Das Verblüffendste aber an dem Ganzen ist auch jetzt wieder das

Eindringen der Symbiose in die Fortpflanzung. Bei dem Süßwasserpolypen

ist sie in unzweideutiger Weise beobachtet worden, und sie geht

tatsächlich jetzt noch ein Stück über den Flechtenfall hinaus. Man

nennt diese symbiontisch grünfärbenden Tieralgen hier Zoochlorellen

(im Gegensatz zu den gelbfärbenden Zooxanthellen) und sieht nun

die Zoochlorellen im Mikroskop gewöhnlich in Massen der inneren

Hydrawand als kleine Grünkörnchen eingelagert. Sobald sich aber in dem

Außenteil der durch eine Stützlamelle wie durch eine verschlossene

Tür gesonderten Doppelwand des Polypen ein Ei dieses Polypen bildet,

durchbohrt ein Teil der Algenkörnchen die Tür und steigt drüben

_in das Ei selbst_ ein, dem so schon auf seine spätere befruchtete

Ablösung hin die nötige Dosis Algensaat für den aus ihm entstehenden

Neupolypen gleich mitgegeben wird, -- etwa wie wenn im Hühnerei bereits

ein Salatblatt mitginge, das dem werdenden Hühnchen dort sofort in

den Bauch mit einwüchse. Da die Süßwasserpolypen schon richtige

Geschlechtszeugung (neben Knospung) besitzen, also auch Mannessamen zu

ihren Eiern produzieren, wäre unschwer zu denken, daß auch in ihn die

Algen vorsorgend einkröchen, und wenn es nicht geschieht, so liegt es,

abgesehen von der Winzigkeit jetzt solcher Samenzellen, wohl wesentlich

an der Überflüssigkeit, da jede Samenzelle ja doch erst noch zu einer

Eizelle hinmuß; man könnte sich aber auch mit ebensolcher Leichtigkeit

nach Analogie anderer Romane des Liebeslebens vorstellen, daß, wenn

die Algen zu ihrer Fortexistenz geschlechtliche Zeugung nötig hätten,

auch das auf diesem Wege der Doppelbestiftung der zueinander eilenden

Samen- und Eizellen des Polypen mit Mannes- und Weibesalgen, deren Akt

mit jenem dort zusammenfiele, zu machen gewesen wäre. Das einfache

Einkriechen in die Eizelle kommt übrigens auch in Medusenpolypen im

Meer vor, während bei jenem Wurm Convoluta die ganz junge Larve zuerst

ihr Beetchen überpflanzt bekommt.

Wie vorher, so schließt sich auch um diese Tieralgen wieder ein

engerer Kreis verwandter Erscheinungen, an denen vor allem die weite

Verbreitung auch dieser Symbiosenform erhellt. Nimmt man statt

der Algen wieder echte Pilze oder gar bakterische Spaltpilze, so

leben sowohl Hefepilze wie echte Spaltpilze in vielen Insekten,

z. B. Hefepilze regelmäßig in den Zikaden und Wanzen. Auch sie

besetzen bereits das Ei des Insekts und hausen in der Larve wie dem

fertigen Tier, daß man unwillkürlich an jene schlimmen Schlupfwespen

erinnert wird, tun aber dem Wirt durchaus kein Leid, leben vielmehr

gewohnheitstreu in jedem Exemplar, zur Art dort mit besonders

angepaßter eigener Art gesellt: kurz auch hier kaum ein Zweifel, daß

man vor einer alt eingefahrenen Symbiose steht. Bakterien aber, der

Gabe teilhaftig, Pflanzenzellulose selber aufzulösen und in Nährstoffe

umzuwandeln, erfüllen in viel weiterem Maße die Vormägen und langen

Blinddärme pflanzenfressender Säugetiere, vor allem der Wiederkäuer, wo

auch sie ihrem Herbergsvater keineswegs bandwurmhaft fertige Nahrung

fortfressen, sondern grade umgekehrt die eigene vorverdauen, eine

Sache, die, erst neuerlich erkannt, abermals bereits der Symbiose

verdächtig ist, die in diesem Falle für zahllose große Säugetiere

mindestens so wichtig und unentbehrlich wäre wie die Mykorrhiza für

unsern Wald. Es ist sicherlich noch nicht aller Tage Abend mit den

Entdeckungen an dieser Ecke. Nimmt man den Algenkreis umgekehrt um ein

geringes höher, so ziehen sich Algenfäden vielfach durch Schwämme, z. B.

unsern Süßwasserschwamm, in einer Weise, die ganz und gar an das

symbiontische Gewebe in der Flechte, bloß hier nicht von Alge mit Pilz,

sondern mit echtem Tier auf nicht ganz Polypenhöhe, erinnert. Ganze

Algengarben tragen laut Kammerer auf ihrer Außenfläche nicht nur jene

schon einmal erwähnten Krebse, sondern besonders auch die räuberischen

Libellenlarven unsrer Binnengewässer mit sich herum, die, bei Häutungen

sorgsam gerettet, als »wandelnder Wald« beim Berücken armer Opfer

vermummen sollen, während der echte Pflanzengarten hier wieder den

Transportvorteil des Pflanzentiers im Polypenbeispiel genieße. Ja hoch

im brasilianischen Urwald trägt das Faultier, also ein Säugetier, vor

seinem Blätterdickicht ein solches grünes Mimikrykleid aus Algen (je

einer besonderen Trichophilus- und Cyanoderma-Art bei jeder seiner

beiden Gattungen), die sein struppiges, verkehrt gescheiteltes Haar

durchspinnen wie jene den Bauch des Hydrapolypen; nimmt man den

baumfrohen Gesellen aus der Heißfeuchte seines Tropenwaldes so stirbt

die Vegetation im Pelze ab, und er wird mißfarbig graubraun, in der

Heimat aber hat ihm die Alge über das symbiontische Schutzverhältnis

hinaus gar die Motten in den Pelz gezogen, den Faultierschmetterling

~Bradypodicola~, einen Zünsler, dessen Räupchen dort wieder selber

parasitisch die Algenwiese abweiden. Seit vielen Jahren hinter

Symbioseerscheinungen her, gestehe ich doch, daß mir grade dieses

Beispiel, als es mir zuerst in der Fachliteratur aufstieß, am meisten

Spaß gemacht hat, wie es denn in den äußern Umständen bis heute

vielleicht das paradoxeste von allen ist.

Mit den bisher geschilderten Erscheinungen ist der Kreis dessen

ungefähr abgeschritten, was man _enger_ Symbiose nennt. Ein paar

kleine Beispiele sind als unsicher oder unwesentlich übergangen, geben

jedenfalls nichts Änderndes mehr hinzu. Dagegen ist jetzt noch eine

Linie zu verfolgen, die, bei der ersten Begründung ebenfalls schon

eingeschlagen, doch unverkennbar eine Sonderrichtung bewahrt, wenn auch

eine für sich wieder ungemein lehrreiche, da sie unmittelbar auch zur

Anwendung des Prinzips auf den Menschen führt.

Ich habe erwähnt, daß die Teilnehmer einer solchen echten Symbiose eine

Neigung zeigen, wieder in Organe eines neuen Gesamtkörpers überzugehen,

und wir sahen das gesteigert bis zur systematischen Unkenntlichkeit, ja

zum Zusammenschluß der Fortpflanzung. Aber eben in dieser körperlichen

Organbildung selbst gewahren wir mit ansteigender Lebensentwicklung

eine bedeutsame Neuerung: über die andern Organe erhebt sich auf

der tierischen Seite noch einmal besonders das Gehirn, das den Rest

als überlegen meistert und lenkt, sei es schon mit Intelligenz,

sei es (entscheidend noch beim Tier unterhalb des Menschen) mit

verwickelten Instinkten. Auch dazu aber finden wir nun Analogie in

den symbiontischen Verhältnissen, ja sie tritt ein im unmittelbaren

Abglanz von dort. Höher entwickelte, weiter vorgeschrittene Lebewesen

verbinden sich mit niederen, und es kann nicht ausbleiben, daß auch

hier das höhere eine _überragende_ Stellung gewinnt. Sie bleiben zwar

friedlich, fallen nicht wieder in den rohen Zerstörungskampf, aber die

obere Partei greift selbsttätig bei der niederen ein, modelt sie am

lebendigen Leibe stärker für den Zweck, regelt ihre Überschüsse noch

erwünschter; die andere braucht dabei keineswegs schlecht zu fahren,

sie bleibt auch der ersten unersetzlich, aber die Balanze verschiebt

sich _geistig_ nach einer einseitigen Hauptleitung: das eine Wesen

wird tatsächlich zum Gehirn des andern. Schon in dem Polypenbeispiel

war der Polyp ersichtlich geringwertiger als Krebs oder Fisch.

Zuletzt aber haben wir die Pflanze, die Alge, im Tier getroffen, und

hier berühren sich unverkennbar bedeutendste Höhengegensätze. Aller

vollkommenen Gleichmacherei in der Natur tritt, wenn jetzt nicht der

Individualismus, so die Ungleichartigkeit der Stammbaumentwicklung

entgegen, die hier zurückbleiben ließ, dort gesteigert hat. Und

man versteht, daß sich das nur immer mehr verstärken mußte, je

entschiedener überlegene Tiere in den Bund eintraten, und daß hier

zuletzt eine Symbiosenform auftaucht, die innerlich noch wieder zu

etwas Drittem verschoben wird, das weder Kampf, noch reine Symbiose

ist, sondern vielleicht ein neues, dem geistigen Umgriffenwerden durch

die eine Partei entsprechendes Wort verdiente. Ohne zunächst auf die

Wortsuche zu gehen, betrachten wir auch hier ein paar Beispiele,

vielleicht daß sich das Wort dabei von selbst gibt.

Bei de Barys Symbiosenbegründung hatte, wie erzählt, die Entdeckung des

weiland Spandauer Rektors über die Blütenbefruchtung durch Insekten

sogleich eine Rolle gespielt. Sprengel hatte diese merkwürdige Hilfe

schon bei ungefähr 500 Pflanzarten nachweisen können, später leider

durch Amtsentsetzung (wegen einiger beim Botanisieren versäumten

Sonntagspredigten!) am Verfolg seiner Studien behindert, und die

Wahrheit war dann langsam, aber glänzend durchgedrungen, daß auch

hier ein entschiedenes Wechselverhältnis auf ~do ut des~ vorliege.

Die Blüte gibt freiwilligen Überschuß: eiweißhaltigen Pollen und

ein Kohlenhydrat (Honig) her, und die Fliege oder Biene oder der

Schmetterling übertragen bei Gelegenheit des Tischbesuchs, von

Blüte zu Blüte gleicher Art gehend, den Staub auf fremde Griffel zu

Kreuzbestäubung, die zur Verminderung der Inzucht im Liebesleben der

Pflanzen not tat; die Grunddinge stehen heute in jedem Schulbuch und

erübrigen sich für uns hier. Pflanze und Insekt leben, d. h. wohnen

allerdings hier in der Regel nicht beisammen, sondern das Insekt

besucht die Pflanze nur, aber das läuft für den Symbiosebegriff,

wie gesagt, doch nur auf einen Wortstreit. Geschichtlich können wir

diesmal den Finger fast noch genau auf den Zeitpunkt legen, in dem die

Verbindung begonnen haben muß: erst in der Kreidezeit waren die höheren

Blütenpflanzen (Gipfel des ganzen Pflanzenstammbaums) und höchsten

Insekten da, und zwar sind beide damals offensichtlich schon in

aufeinander gestimmter symbiontischer Doppelanpassung entstanden. Und

der Weg dazu ist auch noch recht deutlich. Im Mittelpunkt stand wieder

wie bei Krebs und Seerose das alte Bewegungsproblem. Die Landpflanze

auch in ihrer Höchstform wurzelte, das Insekt dagegen war (das Wie ist

in meinem Kosmosbändchen „Stammbaum der Insekten“ erzählt) als Flieger

ein erstklassiger Ortswechsler geworden. Die seßhafte Pflanze war,

um ihren Blütenstaub wenigstens fremd zu vertreiben, lange genötigt

gewesen, unermeßliche Pollenmassen zu verschwenden, die der Wind auf

gut Glück entführte, damit ein paar Stäubchen drüben landeten. Im

Grunde ja eine seltsame Sorte Überschuß, da jedes Pollenkörnchen doch

ein echtes Stück Leben, eine halbe Individualität darstellt, aber das

Liebesleben kennt in dem Punkt von je keine Rücksicht, man denke nur

an die wahnsinnige Verschwendung unsrer menschlichen Samenzellen,

deren 200 Millionen in jedem Erguß mitgehen. Da aber zeigte sich nun,

daß, wenn die Insekten ein Teil Pollen abfraßen und dabei die Blüten

wechselten, der Rest angeklebt an ihren Körper weit sicherer ans Ziel

kam. Und so wurde der Pollen unmittelbar in Insektenbrot verwandelt

und die Blüte in einen offenen Bäcker- oder Konditorladen mit allen

Lockmitteln des Gratisbetriebs, wobei immerhin ein großer Nebenversuch

fast gelang, wirklich doch auch das lebendige Pollenbrot, in dem immer

Leben zerstört wurde, durch reinen Abfallzucker (Honig) zu ersetzen.

Man kennt den Riesenapparat, den die Naturzüchtung hier an der

Pflanze herausgearbeitet hat: Pollenläden mit weithin leuchtenden

Farbenschildern (erst hier ist die Pracht unserer Blumenwiesen

entstanden, wieder ein riesiger landschaftsbildender Faktor aus Macht

der Symbiose!), weit offene Honigtöpfe, endlich kunstvoll langhalsige

Honigflaschen, wunderbarer Duft, besondere Wegzeichen (Saftmale)

wie eine Art Schrift, -- alles doch zugleich im Zweck des möglichst

ausgiebigen Bepulverns und Beklebens mit Mitnehmesamen; dieser

Samenstaub selber dem Insekt durch harmlose Schlagwerke und Explosionen

beim Betreten der Konditorei übergestreut, -- der Honig (wie bei den

Orchideen) in besondern Schränkchen mit einer Bank davor aufbewahrt --

nimmt das Insekt Platz und steckt das lüsterne Köpfchen in den Schrank,

so kleben sich ihm dort zwei Samenklumpen wie Hörner vor die Stirn,

die sich dann selbsttätig auf seinem Weiterflug so einkrümmen, daß

sie genau ins nächste Schränkchen mit eingehen und dort befruchten.

Die Kunststücke können noch viel weiter gehen bei weniger feinen

Insekten, es braucht auch kein uns angenehmer Duft dabei mitzuspielen:

im Aronstab (um nur noch ein Beispiel flüchtig zu streifen) stinkt die

Blüte nach Klosett, lockt grade damit Fliegen, die dann durch eigene

Heizung der Pflanze zunächst in die warme Backstube gelockt werden,

worauf sich aber hinter ihnen eine Fischreuse schließt und sie tagelang

bei Proviant eingesperrt hält, bis sie den Samen gründlich abgeladen

oder neuen angeschmiert bekommen haben, -- kleine Zwangslisten, die

doch das Einvernehmen nicht stören können. Demgegenüber nun das Insekt

mit seinen entsprechenden körperlichen Einbauten zum Proviantzweck:

ungeheure Saugrüssel der Schmetterlinge, je enger der Honigkelch,

desto länger, bis 25 ~cm~ einer Madagaskarart, zu der man erst den

Orchideensporn so tief fand, bis man dann richtig auch den Heber

entdeckte; bei den Honigbienen besondere Kröpfe für den Honig, Körbe

(Höschen) für den hier obenein gewährten Pollenüberschuß, die diesmal

nicht bloß dem Eigenkonsum dienen, sondern an deren ins Nest getragenen

Vorrat das Insekt hier seine eigene Jugendpflege angeschlossen hat,

wie dort die Pflanze an den Insektenvertrieb ihre Fortpflanzung. Wobei

noch bemerkt sei, was vielleicht nicht jeder kennt, daß nicht bloß

Insekten so wirken, sondern auch Vögel (Kolibris und Nektarinien),

denen die Pflanzen ebenso buntfarbige Signallaternen und Sitzbänke

(z. B. bei den Strelitzien) aufstecken, sowie Fledermäuse und selbst

ein durch Honigsaugen fast zahnlos gewordenes australisches Beuteltier

(~Tarsipes~). Im ganzen jedenfalls die wunderbarste Nutzung wieder

auf Gegenseitigkeit mit der Pracht ineinandergreifender Glieder einer

Präzisionsmaschine, woran auch hier kleine Begleitzüge nichts ändern;

der Kampf geht ja als Naturunterströmung immer mit: die friedliche

Blütenfalle des Aronstabes wird nebenan im Blatt der insektenfressenden

Pflanze zur scheußlichsten Zyklopenhöhle, und wo auch die Blüte das

Insekt, wenn es rein räuberisch auftritt, nicht „will“, sperrt sie auch

ihm den Weg mit den wildesten Stacheldrähten und Leimtöpfen; aber gegen

solchen Kontrast hebt sich nur erst recht auch hier die Symbiose ins

Licht.

Inzwischen scheint aber, wenn irgendwo, auch der Fall einseitiger

geistiger Überlegenheit jetzt gegeben. Die Pflanze ist zwar die

höchste ihres Reichs, aber daneben steht das Tier auf der Stufe,

wenn nicht gar des Vogels oder Säugetiers, so doch des begabtesten

Insekts, wie es etwa durch das Gehirn einer Honigbienen-Arbeiterin

gekennzeichnet ist. Das Gehirn solcher Biene, entsprechend dem

Nervenbau hier als obere Schlundmarkverdickung ausgebildet, wiegt

1/174 des Gesamtkörpers im Gegensatz von nur 1/3500 beim Maikäfer:

was besagt, daß noch der Maikäfer „ein absolut kleineres Gehirn hat

als die 40mal kleinere Biene“ (Hesse). Man hat daraus mit vielleicht

nicht allzuviel Übertreibung gefolgert, daß schon unter den Insekten

selbst hier Geistesgegensätze bestehen müßten, wie zwischen Frosch und

Mensch, wobei man (was für unsern Zweck hier, wie gesagt, genügt) noch

immer nicht in die Trennungsfrage von freier Intelligenz und vererbten

Gehirntrieben einzugehen braucht, um doch die ungeheure Überlegenheit

des blütenbesuchenden Insekts gegen die Blüte zu ahnen. Nun wird man

allerdings zunächst etwas enttäuscht. So wundervoll die körperlichen

Anpassungen der beiden Parteien sind (bei der Pflanze eigentlich noch

besser als beim Tier), so ist doch von jeher aufgefallen, daß gerade

eine entscheidende Hauptsache, wie die Befruchtung der Pflanze, selbst

durchaus _nicht_ in den unmittelbaren Gehirninstinkt des Insekts

aufgenommen ist. Das Insekt besucht von sich aus die Blume lediglich

zum Nahrungszweck, die Bestäubung bleibt _ihm_ aber Zufallssache.

Drastisch gesagt: es wischt sich beim Futterholen immer wieder etwas

Schmutz an den Rockärmel und schmiert ihn drüben ebenso achtlos wieder

ab, -- anstatt daß auch diese ihm zuletzt im Erfolg so hochwichtige

Sache von seinem _eigenen_ Instinkt mit umfaßt werde; denn wenn die

Befruchtung sich nicht vollzöge, gingen seine Nährlieferanten, wie die

Dinge heute stehen, ja doch herunter oder ein, während umgekehrt, wenn

das Insekt auch diese Sache in seine unzweideutigen Instinkte aufnähme

und ohne Zufall mit der ganzen Sicherheit solchen Instinkts selbständig

vollzöge, der Mehrvorteil ein außerordentlicher sein könnte. Das Insekt

hätte die Fortpflanzung der Pflanze damit selber in der Hand. Noch in

weit engerem als bloß bildlichem Sinne hinge die Pflanze von ihm fortan

als einem kundigen Gärtner ab. Es könnte ihre Existenz zweckgerecht

stärken unter Ausschaltung jeden Zufalls. Unwillkürlich träumt man,

was für einen Aufschwung die Insektenblüten unter dieser Regelung

noch genommen haben könnten, -- wenn die Propagation der Art an eine

_Pflicht_ des Insektengehirns angeschlossen würde. Man fühlt aber auch,

was dieser Anschluß im Sinne jener einseitigen Überlegenheit bedeutet

hätte: die Pflanze kam aus der Zucht des Zufalls einseitig in die des

Insektengehirns. Nun, eben in der erdrückenden Masse der Fälle ist es

aber hier noch nicht so geworden. Die Dinge müssen sich ungefähr auch

so durchgesetzt haben, und die Natur scheint einmal wieder den Weg des

kleinsten Kraftmaßes gegangen zu sein (soviel wir uns unter diesem Wort

vorstellen können): nämlich nicht mehr zuzulegen, als unbedingt nötig

war.

Ganz genau besehen, gewahren wir indessen in einem höchst bedeutsamen

Einzelfall auch hier schon wenigstens einen Ansatz. Seit einer Reihe

von Jahren weiß man, daß es _ein_ Beispiel gibt, wo vom Insekt die

Blütenbefruchtung mit voller Instinktabsicht tatsächlich bereits

vollzogen wird, -- nämlich bei der amerikanischen Yukkamotte,

der ~Pronuba yuccasella~, einem kleinen, metallisch glänzenden

Nachtschmetterling in den prachtvollen großen, nur nachts geöffneten

und dann weithin im Mondlicht lockenden weißen Glocken der

Yukkapflanze. Diese Yukkamotte, an sich ein so unscheinbares Kerlchen

wie andere, erklettert die Staubgefäße der Yukka und bemächtigt sich

dort mit Hilfe ihrer eigens dazu umgestalteten, griffartig klemmenden

Kiefertaster eines Ballens Blütenstaub, den sie nun weder frißt, noch

als Proviant fortschafft, sondern im Fluge zu einer zweiten Blüte

hinüberträgt und dort genau in die Griffelnarbe stopft, solchermaßen

unter völliger Zufallsausschaltung ihre Pflanze jedesmal zielgerecht

fremdbestäubend. Der Fall steht, wie gesagt, ungefähr einzig da,

beweist aber unzweideutig, daß die Sache auch so bereits nicht nur

möglich, sondern vereinzelt sogar schon realisiert war. Die Yukkamotte

leistet tatsächlich ihrer Pflanze, was beispielsweise menschliche

Kunstgärtnerei des Orients in uralter, bis ans Grau vorgeschichtlicher

Tage sich verlierender Überlieferung mit der Dattelpalme macht, wo auch

herausgenommene und zerschnittene reife Pollenkolben künstlich in die

lebendigen weiblichen Blütenscheiden gestopft werden.

Nun ist aber wieder bedeutsam, daß gerade bei dieser Yukkamotte die

Symbiose selbst sich auf ihren ursprünglichen Sinn zugleich wieder

verengt hatte, nämlich vom losen Blütenbesuch durch das Insekt erneut

zur wirklichen zeitweisen Wohngemeinschaft zwischen Tier und Pflanze

übergegangen war. Auch die Biene, die doch Wohl und Wehe ihrer Brut an

Brot und Honigbelag ihrer Blüten angeschlossen hat, hat diese Brut

anderswo und holt nur drüben für sie ein; die Yukkamotte dagegen legt

dieses Heim ihrer Brut unmittelbar wieder in den Fruchtknoten der Yukka

selbst, den sie (sehr sinnreich hat hier auch der Schmetterling einen

Legestachel wie eine Schlupfwespe) mit ihren Eiern bestiftet und in dem

die kleinen Raupen auskriechen und bis zu ihrer Verpuppung gefüttert

werden, ohne daß erneut etwa hier Raupenparasitismus umgekehrter Art

entstände: die Pflanze opfert vielmehr, wie der Biene Pollen, so hier

der stets beschränkten Zahl Räupchen einen kleinen Überschuß ihrer

Samenkörner (von 100 vorhandenen jedem Räupchen etwa 20), was sie um

so leichter kann, als sie ihrer Befruchtung hier ja noch weit übers

Gewöhnliche hinaus gewiß sein darf. Wer Anstoß daran nimmt, daß doch

auch solches Samenkorn schon vollwichtiges Neu-Leben darstellt, also

die Pflanze eigentlich auch schon ein ~ver sacrum~ im antiken Sinne,

ein Stück Weihefrühling ihres Geschlechts, daran gibt, der muß sich

eben auch hier mit den „Ausnahmen“ des Liebeslebens abfinden, das

z. B. am Eierstock jedes Menschenweibes 72000 Eier anlegt, von denen

höchstens doch ein paar reifen können, der Rest aber auch vergeht.

Jedenfalls bekommt man aber den Eindruck, daß das Insekt zur ganzen

Entfaltung seiner _überragenden_ Instinkte erst kam, als es auch wieder

in irgendeine Art näheren Hausanschlusses mit der Pflanze getreten war,

-- wie doch auch wir Menschen uns geschichtlich erst ganz intim mit

einer Pflanze befaßt haben vom Augenblick an, da wir sie gewissermaßen

in unsern Hausgarten aufnahmen. Sobald aber wieder möglich wurde,

daß die Pflanze auch die Kinderstube oder (der Schritt ist ja sehr

klein) überhaupt das eigene Wohnhaus des Insekts wurde (wie nahe läge

z. B., daß jene zeitweisen Gefangenen des Aronstabes nach Fall der

Liebesgatter auch weiter die behagliche Pflanzenstube als Quartier

benutzten!), mußten sich zunächst noch wieder anschließende ältere

Symbiosenvorteile einseitig betätigen: das wehrhafte Insekt mochte sein

Haus, die Pflanze, verteidigen. Dieser Weg ist für sich auch zwischen

höherer Pflanze und Insekt nun wieder reichlich beschritten worden,

wenn wir von der Befruchtungssymbiose selbst zunächst noch einmal mehr

oder minder absehen wollen.

Schutz- und Trutzbündnisse in der Natur · 第 5 / 7 段