Die Vorigen. Anna Andréjewna und Márja Antónowna.
Polizeimeister. Ich habe die Ehre, Ihnen meine Familie vorzustellen:
meine Frau, meine Tochter.
Chlestakóff (sich verneigend). Wie glücklich bin ich, Gnädigste,
meinerseits das Vergnügen zu haben, Sie begrüßen zu dürfen.
Anna Andréjewna. Wir sind noch weit entzückter, eine so hohe Person
begrüßen zu dürfen.
Chlestakóff (mit Affektation). Aber bitte sehr, Gnädigste, im Gegenteil,
mir ist es noch weit willkommener.
Anna Andréjewna. Nein, wie ist's möglich! Sie sagen das sicherlich nur
aus Galanterie. Bitte untertänigst Platz zu nehmen.
Chlestakóff. Neben Ihnen zu stehen, Gnädigste, bedeutet schon Glück;
wenn Sie es aber durchaus befehlen, setze ich mich auch. Wie entzückt
bin ich, endlich neben Ihnen sitzen zu dürfen.
Anna Andréjewna. Ach, ich darf kaum wagen, das auf mich zu beziehen ...
Ich denke, nach der Residenz müssen Sie die Exkursiong nach hierher sehr
unangenehm empfunden haben.
Chlestakóff. Äußerst unangenehm! Daran gewöhnt, _comprenez-vous_, in der
großen Welt zu leben und sich dann plötzlich auf der Landstraße
wiederfinden -- schmutzige Schenken, roheste Unbildung ... Ich gestehe,
ohne einen solchen Zufall, der mich ... (betrachtet Anna Andréjewna und
spielt den Galanten) ... für alles entschädigt ...
Anna Andréjewna. In der Tat, Sie müssen das sehr unangenehm empfunden
haben!
Chlestakóff. Oh, in diesem Augenblick, Gnädigste, finde ich es sehr
angenehm!
Anna Andréjewna. Aber wie ist's nur möglich! Zuviel der Ehre ... ich
verdiene es durchaus nicht.
Chlestakóff. Aber weshalb sollten Sie es nicht verdienen? Sie verdienen
es, Gnädigste, wirklich, Sie verdienen es.
Anna Andréjewna. Ich lebe auf dem Dorfe ...
Chlestakóff. Oh, auch das Dorf hat seine hübschen runden Hügel und
stillen Bäche ... Nun freilich, wer wird das alles auch gleich mit
Petersburg vergleichen wollen! Ah, Petersburg! Welch ein Leben! Sie
denken vielleicht, ich wäre bloß so ein kleiner Aktenschreiber -- nicht
entfernt! Ich stehe mit dem Abteilungschef auf dem vertrautesten Fuße.
Der schlägt mir dann wohl gelegentlich auf die Schulter und sagt: »Na,
Kollege, Mahlzeit!« Ins Departement komme ich höchstens für zwei
Minuten, nur um dort Anweisungen zu geben -- das so, das so, das so. Da
steht gleich so ein Sekretär, flink wie eine Ratte, setzt bloß die Feder
an -- kri-kri, kri-kri, kri-kri, das fliegt nur so! Man wollte mich
sogar zum Kollegien-Assessor machen, na, ich weiß genau warum. Und der
Portier kommt mir noch auf die Treppe nachgelaufen und ruft: »Erlauben
Sie, Iwán Alexándrowitsch, daß ich Ihnen erst die Stiefel säubere!« (Zum
Polizeimeister.) Aber warum stehen Sie denn, meine Herren? Bitte, setzen
Sie sich doch!
Polizeimeister. Unser bescheidner Rang gebietet uns zu stehen.
Hospitalverwalter. Wir können auch stehen.
Schulinspektor. Bitte bemühen Sie sich doch nicht. (Alle drei
gleichzeitig.)
Chlestakóff. Rang bei Seite, bitte setzen Sie sich! (Polizeimeister und
alle anderen setzen sich.) Im Gegenteil, ich bemühe mich sogar möglichst
unbemerkt durchzuschlüpfen, aber unmöglich sich zu verbergen, rein
unmöglich! Kaum trete ich wo heraus, gleich heißt's: »Ei, da ist ja Iwán
Alexándrowitsch!« Einmal hielten sie mich sogar für den
Oberkommandierenden; die Soldaten rannten aus der Hauptwache und
präsentierten das Gewehr. Nachher sagte mir ein Offizier, ein guter
Bekannter von mir: »Schau doch Freundchen, haben wir dich wahrhaftig für
den Oberkommandierenden gehalten.«
Anna Andréjewna. Nun sagen Sie bloß!
Chlestakóff. Hübsche Schauspielerinnen kenne ich auch. Auch verschiedene
Vaudevilliers ... Mit Schriftstellern verkehre ich viel. Mit Puschkin
bin ich ganz intim. Trifft man sich mal, dann sage ich so zu ihm: »Na,
Puschkinchen, wie geht's?« »Na, wie soll's gehn, Kollege,« meint er
dann, »danke, es macht sich.« Ein Original, dieser Puschkin.
Anna Andréjewna. Dann schreiben Sie also auch? Wie wundervoll muß sich
doch ein Schriftsteller fühlen! Sie veröffentlichen gewiß auch in
Journalen?
Chlestakóff. O ja, auch in Journalen. Ich habe übrigens schon eine Menge
Schriften verfaßt: Figaros Hochzeit, Robert der Teufel, Norma ... kaum
daß ich die Namen alle noch behalten habe. Und alles wie aus dem Ärmel
geschüttelt; ich wollte eigentlich gar nicht schreiben, aber die
Theaterdirektoren setzen einem zu: »Liebster, Bester, schreib uns doch
was!« Ich überlege bei mir: »Na, wollen mal sehn.« Und dann ist's an
einem einzigen Abend hingeworfen. Ich besitze eine geradezu spielende
Phantasie. Alles, was unter dem Namen »Baron Brambeus« ging: »Fregatte
Hoffnung« und »Moskauer Telegraph« ... das war alles von mir.
Anna Andréjewna. Ach, also Sie waren Brambeus?
Chlestakóff. Freilich, ich korrigiere ihnen allen ja auch ihre Verse.
Smírdin zahlt mir 40000 dafür.
Anna Andréjewna. Dann ist sicherlich auch der »Júrij Milosláwski« von
Ihnen?
Chlestakóff. Ganz gewiß.
Anna Andréjewna. Das hatte ich mir gleich gedacht!
Márja Antónowna. Aber Mama, auf dem Titel steht doch: »von Sagóskin«!
Anna Andréjewna. Wußte ich's doch, daß du selbst hier streiten würdest!
Chlestakóff. Ah, richtig, es ist ja wahr, der ist von Sagóskin; aber es
gibt noch einen andern Júrij Milosláwski, und der ist der meinige.
Anna Andréjewna. Nun also, und gerade den Ihren habe ich gelesen. Wie
prachtvoll geschrieben!
Chlestakóff. Offen gestanden, ich lebe für die Literatur. Ich führe das
erste Haus in Petersburg. Stadtbekannt ist es, das Haus des Iwán
Alexándrowitsch. (Sich an alle Anwesenden wendend.) Machen Sie mir doch
das Vergnügen, meine Herrschaften, wenn Sie mal in Petersburg sind,
bitte, bitte, besuchen Sie mich. Ich gebe auch Bälle.
Anna Andréjewna. Ich kann mir vorstellen, wie stilvoll und glänzend
diese Bälle sein müssen!
Chlestakóff. O durchaus nicht, ganz schlicht. Auf dem Tisch zum Beispiel
eine Wassermelone -- das heißt, so eine für siebenhundert Rubel. Die
Suppe in einer Kasserole direkt per Dampfer aus Paris bezogen; man hebt
den Deckel ab -- ein Duft, wie es nichts Köstlicheres in der Welt gibt!
Ich gehe jeden Tag auf den Ball. Dort habe ich auch meine Whistpartie:
der Minister der auswärtigen Angelegenheiten, der französische
Botschafter, der deutsche Botschafter und ich. Wir verbeißen uns oft
derart ins Spiel, daß man's kaum beschreiben kann. Rennt man dann nach
Haus und klettert in seine vierte Etage hinauf -- kann man grade noch
zur Köchin stammeln: Mawrúscha, den Überzieher ... Was plappere ich denn
-- ich vergaß ja, ich wohne doch Beletage, nur eine Treppe hoch ... Auch
sehr interessant, mein Antichambre zu sehen, ehe ich mich morgens
erhoben habe: da drängen sich Grafen und Fürsten und sumsen wie die
Hummeln, man hört nur: sum, sum, sum; zuweilen, wenn der Minister ...
(Polizeimeister und die übrigen Herren erheben sich ehrfurchtsvoll von
den Sitzen.) Selbst auf meinen Paketadressen steht: an Seine Exzellenz
... Einmal habe ich sogar das Departement geleitet. Das war ganz
komisch; der Chef war verreist, keiner wußte wohin. Nun ging natürlich
das Gerede los; was macht man, wer soll die Stelle ausfüllen? Viele
Generale kamen als Bewerber, treten ein, versuchen -- nein, zu schwer!
Es scheint ganz leicht, aber näher zugesehn -- unmöglich, hol's der
Teufel! Kaum sehn sie, daß es nicht geht -- zu mir! Und im selben
Augenblick durch die Straßen: Kuriere, Kuriere, Kuriere ... Stellen Sie
sich bloß vor: fünfunddreißigtausend Kuriere! Da frage ich Sie doch,
welche Situation! »Auf, Iwán Alexándrowitsch, aufs Departement!« Ich
war, offen gestanden, etwas verblüfft, kam im Schlafrock heraus, wollte
absagen, denke mir aber: wenn das bis vor Majestät kommt, na, und das
Avancement ... »Schön, meine Herren, ich komme, ich komme,« sage ich,
»abgemacht, ich komme; aber daß mir keiner, na, na, na! ich habe feine
Ohren, ich will euch ...« Gesagt, getan: ich quer durchs Departement,
das reine Erdbeben, alles schwankt und zittert wie Espenlaub.
(Polizeimeister und die Übrigen beben vor Schreck; Chlestakóff erhitzt
sich noch stärker.) O ich spaße nicht; ich habe es ihnen allen
beigebracht! Selbst der Staatsrat fürchtet sich vor mir. Warum auch
nicht? Das ist so meine Art! Ich nehme auf niemand Rücksicht ... Zu
jedem sage ich: »Ich weiß alleine Bescheid!« Ich bin überall, überall.
Jeden Tag fahre ich zu Hofe. Morgen werde ich gleich zum Feldmarsch...
(schwankt und fällt beinahe zu Boden, wird aber von den Beamten
ehrfurchtsvoll gestützt.)
Polizeimeister (tritt näher und versucht, am ganzen Leibe zitternd, zu
sprechen). Aber E... E... E...
Chlestakóff (in heftigem, befehlendem Ton). Was wollen Sie?
Polizeimeister. Aber E... E... E... E...
Chlestakóff (im gleichen Ton). Verstehe gar nichts, alles Unsinn.
Polizeimeister. Euer E... Ex...zellenz befehlen vielleicht etwas
auszuruhen ... Hier ist ein Zimmer, alles ist bereit.
Chlestakóff. Blödsinn -- ausruhen! Meinetwegen auch ausruhen ... Ihr
Frühstück, meine Herren, famos ... sehr zufrieden, sehr zufrieden ....
(mit Emphase.) Laberdan! Laberdan! (Ab ins Nebenzimmer, gefolgt vom
Polizeimeister.)