Vorsichtig, die Augen auf den Fluß gerichtet, ging er rückwärts, dann,

als er sicher war, daß er von dort aus nicht mehr gehört oder

wahrgenommen werden konnte, fing er an zu laufen und hielt erst ein,

als er bei einer breitköpfigen Ulme angekommen war, die eine leichte

Bodenerhebung krönte und unter der er sich niederlegte. Tränen liefen

ihm über die Wangen, ohne daß er es bemerkte, so erschüttert war seine

Brust von Rührung und inniger Liebe; noch schwankte der nackte Leib vor

seinen Augen, und zugleich war es ihm, als müsse er, vor ihre Füße

geworfen, sie um Vergebung anflehen, daß er, wenn auch ohne seine

Schuld, ihre Verborgenheit belauscht hatte. Obgleich er kein Neuling in

Liebesangelegenheiten war, glaubte er doch zum erstenmal zu lieben und

fühlte sich beglückt in der Sicherheit, bis zum Tode und ewig darüber

hinaus dieser einzigen Frau anzugehören. Der Mond stieg allgemach,

überfließend von gelbem Lichte, hinter dem Gehölz empor, und Lando lag

noch immer in das schaudernde Gras gedrückt, sah den stillen Flug des

vollen Gestirnes und fühlte sich eins mit der Erde, die rein entzückt

die Beseligung der Nacht empfing. Gegen Mitternacht ging er nach Hause,

schlief fest bis in den hohen Tag und kleidete sich langsam an, im

schwelgerischen Vorgenuß der ersehnten Begegnung ebenso bestrebt, sie

hinauszuschieben, wie ungeduldig, sie herbeizuführen.

* * * * *

Der Bischof hatte unterdessen Lux aufgesucht und ihr den Unfall, der

dem Alräunchen zugestoßen war, erzählt, worauf sie, zufrieden, daß der

Spaß so weit geglückt war, es für unmöglich erklärte, unter den Augen

eines Spähers und vielleicht Mitwissers zum zweitenmal eine solche

Zauberei anzuzetteln. Wonnebald, dem nichts erwünschter war, als von

einer unscheinbaren Wurzel, deren Eingeweide die nutzbringende Natur so

artig eingerichtet hatte, allnächtlich ein Häufchen Gold auf das

Kopfkissen gespuckt zu bekommen, neigte zu dem Wunsche, Lando, den er

für das einzige Hindernis der Goldabsonderung ansah, auf die eine oder

andre Weise zu entfernen, und sagte zu Lux, wenn sie aus ihren Büchern

eines Mittels kundig wäre, um unliebsame Störenfriede, sei es mit

Beeinträchtigung von Gesundheit oder Leben, sei es ohne Schädigung

derselben, aus dem Wege zu räumen, so wolle er die Folgen auf sich

nehmen und mit Dank und Lob ihrer Geschicklichkeit nicht zurückhalten.

Sie erschrak im Herzen über diese Zumutung, ließ aber nichts davon

merken, sondern antwortete, indem sie nachdenklich den Kopf wiegte,

eine solche Sache müsse langsam reif werden, sie wolle alles wohl

bedenken, er möge inzwischen nichts unternehmen, ohne ihren Rat

einzuholen. Nachdem er sich entfernt hatte, nahm sie ihren Lieblingsplatz

am Fenster ein; ihr Blick schwebte zwischen dem weißen Wasser, das

nicht müde wurde sich selber zu verschlingen und in furchtbaren

Todesstürzen sich von sich selber befreien zu wollen schien, und dem

bleichen Himmel, der heute matt herabhing und die Luft zusammenzudrücken

schien. An dem gegenüberliegenden breiten Berge zog sich deutlich

erkennbar ein schmaler, blasser Pfad hinauf, über dem das farblose

Gewölk so unbeweglich lag, als wenn er auf immer verschüttet wäre, und

ein beklemmendes Gefühl, eingeengt und gefangen zu sein, bemächtigte

sich ihres Herzens. Wie sie so dasaß, kam Lando unter ihrem Fenster

vorbei, blieb stehen, als er ihrer ansichtig wurde, grüßte und suchte

errötend nach einer Anrede, ohne ein Wort finden zu können, das ihm

passend schien. Sie wartete ein wenig und erzählte ihm dann flüsternd,

halb scherzhaft, halb ängstlich, daß der Bischof ihm nach dem Leben

trachte und sie gedungen habe, ihn umzubringen. »Das könntest du doch

nicht,« sagte er leise und sah sie ernsthaft und zärtlich an, indem er

dicht an die Mauer herantrat, die Arme in die Fensterbank und den Kopf

auf die gefalteten Hände legte. Sie antwortete treuherzig: »Nein,

das könnte ich nicht,« und beugte sich, von seinem flehenden Blick

angezogen, zu ihm nieder, worauf er sie mit beiden Armen umschlang und

ihren Mund, der dem seinen entgegenkam, küßte. Sie blieben eine Weile

so, ließen sich los, lachten und umarmten sich von neuem; daß er ihr

Geschlecht erraten hatte, erschien ihr selbstverständlich und keiner

Frage wert. Erst als Lando, durch Schritte, die näher kamen, erschreckt,

sich mit kurzem Gruß entfernte, besann sie sich, seufzte mehrmals und

brach endlich in Tränen aus, die lange nicht trocknen wollten, dann

aber einer starken, hochschwebenden Freudenstimmung wichen.

An den nächstfolgenden Tagen trafen sie sich einmal oder mehrmals, und

es schien ihnen bald so, als wären sie seit Wochen, ja seit Monaten und

Jahren durch gegenseitige Liebe verbunden, nur daß Lando nicht verriet,

daß er sie an jenem Abend im Fluß hatte baden sehen und es als Geheimnis

bewahrte, mit dessen Offenbarung ihr Glück die letzte, überschwengliche

Weihe erhalten würde. Oft, wenn er bei ihr war, vergaß er es, oder es

kam ihm plötzlich unwichtig vor, oder, wenn er in ihre unschuldig

wissenden Augen blickte, schien es ihm töricht oder anmaßend oder

zwecklos, davon zu sprechen; endlich, an einem heißen, wolkenlosen

Sommertage, entfuhr ihm zufällig ein andeutendes Wort, das er gleich

darauf zurücknahm, und da sie arglos in ihn drang, das Rätsel zu lösen,

beschwor er sie, beim Einbruch der Nacht unterhalb des Dorfes an den

Fluß zu kommen, wo er ihr einzig gestehen könne, was er nicht laut unter

der Sonne zu sagen wage. Lux errötete und stutzte, aber nein hätte sie

nicht sagen können.

Abends, nachdem sie die Kinder zu Bette gebracht hatte, setzte sie sich

ins Fenster, um zu warten, bis sie eingeschlafen wären; aber Brun, der

eine außergewöhnliche Erregung an seiner Mutter bemerkt hatte, kämpfte

mit Anstrengung gegen die Müdigkeit, und erst als es eine Stunde vor

Mitternacht war, überwältigte das tapfere Kind der Schlaf. Lux hörte es

an seinen ruhigeren Atemzügen und schwang sich mit ganzem Leibe in die

Fensterbank, um ins Freie zu springen, zögerte aber wieder und kehrte

noch einmal ins Zimmer zurück, um sich zu vergewissern, daß die Kinder

fest und ruhig schliefen. Sie war so erregt und aufgewühlt, daß das

unzählige Male gesehene Bild der schlafenden Kinder sie wie etwas

Fremdes rührte; Brun sah traurig aus, Lisutt hingegen lag da, als wären

scharenweise Engel um sie versammelt und hielten einen himmlischen

Baldachin über ihr, dessen Licht von ihren Wangen widerschiene. Ihre

Lippen waren so weit geöffnet wie eine wilde Rose vor Tag, ein winziger

Blutring in einfachster und süßester Linie um das überirdische Geheimnis

gebogen, das in kaum hörbar aus- und einwehendem Atem sein Dasein

verriet. Lux stand mit überfließenden Augen an dem Bett und konnte nicht

gehen noch bleiben; aber ein unvermeidliches Schicksal, das sich mit

ihrem Herzen verkettet hatte, schien sie dahin zu rufen, wo der Geliebte

sie erwartete, und sie schwang sich noch einmal in das Fenster und ließ

sich sacht an der niedrigen, leise bröckelnden Mauer herab.

Draußen duftete die Nacht, und die unbestrahlte Erde enthüllte ruhevoll

ihren Leib in der einsamen Dämmerung. Lux atmete tief auf und reckte die

Arme in die Luft; ihre Brust weitete sich, und sie mußte gewaltsam den

Schrei des Entzückens auf den Lippen festhalten, während sie mit

fliegenden Füßen die weichen Pfade zu den Gebüschen am Fluß

hinuntereilte.

Sie trafen sich nun mehrere Nächte so, wohingegen sie sich am Tage nicht

zusammen wollten sehen lassen, um keinen Anlaß zu Verdacht und Geschwätz

zu geben; denn Lando war zwar ungeduldig, Lux als seine Frau heimzuführen,

wollte aber mit der Veröffentlichung des Verhältnisses warten, bis seine

Mutter, die krank und nach Aussage der Ärzte in Lebensgefahr war,

entweder genesen oder dann durch den Tod aller Kränkung entrückt wäre.

Trotz der beabsichtigten Vorsicht indessen begegneten sich die Liebenden

auch nicht selten bei Tage, so daß es dem Bischof nicht entgehen konnte,

der nicht aufhörte, Lux zu beobachten und nachzustellen. Sie gab

unverlegen die Erklärung, daß sie vertraut mit Lando werden müsse, um

ihm etwas Zweckmäßiges beibringen zu können, womit Wonnebald sich

zufriedengab, da er ohnehin den Kopf der allerärgsten Sorgen voll hatte.

Nachdem nämlich die Fruchtbarkeit des Alrauns infolge des Gegenzaubers

von Landos Neugierde abgestorben war, nahm der Bischof seine früheren

Lebensgewohnheiten wieder auf, insbesondere die Zusammenkünfte mit

Hermenegilde, die bereits ein eifersüchtiges Mißtrauen wegen seiner

Zurückgezogenheit und Geheimtuerei gefaßt hatte. Das lenzliche Prangen

der Natur schien auch die Liebe saftiger und würziger zu machen, so daß

Wonnebald sich schon über die unterbrochene Goldmacherei getröstet

fühlte; aber der widerliche Nachgeschmack, der sich sooft aus den

Wollüsten des Lebens entwickelt, blieb nicht aus, indem Hermenegilde

plötzlich Muttergefühle an sich wahrnahm und das Paar sich mit dem

Gedanken an Kindersegen vertraut machen mußte. Nach Überwindung des

ersten Schreckens empfand Hermenegilde hierüber mehr Freude als Kummer,

die täglich zunahm, Wonnebald hingegen schlug das Glück, Vater zu

werden, gering an und hätte den unwillkommenen Sprößling gern schon

im Mutterleibe umgebracht, in der Meinung, daß es je später desto

schwieriger und gefährlicher sein würde. Anfänglich trug er sich mit dem

Gedanken, auch in dieser Sache Lux um einen wirksamen Zauber anzugehen,

mußte aber bald bemerken, daß Hermenegilde über seine lieblose Gesinnung

in große Erbitterung und Aufregung geriet, die er nur durch völlige

Unterwürfigkeit und heuchlerische Zärtlichkeitsvorspiegelungen

beschwichtigen konnte. Hermenegilde zweifelte nicht, daß die unterjochten

Stiftsdamen, wenn sie das Geheimnis entdeckten, sich ducken und

schweigen würden, ja im Grunde konnte sie sich nichts andres vorstellen,

als daß das Hervorbrechen ihrer Nachkommenschaft von der erstaunten Welt

mit Pauken und Posaunen werde gefeiert werden, und sie ließ es nicht an

beißenden Bemerkungen über die Menschenfurcht des Bischofs fehlen.

Vorzüglich verließ sie sich in dieser Angelegenheit auf eine alte Magd,

die ihr in allen Dingen blindlings zu Diensten und von Anfang an

Mitwisserin des hochwürdigen Liebesverhältnisses gewesen war, das sie

freilich mißbilligte. Die Alte, die ohne Zaudern jedes schuldlose

Stiftsfräulein ins Wesenlose befördert hätte, das ihrer Herrin unbequem

gewesen wäre, betrübte und entrüstete sich darüber, daß die gewaltige

Dame, in Hingebung zerschmolzen, ihren Ruf einem Manne aufopferte, und

erlaubte sich oft, ihr die verliebte Schwäche vorzurücken. Vor allen

Dingen grollte sie dem Bischof, der durch sein Dasein alles verschuldet

hatte, und ließ sich auch durch die reichen Geschenke, die er ihr

zusteckte, damit sie ihm ein weniger grämliches Gesicht mache,

keineswegs besänftigen, vielmehr verachtete sie ihn wegen dieser

furchtsamen Bestechungen um so gründlicher.

Dem Bischofe brach kalter Schweiß aus, wenn er daran dachte, was für ein

Ende das nehmen sollte, und in einem solchen Zustande von Beängstigung

kam ihm eines Tages der Einfall, es mit Gebet und Gelübde zu versuchen,

da doch möglicherweise Gott oder wenigstens die Heiligen zu einer

wunderbaren Hilfeleistung imstande und geneigt wären. Von der Aussicht

schon ein wenig erheitert, kleidete er sich veilchenblau an und begab

sich geradeswegs in die Burgkirche hinein, wo im Gegensatze zu der

Mittagshitze, die draußen siedete, liebliche Kühle und Dunkel herrschten.

Ein kitzelndes Wallen und Knistern um sich verbreitend, schritt er

durch die Säulen und verschwand in der letzten Seitenkapelle, die der

sogenannten Millionenmutter oder Millionenmaria gewidmet war. Es befand

sich dort nämlich in einem verschlossenen Glasschreine eine schön

geputzte Puppe, die die Gottesmutter ohne Kind darstellte und vorzüglich

als Krankenheilerin verehrt wurde, da sie vor Jahrhunderten einmal der

Pest, die Klus fast sämtlicher Einwohner beraubt hatte, endlich von den

übriggebliebenen in Prozession durch die Gassen getragen, Einhalt

geboten haben sollte. Diese Figur trug eine Krone, deren Gestell aus

Messing war, die aber mit verschiedenen Edelsteinen von außerordentlicher

Größe und Kostbarkeit besetzt war, weswegen ihr der Volksmund den

erwähnten Namen angehängt hatte, und welcher Reichtum die Ursache sein

mochte, daß sich mit Vorliebe die in Geldnot befindlichen Gläubigen

an sie wandten. Als der Blick des knienden Bischofs auf die milde

funkelnden Steine fiel, kam ihm der Gedanke, daß dieser brachliegende

Schatz ihn für alle Zeit aus seinen Verlegenheiten retten könnte, und

wuchs mit solcher Schnelligkeit und Gewalt zum unwiderstehlichen

Wunsche, daß er ihm einer Eingebung gleichzukommen schien. Tief in

Gebetsstellung zusammengekrümmt, überlegte er sich, daß außer ein paar

alten blöden Leuten zu dieser Zeit niemand in der Kirche wäre, daß,

abgesehen davon, niemand sehen könne, was abseits in der düsteren

Kapelle vorginge, und also, da er auch die Schlüssel bei sich hatte,

nichts ihm im Wege stände, um sich augenblicklich des Kleinodes zu

bemächtigen. Nachdem er vorsichtig in die Kirche hineingelauscht und

sich überzeugt hatte, daß sie leer und totenstill war, öffnete er leise

die gläserne Tür und löste der Puppe die Krone vom Kopfe, was freilich

nicht ohne heftiges Rütteln und Zerren vonstatten ging. Auch war das

Aussehen des beraubten Kopfes, als er haarlos war, einigermaßen nackt

und kümmerlich; aber da das der Heiligkeit und Wunderkraft kaum Abbruch

tun würde, hielt es der Bischof für unnütz, sich das Gewissen darüber zu

beschweren. Er schob die Krone in den Busen, rauschte stramm durch die

Kirche und eilte in sein Schlafgemach, um sich in Ruhe an der Erwerbung

zu ergötzen.

Es waren zwölf Edelsteine in die Krone gefaßt, hauptsächlich Smaragde

und Rubine, von denen er die größten zu verkaufen oder zu versetzen, die

kleineren der Hermenegilde zu schenken beschloß. Selbst das Geschäft

auszuführen, schien ihm bedenklich, doch zweifelte er nicht, daß Lux

sich würde bereitfinden lassen, in die nächste Stadt zu reisen und die

ausgewählten Steine einem Juwelenhändler zum Kaufe anzubieten; sie

stammten, gab er ihr an, von einer Urahne, die sie in einem Ringe

getragen habe, und die Sache müsse geheim bleiben, weil es dem Rufe

eines Kirchenhauptes schaden könne, wenn man erführe, daß er sich eines

so heiligen Erbstücks habe entäußern wollen oder müssen. Lux war zu sehr

in den Traum ihrer Liebe eingeschlossen, um darüber nachzudenken, ob es

sich so oder anders verhielte, führte den Auftrag aus und händigte dem

freudestrahlenden Bischof die Summe ein, die sie daraus erlöst hatte.

* * * * *

Der alte Bernkule war, seit Lux da war, ihm alle Arbeit abgenommen und

ihn gepflegt hatte, ganz in sich zusammengesunken und fing behaglich an

zu sterben; in den letzten Tagen indessen, als der Bischof eben seinen

großen Streich vollführt hatte, befand er sich so wohl und kräftig, daß

er mit Lux und den Kindern einen großen Spaziergang unternahm, der sie

weiter als sonst in die umliegenden Täler hineinführte. Auf einer Anhöhe

machten sie halt, und nachdem sie einen Imbiß zu sich genommen hatten,

erklärte der Alte die Namen der Gipfel, die man sehen konnte und die er

in früheren Jahren manches Mal bestiegen hatte. Gerade ihnen gegenüber

befanden sich auf einem verödeten Hügel die Ruinen einer Burg, an

einigen Stellen so niedrig und verbröckelt, daß das Gras darüber

hinauswuchs, während an andern das Gemäuer noch die einstigen Formen

erkennen ließ. Christoph Bernkule erzählte alte Überlieferungen, die

sich daran knüpften, und fügte hinzu, daß er als Kind hätte sagen hören,

es töne zuweilen bei Abend- oder Nachtzeit eine süße Musik aus den

verfallenen Mauern, deren Ursprung nie habe erkundet werden können; denn

sooft einer sie gehört und neugierig zwischen den Trümmern nachgespürt

habe, sei sie verstummt und nie etwas andres zu finden gewesen als etwa

eine zirpende Grille oder ein weinendes Käuzchen.

Lisutt blieb eine Weile still und in sich gekehrt, so daß nicht zu

erkennen war, ob sie die Erzählung des Großvaters verstanden hatte,

plötzlich aber richtete sie die Augen groß und heiter auf ihn, sagte:

»Ich höre die Musik!« und blickte dann wieder fest auf das Gemäuer,

hinter dem, durch unregelmäßige Lücken sichtbar, das Feuer der

untergehenden Sonne brannte. Während der alte Bernkule lächelte, sah

Brun ernst und fast traurig auf die Kleine, der das wunderbare Tönen

aufgegangen war, und auch der alte Mann konnte sich der Neugierde und

Bewunderung nicht enthalten, wie sie die runden Arme mit einer kleinen,

unbewußten Bewegung hin und her zu wiegen begann, gerade als ob sie zu

einer die Seele durchdringenden Musik den Takt angeben wollte. Lux lag

ein wenig abseits im Moose und horchte halb auf das Gespräch der andern,

halb in sich hinein, wo der Nachhall der Schwüre ihres Geliebten

weiterlebte, die er, sowie sie einen Zweifel an seiner Beständigkeit

oder an ihrer gemeinsamen Zukunft merken ließ, nicht müde wurde zu

wiederholen: daß die Kraft der Liebe sein Herz und seinen Willen

gehärtet habe, so daß weder Zwang noch Bitten ihn würden biegen können,

daß ihre Armut ihn beglücke, weil er, ein Bettler vor der Fülle ihres

Wesens, dadurch doch auch einmal, wenn auch nur in vergänglichen und

nebensächlichen Dingen, reich sein und ihr schenken könne, daß er

lieber Fluch, Verbannung, Elend und das ewige Brennen der Hölle mit ihr

teilen wolle, als entblößt von ihrer Nähe und Liebe die schauerliche

Langeweile des Lebens ertragen. Auf einer unfaßbaren Melodie

durchfluteten sie solche Worte, Minuten wie Stunden erfüllend und

verzehrend, so daß sie die Flucht der Zeit nicht bemerkte. Auch der Alte

saß selbstvergessen da, aus den verglimmenden Äuglein auf das Kind

blinzelnd und zuweilen bewußtlos in sich hineinlachend. Das kantige

Trümmerwerk starrte schwärzer aus dem weißleuchtenden, grünlich

überhauchten Himmelsgrunde, und schon sammelte sich kühle Feuchtigkeit

über dem Boden, als Lux zum Heimgehen mahnte. Sie und Brun mußten

wechselweise Lisutt auf den Armen tragen, die unvermerkt eingeschlafen

war, der alte Bernkule hingegen ging seinen steten, langsamen Schritt

nach Hause und murmelte zuweilen für sich unverständliche Dinge, wobei

er ein wenig die unsicheren Arme bewegte. Am andern Morgen fieberte er,

schien aber mehr schwach als krank zu sein, doch starb er, ohne noch

einmal volles Bewußtsein wiedererlangt zu haben, zwei Tage darauf; die

Anstrengung des Spaziergangs und die Feuchtigkeit des Abends mochten die

Auflösung des Greises beschleunigt haben.

Der Tod des alten, mehr als neunzigjährigen Mannes, den jedermann in

Klus, groß und klein, reich und arm, kannte, erregte allgemeine

Teilnahme, und viele kamen, ihn zu sehen, der mit dem langen weißen Haar

und dem wallenden Bart, in dem sich noch schwarze Haare kräuselten,

erbaulich wie ein Patriarch dalag und die Umstehenden zu schönen

Betrachtungen über Leben und Sterben veranlaßte. Die Kinder, die sich

bei seinen Lebzeiten vor ihm gefürchtet hatten, liefen neugierig herbei

und brachten Blumen ohne Zahl, so daß beim Begräbnis der kleine schwarze

Sarg unter Kränzen fast verschwand. Himmel und Erde lachten in

sommerlicher Wonne, als das Trauergeleit den eingesegneten Leichnam auf

den Gottesacker führte, der, zwischen zwei Hügel eingebettet, ein halbes

Stündchen außerhalb des Dorfes lag. Dicht hinter dem Leichenwagen

ging mit flinken, fröhlichen Schritten Lisutt, weiß angetan und weiß

bekränzt, strahlend vor feierlicher Heiterkeit, da sie überzeugt war,

den Großvater in das Paradies zu führen, wo Engel und Heilige auf den

Wiesen tanzten und hurtige Affen auf immergrünen Bäumen kletterten.

* * * * *

Es war eine selbstverständliche Sache, daß Lux, als vermeintlicher

Enkel des alten Bernkule, sein Geschäft fortführen werde; aber bevor

sie noch förmlich in das Amt war eingesetzt worden, ging auf allen

Seiten ein Murren los, die Stelle würde liederlich verwaltet und keine

Maulwürfe mehr abgefangen, sie gebärdeten sich wie die Herren im Lande,

unterwühlten nicht nur die Gemüsepflanzungen, sondern stießen sogar

in den Ställen auf, zu großem Schaden und übler Vorbedeutung. Nun

war freilich die Jagd von jeher und besonders während der letzten

Lebensjahre des alten Bernkule überaus nachlässig betrieben worden,

allein weil die Leute mit ihm nicht anbinden wollten und mochten, hatten

sie geschwiegen und insgeheim selber weggefangen, was ihnen in die Quere

kam; jetzt aber erhoben sie unverweilt ein Geschrei, daß sie zusehen

müßten, wie das Ungeziefer ihnen Bohnen und Melonen zerstörte, da ja

zugunsten des verschworenen Schermäusers eigenmächtiges Ergreifen und

Töten der Maulwürfe verboten wäre.

Auf die Ermahnungen des Magistrats hin, sich des Amtes besser anzunehmen,

wußte sich die unberatene Lux nichts Besseres, als mehr und mehr

selbstverfertigte Schwänzchen vorzuweisen, wovon sie noch einen

ziemlichen Vorrat hatte, wodurch aber, wie sich von selbst versteht,

der Maulwurfplage keineswegs gesteuert wurde. Bald begann die

Maulwurfbehörde sich über die gewaltige Vermehrung dieser Tiere zu

wundern und zu beunruhigen, die, so mußte es ihnen scheinen, bei

Dutzenden weggefangen, sogleich bei Hunderten wieder da waren, als ob

sie sich aus dem Blute der Hingewürgten phönixartig und vervielfacht neu

erzeugten. Im Rat, wo Bildung und Besonnenheit vorherrschte, suchte man

nach vernünftigen Erklärungen für die Erscheinung und besann sich auf

verschiedene Fälle, wo Heuschrecken, Frösche, Mäuse und ähnliche Tiere

durch unerhörte Vermehrung zu einer Landplage geworden waren, und auf

das Betragen und die Mittel, die die Weisheit der Regierenden jeweilig

solchen Heimsuchungen entgegengesetzt hatte.

So bedachtsam ging es im Volke nicht zu, wo der schwarze Tobias in

selbstsüchtiger Absicht allerlei verdächtige Nachrede umgehen ließ; man

wurde sich einig, daß die Sache mit rechten Dingen nicht zugehen könne,

und flüsterte sich zu, daß Lux durch zauberhafte Mittel die Vermehrung

oder den Zufluß von Maulwürfen herbeigeführt habe, teils aus allgemeiner

Bosheit, damit Landwirtschaft und Gartenbau von Klus zugrunde gehe,

teils um bei der Gelegenheit die eigne Tasche zu füllen. Anfänglich

blieb das ein unterdrücktes Grollen und Drohen, wovon eben der, die

es betraf, nichts zu Ohren kam, bis es geschah, daß in der Burgkirche

das Fehlen der Marienkrone bemerkt wurde, die Kunde davon zu jenem

Goldschmied drang, dem Lux die beiden größten Edelsteine verkauft hatte,

in diesem der Argwohn aufstieg, dieselben könnten mit dem großen

Kirchenraube in Zusammenhang stehen, und durch die auf seine Anzeige

erfolgende Untersuchung als wahrscheinlich nachgewiesen wurde, daß sie

in das vermißte Heiligtum gehörten. Augenblicklich fiel der Verdacht der

Leute auf Lux, deren Abreise und zweitägiges Fernbleiben von Klus gerade

während der Zeit, wo der Raub dem Vermuten nach ausgeführt worden war,

sogleich Verwunderung erregt hatte und nun in übelster Weise ausgedeutet

wurde, noch mehr aber, weil sie ihnen nun einmal ein Dorn im Auge und

Zielscheibe aller bösen Gedanken geworden war.

Der Richterschaft erschien es nicht angemessen, Lux auf so geringe

Verdachtspunkte hin gefangen zu nehmen, auch deshalb zur Nachsicht

geneigt, weil Lux sich der Gunst des Bischofs erfreute, und so wurde ihr

nur mitgeteilt, daß sie bis auf weiteres ihre Wohnung nicht verlassen

und einer Vorladung vor Gericht sich gewärtig halten solle. Da ihr nicht

gesagt worden war, um was es sich handle, dachte sie, es müsse die

Maulwurffängerei angehen, und nahm die Sache nicht schwer.

Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück: Eine Erzählung · 第 3 / 6 段