Daß der Artenkampf heute noch im weitesten Umfange tobt, daf

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Schutz- und Trutzbündnisse

in der Natur

Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, Stuttgart

Die Gesellschaft Kosmos bezweckt, die Kenntnis der Naturwissenschaften

und damit die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer

Erscheinungen in den weitesten Kreisen unseres Volkes zu verbreiten.

-- Dieses Ziel sucht die Gesellschaft durch Verbreitung guter

naturwissenschaftlicher Literatur zu erreichen im

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Diese Buchbeilagen sind, von ersten Verfassern geschrieben, im guten

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Vorläufig sind für das Vereinsjahr 1918 festgelegt (Änderungen und

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Reich illustriert. Geheftet M 1.--

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Der Kosmos kann während des Krieges auch $halbjährlich$ zum Preise von

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$Geschäftsstelle des Kosmos$: Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart.

Schutz- und Trutzbündnisse

in der Natur

Von

Wilhelm Bölsche

Mit vielen erläuternden Abbildungen

[Illustration]

Stuttgart

_Kosmos_, Gesellschaft der Naturfreunde

Geschäftsstelle: Franckh’sche Verlagshandlung

1917

Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht, vorbehalten.

~STUTTGARTER SETZMASCHINEN-DRUCKEREI

HOLZINGER & Co, STUTTGART~

[Illustration]

„Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust...“ Dieses Wort Fausts

ist auch dem Naturforscher unserer Tage immer einmal wieder

entgegengeklungen. Der alte Siebold mag sich daran erinnert haben,

als es ihm in einer zoologischen Überraschungsstunde gelang, einen

vertrackten Schmarotzerwurm der Karpfen, das ~Diplozoon paradoxum~,

das angeblich zwei Darmkanäle und zwei Mundöffnungen hatte, auf solche

Zweiseelenexistenz zurückzuführen: indem es sich nämlich um zwei

Wurmindividuen dabei handelte, die jedesmal auf der Höhe ihres Lebens

übers Kreuz miteinander zu einem neuen Doppelwesen verwuchsen (Abb. 1).

Die Geschichte war aber doch harmlos gegen die andere, die ums Ende

der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts von deutschen Botanikerkreisen

in die Welt ausging. Alexander von Humboldt, als er seinen „Kosmos“

schrieb, hatte einmal gleichsam des Weltalls letzte Ecken in einen

einzigen prächtigen Satz gefaßt: vom fernsten bläulich verglimmenden

Nebelfleck bis zur letzten gelben Flechte am irdischen Granitfels;

ihm erschien die Flechte dabei als die äußerste, fast kosmisch

anspruchslose Anpassungsform des Lebens, wie sie, beinahe nur noch

einer dürren mineralischen Farbkruste gleich, als einsamer Pionier

zuletzt am splitterfasernackten Hochgebirgsstein unter der unendlichen

Weltraumsöde hing. Eben von diesen Flechten insgesamt aber wurde damals

plötzlich behauptet, daß sie gar keine richtige Pflanzenklasse für sich

bildeten, sondern ebenfalls so diplozoonhaft, nur noch paradoxer, erst

durch körperliche Verwurstelung und Verknotung von je zwei Vertretern

himmelweit verschiedener Klassen einzeln zustande kämen. Ungefähr

so, wie wenn der Elefant sich eines Tages als ein Mischprodukt aus

einer Maus und einem Tintenfisch herausstellte, die nicht in kühner

Ehe ein Kind erzeugt, sondern als ausgewachsene Wesen sich ineinander

gekrempelt hätten.

[Illustration: Abb. 1. ~Diplozoon paradoxum~, ein doppelter

Schmarotzerwurm an Fischen.]

[Illustration: Abb. 2. Heinrich Anton de Bary (1831-1888).]

Der Sachverhalt erschien, abgesehen von dem großen Systemsturz, den

er bedeutete, für allgemeine Lebensfragen so einzigartig merkwürdig,

daß einer der Väter der Theorie, Anton de Bary (trotz des fremden

Namens ein geborener Frankfurter und damals Professor der Botanik

an der neuen reichsdeutschen Universität zu Straßburg, Abb. 2),

auf der Naturforscherversammlung zu Kassel von 1878 einen Vortrag

darüber für nötig hielt, der zugleich den Grundstein zu einem ganz

neuen Forschungsgebiet weit noch über die Einzelfrage hinaus setzen

sollte. De Bary legte den Schwerpunkt darauf, daß es sich hier um

ein dauerndes ganz intimes Zusammenleben handle. Und zwar nicht

bloß wie beim Diplozoon von zwei Individuen ein und derselben Art.

Sondern von Vertretern verschiedener Arten, ja Klassen oder Stämmen.

Nun kennen wir zwar eine Form solchen „innerlichen“ Zusammen- und

Ineinanderlebens auch sonst und sogar persönlich mißlich. Der Bandwurm

z. B. lebt zeitweise in unserem Menschenleibe und löffelt als übler

Schmarotzer dort auf unsere Kosten mit. Bei den Flechten aber schien

das einfache Zusammenleben zu einer im Gegensatz ganz friedlichen Lage

geführt zu haben: zu einer wirklichen Genossenschaft in einer Art

gemeinsamen Haushalts. Im einzelnen blieb hier für de Bary allerdings

noch manches unklar. Aber er meinte, es müsse auf jeden Fall für

dieses ganze hochinteressante Gebiet von engstem Zusammenhalten

verschiedener Wesen systematisch gegensätzlicher Art ein neues Wort

geschaffen werden, das zugleich ein Arbeitsprogramm für weitere

Studien bedeuten könnte. Und so übersetzte er nach dem hergebrachten

Fremdwörterbrauch der Forschung mit „_Symbiose_“, was wörtlich (aus

griechisch ~syn~, zusammen, und ~bios~, Leben) eben nur das einfache

deutsche „Zusammenleben“ wiederholt. Er ließ dabei offen, unter dieses

ganz allgemeine Wort auch den Fall Bandwurm, wo der eine Mitleber den

andern plagt, mitaufzunehmen, doch erschien auch ihm schon ersichtlich

am wichtigsten das „Zweiseelengeschöpf“, bei dem die eine „Seele“ der

andern brüderlich half. Und in diesem Zusammenhang verwies er auch

schon auf eine im Verhältnis zu der noch nicht über 10 Jahre alten

Flechtengeschichte uralte, fast hundertjährige wissenschaftliche Tat

hin, die zu ihrer Zeit allerdings auch ein Abenteuer ersten Ranges

gewesen war. Nämlich die große Entdeckung des trefflichen Rektors

Sprengel zu Spandau von 1793, daß auch zwischen Blumen und Insekten,

also genügend himmelweit verschiedenen Angehörigen sogar zweier

gegensätzlicher Lebensreiche, eine Art solcher Lebensgemeinschaft

bestehe. Die Blüte lieferte der Biene oder dem Schmetterling Honig, und

das Insekt vermittelte dafür die Befruchtung der Pflanze. Hier war zwar

von flechtenhaft oder auch nur bandwurmhaft dauerndem Ineinanderleben

der Parteien nicht eigentlich die Rede. Aber dafür trat die friedliche

Gegenseitshilfe besonders hübsch hervor, und de Bary nahm also

versuchsweise auch diese Sprengelgeschichte (die kein Geringerer als

Darwin selbst damals erneut in Umlauf gebracht hatte) unter seinen

Titel auf.

[Illustration: Abb. 3. Oskar Hertwig.]

Wie gewöhnlich, wenn ein mehr oder minder glückliches Schlagwort

zur Stelle ist, machte erst jetzt das Flechtenabenteuer der

Spezialbotaniker das Gesamtaufsehen, das es verdiente. Als im

Herbst 1883 abermals die Naturforscherversammlung tagte, diesmal in

Freiburg i. B., ergriff der damalige junge Jenenser Zoologieprofessor

Oskar Hertwig (Abb. 3) zu der Sache erneut das Wort. Er knüpfte

unmittelbar an de Barys Vortrag an, spann den Faden aber jetzt für die

Tierkunde aus. Er berichtete von wunderbaren Genossenschaftshaushalten

sehr verschiedenartiger Tierarten (auch hier aus gegensätzlichen

Klassen und Stämmen), die im Meeresgrunde bei Neapel merkbar

würden, und enthüllte ganz besonders auch einen fabelhaften Fall,

der an Sprengel anklang, indem Tiere darin ebenfalls mit Pflanzen

zusammenhielten, zugleich sich aber diesmal beide Parteien wirklich

flechtenhaft auf Lebenszeit ineinander verschachtelten. Das

Entscheidende aber war, daß Hertwig, der dem Thema nach über „Die

Symbiose oder das Genossenschaftsleben im Tierreich“ sprach (de

Bary hatte allgemein „Die Erscheinung der Symbiose“ angekündigt),

aufs unzweideutigste jetzt grade die Bedeutung der _friedlichen_,

gegenseitig _fördernden_ Genossenschaftsbildungen einseitig hervorhob

und in ihnen die eigentliche Grundlage einer „gesetzmäßigen Vereinigung

ungleichartiger Organismen“, wie sie die Symbiose darstelle, sah.

Vor einem Beispiel für schon höher entwickelte Tiere fiel bei ihm

dabei gradezu das Wort von einem „Freundschaftsbund“ der aneinander

angeschlossenen Parteien. Und das hat für die Folge, je mehr Beispiele

sie anhäufte, zunächst über den eigentlichen Gebrauchswert des Wortes

„Symbiose“ entschieden. Man hat sich gewöhnt, fortan unter wahrer

Symbiose nur eben jenes im engeren Sinne _genossenschaftlich fördernde

Zusammenleben_ zu verstehen, -- unter Ausschluß der bandwurmhaft

aussaugenden und mißbrauchenden Einwohnerschaft. Dafür paßte dann

freilich der Wortsinn nicht mehr ganz scharf, da er selbst ja nur das

Zusammenleben überhaupt betonte, während andererseits solche loseren

Fälle, wie der des alten Sprengel, die doch grade für jenen echten

Genossenschaftsaustausch so sehr beweisend sind, in ihm wieder wie

in einer zu engen Jacke steckten. Inzwischen ist’s ein Schlagwort

geworden und lebt als solches fort, wobei man, wie so oft, schließlich

nur den Klang noch hört und ihm selber den rechten Sinn unterlegt, ohne

daß es auf die Buchstaben mehr viel ankäme. Will man aber aus gutem

deutschem Ausdruck ersetzen, so würde sich das auch in unserem Titel

gewählte „Schutz- und Trutzbündnisse zwischen Tier- und Pflanzenarten“

empfehlen. Auf „Arten“ muß dabei aus gleich zu erörternden Gründen ein

Nachdruck liegen.

Die merkwürdige Naturerscheinung, die hier gefaßt ist und einige der

gewiß seltsamsten Einzelentdeckungen aus dem Lebensgebiet zugleich

berührt und erklärt, ist, wie dieser kurze Geschichtsabriß zeigt, eine

echte Errungenschaft neuerer Forschung -- noch nicht vier Jahrzehnte

dort alt. Von ihren ersten Ergründern ist de Bary erst 1888 gestorben,

Hertwig lebt und lehrt noch. So jung ist die Definition und sind (wenn

wir von Sprengels Insektengeschichte absehen) auch die Beobachtungen

dazu aus dem Naturgebiet selbst. Denn auch die Flechtensache ist im

einzelnen erst seither ordentlich geklärt worden. Freilich: über

Schutz- und Trutzbündnisse in der Tier- und Pflanzenwelt allgemein gab

es scheinbar schon die umfangreichste alte Literatur. Die ganze älteste

Zoologie ist mehr oder minder anekdotischer Beispiele voll, das Volk

erzählte davon. Dem Vater Herodot hatten sie bereits im alten Ägypten

das Vöglein (einen Regenpfeifer) gezeigt, das dem Krokodil ins offene

Maul krieche, um ihm die Zähne vom Ungeziefer zu reinigen, wofür der

gutmütige Leviathan darauf verzichte, es zu verschlucken. Das meiste

derart war aber unverfälschtes Jägerlatein. An der Krokodilgeschichte

scheint etwas Wahres zu sein, doch ist bis heute nicht geklärt, ob

sie wirklich an eine echte Symbiose anklingt. Durchweg aber steckten

in diesem alten Wust loser Berichtchen auch sonst die gewöhnlichen

Einzelfehler kindlicher Naturgeschichte. Die Sachen wurden als ganz

isolierte Wunder tierischen oder gar pflanzlichen Genies geschildert,

durchweg der Einzelintelligenz oder dem Einzelgemüt des betreffenden

Wesens je nachdem bewundernd oder gerührt zugeschrieben. Davon nun

unterscheidet sich jener neu entdeckte wissenschaftliche Begriff

der Symbiose weit und grundlegend. Durch und durch Erzeugnis modern

geschulten Naturforscherblicks, sucht er im Gegensatz eine streng

gesetzmäßige Erscheinung. Wo Symbiose in seinem Sinne auftritt, da

gehört sie, dauernd und von allen Individuen immer wieder geübt, den

betreffenden Arten an wie ein Organ, angeschlossen heute an uralt

eingepaukte Reflexe und Instinkte mit dem großen „Muß“ solcher.

So romantisch gelegentlich auch hier die Beispiele selbst klingen

mögen (wie bei den Flechten!) -- ihren Entdeckern lag alles ferner

als romantische Gefühlsregungen. Das neue Feld eröffnete sich ihnen

in ihrem nüchternsten Fachgebiet, all ihren auch sonst verwerteten

exakt wissenschaftlichen und experimentellen Methoden zugänglich.

Vor allem aber traf es bei ihnen in eine Stimmung, die keine frühere

Naturbetrachtung so haben konnte, während sie uns heute allenthalben

beherrscht. De Bary selbst gipfelte gleich seinen ersten Vortrag

in einem lebhaftesten Hinweis auf Darwin. Dem „Maschinenbetrieb“

gewissermaßen des äußeren Tier- und Pflanzendaseins auf Erden, wie ihn

Darwin genial zu zeichnen versuchte, sollte sich auch das neue Phänomen

dieser Symbiose restlos einordnen. Ich glaube, daß wir nichts Besseres

tun können, als auch unsere Betrachtung ebenfalls gleich ohne Zögern

auf diese „Darwinschau“ einzustellen.

Nun, wie bekannt, ist Darwins großes Lebensgemälde allerdings zunächst

der Idee von friedlichen Schutz- und Trutzbündnissen gewiß nicht

günstig. Kampf steht vielmehr dort im Vordergrund. Nehmen wir irgend

einen Blütenbaum. Ich erinnere mich aus dem Garten meines Elternhauses

zweier uralter ungeheurer Birnbäume. Wenn sie im Frühjahr blühten, war

es ein wahres Märchen, der ganze Garten lag noch einmal wie im Schnee,

in den die Sonne vom blauen Himmel sah und aus dem die Bienen sangen.

Oft später ist mir die ganze „Natur“, wenn ich das Wort irgendwo

gebrauchte, im Bilde dieser Zauberbäume erschienen. Für Darwin aber

ist solcher Baum zunächst nur der Schauplatz eines gradezu schaurigen

Kampfes. Unendliche Massen von Lebensformen wirft die phantastisch

schaffende Natur herauf, nur eine beschränkte Zahl aber kann bestehen.

Die äußeren Verhältnisse hauen auf die Arten, die Arten zerfleischen

sich untereinander, unzählige Individuen regnen beständig ab wie

Blütenschnee. Dante in seiner Hölle hat keine härteren Bilder gemalt,

als Darwins unbestechliche Hand hier von der Natur. Es ist wie in den

Schrecken eines Schiffbruchs: die paar Planken gönnen nur wenigen Raum,

diese stoßen sich zum Teil noch unabsichtlich herab, und die Letzten

dezimiert das gräßliche Schlachtlos in der Hungersnot. So nimmt der

Frost Blüten mit, andere fallen in der Raumnot vom Ast, soundso viele

werden von Insekten gefressen, die selbst wieder in ihren verschiedenen

Arten kannibalisch übereinander stürzen, um im ganzen von den

niedlichen Singvögeln dezimiert zu werden, denen Raubvögel nachstellen.

Aber schon in dieser harten „Maschine“ Darwins sehen wir doch auch

ein Gegenbild. Jener schauerliche Kampf mit seinen ungezählten

Schlachtopfern tobt nur zwischen den äußeren Verhältnissen und den

Arten sowie den Arten unter sich. Er schweigt dagegen ganz oder doch

größtenteils zwischen den Individuen ein und derselben Art.

Grade der eigentliche scheußliche Kannibalismus des Artkampfes ist hier

wie ausgelöscht, dafür herrschen Frieden, gegenseitige Hilfe, Sorge

des Stärkeren für den Schwachen, Hingabe des einen für andere. Das

Rotschwänzchen füttert seine Jungen, die Bienen sammeln für ihre Brut

mit und stechen als hingebende Soldaten eines großen Familienstaats,

wehrhafte Männchen schützen allenthalben die Weibchen, starke Weibchen

die unmündigen Kinder. Was bedarf es auch hier der Ausmalung! Bei

Quallen und Pflanzensprossen führt das zu unmittelbar auch körperlich

zusammengewachsenen Geschwisterstaaten, bei Ameisen und Termiten zu den

wunderbarsten freieren Instinktverbänden, und wir wissen schließlich

alle, daß sämtliche höheren Pflanzen und Tiere mit Einschluß von uns

Menschen ja als Einzelperson schon einen solchen Geschwisterbund aus

zahllosen Zellen, einen „Zellenstaat“ mit großartiger, in den Organen

offenbarter Arbeitsteilung, darstellen. Also es _gibt_ auch friedliche

Möglichkeiten, -- auch in der harten Darwinwelt des Vorteils; Frieden

muß eben hier das Vorteilhaftere sein.

Aber auch bei den so wüst einander bekämpfenden Arten selbst gewahren

wir bei genauem Hinsehen einen sehr interessanten tiefsten Sachverhalt.

Auch dort geht der noch so erbitterte Zerfleischungszwist durchweg

nicht auf wirkliche Vernichtung. Sondern es ist, als werde immer nur

ein gewisser _Überschuß_ gewaltsam abgeschöpft, der im Gesamtkonto

jeder Art entbehrt werden kann. Der Birnbaum, die Insektenarten, die

Vögel, jetzt dezimiert, sind als Art doch im nächsten Jahr wieder da,

wenigstens durchweg. Selbst die äußeren Verhältnisse mit ihren Dürren,

Frösten, Hagelschlägen schöpfen meist nur solchen Überschuß ab. Auf

die Dauer geologischer Zeiträume mögen sie allerdings mit stärkeren

Mitteln auch ganze Arten ausrotten. Aber bei den Arten unter sich

reicht offenbar in der Regel der Überschuß, der Luxus gleichsam schon

zur Erhaltung des Gleichgewichts. An sich ist das Abheben dieses

Überschusses ja eine leidige Notwendigkeit. Können doch die Tiere

im ganzen überhaupt nur leben, indem sie von der Pflanzenschöpfung

mitzehren; trotzdem grünt aber diese Pflanze in aller Fülle der Kraft

bis heute, sie hat eben offensichtlich von je so viel Überschuß in

Blättern, Wurzeln, Früchten erzeugen können, daß der ganze Grundstamm

der Tierwelt mühelos davon mit unterhalten werden konnte; was aber die

Tiere noch mehr brauchen, das erheben sie in Überschußabnahme wieder

voneinander als Tribut gefressener anderer Tiere, ohne daß doch auch

da wirkliche Werte vertilgt würden; der Leopard lebt seit undenklichen

Zeiten neben der Antilope, dezimiert sie, aber beide bleiben. Ja,

das ganze ungeheure Arsenal an Waffen und Schutzinstinkten, das die

einzelnen Arten gegeneinander aufstellen, scheint in diesem Sinne

nur dazu zu dienen, daß bei dem gewaltsamen Überschußabschöpfen kein

Mißbrauch getrieben wird, der wirklich zu solcher Vernichtung führen

könnte. Es schützt soundso viel Individuen als eisernen Bestand, der

bleiben muß, während der Rest dareingehen mag. Pfiffige Gegner meinten

wohl der Theorie z. B. von den Schutzfärbungen damit ein Bein stellen

zu können, daß sie nachwiesen, kein Schutz derart wirke unter allen

Umständen sicher. Weismann hat darauf aber schon vor Jahr und Tag

geantwortet, solcher absolute Schutz sei auch gar nicht der Zweck;

bei ihm stürze der ganze Naturhaushalt ein; soundso viel Prozent etwa

rinden- oder blattähnlicher Insekten müßten trotzdem den andern zum

Opfer fallen, dieser Überschuß könne aber entbehrt werden, wenn nur ein

gewisser Stamm oder eiserner Bestand durch den Schutz davon komme; in

der Tat ist mir keine einzige absolut wirkende Schutzanpassung bekannt.

Erwägt man aber das, so sieht man auf eine neue Möglichkeit.

Schließlich hätte sich auch hier bei den Arten am Ende alles viel

friedlicher regulieren lassen. Auf Grund dessen, daß ja doch auch

hier zuletzt nur ein gegenseitiges Unterstützungsverhältnis vorliegt.

Wenn nun der besagte „Überschuß“ allgemein _freiwillig_ abgegeben

worden wäre? Vielleicht hätte er nicht immer durch den Tod ganzer

Individuen mit allen Schrecken eines solchen zu gehen brauchen.

Jeder einzelne hätte bereits ohne Lebensgefahr seinen Teil Überschuß

abgeben können, etwa wie auf jener friedlichen Seite die Mutter Blut

oder Milch an ihre Jungen wendet, ohne daß diese Jungen sie deshalb

auffressen müßten. Dabei konnte die allgemeine Gegenseitigkeit der

Überschußnutzung vielleicht noch schärfer herausgearbeitet werden,

indem eine Art etwa geradeso viel Überschuß von der andern übernahm,

wie sie selbst gewährte. Solche Arten hätten ihre Waffen gegeneinander

abschaffen und gegen den gemeinsamen Feind in den äußeren Verhältnissen

richten können, dort sich mit dem unterstützend, was sie hier sparten.

So hätten sich Schutzverbände aufrichten können auch zwischen

Gattungen, Klassen, Reichen, die auf niederen Stufen vielleicht

wieder zu körperlichen Verwachsungen führten, auf höheren zu freier

Angliederung, wo jeder so weit selbständig blieb, aber zugleich mit

dem andern auf ~do ut des~ (Geben und dafür Nehmen) friedlich in

Geschäftsanschluß stand. Bis zu dem letzten Ideal einer vollkommen auf

Austausch und Arbeitsteilung unter sich geeinigten Lebenswelt, die sich

nun mit ganzer Kraft in immer weiter gehender Eroberung und Anpassung

mit den großen Elementargewalten dieser Erde auseinanderzusetzen hätte.

Man braucht die Dinge durchaus nicht sentimental anzusehen, um sich

doch auch hier einen großen Vorteil denken zu können.

Nun, wir wissen, daß das in _solchem_ Umfange _nicht_ erfüllt ist.

Der Kampf beherrscht tatsächlich im weitesten Maße das Artbild, wie

es vor uns steht. Ob die Natur trotz ihrer geologischen Jahrmillionen

nicht Zeit fand, auch hier die friedliche Regelung durchzusetzen?

Ob eine gewisse zentrifugale Zersplitterung auf gewisser Breite des

Lebens zu stark widersprach? Das organische Leben auf Erden hat ja von

Beginn an wohl zweifellos eine Einheitstendenz gehabt, von gemeinsamem

Urzustand her und innerster Gleichartigkeit. Aber daneben muß sich

auch eine Art zentrifugaler Bewegung früh schon in ihm geltend gemacht

haben, die sozusagen atomistisch auseinander trieb, und ihr Hauptwerk

steht ja eben in der Verschiedenheit der Arten vor Augen; möglich

also, daß grade hier zunächst zuviel entgegenstand. Oder war (hier lag

wohl Darwins eigene Meinung) auch hier zunächst noch ein Teil grober

Individuenauslese zur Stählung des Ganzen im Kampf eingeschaltet,

die nicht so rasch in allgemeine Verbandsauslese umgeschaltet werden

konnte? Doch verirren wir uns nicht in letzte Gründe, wie sie

einstweilen in all diesen Lebensfragen (auch mit Darwin) problematisch

bleiben, und halten uns weiter an das sichtbare Wirklichkeitsbild.

So wäre immerhin im Sinne des Gesagten jetzt _möglich_, daß aus ihm

_einzelne_ Beispiele auch dieses Artfriedensschlusses sich im Laufe der

Zeiten losgerungen hätten an Stellen, wo doch die höhere Nützlichkeit

schon entscheidend einmal überwog. Und hier jetzt wäre etwa der Punkt,

wo wir auch ein solches Symbiosebeispiel ohne Zwang und ganz nüchtern

mitten aus dem Darwinbilde, gewissermaßen, um das Wort zu wiederholen,

aus der großen „Maschine“ Darwins selbst, verstehen würden. Wir würden

verstehen, daß, wie die Dinge einmal liegen, seine Anfänge sich

zunächst mitten im härtesten Kampf selber zeigten, an diesen Kampf

irgendwie anknüpfend wie ein Teil von ihm, -- daß aber dieser Kampf

irgendeinen zuerst kleinen Anlaß und Ausweg geboten hätte, -- daß dann

die Maschine der größeren Nützlichkeit auch hier eingesetzt und in eine

Linie getrieben hätte, die tatsächlich aus dem Kampf fort und in den

genossenschaftlichen Frieden hineinführte. Weil eben doch hinter dem

ganzen Kampfe beständig latent die Möglichkeit eines Friedensschlusses

als höhere Instanz im Sinne des Gesagten gestanden hätte...

Suchen wir uns das jetzt an ein paar einfachen Beispielen, zunächst

mitten aus dem Kampfe selbst entnommen, zu vergegenwärtigen.

[Illustration: Abb. 4. Wegwespen mit ihrer Beute (Spinnen).]

Daß der Artenkampf heute noch im weitesten Umfange tobt, dafür braucht

es als Zeugnis nur eines einzigen Kreuzspinnennetzes etwa mit seinen

Schlachtopfern. An sich, als Kampffalle, ist solches Spinnennetz ja

ein Wunderding. In jedesmal unendlicher Feinarbeit hat die Spinne

erst ein Fadendreieck hergestellt, dann ein Viereck eingesetzt, in

ihm Speichen gezogen und zuletzt über diese Speichen eine riesige

Spirale aus Klebfäden gerollt. An einer Stelle des Ganzen lauert sie,

bis eine Erschütterung in der Spirale sie wie mit einem Klingelzug

benachrichtigt; nun fährt sie ein, packt das angeklebt sich sträubende

Insekt, knebelt es in raschem Herumwirbeln ganz, tötet es durch Giftbiß

und verzehrt es, indem sie eigenen Magensaft in den Leib des Opfers

ergießt und den so vorverdauten Inhalt aufsaugt. Alle diese sinnreichen

Dinge aber dienen nur dem Schlächterhandwerk. Kein Zweifel: hier ist

reiner Kampf ohne Gnade; das Opfer, um verzehrt zu werden, wird gepackt

und augenblicklich ganz zerstört. Der gleiche Kampf bietet aber nun

auch ein Bild, wo es gelegentlich der Spinne selbst an den Kragen

geht. Auf unsern Waldpfaden kann man die bekannten muntern Wegwespen

(Abb. 4) beobachten, wie sie dicke Kreuzspinnen mit ihrem Giftstachel

geschickt ins Bauchmark stechen und die so gelähmten in ihre Nesthöhlen

schleppen, wo das wehrlose Opfer in einer Art Narkose oder Scheintod

so lange liegen und warten muß, bis die junge Wespenlarve auskriecht

und es wie eine Proviantwurst bei lebendigem Leibe auffrißt. Fabre hat,

wie man weiß, anziehend von der Treffsicherheit solchen vorläufigen

Stichs zu erzählen gewußt, und M. Müller hat gelegentlich festgestellt,

daß die unglückliche Spinne über 70 Tage so in Lähmung, aber immer

noch lebend, liegen kann. Man könnte sich aber vielleicht eine noch

sinnreichere Methode denken, bei der das Ei unmittelbar in die Spinne

selbst gelegt würde, die dann frei herumlaufen könnte und doch den

Tod mit sich trüge. Und auch das machen Schlupfwespen mit gewissen

Raupen vor (Abb. 5). Die Schmetterlingsraupen werden mit Wespeneiern

bestiftet, die erst nach einiger Zeit in ihnen auskommen. Die Raupen

leben eine Weile noch hin, als sei nichts geschehen, und mästen sich

weiter wie kleine Fettschweinchen, die Schlächter aber sitzen ihnen

im Leibe. Eines Tages kriechen die Larven auch hier aus und beginnen

von innen zu fressen. Kommen die Raupen noch zur Verpuppung, so werden

die Puppen leer gefressen und die Wespenpuppen treten an Stelle ihres

Inhalts. Vollzieht sich das Verhängnis bereits in der Raupe, so wird

berichtet, daß die Fresser anfangs noch die edleren Teile des Opfers

schonen, um möglichst lange Profit von seinem Leben zu haben, und sogar

ihre eigenen Exkremente unterdrücken, um ihr Mastschweinchen nicht vor

der Zeit zu vergiften. Und erst wenn sie selber zur Verpuppung reif

sind, durchlöchern sie rücksichtslos die Haut der entkräfteten Raupe,

die nun unter letzten Qualen abstirbt. Die ausquellenden flockigen

Wespenkokons an der vertrockneten Haut sind dann die „Raupeneier“ des

Volksglaubens, es handelt sich aber, wie man sieht, um einen weit

grausigeren Vorgang, als bloß eine normale Geburt wäre.

[Illustration: Abb. 5. Raupe eines Spinners, aus der sich die

ausgewachsenen Larven einer Schlupfwespe hervorbohren, um sich zu

verspinnen.]

Bei diesen letzten Beispielen, die an sich ebenfalls kraß im Kampf

verharren, erscheint doch, wie man beachten möge, schon ein feiner

Unterschied. Auf der einen Seite schlägt der Raupenfall ausgesprochen

in jene engere Kampfesart, die wir schon beim Bandwurm erwähnten: der

Schlächter oder Fresser mietet sich unmittelbar im Opfer selbst ein.

Lange ehe das Wort Symbiose geschaffen wurde, hat man das bereits

gewohnheitsmäßig als „Parasitismus“ bezeichnet. Der Parasitismus ist

offenbar von früh an eine der allererfolgreichsten Kampfesformen

gewesen, denn seine Beispiele dort sind Legion, -- von der bösen

~Cuscuta~, dem Teufelszwirn, der sich wie ein Polyp an andere Pflanzen

saugt, die eigene Wurzel aufgibt und dafür mit gierigen Freßmäulern in

Gestalt eingesenkter Zellbündel den fremden Pflanzenleib durchwühlt

und ausnutzt, -- bis zu einem so hochentwickelten Tier wie noch dem

Fisch Neunauge, das als Inger Dorschen oder Butten unter den Bauch

kriecht, die Haut durchraspelt, dann (man versteht, unter was für

Qualen für das Opfer) mit ganzer Person einschlüpft und das Innere

ausräumt. Eben dieser Parasitismus stellt aber zwischen Vernichter

und Beute ganz von selbst ein näheres Verhältnis her in dem Sinne,

daß sich dieser Vernichter zunächst noch eine Weile mit dem noch

_lebenden_ Opfer beschäftigen muß. Er muß so lange mit ihm hausen,

sich seinen eigenen Gewohnheiten anpassen, in eine tatsächliche kurze

Lebensgemeinschaft mit ihm treten, wenn auch eine im letzten Zweck

feindliche. Damit verknüpft sich aber alsbald ein zweites. Bei der

Spinne als lebendiger Dauerwurst wie bei der Raupe als Fettschweinchen

gewinnt der Schlächter im Banne der Naturzüchtung ein Interesse,

sein Schlachttier vorübergehend (wenn auch mit bösester Endabsicht)

in diesem Leben selber noch zu _schonen_, ja Mittel und Wege seiner

zeitweisen Lebens_erhaltung_ von sich aus zu suchen, -- wie das ja

besonders in der bloß narkotisierten Spinne hervortritt. Ein Schritt

nur scheint es, daß das Opfer auch schon so lange gradezu geschützt,

daß es mit verteidigt würde. Dazu aber nun ein weiteres Exempel.

[Illustration: Abb. 6. ~A~ Bernsteinschnecke auf Pflanzenblatt

mit sogenanntem ~Leucochloridium~ (in die Fühler einwachsenden

Keimschläuchen eines Wurmes, die Vögel zum Abreißen und Fressen

animieren). Natürl. Größe. Nach Loos, ~B~ Das ganze aus der Schnecke

herauspräparierte ~Leucochloridium~. Dreifache Vergr. Nach Vosseler.]

Auf unsern Sumpfwiesen leben die kleinen Bernsteinschnecken, die mit

ihrer Blätternahrung öfter die Brut eines Saugwurms, des ~Urogonimus

macrostomus~, verschlucken und damit solchen lebenden Wurm als

Parasiten in den Leib bekommen. Dieser Wurm hat aber nicht den Trieb,

die Schnecke selbst innerlich auszufressen, sondern er erwartet, daß

sie von einem Vogel, etwa einem Rotkehlchen, gefressen werde, worauf

er im Vogeldarm wirklich bandwurmhaft saugen kann. Dabei aber liegt es

ebensosehr in seinem Interesse, daß die Schnecke nicht bloß _einmal_

so gefressen werde, denn dann käme er jedesmal nur in einen Vogel,

während seine Kraft tatsächlich langt, in solcher Schnecke schon

mehrere Generationen aus sich hervorzutreiben, die für verschiedene

Vögel reichten. Zu dem Ende stellt er an der Schnecke das sogenannte

„Leucochloridium“ her, eines der wunderbarsten Gebilde des gesamten

Naturkampfs. Er treibt nämlich je einen wurstartigen Schlauch, mit

junger Brut gefüllt, in jeden der beiden Fühler der Schnecke, der

diesen Fühler prall zum riesigen Kolben ausweitet, der die bunten

Ringel und den Kopf einer fetten Insektenmade vortäuscht und sich auch

in entsprechenden Windungen an der Schnecke bewegt (Abb. 6). Die Vögel

reißen die Dinger in der Tat als vermeintliche Leckerbissen solcher Art

ab und verschlucken sie, so mit dem Wurm in dieser Generation gesegnet,

während die Schnecke im ganzen davonkommt und auf Grund erstaunlicher

eigener Lebenszähigkeit bald die Verstümmelung ersetzt, -- worauf

der Wurm bandwurmhaft sprossend ein neues Leucochloridium baut und

einen neuen Vogel mit einer neuen Keimfracht seines Volkes täuschend

belädt. Und so fort bis zum natürlichen Altersende von Schnecke und

Wurm. Inmitten der Gewaltsamkeit des Kampfes treten hier offenbar neue

lehrreiche Züge hervor. Einerseits bei der Schnecke selbst: sie opfert

immer nur, wenn schon unter Gewalt und Verlust, einen _Teil_ von sich

auf, kommt aber dafür im ganzen davon. Viel bedeutsamer aber noch ist

das Verhalten des Wurms. In seinem Vorteil liegt es, die Schnecke

zwar immer wieder zu einem Opfer zu nötigen, aber zugleich auch zum

Zweck der Wiederholung zu erhalten. So erzwingt er das Teilopfer,

rettet sie aber grade dadurch im ganzen; denn durch den befriedigenden

Lockbissen des Leucochloridiums werden offensichtlich soundso viel

herumstöbernde hungrige Vögel abgehalten, die Schnecke ganz aus ihrem

Hause herauszufressen. Recht besehen, tritt auch hier bereits ein

merkwürdiges _Wechsel_verhältnis beider Teile inmitten einer scheinbar

noch wüsten Kampfbrutalität und Ausnutzung in Kraft: der Parasit hat

Vorteil vom Opfer, aber auch dieses Opfer zieht jenseits aller Roheit

des Eingriffs einen überwiegenden Vorteil vom Parasiten, indem er ihm

sein Leben im ganzen verlängert und es gleichsam dazu erzieht, durch

Aufgabe eines mehr oder minder überschüssigen Teils das Ganze zu retten.

[Illustration: Abb. 7. weiblicher Bitterling (~Rhodeus amarus~), der

mit Hilfe seiner Legeröhre ein Ei in eine lebende Malermuschel (~Unio

pictorum~) legt.]

Wir betrachten aber noch einen Fall. Ein kleiner hübscher Fisch

unserer Gewässer aus der Verwandtschaft der Karpfen, der im

Hochzeitskleid vielfarbig schillernde Bitterling, praktiziert mit Hilfe

einer langen Legeröhre seine Eier sehr geschickt in die bekannten

Malermuscheln (Abb. 7), wo in den Kiemen des lebendigen Muscheltiers

die junge Fischbrut auskommt, -- im äußern Bilde also wie Wespe zu

Raupe, nur daß sich diesmal die Jungfischchen mit der geschützten

Wiege im Fremdtier begnügen und nachher gänzlich harmlos wieder

ausschwärmen, ohne an der Muschel selber gefressen zu haben. Umgekehrt

aber klammert sich die Jungbrut der Muschel, wenn sie ausgeschwärmt

ist, an erwachsene Bitterlinge oder in Ermangelung andere Fische und

läßt sich von ihnen eine Weile herumtragen, bis sie einen guten Fleck

zum dauernden Neuansiedeln findet, -- wobei von ihr immerhin etwas,

aber auch in der Regel harmlos, vom Fisch gezapft wird. Diesmal ist

man wirklich schon nahezu über die Wasserscheide zwischen Kampf und

Frieden hinaus. Man könnte fast versucht sein, von dem zu reden, was

ein ebenfalls älteres Forscherwort „Synökie“ genannt hat (von ~oikos~

griechisch Haus): einfaches indifferentes Sicheinmieten eines Wesens

bei einem andern ohne Schaden des Wirtes. So sitzen am Seestrande die

allbekannten kleinen weißen Seepocken (in Wahrheit seßhafte Krebschen

in ihren Kalkhäuschen) auf den blauen Miesmuscheln auf, sich selbst

zur Bequemlichkeit, für die Muschel indifferent. Oder es geht der

sogenannte Schiffshalterfisch mit einer Kopfscheibe gleichsam angeklebt

am Bauch großer Haifische oder auch der Menschenschiffe friedlich mit

als einem kostenlosen Fahrzeug zweiten Grades, das den kleinen „blinden

Passagier“ gar nicht merkt. Immerhin ist bei der Muschel am Bitterling,

wie gesagt, noch eine geringe Selbstschröpfung auch des Trägers da,

aber es wäre ein leichtes, auch sie noch friedlicher umzudenken in

der Weise eben jenes Schiffshalters, der nicht mehr an seinem Fisch

körperlich saugt, wohl aber gern von den äußeren Nahrungsabfällen

des Großen profitiert. Das Interessanteste aber ist wieder die

Gegenseitigkeit der Hilfe: dem Fisch bietet die Muschel Unterschlupf

und er selber ihr Fahrgelegenheit. Die Sache ist auch hier noch nicht

ganz rein, sozusagen noch verzettelt; die Muschel kann gelegentlich

auch andere Fische benutzen als den Bitterling wieder selbst; aber man

fühlt, wie rasch diesmal ein ganz mathematisch klappender Fall auf ~do

ut des~ unter weitestem Friedensanschluß sich durch etwas dramatische

Zusammenschiebung auf Orts- und Zeiteinheit herausdenken ließe. Wenn

aber jeder schließlich reinen Vorteil vom Domizil am andern hat: wie

nahe läge auch hier irgend eine Mitverteidigung dieses gastlichen

Domizils durch ihn selbst? Manche selbst winzigen Fischchen schirmen

wütig ihr Nest, z. B. die Stichlinge: hier ist das Nest die Muschel,

warum also nicht sie ebenfalls schützen, wovon dann sie selbst wieder

den Dank ihrer Patenschaft hätte? Fast wundert man sich, daß es im

Beispiel nicht wirklich schon so ist. Und selbst von den Muscheljungen

am Fisch (den „Glochidien“, wie man sie zu nennen pflegt) ließe sich

zur Not so etwas aussinnen, wenn man sieht, wie sich gelegentlich

solche Mollusken (z. B. viele Schnecken) mit allerhand Stink- und

Farbsäften (der bekannte Purpur ist nur solche Schutztinte), ja im

äußersten Falle sogar mit richtiger ausgespritzter Schwefelsäure,

die auch dem heftigsten Angreifer des Fischs nicht genehm sein

könnte, verteidigen. Friedensschluß, Gegenseitigkeit, synökische

Sitzgelegenheit für den Unrast und ebensolche Wandermöglichkeit für

einen Sitzer, Nährabfall als bequemster Überschuß ohne Teilverlust am

Leibe selbst, Waffenaustausch: -- mit diesen Einzelstücken können wir

uns aber jetzt schon folgende Geschichte fast ganz aufbauen, soviel

eigene Besonderheit sie im üppigen Proteusspiel der Natur wieder haben

mag.

Jene Säureschnecken (es sind besonders die großen Tritonen, die so

Seeigel wie mit chemischen Stichflammen in ihrem Stachelpanzer

anbrennen und zersetzen) dürfen uns an ein anderes Tiervolk mit

allgemein solchem ähnlichen Höllenapparat erinnern. Das war ja eine

der schauerlichsten Vorstellungen alter Sage: der Lindwurm, der gegen

seinen Siegfried rotes Feuer spie, -- eine Vorstellung, bei der ich

in diesem Falle übrigens immer an die flammrote vorgeschnellte Zunge

unserer heute noch großen und einst in junger geologischer Zeit

riesigen Waraneidechsen habe denken müssen. Wenn auch nicht mit solchem

echten Feuer, so doch mit Ätzhauch zu arbeiten, ist aber wieder eine

wirkliche uralte Kampfpraxis der Natur. Der Bombardierkäfer macht

Angriffe mit knallender Salpetersäure, unsere roten Waldameisen gehen

mit hohen Garben Ameisensäure vor. In den kanülenhaft durchbohrten

und bei Berührung oben abbrechenden Schutzhaaren der Brennessel

wird das zum richtigen Giftdolch, in den Brenngift einfließt, und

wieder dessen tierischer Gipfel ist der ähnlich hohle und von

Giftspeichel durchströmte Mordzahn der Viper. Eng an die Brennessel

knüpfen zunächst nun als Naturtechniker ersten Ranges auf diesem

Gebiet auch die unmittelbar so genannten Nesseltiere (Cnidarien vom

griechischen Wort für Nessel) an, als Stamm auch als Cölenteraten und

Pflanzentiere, im engeren volkstümlicher als „Polypen“ bezeichnet,

wobei aber nicht der Polyp als Tintenfisch (der zu den Mollusken

zählt), sondern etwa unser kleiner grüner Süßwasserpolyp, die Hydra,

oder, im Anschluß daran, alle Seerosen, Korallen und Genossen, sowie

die auch wieder da hinein eng verschwisterten Quallen oder Medusen

gemeint sind. Die meisten dieser Polypentiere führen trotz echter

Tiernatur doch noch wieder ein pflanzenhaft seßhaftes Leben, und auch

die zwar frei schwimmenden Quallen (die ursprünglich übrigens alle

nur zeitweise zu Geschlechtszwecken abgelöste Sitzpolypen darstellen)

haben bei schutzlos weichem, größtenteils wasserdurchsetztem

Körper nur erst äußerst mangelhafte Selbstbestimmung. So taten

hier brennesselhafte Wehr- und Lähmwaffen besonders not, die bei

Fremdberührung gewissermaßen einen geheimen Zauberbann um die zarte

tierische Blüte zogen und in denen das einfache Nesselprinzip sich

dann mit dem Explosionsprinzip vereinigte. Auch diese Explosion,

allerdings die nicht feurige, kalte, ist ja eine alte Naturtechnik:

die wilde Balsamine, das „Kräutchen-rühr-mich-nicht-an“ unserer

Wälder, streut schon durch Spiralfederschuß seiner Schoten bei

Berührung seine Samenkörner herum, und die italienische Vexiergurke

schleudert durch eine ähnliche innere Federmechanik beim Abbrechen dem

Nichtsahnenden ihren ganzen Ekelinhalt weithin ins Gesicht. Am Polypen-

und Quallenkörper aber sitzen durchweg ungeheure Massen winziger

Kapseln, von denen jede eine Art solchen kleinen, aber mit Brennstoff

zugleich geladenen Explosivkörpers darstellt, bereit, ebenfalls

bei der Berührung oder schon bloßen Annäherung eines feindlichen

Fremdkörpers auf ein Nervenzeichen hin mit aller Wucht zu explodieren.

In zusammenfassendem Bilde (die Einzelmethoden schwanken je nach der

Art) kann der Hergang etwa so beschrieben werden, daß auf irgend einen

gröberen oder feinen, mechanischen oder chemischen Nervenreiz hin

auf der Spitze der Kapsel ein Deckelchen sich lüftet, worauf Wasser

(alles spielt sich ja im Wasser ab) in das Innere eindringt und dort

eine quellbare Gallertsubstanz zur elastischen Explosion bringt;

dadurch wird ein handschuhfingerartig hineingestülpter Schlauch mit

voller Gewalt ausgekrempelt und ausgestoßen, mit scharfen Dornen in

die Haut des Angreifers eingebohrt und nachgeschoben, während sich

gleichzeitig aus seinem Innern die konzentrierteste Brennflüssigkeit

in die Wunde ergießt. Die Verletzung ist höchst unangenehm, wie

vielleicht im kleinen mancher Leser aus dem Zusammentreffen mit einer

gewöhnlichen Qualle im Seebade weiß. Es gibt aber Riesenquallen

und große schwimmende Quallenkolonien (z. B. Physalia), die nackte

Schwimmer auf Tod und Leben so verbrennen können. Vielfach werden

die Giftkapseln von besonderen Sammelstellen entsandt, oder sie

können auch selber noch einmal an langen, über und über gespickten

Schleuderlassos sitzen, und ihre Macht ist einzeln furchtbar genug,

sich spielend selbst durch den harten Panzer eines Krebses zu ätzen. Wo

die Polypen- oder Quallentiere, wie es in diesem Reiche häufig Brauch,

zu größeren Familiengenossenschaften mit Arbeitsteilung der Geschwister

zusammenhalten, da tritt auch diese Verteidigung sinnreich in den

Verbandsdienst, indem sie besonderen Soldaten in der Kolonie einseitig

anvertraut wird. In vielköpfigem Gewimmel sitzt in solchem Falle etwa

ein Polypenvolk von in sich gleicher Art auf irgendeiner Unterlage

beisammen, alle auf diesem Fundament noch einmal durch ein besonderes

Wurzelgeflecht mit Kanalanschluß körperlich verknüpft. In diesem Kanal

wird eine gemeinsame Familiensuppe rund getrieben, die von einigen

besonders gierigen und maulbegabten „Freßpolypen“ für alle mit bereitet

wird. Daß aber das Ganze nicht von außen bedroht werde und zugleich

diesen „Familienmägen“ die nötigen Schlachtopfer zugewiesen werden

können, dafür sorgen in der sinnigen Berufsteilung die „Wehrpolypen“,

die, mit Kapseln wurfbereit ausgerüstet und gleichsam am ganzen eigenen

schlanken Leibe in solche Schleuderlassos verwandelt, ständig auf der

Lauer gegen Feinde oder zu lähmende unvorsichtige Beutetiere liegen.

Blumenschön und blumenhaft wehrlos, wie diese bunten, oft kristallhaft

durchsichtigen Nixenkinder in ihren Wassergründen erscheinen, bilden

sie doch mit dieser raffinierten Technik dort eine keineswegs zu

verachtende Großmacht des unteren Lebenskampfs.

Aber sonst leiden sie doch auch an mancherlei Übelständen der

Seßhaftigkeit. Vom freien Ortswechsel auf der Nahrungssuche, diesem

Obervorrecht sonst des Tieres, das doch nicht wirklich pflanzenhaft den

Boden am Fleck aussaugen kann, erscheint der Polyp, solange er sitzt,

leidig entfremdet. Wohl kann er seine Unterlage selbst gelegentlich

sinnreich verbessern, sich durch eigene mineralische Ausscheidung

sozusagen auf immer besseren Stuhl setzen, -- wie ja das hierher

gehörige üppige Tropenvolk der Korallen in vereinter Kraft seiner

Generationen durch solchen fort und fort nachwachsenden Kalkbau dem

Sinken eines ganzen Ozeanbodens Trotz zu bieten wagt. Dennoch müßte der

einzelnen Seerose oder solcher Polypenkolonie manchmal recht erwünscht

sein, wenn sie auch noch die Gabe des Märchens besäßen, den Fels, an

dem sie haften, nicht bloß aufwärts zu strecken, sondern wagerecht mit

ihnen fortkriechen zu machen. Und da mag es seit alters geschehen sein,

daß der Zufall nachhalf. Einzelne Kiesel, an die sich solche Seerose

im sonst schlecht faßbaren Schlick angeklammert, rollten im Flutspiel

ein Stück weit mit ihr dahin, oder ein leeres, leicht verschobenes

Schneckenhaus tat noch williger diesen passiven Dienst. Aber es geschah

auch, daß in diesem Haus von tierischer Arbeit noch die Erbauerin,

die Schnecke selbst, saß. Die Seerose war dann wieder Gast der

Hausbesitzerin in zunächst harmloser „Synökie“. Solcher Schnecke selbst

aber war nicht bloß zufälliger, sondern jederzeit selbstwilliger, wenn

auch langsamer Ortswechsel beschieden, bei dem sie alle Male jetzt den

blinden Passagier auf dem Dach ihrer schwerfälligen dicken Postkutsche

mitgehen ließ, oft jedenfalls neuen und besseren Fleischtöpfen zu,

die ja auch die Schnecke selbst, wenn sie zu den räuberischen ihrer

Sippe gehörte, aufsuchte. Noch heute beobachtet man vielfältig solche

Seerosen auf Schnecken, besonders den zur Anheftung hervorragend

geeigneten wulstigen Murexarten, zu denen die erwähnte sabbernde

echte Purpurschnecke gehört. Bereits im alten Fischbuch Gesners von

1558 finde ich solche von zwei Polypen berittene Purpurschnecke in

trefflichem Holzschnitt verewigt. Aber mit solchen Schneckenhäusern

hatte es da unten in der Nixentiefe noch eine besondere Bewandtnis.

Zu den leeren und den noch von der Meisterin selbst bewohnten Schalen

gibt es einen dritten, an sich auch allbekannten Möglichkeitsfall. Das

ist jetzt wieder ein großes Kapitel im Naturkampf: Tiere, die sich

selber mit Fremdmaterialien zweiter Hand verteidigen, anstatt bloß

mit eigenem Organ. So wirft der kleine Ameisenlöwe automatisch aus

seiner Grube mit Sand, und der Schützenfisch schießt nach Insekten

mit hochgeschnellten Wassertropfen. Immer hat diese Stufe etwas, das

bereits wie Vorspiel unserer menschlichen Werkzeugtechnik anmutet.

Hierher gehört aber auch, daß ein Tier in findigem Instinkt sich

den hinterlassenen Schutzpanzer eines andern zum eigenen Harnisch

überstülpt. Und daraus haben gewisse Krebse, Tiere mit verwickelten

Trieben wie auch nicht schlechter persönlicher Wahlintelligenz, bei

Schneckenhäusern seit alters eine Spezialität gemacht. Von grauen Tagen

an (die Spuren gehen wohl mindestens schon bis ins älteste Tertiär

der Erdgeschichte zurück) holt das Volk der Paguriden, der Bernhards-

oder Einsiedlerkrebse, sich durchweg solches leere Schneckenerbe,

stopft den Hinterleib hinein und nutzt den fremden Küraß noch zu dem

eigenen, wobei im Laufe der Dinge die Sitte bereits so fest geworden

ist, daß sie der findigen Diebsgesellen eigenen Körperbau beeinflußt,

den natürlichen Panzer wenigstens an dem so „hinten im Faß“ verwahrten

Hinterteil als Ballast beseitigt und das Krebsende zugleich selber

schneckenhaft in der Achse gedreht hat.

Schutz- und Trutzbündnisse in der Natur · 第 1 / 7 段