allgegenwärtigen Symbiosefalls war aber kaum erfolgt, als sich an
sie eine noch viel umfassendere Entdeckung anschließen sollte. Alge
wie Pilz sind an sich Niederformen der Pflanzenreihe, wie sie trotz
ihrer Allverbreitung doch auch in unserm Wald- und Gebirgsbilde
gleichsam nur eine Deckfarbe bilden. Da aber traten mit Mitte der 80er
Jahre abermals deutsche Botaniker (zuerst Frank, nachher auch wieder
besonders Stahl) mit der überraschenden Erklärung hervor, daß auch
der ganze obere Grundstamm unseres heimischen Vegetationsbildes, der
Wald mit all seinen Eichen, Buchen, Birken, Kiefern, Tannen, Fichten
und seinem ganzen Strauchwerk an Preiseln, Ginster und so fort bis in
den unendlichen Teppich der Heidekräuter hinaus und im Hochgebirge bis
in den obersten Ring der Alpenrosen hinauf nichts anderes darstelle
als eine einzige unfaßbar ungeheure Symbiose mit einer dämonisch
unsichtbaren Unterweltsmacht. Das wunderbare Problem der „Mykorrhiza“
war es, das hier aufdämmerte.
Der Ausdruck, von Frank eingeführt, bedeutet griechisch Pilzwurzel.
Das Entscheidende liegt aber auch hier wieder in der symbiontischen
Doppelbeziehung Pilz und Wurzel. Bei all diesen landschaftsbestimmenden
Holzgewächsen unserer Forste und Heiden treffen die unterirdisch
wühlenden feinen Saugwurzeln in der Heide- und Dammerde auf
allenthalben dort wucherndes und aus Sporenkeimen immer wieder
reichlich nacherzeugtes Tiefengeflecht (sogenanntes Myzel) von Pilzen.
Dabei umspinnt dieses Pilzmyzel aber die Wurzeln mehr oder minder
dicht, dringt bisweilen bis ins Innere selbst vor oder umkleidet sie
doch mit einem so vollkommenen Mantel, daß sie selber, von Wasser
und Mineralsalzen abgeschnitten, elend mit ihrem ganzen aufruhenden
Walde und Heidekraut vergehen müßten, wenn nicht eben wundersamerweise
die Pilze selber einträten, von sich aus den Boden weithin in der
findigsten Weise bearbeiteten, durchstöberten, auslaugten und
kanalisierten und das Ergebnis ihrer eigenen Bergmannsarbeit den
fremden Wurzeln ausgiebig zuführten. Auf den ersten Anblick könnte
man versucht sein, hier bloß einen Glückszufall der Natur zu sehen:
genötigt, in den allenthalben dick infizierten Pilzboden zu gehen und
dem Umsponnenwerden hilflos preisgegeben wie eine Fliege im Netz, kämen
die Wurzeln durch irgendeine Durchlässigkeit der strotzenden Pilzfäden
grade noch mit einem blauen Auge davon. Die Sache liegt aber auch
diesmal entschieden tiefer und läuft auf die kolossalste Symbiose der
Natur hinaus. Alle jene Wurzeln verkümmern heute ohne Pilz. Deswegen
kann man Eriken, Azaleen, junge Tannen und Lärchen, wie jedem Gärtner
bekannt, nicht in reiner Gartenerde, die keine Wald- oder Heidepilze
enthält, ziehen. Der Pilz ersetzt offenbar der Wurzel nicht bloß, was
er ihr nimmt, sondern er hat von je selbständig zugegeben und die
Pflanze hat sich gewöhnt, ihn als unentbehrlich zu betrachten. Der
einleuchtendsten Erklärung nach handelt es sich bei all diesen Bäumen
und Sträuchern um von Natur mäßige Wassersauger, die aus eigener Kraft
auf schlechtem Boden oder bei starker Konkurrenz stets versagt hätten,
der Pilz aber pumpt ihnen erst die volle Bodennutzung zu. Erst durch
ihn, den geschickten Gnomen der Tiefe, ballt sich der schöne Wald
da oben auf, prangt die Heide in ihrem Purpur, wirft sich die Matte
in Alpenrosenglut. Warum aber leistet er der fremden Wurzel, die in
gewissem Sinn auch seine Konkurrentin ist, diesen Dienst? Nun eben,
weil auch hier Symbiose mit Gegengeschenk wirkt, eine ganz ähnliche wie
in der Flechte, -- ob nun dort nur ein paar grüne Algenzellen auf dem
Pilz ruhen oder hier ein ganzer tausendjähriger Eichbaum: der Pilz kann
selber aus den Elementarstoffen wieder keine Nährsubstanz kochen, denn
ihm fehlt das grüne Pflanzenblatt oben im Licht. Baum und Heidekraut
aber vermögen es, und was sie oben so fabriziert, dessen strömt der
Überschuß jetzt unten aus der Wurzel wieder dem offen angeschlossenen
Pilz selber zu. Und so waltet auch hier der große Vertrag: er reichert
die Küche von unten an und teilt dafür den fertigen Mittagstisch.
Wenige, die durch den würzigen Buchen- und Tannenduft wandern, mögen
ahnen, was für dunkle Wege die Natur erst hat abschreiten müssen,
um diesen lichten Naturzauber zu ermöglichen. Man denke sich aber
Wald und Heide auch nur aus unserm deutschen Heimatbild fort und man
begreift, daß Symbiose kein verlorener Einzelfall und auch nicht
bloß eine Gebietserweiterung ist: sie ist eine Grunderscheinung des
irdischen Lebens, an seinem Kern und Herzen allerorten in Kraft. Wobei
es einen hübschen Einklang noch geben mag, daß man Mykorrhizabildung
(die grade auch unserm lebenden Bärlapp nicht fremd ist) bereits an
den urweltlichen Wäldern der Steinkohlenzeit nachgewiesen haben will.
Während man zugleich auch hier wieder im Sinne des oben angeschlagenen
Gedankens den Pilz ahnt, der sich aus seinem Tartarus erneut zum
Licht gefunden; diesmal hat er es, ohne den Tiefengrund selber zu
verlassen, aber gerade so doch erst in der allerwirksamsten Weise, die
uns statt des Bildes vom verlorenen Sohn fast den Satz wagen läßt,
daß durch seine Existenz das Pflanzenwesen als Ganzes gleichsam in
zwei vollkommene Anpassungsformen auseinandergespalten sei: die eine
nach oben für das Licht und die andere ebenso denkbar gut für die
Unterwelt -- und daß die Symbiose das dann wieder zu einem ergänzenden
Überorganismus zusammengeschmiedet hat, mit Meile um Meile Wald und
Heide als Lichtorgan und entsprechend mitlaufendem Pilzgeflecht als der
wahren Wurzel dazu.
Hinsichtlich der Fortpflanzung ergreift die Mykorrhiza zwar sogleich
die ersten Seitenwürzelchen des höheren Pflanzenkeims, geht aber im
Walde für gewöhnlich noch nicht an den Samen selbst, ein so enger
Anschluß war hier wohl nicht nötig, da ja jeder Waldhumus von Pilzen
ohnehin wimmelt und auf die engere Art diesmal noch weniger anzukommen
scheint; immerhin bemerkt man z. B. bei den auch hier anschließenden
Orchideen bereits eine Pilzinfizierung des Samenkorns im Boden als
notwendige Voraussetzung, wenn es überhaupt keimen soll, der Weg
lag also auch klar offen. Auf der andern Seite kommen natürlich bei
so riesiger Ausdehnung dieser Symbiose (sie macht auch mit unserer
gemäßigten Zone nicht halt) auch wieder kleine Schwankungen vor, wo
das durchweg friedliche Verhältnis einmal etwas stärker von seiten der
Wurzel oder des Pilzes in ausbeutenden Übergriff umschlägt: man muß
eben immer bedenken, daß der Frieden dem Kampf ursprünglich abgelistet
war und den alten Pferdefuß noch nicht völlig verleugnet. Auch bestehen
über die Einzelheiten, was besonders der Pilz der Wurzel an Stoffen
liefert, noch mancherlei Meinungsverschiedenheiten der Forscher, aus
denen sich doch, soviel ich sehe, die hier vorgetragene Form als die
allgemeinste ergibt, ohne daß es für unsern Zweck hier eines engern
Eingehens auf diese mehr pflanzenphysiologische Seite der Sache
bedürfte. Aber im ganzen ragt auch hier das Beispiel, das an Größe
nicht mehr zu überbieten ist. Und ihm schließt sich sofort noch ein
zweites an, das, nicht ebenso universal für den Naturhaushalt, doch im
Menschenhaushalt Epoche gemacht hat, seit man auch seinen Berg mit dem
Sesam der Symbiose zu öffnen verstand.
Die vollkommene Pflanze braucht zu ihrer Lebensküche außer der
Luftkohlensäure und anderem stets auch Stickstoff als Material. Aber
obwohl sie im ungeheuren Stickstoffmeer unsrer Luft beständig schwimmt,
kann sie doch dieser Luft selber keinen Stickstoff zur Eiweißbereitung
entnehmen, muß ihn vielmehr mit der Wurzel aus den gelösten Salzen des
Bodens ziehen. Rätselvoll ist diese Lücke ihres Haushalts, auf einen
Urzusammenhang im Baum des Lebens schauen wir hier, den unser Blick
heute nicht durchdringt. Auf ihm aber beruht umgekehrt wieder unsere
menschliche Kunst des Düngens. Auf Boden, arm oder schon ausgelaugt an
jenen Salzen, fügen wir (nach dieser Seite dem ursprünglichen Baume
des Lebens immer mehr überlegen) künstlich neuen Stickstoffgehalt zu
und mehren so selbsttätig der auch uns wertvollen Pflanze Kraft. Aber
eben in diesen Dingen zeigte sich seit alters auch ein neues Geheimnis.
Gewisse Pflanzen (Leguminosen) kamen auch mit stickstoffärmstem Boden
aus, und dennoch speicherten sie in sich fortwachsend Stickstoff an.
Wenn man sie grün wieder einpflügte, war der vorher sterile Boden von
ihnen selbst wie gedüngt. Hier beruhte die Bedeutung der Lupine, die
den schlechtesten Boden für Korn reif machte, wenn man sie vorher
pflanzte und dann eindüngte. Konnte diese Lupine also doch auch
Luftstickstoff verwerten? Nein, keine grüne Pflanze kann’s, und des
Rätsels Lösung bleibt abermals eine wundervolle Symbiose. Es gibt auch
in solchem schlechten Acker gewisse winzige Wesen, zu den Bakterien
gehörig. Meist nennt man solche Bakterien Spaltpilze, aber eigentlich
stehen sie noch ihr Stück auch unter dem echten Pilz als ganz einfache
Urwesen. Schon von solchem echten Pilz selbst ist nun gelegentlich
bei der Mykorrhizafrage vermutet worden, er sei ein heimlicher
Luftstickstoff-Fänger in seinem Tartarus, doch bleibt das einstweilen
problematisch. Die hier gemeinten Bakterien, noch ein Stück elementarer
als er, können aber wirklich, was die Pflanze auch als Leguminose nicht
vermag: sie können bei bestimmter eigener Kraftfütterung aus der auch
da unten noch verbreiteten Erdluft wirklich unmittelbar Stickstoff
umsetzen. Und solche Stickstoffbakterien sind nun abermals mit den
Wurzeln jener Leguminosen in Symbiose getreten in einer etwas zum Zweck
abgeänderten Mykorrhizaform, indem sie kolonienweise dort eindringen,
die Wurzeln ähnlich den bekannten, die Blätter oben anstechenden
Gallwespen zu kleinen knöllchenartigen Wucherungen bringen (Abb. 13),
in denen sie sich nun häuslich einrichten, Wohnung und Wochenstube
finden und einen höchst erstaunlichen Kost- und Fabrikbetrieb mit der
Pflanze eingehen. Die grüne Pflanze kocht ihnen, was sie bei all ihrer
noch weiteren Alchymistenkunst doch auch nicht können, Lebenssuppe
und leitet sie ihnen von oben zu. Sie aber gewinnen eben davon in
ihren Nestchen jenes Mehr an Energie, um nun Luftstickstoffabriken
herzustellen, die sie wieder der Pflanze nutzbar machen. So kann die
Pflanze wunderbar gedeihen wie im nicht endenden Mistbeet, und wenn sie
selber in den Grund von uns eingebuttert wird, versteht man, daß sie
den Boden neu aufbessern muß, als sei sie selber ein konzentrierter
Stickstoffdünger: daher das Wunder der Lupine.
[Illustration: Abb. 13. Wurzel der Saubohne mit Bakterienknöllchen ~K~.]
Auch in diesem Fall ist unsere Weisheit jung, so gut auch schon die
Antike die Praxis der Lupine kannte, kaum daß auch sie über das Ende
der 80er Jahre zurückgeht; und auch hier laufen noch die Theorien mit
manchem Wenn und Aber, auch sollen wieder kleine parasitische Züge,
vielleicht doch nur unnormal, nebenher eingehen. Umgekehrt wächst aber
der anfangs kleine Umkreis auch dieser Dinge schon ersichtlich weiter,
schon kennt man von unsern Erlen ähnliche Stickstoffsammelknöllchen,
und wer weiß, wie sich die echte Mykorrhiza gar noch mit diesen
Bakterienfabriken eines Tages kombiniert erweisen könnte, -- so reißt
die symbiontische Betrachtung jedenfalls auch hier wieder etwas wie ein
Tor auf, indem sie zugleich ein uraltes Saisbild der Landwirtschaft
entschleiert und damit dem Menschen als dem großen entscheidenden
Landwirt im Naturhaushalt dieser Erde bedeutsam wird. Hat man doch
neuerdings mit einigem Erfolg sogar schon versucht, die Leguminosen
künstlich noch wieder aufzubessern, indem man ihren Boden mit in
Reinkultur gezüchteten Stickstoffbakterien impfte: wieder ein Übergang
zu neuer Dreisymbiose, wo der Mensch zu Pflanze und Spaltpilz tritt
oder in dem Lupinenfall gar einer vierfachen, in der erst das spätere
Korn dem Menschen wieder den Einsatz zurückbringt. Worein sich freilich
hier schon eine Leitkraft seitens des überlegensten Wesens mischt, die
wir erst gleich näher zu beachten haben werden.
Inzwischen ist bei den letzten Beispielen zunächst noch
charakteristisch und neu, daß die echte grüne Pflanze darin
vergesellschaftet erscheint mit solchen Grenzwesen, wie Pilzen oder
gar Spaltpilzen, die selber (sei es nachträglich oder ursprünglich)
ganz unpflanzliche, im echten Pilzfall der Haupternährung nach gradezu
eher tierische Natur besitzen. Kein großer Schritt also von hier zur
Möglichkeit einer Symbiose unmittelbar zwischen Pflanze und Tier.
Es war nun wieder in den 50er und im Anfang der 60er Jahre des
19. Jahrhunderts, daß eine überaus merkwürdige Gruppe kleiner
meerbewohnender Tierchen in der Zoologie Aufsehen zu machen begann:
die seither vielbesagten sogenannten Strahltierchen oder Radiolarien.
Der alte treffliche Berliner Infusorienforscher Ehrenberg hatte
aus den Abgründen der Tiefsee dort im Schlamm gelagerte, gradezu
künstlerisch schöne Kieselskelette beschrieben, und Huxley, Johannes
Müller und Haeckel hatten die zugehörigen, durchweg mikroskopisch
winzigen Geschöpfchen selbst gefunden. Nun tobte aber Streit, wo diese
niedlichen Radiolarien im System hingehörten. Ehrenberg hielt sie für
hochentwickelte Stachelhäuter, Verwandte also jener Seegurken, die
ihren verwickelten Bau bloß in liliputanischer Winzigkeit verstecken
sollten. Huxley dagegen nahm sie als primitive einzellige Urtierchen
vom Schlage der Rhizopoden oder Wurzelfüßer. Dem glaubte aber ihr
erster Monograph großen Stils, der junge Haeckel, widersprechen zu
müssen, indem er zwar nicht die urtümliche Rhizopodennatur im ganzen,
wohl aber den Aufbau aus nur _einer_ Zelle bestritt, da sich doch an
eine Hauptzelle in deren äußerem Gallertmantel durchweg noch eine
Anzahl anderer anschlössen. Die Grundfrage schien damit geklärt,
und die Radiolarien paradierten zunächst nur durch ihre besagte
kristallhaft regelmäßige Gestalt, zu der allmählich die großen
Tiefsee-Expeditionen Tausende von immer prächtigeren Varianten liefern
sollten. Da aber brachte 1871 der russische Botaniker Cienkowski auch
jene anatomische Sache neu in Fluß durch die überraschende Behauptung,
jedes Radiolar sei dennoch nur ein Tier aus einer einzigen Zelle,
denn jene gelben Zusatzzellen in ihm seien in Wahrheit einzellige
Algen, also Pflänzchen, die nur als fremde Eindringlinge in dem
tierischen Radiolar lebten, gleichsam die beiden großen Naturreiche
lebendig vermischend auf denkbar engstem Raum; denn solches Radiolar
maß durchweg nur einen Millimeterbruchteil, während oft mehrere
hundert solcher strittigen Zellen in seinem Leibe eingeschachtelt
steckten. Die Behauptung machte als überkühn zunächst lachen, erwies
sich dann aber besonders durch Brandts Bemühungen als wahr. Es gibt
ja schließlich chemische Feinmethoden, eine Pflanzenzelle von einer
Tierzelle in ihrer Lebensäußerung zu unterscheiden. Nicht nur, daß
sie meist einen Mantel von Zellulose, also pflanzlichem Holzstoff,
führt (solche Zellulose können sehr ausnahmsweise auch einmal Tiere
wie die bekannten, den Wirbeltieren nahen Manteltiere, die Aszidien
und Verwandten, entwickeln), sondern sie scheidet vor allem als Regel
wenigstens im Tageslicht bei ihrer Arbeit Sauerstoff aus als Abfall
ihrer Kohlenstoffabrik, während die Tierzelle atmend fortwährend nur
Kohlensäure haucht, und diesen „Schornstein“ ihres gegensätzlichen
Maschinenbetriebes behaupten solche Liliputer auch mitten im engsten
Ineinanderstecken, wenn man die Dinge nachprüfend auf die Goldwage
legt. Kaum aber war diese eigenartige und in ihrer Weise epochemachende
Entdeckung getan, so schloß sich auch an sie bereits wieder eine
umfassendere an.
Jene besagte merkwürdige Elementarküche der echten Pflanzen vom
winzigsten einzelligen Algenpflänzchen bis zu einem ganzen grünen Walde
zeigt sich bekanntlich geknüpft an jenen erwähnten Stoff, den man
Chlorophyll nennt und der sich äußerlich bei den Pflanzenblättern durch
die auffällig grüne Farbe auszuzeichnen pflegt; sie ist hier wirklich
mehr oder minder die Farbe des typischen chemischen Pflanzenkochtopfs,
wobei wir die bis heute noch ungelösten Geheimnisse dieses Chlorophylls
als eine rein pflanzenphysiologische Frage wieder beiseite lassen
können. Genug, man kannte aber schon längst da doch auch einzelne
Tiere, die ebenfalls unverkennbar intensiv pflanzengrün waren und diese
Blattfarbe allem Anschein nach wirklich auch solcher Chlorophylleinlage
in ihrem Tierleibe verdankten, -- so war, wenn auch nicht unser rein
farblich grüner Laubfrosch, doch unser ebenfalls sehr allbekannter
kleiner grüner Süßwasserpolyp, die ~Hydra viridis~ (ein auch sonst
von je die Beobachtung durch sein enormes Wiederherstellungsvermögen
beim Zerschneiden, sowie als unmittelbarer Seerosen-Vetter unserer
Binnenwasser fesselnder kleiner Kerl), ein sinnfälligstes Beispiel
dieser Art. Bisher hatte man sich damit abgefunden, daß hier also auch
ein Tier gelegentlich Chlorophyll erzeugen könnte, -- seltsam nur, daß
diese so ganz unsäglich wichtige Gabe, die solchem Tier ja zugleich
alle Urkraft der Pflanze verlieh (mit solcher Kraft würden wir Menschen
heute von Luft und mineralhaltigem Wasser leben können, eine hübsche
Lösung der sozialen Frage!), so launisch bloß über ein paar Arten (eine
zweite Art z. B. schon dieser Hydra besaß sie nicht) verteilt sein
sollte. Hier aber fiel es nun beim Aufrollen der Radiolariensache auf
einmal wie Schuppen von den Augen: ob nicht alle diese vermeintlichen
„Chlorophylltiere“ tatsächlich auch auf solche mit einem Tier lebend
kombinierten Pflanzeneinlagen hinauslaufen könnten? Die grüne Farbe
brauchte dabei, nebenher bemerkt, nicht allein ausschlaggebend zu sein,
denn jene Radiolarienalgen waren selber gelb, und das Chlorophyll kann
an und für sich auch eine etwas andere Färbung gelegentlich annehmen,
ohne zu verlieren, was es ist.
Und wirklich gelang es gleich den Brüdern Oskar und Richard
Hertwig 1879, einen solchen Fall teils gelber, teils grüner
Chlorophylleinschlüsse in der Darmschicht jetzt einmal wieder
unserer mehrerwähnten guten Seerosen mit Glück aufs Korn zu nehmen,
-- wobei sich klipp und klar herausstellte, daß auch hier tief
in den Bauchzellen des Seerosentiers eine ganze dicke Vegetation
bestand, ein wahrer kleiner unterirdischer und nur im Farbton
grünlich oder braungelb durchscheinender Wald von echten Algen, die
alle ihre Schornsteine mitten im Tierhaushalt ruhig nach Weise ihrer
Pflanzenfabrik weiter rauchen ließen. Brandt konnte (nachdem hier schon
der ungarische Zoolog Géza Entz sogar vor den Hertwigs erfolgreich
vorgearbeitet hatte) bereits 1881 das gleiche vom Hydrapolypen
nachweisen, der selber eben auch nur so salatgrün war, weil auch in
ihm, etwas bildlich gesprochen, wirklich Salat in ganzen Feldern
grünte. Und in der Folge ist dann diese innere Salatversetzung noch
bei den verschiedensten Grüntieren festgestellt worden: von selbst
noch radiolarienhaft einzelligen grünen Amöben bis zu den schönsten
Polypen der Korallenbänke und wieder dem Strudelwurm Convoluta, bei
dem die Pflänzchen sogar ohne Zellulosemäntelchen unmittelbar nackt in
den tierischen Nacktzellen der Haut zu stecken scheinen. Von gewissen
grünen Seerosen hat Weismann erzählt, daß er sie gelegentlich an der
Küste von Korsika gradezu für eine Seegraswiese gehalten habe, so
täuschend hatten sie sich mit ihren eigenen Salatbeeten maskiert. Oskar
Hertwig in seinem berühmten Symbiosenvortrag von 1883 aber gab nun
auch diesem Komplex unwahrscheinlicher und doch wahrer Erscheinungen
wieder die Tiefe, indem er sie als einen weiteren Fall seiner
Symbiose selbst proklamierte. Die grünen Schmuggelpflänzchen lebten
mit den betreffenden Tieren abermals im Schutz- und Trutzbündnis auf
Gegenseitigkeit. Sie wurden von dem Tier, auch wo sie, wie bei der
Hydra und den Seerosen, in den hier innerlich verdauenden Magenzellen
saßen, selber nie oder doch in der Regel nicht (Hungersnöte sollen
einzelne Ausnahmen schaffen) mitverdaut im Sinne wirklich verschluckten
Salats, fanden vielmehr hier das üppigste Treibhaus, ja vielleicht
eine Art Mistbeet. Ihre pflanzliche Küche, die tagsüber Sauerstoff
rauchte (nachts wirft die jetzt rein atmende, nicht kochende Pflanze
auch Kohlensäure aus wie das Tier selbst), paffte diesen Sauerstoff als
erquickende Atemluft unmittelbar in das umschließende Tierhaus hinein,
dieses Tier aber, aus dem immer nur Kohlensäure raucht, warf wieder
solche als vorzüglichen Brennruß ständig in die kleinen Pflanzenküchen
zurück. Auf engstem Raum konzentriert wirksam erwies sich hier etwas,
das eigentlich schon im ganzen freien Tier- und Pflanzenleben auf
Erden eine gewisse an Symbiose immerhin anklingende Rolle spielt.
Ich habe oben einmal gesagt, das Tier sei im großen Freßkampf eine
Art urbestimmten Schmarotzers an der Pflanze gewesen. Das ist vom
echten Magenfreßkampf aus auch richtig, trifft aber doch nicht so die
merkwürdige ständige Luftausgleichung der beiden, die ebenso von je
etwas friedlich Ergänzendes besessen hat: wenn nämlich die kochenden
grünen Pflanzen eben immerzu auch im Ganzen Sauerstoff rauchen, der
von den atmenden Tieren gebraucht wird, und die Tiere dafür die dort
erwünschte Koch-Kohlensäure. Nennen könnte man auch das schon eine
große Ursymbiose der ganzen beiden Reiche, doch müßte man dann auch den
ganzen Kreislauf des Stoffs heranziehen: wie das Leben der Pflanze am
eigenen und des Tieres Abfall und Tod, an Verwesung, Fäulnisbakterien,
Neubefreiung von Nährsalzen hängt und das Tier wieder daran durch die
Pflanze, -- womit aber der echte Symbiosebegriff sich ins Uferlose
des ganzen physiologischen Lebensprozesses verflüchtigte, so daß man
das im engeren Zweck des einheitlichen Bildes lieber wieder liegen
läßt. Jedenfalls aber mußte bei solchem engsten Zusammendrängen von
ganzen Gewächshäusern in Tierleibern auch dieser Gasaustausch eine
nicht unwesentliche Rolle des ~do ut des~ spielen. Darüber hinaus ist
dann, wenn nicht ganz einstimmig, so doch seither immer entschiedener,
behauptet worden, daß Alge und Tier sich auch noch gegenseitig im
Freßsinne richtig fütterten. Die Alge soll der Seerose Überschüsse an
Zucker und Stärke abgeben, wie sie ihre Küche schafft, und dafür von
drüben allerlei Abhub, auf dem sie gleichsam wie im Mistbeet sitzt,
erhalten, -- und gewiß ist, daß die Alge unter dem tierischen Glasdach
Schutz hat, zumal wenn wieder ein Polyp (auch die kleine Hydra ist
darin ein richtiger) sein Brennschwert besser als Vogelscheuchen und
Stacheldraht über ihren Beeten schwingt. Bei den Einzelheiten muß die
Debatte da naturgemäß wieder auseinandergehen, ist es doch nicht immer
ganz leicht, auch mit den feinsten Experimenten so etwas zu erweisen
(z. B. also, ob ein Hydrapolyp ohne Algen etwas an Kost vermißt), wenn
die Ernährungstheorie solcher Wassertiere im ganzen noch so schwankt;
nach einer viel besprochenen Theorie Pütters enthält jedes beliebige
Teich- und Ozeanwasser nämlich allgemein schon so viel abgelösten
Pflanzenzucker, daß seine Tiere sämtlich nahezu davon allein leben
könnten, eine Ansicht, die allerdings wieder von andern heftig befehdet
wird, aber doch zur ernsten Debatte steht. Und auf alle Fälle hat
das Tier mit dem grünen Salat im Leibe, der durchschimmernd seine
eigene Farbe bestimmt, auch noch einen eigenen äußeren Deckvorteil: es
verschwimmt im Pflanzenwald da unten selber wie ein grünes Kräutlein
nach dem Prinzip der Mimikry.