Anfänge von Blütenverteidigung durch bissige Insekten liegen bereits

auf der Grenze vor allem symbiontischen Anschluß, wenn Blüten rein im

Kampf gegen rohe Blütenfresser hemmenden Kleber nach Art der Pechnasen

an alten Burgen träufeln, dieser Kleber bei Kornblumen wegen seines

Honiggehalts aber von Ameisen gesucht und nun von diesen Ameisen gegen

blütenfressende Rosengoldkäfer (Cetoniden) wütend verteidigt wird, --

wobei ich offen lasse, ob nicht auch hier durch Hin- und Herlaufen der

Ameisen auf dem Blütenbeet solcher Komposite auch Kreuzbefruchtungen

nebenher vermittelt werden könnten. Wenn wir aber dabei schon auf die

Ameisen (die sonst als Vermittler nicht so in Frage kommen) geraten,

so wären hier ein bereits viel anschaulicheres und selber fest

eingefahrenes symbiontisches Beispiel die unmittelbar so benannten

„Ameisenpflanzen“, falls man sie (es liegen hier Streitfragen) noch

gelten lassen will. Der einfache Sachverhalt läuft in dem bekanntesten

und oft beschriebenen Fall des brasilianischen Imbaubabaumes,

einer Cecropia-Art, darauf hinaus, daß gewisse räuberische Ameisen

(Atta-Arten) zu einem besonderen Zweck dort oft ganze Bäume ihrer

Blätter berauben, wogegen andere, sehr tapfere Ameisenvölker einer

Azteca-Art nun jenen Baum gewohnheitsmäßig durch wütige Gegenangriffe

schützen sollen; und die Imbauba bietet ihnen dafür der Erzählung nach

ihre nach Doldenart hohlen und übereinander gekammerten Stengel als

Wohnung, zu der besonders vorgesehene dünne Wandstellen sich leicht als

Außen- und Falltüren öffnen lassen, sowie in besonderen eiweißhaltigen

Überschußbildungen (hier doch ohne Bezug zum Pollen) auch eigene

Hauskost. Ähnlich sollen andere „Schutzameisen“ zu den ungeheuren

eigenen Wehrdornen amerikanischer Akazien noch eine persönliche

Garde fügen, die in solchen Stacheln selber haust und ebenso durch

besonderes Fettbrot an den Blattspitzen beköstigt wird. Und endlich

leben schirmende Ameisenheere in den kaktusartigen Knollenstengeln

der auf indischen Urwaldstämmen sitzenden Myrmekodien, die üppige

Wasserreservoire dieser Pflanzen für die Trockenzeit bilden und deshalb

häufig von durstigen Tieren bedroht sind, während die Ameisen einen

lebendigen Stachelwall, besser als jede echte Kaktuswehr, darumziehen.

Im Engeren scheinen sich in diese Schilderungen kleine Irrtümer

gemischt zu haben, die Gegengaben der Pflanzen sollen auf nicht mehr

hinauslaufen, als sie ohne Ameisen auch schon lieferten, und die

Ameisen ihr zufällig gefundenes Haus nur eben als „ihres“ verteidigen

ohne sonst stärker durchgeführte Symbiose. Unserer Betrachtung aber

mag wieder vollständig genügen, ohne daß sie mehr und Strittiges

aufzurollen brauchte, wenn eben dieser Hausschutz nur schon auf Grund

fester Insekteninstinkte betrieben wird. Auf noch ein Weiteres führt

uns dann schlicht ein Zug der Geschichte selbst, der als solcher

niemals bezweifelt worden ist: nämlich eben das Blättersammeln jener

andern, der Atta-Ameisen. Die Ameisen, die das tun, haben ihr Haus und

Nest nicht in der Pflanze, sondern tragen die Blätter erst dorthin

fort. Daß sie es (feindlich hier zur Pflanze) tun, ist an sich nicht

wunderbarer, als daß die Bienen es friedlich mit dem Pollen machen.

Aber was die Atta-Völker jetzt daheim mit den Blättern vollführen, das

ist nochmals etwas ganz Neues und Überraschendes.

Die den verschiedensten Pflanzen feindlich ausgeschnittenen

Blattstücke, von den Ameisenprozessionen zierlich wie kleine

Sonnenschirme auf dem Heimzug hochgehalten, werden, nährarm, wie sie

für verwöhntere Tiere sind, zu Hause nicht selber verzehrt, sondern

als Futter für eine gewisse andere Pflanze verwertet, die jetzt in

friedlicher Symbiose mit der Ameise lebt, -- allerdings in einer

Symbiosenform, die nunmehr aufs allersinnfälligste die einseitige

Überlegenheit des Insektengehirns zum Ausdruck bringt. Die Ameise

hat diese wichtigste Pflanze in die Unterräume ihrer eigenen Burgen

(Atta-Arten bauen Haufen bis zu 2½ Meter Höhe im feuchten Waldgrund)

als „Hauspflanze“ aufgenommen. Im dunkeln Keller solchen Mulmhaufens

wird man allerdings schwerlich eine Blütenpflanze vermuten, und

es ist auch diesmal keine, sondern wieder erst einmal ein Pilz,

dessen unterirdisches Sauggeflecht (Myzel) von den Ameisen mit jenen

angeschleppten Blättermassen aufs sorgfältigste gefüttert wird.

In dem Ameisenbau werden die zweckgerecht zerkauten Blatteile in

besonderen Kammern als Mistbeeten dem wuchernden Pilz unter Ausjäten

aller unkrauthaften Eindringlinge bereit gemacht. Eine körperlich

angepaßte Kaste des Volks aus kleinen Arbeitern besorgt als „Gärtner“

diesen Dienst. Ihr liegt aber noch eine wichtigste Handlung an dem

übermäßig so gedeihenden Kulturpilz selber ob: indem die Gärtner

bestimmte wucherkräftige Triebe daran beständig kappen, scheinen

sie den Pilz immer wieder zur Bildung eigentümlicher eiweißhaltiger

Stauknötchen anzutreiben, die jetzt eine wirklich höchst brauchbare

verdichtete Nahrung für das Ameisenvolk abgeben, ohne daß der Pilz von

dem Abernten dieser Produkte, die er sonst frei wuchernd wohl wieder

verbraucht hätte, Schaden erführe. Ein solches übermäßiges Wuchern

aber ist ihm auch nicht nötig, denn die Ameise gibt ihm auch auf engem

Raum immer wieder volle Neukraft, indem sie nicht nur übers Maß ihn

füttert, sondern auch von Zeit zu Zeit als umsichtiger Gärtner das

ganze ausräumt, mit Neumaterial als Nährbeet ersetzt und darin einem

zweckgerecht bewährten Treibstück des alten Myzels frischen Raum zum

Wuchern gibt, als wäre der Pilz mit einem jungen Sproß in wirkliches

Neuland gelangt. Wenn aber überhaupt ganz neue Ameisenbauten errichtet

werden sollen durch ausziehendes Jungvolk der Ameisen selbst, so wird

solcher Rest der alten Pilzkultur noch viel raffinierter auch dorthin

überstiftet: die befruchtete Ameisenkönigin, der jedesmal obliegt,

das neue Volk und Nest zu begründen, nimmt stets ein solches lebendes

Pilzzweiglein in einer besonderen Kinnbackentasche (sozusagen in

einem hohlen Zahn) mit; am neuen Fleck nährt sie es dann zunächst

mit eigenem Stuhl, zu dessen wohltätigem Abgang sie einen Teil ihrer

selbstgelegten Eier sich wieder als nährenden Eierkuchen zu Gemüte

führt, bis aus dem Rest der Eier neue Gärtnerameisen erwachsen sind,

die nun abermals allmählich Blätter zu holen beginnen und das so lange

mühsam durchgepäppelte heilige Pflänzchen neuen großen Staatsmistbeeten

einverleiben, auf daß es nun erneut zum segnenden Fruchtbaum für alle

mit werde. Kein Zweifel: diesmal sieht man das Insekt wirklich ganz und

gar die Pflanze umgreifen, -- friedlich, auch sie kunstvoll erhaltend,

-- aber gerade so übermächtig -- als der leitende Herr. Es schützt

sie im eigenen Haus, es füttert sie bis zur Mästung, es schließt ihre

Fortpflanzung an neuem Fleck an seine eigene an; man erinnert sich

des Verhältnisses des Pilzes zur Flechte, aber wie unendlich viel

straffer hängt hier alles in der Instinktregie der höheren Partei, --

selbst der Krebs tritt weit dagegen zurück. Denn vor allem: sogar die

Gegenleistung der Pflanze erscheint in entscheidendem Grade erst als

eine Handlung der Ameise, die sie selbsttätig bestimmt, wenn sie als

Gärtnerameise wenigstens heute unzweideutig auch die Überproduktion

hervorruft.

[Illustration: Abb. 14. Schematischer Durchschnitt eines Termitenhügels

mit den durch dünne Gänge verknüpften, dunkel schattierten Pilzgärten

im Innern. (Nach Escherich.)]

Man glaubt durchaus zu verstehen, daß auch diesmal die Dinge

geschichtlich nicht durch Hexerei entstanden sind. Diese Ameisen fanden

wohl seit alters natürliches Pilzmyzel in ihren Bauten wuchernd.

Anfangs war’s lästig. Sie beschnitten also seine sperrenden Ranken,

dabei aber zeigten sich wohl jene merkwürdigen Stauprodukte zunächst

rein pathologisch auf die Hemmung und den Reiz hin; man denkt wieder

unwillkürlich an die bekannten Gallen, dicke Nährwucherungen, die

sich auf Blättern entwickeln, die eine Gallwespe angestochen und

mit einer sich entwickelnden Made versehen hat, eine übrigens für

sich noch bis heute sehr rätselvolle Sache, aus der sich vielleicht

selber noch einmal eine geheimnisvolle Symbiose schält. Aber wieviel

weiter geht auch das hier heute schon, indem die Pflanze mit dem

Mistbeet zur Überproduktion großen Stils regelrecht vom Konsumenten

selbst gemästet wird. Auch das Verschleppen anhaftenden Pilzmyzels

in neue Haufen ist vielleicht anfangs nur ein Zufall gewesen, wie

oben die Blütenbefruchtung. Jetzt aber schaltet sich auch das an den

Gehirninstinkt, der den Zufall ausschließt. Damit ist die Fortpflanzung

der Pflanze faktisch diesmal auch in der Macht des Insekts, wie es

nur je oben unsere Phantasie erdenken konnte. Müßte der Pilz durch

Befruchtung fortgepflanzt werden, statt daß Stecklinge hier dauernd

zu genügen scheinen, so dünkt selbstverständlich, daß die Ameise auch

das so gut wie die Yukkamotte durchführen würde. Ja so ganz und gar

ist die Pflanze heute vom Insekt umgriffen, daß es bereits geht wie

bei gewissen unserer eigenen Kulturpflanzen: man weiß gar nicht mehr,

wo der Ameisenpilz der Atta heute noch wild vorkommt, sondern kennt

ihn nur mehr in der Ameisenzucht. Wie weit auch diese wunderbare

Pilzsymbiose aber wieder in der Natur verbreitet ist, lehrt ihr fast

genau so, nur noch besser entwickeltes Auftreten bei einer Masse von

Termitenarten, also bei von den Ameisen weit verschiedenen, doch auch

sehr instinktklugen Insekten aus der Nähe unserer Küchenschaben, in

deren riesigen, bis 6 ~m~ hohen Burgen sich die Pilzkulturen nur so

drängen. Die Pilze der Pilzkammern (Abb. 14) werden hier mit zerkautem

und vorverdautem Holz gemästet, wozu die Termiten ihre bekannten,

so furchtbar verheerenden Zerstörungszüge vollführen. Man hat den

künstlichen Futterknötchen dort wie hier einen Namen gesucht, indem

man mit menschlichen Kunstzüchtungen eßbarer Dick- und Luxusteile

bei Kulturpflanzen verglich: Blumenkohl oder Kohlrabi. Auch Ambrosia

nennt man’s wohl. Dieser Name stammt aber wieder selber von längst

beobachteten Pilzgeflechten in den Fraß- und Kinderstubengängen unserer

im tiefen Holz bohrenden Borkenkäfer, und das Bild wird vollends groß,

wenn man berichtet, daß neuerlich auch alle diese heimischen Käfer

unserer Waldbäume der Pilzzucht verdächtig sind. Die Pilze scheinen

ihnen den feinsten Nährextrakt des weithin durchsponnenen Kernholzes in

ihre Gänge zu leiten und in ähnlichen Luxusknöllchen dort zu servieren,

die Käfer aber sollen die Pilzsporen (absichtlich oder unabsichtlich)

jedesmal wieder in ihre Neubauten mit übertragen: vielleicht noch keine

so vollkommene, aber doch eine bereits werdende Symbiose, die da wieder

durch alle unsere deutschen Wälder geht.

Man hat indessen auch schon von viel höheren Pflanzen behauptet,

daß Ameisen sie entsprechend in Kultur hätten. Die Ernteameise des

Mittelmeergebiets, die schon Salomo nicht entgangen war, treibt

mit zunächst rein feindlich geräuberten Getreidekörnern seltsame

Entkeimungsprozeduren, wobei sie nach gewissen Beobachtungen die Samen

im Sinne richtigen Mälzens zuerst in der Feuchte zwingt, keimend Zucker

anzusetzen, und dann die Keimung künstlich wieder durch Abbeißen hemmt,

damit der Zucker sich nicht normal selber verbrauche. Selbst wenn der

letzte Sinn etwas einfacher wäre (die Deutung schwankt noch), möchte

man solchen Brauern aber wohl willig auch noch weitere Feldkunststücke

zuschreiben, und die unmittelbar so benannte „ackerbautreibende

Ameise“ in Texas sollte also künstlich Gras zu eigenen Feldern ansäen,

in Reinkultur jäten und zur rechten Zeit abernten. Heute wird das

bestritten, aber man wundert sich fast, daß es nicht sein soll, so

gut paßte es in die Linie; denn massenhaft säen Ameisen überall die

bekanntesten unter unsern Waldblumen (Veroniken, Lamien, Veilchen

und andere) dadurch aus, daß sie die Samen gewisser Ölteile wegen

verschleppen, anknabbern und dann wieder wegwerfen, worauf der Samen

doch noch keimt, weil auch dieser Ölanhang eine Art Luxussache war; daß

nicht auch da schon Symbiosen mitspielen sollten, erscheint mir gradezu

unwahrscheinlich.

In Summa aber: das Wort, das wir oben suchten, -- ich meine, es hat

sich uns bereits soundso oft durch das beständig aufgenötigte Bild

jetzt von selber ergeben: diese Symbiosenform zwischen Insektenhirn

und Pflanze _ist_ einfach schon die des Ackerbaues, der Gärtnerei, der

künstlichen Pflanzenzucht, der Kultur im engeren Sinne, wo eine weit

überlegene Macht die Pflanze in Schutz und Zucht nimmt, sie als Art

sorgsam erhält, aber zugleich auf das Maximum ihrer Produktion treibt,

ihre Überschüsse künstlich regelt und lockt, ja ihren ganzen Organismus

schließlich in den Grenzen seiner Begabung umzüchtet, bis er nur mehr

wirklich ein Organ ist, das gleichsam am Nervenfaden des Gehirns von

drüben hängt. Lassen wir die Frage nach Instinkt oder Intelligenz dabei

nach wie vor aus dem Spiel, so ist das _objektive_ Bild des Tieres

hier durchaus schon das menschliche, während sich umgekehrt für unsern

menschlichen Ackerbau selbst die interessanteste allgemein-biologische

Einordnung ergibt: der Ackerbau des Menschen erscheint ebenfalls

untergeordnet dem großen Begriff der Symbiose! Wenn wir uns gewöhnen,

in dem Menschen überhaupt ein natürliches Wesen zu sehen, das sich

trotz aller unermeßlichen Überlegenheit und allen Systemwechsels

dem oberen Lebensstammbaum geschichtlich einfügt, so kann auch in

dieser Vergleichung wohl nichts Paradoxes liegen. Wir wissen, daß der

Ackerbau beim Menschen sich erst auf einer gewissen, verhältnismäßig

gar nicht mehr so ganz jungen Stufe hinzugefunden hat: die ganze

lange Diluvialzeit sah noch keinerlei Kulturgewächs in der Zucht

und Gesellschaft ihrer Menschenrassen. Erst nach ihr hat die erste

Symbiose mit dem Weizen, der Gerste, dem Hafer eingesetzt. Man erinnert

sich auch, wieviel später noch erst wieder die mit der Weinrebe oder

gar der Kartoffel sich entwickelt hat; ausgeblieben ist übrigens

schließlich auch die mit dem Pilz nicht. Auf alle Fälle aber hat der

Mensch seine Überlegenheit sogleich darin bewährt, daß er jene Form

der _ungleichen_ Symbiose zwischen sich und der Pflanze durchgeführt

hat, und so gibt er uns heute das sichtbarste, nächste Beispiel

auch für sie, ein Beispiel, uns längst geläufig, ehe wir von andern

Symbiosen überhaupt erfuhren. Wir entnehmen daraus das Recht, nun auch

rückschauend das Wort von ihm für die vorahnenden Beispiele unter ihm

zu entlehnen, und ich finde kein kürzeres als eben _Kultursymbiose_

dafür. Der Begriff „Kulturpflanzen“ ist uns allen geläufig. In dem

Wort Kultur steckt das einseitig Umwandelnde. Der Mensch verwandelt

die Natur im ganzen, wenigstens versuchsweise, mit Kultur. Kultur ist

höher. Zugleich wahrt das Wort aber doch etwas Friedliches. Die Kultur

vernichtet nicht die Natur, aber sie umgreift sie. So tritt der eine

Symbiont hier zugleich friedlich und doch höher dem andern gegenüber.

Die allgemeine Anwendung des Begriffs der Symbiose auch auf menschliche

Kulturzüchtung ist wohl 1893 zuerst von dem ausgezeichneten

Haustierforscher Konrad Keller in Zürich gemacht worden. Keller ging

dabei aber nicht von den Kulturpflanzen, sondern den Haustieren des

Menschen aus, bei denen er „alle Voraussetzungen und charakteristischen

Züge der tierischen Symbiose“ zutreffen sah. Und es ist nun wieder

interessant und wirkt wie eine Art Probe aufs Exempel, daß sich in der

Tat auch zu der Kultursymbiose unserer Haustierzucht Beispiele schon in

der gleichen Schicht Leben nachweisen lassen, die uns die Pilzkultur

der Insekten zeigt. Die gleichen Ameisen, die in Südamerika mit Pilzen

leben, leben bei uns in der bekannten ausgesprochenen Kultursymbiose

mit den Blattläusen. Die Blattlaus erscheint selbst schon von Natur

als ein geborener Überschuß-Arbeiter. Sie überfrißt sich sozusagen an

Pflanzensäften auf der Suche nach dem geringen Eiweißgehalt darin und

wirft den Überschuß beständig hinterwärts in wahren Verdauungskaskaden

ab, die als süßer Honigtau von den am pflanzlichen Zellsaft mit ihren

Saugschnäbeln angeschlossenen Blattlauskolonien niederzugehen pflegen;

der Schreiber dieser Zeilen arbeitet zuzeiten nicht leicht in seinem

Garten, ohne daß ihm jedes Manuskriptblatt von diesem Segen klebte.

Diesen indirekten Pflanzenhonig machen sich nun die Ameisen nutzbar,

melken durch Betrillern die Läuse regelrecht (die bei manchen Arten

ihrerseits schon so symbiontisch angeschlossen sind, daß sie mit

der Entleerung zaudern, bis die nötige Ameise kommt), verteidigen,

versteht sich, auch ihr Vieh mit bekannter Ameisenbravour, pferchen

es gelegentlich in kunstvolle Schutzgewölbe aus Erde und regeln seine

Fortpflanzung, indem sie die Eier der Blattläuse einholen, im eigenen

Hause überwintern und zum Frühjahr gleichsam wieder aussäen, -- kurz

unzweideutige Haustierzucht! Weniger bekannt pflegt zu sein, daß auch

gewisse Zikaden (also nahe Verwandte der Blattläuse) der Gattung

~Tettigometra~ in ähnlicher Ameisenhut leben, die auf Getreidehalmen

über den Ameisennestern ihre Weide haben und zur Eiablage freiwillig

und ungestört ins Nest selber kommen, in dem dann ihre Larven nachher

die eigentlichen Zuckerlieferanten zu bilden scheinen. Und entsprechend

gedeihen die Räupchen unserer reizenden Bläulinge (Lyzäninen) unter den

Schmetterlingen in einer kulturellen Ameisengemeinschaft dergestalt,

daß die Ameisen die fressenden Raupen als Schutzgarde umschwärmen,

auch bei den ersten Anzeichen nahender Verpuppung in ihren Bau tragen

und sorgsam mit loser Erde umhüllen; nachher sollen sie sogar noch dem

Schmetterling beim Auskriechen behilflich sein; die Raupe aber lockt

und lohnt sie dafür mit besonderem Parfüm und einer feinen Leckerei,

die beim Betasten aus einem Rückenwärzchen quillt.

In diesem Bläulingsfall mischt sich allerdings gleich auch eine

Besonderheit ein, die bis heute noch wieder das Verständnis eines

großen, auch hier anschließenden Gebiets erschwert und in gewissem

Sinne nochmals einen Weg oder, wir sagen wohl besser, einen Abweg

dieser Symbiose angedeutet hat, ohne daß es doch auch dazu an

sehr bekannten, ja berüchtigten Menschenvergleichen fehlte. Reine

Zuckeraufnahmen haben bei Tier wie Mensch ja stets etwas, das so sachte

schon vom Nährmittel zum Genußmittel hinüberführt. Gehen wir aber vom

Honig zu Met oder der Süße zum Sekt, so sind wir beim Menschen inmitten

der reinen Luxusgenüsse. Bei diesen Lyzäninenraupen scheint es sich

nun auch bereits um solche für die Ameisen zu handeln, zur Gewißheit

aber wird das bei den Unmengen besonders kleiner Käferchen, die sowohl

in den Ameisen- wie den Termitenburgen dauernd und gewohnheitsmäßig

gehalten und dort von uns in der Regel auch als „Haustiere“ oder

doch als Gäste und Freunde (Myrmekophilen, Termitophilen) bezeichnet

werden. Am bekanntesten ist aus dieser bunten Gesellschaft unser

blindes, völlig auf Ameisenfütterung angewiesenes Keulenkäferchen

~Claviger~, etwa 2,5 Millimeter groß und systematisch nahe an die

Kurzflügler (Staphyliniden) anschließend, doch zählen die Vertreter

in Wahrheit nach vielen Hunderten, worunter sich bei den indischen

Termiten auch eine flugunfähige Fliege, die ~Termitoxenia~, mischt,

deren Flügel in bequeme Greifhenkel umgewandelt sind, an denen die

Stallbesitzer ihr Viehchen hin und her zerren können. Auch hier

bestehen alle äußern Anzeichen zunächst der Kultursymbiose: Füttern,

Schützen, Wohnunggeben, nachhaltigste Jungenpflege, auch sind die

„Gäste“, wie die beiden Beispiele schon zeigen, in denkbar weitestem

Maße an die Hut selber angepaßt oder, besser noch gesagt, ihr einseitig

ausgeliefert. Bei alledem steuern auch sie aber durchweg nur solche

Genußmittel bei und nicht solide Nahrung, Genußmittel „anscheinend

wohl narkotischer Natur“, wie sich ein neuester Schilderer (Werner)

ausdrückt, -- stellen also bildlich Kühe dar, aus denen Sekt gemolken

wird. Feine Haarpinsel und andere Begleiterscheinungen verraten

die Anwesenheit von Luxusextrakten, auf die hier gezüchtet ist,

aromatisch-narkotischen Essenzen, wobei wir uns erinnern, daß Tiere

allenthalben sich auch auf unsere menschlichen Alkoholika wie gewisses

Parfüm höchst erpicht zeigen und sich unheimliche Räusche antrinken

können, -- wie denn nach Oskar Hertwigs Angabe bereits die Eizellen

von Tieren künstlich in eine Rauschlähmung versetzt werden können und

dann die Sperrungen, die sonst der Überfruchtung (Aufnahme von mehr

als einem Samenfaden in das weibliche Ei) wehren, vernachlässigen.

(Lehrbuch der Entwicklungsgeschichte, 8. Aufl., S. 62.) Und solche

Luxussymbiose, wenn sie auch noch so sehr unter die einseitige

Kultursymbiose im ganzen fällt, wie diese unter die Symbiose überhaupt,

zeigt erklärlich auch hier ebensolche Gefahren für die herrschende

Partei selbst, wie sie bei uns jeder nicht vergeistigte, sondern

grob materielle Luxus ergibt. Es stellen sich in der Volkswirtschaft

auch dieser Insekten Schäden ein, wie wenn ein ganzes Land bloß noch

mit Burgunderreben überzogen würde unter völliger Vernachlässigung

von Korn und Kartoffeln, ja noch tiefer greifende persönliche. Wenn

die Ameisen solche Bläulingsraupen finden, lassen sie plötzlich ihre

Blattläuse im Stich. Die Sache wird aber ärger, wenn sich in der Rolle

solcher Sektgeber böse Räuber einschmuggeln (schon bei jenen Raupen

gibt es fleischfressende, ameisenfressende Arten) und um des Genusses

willen unmittelbar toleriert werden. Paussus, Lomechusa und andere

geradezu vergötterte Helden gewisser Ameisenstaaten, auch jene seltsame

Termitenfliege, sind ganz eigentlich solche Kannibalen, besonders

Fresser an armen Larvenkindern ihres Gastgebervolks. Es ist, als habe

die Symbiose ihnen den alten im Blute steckenden Räuber diesmal nicht

abzuerziehen brauchen, da das narkotische Genußgift die Symbionten

so pervers gemacht hatte, daß sie auf diesen schlimmsten Rückstand

diesmal gar kein Gewicht legten, vielmehr wohl selber eine wahrhaft

selbstmörderische Verkehrtauslese ins Werk setzten. Die fremden

Kinder des Erzräubers Lomechusa (eines Kurzflüglerkäfers) werden in

gewissen Ameisenvölkern derartig in der Pflege bevorzugt, daß die

eigene Ameisenbrut darüber entartet. Bei den Termiten ist der immerhin

schon normal bedenkliche Brauch eingerissen, im eigenen Volke die

nötige Königinnenpflege bei den Arbeitern nicht bloß an einen strengen

Pflichtinstinkt, sondern auch eine Luxuszugabe zu ketten: die Königin

läßt beständig von ihren Flanken eine Art narkotischen Saftes träufeln,

der wie in einer großen Staatskneipe von den Pflegern abgetrunken wird.

Daran aber hat sich nun wieder angeschlossen, daß sich hier öfter

solche fremden Räuber, die durch Fressen von Königinnenmast gleicher

Gabe teilhaftig geworden, im blinden Volk gradezu an Stelle solcher

Königin schmuggeln und entsprechend verhätschelt und beschützt werden,

obwohl sie zyklopengleich die wartende Schar fortgesetzt dezimieren.

Erklärlich, daß an solcher mörderischen Symbiose ganze Einzelstaaten

zugrunde gehen, ja auf die Dauer die Arten im ganzen sich wie mit einer

„sozialen Krankheit“, wie Doflein sich einmal ausgedrückt hat, behaftet

zeigen müssen. Unwillkürlich denkt man an unsere Südseeinsulaner, die

am Branntwein und gewissen Lasterkrankheiten absterben. Die gesunde

Kultursymbiose ist hier zur _Lastersymbiose_ geworden, ob nun Ameise

oder Mensch. Wobei noch an eine andere Gefahr dieser Kultursymbiose

erinnert sei, die man ebenfalls bei beiden studieren kann: wenn sich

nämlich die überlegene Partei schließlich so sehr von der andern

mästen und aushalten läßt, daß sie das eigene Arbeiten ganz abschafft

und verlernt, hoffnungslos faul und hilflos und so schließlich selber

wieder zum abhängigen Teil wird. Wir erleben das bei gewissen der

sogenannten Sklavenameisen (~Polyergus~, Amazonenameisen), wo die eine

Partei sich von ursprünglich andersartigen Ameisen füttern und bedienen

läßt, die sie zunächst (nicht symbiontisch) aus andern Ameisennestern

gewaltsam als Puppen geraubt hat, mit denen sie aber dann soweit ganz

gut symbiontisch weiterlebt, doch mit dem unsinnigen Extrem, daß sie

selber nicht mehr allein fressen kann, sondern verhungert, wenn ihr

die fremden Genossen nicht „einholen“ und die fertigen Bissen in den

Mund stecken. Den Schluß dieser neuen Form von Lastersymbiose stellen

vielleicht gewisse Ameisenpersonen aus im ganzen längst zerfallenen

eigenen Staaten dar, die sich heute als fette, hilflose Müßiggänger

einzeln in andern Nestern herumtreiben und dort wohl nur Unheil

anrichten, nachdem sie sich in ihrem Bettlerstande wahrscheinlich auch

auf perverse Gaukelkünste jener andern Art geworfen haben. Man sieht,

daß die einseitige Überlegenheit in den Schutzgenossenschaften in

dauernden und gesunden Traditionen immer nur normal bestehen bleiben

kann, wenn sie zuletzt auf einer Gehirnüberlegenheit und nicht auf

Genußlastern und Faulheit beruht!

Schutz- und Trutzbündnisse in der Natur · 第 6 / 7 段