öfters aus dem Fenster in der Erwartung, daß Lando kommen würde, um sie,
wenn ihm etwas von dem seltsamen Vorfall zu Ohren gekommen wäre, zu
trösten oder ihr Rat und Hilfe anzubieten. Da es Nachmittag wurde und er
noch nicht gekommen war, hielt sie sich vor, daß er sich gewiß nicht
habe freimachen können, und schalt sich wegen ihrer Ungeduld, trotzdem
wuchs ihr Verlangen, ihn zu sehen, so, daß sie nur zerstreut auf Lisutts
Spiele einzugehen vermochte. Früher als sonst brachte sie die Kinder zu
Bett und atmete auf, als sie schliefen und sie sich ins Fenster setzen
und endlich unbehelligt der Sehnsucht hingeben konnte. Es hatte sie
während des langen Tages zuweilen ein Gefühl heißer Bangigkeit
überlaufen, als müsse doch etwas Wichtiges und Peinliches gegen sie im
Werke sein, aber es verflog immer wieder, und vollends, wie sie in den
Frieden des Abends hineinsah, der baldigen Ankunft des Freundes gewiß,
wich die Beklemmung, und die Herrlichkeit eines zukünftigen Glückes ging
strahlend vor ihr auf. Allmählich verblichen diese Träume in der Länge
des Wartens, und sie fing an so inständig zu horchen, daß das Donnern
des Wassersturzes, das jedes kleinere Geräusch verschlang, sie aufregte
und ihr unerträglich vorkam und sie wünschte, daß nur ein obdachloser
Vagabund oder eine jagende Katze vorbeigeschlichen käme, um doch einmal
die spöttische Leere zu unterbrechen. Sie wurde darüber müde und
abgespannt, gerade indessen, als sie sich hoffnungslos abgewandt hatte,
hörte sie den leisen, lässigen Schritt, den sie kannte, und kehrte mit
einem halblauten Aufschrei der Freude an das Fenster zurück. Ohne Gruß
oder Anrede von ihm zu erwarten, bog sie sich hinaus, lehnte sich auf
seine Schulter und erzählte, wie sehnlich sie ihn erwartet habe, doch
machte er sich sachte los, fragte, ob sie wisse, was für eine Anklage
gegen sie erhoben wäre, und teilte ihr mit, was er gerüchtweise
vernommen hatte, wobei er sie unsicher und fast verlegen ansah. Lux
sagte befremdet, indem sie sich langsam aufrichtete, ein Verbrechen habe
sie doch nicht begangen, was ihr also widerfahren könne, wohingegen
Lando meinte, das natürliche Recht und das geschriebene seien nicht
immer gleich, auch der Unschuldige könne sich in den Netzen des Lebens
verwickeln oder in Fallen fangen, die Böswillige aufgestellt hätten, er
wolle froh sein, wenn alles ohne Gefahr und böse Folgen vorüberginge.
Sie betrachtete ihn wehmütig lächelnd und sagte: »Und wenn ich nun
unterliege? Und wenn ich nun schuldig wäre? Würdest du mich noch lieben,
wenn ich einen Span vom heiligen Kreuze aus der Kirche gestohlen hätte?
oder wenn ich dem Bischof Gift eingegeben hätte?« Es flammte in seinen
Augen, und er flüsterte leidenschaftlich: »Wenn du deinen Vater ermordet
und deine Kinder verkauft hättest, und wenn ich wüßte, daß du mir selber
das Blut aussaugen würdest, ich würde dich immer lieben und nimmer
verlassen! Eher könnten diese Wasser versiegen und jene Berge versinken,
als daß ich aufhören könnte, dein zu sein!«
Während dieser Beteuerungen versuchte er sich zu ihr hineinzuschwingen,
allein sie drängte ihn sanft zurück und sagte, sie wolle nicht haben,
daß ihre Kinder erwachten und ihn bei ihr fänden, überhaupt wäre jetzt
Vorsicht geboten, und sie dürften nicht zusammen gesehen werden. Er
empfand, er wußte selbst nicht warum, einen kühlen und fremden Hauch
in ihrem Wesen, und schmeichelte ihr mit vielen kosenden Worten, doch
leuchtete ihm ein, was sie von Vorsicht sagte, und so nahm er den
Abschied, zu dem sie ihn drängte. Kaum war er ihr verschwunden, als die
Tränen aus ihren Augen zu fließen begannen, aber zugleich atmete sie
tief auf und fühlte sich wunderbar gekräftigt. Es war ihr, als hätte
bisher ein farbiges Gewölk zwischen ihm und ihr geschwebt, durch das er
ihr geheimnisvoll, prächtig und reizend erschienen wäre, und als hätte
eben ein zufälliger Windstoß den Nebel geteilt, so daß sie ihn gesehen
hätte, wie er in der Tat wäre, aller Wunder bar, schwächlich, kümmerlich
und ein wenig lächerlich. Ja, obwohl ihr das Herz noch weh tat, mußte
sie am andern Morgen doch lachen, indem sie sich vorstellte, wie der
arme Lando ebensoviel Angst hätte, sie zu verlieren, wie sie festhalten
zu müssen, und bald fürchtete, sie möchte die ganze Millionenmutter samt
der Krone gestohlen, bald sie möchte es nicht getan haben.
Sie fühlte sich heiter und lieblich müde wie eine Genesende, als sie auf
das Rathaus abgeholt und dort sogleich dem Goldschmied gegenübergestellt
wurde, der ohne Zaudern erklärte, in ihr den jungen Menschen
wiederzuerkennen, der ihm die Edelsteine zum Verkauf angeboten habe.
Lux dachte nicht daran, zu leugnen, und sagte aus, daß die Steine dem
Bischof gehörten, der sie nicht in eigner Person habe verkaufen wollen,
damit nicht bekannt würde, daß er sich in Geldverlegenheit befinde.
Diese Behauptung, der niemand die mindeste Glaubwürdigkeit beimaß,
machte den übelsten Eindruck sowohl auf die Richter wie vollends auf den
Bischof, der einen jähen Zorn auf sie warf und laut seine Entrüstung
über die Undankbarkeit und Dreistigkeit des Pöbels äußerte. Am folgenden
Tage wurde Lux, die nunmehr in das Untersuchungsgefängnis verbracht
worden war, nochmals befragt und ernstlich ermahnt, die Wahrheit zu
sagen und nicht einen frommen und hochwürdigen Mann, wie der Bischof
sei, zu verunglimpfen, worauf sie erstaunt und ein wenig ungeduldig
erwiderte, etwas andres könne sie nicht aussagen, weil sie nichts andres
wisse und nichts andres sich begeben habe.
Es folgten nun die Zeugenverhöre, wobei eine große Anzahl von Bauern
und Bäuerinnen zu Worte kamen, die zwar nichts über den Kirchenraub
beizubringen hatten, desto mehr aber über die Maulwurfplage und wie
sie den jungen Schermäuser zaubern gesehen hätten. Da dies nicht zur
Sache gehörte, versuchten die Richter die umständlichen Berichte
abzuschneiden, und der Justizrat Schimmelmann gab einigen Zeugen anheim,
daß sie dumme Tröpfe wären, so daß das Geschwätz im Sande verlaufen
wäre, wenn der Bischof nicht die Meinung ausgesprochen hätte, daß hier
ein der Aufmerksamkeit höchst würdiger Fall vorliege, der scharf
untersucht und unnachsichtig bestraft werden müsse. Wenn der Kirchenraub
etwas Gottloses sei, so sei die Zauberei vollends teuflisch, in der
Bibel schon als Haupt- und Todsünde gebrandmarkt, und man müsse die
Gelegenheit ergreifen, um der Welt zu zeigen, daß der Satan immer noch
umgehe, die Kirche aber so rüstig wie je sei, ihm die List einzutränken.
Abends, als Wonnebald, Boll, Schimmelmann und mehrere andre
Justizpersonen gemütlich im Gasthaus beieinander saßen, kam die
Angelegenheit zur Sprache; der Bischof hätte seine Meinung dem Justizrat
gegenüber schwerlich verteidigen können, wenn Medizinalrat v. Boll ihm
nicht zur Seite gestanden hätte, dem es zwar meist an richtiger Einsicht
und vernünftigen Gedanken, nie aber an Dreistigkeit fehlte, seiner
Überzeugung Geltung zu verschaffen. Er wisse wohl, sagte er, daß man
verlacht werde, wenn man an Wunder, Teufelei und Hexerei und dergleichen
glaube, aber der Glaube an Gott und die unbefleckte Jungfrau werde nicht
minder verspottet; er und seine Ahnen wären von jeher Kämpfer für die
heilige Wahrheit gewesen und fürchteten den Hohn der Ungläubigen so
wenig wie der Soldat die Kugel des Feindes. Ob man nicht täglich hören
könne, daß die Kühe verhext wären, daß kleine Kinder, vom bösen Blick
getroffen, in Krämpfe fielen? Im einfachen unverdorbenen Volke sei diese
Erkenntnis noch anzutreffen, und es suche sich durch geweihte Talismane
gegen die Einwirkung des allgemeinen Feindes zu schützen. Die Aufklärer
sollten nur fortfahren in ihrer gottlosen Arbeit den Tempel des Glaubens
zu unterwühlen! Einstürzend werde er sie zuerst begraben! So wahr wie
Christus durch Gott Wunder gewirkt habe, hätten von jeher Böse durch den
Teufel gezaubert.
Dasselbe und ähnliches wiederholte er häufig mit Nachdruck und lautem
Hall und Dröhnen der Stimme, so daß der Bischof nun erst die Wichtigkeit
und Richtigkeit seines Einfalls, das Geschwätz der Leute gegen Lux
zu benutzen, ganz begriff und auch die übrigen ihre Zweifel an der
Möglichkeit des Zauberns nicht mehr schlechthin auszusprechen wagten.
Das männliche Auftreten des Medizinalrats zeigte klar, daß sich
hingebende Gläubigkeit wohl mit schneidiger Kraft vereinigen lasse, und
mancher erinnerte sich, gehört oder gelesen zu haben, daß die Aufklärung
auch nicht unfehlbar sei. Einzig der Justizrat lachte von Herzen über
die Reden seines Freundes, aber nur bei sich im Innern; äußerlich ging
er mit fröhlicher Ironie darauf ein, da er aus Erfahrung wußte, daß Boll
diese Art sich auszudrücken nicht begriff, vielmehr alles für bare Münze
nahm, und er somit das Vergnügen genießen konnte, ihn auszuspotten, ohne
seine Freundschaft, an der ihm wegen des Flötenspiels viel gelegen war,
einzubüßen. Er erzählte mit verstelltem Ernst, daß er seine Köchin im
Verdacht der Hexerei habe, denn sie verzaubere häufig die Speisen, so
daß sie mißrieten, lasse auch durch Kraft des bösen Blicks den Braten
schwinden und dergleichen mehr, was die meisten von den Anwesenden wohl
richtig auffaßten, aber als eines ernsten Mannes unwürdigen Mutwillen
mißbilligten, weswegen sie sich durch die stillschweigend darin
ausgedrückte Meinung auch nicht beeinflussen ließen.
Immerhin war es keinem geheuer bei dem Gedanken, einen Hexenprozeß
einzuleiten, was seit hundert Jahren nicht vorgekommen war; aber der
Bischof sagte, es sei eben hohe Zeit, wieder damit anzufangen, und
erklärte sich bereit, den Vorsitz zu übernehmen, da es geistliche Dinge
wären, die geistlich müßten gerichtet werden. Der Medizinalrat zeigte
hohe Begeisterung über diese Wendung und frohlockte, es sei ein
herrlicher Sieg der guten Sache, wodurch viele mit hingerissen wurden,
während der Justizrat, um einem solchen Schauspiel nicht beizuwohnen,
als dessen Gegner aufzutreten er sich auch nicht entschließen mochte,
eiligen Urlaub nahm und eine Reise antrat.
* * * * *
Sowie die öffentliche Anklage auf Zauberei gegen Lux erhoben wurde,
schrieb Lando einen Brief an seinen Oheim, den Erzbischof Giselbert, und
teilte ihm die unerhörte Tatsache mit, zugleich bittend, er möge den
Bischof sogleich verwarnen, damit diese Torheit nicht weiter getrieben
und die Kirche ganz und gar lächerlich gemacht werde; worauf der
Erzbischof sich behutsam bei Wonnebald erkundigte, was an der Sache sei,
und ihm auf alle Fälle riet, sich und der Kirche keine Blöße zu geben.
Obwohl er nicht verraten hatte, von wem er seine Nachrichten habe,
zweifelte der Bischof doch nicht, daß Lando dahinter stecke, und
antwortete mit Würde, der Erzbischof möge sich nicht von einem
leichtfertigen Knaben, wie sein Neffe sei, in so ernsten und schweren
Dingen beraten lassen; er wolle ihm insgeheim mitteilen, daß die
beklagte Person weiblichen Geschlechts sei und mit Lando einen
weitgehenden Liebeshandel unterhalten habe, und daß dies der Grund sei,
warum er den Gang der Justiz zu hintertreiben versuche; anstatt sich von
ihm betören und ausnützen zu lassen, solle Giselbert ihm lieber
behilflich sein, den verblendeten Jüngling aus dem Garn der Teufelin zu
erretten. In diesem Schreiben leuchtete dem Erzbischof vornehmlich das
ein, was die Liebschaft seines Neffen betraf, an deren Bestand er nicht
zweifelte, und er beschloß, ihn sofort zu sich zu rufen und ihn auf
andre Gedanken zu bringen, zugleich aber über die wunderlichen
Veranstaltungen des Bischofs Kunde einzuholen. Lando hatte kaum den
Befehl seines Oheims erhalten, als seine Liebe hoch aufloderte und er
bei sich schwur, allen Versuchen, ihn den Pflichten der Treue und Ehre
abwendig zu machen, Trotz zu bieten, nicht vom Flecke zu weichen und die
Geliebte im Notfall mit Aufbietung des letzten Blutstropfens zu
beschützen.
Indessen dachte die arme Lux nicht daran, daß ihr eine ernstliche Gefahr
drohe, vielmehr, als der Bischof im Ornat, umringt von vielen
stirnrunzelnden Männern, ihr vorhielt, daß sie, anstatt demütig ihres
Amtes zu walten und die Maulwürfe einzufangen, wie vorgeschrieben sei,
durch verbotene Zauberei dieselben vermehrt habe, sei es, um ihren
Verdienst zu erhöhen, sei es, um den Menschen zu schaden, konnte sie
sich nicht enthalten zu lächeln und, obwohl es ihr leid tat, den Ruf des
verstorbenen Bernkule anzutasten, entschloß sie sich, den Zusammenhang
freimütig zu erklären. Sie schilderte deutlich und nett das Verfahren
bei Anfertigung der Schwänze, wie es ihr Schwiegervater erfunden hatte,
und gestand, daß sie auf die Ermahnung des Magistrates zu größerem
Fleiße mehr und mehr künstliche Ware eingeliefert habe, und wie dadurch
der Anschein einer wunderbaren Vermehrung des Ungeziefers natürlich
entstanden sei. Als sie geredet hatte, sah sich der Bischof mit
triumphierendem Lächeln im Kreise um, welches bedeutete, daß diese
freche und listige Erfindung, mit der der Beklagte sich aus der Schlinge
zu ziehen suche, ihn schlagend überführt habe, und erklärte Lux, daß es
nicht erlaubt sei, die Justizpersonen mit gröblichen Aufschneidereien
zum besten zu haben. Lux errötete und versprach, wenn man ihr das dazu
Nötige geben wolle, vor den Augen der Versammlung so viel falsche
Maulwurfschwänze man wolle herzustellen, die von echten nicht zu
unterscheiden sein sollten, allein die Herren weigerten sich, so weit
auf die schamlosen Lügen eines Bösewichtes einzugehen; denn nun waren
sie überzeugt, es mit einem verzweifelten Sünder zu tun zu haben.
Ohne länger auf ihre Verteidigung zu achten, wurden jetzt sämtliche
Zeugnisse zu Protokoll genommen, welche die Bauern über die Zauberei
des jungen Schermäusers aufzubringen wußten: daß man ihn öfters
Holunderzweige habe abbrechen sehen, die man freilich im allgemeinen
dazu gebrauche, den Maulwurf zu vertreiben, was aber jedenfalls auch
Hexerei sei, und was nicht unwahrscheinlich auch dem entgegengesetzten
Zwecke dienen könne; daß man ihn auch oft im Schatten von Holunderbüschen
habe sitzen sehen, was von jeher ein seltsamer Ort und Aufenthalt
gewesen sei; daß man ihn den lieben langen Tag durch Felder, Gärten und
Wiesen hätte streifen sehen, Lieder trällernd, die wohl ihre Bedeutung
gehabt hätten, niemals mit dem Aufstellen der Fallen oder andrer
ehrlicher Arbeit beschäftigt; daß man ihn ferner auch nachts beim
Mondschein habe laufen sehen oder am Fenster sitzend, was als
ungewöhnlich aufgefallen sei. Daß er auch in der Erde gegraben habe,
aber augenscheinlich nicht nach Maulwürfen. Daß er der Kleinen, die er
stets mit sich geführt habe, öfters breite Blumenkränze auf den Kopf
gesetzt habe. Daß man von jeher das Blut unschuldiger Kinder zu
Zaubersuppen verwendet habe, und daß man nicht wissen könne, was er im
Sinn gehabt habe. Daß man ihn an einem Teich habe sitzen sehen, wo die
Frösche gesungen hätten, und daß er überhaupt gern mit dem Vieh
umgegangen sei, auch gern in Höfen und Ställen sich aufgehalten habe.
Schließlich trat der Bischof selbst als Zeuge auf und meldete, daß Lux
ihm, zweifelsohne durch Anwendung teuflischer Mittel, eine unüberwindliche
Zuneigung eingeflößt habe, wie es denn wohl jedermann bekannt gewesen
sei, daß der junge Bursch in seiner Gunst gestanden habe und mancher
ihn vielleicht zu seiner hohen Verwunderung mit dem Schermäuser habe
spazieren sehen; bis derselbe ihn habe bereden wollen, sich eines
Alrauns zu bedienen, nämlich einer goldschwitzenden Wurzel, und ihm
auch Anweisung gegeben habe, wie dem Fetisch durch Verfluchung des
Christengottes müsse gehuldigt werden, vermutlich um seine Seele dem
Teufel zuzuwenden, worauf ihm denn endlich die Augen über die wahre
Natur des gottlosen Menschen aufgegangen wären. Nach eignem Geständnis
hätte er seine Kenntnis solcher Zauberei aus einem alten Buche, worin
auch allerlei verschwiegene Mittel vorgestellt wären, um unbeliebte
Personen unmerklich vom Leben zum Tode zu bringen.
Diese Erzählung des Bischofs wirkte wohltuend und erleuchtend auf alle
die Leute, denen es noch in peinlicher Erinnerung lebte, wie lieb ihnen
der junge Geselle gewesen war, der ihnen lauter Freundlichkeit und Güte
erwiesen hatte, was sie nun nicht mehr zu verbergen brauchten, da sich
ja nur seine schwarze Kunst desto deutlicher darin offenbarte. Es
wurden eine Menge Beispiele von seiner Verzauberung der Menschen
zusammengetragen: wie er den schwarzen Tobias um die Abendzeit in seiner
Hütte besucht, ihn herzlich angeblickt und ihm Unterstützung versprochen
hatte, um ihn zu trösten, weil er um seinetwillen die Stelle als
Hilfsjäger des alten Bernkule verloren habe; wie er sich häufig zur
schiefen Resi auf die Bank vor dem Hause gesetzt und ihre gichtgekrümmten
Hände gestreichelt hatte; wie er dem stelzfüßigen Klaus, der nicht Weib
noch Kind besaß, Kleider und Strümpfe geflickt und oft mit eignen Händen
eine Suppe gekocht hatte; wie er die Kinder an sich gelockt und ihnen
Pfennige geschenkt hatte; wie die Mädchen in ihn vernarrt gewesen waren,
obwohl er sich öffentlich nie um sie gekümmert hatte; wie er so sanfte
Hände und vor allen Dingen einen zärtlichen Blick gehabt habe, wodurch
er die Seelen habe betören können, wie sich nun herausstelle, um sie dem
Teufel als schuldigen Tribut oder als Lösegeld in die Krallen zu
spielen. Auch jetzt flößte Lux, die bald verwundert, bald wehmütig die
Verhandlungen an sich vorübergehen ließ, ohne viel dazu zu sagen,
vielen von den Richtern ein Gefühl ein, das ihnen wie natürliche
Zuneigung erschienen wäre, wenn sie nicht durch die Bekenntnisse der
übrigen Betroffenen eitel Teufelei dahinter hätten erkennen müssen, so
daß ihr Abscheu vor dem gefährlichen Satansbuben dadurch nur vermehrt
wurde.
Als nun auch in Zweifel gezogen wurde, ob Lux wirklich, wie sie
angegeben hatte, der Enkel des verstorbenen Bernkule sei, zeigte sich,
daß sie keine Papiere besaß, um sich auszuweisen, und ihr der Aufenthalt
in Klus seinerzeit nur auf eine mündliche Erklärung des Alten und wegen
der bischöflichen Fürsprache war gestattet worden. Es wurde für das
beste gehalten, den kleinen Brun zu befragen, der, während man Lisutt
bei dem angeblichen Bruder gelassen hatte, einem Lehrer zu vorläufiger
Obhut übergeben worden war und von diesem als ehrlicher und zuverlässiger
Bursche geschildert wurde. Als Brun sich unversehens seiner Mutter
gegenübersah, ohne sich ihr nähern, geschweige denn mit ihr sprechen zu
dürfen, die ihm aber ermunternd zulächelte und zunickte, wurde er blaß,
und das Weinen stieg ihm so heftig in die Kehle, daß er es kaum
verschlucken konnte. Nach einer feierlichen Ermahnung des Bischofs, die
Wahrheit zu sagen, wurde er gefragt, ob Lux sein Bruder sei, worüber er
aufs äußerste erschrak, da er wohl wußte, wie sie ihm eingeprägt hatte,
daß er sie vor den Leuten nicht Mutter nennen dürfe, und er glaubte, es
hänge ihr Glück oder ihr Leben von seinen Worten ab; aber es war ihm
unmöglich, eine Lüge auszusprechen, und mit einem herzzerreißenden Blick
auf Lux sagte er, nein, sie sei sein Bruder nicht, war aber zu weiteren
Erklärungen durch kein Zureden zu bewegen.
Nachdem somit das vagabundenhafte, auf Lug und Trug gebaute Dasein der
Lux nachgewiesen war, sollte auch Lisutt von ihr getrennt werden, und
der Medizinalrat übernahm es, indem er sich für einen Kinderfreund
erklärte, die Kleine an sich zu locken. Lisutt aß zwar die Süßigkeiten
auf, die er ihr brachte, als er sie aber auf den Arm nehmen wollte,
schlug sie nach ihm und schimpfte mit heller Stimme so kräftig, daß er
sich eilig bekreuzte und entfernte und berichtete, das Kind habe sich
wie ein feuerspuckender Teufel gebärdet, entweder es sei doch von einer
Brut mit dem Schwarzkünstler, oder er habe es bereits von Grund aus
verhext, so daß man sie füglich beieinander lassen könne, bis das Urteil
gefällt sei.
Damit hatte es aber noch einige Schwierigkeiten: der Bischof nämlich war
der Ansicht, ein Zauberer müsse mit Feuer verbrannt werden, die andern
dagegen fanden, ein Scheiterhaufen passe nicht in die neuen Zeitläufte,
er solle sich mit dem Galgen begnügen, ja verschiedene wollten weder vom
Brennen noch vom Hängen etwas wissen und sagten, man hätte einzig die
Sache mit dem Kirchenraub verfolgen sollen als etwas Handfestes und
allgemein Verständliches, mit der Zauberei könnten sie viel Anfechtung
und üble Nachrede erfahren.
So standen die Dinge, als plötzlich ein Umschwung in der galligen Laune
des Bischofs eintrat, die zum großen Teil die Ursache war, daß er der
armen Lux einen kläglichen Tod bereiten wollte. Die Stiftsdame
Hermenegilde hatte sich, um ihre Entbindung zu erwarten, in einem
kleinen, ihr gehörigen Schlößchen in der Nähe von Klus einquartiert, das
für gewöhnlich nur von einem Verwalter und seiner Frau bewohnt wurde,
und es war ihr Plan, daß das Kind bei diesen Leuten als bei seinen
Eltern aufwachsen sollte, so daß sie es, wenn sie immer Lust hätte,
besuchen und seine Erziehung beaufsichtigen könnte. Diese Vorstellung
ängstigte den Bischof über alle Maßen, doch ging er scheinbar auf alle
Wünsche der reizbaren Freundin ein und verständigte sich nur insgeheim
mit der alten Dienerin, die sie begleitet hatte, indem er sie beredete,
das Kind, kaum daß es völlig auf der Welt wäre, geschwind in das nächste
große Findelhaus zu tragen, wo es denn für alle Zeit verschollen
bleiben sollte. Die Sorge, ob der heikle Auftrag sich würde ausführen
lassen, verkehrte die übliche Zufriedenheit Wonnebalds in Erbitterung,
die er in dem Prozeß gegen Lux ausließ und die ihm das Brennen auf dem
Scheiterhaufen als etwas Wünschenswertes und Notwendiges erscheinen
ließ. Indessen, als er die Nachricht erhielt, daß das Kind zwar lebendig
ans Licht getreten, aber stracks in das Findelhaus verbracht wäre, wo
niemand es suchen und noch weniger finden könnte, glättete sich die
Unruhe seines Herzens und machte der ihm angeborenen Behaglichkeit
Platz. Er fing an, zärtliches Mitleiden für die unschuldig gepeinigte
Lux zu empfinden, und zugleich regte sich die vernünftige Betrachtung,
daß am Ende noch ihr Geschlecht bekannt werden würde und diese Entdeckung
ihm nachträglich böse Ausdeutungen der Gunst, die er ihr hatte angedeihen
lassen, eintragen könnte. Im stillen ärgerte er sich über den
Medizinalrat, daß er ihn in eine so dornige Sache hineingestoßen hätte,
die seinem Gemüt nicht zusagte, und es dünkte ihn in jeder Hinsicht das
beste zu sein, wenn dem lieben Weibe zur Flucht verholfen und damit der
leidige Prozeß für immer begraben würde. Zu diesem Zweck ordnete er an,
daß Lux aus dem allgemeinen Untersuchungsgefängnis in einen Turm
überführt würde, der zum Umfange der Burg gehörte und der in alten
Zeiten als Luginsland sowie zur sicheren Aufbewahrung von Gefangenen war
gebraucht worden; wobei er sich des Vorwandes bediente, daß der Zauberer
vermutlich mittels schwarzer Kunst zu fliehen versuchen würde, wogegen
jener feste Zwinger das beste Bollwerk wäre. Also wurden Lux und Lisutt
eines Morgens in den Turm gebracht, in dessen pechdunkelm Innern eine
Wendeltreppe mit hohen steinernen Stufen zu einer kahlen Stube mit einem
Guckfenster nach jeder Himmelsrichtung führte.
Das Bewußtsein, nicht mehr im Gefängnis, sondern eigentlich im Hause des
Bischofs zu sein, an dessen Gutmütigkeit sie immer noch glaubte, vor
allem das Gefühl der Einsamkeit in der Höhe zwischen den winterlichen
Lüften tat Lux wohl; sie hob Lisutt auf ihre Schulter, ließ sie durch
die vier Gucklöcher sehen, küßte sie ungestüm und fing allerlei Spiele
mit ihr zu spielen an mit mehr Fröhlichkeit, als sie seit langem getan
hatte, so daß Lisutts Jauchzen zwischen den dicken Mauern erklang, wie
wenn ein kleiner Vogel sich darin verflogen hätte und zwitscherte. Nach
einigen Stunden jedoch stellte sich Müdigkeit und Hunger ein, und mit
minderer Lust als im Anfang erzählte Lux Märchen und Schnurren, damit
das Kind nicht zu essen verlangte, bevor sie ihm etwas zu geben hätte.
Dann, nachdem es gemerkt hatte, was ihm fehlte, und herzlich nach Brot
und Wasser verlangte, galt es allerlei zu ersinnen, um es zu vertrösten
und zu zerstreuen; aber zwischen dem Sprechen senkte sich dunkle,
unheimliche Furcht auf ihr Gemüt. Wenn sie nach der Treppe horchte, ob
kein Schlurfen von Schritten käme, war es drinnen still wie Stille im
Grabe, die unendlich und unabänderlich ist. Früh kam die Dämmerung und
brachte wachendes Bewußtsein der Kälte und Verlassenheit mit sich;
Lisutts Tränen stürzten nun unaufhaltsam, die sie bisher im Gefühle,
wie weh sie ihrer Mutter taten, bitterlich kämpfend hatte zurückhalten
können.