vielmehr: eine Lüge in einem so die

Wahrheit vortäuschenden, so natürlichen und naiven Tone aussprechen, wie

man eben nur die Wahrheit selber sagen kann; und gerade darauf beruht

die ganze Komik der Lüge. Ich bin fast überzeugt, daß Chlestakoff einen

besseren Erfolg gehabt haben würde, wenn ich diese Rolle einem der

wenigst talentierten Schauspieler anvertraut und ihm bloß gesagt hätte:

Chlestakoff ist ein gewandter Mensch, durchaus _comme il faut_, gescheit

und, wenn man so will, wohlanständig, und es sei nur nötig, ihn genau so

darzustellen. Denn Chlestakoff ist gar kein abgefeimter oder

theatralisch-prahlerischer Lügner: er lügt mit Gefühl; aus seinen Augen

spricht das Behagen, das er dabei empfindet. Es ist dies überhaupt der

schönste und poetischste Augenblick seines Lebens, beinahe eine Art

Begeisterung. Wenn wenigstens ein Hauch davon zu spüren gewesen wäre!

Aber nicht eine Spur eines solchen Charakters, weder der Person, noch

des äußeren Gebarens oder der Physiognomie war dem armen Chlestakoff

gegeben worden. Freilich, die alten Beamten in ihren verschlissenen

Alltagsuniformen nebst abgescheuerten Kragen waren ungleich leichter zu

karikieren; das Erfassen solcher Züge dagegen, welche als ziemlich

wohlanständig nicht durch scharfe Ecken über das gesellschaftlich

allgemein Gültige hinausragen, ist Sache eines erprobten Meisters. Bei

Chlestakoff darf nichts stark betont werden. Er gehört dem Kreise an,

der sich augenscheinlich in keiner Weise von der Art sonstiger junger

Leute unterscheidet. Er hat auch zuweilen eine gute Haltung, spricht hin

und wieder vernünftig, und nur in Fällen, die entweder Geistesgegenwart

oder Charakter erfordern, offenbart sich seine halb niederträchtige,

halb unbedeutende Natur. Die Züge der Rolle so eines Polizeimeisters

sind deutlicher und schärfer umrissen. Ihn bezeichnet allein schon sein

stark persönliches, unveränderliches, rücksichtsloses Äußere und läßt

durch sich zum Teil auf seinen Charakter schließen. Chlestakoffs Züge

sind viel unschärfer, viel schwächer angedeutet, und darum schwerer zu

erfassen. Was ist denn, wenn wir genauer prüfen wollen, dieser

Chlestakoff so recht eigentlich? Ein junger Mensch, ein Beamter und

Einfaltspinsel, wie man zu sagen pflegt, der aber viele Eigenschaften in

sich vereinigt, die Leuten anhaften, welche die Welt keineswegs

einfältig nennt. Derartige Eigenschaften an Leuten zur Schau zu stellen,

welche daneben auch tüchtige Verdienste aufzuweisen haben, wäre ein

Verbrechen von seiten des Schriftstellers, denn er würde sie dadurch dem

allgemeinen Gelächter preisgeben. Mag doch also lieber jeder sich zu

seinem Teil in dieser Rolle wiedererkennen und sich dabei ruhig

umschauen dürfen, ohne befürchten zu müssen, daß jemand mit Fingern auf

ihn weist und ihn bei Namen nennt. Mit einem Wort, diese Figur soll ein

Typus vieles dessen sein, was in den verschiedensten russischen

Charakteren zerstreut vorhanden ist, sich aber hier zufällig in einer

Person vereinigte, wie das in der Natur ja sehr häufig vorkommt.

Wenigstens eine Minute lang, wenn nicht gar mehrere, war oder ist jeder

einmal ein Chlestakoff, wenn er sich das natürlich auch nicht wird

eingestehen wollen; er macht sich sogar über die Tatsache gern selber

lustig, allerdings nur bei anderen, nicht bei der eigenen Person. Auch

der gewandte Gardeoffizier, auch der Staatsmann, selbst unser lieber

Bruder, der sündige Literat, alle zeigen sich zuweilen als Chlestakoff.

Es gibt überhaupt kaum einen Menschen, der es im Leben nicht wenigstens

einmal gewesen wäre; die Sache ist nur die, daß er sich hinterher sehr

geschickt so zu drehen weiß, als sei er's gar nicht gewesen.

Sollte nun also in meinem Chlestakoff nichts davon zu erkennen sein?

Sollte er wirklich eine nichtssagende Figur sein, während ich mich von

einer momentanen hoffärtigen Stimmung hinreißen ließ zu glauben, daß ein

Schauspieler von hervorragendem Talent sich einst noch bei mir bedanken

würde für die Vereinigung so vieler verschiedenartiger Wesenszüge in

einer einzigen Person, die ihn in den Stand setzt, sein Können nach

allen Richtungen zugleich glänzen zu lassen? Und statt dessen wäre aus

Chlestakoff eine kindische, inhaltlose Rolle geworden! Das ist

niederdrückend und tief verstimmend.

Schon von Beginn der Vorstellung an saß ich gelangweilt im Theater. Um

Beifall und Aufnahme seitens des Publikums kümmerte ich mich nicht. Nur

vor einem Kritiker unter all denen, die anwesend waren, hatte ich Bange,

-- und dieser Kritiker war ich selbst. In meinem Innern vernahm ich

Murren und Vorwürfe gegen mein eigenes Stück, die alle übrigen

übertönten. Aber das Publikum war im allgemeinen zufrieden. Die eine

Hälfte der Zuschauer nahm das Stück sogar mit Wohlwollen auf, die andere

tadelte bei einzelnen Anlässen, die sich jedoch nicht auf das Kunstwerk

selbst bezogen. Auf welche Weise man tadelte, darüber wollen wir uns bei

unserem nächsten Wiedersehen unterhalten: es ist manches Lehrreiche und

viel Spaßhaftes darunter. Ich habe sogar einiges davon aufgeschrieben,

doch das nebenbei.

Hauptsächlich scheint der Polizeimeister die günstige Aufnahme des

Revisors beim Publikum verursacht zu haben. Auf ihn hatte ich auch schon

vorher volles Vertrauen gesetzt, denn für ein Talent wie Ssossnizki

konnte diese Rolle nichts Unklares an sich haben. Ich bin wenigstens

froh, ihm die Möglichkeit geboten zu haben, ein Talent in seinem ganzen

Umfange zeigen zu können, von dem man sich bereits kühl abzuwenden

begann, und dabei ihn selbst auf eine Stufe mit vielen Schauspielern

stellte, die durch freigebigen Applaus bei alltäglichen Vaudevilles und

ähnlichen Unterhaltungsstücken belohnt werden. Auch auf den Diener hatte

ich Hoffnungen gesetzt, weil ich bei dem betreffenden Schauspieler viel

Beobachtungsgabe und Verständnis für den Text wahrgenommen hatte. Im

Gegensatz dazu gerieten unsere beiden Freunde Bóbtschinski und

Dóbtschinski über alles Erwarten schlecht. Obschon ich selber erwartet

hatte, daß sie schlecht sein würden, weil ich die Rollen der beiden

kleinen Beamten Schtschepkin und Rjásanski auf den Leib geschrieben

hatte, hegte ich doch die Hoffnung, daß deren Äußeres und Position sie

einigermaßen heben und weniger karikieren würden. Es kam aber gerade

umgekehrt: eine vollkommene Karikatur wurde daraus. Schon vor Beginn der

Vorstellung, als ich sie in ihren Kostümen erblickte, war ich entsetzt.

Diese beiden sonst so adretten, etwas korpulenten Menschen mit ihrem

sauber geglätteten Haar erschienen plötzlich in plumpen, ungeheuerlichen

grauen Perücken, ganz verfilzt, schmierig, struppig, mit übergroßen

hervorquellenden Chemisettes; und auf der Bühne schnitten sie derartige

Grimassen, daß es einfach unerträglich war. Überhaupt war die

Kostümierung der meisten handelnden Personen sehr schlecht und

karikiert. Ich hatte das gewissermaßen vorausgeahnt, als ich darum bat,

eine Kostümprobe stattfinden zu lassen. Man versicherte mir aber, das

sei gar nicht nötig und auch nicht herkömmlich, und die Schauspieler

würden schon wissen, was sie zu tun hätten. Wie ich merkte, daß meine

Worte in den Wind gesprochen waren, ließ ich die Leute gewähren. Ich

wiederhole noch einmal: scheußlich! Ich weiß selber nicht, weshalb mich

der Ekel so überkommt.

Während der Vorstellung bemerkte ich, daß der Anfang des vierten Aktes

flau wirkte; es machte den Eindruck, als ob der bisher lebhafte Fluß der

Handlung hier stocke oder sich träge dahinschleppe. Tatsächlich hatte

mich ein einsichtiger und erfahrener Schauspieler schon bei Gelegenheit

der Lesung des Stückes darauf aufmerksam gemacht, daß es nicht geschickt

sei, Chlestakoff mit dem Geldborgen den Anfang machen zu lassen, und daß

es besser sein würde, wenn die Beamten es ihm von sich aus anböten.

Obwohl ich die recht feine Bemerkung anerkennen mußte, da sie in

gewisser Hinsicht wohlberechtigt war, sah ich dennoch nicht ein, weshalb

Chlestakoff als ein sich entwickelnder Chlestakoff nicht zuerst um Geld

bitten sollte. Allein die Bemerkung war einmal gemacht, und ich sagte

mir: du wirst diese Szene vermutlich schlecht ausgeführt haben. Und

wirklich, jetzt während der Vorstellung erkannte ich deutlich, daß der

Anfang des vierten Aktes matt ist und das Kennzeichen einer gewissen

Schwäche an sich trägt. Zu Haus angekommen, machte ich mich sofort an

die Umarbeitung. Jetzt scheint er etwas wirkungsvoller, wenigstens

natürlicher geworden zu sein und geht besser aufs Ziel los. Aber ich

habe die Kraft nicht mehr, mich um die Aufnahme dieses Zusatzes in das

Stück abzuplacken. Ich bin es müde geworden; und da ich überdies weiß,

wie man zu solchem Zweck herumkutschieren, bitten und Bücklinge machen

muß, so mag der Himmel ihm gnädig sein; er könnte schließlich ja noch in

einer zweiten Auflage oder Überarbeitung des »Revisor« seinen Platz

finden.

Noch ein Wort über die letzte Szene. Sie kam absolut nicht zur Geltung.

Der Vorhang fällt in einem sozusagen verworrenen Augenblick, und das

Stück scheint noch gar nicht zu Ende zu sein. Daran bin ich aber nicht

schuld. Man wollte eben nicht auf mich hören. Auch jetzt behaupte ich

noch, daß die letzte Szene so lange keinen Erfolg haben wird, bis man

nicht begriffen hat, daß sie einfach ein stummes Tableau ist, daß dies

Ganze eine versteinerte Gruppe darstellen soll, daß hier das Drama zu

Ende ist und von wortloser Mimik abgelöst wird, daß der Vorhang erst

nach zwei bis drei Minuten fallen darf, und daß all dies unter denselben

Bedingungen erfolgen muß, welche die sogenannten »lebenden Bilder«

erheischen. Man entgegnete mir aber, daß dies den Schauspielern Zwang

auferlege, daß man dann die Gruppierung einem Ballettmeister übertragen

müßte, was für die Schauspieler einigermaßen demütigend sein würde usw.

usw. Und noch manches Weitere konnte ich von den Mienen ablesen, was

noch viel ärgerlicher als das Geäußerte war. Aber all dieses »Weiteren«

ungeachtet halte ich meine Meinung aufrecht und behaupte hundertmal:

»Nein, das legt durchaus keinen Zwang auf, das ist nicht demütigend.«

Mag immerhin ein Ballettmeister die Gruppe gestalten und anordnen, wenn

er nur die Fähigkeit besitzt, sich in die augenblickliche Situation

jeder einzelnen Person zu versetzen. Gezogene Grenzen behindern ein

Talent nicht, so wenig wie granitene Ufer einen Strom; im Gegenteil,

einmal in sie geleitet, wird er mit stärkeren und volleren Wogen

dahinrauschen. Ein temperamentvoller Schauspieler kann auch in einer ihm

angewiesenen Pose alles ausdrücken. Sein Gesicht bleibt hier von allen

Fesseln befreit, einzig die Stellung ist bedingt; sein Gesicht darf

zwanglos jede innere Bewegung widerspiegeln. Und in diesem Verstummtsein

liegt für ihn eine Fülle mannigfaltigster Möglichkeiten. In diesem

Erschrecken gleicht keine der handelnden Personen der anderen, so wenig

wie deren Charaktere und der Grad ihrer Furcht und Angst sich gleichen,

entsprechend der Verschiedenheit der von jedem einzelnen begangenen

Sünden. Anders verdonnert steht der Polizeimeister da, anders seine Frau

und seine Tochter. Auf seine besondere Weise erschrickt der

Kreisrichter, auf besondere der Hospitalverwalter, der Postmeister usw.

usw. Wieder anders fährt es Bóbtschinski und Dóbtschinski in die

Glieder, die sich auch hier gleichbleiben und sich gegenseitig mit einer

stummen Frage auf den Lippen anstarren. Einzig die Gäste dürfen auf

gleichartige Weise betroffen erscheinen, sie stellen aber auch bloß den

Hintergrund des Tableaus dar, der mit einem Pinselstrich entworfen und

in ein und dasselbe Kolorit getaucht ist. Mit einem Wort: jeder einzelne

spielt seine Rolle mimisch weiter und kann, wenn er sich auch vom

Ballettmeister begutachten lassen mußte, deshalb doch ein großer

Schauspieler bleiben. Aber meine Kräfte reichen nicht aus, um mich noch

länger abzuplacken und herumzustreiten. Ich bin seelisch und körperlich

ermattet. Es weiß und hört ja auch wahrhaftig niemand meinen Kummer.

Mögen sie doch alle in Gottes Namen tun was sie wollen! Mein Stück ist

mir zuwider geworden. Ich möchte jetzt weit weg von hier, und nur meine

bevorstehende Reise, Dampferfahrt, Meer und andere ferne Himmelsstriche

können mich allein noch wiederbeleben. Ich sehne mich unbeschreiblich

danach. Kommen Sie um Himmelswillen bald; bevor ich von Ihnen nicht

Abschied genommen, reise ich nicht ab. Noch vieles habe ich Ihnen zu

sagen, wozu ich in einem langweiligen, kalten Briefe außerstande bin

....«

St. Petersburg, 25. Mai 1836.

II.

Vorbemerkung

für diejenigen, die den »Revisor« sachgemäß aufzuführen

beabsichtigen.

1.

(Die ersten Seiten von Gogols eigenhändiger Reinschrift.)

Vor allem muß man sich davor hüten, in eine Karikatur zu verfallen. Auch

in der kleinsten Rolle darf nichts übertrieben oder trivialisiert

werden. Im Gegenteil, der Schauspieler muß sich besondere Mühe geben,

noch einfacher, schlichter und gewissermaßen vornehmer zu wirken, als

die darzustellende Person in Wirklichkeit ist. Je weniger er es darauf

anlegen wird, zum Lachen zu reizen oder komisch zu sein, desto stärker

wird die Komik seiner Rolle zum Vorschein kommen. Sie äußert sich gerade

in dem Ernst, mit dem jede in der Komödie auftretende Person ihren

Geschäften nachgeht. Alle diese Leute sind eifrig, lebhaft, beinahe

hitzig dahinter her, als wenn es sich um die wichtigste Aufgabe ihres

Lebens handele. Dem Zuschauer wird die Albernheit ihres Tuns bloß

nebenbei sichtbar. Sie selber aber spaßen durchaus nicht und ahnen nicht

einmal, daß sich jemand über sie lustig macht. Ein vernünftiger

Schauspieler soll, ehe er sich die kleinen Eigenheiten und äußerlichen

Absonderlichkeiten der ihm übertragenen Person aneignet, erst einmal den

allgemein menschlichen Gehalt der Rolle zu erfassen suchen .... Er soll

zu begreifen suchen, wozu diese bestimmt ist, worin die hauptsächlichste

und wesentlichste Beschäftigung jeder Person besteht, von der ihr Dasein

erfüllt und die das beständige Ziel ihrer Gedanken ist, -- der ewig im

Kopf steckende Nagel. Hat er diesen wesentlichsten Daseinszweck der

darzustellenden Person erfaßt, dann muß sich der Schauspieler so in sie

einleben, daß deren Gedanken und Bestrebungen ihm ganz zu eigen werden

und während der Dauer der Vorstellung seinen Geist beherrschen. Um

szenische Einzelheiten und Nebendinge soll er sich nicht weiter kümmern;

sie werden ohne weiteres leicht und sicher gelingen, sofern er nur

keinen Augenblick jenen Nagel aus dem Kopf verliert, welcher in dem

seines Helden steckt. Alle diese Einzelheiten und verschiedenen kleinen

Züge, deren sich oft schon solche Schauspieler mit Glück zu bedienen

wissen, welche zwar zu gefallen und Gang und Gebaren abzulauschen, nicht

aber eine Rolle auszuschöpfen vermögen, -- alle diese Züge also sind

höchstens Lichter, die man dann erst aufsetzen darf, wenn das Bild

fertig und wohlgelungen ist. Sie sind das Kleid und der Körper der

Rolle, nicht aber deren Seele. Und somit muß man sich zuerst diese

Seele, dann erst das Kleid der Rolle aneignen.

Eine der wichtigsten Rollen ist der Polizeimeister. Dieser Mensch ist

vor allem darauf bedacht, seine Taschen zu füllen. Diese Beschäftigung

ließ ihm keine Zeit, ernster ins Leben zu schauen oder sich selbst

genauer zu betrachten. Durch sie wurde er zum Blutsauger und, ohne es

selber zu merken, erbarmungslos, weil er unfähig ist, böse Gelüste zu

unterdrücken; ihn beherrscht nur das Verlangen, sich alles anzueignen,

was sein Auge erblickt. Er weiß überhaupt nicht mehr, daß das seinem

Nächsten Schaden bringt und manchen zugrunde richtet. Den Kaufleuten,

die ihn hatten verderben wollen, verzeiht er im selben Augenblick, wo

diese ihm eine verlockende Anerbietung machen, weil der Anreiz irdischer

Schätze jede Rücksicht auf Lage und Leiden seines Nächsten in ihm

erstickt und abgestumpft hat. Er fühlt zwar, daß er ein Sünder ist; er

geht in die Kirche; glaubt sogar fromm zu sein. Aber das Gelüst, sich

die Taschen zu füllen, ist übermächtig, übermächtig auch die

eingewurzelte Gewohnheit, sich alles anzueignen und nichts sich entgehen

zu lassen.

Er ist ein echter Russe, zwar nicht gerade ein Unmensch, aber doch

einer, bei dem sich die Rechtsbegriffe verwirrt haben, der ganz Lüge

geworden ist, ohne es selbst zu merken. Darum räsoniert er auch, beißt

den Ehrbaren und Würdigen heraus und redet manchmal mit Wärme. Er gehört

vielleicht sogar zu den Leuten, die, wenn sie erkannt haben, daß alle um

sie her ehrlich geworden sind, daß Ehrlichkeit erford.....

2.

(Der vollständige Entwurf.)

Vor allem muß man sich davor hüten, in eine Karikatur zu verfallen.

Nichts darf karikiert erscheinen. Je mehr Einfachheit im Spiel, desto

..... Je weniger es der Schauspieler darauf anlegen wird zum Lachen zu

reizen oder komisch zu sein, desto komischer wird die Figur selber

wirken. Auf dem Ernst, mit dem jede Person bei ihrer Sache ist, beruht

..... Der Schauspieler soll, ehe er sich die Wunderlichkeiten und

kleinen äußeren Besonderheiten jeder Person aneignet, erst einmal den

allgemein menschlichen Gehalt der Rolle erfassen. Vor dem eigentlichen

Charakter der Person muß man den Zweck ergründen, wofür sie da ist,

worin ihre Tätigkeit und Beschäftigung besteht, wovon ihr Leben erfüllt

ist und worum es sich hauptsächlich dreht, worauf und wohin sich

beständig ihre Gedanken und Bestrebungen richten. Hat er diesen

wesentlichsten Daseinszweck der darzustellenden Person erfaßt, dann muß

sich der Schauspieler so in diese Tätigkeit einleben, sich alle Gedanken

und Bestrebungen so zu eigen machen, daß sie während der ganzen

Vorstellung seinen Kopf beherrschen; an szenische Einzelheiten soll er

gar nicht denken. Sie werden ohne weiteres gut gelingen, sofern er nur

so ernsthaft und eifrig bei seiner Sache ist, wie es die darzustellende

Person, ohne zu spaßen, selber tut.

Eine der wichtigsten Rollen ist der Polizeimeister. Ein Mensch, der vor

allem darauf bedacht ist, seine Taschen zu füllen. Diese Beschäftigung

ließ ihm keine Zeit, ernster ins Leben zu schauen oder sich selbst zu

betrachten. Durch sie wurde er, vielleicht ohne es selbst zu merken, zum

Blutsauger, weil er unfähig ist, böse Gelüste zu unterdrücken. Ihn

beherrscht nur das Verlangen, sich alles anzueignen, was sein Auge

erblickt. Er hat vergessen, daß dadurch sein Nächster zugrunde gerichtet

wird. Er fühlt zwar gelegentlich, daß er ein Sünder ist, betet, geht zur

Kirche, glaubt sogar fromm zu sein und denkt auch daran, künftig einmal

bereuen zu wollen. Aber das Gelüst, sich die Taschen zu füllen, ist

übermächtig, und übermächtig die eingewurzelte Gewohnheit. Das

umlaufende Gerücht vom Revisor hat ihn in Aufregung versetzt, mehr noch

der Umstand, daß dieser inkognito kommen soll und niemand weiß, wann und

von woher er erscheinen wird. Er befindet sich vom Beginn bis zum Schluß

des Stückes in Situationen, die weit über alles hinausgehen, was ihm

sonst derart im Leben beschieden war. Seine Nerven sind gespannt. Beim

Übergang von Furcht zu Freude und Hoffnung bekommt sein Ausdruck etwas

Überhitztes, dann ist er der Täuschung stärker ausgesetzt, und er, der

zu anderer Zeit nicht so bald ...., ist nun leicht zu übertölpeln. Wie

er sieht, daß der Revisor in seiner Hand ist, gar nicht gefährlich ist

und sich sogar mit ihm verschwägert hat, überläßt er sich ungestümer

Freude in Voraussicht dessen, daß sein Leben von nun an in Gastereien

und Trinkgelagen aufgehen wird, daß er selbst Stellungen vergeben, auf

den Stationen Pferde verlangen, die Polizeimeister im Vorzimmer warten

lassen, groß tun und den Ton angeben wird. Darum bedeutet die plötzliche

Meldung von der Ankunft des echten Revisors für ihn einen stärkeren

Donnerschlag als für alle anderen und seine Lage wird zu einer wirklich

tragischen.

Der Kreisrichter ist, was Bestechlichkeit anbetrifft, weniger sündig.

Ihm fehlt sogar die Neigung zum Unrechttun; dafür ist seine

Jagdleidenschaft groß ..... Aber das ist nun einmal so, jeder Mensch hat

schließlich irgendeine Leidenschaft .... Ihr zuliebe läßt er sich eine

ganze Reihe von Ungerechtigkeiten zuschulden kommen, ohne sich dessen

bewußt zu sein. Er beschäftigt sich ausschließlich mit sich und seinem

Verstande und ist nur darum gottlos, weil sich ihm auf dieser Bahn

Gelegenheit bietet, sich selbst ins gehörige Licht zu stellen. Für ihn

ist jedes Ereignis, auch ein solches, was andere in Schrecken versetzt,

ein willkommener Fund, weil es ihm Stoff zu seinen Mutmaßungen und

Kombinationen gibt, die ihn ebenso befriedigen, wie den Künstler seine

Schöpfung. Diese Selbstzufriedenheit muß sich auf dem Gesicht des

Schauspielers ausprägen. Während er spricht, beobachtet er gleichzeitig,

welchen Eindruck seine Worte auf andere machen. Er forscht .....

Semljaníka ist ein korpulenter Mann, aber ein schlauer Spitzbube. Trotz

seiner mächtigen Leibesfülle besitzt er viel Gewandtheit und

Schmeichlerisches in Sprache und Auftreten. Auf die Frage Chlestakóffs,

wie der verspeiste Fisch hieß, springt er mit der Gelenkigkeit eines

22jährigen Stutzers herzu, um ihm die Worte: »Laberdan, Ew. Gnaden!«

direkt unter die Nase zu blasen. Er ist einer von denen, die, um sich

selber zu decken, kein anderes Mittel finden, als andere in die Patsche

zu bringen, und deshalb mit Ränkespinnen und Angeberei flink bei der

Hand sind, ohne dabei Verwandtschaft und Freundschaft zu ...., einzig

darauf bedacht, nur selber durchzuschlüpfen. Trotz seiner Beleibtheit

und Schwerfälligkeit ist er immer beweglich. Ein kundiger Schauspieler

wird sich natürlich keine solcher Gelegenheiten entgehen lassen, wo die

Zuvorkommenheit eines korpulenten Mannes auf die Zuschauer besonders

komisch wirken kann, ohne es bis zur Karikatur zu treiben.

Der Schulvorsteher ist nichts weiter als ein durch häufige, aber

zwecklose Revisionen und Rüffel eingeschüchterter Mensch; darum fürchtet

er alle Besichtigungen wie das Feuer und zittert bei der Kunde vom

Revisor wie Espenlaub, obwohl er selber nicht weiß, was er verbrochen

hat. Der ihn darstellende Schauspieler hat lediglich die beständige

Angst zum Ausdruck zu bringen.

Der Postmeister ist ein bis zu Naivität einfältiger Kerl, der das Leben

wie eine zum Zeitvertreib dienende Sammlung amüsanter Histörchen

ansieht, die er sich aus erbrochenen Briefen zusammenliest. Für

Bestechungen ist er ohne w..... zugänglich. Der Schauspieler hat nichts

weiter zu tun, als so einfältig wie möglich zu sein.

Die beiden Stadtklatschbasen Bóbtschinski und Dóbtschinski aber müssen

besonders gut gegeben werden. Der Schauspieler muß sie sehr scharf

aufzufassen suchen. Es sind das Leutchen, deren ganzes Dasein darin

aufgeht in der Stadt umherzurennen, um überall ihre Aufwartung zu machen

und Neuigkeiten in Umlauf zu bringen. Ihr ganzes Wesen ist .... Die

Leidenschaft zu klatschen hat jede andere Betätigung unterdrückt und

wurde zur treibenden Kraft und zum Zweck ihres Lebens. Es ist unbedingt

notwendig, ihr Behagen sichtbar werden zu lassen, wenn es ihnen endlich

geglückt ist, die Erlaubnis zum Erzählen zu erhalten. Ihre Eilfertigkeit

und Hast ist lediglich von der Angst verursacht, es könne sie jemand

stören oder am Erzählen hindern. Sie sind neugierig, aus dem Bedürfnis

Stoff zum Klatschen zu bekommen. Darum auch, nämlich weil er möglichst

rasch erzählen will, stottert Bóbtschinski ein wenig. Beide sind klein,

untersetzt und einander ungemein ähnlich, haben auch beide ein kleines

Embonpoint. Beide haben ein rundliches Gesicht, saubere Kleidung und

glattgescheiteltes Haar. Dóbtschinski hat auch einen Anflug von Glatze:

man sieht, daß er kein Hagestolz wie Bóbtschinski, sondern verheiratet

ist. Trotzdem hat Bóbtschinski das Übergewicht durch seine größere

Lebhaftigkeit und regiert ihn sogar einigermaßen durch Verstand. Der

Schauspieler muß alle nebensächlichen Züge außer acht lassen, wenn er

diese Rolle gut darstellen will, und hat sich nur bewußt zu bleiben, daß

er mit einem starken Sprachfehler behaftet sein soll. Mit einem Wort, es

sind Leutchen, die vom Schicksal nicht für eigene, sondern für fremde

Interessen in die Welt gesetzt wurden.

Alle übrigen Personen: Kaufleute, Gäste, Polizeibeamte und Bittsteller

jeder Art sind Gestalten, wie sie uns täglich vor Augen kommen, und

werden darum von jedem leicht aufgefaßt werden können, der Rede und

Gebaren von Leuten jederlei Schlages zu beobachten versteht. Das gleiche

kann auch vom Diener gesagt werden, obschon diese Rolle wichtiger als

die erwähnten ist. Er ist ein russischer Diener in vorgerücktem Alter,

der etwas mürrisch ist, seinem Herrn grob kommt, weil er merkt, daß

dieser ein Federfuchser und Tropf ist, und ihm hinter dem Rücken

Strafpredigten zu halten liebt; ein stilles Wasser, daneben aber sehr

findig im Aufspüren von Gelegenheiten, wo etwas für ihn abfallen kann,

-- also eine allgemein bekannte Figur, weshalb auch diese Rolle stets

gut gespielt wurde. Dementsprechend wird man leicht ermessen können,

welchen Eindruck die Ankunft des Revisors auf jede einzelne dieser

Personen auszuüben imstande ist.

Man darf nur nicht vergessen, daß in all diesen Köpfen der Revisor

spukt. Jeder beschäftigt sich mit ihm, um ihn drehen sich Furcht und

Hoffnung aller handelnden Personen. Die einen wiegen sich in Hoffnung

auf ein strenges Gericht und Erlösung von schlimmen Polizeimeistern und

sonstigen Schnapphähnen, die andern erfaßt panischer Schrecken bei der

Wahrnehmung, daß den obersten Beamten und Spitzen der Behörden angst und

bange wird. Bei den übrigen, also denen, die auf die Dinge dieser Welt

gleichmütig, mit dem Finger in der Nase zu schauen pflegen, herrscht

Neugierde nebst einer gewissen geheimen Scheu, die Persönlichkeit von

Angesicht sehen zu sollen, die so viel Furcht verbreitet und die darum

unstreitig eine außergewöhnliche und bedeutende sein muß.

Am schwierigsten ist die Rolle dessen, der von der erschreckten Stadt

für den Revisor gehalten wird. Chlestakóff ist an und für sich ein

unbedeutender Mensch. Sogar einfältige Leute würden ihn ihrerseits sehr

einfältig nennen. Nie in seinem Leben ist er zu etwas berufen gewesen,

was Nachdenken erforderte. Aber die Wirkung der allgemeinen Furcht macht

ihn zu einer bemerkenswert komischen Figur. Indem sie aller Augen

benebelt, schafft sie ihm Gelegenheit, eine komische Rolle zu spielen.

Eben noch von allem entblößt und sogar des Vergnügens beraubt, stolz auf

dem Newski-Prospekt umherzuflanieren, fühlt er mit einmal freie Bahn und

sieht sich unverhofft allen Verlegenheiten enthoben. Er ist vollständig

überrascht und glaubt zu träumen, kann auch lange Zeit gar nicht

begreifen, weshalb man ihm soviel Aufmerksamkeit und Achtung bezeugt. Er

empfindet bloß ein angenehmes Behagen bei der Wahrnehmung, wie man ihn

hofiert, bedient, alle seine Wünsche erfüllt und begierig jede seiner

Äußerungen auffängt. Da redet er denn ziellos ins Blaue hinein. Die

Themata für seine Aufschneidereien liefern ihm die Ausfrager, die ihm

die Worte gewissermaßen selbst in den Mund legen und somit seine

Expektorationen veranlassen. Er fühlt bloß wie leicht sich überall

prahlen läßt, wo nichts einen behindert. Er phantasiert, daß er in der

Literatur einen Namen hat, auf Bällen die erste Rolle spielt, selber

Bälle gibt und, damit nicht genug, auch ein großer Staatsmann ist. Vor

nichts scheut er zurück, wonach man ihn etwa .... Das Diner mit all' den

Laberdanen und Weinen hat seine Zunge gelöst und ihn redselig gemacht.

Je weiter er fabelt, desto stärker wird seine Einbildungskraft und er

gerät wiederholt in ordentliche Hitze. Weil er gar nicht die Absicht

hat, aufzuschneiden, vergißt er selber, daß er lügt. Er meint sogar all

das wirklich geleistet zu haben, wovon er faselt. Darum versetzt auch

die Szene, wo er sich für einen Staatsmann ausgibt, alle Beamten so in

Schrecken. Darum zeigt auch, namentlich bei der Erzählung, wie er in

Petersburg allen miteinander den Kopf gewaschen hat, sein Antlitz alle

Merkmale von Würde und was nur irgend sonst dazu gehört. Weil er gesehen

hat, wie man hierorts Rüffel austeilt, auch aus eigner, vielfacher

Erfahrung weiß, was es mit dem Gerüffeltwerden auf sich hat, bereitet es

ihm (das muß meisterhaft in den Reden zum Ausdruck gebracht werden) in

diesem Augenblick besonderes Behagen, endlich auch einmal andere Leute

herunterzuputzen -- wenn auch nur erzählenderweise. Er würde sich auch

noch weiter in seinen Aufschneidereien versteigen, wenn ihm nicht die

Zunge bereits den Dienst versagte, infolgedessen sich die Beamten

genötigt sehen, ihn ehrerbietig und furchtsam aufs vorbereitete Bett zu

bringen.

Beim Erwachen ist er wieder derselbe Chlestakóff wie vorher; er weiß

überhaupt nicht mehr, wodurch er sie alle ins Bockshorn gejagt hat. Alle

Phantasie ist ihm wieder abhanden gekommen und sein Betragen ist so

albern wie zuvor.

Fast gleichzeitig bandelt er mit der Mutter und mit der Tochter an. Er

bittet um Geld, weil ihm das wie unwillkürlich über die Lippen kommt und

auch schon der erste, an den er sich wandte, es ihm bereitwilligst zur

Verfügung stellte. Erst gegen Schluß des Aktes wird es ihm klar, daß man

ihn für irgendein großes Tier hält. Ohne Ossips Warnung aber, dem es mit

Mühe gelingt, ihm begreiflich zu machen, daß diese Täuschung nicht lange

vorhalten könne, würde er mit größter Seelenruhe solange dageblieben

sein, bis man ihn mit Schimpf und Schande hinausgeworfen hätte. Kurz,

diese Gestalt ist ein Wahngebilde, das sich wie ein personifiziertes,

lügenhaftes Blendwerk mitsamt der Troika verflüchtigt. Dessenungeachtet

muß diese Rolle durchaus dem besten verfügbaren Schauspieler anvertraut

werden, weil sie die allerschwierigste ist. Denn dieser alberne Mensch

und oberflächliche Charakter vereinigt in sich eine Menge von

Eigenschaften, welche auch nicht oberflächliche Leute besitzen.

Namentlich darf der Schauspieler diese Sucht zu prahlen nicht außer acht

lassen, mit der mehr oder weniger alle Menschen behaftet sind und die

bei Chlestakóff am stärksten ausgebildet ist, -- eine kindische Neigung

zwar, die sich nichtsdestoweniger aber bei vielen klugen alten Leuten

findet, so daß wohl selten jemand ihr nicht bei irgendeiner Gelegenheit

im Leben .... Mit einem Wort, der Schauspieler muß für diese Rolle ein

sehr vielseitiges Talent mitbringen, fähig, die mannigfaltigsten

Eigenschaften eines Menschen darzustellen und nicht nur ewig ein und

dieselben. Er muß zugleich ein gewandter Weltmann sein, weil er sonst

außerstande sein würde, naiv und harmlos diesen hohlen, weltlichen

Leichtsinn zur Anschauung zu bringen, der einen Menschen über alles und

jedes hinwegtändeln läßt und in so beträchtlichem Umfange Chlestakóff zu

eigen ist.

Die letzte Szene des »Revisors« muß ganz besonders umsichtig gespielt

werden. Hier ist der Spaß zu Ende, und die Situation vieler Personen

ist eine fast tragische. Die des Polizeimeisters ist die

allerverzweifeltste; denn, wie dem auch sei, sich plötzlich betrogen zu

sehen, noch dazu von dem dümmsten und albernsten Bürschchen, das weder

Ansehen noch Gestalt hatte und kaum einem Zündhölzchen glich

(Chlestakóff ist, wie erinnerlich, schmächtig, alle andern dick), -- von

dem sich betrogen zu sehen, ist wahrhaftig kein Spaß mehr. Und so plump

betrogen zu werden, während man selber doch schlaue Köpfe und sogar die

abgefeimtesten Gauner hinters Licht zu führen verstanden hatte! Die

schließlich erfolgende Meldung von der Ankunft des echten Revisors wirkt

auf ihn wie ein Donnerschlag. Versteinert steht er da. Mit

ausgebreiteten Armen und hintenübergeworfenem Haupt verharrt er

regungslos, und alle handelnden Personen um ihn her bilden eine momentan

versteinerte Gruppe in den verschiedensten Stellungen.

Die ganze Szene ist ein stummes Bild und muß darum ebenso gestellt

werden wie die lebenden Bilder. Jede Person muß eine Stellung angewiesen

erhalten, die ihrem Charakter entspricht, nach dem Grade ihrer Furcht

und der Stärke des Schreckens, den die Meldung von der Ankunft des

echten Revisors ihr verursacht. Diese Stellungen dürfen nichts

miteinander gemein haben, müssen vielmehr mannigfaltig und verschieden

sein; auch muß darum jeder die seine genau im Kopfe haben, um sie sofort

annehmen zu können, wenn die verhängnisvolle Kunde sein Ohr trifft.

Anfangs wird das freilich gezwungen herauskommen und an Automaten

erinnern; allmählich aber, nach einigen Wiederholungen, im Maße wie

jeder Schauspieler seine Situation tiefer erfaßt haben wird, wird ihm

die angewiesene Pose geläufiger werden und ein natürlicheres, seinem

Wesen entsprechenderes Ansehen bekommen. Das Hölzerne und Ungelenke des

Automaten wird verschwinden und es wird den Anschein haben, als sei

dieses stumme Bild ganz von selbst entstanden.

Als Signal zur Veränderung der Stellung kann jener unterdrückte Schrei

dienen, den Frauen bei einer unerwarteten Erscheinung auszustoßen

pflegen. Die einen nehmen die ihnen im stummen Bilde angewiesene Pose

allmählich an und beginnen damit bereits beim Eintritt des Boten mit der

verhängnisvollen Meldung; das sind diejenigen, die minder betroffen

sind. Die anderen nehmen sie momentan an, nämlich die, welche einen

stärkeren Schlag erhalten. Der führende Schauspieler täte gut daran,

seine eigene Pose vorübergehend aufzugeben und dies Bild einige Male

selber wie ein Zuschauer zu betrachten, um zu prüfen, wo etwas

abzuschwächen, stärker zu betonen oder zu mildern wäre, damit das Bild

natürlicher wirkt.

Das Bild muß etwa folgendermaßen gestellt werden: in der Mitte der

Polizeimeister, stumm und versteinert. Zu seiner Rechten seine Frau und

Tochter, beide ihm schreckensbleich zugewandt. Hinter ihnen der

Postmeister, in ein Fragezeichen verwandelt und den Zuschauern

zugekehrt. Hinter diesem Luka Lukitsch, kreidebleich. Links vom

Polizeimeister Semljanika mit hochgezogenen Augenbrauen und die Finger

im Munde, wie einer, der sich böse verbrannt hat. Hinter ihm der

Kreisrichter, fast auf die Erde gekauert und eine Grimasse schneidend,

als wenn er sagen wollte: »Holla, Alte, jetzt hat's eingeschlagen!«

Hinter diesen starren Bobtschinski und Dobtschinski einander mit offenem

Munde an. Die Gäste verteilen sich in zwei Gruppen auf beiden Seiten;

jede für sich nimmt eine eigne allgemeine Stellung an und heftet ihre

Blicke auf den Polizeimeister. Fast eine Minute lang währt diese stumme

Szene, bis endlich der Vorhang fällt. Damit sich die Gruppe geschickter

und ungezwungener entwickele, überträgt man sie am besten einem

tüchtigen Künstler, der Gruppen zu komponieren versteht, Skizzen

entwerfen kann und .....

Wenn sämtliche Schauspieler auch nur einigermaßen im Laufe der

Vorstellung allen Anforderungen ihrer Rollen genügt haben, dann werden

sie auch in dieser stummen Szene die entscheidende Situation ihrer

Rollen zum Ausdruck bringen und dadurch ihrem vollendeten Spiel die

Krone aufsetzen. Erwiesen sie sich aber während der Vorstellung

teilnahmslos und unbeholfen, dann werden sie auch hier so wirken, mit

dem Unterschied, daß sich in dieser stummen Szene ihr Nichtkönnen noch

deutlicher offenbaren wird.

III.

Zwei Szenen, die schon bei der ersten Ausgabe als den Gang der

Handlung störend ausgeschieden wurden.

Anna Andréjewna und Márja Antónowna.

Márja Antónowna. Wirklich, Mama, ich begreife nicht, wie du glauben

kannst, deine Augen seien das Schönste ...

Anna Andréjewna. Papperlapapp, rede kein dummes Zeug! Als noch die Frau

Oberst hier wohnte, die die größte Modedame war, die ich je gesehen, und

sich alle Kostüme aus Moskau verschrieb -- sagte sie mir bei jeder

Gelegenheit: »Liebste Anna Andréjewna, verraten Sie mir doch bloß das

Geheimnis, weshalb Ihre Augen einen so sprechenden Ausdruck haben!«

Überhaupt herrschte nur eine Stimme: »Mit Ihnen, Anna Andréjewna,

braucht man nur eine Minute beisammen zu sein, um infolge Ihrer

Liebenswürdigkeit alles um sich her zu vergessen.« Und der

Stabsrittmeister Starokopytoff, der sich damals, was weiß ich, wegen

Remonte hier aufhielt? Der schöne Mann mit dem frischen, prächtig roten

Gesicht, den pechschwarzen Augen, dem weißen Hemdkragen aus dem feinsten

Batist, wie ihn unsre Kaufleute uns noch nie geliefert haben? Der sagte

mir zu wiederholten Malen: »Ich schwöre Ihnen, Anna Andréjewna, noch nie

habe ich solche Augen gesehen, nicht einmal in Romanen davon gelesen;

ich weiß nicht wie mir geschieht, wenn ich Sie anschaue! ..« Ich trug

damals noch eine Tüllpelerine, mit Weinblättern und Ähren bestickt und

mit zarten Spitzen eingefaßt, kaum einen Finger breit, einfach

bezaubernd! Und dann sagte er jedesmal: »Ihr Anblick, Anna Andréjewna,

bereitet mir solches Entzücken, daß mein Herz vollständig ...« ach, ich

weiß schon gar nicht mehr, was er alles geredet hat. Nachher hat er

sogar noch Geschichtchen gemacht: er wollte sich partout erschießen,

aber die Pistolen waren irgendwie abhanden gekommen; sonst wäre er

längst nicht mehr am Leben.

Márja Antónowna. Ich weiß nicht, Mama, aber ich meine doch, deine untere

Gesichtspartie sei weit hübscher als deine Augen.

Anna Andréjewna. Unsinn, davon kann gar keine Rede sein! Das ist alles

dummes Zeug!

Márja Antónowna. Nein, wirklich, Mama, wenn man dich so sprechen oder im

Profil sitzen sieht, dann ist besonders dein Mund ...

Anna Andréjewna. Hör auf mit dem dummen Geschwätz! Du bist wirklich

unausstehlich! Immerfort muß sie herumstreiten ... Gott bewahr' mich!

Will gleich vor Neid vergehen, nur weil ihre Mama schöne Augen hat! --

Und bei all dem Gezänk und dem Unsinn haben wir uns richtig ganz

verplappert. Paß auf, er kommt und überrascht uns noch in dem

unmöglichsten Aufzuge! (Eiligst ab, gefolgt von Márja Antónowna.)

Chlestakóff und Rastakówski (in Uniform der Zeit Katharinas II.

mit Achselschnüren).

Rastakówski. Habe die Ehre mich vorzustellen: Einwohner und Hausbesitzer

hiesiger Stadt, Sekond-Major a. D. Rastakówski.

Chlestakóff. Sehr erfreut; bitte nehmen Sie gefälligst Platz. Ich bin

mit Ihrem Chef sehr gut bekannt.

Rastakówski (hat sich gesetzt). Ah, Sie kannten also Sadunaiski?

Chlestakóff. Welchen Sadunaiski?

Rastakówski. Nun, den Grafen Rumjanzoff-Sadunaiski, Pjotr

Alexándrowitsch; der war ja mein früherer Chef.

Chlestakóff. Ach so, ja ... Sie haben also wohl lange gedient?

Rastakówski. Ich nahm bereits 1773 an der Belagerung von Silistria teil.

Da ging es heiß zu. So dicht stand der Türke vor uns, gerade wie dieser

Tisch. Ich war damals Sergeant, und Sekond-Major in unserem Regimente

war -- Sie kannten ihn gewiß -- Pjotr Wassiljewitsch Gwosdjew.

Chlestakóff. Gwosdjew? was für ein Gwosdjew?

Rastakówski. Pjotr Wassiljewitsch. Er wurde später auf Allerhöchsten

Befehl der verewigten Kaiserin zu den Dragonern versetzt.

Chlestakóff. Nein, mir unbekannt.

Rastakówski. Ich dachte mir gleich, daß Sie ihn nicht kennen, weil er

schon vor mehr als dreißig Jahren gestorben ist. Hier ganz in der Nähe,

zwanzig Werst von der Stadt, lebt seine Enkelin, verheiratet mit Iwán

Wassiljewitsch Rogatka.

Chlestakóff. Mit Rogatka? Sehen Sie doch mal an! Das ist mir ganz neu.

Rastakówski. Freilich, mit Iwán Wassiljewitsch Rogatka. Der Türke also

stand so dicht vor uns, wie dieser Tisch. Frost und Schneegestöber waren

so stark, wie in dem Jahr, da die Franzosen auf Moskau losrückten. In

unserem Regimente stand noch ein Sekond-Major namens Ficktel-Knabe, ein

Deutscher. Er hieß Siegfried Iwánowitsch, aber der damalige General _en

chef_ taufte ihn einfach um: »Du bist kein Siegfried,« sagte er,

»sondern Suppe; darum sollst du Suppe Iwánowitsch heißen.« Und seitdem

wurde er nur noch Suppe Iwánowitsch genannt. Dieser Suppe Iwánowitsch

also, nebst dem eben erwähnten Sekond-Major Gwosdjew sollten einmal eine

Fouragierung vornehmen. Ihnen beigegeben waren ich und der

Quartiermeister Trepakin, vielleicht haben Sie ihn gekannt, Awtonom

Pawlowitsch; ich glaube, er ist auch schon bald fünfundzwanzig Jahre

tot.

Chlestakóff. Trepakin? Nein, kenne ich nicht. Übrigens hätte ich eine

Bitte an Sie ...

Rastakówski (ohne darauf zu hören). Eine schöne männliche Gestalt,

blondes Haar, dazu goldne Achselschnüre. Wie der Mazurka tanzen konnte!

Brauchte nur in die Hände zu klatschen, um selbst dem Oberst seine

Tänzerin abspenstig zu machen. Na, und überhaupt die kleinen Mädchen,

ha, ha, ha! ... Wir biwakierten damals unter Zelten; und wenn man bloß

mal so in sein Zelt hineinguckte, ha, ha, ha, da saß auch richtig so

eine Kleine drin; und wurde dann morgens vom Burschen hinausgeführt, als

Dragoner vermummt, im Dreimaster, ha, ha, ha, ein Portepée an der Seite,

ha, ha, ha ...

Chlestakóff. Eine ähnliche Geschichte passierte einem meiner Bekannten,

einem Beamten in recht einträglicher Stellung. Wie der eines Tages im

Schlafrock dasitzt und seine Pfeife raucht, kommt mit einemmal ein

Offizier von der Chevaliergarde, auch ein Freund von mir, herein und

sagt ... (unterbricht sich und schaut Rastakówski scharf ins Auge.)

Hören Sie mal, könnten Sie mir nicht etwas Geld borgen? Ich habe mich

unterwegs ganz verausgabt.

Rastakówski. Wer bat denn um Geld: der Beamte den Offizier oder der

Offizier den Beamten?

Chlestakóff. Nicht doch, ich bitte Sie darum. Sehen Sie, ich tue es

lieber gleich, ehe ich's nachher noch vergesse.

Rastakówski. Also Sie brauchen Geld? Seltsam, und ich glaubte, der

Offizier in der Anekdote bäte darum. Wie man sich doch im Gespräch oft

täuschen kann! Sie also brauchen Geld? Und ich kam offen gestanden

gerade mit der Absicht, Sie meinerseits mit einer äußerst dringlichen

Bitte zu belästigen.

Chlestakóff. Und die wäre?

Rastakówski. Ich habe nämlich Anspruch auf eine Pensionszulage und hatte

Sie höflichst darum bitten wollen, dort bei den Senatoren oder bei

sonstigen Persönlichkeiten ein gutes Wort für mich einzulegen.

Chlestakóff. Aber gewiß, mit Vergnügen.

Rastakówski. Ich selber habe schon mal eine Bittschrift eingereicht,

möglicherweise aber nicht an die zuständige Stelle.

Chlestakóff. Wie lange ist denn das her?

Rastakówski. Um die Wahrheit zu sagen, noch nicht gar so lange, im Jahre

1801; ich warte aber seit diesen dreißig Jahren noch immer auf Bescheid.

Ich beförderte sie durch Iwán Pjetrówitsch Ssossulkin, der damals gerade

nach Petersburg reiste; leider ist er kein sonderlich zuverlässiger

Mensch. So kann es gekommen sein, daß sie nicht gehörigen Orts

eingereicht wurde. Jetzt wird es aber gewiß nicht mehr lange dauern:

dreißig Jahre sind um, und da wird die Entscheidung wohl bald erfolgen

müssen.

Chlestakóff. Selbstverständlich, jetzt wird sie bald erfolgen müssen;

übrigens bin ich gern bereit, mich auch meinerseits ... Keine Ursache,

schon gut, schon gut.

IV.

Eine vom Autor in die Buchausgabe nicht mitaufgenommene Szene des

»Revisor«.[1]

Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke · 第 72 / 240 题