3. Szene

Die Vorigen. Bóbtschinski und Dóbtschinski stürzen atemlos

herein.

Bóbtschinski. Unerhörte Überraschung!

Dóbtschinski. Erstaunliche Neuigkeit!

Alle. Was, was ist denn los?!

Dóbtschinski. Unerwartetes Ereignis: wir kommen ins Gasthaus ...

Bóbtschinski (unterbrechend). Ich und Dóbtschinski kommen ins Gasthaus

...

Dóbtschinski (unterbrechend). Eh, lassen Sie mich, Pjotr Iwánowitsch,

ich will erzählen.

Bóbtschinski. Nein, nein, lassen Sie mich, lassen Sie mich ... Sie haben

gar kein Geschick ...

Dóbtschinski. Und Sie verhaspeln sich und vergessen alles.

Bóbtschinski. Nein, bei Gott, ich weiß alles; mischen Sie sich nicht

hinein, lassen Sie mich erzählen. Helfen Sie, meine Herren, daß

Dóbtschinski sich nicht hereinmischt!

Polizeimeister. So reden Sie doch um alles in der Welt, was ist los? Ich

brenne vor Ungeduld. Setzen Sie sich, meine Herren, Stühle her; hier

haben Sie einen Stuhl, Bóbtschinski. (Alle setzen sich um Bóbtschinski

und Dóbtschinski herum.) Nur schnell, was gibt's?

Bóbtschinski. Erlauben Sie, erlauben Sie, alles nach der Reihe. Kaum daß

ich die Ehre hatte, mich von Ihnen zu verabschieden, nachdem Sie

geruhten, sich über den empfangenen Brief zu beunruhigen, ja -- da

rannte ich ... Bitte, unterbrechen Sie mich nicht, Dóbtschinski! Ich

weiß alles, alles. Also: da rannte ich zu Koróbkin, da aber Koróbkin

nicht zu Hause war, zu Rastakówski, und da ich Rastakówski nicht antraf,

von dort zum Herrn Postmeister, um ihm die von Ihnen empfangene

Neuigkeit mitzuteilen, und wie ich von da weggehe, begegne ich

Dóbtschinski ...

Dóbtschinski. Neben dem Pastetenladen ...

Bóbtschinski. Neben dem Pastetenladen. Ich treffe also Dóbtschinski und

sage ihm: haben Sie schon von der großen Neuigkeit gehört, die der Herr

Polizeimeister in einem hochbedeutsamen Brief erhalten hat? Dóbtschinski

aber hatte sie schon von Ihrer Magd Awdótja gehört, die, ich weiß nicht

wonach, zu Philipp Antónowitsch Potschetschújeff geschickt worden war

...

Dóbtschinski (unterbrechend). Nach einem Kognakfäßchen.

Bóbtschinski (mit der Hand abwehrend). Nach einem Kognakfäßchen. Wir

gingen also zusammen zu Potschetschújeff ... Nein, Dóbtschinski, nein,

unterbrechen Sie mich nicht, bitte ernstlich, unterbrechen Sie mich

nicht! ... Wir gehen also zu Potschetschújeff und unterwegs sagt mir

Dóbtschinski: »Kommen Sie doch mal erst in die Restauration; ich hab'

so'n gewisses ... seit heut früh hab' ich nichts genossen und der Magen

knurrt mir so ...« -- jawohl, Dóbtschinski knurrte der Magen. »Und in

der Restauration,« sagt er, »gibt's heut frischen Lachs, kosten wir doch

wenigstens.« Kaum sind wir drin, als plötzlich ein junger Mann ...

Dóbtschinski (unterbrechend). Von hübschem Äußeren, apart gekleidet ...

Bóbtschinski. Von hübschem Äußeren, apart gekleidet, so -- ft -- ins

Zimmer tritt, entschlossener Ausdruck, Physiognomie, Benehmen und hier

(fährt mit der Hand um die Stirne) viel, sehr viel. Ich hatte es

sozusagen vorausgeahnt und sage zu Dóbtschinski: »Hier geht was vor.«

Jawohl. Und Dóbtschinski hatte schon mit dem Finger gewinkt und den

Wirt, den Wirt Wlas gerufen -- seine Frau kam vor drei Wochen mit einem

strammen Jungen nieder, der mal des Vaters Wirtschaft erben wird. Wie

Wlas kommt, fragt ihn Dóbtschinski ganz heimlich: »Wer ist dieser junge

Mensch?« und Wlas antwortet: »Der« sagt er ... Ach, so unterbrechen Sie

mich doch nicht in einem fort, Dóbtschinski, Sie können's ja doch nicht

erzählen, Sie lispeln ja, ich weiß genau, bei Ihnen pfeift ein Zahn ...

»Der junge Mensch da«, sagt Wlas, »das ist ein Beamter«, jawohl, »kommt

von Petersburg und heißt«, sagt er, »Iwán Alexándrowitsch Chlestakóff,

und reist«, sagt er, »nach Sarátoff und führt sich,« sagt er, »ganz

seltsam auf: sitzt schon die zweite Woche hier, geht nie aus, nimmt

alles auf Rechnung und zahlt keinen Kopeken.« Wie er das sagt, geht mir

auf einmal ein Licht auf: »He!« sage ich zu Dóbtschinski ...

Dóbtschinski. Nein Bóbtschinski, ich habe »He!« gesagt.

Bóbtschinski. Zuerst sagten Sie's, danach sagte ich's auch. Also: »He!«

sagten Dóbtschinski und ich. »Warum sitzt er hier, wenn er nach Sarátoff

soll?« Folglich ist _er_ der Beamte.

Polizeimeister. Was, welcher Beamte?

Bóbtschinski. Der Beamte, von dem Sie die Nachricht zu empfangen

geruhten -- der Revisor.

Polizeimeister (zusammenfahrend). Was reden Sie da, um Gotteswillen, das

kann er nicht sein!

Dóbtschinski. Doch! Geld zahlt er keins und abreisen tut er auch nicht.

Wer sollte es anders sein? Und dabei lautet sein Paß auf Sarátoff.

Bóbtschinski. Er ist's, er ist's, ganz gewiß ... Und was für eine

Spürnase, alles hat er bemerkt, beobachtete, wie Dóbtschinski und ich

Lachs aßen -- etwas reichlicher als sonst, weil Dóbtschinskis Magen ...

Ja, _so_ hat er auf unsre Teller geschielt. Der Schreck fuhr mir

ordentlich in die Glieder.

Polizeimeister. Herr Gott, erbarme dich über uns arme Sünder! Wo wohnt

er denn da?

Dóbtschinski. Auf Nummer fünf, über die Stiege.

Bóbtschinski. In derselben Stube, wo sich voriges Jahr die

durchreisenden Offiziere geprügelt hatten.

Polizeimeister. Ist er schon lange da?

Dóbtschinski. An die zwei Wochen; seit Sankt Basilius.

Polizeimeister. Zwei Wochen! (Beiseite.) Gott und alle Heiligen, steht

mir bei! In diesen zwei Wochen ist die Witwe des Unteroffiziers

ausgepeitscht worden, haben die Gefangenen keine Rationen erhalten. Die

Straßen voll Dreck und Kot. Schimpf und Schande! (Greift sich an den

Kopf).

Hospitalverwalter. Nun, Antón Antónowitsch, jetzt wird's eben heißen:

auf und in Gala nach dem Gasthof.

Kreisrichter. Nein, nein; erst muß der Stadtälteste, die Geistlichkeit

und die Kaufmannschaft vorangeschickt werden; wie schon zu lesen in den

»Taten Johanns des Freimaurers« ...

Polizeimeister. Nein, nein; überlassen Sie das mir. Mich hat schon

Schwereres im Leben heimgesucht, es ging vorüber und ich habe noch Dank

dazu gehabt. Wohlan! Gott wird auch diesmal helfen. (Zu Bóbtschinski

gewandt.) Sagten Sie nicht, es sei noch ein junger Mann?

Bóbtschinski. Jawohl, so an die dreiundzwanzig oder ein wenig über

vierundzwanzig.

Polizeimeister. Desto besser, ein junger läßt sich leichter auf den Zahn

fühlen; schlimm, wenn's ein alter Satan gewesen wäre; junge Leute sind

Windbeutel. Halten Sie sich bereit, meine Herren, ich gehe jetzt alleine

hin -- oder vielleicht höchstens in Dóbtschinskis Begleitung, ganz

privatim, um wie auf einem Spaziergang bloß mal nachzuschauen, ob die

durchreisenden Fremden keinen Anlaß zu Beschwerden haben. He,

Swistúnoff!

Polizeidiener. Zu Befehl!

Polizeimeister. Hol mir sofort den Polizeiinspektor, oder nein, ich

brauche dich hier. Sag draußen irgendwem, er soll mir so schnell wie

möglich den Polizeiinspektor herbeischaffen und komm gleich zurück.

(Polizeidiener ab.)

Hospitalverwalter. Kommen Sie, kommen Sie, meine Herren, es könnte

wirklich was passieren.

Kreisrichter. Was haben denn Sie zu fürchten? Reine Nachtmützen für die

Kranken und damit holla.

Hospitalverwalter. Wenn's das bloß wäre! Von rechtswegen sollten die

Kranken Hafersuppe kriegen, und statt dessen ist bei mir auf allen

Korridoren ein solcher Gestank nach Sauerkohl, daß man sich die Nase

zuhalten muß.

Kreisrichter. In der Hinsicht bin ich ohne Sorge. Aufs Gericht zu kommen

fällt ja doch keinem ein; und wenn er wirklich in so ein Aktenstück

reinschaut, wird er seines Lebens nicht froh. Ich sitze nun schon

fünfzehn Jahre auf dem Richterstuhl, und wenn ich solch schriftliches

Referat ansehn muß -- ah! ich mache bloß so mit der Hand! Selbst Salomo

würde nicht entscheiden, wo Recht und wo Unrecht ist.

(Kreisrichter, Hospitalverwalter, Schulinspektor und Postmeister ab

und kollidieren in der Tür mit dem zurückkehrenden Polizeidiener.)

Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke · 第 11 / 240 题