abgeschossenen Gewehres, ehe wir den Knall hören?
=Weil= das Licht eine weit größere Geschwindigkeit als der Schall
besitzt. Beide beruhen zwar auf Bewegungen, die gleichzeitig von dem
Gegenstande ausgehen, der die Erscheinungen hervorruft, also von
dem entzündeten Pulver des Gewehrs. Beide Bewegungen müssen sich
auch bis zu uns fortpflanzen, um von unserm Ohr und Auge empfunden
zu werden. Aber der Schall pflanzt sich nur langsam fort, während
die Geschwindigkeit des Lichtes so groß ist, daß sie für irdische
Entfernungen nur mit den künstlichsten Mitteln gemessen werden kann.
Für eine Strecke von 300 Metern braucht der Schall fast eine Sekunde,
das Licht aber nur den millionsten Theil einer Sekunde.
[Illustration: Fig. 63.]
=349. Warum= können wir in der Nähe einer Kerzenflamme die Schrift
eines Buches lesen, in einiger Entfernung aber nicht?
=Weil= die Stärke der Beleuchtung, wie überhaupt jeder Wirkung, die
sich von einem Punkte aus gleichmäßig nach allen Seiten verbreitet, mit
der Entfernung abnimmt, und zwar in demselben Verhältniß, in welchem
die Fläche wächst, über welche sie sich verbreitet. In der doppelten
Entfernung ist die Fläche, welche die gesammte Lichtmenge empfängt,
4mal, in der dreifachen Entfernung 9mal so groß, und es empfängt darum
eine Fläche von bestimmter Größe, etwa ein Blatt Papier, von dem wir
lesen wollen, in der dreifachen Entfernung auch nur ein 9mal geringeres
Licht, erscheint uns also 9mal weniger hell.
=350. Warum= sehen wir durch die Scheiben unserer Fenster die draußen
befindlichen Gegenstände?
=Weil= die Glasscheiben durchsichtig sind, d. h. das von den draußen
befindlichen Gegenständen kommende Licht ungehindert durch sich
hindurch zu unserm Auge gelangen lassen. Vollkommen durchsichtig ist
aber auch das Glas nicht; sehr dicke Glasplatten halten vielmehr einen
großen Theil des Lichtes zurück und lassen uns darum die Gegenstände
nur undeutlich erkennen. Ebenso sind Luft und Wasser nicht vollkommen
durchsichtig. In tiefen Seen kann man nicht bis auf den Grund
sehen, wenn auch das Wasser noch so klar ist. Wäre die Luft völlig
durchsichtig, so würde uns der Himmel nicht blau, sondern schwarz
erscheinen, und wir würden jeden, auch den fernsten Gegenstand sehen,
sobald er nur im Bereich unserer Augen wäre.
=351. Warum= sehen wir dunkle, d. h. nicht selbstleuchtende Körper,
wenn sie beleuchtet werden, und sich in unserm Gesichtskreise befinden?
=Weil= alle Körper die auf ihre Oberfläche fallenden Lichtstrahlen
anderer selbstleuchtender Körper zurückwerfen, und diese
zurückgeworfenen Lichtstrahlen in unser Auge gelangen und hier den
Eindruck eines Bildes des beleuchteten Körpers erzeugen. Nur wenn ein
anderer undurchsichtiger Körper den beleuchteten Gegenstand bedeckt, d.
h. zwischen ihn und unser Auge tritt, können wir ihn nicht sehen, weil
der verdeckende Körper keinen der zurückgeworfenen Lichtstrahlen in
unser Auge gelangen läßt.
[Illustration: Fig. 64.]
=352. Warum= wirft ein undurchsichtiger Körper, wenn er beleuchtet
wird, einen Schatten hinter sich?
=Weil= der undurchsichtige Körper den sich nur in grader Linie
bewegenden Lichtstrahlen den Weg versperrt und sie daher verhindert,
in den hinter ihm befindlichen Raum zu gelangen, so daß dieser
Raum unbeleuchtet bleibt und dunkel erscheint. Den unbeleuchteten
Raum hinter einem beleuchteten und undurchsichtigen Körper nennen
wir Schatten. Die Lage des Schattens ist abhängig von der Lage des
leuchtenden und des schattengebenden Körpers. Er bewegt sich, wenn
sich einer dieser Körper bewegt, und ist um so kleiner, je größer
die Entfernung zwischen beiden, und je senkrechter das Licht auf den
schattengebenden Körper fällt. Die Gestalt des Schattens ist nur von
der Gestalt und Lage des schattengebenden Körpers abhängig. Daher
erscheint der Schatten einer Kugel auf einer gegen die Lichtstrahlen
senkrechten Fläche stets kreisrund. Solche runde Schatten werfen auch
die nicht selbstleuchtenden Himmelskörper hinter sich, und es erklären
sich daraus die Sonnen- und Mondfinsternisse. Bei den letzteren
befindet sich der Mond im Schatten der Erde, bei den ersteren die Erde
im Schatten des Mondes. Wenn der leuchtende Körper größer ist als der
beleuchtete, so ist der eigentliche Schatten oder der Kernschatten,
welcher gar kein Licht empfängt, noch von einem weniger dunklen Raume,
dem Halbschatten, umgeben, welcher nur von einem Theile des leuchtenden
Körpers Licht erhält. Bei einer partialen Sonnenfinsterniß steht die
Erde nur im Halbschatten des Mondes.
=353. Warum= sehen wir im Spiegel unser Bild?
=Weil= die von der dem Spiegel zugewandten Seite unseres Körpers
zurückgeworfenen Lichtstrahlen, wenn sie auf den Spiegel fallen, durch
das durchsichtige Glas hindurchgehen, von der dahinter befindlichen
undurchsichtigen Belegung (Folie) aber wieder zurückgeworfen werden
und gerade so in unser Auge gelangen, als ob sie von einem hinter dem
Spiegel befindlichen, uns gleichen Bilde ausgegangen wären.
[Illustration: Fig. 65.]
=354. Warum= sehen wir das Bild eines Gegenstandes in einem Spiegel
genau so weit _hinter_ demselben, als der Gegenstand sich _vor_
demselben befindet?
=Weil= alle Lichtstrahlen, welche von einem leuchtenden Punkte
ausgehen, von einer Spiegelfläche genau unter demselben Winkel
zurückgeworfen werden, unter welchem sie auffallen, diese
zurückgeworfenen Strahlen aber darum auch in ihrer Verlängerung sich in
einem Punkte vereinigen müssen, der genau so weit hinter dem Spiegel
liegt, als der leuchtende Punkt vor demselben. Die zurückgeworfenen
Strahlen, welche in das Auge gelangen, machen daher auf dasselbe den
Eindruck, als ob sie von jenem Vereinigungspunkte hinter dem Spiegel
herkämen, da es gewohnt ist, die Ursache der Lichtempfindung in
der Richtung der Lichtstrahlen zu suchen. Diesen Vereinigungspunkt
der zurückgeworfenen Lichtstrahlen nennt man daher das Bild des
leuchtenden Punktes. Jeder Punkt eines Gegenstandes aber erzeugt sein
Bild hinter dem Spiegel und zwar in derselben Entfernung, in welcher
er vor demselben sich befindet. Alle Punkte zusammen bilden aber die
Oberfläche des gespiegelten Gegenstandes und alle diesen Punkten
entsprechenden Bilder das Gesammtbild desselben. Dieses Gesammtbild
des Gegenstandes muß also auch genau in derselben Entfernung hinter
dem Spiegel erscheinen, in welcher der Gegenstand vor demselben sich
befindet. Ebenso ist es in Gestalt und Größe demselben gleich.
[Illustration: Fig. 66.]
=355. Warum= sind dünne Glasspiegel besser als dicke?
=Weil= nicht blos die hintere Belegung, sondern auch die vordere Fläche
des Glases spiegelt, besonders wenn man schief darauf sieht, und daher
doppelte Bilder entstehen, die einander verwirren und das Gesammtbild
undeutlich machen. Der Abstand dieser doppelten Bilder von einander
muß natürlich stets der doppelten Dicke des Glases gleich sein. Je
dicker das Glas, desto deutlicher werden die doppelten Bilder und desto
störender wirken sie. Die besten Spiegel sind daher Metallspiegel, da
diese nur einfache Bilder geben können.
=356. Warum= können wir eine vollkommen gute Spiegelfläche gar nicht
sehen?
=Weil= alles Licht, welches eine Spiegelfläche empfängt, so
zurückgeworfen wird, daß sich die von jedem Punkte des beleuchtenden
Körpers ausgehenden Strahlen wieder in einem Punkte hinter der
Spiegelfläche schneiden, wir also nur _hinter_ der Spiegelfläche
leuchtende Punkte, nämlich die Bilder der beleuchtenden Punkte und
nicht die Spiegelfläche selbst sehen.
=357. Warum= geben nichtpolirte, wenn auch ebene Körper keine
Spiegelbilder?
=Weil= eine solche nichtpolirte Ebene eine Menge kleiner Unebenheiten
besitzt, welche die von einem Punkte ausgehenden Strahlen unregelmäßig
zurückwerfen müssen, so daß sie sich nicht wieder in einem Punkte
hinter der ebenen Fläche vereinigen, also auch kein Bild des Punktes
erzeugen können. Statt des Bildes des beleuchtenden Gegenstandes sehen
wir vielmehr die beleuchtete Fläche selbst. Da nämlich jeder Punkt der
Fläche von unendlich vielen leuchtenden Punkten Licht erhält und dieses
zurückwirft, so müssen auch von jedem Punkte der Fläche unendlich viele
Strahlen nach allen Richtungen ausgehen, so daß wir jeden Punkt der
Fläche sehen. Solches unregelmäßig zurückgeworfene Licht, welches uns
die nichtpolirten oder nicht spiegelnden Flächen sichtbar macht, nennt
man auch zerstreutes Licht.
[Illustration: Fig. 67.]
=358. Warum= werden in einem Guckkasten die am Boden desselben
liegenden Bilder aufrecht gesehen? (Fig. 67.)
=Weil= diese Bilder, ehe sie durch das Vergrößerungsglas zum Auge
gelangen, erst von einem unter 45° geneigten Spiegel zurückgeworfen,
und deshalb alle Punkte desselben von dem Auge genau so weit hinter den
Spiegel verlegt werden, als sie sich vor demselben befinden. Die von
den Endpunkten des Pfeils ~AB~ ausgehenden Lichtstrahlen, welche den
Spiegel in ~x~ und ~s~ treffen, werden so zurückgeworfen, daß das Auge
den Pfeil in ~ab~ zu sehen glaubt.
=359. Warum= sieht man in einer sogenannten Spiegelkammer einen
einzelnen Gegenstand, etwa einen Schwan, ringsum hundertfach
vervielfältigt?
=Weil= diese Spiegelkammer aus parallelen Spiegeln besteht, deren
jeder das Spiegelbild des andern wiederspiegelt und dies mit jedem
Spiegelbilde so lange wiederholt, bis die geschwächte Helligkeit die
Wahrnehmung der Bilder verhindert.
[Illustration: Fig. 68.]
=360. Warum= erblickt man in einem Kaleidoskop so schöne, beim
Schütteln des Instruments sich beständig verändernde sternförmige
Gruppirungen? (Fig. 68.)
=Weil= am Ende der Röhre des Kaleidoskops zwei unter einem gewissen
Winkel gegen einander geneigte Spiegel befestigt sind, und die
dazwischen befindlichen kleinen Gegenstände, etwa Moos- und
Glasstückchen, von diesen wiederholt gespiegelt werden, und zwar so
oft, daß, unter Mitrechnung der Gegenstände selbst, genau so viel
Bilder erscheinen, als der Neigungswinkel der Spiegel in 360° enthalten
ist. Beträgt der Neigungswinkel 45°, so sieht man 8 Bilder, und zwar
symmetrisch gruppirt.
[Illustration: Fig. 69.]
=361. Warum= kann man mit Hülfe eines Hohlspiegels, den man gegen die
Sonne richtet, brennbare Körper entzünden?
=Weil= ein Hohlspiegel, d. h. ein an seiner inneren Fläche polirtes
Stück einer Kugelschale, alle auf ihn fallenden Licht- und
Wärmestrahlen der Sonne so zurückwirft, daß sie sich in einem Punkte
vor dem Spiegel vereinigen und hier natürlich eine erhöhte Wärmewirkung
äußern. Doch geschieht dies nur dann, wenn die Lichtstrahlen
untereinander parallel auffallen, wie es bei den Sonnenstrahlen, der
ungeheuren Entfernung der Sonne wegen, der Fall ist, und wenn sie
zugleich in der Richtung der Axe des Hohlspiegels, d. h. senkrecht auf
die Mitte desselben einfallen. Der Punkt, in welchem die Vereinigung
der Strahlen und ihre erhöhte Wärmewirkung stattfindet, heißt der
_Brennpunkt_. Er liegt bei einem kugelförmig gekrümmten Spiegel in der
Achse und zwar in der Mitte zwischen dem Mittelpunkt der Kugel und
dem Mittelpunkt des Spiegels. Sein Abstand von dem Spiegel heißt die
_Brennweite_.
=362. Warum= pflegt man Laternen und namentlich Wandleuchter mit
Blenden zu versehen?
=Weil= man beabsichtigt, die sonst von der Flamme nach allen Richtungen
hin auseinander fahrenden Lichtstrahlen nach einer bestimmten Richtung
zusammenzuhalten, die Blenden aber, die nichts anderes als Hohlspiegel
sind, ebensowohl alle parallel mit der Achse auffallenden Lichtstrahlen
im Brennpunkt vereinigen, als auch umgekehrt alle aus dem Brennpunkt
herkommenden Strahlen parallel mit der Achse zurückwerfen. Die Flamme
muß sich also bei solchen Laternen oder Wandleuchtern stets genau im
Brennpunkt des Hohlspiegels oder der Blende befinden, wenn alle ihre
Lichtstrahlen in einer bestimmten Richtung zusammengehalten werden und
so den Zweck einer erhöhten Beleuchtung erfüllen sollen.
[Illustration: Fig. 70.]
=363. Warum= erscheinen bei Hohlspiegeln die Bilder der Gegenstände
nicht immer hinter dem Spiegel, wie bei ebenen Spiegeln?
=Weil= auch in einem Hohlspiegel das Bild eines leuchtenden Punktes
-- und darum auch eines Gegenstandes -- nur dadurch entstehen kann,
daß die von dem leuchtenden Punkte ausgehenden Strahlen vom Spiegel
zurückgeworfen, und die zurückgeworfenen Strahlen in einem Punkte
vereinigt werden, diese Vereinigung aber bei dem Hohlspiegel stets
vor dem Spiegel stattfindet, sobald der leuchtende Punkt weiter
als der Brennpunkt des Spiegels entfernt ist. Während also bei dem
ebenen Spiegel das Bild nur darum hinter dem Spiegel erscheint, weil
das Auge, indem es die zurückgeworfenen Strahlen verfolgt, ihre
Vereinigung hinter den Spiegel zu versetzen gezwungen ist, kommt hier
das Bild wirklich vor dem Spiegel, also im unmittelbaren Bereich
des Auges zu Stande. Ein solches Bild schwebt gleichsam in der Luft
und kann wirklich sichtbar gemacht werden, wenn man es auf einer
durchscheinenden matten Glasscheibe, oder Oelpapier, oder selbst Rauch-
oder Nebelwolken auffängt. Bei sehr großen Hohlspiegeln zeigen sich
die Bilder selbst ganz frei in der Luft und werden daher von Gauklern
häufig zu Geistererscheinungen benutzt. Diese Bilder sind stets
verkehrt, weil die von den oberen Theilen des Gegenstandes kommenden
Lichtstrahlen vom Spiegel nach unten, die von den unteren Theilen
kommenden nach oben zurückgeworfen werden. Sie sind ferner bei größerer
Entfernung des Gegenstandes verkleinert, bei größerer Nähe vergrößert
und erscheinen im ersteren Falle näher, im letzteren Falle entfernter.
Nur wenn ein Gegenstand sich zwischen dem Spiegel und seinem Brennpunkt
befindet, sieht man sein Bild hinter dem Spiegel und zwar aufrecht, wie
beim ebenen Spiegel, aber zugleich vergrößert in Folge der Krümmung der
spiegelnden Fläche.
=364. Warum= zeigen die spiegelnden Glaskugeln in Gärten zwar stets ein
aufrechtes, aber zugleich verkleinertes Bild der Umgebung?
=Weil= die von einem Gegenstande auf solche spiegelnde Glaskugeln, wie
überhaupt auf erhaben gekrümmte Spiegelflächen fallenden Lichtstrahlen,
wenn sie zurückgeworfen werden, auseinander gehen und sich zwar auch
hinter dem Spiegel, aber weit schneller vereinigen müssen, als bei
einem ebenen Spiegel. Die Bilder erscheinen wegen dieser früheren
Vereinigung der zurückgeworfenen Lichtstrahlen kleiner als die
Gegenstände, und zwar um so kleiner, je weiter die Gegenstände entfernt
sind. Da die Gegenstände einer Landschaft aber sehr verschiedene
Entfernungen haben, so erscheinen auch ihre Bilder sehr verschieden
verkleinert, und das Gesammtbild einer Landschaft auf einer solchen
Glaskugel ist darum stets ein verzerrtes.
[Illustration: Fig. 71.]
=365. Warum= erscheinen klare Gewässer, deren Grund man sehen kann,
weniger tief, als sie wirklich sind?
=Weil= die Lichtstrahlen, wenn sie aus dem Wasser in die Luft, also
in ein Mittel von ganz verschiedener Dichtigkeit übergehen, von ihrem
Wege abgelenkt werden und so in unser Auge gelangen, als ob sie von
ganz anderen, höher gelegenen Punkten herkämen. Da wir aber gewohnt
sind, die Körper uns da zu denken, von wo ihre Lichtstrahlen herkommen,
so erscheint uns der Grund des Wassers höher, als er wirklich ist.
Darum scheinen auch Fische in klarem Wasser der Oberfläche näher zu
schwimmen, als wirklich der Fall ist. Ebenso scheint ein Geldstück auf
dem Boden eines Glases gehoben zu werden, wenn wir Wasser in das Glas
gießen. (Fig. 71.)
[Illustration: Fig. 72.]
=366. Warum= scheint ein Stab, den wir zum Theil in Wasser tauchen, z.
B. ein schräg in das Wasser gestemmtes Ruder, gebrochen zu sein?
=Weil= wir nur den außerhalb des Wassers befindlichen Theil des Stabes
da sehen, wo er sich wirklich befindet, die von dem unter das Wasser
getauchten Theile zurückgeworfenen Lichtstrahlen aber beim Uebergange
in die Luft abgelenkt oder, wie man sagt, gebrochen werden und uns
daher diesen Theil des Stabes an einem andern Orte, und zwar etwas
höher erscheinen lassen, als er sich wirklich befindet. Der Stab kann
von uns also nicht mehr als gradliniger gesehen werden, sondern muß an
der Grenze zwischen Wasser und Luft geknickt oder gebrochen erscheinen.
[Illustration: Fig. 73.]
=367. Warum= sehen wir die Sonne bei ihrem Aufgang, noch ehe sie
wirklich über den Horizont aufgetaucht ist?
[Illustration: Fig. 74.]
=Weil= die Sonnenstrahlen, wenn sie durch unsere Atmosphäre gehen, aus
den dünneren Schichten der obern Regionen in immer dichtere der unteren
übergehen und dabei aus ihrer ursprünglichen Richtung abgelenkt oder
gebrochen werden, so daß wir die Sonne nicht mehr an ihrem wahren Orte,
sondern an einem anderen und zwar, wie wir sogleich sehen werden, höher
gelegenen Orte, auf welchen die Richtung der in unser Auge gelangenden
Lichtstrahlen hinweist, erblicken müssen. Wenn nämlich Lichtstrahlen
aus einem dichteren Mittel in ein dünneres, also aus Wasser in Luft
übergehen, so werden sie noch mehr von der senkrechten Richtung
abgelenkt, oder, wie man sagt, _vom_ Einfallsloth _hinweg_ gebrochen
(Fig. 74). Wenn sie aber von einem dünneren Mittel in ein dichteres,
also etwa aus dünneren Luftschichten in dichtere übergehen, so werden
sie dem Einfallsloth genähert oder _zum_ Einfallsloth gebrochen. Das
Letztere findet nun bei der aufgehenden Sonne statt. Ihre Strahlen
gelangen daher weniger schräg in unser Auge, als sie in die Atmosphäre
gelangt sind, lassen also die Sonne an einem höheren Orte erscheinen,
als sie wirklich sich befindet, und machen sie uns sogar sichtbar, wenn
sie noch unter dem Horizonte steht.
=368. Warum= scheinen die Gegenstände zu zittern, wenn wir sie über ein
von der Sonne stark erwärmtes Dach hinweg sehen?
=Weil= in Folge der Erhitzung ungleich dichte Luftschichten über dem
Dache entstehen, die in Folge dessen in Bewegung gerathen, so daß die
Lichtstrahlen, welche durch sie hindurchgehen, bald mehr, bald weniger
gebrochen werden, und daher in beständig wechselnden Richtungen in
unser Auge gelangen, welches nun die Gegenstände selbst beständig ihren
Ort wechseln sieht und dadurch den Eindruck des Zitterns erhält.
=369. Warum= sehen wir die Fixsterne funkeln, während die Planeten ein
ruhiges Licht behaupten?
=Weil= bei dem außerordentlich kleinen scheinbaren Durchmesser der
Fixsterne schon die geringste Veränderung in der Strahlenbrechung, wie
sie nothwendig mit der beständigen Bewegung dichterer und dünnerer
Luftschichten in der Atmosphäre verbunden ist, eine scheinbare
Veränderung ihres Orts, also ein Hin- und Herschwanken bewirkt. Die
Planeten aber behalten ihr ruhiges, klares Licht, weil ihr scheinbarer
Durchmesser größer ist, als die stärkste Veränderung, welche der
augenblickliche Wechsel in der Strahlenbrechung zu bewirken vermag.
[Illustration: Fig. 75.]
=370. Warum= erscheint ein leeres Probirgläschen, das wir schief in
ein Glas Wasser tauchen, nicht mehr durchsichtig, sondern gleichsam
metallisch glänzend, als ob Quecksilber darin wäre, wenn wir von oben
her darauf blicken?
=Weil= die Lichtstrahlen, wenn sie sehr schief auf die Grenzfläche
zweier verschieden dichten Mittel auffallen, nicht mehr gebrochen,
sondern zurückgeworfen werden. Dasjenige Mittel also, durch welches
die Lichtstrahlen nicht mehr hindurchgehen, hier das lufterfüllte
Probirgläschen, erscheint nicht mehr durchsichtig, sondern spiegelnd.
Aus demselben Grunde sieht man auch kleine Luftbläschen im Wasser oft
als glänzende, fast undurchsichtige Perlen, und ebenso werden durch
diese Spiegelung Sprünge in Gläsern sichtbar gemacht. Man nennt diese
Erscheinung die vollkommene Zurückwerfung oder totale Reflexion.
=371. Warum= ist der Schnee undurchsichtig, während doch die kleinen
Eiskrystalle, aus denen er besteht, für sich so vollkommen durchsichtig
sind?
=Weil= das Licht beim Durchgange durch die vielen lufterfüllten
Zwischenräume, welche sich zwischen den einzelnen Schneekrystallen
befinden, eine Schwächung erleidet, so daß die auf den Schnee
auffallenden Lichtstrahlen nicht durch den Schnee hindurchgehen,
sondern zurückgeworfen werden. Sie erleiden an der Grenzfläche zwischen
Luft und Wasser jene totale Reflexion. Aus demselben Grunde wird auch
der Schaum schleimiger Flüssigkeiten und das Pulver zermahlenen Glases
undurchsichtig. Wenn man aber Wasser auf Schnee oder Glaspulver gießt,
so wird die Durchsichtigkeit wieder hergestellt. Das Wasser tritt dann
an die Stelle der das Licht aufhaltenden Luftbläschen, und das Licht
kann nun ungeschwächt von den Körpertheilchen zur Flüssigkeit und
von dieser wieder zu den Körpertheilchen übergehen. Papier wird aus
demselben Grunde durchscheinend, wenn es mit Oel getränkt wird.
[Illustration: Fig. 76.]
=372. Warum= sehen wir durch eine ebene Glasscheibe, etwa eine
Fensterscheibe, die Gegenstände nicht gebrochen und auch nicht merklich
verschoben oder verzerrt?
=Weil= die Lichtstrahlen zwar beim Durchgange durch das Glas gebrochen
werden, beim Austritt in die Luft aber eine zweite Brechung im
entgegengesetzten Sinne erleiden, so daß die ablenkende Wirkung der
ersten Brechung durch die zweite wieder aufgehoben wird. Gerade soviel
als die Lichtstrahlen beim Uebergange aus dem dünneren Mittel in das
dichtere (aus der Luft in das Glas) zum Einfallsloth gebrochen werden,
gerade soviel werden sie beim Eintritt aus dem dichteren Mittel in das
dünnere (aus dem Glase in die Luft) wieder vom Einfallsloth abgelenkt.
Die austretenden Lichtstrahlen sind also den einfallenden parallel, und
die einzige Wirkung der Glasscheibe ist daher eine geringe Verschiebung
des Ortes, an welchem man den Gegenstand erblickt, die aber nur bei
sehr dicken Scheiben und nur, wenn man sehr schief hindurchsieht,
bemerkbar werden kann.
[Illustration: Fig. 77.]
=373. Warum= sieht man durch ein dreiseitiges Glasprisma die
Gegenstände nicht an ihrem wirklichen Orte, sondern bedeutend höher
oder tiefer?
=Weil= der Weg, den ein gebrochener Lichtstrahl nimmt, von dem Winkel
abhängig ist, unter welchem er auf die Grenzfläche zweier verschiedener
Mittel trifft, und der aus- und eintretende Strahl daher auch nur
dann parallel sein können, wenn die Grenzflächen, an welchen der
Strahl aus- und eintritt, parallel sind. Wenn sie daher gegen einander
geneigt sind, wie bei einem dreiseitigen Prisma, so muß der austretende
Lichtstrahl eine ganz andere Richtung haben als der eintretende, und
zwar muß er nach oben abgelenkt sein, wenn die Kante des Prisma's nach
unten gerichtet ist, und umgekehrt nach unten, wenn die Kante des
Prisma's sich oberwärts befindet. Man sieht daher einen Gegenstand, den
man durch ein solches Prisma betrachtet, tiefer, als er sich wirklich
befindet, wenn die Kante oder der sogenannte brechende Winkel des
Prisma's nach unten gerichtet ist, und höher, als sein wirklicher Ort,
bei entgegengesetzter Haltung des Prisma's.
[Illustration: Fig. 78.]
=374. Warum= nennt man erhabene, d. h. nach beiden Seiten mit erhaben
gekrümmten Oberflächen versehene Gläser oder Linsen auch Brenngläser?