In Lux war Staunen und Schrecken: es hätte sie nicht verwundert, wenn

ein neuer schöner Stern über dem unschuldigen Haupte ihres Kindes

aufgegangen wäre und Könige und Weise ihm Gaben gebracht und ihm

gehuldigt hätten; anstatt dessen sollte es auf nackten Steinen

verhungern. Sie fühlte ihr Herz voll der reichsten, stärksten,

tapfersten Liebe, und nichts konnte sie tun, um das vergötterte Kind vor

grausamen Leiden zu retten, nicht so viel wie der Tod, der Feind der

Menschen, der es erlösen könnte, indem er es ihr entriß. Frühlingstage

und Sommertage waren gewesen, wo die Leute, wenn sie das süße Antlitz

unter Blumenkränzen hervorlachen sahen, stehen blieben und es grüßten

und segneten, wie man Leben, Sonne und Jugend segnet. Sie konnte es

nicht fassen, daß jene Tage gewesen waren und daß dieser war.

Mit der Dunkelheit wurde es kälter, und der Wind, der lauter und

schneller daherfuhr, blies durch die Fensterluken; es war Lux, als jagte

der Tod auf wieherndem Roß in engen, immer engeren Kreisen um den Turm,

um ihr die Seele der kleinen Lisutt zu entführen. Sie nahm das Kind, das

allgemach von Erschöpfung überwältigt war, so daß es nicht mehr weinte,

und stellte sich mit ihm an ein Fenster: da lag in kalter, heller,

glorreicher Wintereinsamkeit der Berg, den sie von ihrem Häuschen aus

täglich gegenüber gesehen hatten, und deutlich schimmerte der nackte

Pfad, der sich geduldig an ihm in die Höhe wand. »Siehst du?« flüsterte

Lux, »da werden wir, wenn wir noch eine kleine Weile still warten,

zusammen in den Paradiesgarten hinter dem Berge gehn, wo der Himmelvater

wohnt und uns Milch und Honig gibt, so viel wir mögen.« Lisutt nickte

und lallte träumerisch: »Da werde ich deine Mutter sein und dich niemals

hungern und dürsten lassen.« Lux zog ihre Jacke ab, um ein notdürftiges

Bett für das Kind daraus zu machen, und sie hatte es kaum darauf gelegt,

als es in einen Schlaf fiel, der erst sehr tief war, dann rastlos und

fieberisch wurde. Sie selbst lag daneben auf dem Steinboden, zu besorgt

um Lisutt, um das Nagen und Zehren des eignen Hungers zu spüren, aber

schwach, mit flackernder Seele, bald in Träume, bald in Phantasien, bald

in Betäubung hingerissen.

Sie sah Lisutt vor sich, wie sie als Säugling mit zahnlosem Mündchen

ausgesehen hatte, das begehrlich schnuppernd ihre Brust suchte, und

dachte, wie göttlich es gewesen war, sich dem geliebten Geschöpf selber

zu Speise zu geben. Dann dachte sie an die alte Resi, wie sie jetzt im

Bett lag, klein, holzdürr und holzbraun, mit traurig verrunzeltem

Gesicht, eine krumme, empfindungslose Hand, die man nicht anrühren

konnte, ohne zu weinen, auf der sauberen Bettdecke. Dann dachte sie an

den hinkenden Klaus, der die weißen Stoppeln auf dem ledernen Gesicht

hatte, wie er sich mit seinem Stumpf von der einen auf die andre Seite

wälzte, ohne Schlaf zu finden, von stechenden Schmerzen und grämlichen

Gedanken gepeinigt. Dann dachte sie an Brun, seinen reinen, festen Blick

und sein unbeirrbares Herz, und was er jetzt einsam und verschwiegen um

sie leiden würde. Dann wieder dachte sie, daß alles das bald nichts mehr

für sie bedeuten würde, wenn sie mit Lisutt in jenes Tal hinübergegangen

wäre, wo die Welt jenseit aller Gedanken bliebe, und dies Bewußtsein

durchdrang ihr auf Augenblicke Leib und Seele mit Entzückung wie ein

berauschender Stoff; aber es wich sogleich einem krampfhaften Schauder

und dem Gedanken, daß sie leichten Herzens alle Himmel hingeben würde,

um noch einmal Lisutt in ein goldbraunes, knuspriges, wohlriechendes

Brot beißen und essen sehen zu können. Zwischen allen diesen hastigen

Vorstellungen hörte sie den Tod, der um den Turm herumjagte und sang: Zu

mir, o Leben, zu mir komm! Lachendes, grollendes, klagendes, ewig

schönes Leben, ich liebe dich! In Purpur und Flören und Fetzen, o Leben,

liebe ich dich! Ich singe Nacht für Nacht unter deinem Fenster und

erzittre, wenn du eine Rose von deinem Haupt auf meine Brust wirfst!

* * * * *

Daß Lux und ihr Kind in solcher Weise vernachlässigt wurden, hing

folgendermaßen zusammen: der Bischof hatte Befehl gegeben, daß niemand

sich in die Bewachung und Bedienung der Gefangenen einmische, die er

sich selbst vorbehalten habe, aber es fügte sich, daß er sich länger,

als er gemeint hatte, bei der Hermenegilde, der er eben an diesem Tage

einen Besuch abstattete, verweilen mußte. Die Kammerfrau, die mit ihm im

Einverständnis die Entfernung des Neugeborenen besorgt hatte, spiegelte

der Wöchnerin vor, daß das Kind zur Schonung ihrer Gesundheit zunächst

von ihr getrennt bleiben müsse, fand indessen damit wenig Anklang bei

Hermenegilde, denn diese war jetzt durch und durch in Mutterliebe

entbrannt, sprach von allen Männern ohne Ausnahme mit Geringschätzung,

und es kostete die erdenklichste Mühe und Gewandtheit, um sie im Bette

zu halten. Wonnebald litt an ihrer Seite scharfe Höllenpein sowohl durch

die augenblicklichen Angriffe, mit denen Hermenegilde ihm zusetzte, wie

durch die Angst vor der weiteren Entwicklung der Dinge, und dachte

zwischendurch mit Groll und manchem Seufzer an Lux, die wegen ihrer

albernen Sprödigkeit schuld an dieser Not wäre.

Nichtsdestoweniger verharrte er in der Absicht, die Flucht der

Gefangenen zu bewerkstelligen, und nachdem er am späten Nachmittag

zurückgekehrt war und sich bei einer kräftigen Mahlzeit von der Strapaze

und Gemütsbewegung erholt hatte, schritt er zur Ausführung des Planes.

Als er ins Freie trat, blies ihm der Wind so stark entgegen, daß er den

Mantel, den er umgehängt hatte, fester zusammenfaßte und die Kapuze über

den Kopf zog, worauf er entschlossen über den freien Platz eilte, der

zwischen dem Hauptgebäude der Burg und dem Turme sich erstreckte.

Nun traf es sich, daß Lando, der schon seit einiger Zeit mit dem Vorsatz

umging, die einst Geliebte, wenn auch nicht für sich zu befreien,

worüber er mit dem Schicksal nicht mehr streiten wollte, wenigstens

doch vor Schande und vielleicht gar gewaltsamem Tode zu bewahren,

ebendieselbe Stunde wie der Bischof gewählt hatte, um das Rettungswerk

zu verwirklichen. Er hatte, sowie Lux in den Turm geführt war,

eingesehen, daß die Gelegenheit jetzt günstig wäre, sich Werkzeuge

verschafft, um das Torschloß zu erbrechen, und sich dann in das

leerstehende Häuschen des alten Bernkule begeben, um die Zeit bis zum

Hereinbrechen der Dunkelheit mit wehmütigen Träumereien zu betrügen.

Er setzte sich an das Fenster, wo Lux viele Male mit ihm gekost und

geflüstert hatte, und versenkte sich in die Wonnen der Vergangenheit,

bis ihn der brummende Schlag der Burguhr weckte und ermahnte, sein

Vorhaben zu beginnen. Die Nacht war nicht so dunkel, wie er hätte

wünschen mögen, allein es war rings kein Mensch wahrzunehmen, und die

Burg war unerleuchtet, wie wenn bereits alles schliefe. Gerührt und

hingerissen von der Betrachtung, daß er das unglückliche Weib in kurzem

wiedersehen würde, um sich sofort auf immer aus ihren Armen zu reißen,

ging er mit verschlossenen Sinnen vorwärts, als er, eben der Pforte des

Turms sich nähernd, einen Schritt hörte und in derselben Entfernung vom

Turm, wie er selbst war, den Bischof erblickte, der gleichzeitig seiner

gewahr wurde. Es schoß beiden eine Reihe von Empfindungen des Ärgers und

der Eifersucht durch den Kopf, vor allem aber beherrschte einen jeden

der Wunsch, er möchte vom andern nicht bemerkt worden sein, und obwohl

dies dem Augenscheine nach durchaus unmöglich war, machten sie doch

unwillkürlich eine Wendung von der Tür weg, so daß sie einander den

Rücken zukehrten, und setzten eilig und beflissen ihre Wege in

entgegengesetzter Richtung fort. Es konnte nun so scheinen, als ob

sie, von den Reizen der Novembernacht angezogen, einen Spaziergang

unternommen und dabei den Turm gestreift hätten, worauf sie nach einigen

beliebigen Umwegen wieder unter das schützende Dach zurückgekehrt wären,

was freilich in Wirklichkeit keiner vom andern glaubte. Sie hörten

einander heimkommen und zu Bett gehen, und jeder horchte aufmerksam, ob

sich noch etwas mit dem andern begäbe; auf diese Weise verhielten sich

beide still und wachsam, bis sie endlich über dem anhaltenden Aufmerken

einschliefen.

Es verstand sich von selbst, daß die Befreiung nunmehr bis zum nächsten

Abend, wo das Dorf wieder in der Dunkelheit schlief, verschoben werden

mußte, und inzwischen dachten Wonnebald und Lando darüber nach, unter

was für einem Vorwande sie den andern zur betreffenden Stunde von

der Burg entfernen könnten. Plötzlich indessen wurden sie durch ein

überraschendes Ereignis von ihren Vorbereitungen abgelenkt: unangemeldet

nämlich erschien der Erzbischof von Casalba auf der Burg, der nicht

länger davon abstehen wollte, das Treiben seines Neffen sowohl wie des

Bischofs durch eigne Anschauung zu untersuchen. Dem Bischof, der den Tag

übellaunig begonnen hatte, kam die Zerstreuung erwünscht, und er ließ

köstlich auftischen; aber Giselbert frühstückte mäßig und schnell und

ging sogleich zur Besprechung der vorliegenden Angelegenheiten über,

zunächst des Hexenprozesses, den er für ein anstößiges und bedenkliches

Gemächte erklärte. Wonnebald brachte manches vor über die Gefahren des

Zauberns, über die Neigungen und Gewohnheiten des Teufels und über

Kobolde und Gespenster im allgemeinen, worüber es dem Erzbischof heiß

und absonderlich zumute wurde, da er es für nichts andres als den

Ausfluß blöden Aberglaubens halten konnte. Es schwante ihm, daß er Pück

seinerzeit nicht treffend eingeschätzt und nicht an den rechten Platz

gestellt habe, und er sagte sich, daß es jetzt an ihm sei, den

verfahrenen Karren, wenn irgend möglich, ohne Lärm und Aufhebens aus dem

Sumpfe zu heben. Darum ließ er die Frage selbst unerörtert und sagte

nur, daß man auch die beste Sache nicht in schroffer Weise und bis zum

äußersten führen dürfe, daß Formen veralteten und daß es wesentlich sei,

nicht zum Trotz der allgemeinen Meinung an solchen festzuhalten,

schließlich, daß man es aufgeben müsse, mittelalterlichen Brauch und

Glauben bis aufs letzte Tüpfel wieder lebendig machen zu wollen.

Wonnebald war schlau genug, die Meinung des Erzbischofs herauszuwittern,

und beeilte sich, zu versichern, daß er ebenso denke, aber einer Partei

habe nachgeben müssen, die im Lande mächtig sei und an deren Spitze

der Medizinalrat von Boll stehe. Dieser sei ein fanatischer und

blutdürstiger Charakter und würde ganz anders gewütet haben, wenn er,

der Bischof, ihn nicht einigermaßen im Zaume gehalten hätte; auch hätte

er bereits daran gedacht, die Zauberin entweichen zu lassen, damit der

Prozeß hängen bleibe und die böse Sache im Sande verlaufen könne. Damit

erklärte sich der Erzbischof einverstanden, nur müsse vermieden werden,

sagte er, daß Lando der Person wieder in die Arme liefe, den sie in Tat

und Wahrheit verzaubert zu haben scheine.

Er fand jedoch Lando, den er nun zu sich beschied, ruhiger und

zugänglicher, als er sich nach seinem Briefe vorgestellt hatte: bei

allen Anzeichen äußerster Melancholie und Hoffnungslosigkeit zeigte er

sich doch willig, nicht nur auf die Geliebte zu verzichten, sondern

auch dem Oheim in seine Residenz zu folgen, vielleicht sogar die ihm

zugedachte Braut zu heiraten, die Giselbert ihm als krank vor

Sehnsucht und mit mädchenhafter Scham verhülltem Kummer überaus

anziehend schilderte. Mit feucht umflorten Augen und tiefer als sonst

herabhängender Unterlippe versprach er dem Erzbischof, sich seinen

Wünschen fügen zu wollen, da er sowieso den Möglichkeiten des Lebens

nichts mehr nachfrage, wenn ihm dagegen verbürgt würde, daß die

Geliebte ungekränkt entfliehen und ihr ferner nicht nachgestellt

werden solle, worauf der Erzbischof nach einigem gespielten Bedenken

und Zögern einging. Er streichelte seinen Neffen zärtlich und fing, um

ihn zu zerstreuen, ein Gespräch über die Torheiten des Bischofs an,

worauf Lando lustiger und gesprächiger wurde, freilich ohne seine

Schwermut abzulegen, so daß auf dem schwarzen Grunde seine frechen

Witze desto blendender funkelten.

Nachdem es beschlossene Sache war, daß Lux entfliehen sollte, überlegte

sich der Erzbischof, daß es weiser wäre, anstatt Wonnebald oder Lando

mit der Ausführung des Werkes zu betrauen, die Sache selbst in die Hand

zu nehmen, wodurch zugleich eine gewisse Neugierde, die er empfand,

befriedigt werden würde. Da es infolge seiner Frage, wer die Aufsicht

und Verpflegung der Gefangenen im Turme besorgt hätte, herauskam, daß

sie nicht nur am laufenden, sondern auch am vorigen Tage ohne Nahrung

geblieben waren, erklärte der Erzbischof, nun nicht bis zum Untergange

der Sonne warten zu wollen, bis er hinüberginge, besonders weil es

sich um ein kleines Kind handle, das einer solchen Entbehrung leicht

erliegen könne. Die Bestürzung Wonnebalds zeigte deutlich an, daß dem

Versehen nicht mörderische Absicht, sondern Vergeßlichkeit zugrunde lag,

weshalb es der Erzbischof bei einem kurzen, scharfen Fluch, der in

vornehmen Kreisen gebräuchlich war, bewenden ließ und schnell von

der bischöflichen Tafel Fleisch, Brot, Leckereien, Obst und Wein

zusammenraffte und in einen Korb packte, um ihn den Darbenden zu

bringen.

Der Aufstieg der steilen Treppe nahm ihm den Atem, so daß er mehrere

Male keuchend stehen bleiben mußte; doch beschleunigte er die Schritte

immer wieder, so gut er konnte. Beim Eintritt in das Turmstübchen sah er

sogleich die Frau und das Kind allem Anschein nach bewußtlos auf dem

Boden liegen; doch richtete sich Lux ein wenig auf und sah ihn aus tief

umschatteten Augen so traurig an, daß sich sein Herz vor Mitleid und

Grauen zusammenzog. Er kniete schnell neben ihr nieder und setzte die

Weinflasche an ihre Lippen, indem er sie mit dem Arm unterstützte; erst

als sie getrunken hatte, bemerkte er, daß ihr Hemd offen stand und Hals

und Brust sehen ließ, und das Blut stieg ihm langsam in die zarten,

verwelkten Wangen. Schleunig beugte er sich über das Kind, das still mit

halb offenen Augen dalag, und über dessen Körper dann und wann ein

kleines Zucken lief, rieb seine Schläfen mit Wein und versuchte, einige

Tropfen in das offene Mündchen fließen zu lassen, während welcher

Bemühungen Lux anfing zu weinen, und je eifriger er sich bemühte, desto

leidenschaftlicher schluchzte. Allgemach belebte sich Lisutt und konnte

dazu gebracht werden, daß sie ein wenig Brot und Fleisch aß, worauf sie

sich zusehends erholte, ihre Mutter und den fremden Mann betrachtete und

diesen mit freundlich ernstem Blick und zutraulichem Nicken fragte:

»Bist du der Himmelvater?« Dem Erzbischof kamen Tränen in die Augen,

und er bückte sich ein wenig, um eine von den kältestarren Händen der

Kleinen zu ergreifen und sie an sein Gesicht zu drücken, was sie sich

feierlich froh gefallen ließ.

Während Giselbert Geld zwischen die Lebensmittel im Korbe versteckte,

Lux Anweisungen gab, welchen Weg sie einschlagen und wohin sie sich

wenden sollte, dann wieder Lisutt vorsichtig mit kleinen Bissen

fütterte, war es Abend geworden, und er mahnte zum eiligen Aufbruch. Auf

der Treppe jedoch gab es einen Aufenthalt: denn unten war Brun, der,

obwohl er sich kaum auf den Beinen halten konnte, als er seine Mutter

herunterkommen hörte, ihr entgegenging und an ihren Knien zusammenbrach.

Es stellte sich heraus, daß er, sowie Lux in den Turm geführt worden

war, sich dorthin geschlichen und in dem Gebüsch, das ihn umgab,

versteckt gehalten hatte, in der Hoffnung, bei irgendeiner Gelegenheit

hineinschlüpfen zu können, jedenfalls aber ihre Gefangenschaft

freiwillig zu teilen und, wenn auch von ihr ungesehen und ungeahnt, ihr

nah zu sein. Nachdem er mit Essen und Trinken ein wenig gestärkt war,

verlangte er Lisutt zu tragen, mußte sich aber mit dem Korbe begnügen,

da Lux die Kleine nicht aus den Armen lassen wollte. Der Erzbischof sah

den dreien nach, wie sie sich den schlängelnden Pfad des Burghügels

hinunterbewegten, bald verschwindend, bald von neuem auftauchend, bis er

sie nicht mehr erkennen konnte, und ging dann langsam ins Haus zurück.

Am Kopfe der Brücke, die unweit des Wassersturzes über den Strom führte,

hatte sich Lando aufgestellt, um Lux, wenn sie hinüberginge, das letzte

Mal zu sehen, ihr Lebewohl zu sagen und vielleicht noch einmal ihre Hand

zu drücken und ihren Mund zu küssen. Er wartete mit klopfendem Herzen

und in prickelnder Erregung, die ebenso lieblich wie peinlich war;

allein als er sie kommen sah, in einer Bewegung, wie ein Sturmvogel

leicht und kräftig durch milde, nasse Luft schneidet, das helle Gesicht

dem kalten, schwarzen Himmel, die Augen dem gegenüberliegenden Berge

zugewendet, empfand er plötzlich bitteres Weh im Herzen und weinte

verstohlen auf den hölzernen Pfosten, an den er sich so dicht preßte,

als ob er eins mit ihm wäre. Lux hätte ihn ohnehin nicht gesehen, oder

wenn sie ihn gesehen hätte, nicht erkannt oder nicht beachtet; nichts

war da für sie, außer sie selbst und die beiden getreuen kleinen Wesen,

die sie nah bei sich fühlte, miteinander getragen und gehalten von der

Erde und der Luft und dem Wasser, die sie rauschend, atmend, zitternd,

wissend umgaben. Eben als sie über die Brücke gingen, erwachte Lisutt,

vielleicht durch das Dröhnen des Wassers, und sagte verschlafen, indem

sie, wie es ihre Gewohnheit war, ihr weiches Gesicht mit der kalten Nase

in den Hals ihrer Mutter grub: »Du riechst gut!« worauf sie sofort

wieder einschlief. Es kam Lux eine unwiderstehliche Lust an zu lachen,

daß es von dem breiten Bergrücken widerhallte, die Frostluft über dem

winterlich schlafenden Dorfe durch lautes, jauchzendes Geschrei zu

erschüttern; aber sie hielt an sich und drückte nur Bruns magere Hand

und Lisutts leise schmorenden Körper fester.

* * * * *

Die Einwohnerschaft von Klus war noch in Aufregung über die Flucht des

Schermäusers, welche offenbar durch Magie oder schwarze Kunst war

bewerkstelligt worden, als eine weit ärgere Neuigkeit laut wurde: die

Stiftsdame Hermenegilde nämlich, die inzwischen der Beseitigung ihres

Kindes auf die Spur gekommen war, erschien auf dem Rathause und rief den

Bischof als ruchlosen Bösewicht aus, der nicht nur der Millionenmaria

die Krone gestohlen, sondern dazu noch einen Unschuldigen des Verbrechens

bezichtigt habe. Um ihre Aussage gehörig zu bekräftigen, wies sie eine

Handvoll Rubine, Saphire und andrer Edelsteine vor, die er ihr geschenkt

habe, und die allerdings als zu dem vermißten Heiligtume gehörig erkannt

wurden. Das Diadem selbst, sagte Hermenegilde, würde sich zweifelsohne

im Besitze des Bischofs finden, der sich ohne Erröten als Entwender

desselben ihr gegenüber bekannt habe, und auf Befragen, warum sie sich

zur Hehlerin eines solchen Frevels gemacht habe, gab sie an, daß in

ihrer Brust ein langes Kämpfen verschiedener Pflichtgefühle, als der

Rücksicht gegen ein hohes geistliches Haupt und den Bischof, ihren

Beichtvater, insbesondere, der Wahrheitsliebe, der Nächstenliebe und

mehr dergleichen stattgefunden, und daß eben jetzt das Mitleid mit dem

fälschlich Beklagten, von dessen Flucht sie noch nichts gewußt hätte,

gesiegt habe.

Diese Aussage der von Mutterliebe und Rachsucht gestachelten

Hermenegilde setzte die Justiz von Klus in unerträgliche Verlegenheit,

und sie hätten die peinliche Angelegenheit vielleicht vertuscht, wenn

nicht einige Herren darunter gewesen wären, die, scharf und scheel,

immer bei der Hand waren, wenn es galt, der Geistlichkeit etwas

aufzumutzen, und wenn die Stiftsdame nicht bereits wie eine gackernde

Henne von Haus zu Haus gegangen wäre, um ihr faules Geheimnis in jedes

offene Ohr zu legen.

Es wäre nicht unnatürlich gewesen, wenn der Bischof, durch das rasch

verbreitete Geschwätz gewarnt, die verräterische Krone auf die Seite

gebracht hätte, bevor eine Untersuchung in Gang kam; aber er war an

diesem Tag abwesend, weil er den Erzbischof in seiner großen Kutsche

bis zur nächsten Eisenbahnstation begleiten mußte, die mehrere Stunden

weit entfernt lag, und kam erst zurück, als sich bereits einige

Gerichtsbeamte in seiner Wohnung festgesetzt hatten, um sie nach dem

heiligen Gegenstande zu durchstöbern. Wonnebald war zu überrascht, um

seinen Schrecken verhehlen zu können, und warf sich laut ächzend in

einen Sessel, von dem aus er die Nichtswürdigkeit der Hermenegilde

verwünschte, die es nicht für zu entmenscht hielte, einen treuen Freund,

Vater, Berater und Seelsorger öffentlicher Schande preiszugeben.

Die Herren hörten diese Klage achtungsvoll im Hintergrunde mit an,

wagten aber endlich, sie durch die Bitte um Schlüssel zu unterbrechen,

mit denen sie die Kasten, Schränke und Türen öffnen könnten, worauf

Wonnebald mit müder Handbewegung auf eine silberne Truhe deutete, in

der sich ein Schlüsselbund befand. Während sie damit hantierten, fuhr

er fort zu jammern, daß er schon am vergangenen Tage durch den Besuch

des Erzbischofs aus seinen Gewohnheiten herausgerissen sei, daß

er in aller Frühe habe aufstehen müssen, um im Wagen Knochen und

Eingeweide durcheinander geschüttelt zu bekommen, daß man ihm in der

Bahnhofswirtschaft ein Huhn vorgesetzt habe, das fader als gekochtes

Kalb gewesen sei, und einen Wein, der wie Blausäure und Essig geschmeckt

habe, daß er keine Mittagsruhe habe halten können, und daß er nun, da er

gehofft habe, sich endlich wiederherstellen zu können, in eine solche

Wirtschaft gerate, so daß er sich in Wahrheit einen großen Märtyrer und

Leidensgenossen nennen dürfe.

Unterdessen war die Messingkrone in einem Ofenloch gefunden worden, das

Wonnebald im Laufe des Sommers als Rumpelkammer zu benutzen pflegte, und

das zufällig noch nicht gebraucht war, und die Herren entfernten sich,

indem sie dem Bischof höflich empfahlen, die Burg nicht zu verlassen,

deren Ausgänge übrigens mit Polizeisoldaten besetzt wurden. Wonnebald

atmete auf, als die Störenfriede sich entfernt hatten, und da er der

Meinung war, es würde töricht sein, nachdem das Schicksal ihn dermaßen

gepeinigt habe, sich freiwillig weiter zu kreuzigen, ließ er sich eine

auserlesene Abendmahlzeit auftragen und schlief gut gesättigt bis in den

lichten Morgen. Es zeigte sich, daß dies eine glückliche Maßregel

gewesen war, denn während er bei frischen Kräften den Morgenkaffee zu

sich nahm, kam ihm ein vortrefflicher Einfall, mit dessen Hilfe er sich

aus dem Netz zu ziehen hoffte, das man ihm umgeworfen hatte. Bald darauf

wurde er im Wagen abgeholt, um auf das Rathaus geführt zu werden, was

nur langsam vonstatten ging, da brüllendes Volk das Gefährt umdrängte,

um ihn zu beschimpfen und womöglich zu ermorden, der, ohne seine Furcht

merken zu lassen, die Menge mit milder Gebärde durch das verschlossene

Fenster segnete.

Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück: Eine Erzählung · 第 5 / 6 段