Die Vorigen. Bóbtschinski und Dóbtschinski stürzen atemlos
herein.
Bóbtschinski. Unerhörte Überraschung!
Dóbtschinski. Erstaunliche Neuigkeit!
Alle. Was, was ist denn los?!
Dóbtschinski. Unerwartetes Ereignis: wir kommen ins Gasthaus ...
Bóbtschinski (unterbrechend). Ich und Dóbtschinski kommen ins Gasthaus
...
Dóbtschinski (unterbrechend). Eh, lassen Sie mich, Pjotr Iwánowitsch,
ich will erzählen.
Bóbtschinski. Nein, nein, lassen Sie mich, lassen Sie mich ... Sie haben
gar kein Geschick ...
Dóbtschinski. Und Sie verhaspeln sich und vergessen alles.
Bóbtschinski. Nein, bei Gott, ich weiß alles; mischen Sie sich nicht
hinein, lassen Sie mich erzählen. Helfen Sie, meine Herren, daß
Dóbtschinski sich nicht hereinmischt!
Polizeimeister. So reden Sie doch um alles in der Welt, was ist los? Ich
brenne vor Ungeduld. Setzen Sie sich, meine Herren, Stühle her; hier
haben Sie einen Stuhl, Bóbtschinski. (Alle setzen sich um Bóbtschinski
und Dóbtschinski herum.) Nur schnell, was gibt's?
Bóbtschinski. Erlauben Sie, erlauben Sie, alles nach der Reihe. Kaum daß
ich die Ehre hatte, mich von Ihnen zu verabschieden, nachdem Sie
geruhten, sich über den empfangenen Brief zu beunruhigen, ja -- da
rannte ich ... Bitte, unterbrechen Sie mich nicht, Dóbtschinski! Ich
weiß alles, alles. Also: da rannte ich zu Koróbkin, da aber Koróbkin
nicht zu Hause war, zu Rastakówski, und da ich Rastakówski nicht antraf,
von dort zum Herrn Postmeister, um ihm die von Ihnen empfangene
Neuigkeit mitzuteilen, und wie ich von da weggehe, begegne ich
Dóbtschinski ...
Dóbtschinski. Neben dem Pastetenladen ...
Bóbtschinski. Neben dem Pastetenladen. Ich treffe also Dóbtschinski und
sage ihm: haben Sie schon von der großen Neuigkeit gehört, die der Herr
Polizeimeister in einem hochbedeutsamen Brief erhalten hat? Dóbtschinski
aber hatte sie schon von Ihrer Magd Awdótja gehört, die, ich weiß nicht
wonach, zu Philipp Antónowitsch Potschetschújeff geschickt worden war
...
Dóbtschinski (unterbrechend). Nach einem Kognakfäßchen.
Bóbtschinski (mit der Hand abwehrend). Nach einem Kognakfäßchen. Wir
gingen also zusammen zu Potschetschújeff ... Nein, Dóbtschinski, nein,
unterbrechen Sie mich nicht, bitte ernstlich, unterbrechen Sie mich
nicht! ... Wir gehen also zu Potschetschújeff und unterwegs sagt mir
Dóbtschinski: »Kommen Sie doch mal erst in die Restauration; ich hab'
so'n gewisses ... seit heut früh hab' ich nichts genossen und der Magen
knurrt mir so ...« -- jawohl, Dóbtschinski knurrte der Magen. »Und in
der Restauration,« sagt er, »gibt's heut frischen Lachs, kosten wir doch
wenigstens.« Kaum sind wir drin, als plötzlich ein junger Mann ...
Dóbtschinski (unterbrechend). Von hübschem Äußeren, apart gekleidet ...
Bóbtschinski. Von hübschem Äußeren, apart gekleidet, so -- ft -- ins
Zimmer tritt, entschlossener Ausdruck, Physiognomie, Benehmen und hier
(fährt mit der Hand um die Stirne) viel, sehr viel. Ich hatte es
sozusagen vorausgeahnt und sage zu Dóbtschinski: »Hier geht was vor.«
Jawohl. Und Dóbtschinski hatte schon mit dem Finger gewinkt und den
Wirt, den Wirt Wlas gerufen -- seine Frau kam vor drei Wochen mit einem
strammen Jungen nieder, der mal des Vaters Wirtschaft erben wird. Wie
Wlas kommt, fragt ihn Dóbtschinski ganz heimlich: »Wer ist dieser junge
Mensch?« und Wlas antwortet: »Der« sagt er ... Ach, so unterbrechen Sie
mich doch nicht in einem fort, Dóbtschinski, Sie können's ja doch nicht
erzählen, Sie lispeln ja, ich weiß genau, bei Ihnen pfeift ein Zahn ...
»Der junge Mensch da«, sagt Wlas, »das ist ein Beamter«, jawohl, »kommt
von Petersburg und heißt«, sagt er, »Iwán Alexándrowitsch Chlestakóff,
und reist«, sagt er, »nach Sarátoff und führt sich,« sagt er, »ganz
seltsam auf: sitzt schon die zweite Woche hier, geht nie aus, nimmt
alles auf Rechnung und zahlt keinen Kopeken.« Wie er das sagt, geht mir
auf einmal ein Licht auf: »He!« sage ich zu Dóbtschinski ...
Dóbtschinski. Nein Bóbtschinski, ich habe »He!« gesagt.
Bóbtschinski. Zuerst sagten Sie's, danach sagte ich's auch. Also: »He!«
sagten Dóbtschinski und ich. »Warum sitzt er hier, wenn er nach Sarátoff
soll?« Folglich ist _er_ der Beamte.
Polizeimeister. Was, welcher Beamte?
Bóbtschinski. Der Beamte, von dem Sie die Nachricht zu empfangen
geruhten -- der Revisor.
Polizeimeister (zusammenfahrend). Was reden Sie da, um Gotteswillen, das
kann er nicht sein!
Dóbtschinski. Doch! Geld zahlt er keins und abreisen tut er auch nicht.
Wer sollte es anders sein? Und dabei lautet sein Paß auf Sarátoff.
Bóbtschinski. Er ist's, er ist's, ganz gewiß ... Und was für eine
Spürnase, alles hat er bemerkt, beobachtete, wie Dóbtschinski und ich
Lachs aßen -- etwas reichlicher als sonst, weil Dóbtschinskis Magen ...
Ja, _so_ hat er auf unsre Teller geschielt. Der Schreck fuhr mir
ordentlich in die Glieder.
Polizeimeister. Herr Gott, erbarme dich über uns arme Sünder! Wo wohnt
er denn da?
Dóbtschinski. Auf Nummer fünf, über die Stiege.
Bóbtschinski. In derselben Stube, wo sich voriges Jahr die
durchreisenden Offiziere geprügelt hatten.
Polizeimeister. Ist er schon lange da?
Dóbtschinski. An die zwei Wochen; seit Sankt Basilius.
Polizeimeister. Zwei Wochen! (Beiseite.) Gott und alle Heiligen, steht
mir bei! In diesen zwei Wochen ist die Witwe des Unteroffiziers
ausgepeitscht worden, haben die Gefangenen keine Rationen erhalten. Die
Straßen voll Dreck und Kot. Schimpf und Schande! (Greift sich an den
Kopf).
Hospitalverwalter. Nun, Antón Antónowitsch, jetzt wird's eben heißen:
auf und in Gala nach dem Gasthof.
Kreisrichter. Nein, nein; erst muß der Stadtälteste, die Geistlichkeit
und die Kaufmannschaft vorangeschickt werden; wie schon zu lesen in den
»Taten Johanns des Freimaurers« ...
Polizeimeister. Nein, nein; überlassen Sie das mir. Mich hat schon
Schwereres im Leben heimgesucht, es ging vorüber und ich habe noch Dank
dazu gehabt. Wohlan! Gott wird auch diesmal helfen. (Zu Bóbtschinski
gewandt.) Sagten Sie nicht, es sei noch ein junger Mann?
Bóbtschinski. Jawohl, so an die dreiundzwanzig oder ein wenig über
vierundzwanzig.
Polizeimeister. Desto besser, ein junger läßt sich leichter auf den Zahn
fühlen; schlimm, wenn's ein alter Satan gewesen wäre; junge Leute sind
Windbeutel. Halten Sie sich bereit, meine Herren, ich gehe jetzt alleine
hin -- oder vielleicht höchstens in Dóbtschinskis Begleitung, ganz
privatim, um wie auf einem Spaziergang bloß mal nachzuschauen, ob die
durchreisenden Fremden keinen Anlaß zu Beschwerden haben. He,
Swistúnoff!
Polizeidiener. Zu Befehl!
Polizeimeister. Hol mir sofort den Polizeiinspektor, oder nein, ich
brauche dich hier. Sag draußen irgendwem, er soll mir so schnell wie
möglich den Polizeiinspektor herbeischaffen und komm gleich zurück.
(Polizeidiener ab.)
Hospitalverwalter. Kommen Sie, kommen Sie, meine Herren, es könnte
wirklich was passieren.
Kreisrichter. Was haben denn Sie zu fürchten? Reine Nachtmützen für die
Kranken und damit holla.
Hospitalverwalter. Wenn's das bloß wäre! Von rechtswegen sollten die
Kranken Hafersuppe kriegen, und statt dessen ist bei mir auf allen
Korridoren ein solcher Gestank nach Sauerkohl, daß man sich die Nase
zuhalten muß.
Kreisrichter. In der Hinsicht bin ich ohne Sorge. Aufs Gericht zu kommen
fällt ja doch keinem ein; und wenn er wirklich in so ein Aktenstück
reinschaut, wird er seines Lebens nicht froh. Ich sitze nun schon
fünfzehn Jahre auf dem Richterstuhl, und wenn ich solch schriftliches
Referat ansehn muß -- ah! ich mache bloß so mit der Hand! Selbst Salomo
würde nicht entscheiden, wo Recht und wo Unrecht ist.
(Kreisrichter, Hospitalverwalter, Schulinspektor und Postmeister ab
und kollidieren in der Tür mit dem zurückkehrenden Polizeidiener.)