Auch auf solchen Fremdschalen mit Krebsinvasion aber siedelten sich

Polypen und Polypenkolonien an. Und da sieht man denn auf den ersten

Blick: das mußte doch noch wieder bedeutsam Neues hinzubringen. Der

Krebs läuft trotz und mit der Huckepackschale immer noch gar viel

behender als der Schneck, muß also seine blinden Passagiere, die er

mit der Fremdkutsche übernommen, noch ganz anders zu ihrem Gewinn

herumschütteln. Aber solcher Krebs ist auch, abgesehen vom Laufen,

ein ganz anders unruhiger Geselle, immerzu strudelt er mit Beinen

und Kiefern im Grundmoder herum, wühlt alle Sorten Stoff durch und

durch, wirft herauf und auseinander, und als noch wilderer Räuber lebt

er sozusagen auf Schritt und Tritt im Schlachthause, packt, zerbeißt

und hackt, was er nur kriegen kann, daß die Abfallfetzen nur so

fliegen. Hat das Polypenvolk also gelegentlich schon von der Schnecke

nicht bloß als Kutsche zum Wirtshaus profitiert, sondern unmittelbar

etwas Kriegskost mit abbekommen, so muß sich das hier gradezu zum

Hauptnutzen steigern. Immer mehr kann der „Storch auf dem Dach“ da

selber gebrauchen gleich den aufräumenden Marabus in unsern indischen

Menschenstädten, und zuletzt ist ihm die Ortsbewegung wirklich fast

gleichgültig gegen den Krebs in Person, der ihn, wo immer er Mittag

hält, ohne Absicht aus den Brosamen seines Reichtums selber mitfüttert.

Man versteht, daß Polypen auf Schalen mit solchen Bernhardskrebsen

allmählich fetter wuchsen als irgendwo sonst, und daß also die

Naturzüchtung (wie immer man sich im einzelnen nun deren Wege denken

mag) grade solche Bewohnung als „Synökie“ mit freier Kost obenein

auch in ihren Trieben begünstigen und die Polypen zum lebhafteren

Anschlußbedürfnis grade hier herüber drängen mußte. Wie einfach war

aber dann wieder eine weitere Logik.

Solcher Krebs ist gewiß ein verwegener Kerl, der es als reisiger

Kriegsmann mit manchem aufnimmt. Aber auch er hat doch Feinde, die

ihm „über“ sind, größere seines Volks, wehrhafte Beißer unter den

Fischen, die wilden „Kraken“ oder Tintenfische, die auch schon bei

kleinem Kaliber eine tyrannische Macht üben in den Jagdgründen da

unten. Um sich dagegen zu schützen, hat sich der Einsiedler ja schon

den steinharten Fremdharnisch der Schnecke selbst übergezogen, in den

er sich nötigenfalls völlig zurückzuziehen, ja den er durch kunstvoll

in der Öffnung gekreuzte Scheren oft wunderbar noch zu sperren weiß.

Aber der ganz geschickte Gegner versteht es doch das eine- oder

anderemal, ihn auch in dieser Festung zur Übergabe zu zwingen, wobei

es dann keinen Pardon gibt. Da aber mußte es soundso oft ganz von

selber auch geschehen, daß der böse Feind unversehens den aufsitzenden

Polypen zu nahe kam. Und gereizt schnurrte alsbald deren ganzer eigener

Schutzapparat ab: es hagelte plötzlich von der einzelnen Seerose oder

den Soldaten des Polypengärtleins da oben Explosivkapseln dem Fisch

oder Tintenfisch auf den Kopf, daß ihm Hören und Sehen verging und er

in vielen Fällen nun doch noch jammervoll Reißaus nahm, also daß der

bedrängte Krebs wunderbar wieder Luft bekam. Die Sache entwickelte

eine neue Seite auch für den Krebs selbst! Der gleichgültige „Synöke“

da oben brachte ihm im Wechselspiel selber einen Gewinn: nämlich

noch eine sehr wirksame Hilfsverteidigung. Das „Dach mit Storchnest“

erwies sich als wesentlich wertvoller als das einfache Dach. Und

abermals begreift man, wie auch dieser Vorteil nach Tierbrauch sich

allmählich in festem Trieb gleichsam anlegen mußte, der, wie er den

Polypen Schneckenhäusern mit Krebsen darin geneigter machte, so im

Krebsinstinkt Schneckenhäuser mit Polypen darauf begünstigte.

Auf dieser einfachen logischen Basis gewahren wir nun ein gegebenes

Bild, das wieder schon früh den Beobachtern am Meeresstrande sich

aufdrängte, ohne ihnen doch gleich so verständlich zu werden. In Menge

sehen wir verschiedene Bernhardinerarten Polypen herumschleppen, als

müßte es so sein. Bald sitzt eine große einzelne Seerose, riesig

im Verhältnis wie ein prunkvoller Federschmuck, auf der erbeuteten

Rüstung, bald drängen sich dort sogar mehrere, gleich bunten Schirmen

entfaltet schwebend oder auch einer fetten Schwarte ähnlich den ganzen

Harnisch noch einmal umklammernd. Sagartia- und Adamsia-Arten kommen

in unseren Gewässern so besonders in Betracht. Oder das ganze hängende

Gärtlein der Semiramis ist in Gestalt solcher auf Arbeitsteilung

vereinten polypischen Geschwisterkolonie dem Dach eingebaut

(Hydractinia und Podocoryne).

[Illustration: Abb. 8. Symbiose von Seeanemonen (~Sagartia parasitica~)

mit einem Einsiedlerkrebs (~Pagurus striatus~), zwei davon geschlossen

mit ausgestoßenen Akontien. Zum Teil nach Faurot in Hesse-Doflein,

Tierbau und Tierleben, Bd. ~II~.]

Betrachtet man aber genauer das Verhältnis, so merkt man alsbald,

wie die allgemeinen Anschlußtriebe beider Parteien innerhalb dieser

geläufigsten Typen bereits stufenweise Steigerung erfahren haben.

Die schon häufig getragene ~Sagartia parasitica~ (früher wohl auch

als die Adamsia des Rondeletius bezeichnet, Abb. 8), eine große, wie

eine Sommerhose braun und weiß gestreifte Seerose, die manchmal bis

zu sieben Mann hoch auf der gleichen Krebsklause stolz gleich den

Haimonskindern der Sage reitet, führt doch noch ein halb selbständiges

Leben, erst in ihrer Reife sorgt sie sich um einen Krebs, die

verschiedensten Klausner sind ihr aber eben recht, und wenn’s sein muß,

kann sie auch ohne einen bleiben, so wie auch die Eremiten selber ihrer

nicht unbedingt benötigen zum Lebensglück. Das vertritt offensichtlich

noch eine ältere, losere Stufe. Aber bereits die echte ~Adamsia~, die

der Tierkundige die ~palliata~, die „mantelhafte“, nennt, kennt es

nicht mehr anders, als daß sie schon von früher Jugend an mit ihrem

schön bunten, oft prächtig weiß mit rosa geäugten Mantelleibe stets

ein und dieselbe Krebsart, den ~Eupagurus Prideauxi~, beglückt, den

man sich denn auch seinerseits gar nicht mehr ohne sie vorstellen

kann. Und ebenso blühen gewisse hängende Koloniegärtchen, wie jene

Podocoryne, allemal auf bestimmtem Krebs, und der Krebs lauert nur

unter ihnen wie der zugehörige Drache ihres kleinen Paradieses, der

allerdings selber noch von dem feurigen Engelsschwert dieses Paradieses

profitiert. Hier muß schon längst alles im eingefahrenen Geleise

laufen über jede zufällige Gelegenheit hinaus. Und damit ja kein

Zweifel bleibe, entdecken wir diesmal auch schon körperliche Folgen des

Daueranschlusses selbst. Die Anpassung mit ihrer großen ausgleichenden

Maschine hat eingesetzt, indem sie zunächst den Polypenleib noch

enger auf den neuen geselligen Nutzzweck zurechtschneiderte. Jene

Adamsia heißt nicht umsonst die mit dem Pallium, die mantelartige.

Sie hat die sonst so stolz nach oben blühende Rose ihres Körpers

abgeschafft zugunsten einer Art derber Knospe, die mantelhaft von

unten her das Schneckenhaus des Krebses umgreift. Sie umgreift es

aber von unten, weil so ihr ehemaliger oberer Rosenmund unmittelbar

hinter dem Krebsmund, wie er abwärts geneigt aus der Schnecke kommt,

sich einstellen, den Abfall des Krebsmahls aus erster Quelle fassen

oder wohl gleich am Krebsbissen mitfressen kann, etwa wie ein junges

Äffchen, das der Mutter unter dem Leibe hängt und der Alten listig

ab und zu etwas vom Munde fortstiehlt, grade da sie es sich selber

zu Gemüte führen will. Dabei zeigt aber eben solche Adamsia noch

ein Besonderes. Sie versteht nämlich, zu kurze Schneckenhäuser auf

dem Krebs selbsttätig durch Abscheidung horniger Substanzen vorne

anzulängen, als wachse die tote Schnecke gespenstisch noch weiter.

Die alte felsbildende Kraft des Polypenstammes scheint noch einmal

in ihr aufgelebt. Dem Krebs aber ist auch das von entschiedenem

Nutzen. Als kleiner Kerl hat er schon solches Schneckenhaus, damals

doch natürlich ein entsprechend kleines, bezogen. Wenn er nun wächst,

muß er öfter ausziehen, ein neues, größeres suchen. Wie hübsch aber,

wenn das Haus selber eine Möglichkeit zeigt, über ihm zu wachsen.

Ganz wird’s ja nicht gehen, zuletzt wird er doch noch einmal wechseln

müssen, immerhin ist’s schon Gewinn, wenn ein zu kleines Dach nur

noch etwas länger brauchbar bleibt. Und man versteht, daß der Polyp

hier auch auf des Krebses Organisation rückwirken mußte: er kann sich

mit kleineren Häusern und weniger Häusern behelfen, ja man könnte

sich denken, daß er unter Umständen gar kein echtes Schneckenhaus

mehr brauchte, sofern ihm der Polyp nur selber eines auf den Leib

mißt. Und bei den hängenden Gärtlein jener ganz mitgeschleppten

Polypenkolonien geschieht’s wirklich so: da zersetzt der Dachgarten

zuletzt die echte Schneckenhülse, baut aber dafür im gleichen Schritt

einen solchen eigenen hörnernen Schutzsack ganz zwischen Krebs und

sich ein, der genügt und zugleich den Gewinn des eigenen Nachwachsens

bringt. Solcher Ganzersatz ist dann wieder besonders wertvoll in der

Tiefsee geworden, wo die gehäufte Kohlensäure ohnehin den Schneckenkalk

angreift und fremde Kalkhäuser zum Wechseln selten macht. Unsere

deutsche Valdivia-Expedition hat aus dem südatlantischen Ozean von

einer Bank in nicht ganz 1000 ~m~ Tiefe zahllose Einsiedlerkrebse

gezogen, deren Körper von großen rosettenförmig angeordneten violetten

Seerosen bis zu einem Dutzend an der Zahl besetzt waren; mit unten

verknüpften Leibeshöhlen stellten auch diese Polypen eine Art Kolonie

dar, in deren knorpelharter Grundmasse der Schneckenhauskalk bis auf

den ursprünglichen Hornbelag völlig aufgelöst erschien, während der

einfache derbe Knorpelsack dem Krebs allein genügenden Hinterhalt bot.

Daß der Krebs so auch die Tiefsee bestehen konnte, bedeutete auch ihm

aber wieder eine beträchtliche Erweiterung seines Lebenshorizonts.

Nun mag ja solcher Zug zum eigenen Ersatzfels von gewissen Polypen

auch hier bereits mitgebracht worden sein, als sie zum Krebs kamen,

-- wie er denn bei den hängenden Gärtchen den Kolonieverband selber

als Grundrost vermitteln hilft und auch in eigenen Brustwehrspitzen,

gleichsam zackigen Zinnen über der Kolonie, für die Deckung der zarten

Persönchen auf rollender Unterlage verwertet wird. Aber bei der

Adamsia sieht’s doch auch wie etwas Neues zum Zweck aus, und dieser

Zweck scheint nicht bloß mit eigenem Bessersitzen und Stühlchenrücken

zum gemeinsamen Tisch erschöpft, sondern die körperliche Änderung

des Polypen scheint hier bereits auf _den Nutzen des Krebses selbst_

zu zielen als abermals neue Stufe. Und das jetzt wieder finden

wir unzweideutig durchgeführt bei den Verteidigungskapseln der

Polypenpartei.

[Illustration: Abb. 9. Der Einsiedlerkrebs ~Eupagurus constans~.

Sein Gehäuse wurde auf Unterlage eines Schneckenhauses von einer

Polypenkolonie (~Hydractinia~) erbaut. Zum Teil nach Hesse-Doflein,

Tierbau und Tierleben. Bd. ~II~.]

Wir sahen, wie sie dem Krebs entscheidend mithalfen, zunächst schon

sozusagen rein zufällig, -- wie der Blitz den mittrifft, der sich

unvorsichtig unter den Baum setzt. Im enger werdenden Anschluß versteht

man dann, daß die Kapselwaffen sich oben wohl verstärken mußten, da

sie fortan mit ziemlicher Regel durch zwei Feinde, neben eigenen auch

noch die des Krebses, zur Reizung kamen. Bei all den krebsreitenden

Einzelrosen treten also neben den gewöhnlichen Hautkapseln noch jene

schon erwähnten, mit Millionen von Explosionskapseln gespickten

Schleuderlassos in wirksamster Form auf, lange Fäden, Akontien (vgl.

Abb. 8), zu deutsch Wurfspieße, genannt, die durch das Mundtor oder

besondere kleine Leibesschießscharten entsandt und dem Angreifer

weithin auf den Pelz gebrannt werden können. Die Einschaltung mag dabei

ein interessantes Naturbild geben, daß ein einziger Seerosenfangarm

unter Umständen 43 Millionen einzelner Kapseln führen kann, was bei 150

vorhandenen Armen die hübsche Summe von 6000 Millionen verfügbarer

Geschosse in solchem ätherischen Blumenkind vermeintlicher Unschuld

ergibt. Schon vor langen Jahren hat Eisig im schönen Neapeler Aquarium

die Grundbeobachtung gemacht, wie eine solche Seerose mit besonderen

Akontien einen großen bösen Oktopus, also einen Tintenfisch, der

den Krebs vermittelst eines seiner langen Schröpfkopfarme aus dem

Schneckenhaus ziehen wollte, wie ein Feinschmecker bei uns eine leckere

gekochte Weinbergschnecke auswickelt, in jähe Flucht und vorsichtige

Fernbetrachtung trieb. Aber die Umwandlung ist nicht bei dieser

einfachen Verstärkung stehen geblieben.

[Illustration: Abb. 10. Randstück einer Polypenkolonie (~Hydractinia~)

auf einem Schneckenhause. Vorne gekrümmte Wehrpolypen, dahinter und

an den Skelettstacheln Freßpolypen. Stark vergrößert. Unter Benutzung

eines Originals von Stechow in Hesse-Doflein, Tierbau und Tierleben.

Bd. ~II~.]

Bei den Nixengärtchen der Podocoryne und Hydractinia tritt die

Anordnung der Kolonie ausgesprochen vom eigenen Schutz _zum

Krebsschutz_ über (Abb. 9 u. 10). Jene besonderen kapselgespickten

Wehrpolypen, die hier die Akontien der Einzelrose gleichsam

genossenschaftlich mit ganzer Person wiederholen, setzen sich nämlich

sämtlich genau über den oberen offenen Rand der Schneckenhöhle,

also sozusagen auf die Logenbrüstung unmittelbar über dem Parkett

das der Krebs innehat, -- die denkbar geeignetste Stellung zur

Krebsverteidigung als Erstzweck. Untätig lassen sie wie Troddeln

gleichsam ihre Beine auf den Krebs herabbaumeln oder bei ganz

eingezogener Lage des Krebses vorweg pendeln, oder sie stehen auch,

spiralig gerollt, sprungbereit auf dem Anstand: sobald aber ein

Verdächtiges gegen den Krebs anrückt, schlagen sie (wie Weismann

berichtet) „alle wie auf ein gegebenes Signal gleichzeitig von oben

nach unten und wiederholen das drei- bis viermal“. Bei künstlichen

Versuchen soll man die Eruption (auch nach Weismann) schon durch

einfaches kräftiges Heranstrudeln von Wasser hervorlocken können, das

offenbar bereits als Annäherung eines Feindes selbst genommen wird,

-- ein Beweis, wie automatisch die eigentliche Technik auch hier noch

läuft. Die Polypentierchen sehen ja selber in Ermangelung echter

Augen weder ihren Krebs noch seine Feinde, sie reagieren nur auf ein

allgemein Nichtgeheures, das unter großem Wasseraufruhr von vorne

und in der Richtung nach unten ins Parkett hinein naht. Aber eben

dieses von vorne und nach unten umschließt schon den „Krebsblick“ auch

dieser dunkel tappenden Tast- oder sonst irgendwie Fühlgeister als

das Entscheidende, -- den Krebsschutz als Ziel. Und alsbald sehen wir

weiter, daß es doch auch nicht bei einfachem Richtungs-Automatismus,

sosehr der auch den Ausgangspunkt gebildet haben mag, diesmal geblieben

ist.

Es haben sich zunächst jetzt wieder bei dem Krebs als einem für

höhere, verwickelte Instinkte durchaus schon geeigneten, „seelisch“

geweckten Tiere starke Instinkte solcher Art an die von oben gebotene

Unmittelbarverteidigung angeschlossen. Dieser Krebs bevorzugt in den

engeren Fällen längst nicht mehr bloß allgemein Schneckenhäuser mit

bestimmten Polypen darauf: er sorgt durch ganz feste Handlungen, die,

allgemein instinktiv zu werten, doch im Einzelfalle sogar mit einem

gewissen Maß Wahlintelligenz angewendet und eingepaßt werden müssen,

dafür, daß er keinen Augenblick ohne Schutzpolypen bleibt. Schon

in jenem grundlegenden Vortrag von 1883 hat Oskar Hertwig das mit

durchweg dauergültigen Sätzen festgelegt: „Man versuche nur einmal,

den Freundschaftsbund der beiden Genossen zu stören; man nehme,

wie es im Aquarium zu Neapel geschehen ist, einen Einsiedlerkrebs

aus seiner Schneckenschale heraus, stopfe die Höhlung ... mit

kleinen Leinwandstückchen fest zu und bringe sie wieder in das

Meerwasser zurück. Bald wird man jetzt der Zuschauer bei einer höchst

merkwürdigen Szene werden. Zunächst strengt sich der Einsiedler an,

die Leinwandstückchen aus seiner alten Wohnung, auf welcher sich noch

die alte Seerose befindet, zu entfernen, und erst dann, wenn ihm nach

vielem Bemühen sein Vorhaben nicht gelingt, sucht er in einer leeren

Schneckenschale, welche der Experimentator mit in das Aquarium gelegt

hat, seinen Leib in Sicherheit zu bringen. Aber noch fehlt ihm seine

Genossin. Er wandert jetzt zu der verlassenen alten Behausung hin,

betastet die Seerose mit seinen Scheren und Füßen, sucht sie von ihrer

Unterlage loszulösen und ruht nicht eher, als bis auch sie, seiner

Ermunterung folgend, auf die neue Schneckenschale mit übergewandert

ist. Einige Beobachter geben sogar an, daß, wenn durch Zufall die

neue Wohnung dem Geschmack der Seerose nicht zusagt, der Krebs eine

andere aufsucht, bis seine Gefährtin vollkommen befriedigt ist.“ Der

letzte Satz mag etwas unbestimmt bleiben, wie es sich auch bisher

z. B. nicht hat wieder bestätigen wollen, daß der Krebs seine Seerose

geradezu absichtlich füttere; prinzipiell würde aber auch dieser

letztere kleine Zug nichts Unwahrscheinliches mehr hinzutun, da (wie

Kammerer in seiner trefflichen Schrift über „Genossenschaften von

Lebewesen auf Grund gegenseitiger Vorteile“ mit Recht dazu bemerkt

hat) Mantelaktinien ohne ihren Einsiedler im Aquarium trotz der sonst

leichten Eingewöhnung dieser Rosen dauernd nicht zu erhalten sind,

sondern auch bei Doppelfutter absterben, als seien sie durchaus von

ihrem Krebs mit besonderen Bissen verwöhnt. Und es ändert auch nichts

an den immer wieder gleichartig beobachteten Grundtatsachen, daß im

einzelnen Umschläge vorkommen, gewissermaßen launische Instinktabfälle,

wo, wie ein Tier trotz Elterninstinkt einmal plötzlich seine Jungen

auffrißt, der Krebs seinen (irgendwie widerspenstigen) Polypen bei der

Verpflanzung schlachtet.

Nun aber dazu wieder im Ausgleich krönt ein packendster Schachzug

das Ganze. Dem hochentwickelten Krebs traut man solche gewissermaßen

geistig dirigierenden Instinkte schon zu, und man freut sich ihrer

besonders, da sie eine so gute Probe auf das Exempel geben. Immer, wenn

zu körperlichen Umwandlungen auf einen wahrscheinlichen Zweck hin auch

noch gleich gerichtete Instinkte kommen, steigt ja beträchtlich die

Wahrscheinlichkeit, daß es sich wirklich um solchen Zweck (also hier

die Genossenschaft) handle. Das ist doch auch dauernd die entscheidende

Grundlage der berühmten, so viel bestrittenen Farbanpassungstheorie,

wo z. B. ein Tier auf Grün schutzgrün ist: hat es zu der grünen Farbe

auch noch den Instinkt, sich bei Wahl verschiedener bunter Unterlagen

allemal auf Grün zu setzen (wie die kleinen Virbiuskrebse das z. B.

so hübsch tun), so wird diese Doppelzüchtung in zwei parallelen

Wegen unmöglich einen zwecklosen Zufall darstellen können, wie immer

wieder soundso viele meinen. Aber irgend etwas derartig Instinktives

muß nun auch bei der systematisch doch so sehr viel niedrigeren

Polypenpartei auf die Dauer der Schutzangliederung ihrer Waffen an

den Krebs möglich geworden sein, so schwer es dem Kenner zunächst

eingehen will. Der Einzelpolyp oder die Polypenkolonie, automatisch

sonst gewöhnt, gegen jeden Fremdangreifer des Krebses schon beim

geringsten auch nur scheinbaren Anzeichen augenblicks mobil zu machen,

ihre vielmillionenhaft vergifteten Akontien zu schnellen oder ihre

Wehrsoldaten alle zugleich von ihrem Bock da oben herabbrennen zu

lassen, -- sie wenden ihre Einzelwaffe oder Armee _niemals gegen den

Krebs selbst_. Gelegenheit im Sinne einer einfachen automatischen

Reizauslösung wäre ja auch dazu wahrlich genug. Wenn ein einfach

verstärkter Wasserdruck schon die Wehrpolypen der Podocoryne weckt,

wieviel mehr könnte es der immerfort im Tastbereich dieser tapfern

Vorposten strudelnde und „krebsende“ Krebs selber tun. Oder gar jener

selbstherrische Krebsbruder, der in Hertwigs anmutiger Aquariennovelle

die akontienreiche Seerose von ihrer Unterlage hebt und auf ein neues

Dach zu versetzen sucht, wie unbedingt müßte er dazu reizen, -- zumal

wenn man weiß, wie schwer und widerstandszäh sich solche Tierblume

gegen jeden Eingriff eines Menschenwerkzeugs wehrt, ja sich lieber in

kleine Fetzen zerreißen läßt, ehe sie ihre Sohle preisgibt. Wenn der

Krebs aber kommt, so sanft wie solche Panzerfäuste können, aber doch

sicherlich nicht bloß Sammet, so fügt die Rose sich schon von sich

aus unverkennbar glatt darein wie zu einem Liebesakt, machen kann er

mit ihr, was immer er mag, ja laut Doflein (in seinem wundervollen

Werk über „das Tier als Glied des Naturganzen“) „kriecht sie event.

sogar selbst auf seine Schneckenschale hinüber“. Die Akontien aber

feiern bei ihr wie drüben die Wehrpolypen, als sei ein Signalzeichen

diesmal eingestellt: gut Freund, kein Bandit. Und nicht einmal die

einfache Praxis scheint geübt zu werden, die wir alle von unsern

sensitiven Rosen des Seestrandes doch so gut kennen: daß die Blüte bei

der Berührung sich schließt wie ein Mimosenblatt. Kein Zweifel mehr:

auch hier waltet ein streng korrespondierender Instinkt, einerlei

nun, durch was für spezielle Merkzeichen er gerade vom Krebs in

dem blinden Polypen ausgelöst wird, und vor solcher Sachlage hört

der letzte Rest des Zufälligen, des vielleicht doch noch von Fall

zu Fall Vorübergehenden oder der voreilig menschlichen Deutung in

diesem Beispiel endgültig auf. Wir stehen vor einer Glied um Glied

körperlich und (immer in tierischen Verhältnissen gesprochen) geistig

ineinandergreifenden Gesetzmäßigkeit. Der typische Fall der „Symbiose“

ist diesmal gegeben, indem wir mit Einsiedler und Polyp zugleich das

Beispiel berühren, das Oskar Hertwig damals seiner Begründung der

Symbiose auch auf der tierischen Seite zugrunde legte als „_ein auf

vollständiger Gegenseitigkeit beruhendes Zusammenleben zweier ganz

verschiedenartiger Tiere_“.

Im engern schart sich um diesen entscheidenden Fall für unsere heutige

Kenntnis aber sofort noch ein ganzer Kreis gleichsam erläuternder

Nebenfälle mehr oder minder scharfer Art.

Mit dem Krebs in seinem Schneckenhaus können meerbewohnende

Borstenwürmer (Chätopoden aus der Gattung Nereis) in einer

Genossenschaft zweiten Grades leben, die, wie mit langen Hälsen

vorgestreckt, ebenfalls sozusagen aus seiner Schüssel mitfressen,

ihm dafür aber mit harten Kiefern tranchieren helfen oder Ungeziefer

seiner Höhle wegfangen, während er sie ebenso freundlich schont wie

seine Rose. Solche Würmer haben auch sonst (in Seesternen, andern

Würmern oder Fischen) Neigung zum Schmarotzen, was dann auch bei ihnen

zuletzt in Symbiose umgeschlagen scheint. Interessant ist dabei, daß

sie, die vorher frei beweglich waren, sich nachträglich zum Zweck

erst wieder unter gewisser Verkümmerung seßhaft gemacht haben, um

sich gleich den Rosen fremd herumfahren zu lassen. Umgekehrt können

in den Seerosenblüten Asseln hausen, die der Polyp nicht frißt, noch

brennt, weil sie ihm (nach Kammerer) unwillkommene Abfälle fortzuräumen

scheinen. Diese kleinen Reinigungsunternehmer zählen gleich unsern

bekannten Kellertieren selber zu den Krebsen, so daß also hier zweiter

Hand auch noch ein ursprünglich frei beweglicher Krebs mit der

Polypenpartei lebte, die selbst nur wieder durch einen zweiten Krebs

beritten gemacht wird. Die anfangs zweiseitige Symbiose erscheint zu

einer selbdritt und selbviert erhöht. Umgekehrt wird der anfängliche

Fall vereinfacht, wenn die Seerose sich unmittelbar auf dem Krebs

ansiedelt, sich Krabben, die nie ein Schneckenhaus schleppen, einfach

auf den breiten Rücken oder eine der Scheren setzt. Wenigstens der

Brennvorteil bleibt ja auch so, und man versteht, wie jene von Möbius

so anziehend geschilderten kleinen Krabben der Korallenriffe, die

Polydectinen (Melia u. a.), sich gewöhnen konnten, die immer wieder

sorgsam aufgelesenen polypischen Stichflammen ihrer Scheren bei noch

etwas geweckterer Selbsthilfe dauernd mit der Scherenzange selbst

umkneipt zu halten und so dem Feinde gleichsam wie einen schußbereiten

Revolver drohend entgegenzustrecken (Abb. 11). Dazu wieder im Gegensatz

ließe sich mit geringer Phantasie ein Fall ausmalen, wo in dem

Schneckenhause des Bernhardskrebses auch noch die lebende Schnecke

_neben_ ihm erhalten bliebe und in die Symbiose einträte. Denn die

sog. „Muschelwächter“, zahlreiche kleine Krabben und Flohkrebse (am

bekanntesten ~Pinnotheres veterum~, den schon die Antike feierte) leben

genau so bei dem lebenden Muscheltier in Austern und Steckmuscheln mit,

laufen bei geöffneter Klappschale frei aus und ein und profitieren in

der Gefahr von dem Mitverschluß, den sie der Sage und vielleicht auch

Wahrheit nach selber durch eilige Flucht ins Innere herbeiführen, so

auch dem stumpfen Muscheltier Nutzen bringend. Dächte man sich auf die

Muschel hier eine Seerose gepflanzt, die von dem frei ausschwärmenden

Krebs Vorteil zöge, so wäre auch in dieser Gestalt die schönste

Drei-Symbiose fertig.

Schutz- und Trutzbündnisse in der Natur · 第 2 / 7 段