5. Szene

Polizeidiener öffnen beide Türflügel. Herein tritt Chlestakóff,

gefolgt vom Polizeimeister; weiter zurück Hospitalverwalter,

Schulinspektor, Dóbtschinski und Bóbtschinski, mit einem Pflaster

auf der Nase. Polizeimeister weist die Polizeidiener auf ein am

Boden liegendes Stück Papier; sie rennen hin, um es aufzuheben

und stoßen dabei vor Eifer mit den Köpfen zusammen.

Chlestakóff. Vortreffliche Anstalten! Es gefällt mir besonders gut, daß

man in Ihrer Stadt die Durchreisenden in alle Sehenswürdigkeiten

einführt. In andern Städten hat man mir gar nichts gezeigt.

Polizeimeister. In andern Städten, so wage ich zu behaupten, haben

Behörden und Beamte mehr ihren eigenen Vorteil im Auge; hier aber, das

darf ich wohl sagen, waltet nur das eine Streben: durch Ordnung und

Fürsorge sich das Wohlwollen seiner Obrigkeit zu verdienen.

Chlestakóff. Das Frühstück war ausgezeichnet; ich habe mich ordentlich

überessen. Gibt es so was bei Ihnen alle Tage?

Polizeimeister. Lediglich zu Ehren eines hochwillkommenen Gastes.

Chlestakóff. Ich esse gern mal gut. Dafür lebt man ja doch schließlich,

um die Blüte des Daseins zu pflücken. Wie hieß doch noch der Fisch?

Hospitalverwalter (vortretend). Laberdan, Ew. Gnaden.

Chlestakóff. Sehr schmackhaft! Wo speisten wir doch? Im Lazarett, nicht

wahr?

Hospitalverwalter. Sehr wohl, Ew. Gnaden, im Hospital.

Chlestakóff. Ach ja, ich erinnere mich, da standen Betten. Die Kranken

sind wohl geheilt? Viele schienen da nicht zu sein.

Hospitalverwalter. Höchstens zehn Mann, mehr nicht; die übrigen sind

alle geheilt. Das ist eben die Wirkung der vorzüglichen Ordnung. Seitdem

ich die Verwaltung übernahm -- es wird Ihnen freilich kaum glaubhaft

erscheinen -- seitdem werden sie alle gesund wie die Fliegen. Kaum kommt

ein Kranker ins Lazarett, und schon ist er geheilt; und das weniger

durch Medikamente als durch unsere Redlichkeit und Pflichttreue.

Polizeimeister. Und wie aufreibend -- verzeihen Sie die Kühnheit -- wie

aufreibend die verantwortungsvolle Tätigkeit eines Stadtoberhauptes!

Sachen jeder Art häufen sich, um nur der öffentlichen Bauten, der

Reparaturen und der Straßenreinigung zu gedenken ... mit einem Wort, der

klügste Mann käme in Verlegenheit -- doch, Gott sei Dank, hier bei uns

geht alles wie am Schnürchen. Ein andrer Polizeimeister würde da

zweifellos an seinen eigenen Vorteil denken; aber wollen Sie es mir

glauben, daß ich jeden Abend vor dem Schlafengehen für mich bete: »Herr,

mein Gott, lenke meine Taten, damit die Obrigkeit meinen Eifer erkenne

und zufriedengestellt sei!« ... Selbstverständlich ist es ihr freier

Wille, ob sie mich belohnen will oder nicht, aber ich für mein Teil habe

wenigstens ein reines Gewissen. Ist die Stadt überall wohlbestellt, sind

die Straßen gesäubert, die Gefangenen gut gehalten und wenig Betrunkene

zu sehen ... was will ich dann mehr? Bei Gott, nach Auszeichnungen

strebe ich nicht. Gewiß haben sie viel Verlockendes, aber vor der Tugend

sind sie nichts wie eitel Nichtigkeit und Staub.

Hospitalverwalter (beiseite). Tagedieb der, wie er auspackt! Gott

schenke mir solche Gabe!

Chlestakóff. Sehr richtig. Offen gestanden, auch ich philosophiere

zuweilen gerne; manchmal nur so in Prosa, aber gelegentlich entschlüpft

mir auch mal ein Vers.

Bóbtschinski (zu Dóbtschinski). Wie tiefsinnig, wie tiefsinnig das

alles, Pjotr Iwánowitsch! Diese Bemerkungen ... man sieht's, der hat die

Bildung studiert.

Chlestakóff. Ach, sagen Sie doch bitte, gibt es hier bei Ihnen keine

sogenannten Gesellschaften oder Klubs, wo man zum Beispiel ein Spielchen

Karten machen könnte?

Polizeimeister (beiseite). Seht doch das Füchschen, will einem Steine

über den Zaun werfen! (Laut.) Gott behüte! Solche Gesellschaften kennt

man hier kaum vom Hörensagen. Ich habe überhaupt noch nie Karten

angefaßt, weiß nicht einmal, wie man Karten spielt. Ich kann sie auch

nicht mit ruhigem Blute betrachten, und wenn ich mal zufällig so einen

Karo-König oder dergleichen vor Augen kriege, dann überkommt mich solch

Ekel, daß ich geradezu ausspucken muß. Einmal hatte ich den Kindern zu

Gefallen ein Kartenhaus aufgebaut, und hinterher mußte ich die ganze

Nacht von dem Plunder träumen! Hol sie der Kuckuck! Wie kann man nur

seine kostbare Zeit daran verschwenden ...

Schulinspektor (beiseite). Gauner, und hast mir erst gestern hundert

Rubel abgeknöpft!

Polizeimeister. ... ich verwerte sie lieber zum Wohle des Vaterlandes.

Chlestakóff. Nun, so ganz sollten Sie das doch nicht ... es hängt eben

alles davon ab, von welcher Seite man ein Ding betrachtet. Ja, wenn man

z. B. gerade in dem Augenblick paßt, wo man hätte _va banque_ spielen

sollen ... na, dann allerdings! ... Nein, sagen Sie das nicht, zuweilen

hat so ein kleines Spielchen was sehr Verlockendes.

Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke · 第 33 / 240 题