Riffkoralle (~Madrepora~). Sie hält in jeder Schere eine kleine
Seerose, die sie mit ihren Nesselbatterien als wirksamer
Verteidigungswaffe Feinden entgegenstreckt. Vergr. Unter Benutzung
einer Skizze nach Borradaile in Hesse-Doflein, Tierbau und Tierleben,
Bd. ~II~.]
Eine neue Variante trifft dann eine Eigenschaft der Polypenpartei,
die wir in dem Grundbeispiel bisher übergangen hatten, weil sie dort
nebensächlich war: aufsitzende Blume oder hängendes Gärtchen geben dem
Krebs auch darin Schutz, daß sie ihn unkenntlich, nämlich mit seinem
ganzen Hause einem harmlosen Pflanzengebild wirklich gleich machen.
Daß der Krebs auch darauf spekuliert, merkt man, wenn man Krabben, die
keine Rosen tragen, sich doch künstlich drapieren, Algenpflänzchen
pflücken, sich aufpflanzen und an den feinen Angelhäkchen des Rückens
befestigen sieht, bis auch das echte Gärtchen da oben weiterwächst, --
wobei sogar gelegentlich sehr sinnreich auf rotem Grunde rote Algen
gewählt werden und auf grünem grüne. Auch das aber konnte für sich
Anlaß zu Teil-Symbiosen werden: nicht nur Schnecken leben ähnlich
mit Rasen bildenden Moostierchen (Bryozoen, Kolonien wurmähnlicher
Geschöpfchen), die zugleich maskieren und die Schalen gegen Stöße
verdicken helfen, sondern gewisse Bernhardiner verbinden sich statt mit
Polypen gewohnheitsmäßig mit derben roten Korkschwämmen so (auch der
Schwamm ist in diesem Falle ein niedriges Tier), die ihnen ebenfalls
allmählich das Schneckenhaus auflösen und mit ihrer ekeln Knolle
ersetzen und, wenn sie schon nicht nesseln können, doch den Insassen
mit einem für alle andern Tiere widerwärtigen Unflat decken; ganz
glatt scheint übrigens diese Symbiose noch nicht zu klappen, denn der
rote Schwamm mauert in blödem Wachstum gelegentlich den Krebs wie eine
gefallene Vestalin lebendig ein.
Um so schönere Parallelfälle bieten sich dafür wieder, wo die
Polypenbatterien als solche sich auch mit andern Genossen als grade
Krebsen verbinden. Da sieht man kleine Polypenkolonien (~Hebella~),
die sich, efeugleich rankend, an größere heranwinden, der Zwerg
noch von den Kanonen des Riesen profitierend und wohl auch als
Spatz im Hühnertrog pickend. Oder es spielt solcher Wurm, wie
wir ihn gelegentlich beim Krebs als Unterpartner fanden, für die
Polypenbatterie selber gleichsam den Krebs: Röhrenwürmer, wie die
Schraubensabelle (~Spirographis spallanzani~), nehmen sie auf ihren
Lederschlauch, der zwar diesmal auch angeheftet sitzt, aus dem heraus
aber der entfaltete ungeheure Kiemenkranz des Wurms einen solchen
Maëlstrom zum Anstrudeln rettungslos mitgerissener Schlachtopfer
erzeugt, daß beide Parteien auf die Kosten kommen, während die Batterie
gegen größere Seeungeheuer zugleich den Wurm frei schießt, wie dort
den Krebs. Doch auch solcher Ganzwurm (~Aspidosiphon~, aus der etwas
entfernteren, wieder frei beweglichen Sipunkulidengruppe) kann sich
selber einsiedlerhaft in ein Schneckenhaus einquartieren, das er
nun genau wie der Bernhardskrebs schleppt und ebenso gern von einer
Polypenkolonie bereiten läßt, die darauf blitzt und auf die Dauer auch
hier ein eigenes, für ihn noch wohnlicheres Blitzhaus an Stelle der
ursprünglichen Schneckenhülle durch Zersetzung und Nachfundamentierung
baut. Ein besseres äußerliches Parallelbeispiel zu dem Krebsfall selbst
kann es nicht leicht geben.
Erscheint aber darin der Wurm immerhin als ein niedrigerer
Gesellschafter als der Krebs, dem man kaum so vollendete innere
Instinkte zuschreiben würde, wie jenem, so springt gerade in dieser
Linie auch ein noch viel höheres Tier gelegentlich ein: nämlich
als Partner der Brennbatterie ein Fisch. Richard Semon beobachtete
auf der Sundainsel Amboina einmal eine große Qualle aus der
Gruppe der Rhizostomiden, die seinen Fangversuchen stets mit der
ganzen Geschicklichkeit solchen Fischs und nicht der gewöhnlichen
Hilflosigkeit dieser Schwimmblumen auszuweichen verstand. Es stellte
sich heraus, daß die Qualle in der Tat mit einem kleinen Fisch (~Caranx
auratus~, einer Makrelengattung) in Symbiose stand, der, im Innern
verborgen, ihrer durchsichtigen Glasglocke wie ein kluger Kapitän durch
geschickte Steuerstöße Richtung gab, während sie ihn mit dem unnahbaren
Brunhildfeuer, das auch solche Qualle umloht, verteidigte. Ähnlich
fahren (Schwimmer diesmal im Schwimmer) ganze Geschwader zierlicher
Meeräschen (Hirtenfischchen, ~Nomeus~) regelmäßig in jenen furchtbaren
großen Staatsquallen der Physalia, ballonhaft am Meeresspiegel
dahinschwebenden Polypengärten mit ähnlicher Arbeitsteilung des
Geschwisterhaushalts wie bei jenen hängenden Semiramisgärten der
Podocoryne, deren Brennstrahlen, wie gesagt, ein Mensch erliegen kann.
Und wieder noch andere Fischarten wohnen und schwimmen aus und ein in
den tropischen Korallenparadiesen mit ihrer bunten Blütenpracht oder
auch unmittelbar den großen Einzelrosen selber, wie sie der Krebs
sucht. Sie schleppen ihre Beute zu dem lebenden Haus und halten Tafel
dort, wobei beim Herumschlucken und Mundgerechtmachen mancher Bissen
auch auf die Rose abfallen mag. Der Fisch scheut sich hier durchaus
nicht, in seine Rose selbst einzusteigen, wie drüben der Krebs in sein
leeres Schneckenhaus: er hält sein Schläfchen in der geschlossenen,
spaziert in ihrem Magen herum und reinigt wohl auch die nicht eben
glücklich hier angelegte, oben im Munde selbst wieder zurückmündende
Kloakeneinrichtung der Partnerin. Mit Staunen sieht man solchen Fisch
(~Anthias dofleini~) auf Dofleins Bild aus dem japanischen Meer sogar
täuschend genau die gelbe und rote Livree seiner Korallenpolypen
tragen, so daß er daran hinschwebend selber nur wie ein abgelöstes
Stückchen Korallengrund erscheint. Immer aber auch hier scheint die
Macht der Symbiose die ganze schaurige Waberlohe der Polypenburg wie
mit einem Gegenzauber eingeschläfert zu haben: auch der Fisch schreitet
wie der Siegfried der Sage gefeit durch alle Flammen.
Man hat allerdings in diesem Falle noch eine Sondertheorie
dazu aufgestellt. Es gibt eine Anzahl räuberischer Fische, die
gewohnheitsmäßig Quallen verzehren, z. B. der direkt danach benannte
Quallenfresser ~Schedophilus medusophagus~. Dazu müssen nun auch sie
bis in den Schlund hinunter brennfest sein, ohne daß eine hemmende
Ausschaltung von seiten der Qualle selbst in Frage kommen würde. Man
nimmt also an, daß es sich hier um eine mitten im Kampf erworbene
Giftfestigkeit des Fischs handle, wie wir sie ähnlich beim Igel gegen
Schlangengift oder bei unsern Raupen des kleinen Fuchses vor der
mühelos verdauten Brennessel finden. Der Fisch hat davon im eigenen
Verteidigungskampf noch den Nutzen, daß das aufgenommene Fremdgift
sein persönliches Fleisch ungenießbar, ja gefährlich und von anderen
Tierinstinkten gemieden macht, -- was wieder an den geradezu glänzenden
Schachzug gewisser Schnecken, der Aeolidier, erinnert, die, ebenfalls
so brennfest, Polypen fressen, durch den sinnreichsten Innenmechanismus
aber nicht explodiert verschluckte Kapseln der Polypen in ihre
eigenen äußeren Hautanhängsel wandern lassen, wo sie nun explodieren,
wenn ein Fremdangreifer die Schnecke beim Fell packt. Aus solcher
Brennfestigkeit, von den Ahnen im Kampf erworben, soll nun auch bei
den heutigen symbiontischen Fischen ihre Siegfriedkraft, bloß jetzt
friedlich gewendet, übrig geblieben sein, und das würde also einen
besondern Polypeninstinkt (oder was man sich darunter denken will) auch
hier ganz überflüssig machen. Da man indessen bei der Krebssymbiose
keinesfalls ohne solchen auskommt (der Polyp _versucht_ ja dort
überhaupt nicht zu brennen), sehe ich keinen strengen Grund, ihn nicht
auch hier mitspielen zu lassen statt der immer etwas künstlichen
Ahnenerklärung, -- zumal man grade Fische in jenen Tropenmeeren auch in
einer friedlichen Symbiose mit großen, beim Angriff wehrhaft ihre (auch
oft vergifteten) Stacheln aufsperrenden Seeigeln findet, wo doch von
einem früheren Verzehren solcher harten Seeigeldolche keine Rede sein
kann.
Ein anderes, etwas strittiges symbiontisches Geheimnis liegt
dagegen immer noch über dem schon seit Jahrhunderten solcher
Dinge verdächtigen, äußerlich aalartigen Fierasfer-Fischchen in
Seegurken. Die Seegurken sind träge, wurstförmige Gesellen aus der
(nicht polypischen) Verwandtschaft jener Seesterne selbst. In ihre
Hinteröffnung schlüpfen nun die schlanken Fischlein ein und stellen
sich mit geschmeidiger Drehung kerzengerade wieder rückwärts um, den
Leib in kiemenhaften Darmanhängen des grotesken Wirtes geborgen,
die freche Schnauze aber am Hintertor, wo sie dann bissig die Gurke
verteidigen soll, während sie selber von durch die ganze Gurke
gestrudelten Krebschen profitiert. Es bleibt indessen bis heute unklar,
ob die Gurke wirklich von ihnen beschirmt wird, und ob sie nicht
(was bei einer Art bereits feststeht) Selbstfresser an ihr sind nach
Art der Wespenkinder in der Unglücksraupe. Nesseln kann die Gurke
übrigens nicht, wohl aber erlaubt sie sich bei allzu großer Belästigung
gelegentlich sozusagen im ganzen zu explodieren, indem sie den eigenen
Eingeweidebestand ausspuckt, wobei dann allerdings auch die Unruhgäste
~nolens volens~ herausfliegen.
Inzwischen, so sieht man, erweitert dieser Kreis von
Parallelbeispielen, sosehr er auch die symbiontische Sitte schon in
dieser Tierschicht nicht als ganz vereinzelte Ausnahme, sondern bereits
als etwas ziemlich weit Verbreitetes dartut und lehrreiche Details
einflicht, doch das Grundbeispiel prinzipiell noch nicht, wie er auch
noch keinen im ganzen harmonischeren, darüber hinaus vervollkommneten
Fall geben kann. Um dahin zu kommen, müssen wir vielmehr erst wieder
eine kleine Phantasieerweiterung uns gewissermaßen nachschaffend
ausdenken.
Solcher Polyp und Krebs sind gewiß himmelweit voneinander geschiedene
Tiertypen. Gleichwohl macht ihre Symbiose aus ihnen schon einen
gewissen neuen Einheitskörper. Die Genossen im Spiel bekommen etwas
von Organen: der Krebs als Bewegungs- und Kauorgan, die Rose als
Brennorgan. Jedes engste Zusammenhalten führt wieder zu solcher
Organähnlichkeit: man kennt das alte Gleichnis des Menenius Agrippa
von den Organen am Menschenleibe, die sich gegenseitig helfen mußten,
statt verderblichen Zwists; die Lunge hilft den Muskeln, der Darm
der Lunge, die Leber dem Darm und so weiter. Das ist bei ein und
demselben Wesen der gleichen Art. Aber wo immer „Hilfe“ auftaucht,
da muß sich ein Entsprechendes durchsetzen. In der Polypenkolonie
werden die Einzelindividuen erneut zu einer Form von Organen im
Geschwisterverband, wie soll’s nicht auch auf Polyp und Krebs zuletzt
treffen. Und man könnte sich nun denken, daß das auch hier noch viel
weiter ginge. Jene Aeolidier-Schnecken, die den Rosen so sinnreich
ihre Kapseln abnehmen, um sie bei sich selbst abzubrennen, geben einen
Anhalt, was da auch friedlich noch an unentwirrbarer Durchdringung
möglich wäre. Bei den Krebsen gibt es (allerdings hier auch noch auf
der Kampfseite) einen Schmarotzer, den Wurzelkrebs, der sich Krabben
unter den Leib beißt und ihren ganzen Körper bis in die feinsten
Verzweigungen mit einem eigenen Wurzelgeflecht durchspinnt. So könnte
am Ende der Polyp sich mit seinem Zellgewebe in den Krebs verzetteln,
der Krebs aber sozusagen im Polypen ausfließen, bis der Zoologe vor dem
Rätsel stände, wo ihm das eine Tier anfinge und das andere aufhörte.
In jenen gleichen Seegurken wohnt auch (zwar wieder feindlich) eine
parasitische Muschel, die ~Entoconcha~ mit dem Beiwort der ~mirabilis~,
der wunderbaren, die so eng dort gleichsam innerlich eingeschraubt ist,
daß noch ein Anatom solchen Ranges wie unser Johannes Müller sich einst
verblüffen ließ, sie sei wirklich nur ein Stück Gurkenleib, das dann
die unmöglichsten Allotria trieb, bis zu einem Wirrsal, das Müller,
man kann wohl sagen, damals geradezu den Verstand gekostet hat. Dieser
Knoten wickelte sich allerdings auseinander, als man die gesonderte
Fortpflanzung entscheiden ließ, die aus der Gurke wieder Gurken, aus
der Schachtelmuschel Muscheln ergab. Aber wenn nun auch da die Symbiose
einen letzten Trumpf spielte?
Unsere symbiontischen Bernhardiner erzeugen aus ihren Eiern ebenfalls
brav Jungkrebse und die Polypen Schwimmjunge oder doch abgelöste
Geschlechtsquallen, aus denen wieder Polypensaat hervorgeht. Aber
weshalb sollte die fortschreitende Symbiose nicht zustande bringen, was
eigentlich bereits in den Abenteuern des Bitterlings nahe lag: daß das
Polypenjunge sich etwa schon an das Jungkrebschen klammerte, um gleich
zur Stelle zu sein, wie Swinegel im Märchen, der „auch schon da“ war;
oder daß gar die Eier der beiden in Konnex träten? Auf diesem Wege
würde die neue Einheit sich selbst in der Fortpflanzung zu schließen
beginnen! Mag das in unserm Beispiel einstweilen bloß Phantasie sein,
die wie mit einem Nebelbilderapparat das alte Bild zu einem neuen,
noch kühneren verschwimmen läßt: wir stehen in Wahrheit damit nur
bei der _wirklichen_ Fortsetzung, die einst bei jener Begründung
des Symbiosebegriffs durch de Bary geradezu bereits die _erste_
geschichtliche Voraussetzung gebildet hatte. Wir berühren nämlich das
große Grundbeispiel der Symbiose aus der Pflanzenwelt: die Flechte.
Jeder kennt sie. In der Granitregion unseres Riesengebirges ist
der Wanderer stundenlang schon mit ihr allein, wie sie als gelbe
Krustenflechte den Stein bemalt; hier erscheint sie wirklich wie
eine Urform des Lebens, die zuerst den ungefügen Fels benagt und
anschmilzt, letzter Grundtyp aller Urbarmachung dieser Erde. Als
grauer Rübezahlbart hängt sie dann von den Wetterfichten, sie färbt,
wie den nackten Stein, so auch die trockenste Baumrinde, kriecht in
scheinbarem Blatt- und Strauchwerk oder verkrumpelten Gallerthäufchen
am Boden dahin; sie nährt als Renntierflechte in letzter dürrer
Wiese noch das Polartier und macht damit seine Breite auch dem
Menschen noch bewohnbar. Kaum ein Naturgebild von den kleinen der
Erdlandschaft, das sich so fest, so allgegenwärtig uns von früh an
einprägte. Hören wir aber (im engen Anschluß zunächst an de Barys
erste Darlegung selbst), als was sich dem Botaniker solche Flechte
entpuppen mußte. Von den mehrtausend Arten der Flechten, Lichenen,
wie das botanische Fremdwort sagt, lernte man lange in der Schule,
daß sie eine besondere Kryptogamengruppe bildeten, die mit den Pilzen
in der Fortpflanzung übereinstimmte, aber etwas besäße, das sonst den
Pilzen absolut fremd ist. Der Pilz wird zwar zu den Pflanzen gezählt,
hat aber kein Chlorophyll, also nicht den bekannten wunderbaren
„Kochtopf“ der grünen Pflanze, mit dem sie im Licht aus anorganischem
Stoff Lebenssubstanz kocht; er kann nur wie das Tier von schon
vorgebildeter Substanz solcher Art leben, die er für gewöhnlich am
Lebendigen und Toten zweiter Hand schmarotzernd sich verschaffen muß.
In diesen Flechtenpilzen aber lagen außerdem stets chlorophyllführende
Zellmassen, die jene Kunst besaßen und übten. Man fand im
Flechtenkörper, dem „Thallus“, wie man das nennt, stets zunächst
verflochtene Zellreihen (Fäden, Hyphen), die Sporenfrüchte mit
keimfähigen Sporen nach Pilzart trugen. Das waren offenbar echte Pilze,
der bei uns gangbaren Form nach Schlauchpilze, also vom Morchel- oder
Trüffelstamm. Aber was bedeuteten die chlorophyllhaltigen lebendigen
Einlagen? Man nannte sie hergebracht die „Gonidien“ der Flechte, nahm
sie aber als Organe des Pilzes, die in diesem Falle grünen Algen
ähnelten (Abb. 12). „Flechte“ war also ein algennaher, mit einer Art
Metamorphose seines Wachstums in Algentyp übergehender Pilz, bei dem
die Gonidien anscheinend als kleine Zweiglein aus den Pilzfäden selber
hervorwuchsen. Doch schien die Fortpflanzung dunkel zu bleiben, die
aus isolierten Sporen nur reine, stets rasch vergängliche Pilze ergab,
während in andern Fällen die Gonidien wie durch Hexerei hineingezaubert
schienen. So sprach „auf Grund dieser und ähnlicher Bedenken“ de Bary
1866 aus, wenigstens _einige_ Flechten möchten aus einer Vereinigung
eines jedesmal bestimmten Pilzes mit einer echten Alge hervorgehen.
Und das dehnte dann Schwendener, nachdem man die Gonidien allenthalben
mit auch selbständig vorkommenden Algen zu identifizieren begonnen,
auf sämtliche Flechten aus und entwickelte es zur festen Theorie,
worauf es Reeß und dem hochverdienten Stahl gelang, durch Vereinigung
solcher bestimmten, selbständig wachsenden Algen mit den geeigneten
Pilzen einen Flechtenthallus absichtlich zustande zu bringen, also die
Probe auf das Exempel zu geben. De Bary aber begründete, wie erzählt,
mit dem ganzen enträtselten Sachverhalt die umfassende neue Lehre von
der Macht der Symbiose, die hier einen chlorophyllosen Pilz mit einer
chlorophyllführenden Alge buchstäblich bis zur äußeren Unkenntlichkeit
zu einer neuen Genossenschaftseinheit verschweiße. Denn daß auch hier
eine gegenseitige Hilfe in glücklichstem Ausgleich vorliege, wurde
schon de Bary selbst als eigentlichste Erklärung wahrscheinlich, und
die Folge hat es auch nur bis zum äußersten bestätigen können.
[Illustration: Abb. 12. stark vergrößerter Querschnitt durch einen
Flechtenkörper mit den in dem Pilzgeflecht eingelagerten zahlreichen
kugeligen Algen.]
Die in den Pilz mehr oder minder wie eine oberflächliche Stickerei
eingewebte grüne Alge kocht in ihrer Chlorophyllküche mit Lichtheizung
nicht nur Lebensnahrung für sich, sondern sie erzeugt auch in der Fülle
der Kraft Überschuß genug, den hungrigen Pilz mitzunähren, friedlich,
ganz im Sinne des früher Gesagten, ohne daß er selber an ihr fressen
muß. Der Pilz aber, der gewissermaßen hier die Alge als Kochtopf auf
seinen Händen sich vorhält, wie oben die kleine Korallenriffkrabbe
ihren Seerosen-Revolver, tut ihr dafür den Gegendienst des umsichtigen
Gärtners, der sein Bäumchen hegt, daß es für ihn fruchte, -- selbst
kann er nicht an seine innere Kraft, wie ein Glückswunder auch für sich
muß er sie hinnehmen, wohl aber darf er der Wurzel den besten Stand
geben, den Boden düngen und wässern, damit die Frucht so reichlich
werde, daß er selber ohne Schaden der Pflanze davon mitleben kann;
so saugt auch der Pilz der Flechte Wasser samt den darin enthaltenen
Mineralsalzen und leitet sie der Küche als Betriebsstoff zu, er
kondensiert das Wölkchen noch am unfruchtbarsten Fels und Holz, und
er gräbt selbst im härtesten Granit mit eigener ätzender Säure immer
wieder ein Töpfchen gleichsam aus, in dem das Ganze zwischen Himmel
und Abgrund haften mag. Daß solche genossenschaftliche Fabrik, wo die
eine Partei, noch an den nacktesten Prometheusfelsen gekettet, aus
Licht und Luft süße Speise zu bereiten versteht und die andere dafür
alle grobe Handlangerarbeit versieht, noch ausdauern kann, wo sonst
Alge wie Pilz allein, ja jegliches bekannte Leben erlahmen müßte,
begreift man, -- bewundernd aber sieht man dabei auf die Symbiose hier
als eine Mehrerin nicht bloß des Einzelraumes einer Art, sondern des
ganzen Lebens auf Erden, während man zugleich auch an eine gewisse
geschichtliche Verkettung denkt, die wohl gerade in dieser Pilzsymbiose
stecken könnte. Denn der Pilz, heute von der eigenen elementaren
Bereitung des pflanzlichen Lebensbrotes abgeschnitten, ist, so darf
man vermuten, selber doch wohl ursprünglich nur ein verlorener Sohn
der Pflanzenwelt gewesen, ein abgelenkter Zweig etwa der Algen selber,
der diese Gabe nachträglich verloren hatte, weil er sich gewöhnt, in
der lichtfernen Bodentiefe dem Abhub des Lebenstisches der andern bei
Tod und Verwesung nachzugehen. Aus dieser Tiefe ist er aber dann
doch wieder vielfältig als ein schlimmer Fresser und Parasit auch am
wirklich Lebendigen erstanden. Bis in solcher Symbiosenform abermals
eine Art neuen Ausgleichs auch für ihn eintrat, bei dem er friedlich
von oben das verlorene Brot wiederbekam, dafür aber jetzt seine als
Bergmann und Schatzspürer in der Tiefe erworbene Kraft in den Dienst
dessen stellte, der ihm dieses Brot gab, -- womit auf weitem Umweg der
Natur etwas geschaffen war, das auch im ganzen da oben im Licht eine
glückliche Neuerung und Erweiterung darstellte.
Nun aber sollte es noch etwas sein, auf das ebenfalls bereits de Bary
selbst hinweisen konnte. Grüne Einzelalgen sitzen auch auf dem Lande
schon in Menge an Bäumen und Felsen allein, brauchen nicht allzuviel
Feuchte und fliegen in ihrem eingetrockneten und abgeblätterten
Zellenmaterial weit mit dem Winde umher. Ebenso aber fliegen Pilzsporen
herum, der alte Kerner hat seinerzeit unübertrefflich geschildert, wie
man beider Schwärmerei sozusagen an aufgestellten Leimruten nachweisen
kann, -- einfach, daß sie also gelegentlich sich immer wieder auch
einten und die Flechte erzeugten, wobei gewisse Pilzarten (wie gesagt,
bei uns regelmäßig nur Schlauchpilze, in den Tropen aber wohl auch
einmal ein Ständerpilz von der entfernten Champignonverwandtschaft)
nur recht gediehen, wenn sie mit gewissen schon in altem Erbe
prädisponierten Algen so zusammenträfen, während die Algen sich
wahlloser gäben, aber in bestimmten Arten schließlich doch auch des
Pilzes nicht mehr ganz entbehren möchten. Wo solches zusammenbestimmte
Flechtenvolk von heute dann bereits in Kolonien beisammen sitzt, da
wird ja durch Abstäuben grade dieser Pilzsporen und Abschilfern dieser
Algenzellchen auch der engere Bund immer wieder erleichtert werden.
Und doch ist auch das noch nicht das Ganze. Grade der letzteren Hilfe
hat sich erst das vollkommenste Symbiosenwunder diesmal angeschlossen.
Wo Alge und Pilz sich glücklich in bestimmter Art zusammengefunden
haben, wo sie in der Reife der Kraft lange schon genossenschaftlich
gewirtschaftet haben: da endlich gelingt es ihnen, _ihre Fortpflanzung
wirklich zusammenzulegen_. Sie bringen sogenannte Soredien hervor.
Soredon bedeutet im Griechischen etwas Gehäuftes. Nicht das einfache
Häufchen ist aber hier das Bezeichnende, sondern entsprechend der
Symbiose das Zusammengehäufte, aus zwei Parteien zu gemeinsamem Zweck
Ineinandergehäufte. Aus der Oberfläche der Flechte erwachsen, oft
in besonderen Gärtchen, winzige Körperchen, ebenso lösbar und vom
Winde verführbar wie der gewöhnliche Pilzstaub oder Algenschorf.
Aber diese Soredien sind diesmal nicht bloß Pilz oder Alge. Sie
sind schon saatreife junge Neuflechten: Genossenschaftsableger. In
jedem sitzt eine gewisse kleine Zellprobe Alge, umsponnen von einem
Fadenteil Pilz. Die Flechte, zum Zweiseelenwesen geworden, entsendet
ein siamesisches Zwillingspaar. Zwar ist’s auch in der geschicktesten
Variante noch keine eigentliche Ei-Verschmelzung, sondern hat stets
mehr vom doppelten Ablegerzwilling, aber wer will auf dieser Stufe des
Liebeslebens das noch so scharf trennen! Grundlegend ist vom Wesen
aller Fortpflanzung aus jedenfalls, daß auch hier schon der _Zufall_
der nachträglichen Begegnung _ausgeschaltet_ wird: die Soredien
_müssen_ wieder neue Flechten der betreffenden Art erzeugen, wie nur
irgend eine Froschart Frösche, eine Käferart Käfer ihrer Art erzeugt.
Und so wäre auch unser kühnstes Phantasiebild hier erfüllt...