Zimmer fiel, am Fenster saßen und schweigend der Arbeit oblagen, erwachte
Brun, sah mit großen Augen eine Weile zu und brach in zornige Tränen aus,
als er begriff, zu was für einem Zweck da geschnitten, genäht, geleimt
und gewalzt wurde. Lux eilte sogleich zu ihm und redete ihm begütigend
zu, allein er stieß sie von sich, verlangte herrisch, sie dürfe das nicht
wieder tun, und schlief erst nach mehreren Stunden, von der Müdigkeit
überwältigt, wieder ein. »Ganz wie sein Vater,« murmelte der alte
Bernkule; »ein guter, ein ausgezeichneter Junge, aber ein Starrkopf und
Grillenfänger, wie jener war.« Brun betrachtete seitdem seinen Großvater
mit feindlichen Augen und konnte kaum durch seine Mutter, die ihm
vorhielt, daß das Alter unter allen Umständen geschont und geachtet
werden müsse, von offener Unehrerbietigkeit zurückgehalten werden. Lux
bewachte er, so gut er konnte, indem er sich außer der Schulzeit fast
immer in ihrer Nähe aufhielt und sie mit dem trotzig-feurigen Blick eines
eifersüchtigen Liebhabers umstellte, was sie sich gutmütig gefallen ließ.
* * * * *
Inzwischen hatte der Bischof erfahren, daß es in der neuen Residenz zwar
einen Überfluß an herrschaftlichen Genüssen für ihn gab, daß ihn
dieselben aber ein teures Geld kosteten, so daß sich die alten
Verlegenheiten in Bälde erneuern mußten.
Die erste Stelle in der Gesellschaft nahmen neben dem Bischof der
Justizrat Dr. Gregorius Schimmelmann und der Medizinalrat und Vorsteher
des allgemeinen Krankenhauses Dr. Joseph Maria von Boll ein, die beide
auch, das Alter betreffend, ihm nahestanden. Insofern wichen sie nicht
wenig voneinander ab, als Schimmelmann scharfsinnig, kunstliebend und
leichtblütig, Boll dagegen einseitig, beschränkt und schwerfällig war,
doch hatten sie sich aneinander gewöhnt und hielten zusammen, ohne sich
sonderlich zu achten. Dr. Gregorius war ein gewiegter Jurist, wußte die
verwickeltsten Fragen zu klären und irrte sowohl in menschlicher wie in
rechtlicher Hinsicht selten; aber da sein Ruf in diesen Dingen längst
feststand und sein Ehrgeiz in bezug auf seine Laufbahn befriedigt war,
nahm er sich seines Berufes kaum noch an und ließ die Sachen gehen, wie
sie wollten. Überhaupt hatten die Menschen seiner Ansicht nach gleich
viel Recht und Unrecht, und auch davon abgesehen, hielt er es für
belanglos, ob ihr Los sich so oder so fügte. Weit wichtiger als die
menschlichen Schicksale erschienen ihm gewisse Fragen der Altertumskunde,
Münzwissenschaft und die würdige Ausstattung der Wohnräume, wie denn
sein Haus von oben bis unten ein Wunderwerk des Kunstverstandes war und
von den Reisenden staunend besichtigt wurde. Wonnebald wußte von der
Kunst nichts, da er aber sah, wie ernst es Schimmelmann damit nahm und
wie sehr er von den Leuten deswegen bewundert wurde, glaubte er, ihm
darin nicht nachstehen zu dürfen, berief Maler und Bildhauer, kaufte
Gemälde, Schnitzereien und Altertümer, und da er weder einen guten noch
einen schlechten Geschmack und noch viel weniger ein sicheres Urteil
hatte, wählte er von den Gegenständen, die ihm vorlagen, was am meisten
kostete, wodurch sich diese Liebhaberei über alle Maßen kostspielig
gestaltete.
Boll stand dem Bischof insofern näher, als ihn Verstand oder Kunstsinn
oder andre Geistesgaben nicht auszeichneten, vielmehr war er, wenn auch
nicht so einfältig und ungebildet wie jener, ungewöhnlich beschränkt;
allein er wußte in allen kirchlichen Dingen gut Bescheid, so daß
Wonnebald in seiner Gegenwart stets Erörterungen fürchtete, die ihn
bloßstellen und entwurzeln könnten. Boll stammte von einer Familie ab,
die von alters der Kirche angehangen hatte, und Joseph Maria hatte es
nie anders gewußt, als daß er seine Laufbahn im Schatten und zum Schutze
der Kirche zu nehmen habe. Seine medizinischen Kenntnisse und Fähigkeiten
waren mittelmäßig, aber desto wackerer stand er seinen Mann, wenn es das
Wohl der kirchlichen Partei galt, zu deren tätigsten und angesehensten
Führern er gehörte. In dem Krankenhause, das er leitete, wurden zwar
neben den Katholiken auch Heiden aller Art aufgenommen, damit die Partei
sich religiöser Duldsamkeit rühmen könnte, aber dafür wurde die Heilkunde
an den Ketzern mit solcher Erbitterung ausgeübt, daß sie einem höllischen
Feuer gleichkam, aus dem sie entweder als Bekehrte oder als Abgeschiedene
hervorgingen. Wurde dem Medizinalrat die große Sterblichkeit der
Protestanten, Juden und Heiden in seinem Krankenhause vorgehalten,
so leugnete er dieselbe nicht, sondern rühmte sich, wie Gott dem
Rechtgläubigen die Arznei besser anschlagen lasse. Übrigens war Boll,
wenn auch nicht gerade warmherzig, doch auch nicht bösartig und tat nur
blindlings, was seine Vorfahren getan hatten und was ihm bisher zu
lauter Nutzen und Vorteil gereicht hatte. Dr. Schimmelmann lachte bei
sich über sein bigottes Treiben und hätte nichts mit ihm anzufangen
gewußt, wenn Boll nicht eine ausnehmende Meisterschaft im Flötenspiel
besessen hätte, die der musikliebende Justizrat trefflich zu verwerten
wußte. So musikalisch gebildet und von feinem Geschmack wie dieser war
Joseph Maria freilich nicht, aber Gefühl für Musik hatte er überflüssig
und flötete so lieblich und traurig, daß Schimmelmann, wenn sie
miteinander spielten, seinen Partner oft vor zu großer Zärtlichkeit
warnen mußte.
Außer der Musik verband diese beiden Männer noch die Wertschätzung
guter Weine und leckerer Speisen, die sie auch wiederum mit dem Bischof
vereinigte. Was für die wählerischen Gelage, in denen sie miteinander
wetteiferten, verausgabt wurde, schlug Wonnebald gering an,
unerschwinglich dagegen erschien ihm die Steuer, die Boll gesinnungsfroh
von ihm erhob, bald zur Hebung des Krankenhauses, bald für Propaganda und
Mission, bald für die Partei schlechthin.
* * * * *
In der allerbedenklichsten Weise zehrten an Wonnebalds Besitz seine
Freundin Hermenegilde und sein Sekretär und Schützling Lando, der Neffe
des Erzbischofs, den dieser unter dem Vorwande, er müsse wegen einer
unpassenden Leidenschaft von Hause entfernt werden und die väterliche
Obhut eines Geistlichen genießen, dem Bischof zur Seite gestellt hatte,
um ihn zu beaufsichtigen. Hierzu war nämlich Lando trotz seiner Jugend,
denn er war etwa 26 Jahre alt, durch überlegenen Verstand und eine
merkwürdige Kühle und Sicherheit des Urteils wohlgeeignet, auch konnte
er sich geschickt verstellen, ja fand Vergnügen daran, eine beliebige
Rolle zu spielen, so daß nicht zu befürchten war, der Bischof könnte
der List auf die Spur kommen. Daneben hoffte der Erzbischof einen
persönlichen Zweck zu erreichen: Lando mittels der Langeweile, der er
in Klus ausgesetzt sein würde, einer vorteilhaften Heirat geneigt zu
machen, durch die der träge und träumerische, wenig ehrgeizige Jüngling,
der nicht sonderlich bemittelt war, in eine dem Familienstolz
entsprechende Stellung befördert werden sollte.
Lando, der wußte, was sein Oheim mit ihm vorhatte, unterhielt sich
einstweilen in Klus aufs beste. Er gab sich dem Bischof gegenüber als
ein der Liederlichkeit ergebener junger Mann aus, den seine Familie
durch Religion bessern wollte, und stellte sich hocherfreut und
bewundernd darüber, daß er in dem Bischof einen freien Geist gefunden
habe, mit dem sich leben lasse. Wonnebald war zwar leicht anzuführen,
aber doch pfiffig genug, um etwas Fremdes und Schädliches zu wittern, so
daß er Lando, ohne zu wissen warum, nicht völlig traute; da er es aber
in jedem Falle für das beste hielt, ihn durch üppiges Freudenleben zu
betäuben, und er an die Möglichkeit nicht glaubte, daß das Fischlein
dem Angelbissen der Frau Welt sich sollte entziehen können, tat er,
soviel er konnte, um Landos ausschweifende Triebe zu weiden. Insofern
hatte er ganz unrecht nicht, als Lando sich die Früchte, die seine Rolle
abwarf, vortrefflich schmecken ließ, nur freilich setzten sie ihm nicht
so zu, daß er dadurch unfähig geworden wäre, den Bischof mit klaren und
vergnügten Augen zu beobachten. Ihn recht in Weibersachen zu verwickeln,
wollte Wonnebald überhaupt nicht glücken, obwohl Hermenegilde als reife
und stürmische Liebesgöttin ihn an mancher lauschigen Grotte und
bekränzten Laube des Stiftsgartens vorübertrieb; weder die adligen Damen
noch ihre Zofen schienen ihn fesseln zu können und waren auch ihrerseits
durch das barsche Regiment der Vorsteherin zu eingeschüchtert, um ihren
Gefühlen freie Entfaltung zu vergönnen.
Hermenegilde hatte nämlich die Eigenheit, die Stiftsdamen, wenn sie bei
guter Laune war, zu unbedachten Schritten zu verlocken, was sie hernach
benutzte, um sie aufs gröblichste zu verleumden und sie durch Androhung
öffentlicher Anklage in Schrecken zu setzen, teils weil es ihr angenehm
war, wenn sie vor ihr zitterten, teils damit sie nicht den Mut fänden,
das Ärgernis, zu dem sie selber Anlaß gab, bekanntzumachen. An Wonnebald,
der geistlicher Oberhirt und Beichtvater des Stiftes war, gelangten zwar
nicht selten Klagen über das gesetz- und gewissenlose Regiment der
Vorsteherin, doch blieben sie wirkungslos in seiner Brust verschlossen,
von niemand geteilt als von Hermenegilde selbst, die sich bei nächster
Gelegenheit an ihren Feindinnen rächte. Zuweilen ließ sich Hermenegilde
durch ihre gewaltsame Natur allzuweit fortreißen: so ereignete es sich
einmal, daß eine Stiftsdame, die in der Umgegend einen Besuch gemacht
hatte, bei ihrer Rückkehr den Einlaß nicht erhielt, weil die Stunde, wo
abends das Tor abgeschlossen wurde, vorüber war, angeblich damit der
Unfug nächtlichen Schwärmens bestraft würde, und das Fräulein, eine
ältere, ergraute Dame, bei Nacht umkehren und ein Obdach in der Stadt
suchen mußte, nicht ohne infolge der Aufregung und Schande empfindlichen
Schaden an der Gesundheit zu nehmen. Da sich die Tugend des Fräuleins
nachweisen ließ, hätte die Sache ein übles Ende nehmen können, wenn nicht
die Anverwandten desselben durch die Menge des Geldes zum Schweigen
gebracht worden wären, die aus Wonnebalds Beutel floß. Abgesehen von
solchen und ähnlichen Ausgaben, zu denen sie ihn mittelbar veranlaßte,
sammelte Hermenegilde auch für sich selbst, sowohl weil sie viel
verbrauchte, wie um ihr Alter zu sichern, und schließlich aus angeborener
Habgier. Da nun der Bischof einer Frau, die ihm nahestand, nicht gern
etwas abschlug, insbesondere aber der Hermenegilde eine leere Tasche zu
zeigen nicht den Mut gehabt hätte, mußte er sich fleißig nach guten
Einnahmen umtun und kam zu der Überzeugung, daß er wieder einmal etwas
Gründliches unternehmen oder erfinden müsse, um die gemeine Sorge ein für
allemal loszuwerden.
* * * * *
Es war ein warmer Vorfrühlingstag, als der Bischof auf einem bequemen
Spaziergang am Rande des schwellenden Flusses der Lux begegnete, die,
Lisutt an der Hand, schlank und wohlgemut daherkam, im Begriff, einer
alten gichtleidenden Frau Trost und Heilmittel zu bringen. Beim Anblick
ihrer traulichen Miene ging dem Bischof das Herz auf, und er bat sie,
sich ihm anzuschließen, was sie mit dem stolzen Kopfnicken und
allwissenden Lächeln, das ihr eigen war, tat. Ungeachtet er sich
vorgenommen hatte, ihrer Sprödigkeit wegen strenger und zurückhaltender
gegen sie zu sein als vormals, verfiel er bald in ein seliges Schwatzen,
erzählte von der Verlegenheit seiner leidigen Geldverhältnisse und
fragte, ob sie nicht, wenn sie nach Maulwürfen grübe, Spuren von
Schätzen fände, wie sie hier und da in der Erde vergraben sein sollten.
Koste es auch seiner Seelen Seligkeit, er sei bereit, sie um solchen
Preis zu opfern, Gott werde weiter helfen.
Wenn dem so sei, sagte Lux, könne sie ihm wohl dienen. Freilich habe sie
keine Schätze entdeckt, aber als Mädchen im Kloster habe sie viel in
einem alten dicken Buche von den Wundern der Natur gelesen, worin die
geheimen Kräfte der Pflanzen und Wurzeln beschrieben gewesen seien, und
wovon sie sich manches gemerkt habe; wenn er die ewige Seligkeit aufs
Spiel setzen wolle, könne er sich durch ein Alräunchen so viel Geld er
immer wolle verschaffen. Der Bischof sagte, um sich selber Mut zu
machen, mit Lachen: »Es wird den Kopf nicht kosten, ich denke es wohl
mit dem Teufel aufzunehmen, erzähle nur, was es mit dem Alraunen für
eine Bewandtnis hat;« worauf Lux sagte, zunächst müsse derselbe unter
schwierigen und höchst gefährlichen Förmlichkeiten gewonnen werden, was
sie aber, um ihm zu helfen, auf sich nehmen wolle, sodann müsse der
Eigentümer das Männlein sorgfältig und ehrfürchtig behandeln, es nett
ankleiden, nachts das Bett mit ihm teilen und schließlich es durch
Kniebeugung und allerhand Anrufungen verehren und eigentlich anbeten.
Das wäre freilich, meinte Wonnebald, mehr, als einer Wurzel zukäme,
indessen wenn sie wirklich wunderwirkend und gewissermaßen goldzeugerisch
wäre, könne man füglich ein Auge zudrücken und ein wenig vor ihr
scharwenzeln, einstweilen solle die Lux so gut sein und ihm das Ding
herbeischaffen. Sie sah ihn von der Seite an und lachte ein weiches,
kosendes Lachen, das er warm in den Eingeweiden spürte, so daß er die
Arme nach ihr ausstreckte und sie an sich ziehen zu können vermeinte, die
ihm aber entschlüpfte und, Lisutt fest an der Hand fassend, geschwind den
grünen Hang, an dem sie entlang gingen, hinunterlief. Wonnebald blickte
ihr ein wenig geärgert nach, doch überwog die Zärtlichkeit, die ihr
milder Blick ihm eingeflößt hatte, und er bedachte, während ihm das
Wasser im Munde zusammenlief, wie honigmild und mondklar ihr Wesen um ihn
weben würde, wenn sie ihm erst einmal zugetan wäre. Dazu, sagte er sich,
wäre ihre Klugheit so ungemein, daß sie alle seine Angelegenheiten
betreiben und es selbst mit dem Erzbischof würde aufnehmen können,
selber aber dessen unbewußt bleiben und vielleicht nach Frauenart und
Frauenpflicht ihm das Verdienst von allem zuschreiben, was sie geleistet
hätte.
* * * * *
Lux begab sich bald daran, eine Zaunrübe ausfindig zu machen, deren
Wurzeln so verdreht und wunderlich gebildet sind, daß sie allenfalls
menschenähnliche Figürchen vorstellen können, und nachdem sie eines
Morgens mehrere, die ihr passend schienen, gefunden hatte, warf sie
sich ermüdet ins Gras und ließ Lisutt um und über sich herumklettern.
Enzian und Gänseblümchen blühten, und schon drängte sich prangender
Löwenzahn in Menge hervor, wovon Lux, so viel sie von ihrem Platze
aus erlangen konnte, pflückte, um einen Kranz daraus zu flechten, den
sie Lisutt auf das braune Köpfchen setzte. Er war wild und locker
gewunden und strahlte feurig in ungleichen Büscheln um das lachende
Kindergesicht, dessen zarte Rosenfarbe die Frühlingssonne bereits
gebräunt hatte. Während Lisutt ihrerseits Gras und Kräuter ausraufte
und in ihrer Mutter Haar zu stecken versuchte, dann das butterweiche
Gesicht in deren Hals grub und frohlockend sagte: »Du riechst gut!«
kam Lando, der ein Freund der Natur war, zufällig des Weges, sah
das Kindergesicht, das lachte und leuchtete, und die Gestalt, die
das Gras verdeckte, die sich aber bei seinem annähernden Schritt
aufrichtete, so daß er ihre anmutigen Züge und die männliche Kleidung,
die sie trug, erkennen konnte. Gleichzeitig fielen ihm die krummen
Wurzeln auf, die neben ihr auf einem ausgebreiteten roten Tuche
lagen, und er benutzte dies, um sie anzusprechen mit der Frage, was
das sei und was sie damit zu machen vorhabe. Lux, die den jungen Mann
zuweilen in der Nähe des Schlosses gesehen hatte und wußte, wer er
war, sagte lächelnd: »Das ist eine Kost für Ihren Herrn, den
Bischof,« worauf er neugierig weiterfragte und sich zu ihr ins Gras
setzte. Es sei ein Geheimnis, entgegnete Lux, und sie wisse nicht,
ob er so in Gunst und Vertraulichkeit des Bischofs stehe, daß er es
teilen dürfe, hatte aber im Grunde schon beschlossen, ihm alles zu
erzählen, weil sein Aussehen und seine Art sie gewiß machten, daß er
von Herzen darüber lachen, vielleicht sogar ihr helfen würde, die
Schelmerei vollkommen zu machen. Seinerseits hatte Lando sogleich
erraten, daß es weniger galt, dem Bischof einen Dienst zu leisten,
als ihm einen Possen zu spielen, und nachdem sie sich so, ohne sich
zu bereden, durch das bloße Gefühl ihres Wesens, das sich ihnen
gegenseitig mitteilte, miteinander ins Einvernehmen gesetzt hatten,
erzählte Lux, was für Hoffnungen der Bischof in sie gesetzt habe und
wie sie ihm das Alräunchen nach bestem Vermögen zubereiten wolle,
und schlug ihm vor, den Schabernack dadurch zu verlängern, daß er
die Geldsumme, die der Bischof nach ihrer Anweisung jeweilen unter
die Wurzel legen würde, verdoppele und ihn so im Glauben an die
Trefflichkeit des Zauberdinges erhalte. Lando, von diesem Einfall
entzückt, verabredete mit Lux alle Einzelheiten, wie sie es halten
wollten, und scherzte zwischendurch in kindlicher Weise mit Lisutt,
die ihn ohne Zögern als guten Spielkameraden behandelte. Sein
hübsches Gesicht, das eine rotbraune, samtweiche Haut zierte,
strahlte dabei von Freundlichkeit, wodurch aber der Ausdruck
gelangweilter Melancholie nicht ganz ausgelöscht wurde, der ihm
natürlich war und dessen Ursache zum Teil eine vorgeschobene und ein
wenig hängende Unterlippe sein mochte. Dieser an sich unschöne Zug
reizte das Auge, ihn immer von neuem zu betrachten, und nachdem er
sich verabschiedet hatte, erwog Lux noch eine gute Weile lang, ob
sein Gesicht ihr besser lachend oder in hochmütiger Traurigkeit
gefallen habe.
Während Lando seinen Weg fortsetzte, fiel ihm ein, daß der junge
Landmann kecker als erlaubt mit einem feinen Herrn, wie er war,
umgegangen sei, und auch gegen den Bischof, so unwürdig derselbe
sein möge, sich allzuviel herausnähme, und es ärgerte ihn ein wenig,
daß er sich durch seine Lust an Schelmenstreichen und sein Vergnügen
an munteren Kindern hatte verführen lassen, so vertraulich mit ihm
zu verkehren, als ob er seinesgleichen wäre. Er wurde mit sich
einig, daß er den Bischof von der Treulosigkeit seines Günstlings in
Kenntnis setzen und vor der Torheit, die zu begehen er im Begriffe
stand, bewahren wollte; als er aber um die Abendzeit Wonnebald gewahr
wurde, wie er sich in augenscheinlicher Erregung in sein Schlafzimmer
zurückzog, überkam ihn der Kitzel, zu wissen, was der alberne Mann
vornehmen würde, und er sagte sich, es sei nicht seine Sache, einem
übermütigen Schlaukopf zu schaden, um einem aufgeblasenen Narren zu
dienen. Also richtete er es so ein, daß der Bischof nach kurzer Zeit
durch eine Nachricht von dringender Wichtigkeit abgerufen wurde, und
schlich sich unterdessen in sein Gemach, wo er denn auch in einer
Ecke, auf eine Konsole gesetzt, den Wurzelgötzen entdeckte, mit
einem Mäntelchen aus Brokat bekleidet, das der Bischof ihm soeben
verfertigt haben mochte, und in welchem er das Aussehen eines
zwerghaften Kobolds hatte. Unter die Konsole hatte der Bischof einen
Betschemel gerückt, um dem kleinen Zauberer die Anbetung zu widmen,
die Lux angeordnet hatte, welche Vorrichtungen alle Lando in der
Meinung bestärkten, daß es schade wäre, eine solche Narrheit zu
stören. Als Wonnebald früher als gewöhnlich schlafen gegangen war,
folgte ihm Lando bis an die Tür, in der Hoffnung, ihn belauschen zu
können, nahm aber durch das Schlüsselloch nichts wahr und hörte auch
anfangs nichts als ein undeutliches Raunen und Murmeln; erst als das
Licht bereits gelöscht war, wurde die Stimme des Bischofs lauter, so
daß Lando folgende Worte unterscheiden konnte:
Alräunchen, Wurzelgöttle,
Mach mir fleißig Gold ins Bettle!
ein Spruch, den Lux ihm nicht ohne Mühe beigebracht hatte. Wonnebald
hatte sich auf allen Seiten eingeschlossen, nur eine Tapetentür offen
gelassen, die in sein Badezimmer führte, in das Lando durch ein Fenster
gelangen konnte. Kaum hörte er den Bischof schnarchen, als er auf leisen
Füßen in das Schlafgemach eintrat, und da er beim gelben Schein eines
Nachtlämpchens die nunmehr nackte Wurzel auf dem bischöflichen Kissen
und drei Goldstücke daneben liegen sah, fügte er flink drei andre hinzu
und entfernte sich lautlos und geschwinde. Lux hatte nämlich die
Vorsicht gebraucht, dem Bischof einzuschärfen, daß er die Summe, die
der Alraun verdoppeln solle, besonders im Anfang nicht zu hoch anlege,
ebensowohl um ihn nicht durch Unbescheidenheit zu verletzen, wie um das
dürre und zarte Wesen nicht mit einem Male zu heftig, lieber häufiger
und gelinder arbeiten zu lassen. Mehrere Male gelang es Lando, der
Wurzel das Häufchen Gold, das von ihr zu erwarten war, unbemerkt
unterzuschieben, und er belustigte sich tagsüber, den Bischof mit Fragen
zu bedrängen, warum er auf einmal ein eingezogenes Leben führe, anstatt
wie sonst die Nächte durchzuschlemmen und zu prassen.
Nach kurzer Frist jedoch verdarb Lando den weiteren Verlauf durch seine
Neugierde; denn um zu sehen, was für eine Andacht der Bischof allabendlich
vor dem Alraun ausübte, öffnete er die Tür seines Schlafzimmers, als
Wonnebald eben eifrig knicksend vor der Zaunrübe umhersprang, wurde
trotz aller Vorsicht von diesem gehört und mußte wohl oder übel vollends
eintreten und sein unberufenes Eindringen durch einen rasch ersonnenen
Vorwand erklären. Diesem war der Bischof allerdings geneigt Glauben zu
schenken, aber da Lux ihm gesagt hatte, daß das Alräunchen augenblicks
seiner Fruchtbarkeit verlustig gehen würde, wenn ein dritter es sähe
oder etwa gar ihn bei seinen andächtigen Verrichtungen überraschte, war
er überzeugt, daß es mit dem unschätzbaren Brutgeschäft nunmehr zu Ende
wäre, und fand sich durch das Ergebnis des nächsten Morgens darin
bestärkt; er hatte sich nämlich aus Angst vor neuen Störungen so
gründlich eingeschlossen und verschanzt, daß Lando nicht eintreten
konnte, um den üblichen Zauber vorzunehmen.
Um die Abendzeit machte sich Lando auf, um Lux, wenn es sich so fügte,
daß er ihr begegnete, von dem, was vorgefallen war, in Kenntnis zu
setzen. Noch war die Hitze des Tages nicht verdämmert, und er suchte
unwillkürlich schattige Wege auf, so daß er an den unteren Lauf des
Flusses geriet, wo er mit verminderter Wucht in breiterem und flacherem
Bette hinströmte. Hellgrüne Weiden und buschige Erlen bekränzten seine
beiden Ufer und ließen einen schmalen Pfad frei, der hier, ein gutes
Stück unterhalb der Ortschaft, wenig begangen wurde; auch fragte sich
Lando, nachdem er eine Weile, ohne einer Seele zu begegnen, vorwärts
gegangen war, wie er dazu käme, Lux in dieser abgelegenen Gegend zu
suchen, und war im Begriff umzukehren, als er ein Plätschern und
verstohlenes Lachen hörte, das ihn bewog, noch ein wenig weiterzugehen.
Gleich darauf hielt er an und zog sich hinter die nächsten Bäume zurück,
da er bemerkte, daß das Geräusch von Badenden herrührte, erkannte aber
fast gleichzeitig in der Frau, die halben Leibes aus dem Wasser tauchte,
Lux und blieb unbeweglich an seinem Platze stehen. Lisutt saß auf einem
Stein und schlug mit den zierlich kräftigen Beinen auf das Wasser,
wodurch ein magerer brauner Junge, Brun, den Lando nicht kannte, über
und über bespritzt wurde, der nun seinerseits die Kleine mit Wasser
übergoß; sie streckte abwehrend die runden Arme aus, kniff die lustigen
Augen zusammen und schüttelte sich, daß die braunen Haare wild um ihre
nassen Schultern tanzten in der Ausgelassenheit des elementarischen
Spieles. Lando betrachtete die Kinder nur flüchtig, so sehr fesselte ihn
das Bild der Frau, deren fest und edel gebildete Beine durch das grüne
Wasser bald wie Silber, bald wie Alabaster schimmerten, während Nacken,
Arme und Brust, der schlanke Leib und der elastische Rücken, wenn sie
sich beugte oder aufrichtete, die Biegsamkeit und farbige Wärme
lebendigen Fleisches zeigten. Ihr ins Gesicht wagte er nicht zu sehen,
obwohl er wußte, daß sie ihn nicht sehen konnte, und obwohl er die
lebhafteste Sehnsucht hatte, ihren milden und mutwilligen Blick zu
fühlen. Daß sie sich als Frau offenbart hatte, erregte ihm kein
besonderes Erstaunen, vielmehr war ihm so zumute, als hätte er es von
jeher gewußt oder wenigstens so sicher wie die Verwandlung eines
Schmetterlings erwartet.