In Hinsicht der Art, sie aufzufassen, bildeten sich zwei Parteien, von
denen die eine glaubte, er habe mit dem Schermäuser unter einer Decke
gespielt, ihm nur zum Schein den Prozeß gemacht und schließlich zur
Flucht verholfen, während die andre behauptete, der Jüngling sei
unschuldig gewesen und als Opfer des Bischofs zu betrachten, der ihm das
eigne Verbrechen aufgehalst habe. Das Ergebnis war bei beiden Parteien
das gleiche, nämlich, daß der Bischof ein fluchwürdiger Charakter und
Wolf im Schafspelze wäre, für den keine der gewöhnlichen Strafen, sei
es Hängen oder Halsabschneiden, hinreichend wäre. Niemand war so erbost
wie der Medizinalrat, der, während einige darauf bestanden, dem Bischof
von Anfang an mißtraut und den jugendlichen Maulwurffänger im Herzen
bemitleidet zu haben, frei bekannte, daß er sich habe täuschen lassen
und sich dessen nicht schäme, da es dem schwarzen Herzen ein leichtes
sei, die Reinen zu betrügen. Ein Lamm, das in den Mist falle, sagte er,
bleibe noch unter dem Unflat ein unschuldiges, weißes Lamm, und so sei
es mit der Kirche, die aller Unflat, mit dem niederträchtige Diener sie
beschmutzten, nicht entstellen könne; freilich gäbe es schwache Seelen,
die sich durch solchen zufälligen Schmutz irremachen ließen, und darum
seien die Urheber des Unflats die gottlosesten unter den Sündern und
müßten auf langsamem Feuer geröstet oder mit glühenden Zangen gezwickt
und zerrissen werden.
Der Bischof hatte in einem kleinen Saale, wo man ihn warten ließ,
Muße, sich zu sammeln, und erschien in würdevoller Fassung vor den
düsterblickenden Herren, die seine Aussage protokollieren sollten. Er
blickte still und rätselhaft über ihre Köpfe weg, während sie ihm
vorlasen, aus was für einem Grunde er verhaftet wäre, und entgegnete auf
ihre förmliche Aufforderung, er könne sich wohl verantworten, wolle es
aber an keiner andern Stelle tun als in seiner Kirche und vor seinem
Volke, welches ein Recht darauf habe, die Wahrheit aus dem eignen Munde
seines Hirten zu vernehmen. Einer der Herren, welche Kirchenfeinde
waren, erwiderte unwirsch, das sei ungesetzlicher Firlefanz und könne
nicht gestattet werden; da aber der Bischof, immer noch still über
die Köpfe wegblickend, erklärte, er sei mit allem zufrieden, was ihm
auferlegt würde, und könne schweigen, bis es Gott gefalle, ihren Willen
umzuwenden, entschied die Mehrheit, daß ihm willfahrt werden solle, und
es wurde bekanntgemacht, daß der Bischof in der Kirche vor allen, die es
hören wollten, sich wegen der gegen ihn vorliegenden Beschuldigung
verantworten würde.
Es wirkte auf das Gemüt eines jeden versöhnend, daß der Bischof auch ihm
das Bekenntnis seiner Schuld oder Unschuld ablegen wolle, und keiner
dachte daran, sich seinem Wunsche zu versagen, so daß die Wallfahrt den
Burghügel hinan kein Ende nahm und nicht nur die Kirchenschiffe, sondern
auch die anstoßenden Räumlichkeiten von tiefbewegten Christen voll
wurden. Der Bischof hatte bis zur festgesetzten Stunde im Rathause
verbleiben müssen, doch hatte man ihm auf sein Verlangen sein
veilchenfarbiges Prachtgewand geholt, mit welchem bekleidet er dann
glanzvoll aus einer Seitenkapelle in die Kirche hereinbrach. Kaum
erschienen, tauchte er wiederum vor einem halbverborgenen Altare unter
und kauerte dort eine Viertelstunde in augenscheinlichem Gebete, während
welcher Zeit die Menge in andächtigem Schweigen verharrte und die
wenigen, die vorlaut pfeifen wollten, murrend zur Ruhe verwies. Nach
Beendigung des stillen Gebets bestieg der Bischof eine niedrige Kanzel,
welche mehr zur Zierde als zum Gebrauch da war, betete nochmals mit
aufgehobenen Händen lautlos und begann nach diesen Vorbereitungen eine
Rede, in welcher er sich etwa folgendermaßen verbreitete:
»Ach, wie veränderlich ist die Zeit! Ach, wie wechseln Glück und Unglück
im verschlungenen Reigen! Hier, wo ich als euer Hirt und Vater stand und
euch segnete, stehe ich jetzt wie ein armer Sünder, wessen angeklagt?
Gestohlen soll ich haben wie ein Räuber! Meine Kirche soll ich beraubt
haben wie ein wütender Skorpion, der den eignen Schwanz frißt! Ihr
Kleingläubigen, ihr seid schuld, daß ich meine Zunge entsiegeln, meine
Seele entblößen und schamrot werden muß. Hört, was sich an jenem
gebenedeiten Tage begeben hat, den ihr für einen Tag des Diebstahls und
der Schande haltet.
Eine lange Nacht durch hatte ich schlaflos mit Zweifeln gekämpft,
wie ich oft zu tun pflege, ob ich Wurm vor Gott würdig sei, die
Herde der Menschen mit geistlichem Stabe zu lenken, und unter vielem
Tränenvergießen und Händeringen forschte ich in mir nach den Tugenden
des vollkommenen Christen. Hast du, fragte ich mich, alle zehn Gebote
gehalten? Hast du deinen Nächsten wie dich selber geliebt? Wie ist es
mit der Reue? Wie ist es mit der Buße? und so weiter und weiter, bis
mir der Schweiß von den Schläfen tropfte und ich zu ersticken glaubte,
weswegen ich vom Bett aufstand und mich in die Kirche begab, um Gott als
Schiedsrichter zwischen mir und meinem Gewissen anzurufen.
Als ich an der Kapelle der himmlischen Mutter vorüberkam, zog es mich
wundersam, daß ich nicht unterlassen konnte, vor der fürbittenden
Jungfrau niederzuknien, und heftig betete, sie möchte mir ein Zeichen
geben, ob ich des hohen Amtes, das ich bekleide, würdig sei. Nicht
lange hatte ich in solcher Weise gebetet und geweint, als sie plötzlich
den hochheiligen Arm bewegte, an ihre Krone langte, sie lüftete und
mir armen Sünder auf den gebückten Kopf setzte. Ich jauchzte und
triumphierte nicht, sondern schauderte, als ob das Heiligtum mich
zermalmen sollte! O der Gnade! O der unverdienten Gnade! Ferne sei es
von mir, so dachte ich, mit der Gunst Gottes wie mit einem Orden zu
prahlen! Ich verbarg die Himmelsgabe und begoß sie stündlich mit
inbrünstigen Tränen, wobei ich bereits am folgenden Tage entdeckte, daß
die beiden größten Steine, die das weihevolle Diadem zierten, entwendet
worden waren. Nachdem ich für die Seele des Diebes gebetet hatte, nahm
ich, um nicht noch ein irrendes Schaf in Versuchung zu führen, sämtliche
übriggebliebene Edelsteine und händigte sie der Stiftsdame Hermenegilde
ein, damit sie aus dem Erlös die Nackten kleide und die Hungernden
speise, ihr, die mich heute mit falscher Zunge zu durchbohren sucht.
Teure Gemeinde, glaubst du ihr oder mir? Glaubst du, ich könnte im Hause
Gottes lügen? Würde mich nicht auf der Stelle sein Blitz zerschmettern,
wenn ich lästerte? Aber tut mit mir, was ihr wollt; konnte die Mutter
Gottes den Arm heben, um mir die Krone aufzusetzen, wird Gott sich nicht
minder regen können, um mich mitten aus brennendem Feuer oder aus
kochendem Öl herauszuholen.«
* * * * *
Nach einigen andern prahlerischen Redensarten dieser Art beendete der
Bischof seine Rede, die er durch gewaltige Gebärden ausgeschmückt und
dann und wann durch lautes Weinen unterbrochen hatte, worin das Volk
andächtig einstimmte, so daß ein hörbares Schluchzen und Glucksen durch
die Kirche rauschte. Viele von den Anwesenden fielen vor Inbrunst auf
die Knie und bekreuzten sich eifrig, und als Wonnebald von der Kanzel
herunterkam, rutschten sie zu ihm hin, küßten sein Gewand und baten um
seinen Segen, den er rüstig und flink aus dem Handgelenk, wie es seine
Art war, rechts und links austeilte. In der Meinung, durch die Stimme
des Volkes von jedem Verdachte freigesprochen zu sein, begab sich der
Bischof sogleich durch einen zu seiner Wohnung gehörenden Gang nach
Hause, woran ihn auch niemand hinderte, da ein solcher ohne Zweifel
durch die begeisterte Volksmenge in Stücke zerrissen worden wäre.
Die Gebildeten waren keineswegs von der Wirklichkeit des geschilderten
Wunders überzeugt, aber durch das schwungvolle Benehmen des Bischofs
einigermaßen in Verwirrung gesetzt und warfen einander stillschweigend
Blicke zu, die ebensowohl nachdenkliche Rührung über einen solchen
Beweis von Übernatürlichkeit wie Erstaunen über die Unverschämtheit des
Schwindels bedeuten konnten. Da sich indessen ein fortwährend wachsendes
Glaubensfeuer im Volke offenbarte, hielten es die meisten für ratsam,
keine dem Gottesliebling nachteilige Äußerung laut werden zu lassen,
besonders nachdem der Medizinalrat wiederum bewiesen hatte, wie schön
auch dem Manne frommer Kindersinn anstehen könne. Diese feurige Natur
nämlich entbrannte bei Enthüllung der bischöflichen Makellosigkeit
und seiner überirdischen Krönung sofort in andächtigen Eifer und
beanspruchte für sich nur den Ruhm, vor aller Welt zum Besten der Kirche
von dem stattgehabten Wunder Zeugnis abzulegen.
Gab es ein Herz, das noch mehr als das seine durch den Einblick in ein
auserwähltes Gemüt war entflammt worden, so war es das der Stiftsdame
Hermenegilde, deren Gefühl plötzlich einen neuen Umschwung, von der
Mutterliebe zur Gottesminne, nahm. Die Erkenntnis, aus selbstsüchtiger
Rache einen hochehrwürdigen und geradezu heiligen Mann beinahe ins
Verderben gestürzt zu haben, erfüllte sie mit Reue und Sehnsucht, so daß
sie sich dem Angebeteten schon in der Kirche zu Füßen geworfen hätte,
wenn das Gedränge um seine Person nicht zu groß gewesen wäre. Schmelzend
vor Zerknirschung suchte sie in seine Wohnung vorzudringen, allein
ungeachtet ihrer demütigen Versicherungen blieb Wonnebald taub, freilich
nicht ohne eine künftig wiederkehrende Gnadenzeit in tröstliche Aussicht
zu stellen.
Als dem Erzbischof das Gerücht sowohl der gegen den Bischof erhobenen
Anklage wie seiner Verantwortung zu Ohren kam, seufzte er mehrere Male
und verwünschte im Innern Wonnebald und denjenigen, der ihm zum
erstenmal seinen Namen genannt hatte. Am meisten plagte ihn der Ärger
über sich selbst, daß er sich in der Beurteilung und Behandlung des
Menschen so arg vergriffen habe, indessen auf einem Spaziergang, den er
nach vollbrachten Tagesgeschäften unternahm, beruhigte er sich ein wenig
durch die Betrachtung, daß ihn eine solche Erfahrung vielleicht vor
Selbstüberhebung schützen sollte, daß außerdem Dummheit und Dreistigkeit
zuweilen das beste Echo aus der Welt herauslockten und also auch diesmal
vielleicht die Spitzbüberei des Bischofs der Kirche mehr zum Nutzen als
zum Schaden gereiche. Vollends als an den folgenden Tagen Nachrichten
einliefen, wie sich infolge des Wunders das kirchliche Leben in Klus
verdoppelt und verklärt habe, ertappte er sich des öfteren bei einem
unwillkürlichen Lächeln und machte sich selbst das Zugeständnis, daß er
mit Wonnebald zwar viel gewagt, aber am Ende denn doch das Richtige
getroffen habe. Zwar entsprach es seinem Geschmack, sich persönlich so
wenig wie möglich mit dem wundertätigen Benehmen der Millionenmutter
einzulassen, doch unternahm er auch nichts dagegen und ließ der
Begeisterung ihren Lauf, und wenn er es nicht umgehen konnte, sich
darüber zu äußern, tat er es vorsichtig und in feinen Wendungen, wie daß
bei Gott kein Ding unmöglich sei oder daß für den Gläubigen jedes Wunder
wirklich sei und ihm von niemand bestritten werden dürfe noch könne.
Mochten den Papst ähnliche Betrachtungen leiten, oder war ihm das Wunder
von Klus durch so feurige Zungen geschildert worden, daß das Unkraut des
Zweifels dabei nicht aufgehen konnte, kurz, er beschloß, den Bischof
durch Überreichung der Tugendrose auszuzeichnen, was denn freilich auch,
nachdem die Muttergottes sich zu seinen Gunsten ihrer eignen, kostbaren
Kopfbedeckung entäußert hatte, nicht anders als billig genannt werden
konnte. Hierdurch wurde das Wunder erst eigentlich beglaubigt, und seit
die Nachricht von der bevorstehenden Verleihung sich verbreitete, fingen
auch die besseren Kreise an, ihre Ehrfurcht vor dem Bischof lauter zu
äußern, und wo etwa noch zerstreute Gedanken den mystischen Vorfall
unschlüssig und makelsüchtig umschwirrt hatten, lösten sich diese
nunmehr gänzlich auf wie Nebelgebräu vor der triumphierenden Tagessonne.
Der geistliche Kammerherr, der dem Bischof die goldene Rose zu
überbringen hatte, glaubte weder an Gott noch an die Heiligen noch an
sonst etwas und konnte sich nichts andres vorstellen, als daß der Kluser
Bischof ein Mann von feinster Klugheit und Überlegenheit sein müsse, daß
er den Leuten eine so abgeschmackte Wundergeschichte habe eingeben und
verdaulich machen können. Er selbst war in der diplomatischen und
schriftstellerischen Laufbahn zu einem großen Ansehen gelangt, niemals
aber hatte er sich in den Geruch der Frömmigkeit bringen können, und
bewunderte deshalb nichts so sehr wie die Hinterlist und Gaukelkunst,
vermöge der es einem gelang, die Rolle des Gottesmannes zu spielen. Der
Bischof feierte nach seiner Weise die Anwesenheit des päpstlichen
Gesandten durch ein prächtiges Mahl in seiner Burg, wobei alle
Kunstwerke und Erzeugnisse des Gewerbes, als Bilder, Statuen, Gläser,
Schüsseln und Silberzeug, zur Ausstellung gebracht worden waren, so daß
man nicht wußte, wohin man blicken und was man kosten sollte. Es war
auch um diese Zeit der Justizrat Schimmelmann von seiner Reise
zurückgekehrt und zum Feste eingeladen, das er durch geistreiche
Erzählungen und vieldeutige Witze aufs anmutigste belebte. Wonnebald aß
und trank mit Lust und ließ es an geeigneter Stelle nicht an einem
munteren Ausruf fehlen, meistens aber schwieg er mit beifälliger
Herablassung, denn er hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, das Lamm
Gottes darzustellen, und träufelte nur von Zeit zu Zeit, wie wenn er
nicht anders könnte, etwas Salbungsvolles und Erbauliches ins Gespräch.
Der Überbringer der Rose beobachtete den durchtriebenen Ränkeschmied,
als den er den Bischof ansah, neidvoll bescheiden, behandelte ihn mit
Ehrerbietung und hinterbrachte dem Papste einen über alle Maßen
günstigen, fast begeisterten Bericht über den erleuchteten Betrieb des
Pückschen Bischofssitzes.
Indessen bekam Wonnebald die Mahlzeit, die er beim Rosenfeste zu sich
genommen hatte, schlecht; was erst nur eine leichte Störung in den
verdauenden Organen zu sein schien, erwies sich als tückische Krankheit,
die den prangenden Körper in wenigen Tagen zerstörte und als Leiche
zurückließ. So unerwünscht dies jähe Sterben dem Bischof sein mochte,
der sein Dasein so geschickt und fröhlich zu benutzen verstand, so
gewinnbringend war es für sein Gedächtnis, das sich nun an den
glorwürdigsten Punkt seiner Laufbahn anknüpfen mußte. Das Trauergepränge
dauerte mehrere Tage, und während derselben verbreitete sich das
Gespräch häufig um die Frage, wie man den Verblichenen geziemend und
dauerhaft ehren könne, sei es durch ein Denkmal oder eine beschreibende
Darstellung seines Lebenswandels, was aber alles dem allgemeinen Gefühl
noch nicht Genüge tat. Da nun im Reden der Bevölkerung sowie in dem
Nachruf, den der Medizinalrat zum Andenken Wonnebalds in den Zeitungen
drucken ließ, derselbe beiläufig als ein heiliger Mann war bezeichnet
worden, kam man von selbst dazu, ohne daß ein bestimmter Urheber des
Gedankens hätte genannt werden können, an die Heiligsprechung des
Bischofs zu denken und ebendiese als die passendste Würdigung seiner
Verdienste anzusehen. Die hohen Verbindungen des Medizinalrats
ermöglichten es ihm, den Plan als einstimmigen Wunsch der Kluser
Bevölkerung zu Ohren des Papstes zu bringen, der, obwohl er von allen
Seiten nur das Beste über den Pückschen Lebenswandel gehört hatte,
sich doch vorsichtig in einer so wichtigen Angelegenheit zurückhielt.
Wie ausdrücklich sich auch die göttliche Meinung durch Aufsetzen
der Marienkrone für den Bischof ausgesprochen hatte, schien es
vom Standpunkte des nicht allwissenden Menschen doch geboten, die
Lebensführung des Kandidaten Punkt für Punkt, gleichsam wissenschaftlich,
auf seine Heiligkeit hin zu untersuchen, wodurch sich denn freilich auch
seine unbedingtesten Verehrer zunächst in eine gewisse Verlegenheit
versetzt fanden. Bei näherem Bedenken indessen sagten sie sich, daß,
wenn Wonnebald auch nicht in Höhlen gelebt, noch sich ausschließlich vom
Tau des Himmels oder durch Berührung der Hostie ernährt, noch überhaupt
in dieser gewissermaßen älteren Richtung Löbliches und Wunderwürdiges
vollbracht habe, er hingegen die Tugenden der Demut und Einfalt, welche
die eigentlich christlichen seien, bis zum äußersten getrieben habe, wie
er denn die von Gott empfangene Auszeichnung vor jedermann verheimlicht
habe und bis zum Ende haben würde, wenn ihn nicht die Verleumdung der
Bösen zur Mitteilung gezwungen hätte. Er hätte, sagten sie, ohne sich je
der Wissenschaft zu bedienen, die so oft die Feindin des echten Glaubens
sei, eine hohe kirchliche Würde erlangt, von innen erleuchtet oder durch
Eingebung von oben zur Verwaltung eines so schweren Amtes befähigt.
Immer mehr im frommen Eifer sich erhitzend, fügten diese Sachwalter
des Bischofs hinzu, daß, wenn nicht mehr oder überhaupt gar keine
staunenswerten Taten von ihm bekannt seien, dies sich eben von seiner
vollkommenen Demut herschreibe, mit der verglichen die meisten Heiligen,
von denen die Geschichte wisse, unchristlicher Ruhmsucht gefrönt hätten.
Diese nachdrücklichen Begründungen konnten in harmonischer Weise durch
ebenso bedeutende materielle Kräfte unterstützt werden, was bei den
großen Kosten, die die Heiligsprechung mit sich bringt, nicht gering
anzuschlagen war. Ein glücklicher Einfall erinnerte die Unternehmer an
die Marienkrone, die, nachdem sie aus dem Ofenloche des Bischofs ans
Licht gefördert, mit Beschlag belegt war und sich nebst sämtlichen
dazugehörigen Edelsteinen noch immer in gerichtlicher Verwahrung befand,
und deren Geldwert hinreichte, um die Vollziehung des großen Geschäftes
daraus zu bestreiten. Es hatte zwar die Absicht bestanden, der
Gottesmutter ihre Krone zurückzugeben, doch ließ sich dagegen einwenden,
daß sie dieselbe freiwillig und vermutlich aus guten Gründen an
Wonnebald abgetreten habe, und daß man in ihrem Sinne handle, wenn man
sie zur Erhöhung und ewigen Krönung seiner Person nutzbar mache.
Die Bevölkerung von Klus hatte die Sache ihres Bischofs während der
Entwicklung der Dinge völlig zu ihrer eignen gemacht und sah in der
Verzögerung eine ihr angetane Kränkung, woraus denn wiederum geschlossen
werden konnte, was für ein dringendes Bedürfnis die Anbetung des
Wonnebald im Volke sei. In Erwägung aller dieser Umstände zeigte sich
der päpstliche Rat endlich geneigt, und die Einreihung des Bischofs
in die Schar der Heiligen fand unter den üblichen Zeremonien zu
vollkommener Befriedigung der Kluser Frommen statt. Das Bild Pücks wurde
in der Burgkirche aufgehängt, mit nach oben gedrehten Augen, von wo eine
Hand im Begriff war, das bekannte Diadem herunterzulassen, kunstlos
gemalt, aber der andächtigen Gemeinde durch Vergegenwärtigung der
seligen Gesichtszüge erbaulich. Auch der Erzbischof von Casalba, der an
gewissen Festtagen in der Kluser Kirche einen Gottesdienst abhielt,
verweilte gern einige Augenblicke vor dem Bilde und beglückwünschte mit
gedankenvollem Lächeln sich und die Menschheit über den zeitigen Tod des
Bischofs, da, wenn er länger gelebt und seine Laufbahn so schleunig wie
bisher fortgesetzt hätte, die Kirche schließlich gezwungen gewesen wäre,
ihn zum Herrgott zu machen, um ihn seinen Verdiensten und dem allgemeinen
Bedürfnis entsprechend weiter zu befördern.
21. bis 30. Tausend
*
Druck der Offizin
Fr. Richter in Leipzig