=Weil= die Sonnenstrahlen beim Durchgange durch das Wasser oder durch

das Glasprisma gebrochen und zwar, wenn die Kante des Prisma's nach

unten gekehrt ist, nach oben abgelenkt werden, zugleich aber, da sie

verschieden brechbar sind, auch eine verschiedene Ablenkung erfahren

und so in dem Bilde nicht mehr über, sondern neben einander erscheinen.

Die verschieden brechbaren Strahlen des Sonnenlichtes sind also

durch das Prisma getrennt oder zerstreut und erscheinen für sich als

besondere Farben: die violettem als die am stärksten brechbaren, zu

oberst, dann die blauen, die grünen, die gelben, die orangefarbigen

und endlich, als die am wenigsten brechbaren, die rothen. Wäre das

Licht einfach, so würde es auch beim Durchgange durch ein Prisma ein

kleines rundes Sonnenbild zeigen, nur an einer etwas höheren Stelle

der Wand, als wir es ohne das Prisma sehen. Daß dies prismatische

Farbenbild oder das Spectrum, wie man es auch nennt, aber nicht blos

an einer höheren Stelle, sondern auch in die Länge gezogen erscheint,

ist ein Beweis, daß das weiße Sonnenlicht aus verschiedenen Strahlen

besteht, deren jeder eine andere Brechung durch das Prisma erfährt. Daß

wirklich die Farben nur durch eine Trennung der verschieden brechbaren

Strahlen erzeugt werden, geht daraus hervor, daß, wenn man alle diese

farbigen Strahlen wieder durch ein zweites, entgegengesetzt, also

mit der Kante nach oben gekehrtes Prisma durchgehen läßt, welches

deren Vereinigung bewirkt, das Bild wieder weiß erscheint. Natürlich

muß diese Farbenzerstreuung überall eintreten, wo das Licht durch

durchsichtige Körper, seien es feste oder flüssige hindurchgeht,

sobald diese nicht von parallelen ebenen Flächen begrenzt werden, also

auch beim Durchgange durch ein Glas Wasser oder durch eine Glaslinse.

Das Farbenbild, welches die Glaslinse erzeugt, wird natürlich ein

ringförmiges sein müssen.

Der berühmte englische Physiker _Newton_ war es, der im Jahre 1666

zuerst die Farbenzerstreuung durch Versuche nachwies und aus der

verschiedenen Brechbarkeit der farbigen Strahlen erklärte.

=392. Warum= erblicken wir beim Durchsehen durch gute Fernröhre

keine farbigen Ränder, obgleich das Licht doch auch durch Glaslinsen

hindurchgeht?

=Weil= die Linsen in solchen Fernröhren keine gewöhnlichen, sondern

sogenannte achromatische Linsen sind, die aus zwei Glaslinsen

zusammengesetzt sind, einer erhabenen aus Crownglas und einer Hohllinse

aus Flintglas, welche in dieser Verbindung die Farbenzerstreuung völlig

aufheben, die Brechung aber, auf welcher die Erzeugung des Bildes im

Fernrohr beruht, bestehen lassen. Das Crownglas bricht nämlich das

Licht fast ebenso stark, wie das bleihaltige Flintglas, zerstreut aber

die Farben in viel geringerem Maße. Das durch ein Crownglas-Prisma

erzeugte Farbenbild erscheint also ziemlich an derselben Stelle,

wie das durch ein Flintglas-Prisma erzeugte, ist aber weniger in

die Länge gezogen. Verbindet man zwei Prismen von Crownglas und

Flintglas so, daß ihre brechenden Winkel eine entgegengesetzte Lage

haben, so erleidet der hindurchgehende Lichtstrahl entgegengesetzte

Brechungen und entgegengesetzte Farbenzerstreuungen. Giebt man dem

Crownglasprisma einen genügend größeren brechenden Winkel, so wird die

Farbenzerstreuung ganz aufgehoben, die Brechung aber nur zum Theil.

Ein solches zusammengesetztes Prisma hat also die Wirkung eines

einfachen mit kleinerem brechenden Winkel, ohne farbige Erscheinungen

hervorzurufen. Ganz dasselbe, was von Prismen gilt, muß aber auch

von Linsen gelten, da ein Lichtstrahl beim Durchgang durch eine

erhabene und eine Hohllinse gleichfalls entgegengesetzte Brechung und

Farbenzerstreuung erleidet.

Die Erfindung dieser für Fernröhre und Mikroskope außerordentlich

wichtigen achromatischen Linsen rührt von dem Engländer _Dollond_

(1757) her.

=393. Warum= funkeln Thautropfen in der Morgensonne oft in den

prachtvollsten Farben?

=Weil= die Thautropfen die durchgehenden Sonnenstrahlen stark brechen,

jeder Thautropfen aber bei einer bestimmten Stellung des Auges ihm

nur eine einzige Art farbiger Strahlen zusendet, während die übrigen

farbigen Strahlen so weit von dieser Richtung abweichen, daß sie

an dem Auge unbemerkt vorübergehen. Unter den vielen von der Sonne

beleuchteten Thautropfen erscheint also der eine dem Auge grün, der

andere niedriger befindliche violett, der dritte darüber roth, und so

bieten sich dem Auge die verschiedensten Farben dar, die mit jedem

Schritte wechseln müssen, da für jede andere Stellung des Auges jeder

Tropfen andersfarbige Lichtstrahlen ihm zusendet.

[Illustration: Fig. 95.]

=394. Warum= bildet sich ein farbiger Regenbogen, wenn die

Sonnenstrahlen eine regnende Wolke treffen, die der Sonne gegenüber

steht?

=Weil= die Sonnenstrahlen beim Eintritt in die Regentropfen gebrochen,

von ihrer dunkeln Hinterwand zurückgeworfen und bei ihrem Austritt

aus den Tropfen nochmals gebrochen und in farbige Strahlen zertheilt

werden, die in unser Auge gelangen, wenn wir so stehen, daß wir die

regnende Wolke vor uns, die Sonne im Rücken haben. Jeder Tropfen

sendet, wie der Thautropfen im Grase, bei einer bestimmten Stellung

des Auges ihm nur eine einzige Art farbiger Strahlen zu. In einer

umfangreichen Regenwolke finden sich aber Tropfen genug über einander,

um zusammen alle Regenbogenfarben zu zeigen. Von den höchsten Tropfen

kommen nur die untersten rothen Strahlen ins Auge, während die übrigen

daran vorbeigehen. Dagegen erscheinen die untersten Tropfen violett,

weil die übrigen, die blauen, grünen, gelben und rothen Strahlen das

Auge nicht treffen.

=395. Warum= hat der Regenbogen immer die Gestalt eines Kreisbogens?

=Weil= diejenigen Regentropfen, welche sich in derselben Farbe

darstellen lassen, offenbar gegen die Sonne und gegen das Auge

des Beobachters die gleiche Lage haben müssen, alle austretenden

rothen Strahlen also mit den Sonnenstrahlen denselben Winkel bilden

müssen, wenn nicht mit dem Winkel sich auch die Farbe ändern soll,

alle austretenden Strahlen aber zugleich die Richtung nach dem Auge

haben müssen, um wahrgenommen zu werden, eine solche Lage endlich

überhaupt nur die in einem Kreise liegenden Tropfen haben können.

Jeder Beobachter sieht daher immer nur seinen eigenen Regenbogen, und

eine von der Sonne durch das Auge des Beobachters gezogene grade Linie

trifft stets den Mittelpunkt des Kreises, dessen Theil der Regenbogen

ist. Eben deshalb hängt auch die Größe des Regenbogens vom Stande der

Sonne ab. Er bildet bei Sonnenauf- und Untergang einen vollständigen

Halbkreis und ist ein um so kleineres Stück des Kreises, je höher die

Sonne steht. Um Mittag sehen wir daher überhaupt keinen Regenbogen.

[Illustration: Fig. 96.]

=396. Warum= nehmen wir gewöhnlich über dem Hauptregenbogen noch einen

Nebenregenbogen wahr, der weniger lebhaft gefärbt ist, und in welchem

die Farben in umgekehrter Folge geordnet sind?

=Weil= die Sonnenstrahlen in höher gelegenen Regentropfen bisweilen

eine zweimalige Brechung und eine zweimalige Zurückwerfung erleiden,

so daß der am wenigsten abgelenkte Strahl der rothe ist und hier die

oberste Stelle einnimmt, während beim Hauptregenbogen die obersten

Strahlen, die aus jedem Tropfen kommen, violett sind. Von den obersten

Tropfen kommen aber auch hier die untersten, also die violetten, von

den untersten Tropfen die obersten Strahlen, die rothen, in das Auge.

Die Farben erscheinen also in der umgekehrten Ordnung; und daß sie

minder lebhaft sind, liegt an der Schwächung, welche das Licht durch

die zweimalige Zurückwerfung erleidet.

=397. Warum= zeigen uns die meisten Körper in der Natur eigenthümliche

Farben?

=Weil= alle nichtleuchtenden Körper uns nur dadurch sichtbar werden,

daß sie das auf sie fallende Licht zurückwerfen und in unser Auge

senden, die meisten Körper aber die Eigenschaft haben, das auf sie

fallende Licht an ihrer Oberfläche zu zersetzen und nur eine bestimmte

Art des farbigen Lichtes zurückzuwerfen, alle übrigen Farbenstrahlen

aber zu verschlucken. Rothe Körper werfen nur rothes, blaue nur blaues

Licht zurück.

=398. Warum= erscheinen uns manche Körper weiß, andere dagegen schwarz?

=Weil= jene die Eigenschaft haben, das weiße Sonnenlicht unzersetzt

zurückzuwerfen, diese dagegen fast gar kein Licht zurückwerfen und

darum lichtlos erscheinen. Schneeflächen blenden darum außerordentlich,

da sie kein Licht verschlucken, also fast alles auffallende Licht auch

wieder in das Auge gelangen lassen.

=399. Warum= können wir bei Lampen- oder Kerzenlicht manche Farben,

namentlich grüne oder blaue, so schwer unterscheiden?

=Weil= unsere Lampen- und Kerzenflammen vorzugsweise gelb gefärbt sind

und wenig blaues und grünes Licht enthalten, ein Körper aber nur das

Licht zurückstrahlen kann, welches er empfängt. Ein blauer Körper hat

aber die Eigenschaft, nur blaues Licht zurückzuwerfen, alles übrige zu

verschlucken. Empfängt er darum kein blaues Licht von der beleuchtenden

Flamme, so kann er überhaupt kein Licht zurückwerfen. Er erscheint

darum nur grau. Ebenso geht es aber dem grünen Körper. Beide senden

bei Kerzenbeleuchtung zu wenig Licht zurück, um ihre Farben deutlich

hervortreten zu lassen. Am besten können wir uns davon überzeugen, wenn

wir den Docht einer Spiritusflamme mit Salz einreiben. Die Flamme

derselben verbreitet dann fast nur gelbes Licht, und alle nicht gelb

oder weiß gefärbten Körper erscheinen in dieser Beleuchtung schmutzig

grau oder bei dunklerer Färbung fast schwarz.

=400. Warum= sehen wir, wenn wir ein Band von lebhaft rother Farbe

auf ein weißes Blatt Papier legen und dasselbe einige Zeit aufmerksam

betrachten, nach dem Wegnehmen desselben an seiner Stelle das Papier

grün?

=Weil= die Netzhaut unseres Auges durch den längere Zeit anhaltenden

Reiz des rothen Lichtes an Empfindlichkeit für dasselbe verloren

hat, und der Eindruck der übrigen farbigen, von der weißen Fläche

ausgehenden Strahlen nun um so lebhafter hervortritt, diese aber beim

Fehlen der rothen Farbe uns als grün erscheinen. Grün ist nämlich

die complementäre oder Ergänzungsfarbe zu Roth. Wenn man sämmtliche

farbige Strahlen des prismatischen Farbenbildes durch eine Sammellinse

vereinigt und nur die rothen Strahlen durch einen vorgesetzten Schirm

ausschließt, so erhält man nicht ein weißes, sondern ein grünes Bild.

Andre complementäre Farben sind Orange und Blau, Gelb und Violett.

Die erwähnte Erscheinung eines grünen Nachbildes von einem längere

Zeit betrachteten rothen Bande nennt man eine physiologische

Farbenerscheinung. Auf einer solchen beruhen auch die bläulichen

Schatten, welche erscheinen, wenn ein Zimmer gleichzeitig durch das

weiße Mondlicht und durch das gelbliche Licht einer Kerze erhellt wird.

=401. Warum= sieht der heitere Himmel blau aus?

=Weil= die Luft der Atmosphäre keineswegs völlig durchsichtig ist,

sondern einen Theil des Sonnenlichts und zwar vorzugsweise die blauen

Strahlen zurückwirft. Sonst würde der Himmel uns schwarz erscheinen,

und wir würden am Tage die Sterne sehen. Wirklich sieht man auch

in sehr bedeutenden Höhen den Himmel über sich dunkler. Nur die zu

Nebelbläschen verdichteten Wasserdämpfe bleichen bisweilen das Blau des

Himmels. Daher zeigt der Himmel bei uns das reinste Blau nach einem

Regen, wenn die Wasserdämpfe aus der Luft niedergeschlagen sind. Ebenso

ist der Himmel in südlichen Gegenden tiefer blau gefärbt als bei uns,

weil die Luft dort dunstfreier ist.

=402. Warum= erscheint der Himmel bei Sonnenauf- und Untergang

geröthet?

=Weil= bei Sonnenauf- und Untergang der Wasserdampf in der Luft sich zu

Nebelbläschen zu verdichten beginnt, und diese die Eigenschaft haben,

nur die orangerothen Strahlen des Sonnenlichtes hindurchzulassen. Am

prachtvollsten erscheint das Abendroth, wenn sich die Wasserdämpfe

erst in Folge der gegen Sonnenuntergang eintretenden Abkühlung des

Erdbodens zu verdichten beginnen, und die Sonnenstrahlen dann wegen

der tiefstehenden Sonne einen weiten Weg durch die entstehenden

Nebelbläschen zurückzulegen haben. Enthielt dagegen die Atmosphäre

schon zu viel Dämpfe, so daß sie sich vor Sonnenuntergang zu Nebeln

verdichteten, so zeigt sich nur ein mattes gelbes Abendroth, und man

hält dies mit Recht für einen Verboten baldigen Regens. Am Morgen

dagegen können die Dämpfe in der Regel erst aufsteigen, wenn die Sonne

bereits eine Zeit lang gewirkt hat. Die Sonne steht dann schon hoch,

und ihre Strahlen haben einen kürzeren Weg durch die von Nebelbläschen

erfüllten Schichten. Das Morgenroth ist daher weniger lebhaft als das

Abendroth. Nur wenn die Atmosphäre bereits so dampfreich war, daß

die Dämpfe trotz der aufgehenden Sonne in Nebelform übergingen, wird

ein prachtvolles Morgenroth wahrgenommen, das ebenso ein Vorbote von

Regenwetter ist, wie das matte Abendroth.

=403. Warum= ist das kleine runde Sonnenbild, das ein Lichtstrahl, der

durch eine sehr kleine Oeffnung in ein dunkles Zimmer tritt, auf einem

weißen Blatt Papier erzeugt, größer als die Oeffnung selbst?

=Weil= das Licht beim Durchgang durch die Oeffnung an den Rändern

derselben eine Ablenkung erfährt, die man Beugung nennt, und diese

abgelenkten Lichtstrahlen daher einen größeren Raum beleuchten müssen,

als von den in grader Linie fortgehenden Lichtstrahlen getroffen wird.

Die Lichtstrahlen sind nämlich Wellen oder Schwingungen, die beim

Vorübergehen an Rändern, ebenso wie die Wasserwellen, neue Wellen

erzeugen.

=404. Warum= zeigt die Perlmutter ein so prächtiges Farbenspiel?

=Weil= die Oberfläche der Perlmutter von zahlreichen, äußerst feinen

Furchen durchzogen ist, und das Licht beim Hindurchgehen durch diese

Furchen gebeugt wird, die durch die Beugung entstandenen Lichtwellen

aber sich mit den von der Oberfläche zurückgeworfenen kreuzen und daher

theils verstärken, theils schwächen. Diese Verstärkung oder Schwächung

kann aber nur eine Vermehrung oder Verminderung der Geschwindigkeit

sein, mit welcher die Aethertheilchen in den Lichtwellen schwingen.

Nun sind mit verschiedener Geschwindigkeit schwingende Aetherwellen

verschiedene Farben, grade wie mit verschiedener Geschwindigkeit

schwingende Luftwellen verschiedene Töne sind. Aehnliche

Farbenerscheinungen zeigen aus dieser Ursache auch die Flügel vieler

Insekten, und man kann sie künstlich hervorrufen, wenn man durch ein

feingewebtes Band nach einer Lichtflamme oder nach der Sonne sieht.

=405. Warum= spielen Seifenblasen in so wundervollen Farben?

=Weil= das Licht sowohl von der äußeren als von der inneren Fläche

der dünnen Seifenwasserschicht, welche die Seifenblase umschließt,

zurückgeworfen wird, die zurückgeworfenen Lichtwellen aber einander

begegnen und darum verstärken oder schwächen, also verschiedene Farben

hervorrufen. Da die Dicke der dünnen Seifenwasserschicht sich beständig

ändert, so sind es auch beständig andere Lichtwellen, die von der

innern Fläche zurückgeworfen werden, und darum müssen auch die durch

sie erzeugten Farben beständig wechseln. Auf diesem Zusammentreffen

verschiedener Lichtwellen, die, wie zusammentreffende Wasserwellen

höhere oder flachere Wellenberge erzeugen, so sich zu schnelleren oder

langsameren Schwingungen vereinigen, beruhen die Farbenerscheinungen

aller dünnen Blättchen, namentlich auch das bunte Anlaufen des Stahls,

das durch eine die Oberfläche desselben überziehende dünne Oxydschicht

bewirkt wird.

Magnetismus und Electricität.

Unter _Magnetismus_ versteht man die Eigenschaft gewisser

Körper, Eisen anzuziehen. Diejenigen Körper, welche diese

Anziehung oder magnetische Kraft schon im natürlichen Zustande

äußern, wie der in der Erde vorkommende Magneteisenstein,

heißen _natürliche Magnete_; diejenigen hingegen, welche erst

durch eine künstliche Behandlung diese Kraft erlangen, werden

_künstliche Magnete_ genannt. Zur Erzeugung künstlicher Magnete

eignet sich am besten der Stahl. Der Magnet zeigt nicht an

seiner ganzen Oberfläche die Eigenschaft, Eisen anzuziehen,

in gleichem Maße, sondern vorzugsweise an zwei einander

entgegengesetzten Stellen, die man seine _Pole_ nennt. Nähert

man den Pol eines Magneten einem andern Magneten, so zieht

er den einen Pol desselben an, stößt aber den andern ab. Da

die Erde selber ein großer Magnet ist, dessen Pole nahezu mit

ihren astronomischen Polen zusammenfallen, so wirkt auch sie

anziehend und abstoßend auf die Pole eines Magneten. Jeder

freischwebende Magnetstab (Magnetnadel) nimmt daher eine

bestimmte Lage an und zwar so, daß die eine Spitze nach Norden,

die andere nach Süden hinweist. Den nach Norden gerichteten Pol

eines Magneten nennt man darum seinen _Nordpol_, den anderen

seinen _Südpol_.

Manche Körper, besonders Harz, Glas, Schwefel, Hartgummi

(Ebonit), erlangen durch Reiben die Fähigkeit, leichte Körper,

wie Papierschnitzel, Kügelchen aus Kork oder Hollundermark,

in einiger Entfernung anzuziehen. Man nennt sie dann

electrisch und bezeichnet als Ursache dieser Anziehung die

_Electricität_. Diese electrische Anziehung unterscheidet

sich von der magnetischen dadurch, daß auf dieselbe sofort

eine Abstoßung folgt, was bei jener nicht stattfindet. Die

Electricität wird durch Berührung anderen Körpern mitgetheilt;

aber während manche Körper in diesem Falle nur an der berührten

Stelle electrisch werden, verbreitet sich die Electricität

bei anderen sogleich über die ganze Oberfläche. Man nennt

daher die letzteren _gute Leiter_, die ersteren _schlechte_

oder _Nichtleiter_ der Electricität. Seide, Glas, Harz sind

Nichtleiter, Metalle gute Leiter der Electricität. Nicht alle

Körper erhalten durch Reiben dieselbe Electricität. Berührt man

zwei an Seidenfäden aufgehängte Kügelchen aus Hollundermark mit

einem durch Reiben electrisch gemachten Glasstab, so werden

sie selbst electrisch und stoßen nun einander ab. Macht man

zwei andere Kügelchen durch Berührung mit einer geriebenen

Siegellackstange electrisch, so stoßen sie ebenfalls einander

ab. Nähert man aber eines der durch den Glasstab electrisch

gemachten Kügelchen einem der durch die Siegellackstange

electrisch gemachten, so ziehen sie einander lebhaft an. Sie

haben also beide eine andere, und zwar eine entgegengesetzte

Electricität empfangen, und man bezeichnet diese beiden Arten

von Electricität als _Glas-_ und _Harz-Electricität_, oder als

positive und negative. Körper, die gleichnamig electrisch oder,

wie man sagt, mit gleichnamiger Electricität _geladen_ sind,

stoßen einander ab; Körper, die ungleichnamige Electricität

enthalten, ziehen einander an.

Außer durch Reibung wird auch durch andere Ursachen

Electricität in den Körpern erregt, namentlich durch

gegenseitige Berührung verschiedenartiger Körper, besonders

verschiedener Metalle, und durch chemische Vorgänge. Die durch

Berührung erzeugte Electricität nennt man auch nach ihren

Entdeckern _galvanische_ oder _volta_'ische Electricität,

während man ihre Erscheinung unter dem Namen des _Galvanismus_

zusammenfaßt. Wenn zwei Metalle durch Berührung electrisch

werden, so zeigt das eine positive, das andre negative

Electricität. Ein und dasselbe Metall wird bald positiv,

bald negativ electrisch, je nachdem es mit dem einen oder

anderen Metall in Berührung kommt. Man kann daher alle Metalle

so in eine Reihe ordnen, daß jedes mit jedem vorangehenden

negativ, mit jedem folgenden positiv electrisch wird. Unter

den bekannteren Metallen ist das am stärksten positive das

Zink; dann folgen Blei, Zinn, Eisen, Kupfer, Silber, Gold,

Platin; der am meisten negative Körper ist die Kohle. Je

weiter zwei Metalle in dieser Reihe auseinander stehen,

um so kräftiger ist der Gegensatz der von ihnen erregten

Electricitäten oder ihre _electrische Spannung_. Zink und

Platin sind also eine kräftigere Electricitätsquelle als Zink

und Kupfer; aber Zink und Kohle bilden eine noch kräftigere.

Von der Stärke der electrischen Spannung hängt auch die Wirkung

der Electricität ab, die immer auf einer Ausgleichung der

electrischen Gegensätze beruht. Diese Ausgleichung erfolgt

_entweder_ unmittelbar durch Annäherung eines entgegengesetzt

electrischen Körpers und äußert sich dann in Erscheinungen der

Anziehung und Abstoßung, in Durchbohrung und Zertrümmerung

nichtleitender Körper, und in überspringenden Funken; _oder_

sie erfolgt durch Vermittelung eines leitenden Körpers, durch

welchen sich die Electricität gleichsam von einem Pole zum

andern bewegt. Diese Bewegung nennt man einen _electrischen

Strom_ und bezeichnet den vom positiven zum negativen Pole oder

vom Zink zum Kupfer gerichteten Strom als den _positiven_, den

entgegengesetzten als _negativen Strom_. Die Wirkungen dieses

Stromes sind theils physikalische, theils chemische, theils

physiologische. Er erzeugt Licht und Wärme, wie dies theils

die überspringenden Funken, theils das Erglühen und Schmelzen

selbst unter anderen Umständen sehr schwer schmelzbarer Stoffe

beweisen. Er zerfetzt ferner chemische Verbindungen, und es ist

bekanntlich mit seiner Hülfe zuerst gelungen, das Wasser in

seine Bestandtheile, Wasserstoff und Sauerstoff, zu zerlegen.

Er bringt heftige Erschütterungen, sogenannte _Schläge_, im

thierischen und menschlichen Körper hervor. Er erzeugt endlich

magnetische Wirkungen, indem er einerseits unmagnetisches Eisen

in Magnete verwandelt, andererseits frei beweglichen Magneten

eine bestimmte Richtung anweist. Auf diesen Wirkungen der

electrischen Ströme beruhen daher auch die meisten Anwendungen

der Electricität.

[Illustration: Fig. 97.]

=406. Warum= wird ein Eisenstab, den man mit dem Pole eines Magneten in

Berührung bringt, selbst magnetisch und zieht ebenfalls wieder Eisen an?

=Weil= in jedem Eisen von Natur bereits Magnetismus vorhanden ist,

die beiden Gegensätze desselben, der Nord- und Südmagnetismus, aber

einander darin das Gleichgewicht halten, bis durch Annäherung eines

Magnetpoles der eine dieser Magnetismen beschäftigt und der andere

dadurch frei und wirksam gemacht wird. Durch die Nähe oder Berührung

eines Magneten werden also im Eisen die natürlichen Magnetismen

vertheilt. War es der Südpol eines Magneten, welcher genähert wird,

so beschäftigt dieser den Nordmagnetismus des Eisens, und der

Südmagnetismus des Eisens wird am entgegengesetzten Ende desselben

wirksam. Das Eisen vermag daher, wenn es magnetisch geworden ist,

auch wieder anderes Eisen, das ihm genähert wird, magnetisch zu

machen. An den Pol eines Magneten hängen sich oft ganze Ketten von

Eisenfeilspähnen an, und ebenso kann man mehrere Schlüssel oder Nägel

an einander hängen. Diese vertheilende Wirkung übt der Magnet selbst

durch andere Körper hindurch. Auf einem Blatt Papier oder einem Brett

liegende Eisenfeilspähne werden durch einen darunter gehaltenen

Magneten bewegt.

[Illustration: Fig. 98.]

=407. Warum= giebt ein Magnet, wenn man ihn in der Mitte durchbricht,

zwei ganze Magnete?

=Weil= in einem Magneten die beiden magnetischen Kräfte nicht so von

einander getrennt sind, daß in der einen Hälfte aller Nordmagnetismus,

in der anderen aller Südmagnetismus angesammelt wäre, sondern vielmehr

in jedem Theilchen des Magnets beide Magnetismen vorhanden und nur so

getrennt sind, daß in allen Theilchen der südliche Magnetismus nach

der einen, der nördliche nach der andern Seite hin liegt. So lange die

Theilchen einander berühren, heben Nord- und Südmagnetismus an der

Berührungsstelle einander auf. Sobald sie getrennt werden, treten auch

an ihren Enden die Gegensätze wieder hervor. Man kann daher einen

Magneten in beliebige Stücke zerbrechen, von denen jedes wieder seinen

Nord- und Südpol zeigen wird.

=408. Warum= kann man einen Stahlstab durch Bestreichen mit einem

Magneten dauernd magnetisch machen, während weiches Eisen seine

magnetische Kraft sehr schnell wieder verliert?

=Weil= der Stahl der Trennung beider Magnetismen zwar einen weit

kräftigeren Widerstand entgegensetzt, als weiches Eisen, aber auch

ebenso hartnäckig der Wiedervereinigung beider Magnetismen widerstrebt,

wenn die Trennung einmal eingetreten ist. Da der Stahl also sehr schwer

magnetisch wird und die magnetische Vertheilung also nur nach und nach,

und nur an den Stellen erfolgt, welche von dem Magneten berührt werden,

so muß man den Magneten wiederholt mit allen Stellen des Stahlstabes in

Berührung bringen, wenn er magnetisch werden soll. Dies geschieht am

besten, wenn man ihn mit dem Magneten mehrmals streicht und zwar so,

daß man die eine Hälfte des Stahlstabes von der Mitte aus stets mit dem

Nordpol, die andere stets mit dem Südpol des Magneten streicht. Auf

diese Weise erhält man künstliche Magnete.

[Illustration: Fig. 99.]

=409. Warum= giebt man künstlichen Magneten gern die Form eines

Hufeisens?

Warum und Weil. Physikalischer Teil. Fragen und Antworten aus den wichtigsten Gebieten der gesammten Naturlehre. · 第 15 / 18 段