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[ Anmerkungen zur Transkription:
Es wurde größte Sorgfalt darauf verwendet den Text originalgetreu
zu übertragen.
Das Original ist in Fraktur gesetzt.
Die 4 Vorkommnisse des Titels Dr., die einzigen im Original in
Antiqua gesetzten Stellen, wurden nicht markiert.]
Lebenslauf
des heiligen Wonnebald Pück
Eine Erzählung
von
Ricarda Huch
Im Insel-Verlag zu Leipzig
Über Berge, auf denen der Schnee noch nicht geschmolzen war, ging Lux
Bernkule, ein junges verwitwetes Weib, mit ihren zwei Kindern, dem
zehnjährigen Brun und der kaum dreijährigen Lisutt, nach dem jenseitigen
Orte Klus, der ihre Heimat werden sollte. Es lebte dort der Vater ihres
verstorbenen Mannes, Christoph Bernkule, in hohem Alter als Schermäuser
oder Maulwurfsfänger, welches Amt ihm ein nettes Einkommen verschaffte,
und bei dessen Ausübung ihn die Schwiegertochter mit ihren Kindern
unterstützen sollte. Sein Sohn Henne, ihr Mann, hatte mit seinem Vater
von jeher in Unfrieden gelebt, so daß er ihm Frau und Kinder niemals
vorgestellt, die Ursache davon aber niemals hatte laut werden lassen; da
nun der Lux die enge Rechtlichkeit und Hartköpfigkeit ihres Mannes wohl
bekannt waren, bildete sie sich ein, daß auch er schuld an dem Zwiespalt
getragen haben könnte, und war wohl geneigt, der Einladung des Greises
Folge zu leisten, teils aus Neugier, teils aus Mitleid mit seinem
einsamen Alter, und schließlich weil sie durch einen mächtigen Gönner,
der ihr alles Erdenkliche an Schutz und Begünstigung zusicherte, dazu
angeregt wurde. Dies war der Abt des Klosters, in dessen Nachbarschaft
ihr Mann Forstgehilfe gewesen war, Wonnebald Pück, der kürzlich zum
Bischof von Klus ernannt worden war und, heftig verliebt in die
anmutreiche Frau, sie eindringlichst ermunterte, gleichfalls dorthin
überzusiedeln, wo sie einzig auf der Welt noch Familienanhang hätte.
Einem Ratschlag des alten Bernkule folgend, hatte sie Männerkleidung
angelegt und stieg so behende, aber ohne sich zu eilen, den alten
Saumpfad hinan, der den Fußgängern diente, mit Hilfe des kleinen Brun
einen Karren bald schiebend, bald ziehend, der mit allerlei Kleidern
und Hausrat beladen war, und auf dem auch Lisutt, wenn sie müde war,
gefahren wurde. An einem hochgelegenen Punkte kreuzte sich der alte,
beschwerliche Weg mit der neuen Straße, die für die Eisenbahn gebaut
worden war, und es fügte sich, daß die Wanderer dort mit dem Zuge
zusammentrafen, der den neuen Bischof seinem Ziele entgegenführte.
Er saß im Speisewagen an einem gedeckten Tischchen und erblickte,
wie er gerade ein Glas rotgelben Weines an die Lippen setzte, die
fahrenden Leute, die vor dem niedrigen Stationsgebäude standen, dicht
aneinandergedrängt in dem beißenden Höhenwinde, die Kinder ein Stück
Brot in den rotgefrorenen Händen. Seine Augen weilten mit Appetit wie
auf einer leckeren Schüssel auf Lux, deren ragende Schlankheit in der
losen Jacke und kurzen Pumphose sich schöner als sonst sehen ließ; ihre
feinen braunen Haare waren abgeschnitten und hingen in weicher Bewegung
um ihr helles Gesicht, das in reizvollem Wechsel bald tiefgreifendes,
wägendes Denken, bald betörende Süßigkeit ausdrückte. In ihrem Lächeln,
mit dem sie seinen leutseligen Gruß erwiderte, lag mehr Überlegenheit,
als Ehrerbietung oder Liebe zugelassen hätten, allein er ärgerte sich
weder darüber noch über den trotzigen Blick, den Brun ihm zuwarf, da er
nicht zweifelte, daß die Zeit, die ihm lieblichste Vergütung im Überfluß
zuteil werden lassen würde, vor der Tür stände. Mit freundlicher Würde
winkte er einen Angestellten des Zuges herbei, händigte ihm zugleich mit
einem reichlichen Trinkgeld eine Flasche Wein ein und bedeutete ihm, sie
den armen Leuten draußen zu überreichen, und als gleich darauf der Zug
sich langsam in Bewegung setzte, bewegte er die Hand majestätisch
grüßend gegen die kleine Gruppe.
Während der Bischof, träumerisch speisend, in dem gemütlichen Wagen, der
weich wie ein Schlitten dahinsauste, weiterfuhr, malte er sich die mit
seiner Beförderung verknüpften Annehmlichkeiten in genußreichen Bildern
aus, wobei seine Zufriedenheit nur durch die Sorge beeinträchtigt wurde,
ob und wie er sich die Mittel, die seine Lebensführung kostete, würde
beschaffen können.
Der Vater von Wonnebald Pück war ein schwerreicher Kaufmann und sowohl
dadurch wie durch seinen Verstand und schließlich durch eine vornehme
Heirat eine in weiten Kreisen maßgebende Persönlichkeit gewesen. Seine
Frau, hübsch und von altem Adel, hatte ihm mehrere Kinder geboren, von
denen das jüngste etwa zwölfjährig war, als sie ihm unerwarteterweise
noch einmal das Glück, Vater zu werden, in Aussicht stellte. Der bereits
ergrauende Mann freute sich doppelt, da das Kind ein Knabe wurde, und
erteilte ihm zu beständigem Andenken an die Seligkeit, die seine Ankunft
mit sich gebracht hatte, den Namen Wonnebald; doch verwandelte sich
seine übertriebene Zärtlichkeit bald in Kummer und Ärger, da der Jüngste
die Anlagen eines Taugenichts, Faulenzers, Dummkopfs verriet, während
seine älteren Geschwister nicht hervorragend, aber doch leidlich begabt
und durchaus rechtschaffen waren. Weder in der Schule noch unter
häuslicher Aufsicht lernte er etwas, galt es aber mutwillige Streiche
auszuführen oder etwas Verbotenes zu erschleichen, mangelte es ihm nicht
an Erfindungsgabe und Pfiffigkeit, so daß, wie übel er auch in allen
ernsten und ehrlichen Angelegenheiten bestand, er doch immer frech und
guter Dinge und der Zukunft gewiß war. Die Ermahnungen und Drohungen
seines Vaters schlugen ihm nicht an, einzig bei seiner Furchtsamkeit
konnte man ihn fassen, und zwar wirkte die Angst vor dem Fegfeuer oder
Gespenstern weit kräftiger als Angst vor Prügelstrafe oder andern
natürlichen schmerzhaften Folgen seines argen Lebens, denen er durch
Glück und schlaue Anschläge zu entrinnen dachte. Wäre aber auch die
Strenge seines Vaters von Einfluß auf Wonnebald gewesen, so hätte diesen
die Torheit der einsichtslosen Mutter sogleich wieder aufheben müssen,
die, so anspruchsvoll und unnachgiebig sie übrigens sein konnte, eine
Wollust darin fand, sich von ihrem Sohne umgarnen und ausbeuten zu
lassen, was er geschickt und freundlich zu tun verstand. Ihr war dabei
etwa so zumute, als ob sie im angenehmen Halbschlummer, so daß sie die
Töne und Gegenstände nur verschwommen wahrnähme, auf einer Ottomane
läge, während das Fell einer schnurrenden Katze sich schmeichelnd an
ihr riebe. So traute sie zum Teil seinen Vorspiegelungen, zum Teil
seine arglistige Absicht durchschauend, und verharrte beglückt in dem
gaukelnden Zwielicht, ja widersetzte sich eigensinnig, wenn ihr Mann
oder ihre andern Kinder sie zwingen wollten, die Wahrheit zu erkennen
oder zuzugestehen. Als sich die Schwierigkeit und eigentlich
Unmöglichkeit, Wonnebald in irgendeinem Berufe vorwärts zu bringen,
zeigte, verfiel sie, mit Vorwürfen wegen ihrer unbesonnenen Erziehung
überhäuft, auf den Gedanken, ihn geistlich werden zu lassen, da ihm auf
dieser Laufbahn, so hoffte sie, die bedeutenden Verbindungen ihrer
adligen Familie zugute kommen würden. Hiergegen sträubte sich der Vater,
der die Religion für gut und nützlich, die Kirche aber für faul und
verdammlich hielt, allein da er keinen andern Ausweg wußte und ohnehin
einen rechten Zusammenhang des Herzens mit Wonnebald nicht mehr spürte,
gab er nach und mußte bald gestehen, daß, äußerliches Fortkommen und
Ansehen anbelangend, seine Gattin einen guten Griff getan hatte.
Wonnebalds Geist, der sowohl den einfachen wie den höheren
Wissenschaften gegenüber unzugänglich geblieben war, nahm glatt und
geschwind die religiösen Lehren auf, die ihm auf dem Seminar, das er nun
besuchte, beigebracht wurden, so daß seine Mutter mit Fug behaupten
durfte, es wäre derselbe einer geweihten Erde vergleichbar, in der
kein andrer als der gottgefällige Samen der Theologie gedeihen könnte.
Zwar klagten die Leiter der Anstalt nicht selten über unerlaubte
Leichtfertigkeiten des jungen Pück, doch pflegten sie, in Anbetracht
des strengen Wandels, der späterhin unweigerlich zu führen war, den
Jünglingen die Schwächen und Unzuträglichkeiten ihrer Jahre im
allgemeinen hingehen zu lassen, besonders wenn diese sich mit so viel
Talent und Fleiß in kirchlichen Dingen vertrugen wie bei Wonnebald.
Besonders glänzte seine Kunst der heiligen Darstellung, insofern er
nämlich beim kirchlichen Amtieren ebensoviel Pomp und Weihe wie
kindliche Demut in seine Gebärden zu legen wußte, so daß, noch ehe er
jemals öffentlich aufgetreten war, der Ruf aufkam, er werde sich
dereinst zu außerordentlichen Würden erheben.
Wonnebalds Mutter warf sich unter dem Eindruck dieser Ereignisse mehr
und mehr auf die religiöse Seite, besuchte eifrig die Kirche, verkehrte
mit Geistlichen, machte Stiftungen und Schenkungen und war durch nichts
mehr zu erbittern, als wenn ihr Mann und ihre Kinder Verwunderung
darüber äußerten, wie sie bisher ganz ohne religiöse Bedürfnisse und
Veranstaltungen gelebt habe, was sie bestritt. Bei den Besuchen ihres
Sohnes befliß sie sich eines bescheidenen und hingebenden Benehmens,
dessen Früchte er in liebenswürdiger Harmlosigkeit pflückte, wie er denn
überhaupt alles Gute genoß, ohne sich und andre durch Zweifel oder
Bedenklichkeiten irgendeiner Art zu stören.
Obwohl er sich durch sein umgängliches Betragen und vergnügtes Gesicht
bei seinen Lehrern und Vorgesetzten beliebt gemacht hatte, waren diese
doch nicht ohne Sorge, wie seine eher zu- als abnehmenden fleischlichen
Wesenseigentümlichkeiten sich mit dem geistlichen Berufe vertragen
sollten, und führten ihn deshalb mit äußerster Beschleunigung durch alle
Bildungsgrade bis zur Weihe, in der Meinung, daß durch die mystische
Handlung das niedrig Stoffliche, was ihm leider noch anklebte, mehr oder
weniger entzündet und verklärt werden würde.
Indessen wurde eine augenblickliche Wirkung nicht bemerkbar, vielmehr
entfaltete er seine fröhlichen Triebe, nachdem er Benefiziat in einem
kleinen entlegenen Dorfe geworden war, erst recht, als wäre nach
mannigfacher Entbehrung nun die schöne Zeit der Ernte herbeigekommen.
Was er durchaus nicht lassen konnte und mochte, war, mit hübschen
Weibern, wenn es irgend anging, Liebschaften anzuknüpfen, wodurch er die
Bauern nicht wenig ärgerte, und da er ihnen dazu noch dadurch anstößig
wurde, daß er sich so viel wie möglich Hühner, Eier und Butter schenken
ließ, hielten sie mit lautem Tadel seiner Predigten nicht zurück, die
kurz, hohl und unnütz wie Seifenblasen über ihren Köpfen zerplatzten.
Der Bischof, zu dessen Regiment er gehörte, sah sich genötigt, Wonnebald
einen Vorhalt zu machen über den Leichtsinn, mit dem er seinen Beruf
auffaßte, worauf dieser sich damit entschuldigte, daß das kleine Dorf
ihm keine seinem Geiste angenehme Nahrung gewährte, und daß er deshalb
den gröberen Zerstreuungen nachginge, die es ihm darböte, ferner,
was die Predigt beträfe, daß die Bauern sich zu seiner Höhe nicht
aufschwingen könnten, er zu ihrer Dummheit sich nicht herablassen
möchte. Hierauf bildete sich die Ansicht, es würde das beste sein, den
jungen Mann an eine bessere Stelle zu setzen, wo seine Vorzüge mehr
zur Geltung kämen, seine lasterhaften Gewohnheiten aber teils weniger
auffielen, teils wegen der beständigen Überwachung durch Gleichstehende
und Vorgesetzte sich mehr in ein schützendes Dunkel verkriechen würden.
Solche Erwartungen enttäuschte jedoch Pück, der nunmehr Pfarrer in einer
größeren Stadt wurde, vollständig, indem er der vermehrten Gelegenheit
zu Lust und Wonne nicht widerstehen konnte und es weit ausgelassener
trieb als zuvor, so daß an Abhilfe ernstlich gedacht werden mußte.
* * * * *
In derselben Stadt war der Sitz eines Weihbischofs, der, gelehrt und
sittenstreng, an dem ungebührlichen Betragen Wonnebalds einen großen
Anstoß nahm und sich häufig über ihn so ereiferte, daß er ihn gern mit
Schimpf und Schande aus der Kirche ausgestoßen hätte. Doch überlegte
er sich, daß der leidige Mensch einen reichen und hochansehnlichen
Familienanhang habe, der ein so scharfes Vorgehen übel aufnehmen würde,
und ferner, daß es der Kirche einen schlechten Leumund bereiten könnte,
wenn man erführe, daß ein unwissender, untüchtiger und gewissenloser
Mensch wie Pück es bis zum Pfarrer hatte bringen können. Unter seinen
Augen aber wollte er solche Leichtfertigkeit sich nicht breitmachen
sehen und betrieb deshalb seinen Übergang in ein Kloster, so die
Verantwortung für seine schamlose Aufführung von sich abladend, aber
nicht ohne ihn mit nachdrücklichen Empfehlungen auszurüsten. In dieser
und ähnlicher Art rückte Wonnebald mühelos empor und wurde etwa
fünfundvierzigjährig Abt eines Klosters, das in schöner, waldreicher
Gegend abseits vom Verkehr der großen Welt gelegen war. Immerhin gab es
in der Nachbarschaft des Klosters mehrere große Güter, deren Besitzer
mit dem geselligen Abte in freundliche Beziehungen traten und im Verein
mit welchen er sich bald das Leben so genußreich einzurichten wußte,
wie es nach seinem Sinn war. Umsonst freilich gelangte er weder zu den
üppigen Speisen noch zu den Zärtlichkeiten der Frauen, vielmehr gab er
dafür so viel Geld aus, daß er sich auf das Spielen verlegte, wobei er
im ganzen mehr verlor als gewann und seine Lage noch verschlimmerte. Was
er von seinen inzwischen verstorbenen Eltern geerbt hatte, war bereits
aufgebraucht, und die Geschwister, die ihm öfters Geld vorgestreckt,
aber stets vergeblich auf Wiedererstattung gedrungen hatten, weigerten
sich durchaus, ihm nochmals beizuspringen; so kam er dazu, den
Gutsbesitzern abzuborgen, was er ihnen nicht abgewinnen konnte, und
ihnen ebenfalls nichts davon zurückzuzahlen. Dies verdroß die Herren,
die alle nacheinander an die Reihe kamen, mehr und mehr und vergällte
ihnen das Zechen und Bechern mit dem Abte, ja manchen unter ihnen fiel
es jetzt auf, daß er kein Gottesmann wäre, wie er sein sollte, und sie
setzten ihn daheim und öffentlich mit deutlichen Anspielungen herunter.
Im Kloster selbst hatte er alle diejenigen auf seiner Seite, denen ein
gemächliches Leben über alles gefiel, einige aber, die aus Frömmigkeit
oder galliger Gemütsart den Freudentaumel nicht mitmachen wollten,
mißbilligten ihn durch schweigende Zurückhaltung oder verklagten ihn
böswillig, wenn sich eine Gelegenheit dazu bot.
Diese Zustände bewirkten mit der Zeit, daß Wonnebald zuweilen von
seinen Oberen Sendbriefe mit Vorwürfen und Drohungen erhielt, über
deren Beantwortung er seufzte und schwitzte, ohne doch etwas Rechtes
zustande zu bringen, wodurch er auf den Gedanken kam, die Arbeit
einem geschickten Kopf zu übertragen, der ihm ergeben wäre. Dies
auszuführen, war aber nicht leicht, denn er wollte sich weder den
Klosterbrüdern noch den Gutsnachbarn anvertrauen, sondern am liebsten
einem einfachen, armen Manne, der ihn womöglich für einen übel
verleumdeten, ehrwürdigen Kirchenvater ansähe und außerdem durch
kleine Belohnungen in Abhängigkeit zu halten wäre. Unter den Bauern
und Tagelöhnern, die in der Gegend wohnten, war ihm indessen keiner
bekannt, der gescheiter als er selbst gewesen wäre, doch fiel ihm ein,
einmal von einer Frau gehört zu haben, die mit zierlicher Handschrift
wundervoll zu schreiben verstände und für die ganze Bauernschaft
ringsum ausfertigte, was an Schreibereien vorkäme, sei es in
Liebessachen oder beim Handel oder vor Gericht. Wonnebald, der unter
den Frauen und Mädchen übrigens gut Bescheid wußte, hatte sich die
Bekanntschaft der Lux Bernkule, denn um diese handelte es sich, aus
mehreren Gründen bisher entgehen lassen: einmal weil er die gelehrten
Weiber verabscheute und sodann weil er wußte, daß sie eines Jägers
Frau war, eines strengen, aufbrausenden Mannes, der überdies auf die
Geistlichkeit nicht gut zu sprechen war.
Lux war das Kind einer Nonne, einer vornehmen und hochgebildeten, in
allerlei Künsten geübten Dame, die einen schon vor ihrer Einkleidung
ihr vertrauten Liebhaber auch im Kloster noch öfters gesehen und eine
Tochter geboren hatte, und der eine nachsichtige Äbtissin gestattete,
daß das Kind unter den Bediensteten des Klosters aufwachsen durfte. Zwar
durfte sie mit ihrer Mutter nur flüchtig verkehren und ihr auch nie,
obwohl ihr das gegenseitige Verhältnis nicht verborgen blieb, den
Mutternamen geben, doch hatte sie Gelegenheit, mancherlei zu lernen und
sich zu bilden, und benutzte sie willig, wie denn überhaupt ihrem
gesunden Geiste von allen Seiten Nährendes und Heilsames zugeflogen kam.
Manches Mädchen wäre unter so heiklen Umständen vergrämt und vergrillt
geworden, Lux indessen war mild und heiter geartet, durchschaute die
Dinge und die Menschen, ohne sich an ihnen zu ärgern, und verlangte
nicht viel, außer daß man sie anständig und freundlich behandelte, denn
sie war empfindlich gegen harte oder unschöne Berührungen, wie ihr denn
überhaupt ein gewisser Hang für anmutige Lebensformen angeboren war.
Trotzdem verliebte sie sich, als sie achtzehnjährig war, in den Jäger
Henne Bernkule, der ein Mann ohne gebildete Sitten war, was freilich in
der Zeit der Werbung, wo die Leidenschaft seine kräftige Schönheit
veredelte und immerwährender Sonntag in ihren erwartungsvollen Herzen
herrschte, leicht übersehen werden konnte. Später sah sie allerlei
Gebärden und Gewohnheiten an ihm, die mit ihrem Schönheitssinn nicht in
Einklang waren, doch hatte sie ihn deswegen nicht weniger lieb, sondern
lachte zuweilen darüber oder denn es rührte sie. Peinlich war es ihr,
wenn ihr Mann, was er gern tat, über die schlechten Menschen schimpfte,
insbesondere über die Geistlichkeit, wobei er immer dieselbe Beweisführung
und dieselben Ausdrücke anwendete, und zwar erging er sich am bittersten
über das Kloster, in dem sie aufgewachsen war, nicht zum wenigsten eben
deswegen, weil sie sich dort, bevor sie etwas von ihm wußte, zufrieden
gefühlt hatte.
Nun wollte es das Glück des Abtes, daß der Forstmann im Kampfe mit einem
Wilderer verwundet wurde und starb, gerade zu der Zeit, als er der Hilfe
seiner Frau bedürftig wurde, die er nun ohne Furcht zu sich bescheiden
konnte, um ihr sein Ansinnen auseinanderzusetzen. Der Anblick der
großen, mit stiller Lieblichkeit sich bewegenden Frau und ihrer sanft
lächelnden Augen machte ihn fast ein wenig verlegen, da er sie sich
anders vorgestellt hatte; aber sein Anliegen betreffend, flößte ihm
die Art ihrer Erscheinung sogleich die Überzeugung ein, daß sie alles
Erforderliche verstehen und auch tun würde. Sie hörte auf eine solche
Weise zu, daß die Worte des Sprechenden ihr von selbst entgegenkamen und
er fließender und einleuchtender, als er selbst geglaubt hatte, die
Angelegenheit erklären konnte: wie er mit Geschäften überladen und dazu
an einem bösen Gliederfuß leidend sei, so daß er die Feder nicht stramm
führen könne, wie er von Unruhstiftern verleumdet, und wie verdrießlich
ihm, einem friedfertigen Priester, solches Gezänk sei, so daß er
herzlich dankbar sein würde, wenn ein einsichtiger und verschwiegener
Freund den häßlichen Briefwechsel, wie es ihn gut dünkte, erledigte. Lux
sagte vergnügt und bescheiden, sie habe alles verstanden und werde das
Ding zur Zufriedenheit des Abtes ausführen, brachte auch wirklich in
Bälde ein Schriftstück zustande, das Wonnebald mit behaglichem Stolz als
seines abschickte. Zur Liebe hielt der Abt die Witwe nicht geeignet, da
sie nichts weder von der drallen und schnippischen noch von der süßlich
weinerlichen Frauenart hatte, die er bevorzugte; sie kam ihm unscheinbar
vor, und er sah es für eine schöne Leutseligkeit seinerseits an, daß er
ihr trotzdem eine gewisse Annehmlichkeit zubilligte. Einer Ähre glich
sie wirklich mit schlankem, biegsamem, stolzem Halme, die keine
prangenden Blüten trägt, aber durch die bald silbern aufglänzende, bald
blau und lila schattende Farbe und den würzereichsten, belebendsten
Geruch jeden Wanderer anzieht und unwiderstehlich gewinnt. Zu seiner
eignen Verwunderung mußte sich der Abt bald gestehen, daß er in
außergewöhnlich hohem Grade in Lux verliebt war, und obwohl er annehmen
durfte, daß sie eine so ganz unverdiente Zuneigung ohne Zögern reichlich
erwidern würde, fand er doch nicht sogleich eine Wendung, um aus der
geschäftlichen Region in die menschlich gefühlvolle überzugehen. Nach
kurzer Zeit indessen hatte er sich so weit ermannt, daß er sich ihr mit
zutraulicher Zärtlichkeit näherte, aber sie wehrte ihn freundlich ab,
indem sie erklärte, sie sei Mutter zweier Kinder und erst kürzlich
Witwe geworden und nicht in der Verfassung, dergleichen Scherze zu
dulden oder gar auszutauschen. Der Abt meinte, die wohlwollende Äußerung
seiner Dankbarkeit dürfe sie sich immerhin gefallen lassen, hielt sich
aber doch seitdem zurück, da seine Kenntnis des weiblichen Geschlechts
ihm riet, sich in diesem Falle nicht aufzudrängen, sondern klüglich die
Annäherung der Stolzen abzuwarten. Inzwischen besuchte er sie zuweilen
in ihrer Wohnung, um sich mit ihren Kindern zu befreunden, womit er
aber nicht viel Glück hatte; denn Brun zeigte sich um so trotziger, je
schmeichelnder die Liebenswürdigkeit des Abtes ihn zu gewinnen suchte,
und die kleine Lisutt machte sich wohl seine Beflissenheit zunutze,
indem sie ihn Greifen und Verstecken spielen ließ, daß er schwitzte,
schalt ihn jedoch Tropf und Faulpelz, weil er nicht hurtig genug auf
die Spiele einging, und drehte ihm den Rücken, sowie sich ein besserer
Kamerad einfand.
Lisutt hatte dunkelblondes, ein wenig gelocktes Haar, das auf beiden
Seiten der rundgewölbten Stirn auf den festen Hals fiel, einen winzigen
Mund, der stets etwas offen stand, und eine winzige Nase, die dem runden
Gesicht den Ausdruck von Ahnungslosigkeit und Sicherheit verliehen, mit
dem es unbekümmert in die Welt blickte. Der Abt hatte für die Süßigkeit
dieser vollkommenen Lebensknospe keinen Sinn, und wenn er Kindern auch
nichts zuleide tat, wünschte er doch im Herzensgrunde, daß sie alle der
Kuckuck holte, als etwas, was schwirrend und blutsaugend um einen herum
wäre wie Mücken im Hochsommer. Zuweilen ärgerte er sich auch über Lux,
daß sie diese Kinder hatte und sich so kostbar machte, anstatt die liebe
lange Zeit mit ihm zu genießen, aber der Groll erhitzte nur seinen
Wunsch, sie zu besitzen und alsdann zur Strafe für ihre Widerborstigkeit
recht kurz am Zügel zu halten. Obwohl er im allgemeinen mit vollen
Händen spendete, um vergnügte und ergebene Gesichter um sich zu sehen,
belohnte er Lux für die Schreiberdienste, die sie ihm leistete, nur
kärglich; denn er meinte, sie sei schon allzu hochfahrend und müsse
womöglich durch Geldmangel in Demut und Abhängigkeit erhalten werden.
Unterdessen blieb der Geldmangel des Abtes fortwährend derselbe, und da
einer von seinen Gläubigern, der sich selbst in mißlicher Lage befand,
eigensinnig auf sein Recht pochte und ihn mit bösartigen Drohungen
verfolgte, beschloß er, die zudringliche Habgier desselben müsse, es
koste, was es wolle, gesättigt und sein eigner Beutel wiederum gefüllt
werden. Die Verzweiflung befruchtete seine Erfindungsgabe: beim Anblick
eines starken, blank abgesogenen Gänsebeines kam er auf den Gedanken,
dasselbe könne füglich auch einem andern Lebewesen, beispielsweise einem
Menschen angehört haben, und wenn es einerseits bedauerlich sei, daß es
einen Teil eines unwürdigen Vogelgerippes anstatt eines Heiligenleibes
bilde, als welches es angebetet werden, Wunder verrichten und viel Geld
einbringen könnte, so sei anderseits nichts dagegen einzuwenden, wenn
ein denkender Kopf es als verschollenen Knochen eines hervorragenden
Märtyrers ausgäbe, und müßte sowohl die Kirche wie die Laienwelt
demselben für eine so glückliche Eingebung dankbar sein.
Der Einfall versetzte Wonnebald in eine behaglich prickelnde Erregung,
so daß er, um die Stimmung gehörig auszukosten, sogleich seinen
vertrautesten Genossen, den Pater Eulogius, rief und eine Karaffe voll
des erlesensten Weines in den kleinen erkerartigen Ausbau bringen
ließ, den der sinnige Erbauer des Klosters hatte anbringen lassen, um
von dort aus das Untergehen der Sonne hinter den dunkeln Wäldern zu
betrachten. Hierauf setzten sich die Männer in die beiden breiten
geschnitzten Stühle, die die Nische ausfüllten, und besprachen
lächelnd und flüsternd, wie die heimliche Sache, deren Bedeutsamkeit
dem Eulogius augenblicklich einleuchtete, möglichst glaubwürdig und
ersprießlich könne ausgerichtet werden. Wie sie zuweilen zwischen dem
Plaudern die Gläser hoben, einen bedächtigen Schluck nahmen und, die
Augen halb schließend, sich zurücklehnten, fielen ihre Blicke auf ein
altes Gemäuer, das den nächsten Hügel bekrönte und von dem die Legende
berichtete, es sei ein Überbleibsel des ersten Klosters, das der
Stifter in grauer Vorzeit errichtet habe, das aber später von wilden
Völkern, Hunnen oder Türken, zerstört sei, worauf das neue im Tale,
größer und prächtiger als jenes, auferbaut worden sei. Zwischen diesen
Trümmern, meinten Wonnebald und Eulogius, könnte der auserkorene
Knochen schicklicherweise aufgefunden werden, ja es sei eigentlich
hochwahrscheinlich, daß das ganze Gerippe des heiligen Krauti, so hieß
der sagenhafte Stifter, dort oben begraben liege und schon längst
würde aufgefunden sein, wenn man nur fleißiger nachgespürt hätte.
Bereits stand es dem Abte fest, daß das jüngste Kind der Lux beim
Spielen das Gebein zufällig finden sollte, indem die Zutageförderung
der Reliquie durch unschuldige Kinderhand das hohe Ereignis desto
lieblicher einkleiden würde.
In manchen Einzelheiten gingen die Meinungen des Abtes und des Paters
auseinander, besonders hielt es der letztere für notwendig, einen echt
menschlichen Knochen zu benutzen, da ein tierischer von aufgeklärten
Nörglern möglicherweise als solcher erkannt und beanstandet werden
könnte, wogegen der Abt, der über alle Maßen abergläubisch und furchtsam
war, einwandte, daß man ein menschliches Gerippe nicht angreifen und
verkleinern dürfe, da der Geist desselben einen sonst bei Nacht
verfolgen würde, welcher Plage er sich durchaus nicht aussetzen
wolle. Außer dieser gab es noch andre Schwierigkeiten: so mußte der
zweifelsüchtigen Welt bewiesen werden, daß der wunderbar entdeckte
Knochen vom heiligen Krauti herstamme, und es wollte sogleich überlegt
sein, ob ein gleichfalls auszugrabender Siegelring mit Namen oder eine
Urkunde oder eine Offenbarung besser zum Zwecke diente. Es mußten noch
mehrere Zusammenkünfte in der von der Abendsonne rötlich vergoldeten
Nische stattfinden, bis alle Punkte erledigt waren, was endlich in
zufriedenstellender Weise so geschah, daß man sich auf den Knochen
eines ausgewachsenen Schweines einigte, der durch gewisse Wunder und
Zeichen als der des frommen Stifters sollte beglaubigt werden.
* * * * *
Demnach begab es sich eines Nachmittags, daß Frau Lux dem Abte einen
Knochen überbrachte, den ihre Kinder zwischen dem Gemäuer, auf dem
Hügel spielend, gefunden hatten und der das Aussehen eines menschlichen
Kinnbackens zu haben schien. Der Abt hörte den Bericht gnädig an
und begab sich, da es gerade Vesperzeit war, in die Kirche, deren
Glocken, sowie er die Schwelle betrat, merklich zu läuten anfingen,
was Wonnebald, nachdem eine natürliche Ursache des Geläuts nicht
entdeckt wurde, dem soeben erhaltenen Kinnbacken zuschreiben mußte.
Die herbeigerufenen Väter und Brüder waren geneigt, dieser Ansicht
beizustimmen, und die lose und unklar in der Luft schwebende Vermutung
bestätigte sich, als der Knochen, den der Abt, um die Hände zum Gebete
frei zu haben, unter dem Standbilde des Krauti niedergelegt hatte, da er
ihn wieder an sich nehmen wollte, sich als festgewachsen erwies und
allen Bemühungen, ihn von der Stelle abzulösen, mit augenscheinlich
magischen Kräften trotzte.
Weitere emsige Nachgrabungen förderten noch mehrere Knochen ans Licht,
die dem Gutachten der würdigsten Männer zufolge einem einzigen Gerippe
angehörten, so daß, da auch die im Kloster aufbewahrten Urkunden
und Chroniken übereinstimmend auf Krauti hinwiesen, der Beweis in
anatomischer, historischer und göttlicher Hinsicht geleistet worden war.
Die Freude in der ganzen Umgebung war nicht gering, als sich die Kunde
von der Erhebung eines so ehrwürdigen Knochens verbreitete, der seine
Kraft innerhalb des Klosters bereits durch verschiedene wundervolle
Kuren betätigt hatte.
Der nächstfolgende Sonntag, der auch in Zukunft dem heiligen Krauti
gewidmet sein sollte, wurde durch eine Prozession nach dem Hügel,
der die seligen Reste des verehrten Mannes von sich gegeben hatte,
eingeweiht, worauf das Volk gegen Opferung freiwilliger Pfennige zur
Berührung derselben zugelassen wurde. Seitdem floß den Anfeindungen
glaubensloser Spötter zum Trotz reicher Gabensegen durch den Knochen
auf das Kloster, und der Abt hatte Ursache, sich seiner Erfindung
herzlich zu erfreuen, als der Sonnenschein allgemeiner Zufriedenheit
und Dankbarkeit durch eine Wolke aus der Ferne verdunkelt wurde, indem
eine schottische Kirche, deren unberühmter Name noch niemals über die
Grenzen der Heimat hinaus erschollen war, Einspruch gegen die Verehrung
der neuen Reliquie erhob, unter Vorgeben, daß sie selbst seit über
tausend Jahren das vollzählige Gerippe des heiligen Krauti unangefochten
und unanfechtbar besitze, der, von Geburt ein Ire, im Alter nach den
britischen Inseln zurückgekehrt sei und dort durch Zerschmetterung des
Schädels von Heiden, die er bekehren wollte, die Märtyrerkrone erworben
habe, wovon die Spuren an dem betreffenden Knochen deutlich wahrzunehmen
seien.
Jetzt kam die Angelegenheit vor den Erzbischof der Diözese, Herrn
Giselbert von Casalba, der ihr bisher nur eine oberflächliche Teilnahme
zugewendet hatte. Dieser war ein Mann von den vornehmsten Sitten und
Lebensgewohnheiten, mit einem feinen Herzen und katzenschnellen
Verstande begabt, der hüpfend und schlüpfend jeder Schwierigkeit
begegnete, und wie er mit zarten Fingern das Verschlungene und Unebene
ins gleiche zu bringen wußte, liebte er es, wenn ihm verzweifelte Fälle
zum Ordnen übertragen wurden. Er antwortete der schottischen Kirche
in würdiger, ein wenig herablassender Fassung, daß die legendarischen
Berichte über das Ende des heiligen Krauti voneinander abwichen, und daß
seines Wissens die Wahrheit von seiten der Kirche noch nicht endgültig
festgestellt sei, daß er aber ihren Anspruch, das echte Gerippe zu
besitzen, um so weniger anfechten wolle, als sich bereits aus einem
seither aufgefundenen Dokumente ergeben habe, daß der fragliche Knochen,
dessen Wundertätigkeit fortwährend im Gange sei, dem heiligen Zeterbogk
zugehöre, der, ein Begleiter des Krauti, der zweite Abt des Klosters
gewesen und in demselben verstorben sei, und dessen Überreste schon seit
Jahrhunderten an eben dieser Stelle gesucht seien, aber früher nicht
hätten gefunden werden können.
Der Erzbischof urteilte, daß, da die mannigfaltige Wirksamkeit der
Reliquie nun einmal mit Glück in Betrieb gesetzt sei, die Kirche mit dem
Zuwachs an heilkräftigem Gebein zufrieden sein könne, ob dasselbe nun
einen Bestandteil des heiligen Krauti oder des ebenso heiligen Zeterbogk
gebildet hätte. Allerdings tadelte der Erzbischof den Abt, der die
schwierige Sache zu leichthin und roh behandelt habe, insgeheim scharf,
bildete sich aber bei näherem persönlichen Verkehr eine überwiegend
günstige Meinung über ihn, was zum Teil eine Folge seiner vornehmen
Gesinnung und Herzenswärme war, zum Teil aber daher rührte, daß er den
Blick immer auf Bedeutendes und Merkwürdiges richtete und darum gerade
in der Beurteilung des Einfachen und Einfältigen häufig irrte. Daß
Wonnebald im allgemeinen dumm und kenntnislos war, entging ihm nicht,
und auch seine dreiste, unbezähmbare Sinnlichkeit erkannte er, doch
glaubte er in ihm jene geniale Zeugungskraft weittragender Einfälle,
jenen Spürsinn, jene Sehergabe wahrzunehmen, vermöge welcher Kinder und
Toren oft den Gebildeten beschämen, und war deshalb der Meinung, es
könne großer Gewinn aus ihm gezogen werden, wenn man ihn unter Aufsicht
hielte und ein denkender Geist sich gewissermaßen seiner unbewußten
Fähigkeiten bediente. Da nun außerdem das Kloster durch den Knochen
des Krauti oder Zeterbogk einen sichtbaren Aufschwung genommen hatte
und der Abt, unter dessen Regiment die Entdeckung stattgefunden hatte,
ein Zeichen der Anerkennung durchaus verdiente, und da es, angesichts
der Anfeindungen und Anklagen, die Wonnebald in dieser Gegend sich
zugezogen hatte, ratsam schien, ihn von dort zu entfernen, wo sein übler
Ruf schließlich auch auf den von ihm eingeführten Knochen hätte fallen
können, hielt es Giselbert für das angemessenste, wenn er zum Bischof von
Klus ernannt würde, einem einst bedeutenden, jetzt heruntergekommenen,
unwichtigen Orte, nicht allzuweit von seiner eignen Residenz, so daß er
sein Tun und Lassen einigermaßen bewachen könnte.
Pück war mit diesem Wechsel, der auf die Befürwortung des Erzbischofs
wirklich eintrat, sehr zufrieden, sowohl wegen des guten Fortschritts
auf seiner Laufbahn, wie weil der Aufenthalt im Kloster ihm allzu
eintönig geworden war und er nicht zweifelte, Klus, das zwar klein und
nicht betriebsam, aber ein behagliches Städtchen war, wo infolge seiner
schönen Lage reiche Leute ihre Einkünfte verzehrten, werde eine Fülle
von Anregungen für seine Gemütsart in sich bergen. Einzig der Gedanke
war ihm unleidlich, daß er sich von Lux trennen sollte, bevor er seinen
Liebesmut gekühlt hätte, und nicht zum wenigsten deshalb, weil ihm ihre
Hilfe in Schreibereien und andern Dingen unentbehrlich geworden war. Er
hatte die Überzeugung gewonnen, daß Frauen, vernünftiger und bescheidener
als Männer, sich geleisteter Dienste wegen weit weniger als jene
überhöben und sich oft schon dadurch als belohnt betrachteten, daß sie
einem Manne und insbesondere einem Geistlichen überhaupt von Nutzen sein
durften. Deswegen unterstützte er eifrig die Bitte des alten Bernkule,
der eben um diese Zeit schrieb, man habe ihm seiner zunehmenden
Gebrechlichkeit wegen einen Gehilfen gegeben, der unanstellig und
zuwider sei und den er gern durch einen Verwandten ersetzen möchte; wenn
Lux willens wäre, Männerkleidung anzulegen und sich je nach Alter und
Aussehen, das ihm unbekannt sei, für seinen Sohn oder Enkel auszugeben,
könne sie einerseits ihrem alten, vereinsamten Schwiegervater behilflich
sein und zugleich, da sie zweifelsohne sein Nachfolger werden würde,
sich und ihren Kindern eine schöne, gesicherte Zukunft begründen. Auch
damit war Wonnebald vollkommen einverstanden, denn er meinte, wenn Lux
als Mann aufträte, könne er sich desto häufiger in ihrer Nähe sehen
lassen, ohne sich böswilligen Deutungen auszusetzen, und er versprach
ihr, wenn sie nur mitkäme, das Seinige zu tun, damit der unschuldige
Betrug zur Ausführung gebracht werden könnte. Der kleine Brun
mißbilligte zwar die Handlung seiner Mutter nicht nur aus Rechtlichkeit,
sondern aus einem trotzigen Männergefühl, das sich dagegen sträubte, die
Mutter in einen älteren Bruder verwandelt zu sehen, aber ihre neckischen
Späße und holdseligen Liebkosungen überwanden seinen Groll, und so ging
die Übersiedlung glücklich vonstatten; im sanftesten Frühlingswetter
stellte sich die neue Heimat mit fruchtbaren hügeligen Fluren auf der
einen Seite eines weißen, stürmisch hinschießenden Flusses und dem
gemach ansteigenden Gebirge auf der andern überaus zufriedenstellend
dar. Der Bischof bewohnte eine wunderlich aufgetürmte Burg, an der
Jahrhunderte gebaut haben mochten und die von einer Anhöhe über den
Fluß, der an dieser Stelle einen tosenden Strudel bildete, auf das Tal
und hinüber auf die Berge blickte.
In die Burg hineingebaut war eine Kirche, von außen unscheinbar, aber
innen mit goldenen Altären, pompösen Grabmälern und engelumflatterten
Kruzifixen sinnverwirrend ausgestattet. Wonnebald fühlte sich inmitten
dieser Pracht und in seinem neuen Galagewande endlich ebenbürtig
eingefaßt und umgeben und zelebrierte die erste hohe Messe so
majestätisch und geläufig, daß die anwesenden Geistlichen und Laien
betäubt und verlegen dasaßen und sich ihres minderen Wertes bewußt
wurden. Auch Lux hatte sich in die Kirche hineinzudrängen gewußt und
betrachtete gemächlich von oben die stumm wogende Menge und den
köstlichen Zierat in Gold und Porphyr um sich her, bis sich im
Hintergrunde eine Pforte auftat und der Bischof mit geschwindem Schritt
und geblähtem Mantel das Kreuzschiff durchmaß, vor einigen Heiligtümern
sich rauschend verneigte, um sodann hinter dem Gitter des Altarraumes zu
verschwinden. Die schmalen grauen Augen der Lux lächelten vor Vergnügen,
wie sie an die Briefe dachte, die sie für den Abt geschrieben hatte, an
die Liebeswerbungen, mit denen er sie umschmeichelte, und ihn jetzt im
Allerheiligsten so flink und gewaltig hantieren sah, und beim Anblick
des Volkes, das atemlos und geduckt dem heiligen Schauspiel zusah,
wandelte sie eine solche Lustigkeit an, daß sie zuweilen das Gesicht
mit den Händen bedecken mußte, um nichts davon merken zu lassen.
* * * * *
Besonders unwiderstehlich hatte das scharfe und erhabene Auftreten
des Bischofs, sein finsteres Gesicht mit den unbeteiligten Augen, der
frommen, regelmäßigen Nase und dem molligen Kinn auf mehrere Damen
gewirkt, von denen Hermenegilde von Lampe, die Vorsteherin eines Stiftes
für adelige Damen, die hervorragendste und feurigste war. Im allgemeinen
von herber Sinnesart, war sie der Liebe doch in hohem Maße zugänglich
und hätte sich leicht in einen leidenschaftlichen Lebenswandel
verwickeln können, wenn nicht die Herrschsucht, die sich schon in ihrer
stattlichen Erscheinung ausprägte, manche Liebhaber abgeschreckt und vor
manchen andern ihr Hochmut sie beschützt hätte. Nichts hingegen sprach
gegen den Bischof, dessen hochehrwürdiges Amt, Ansehen und männliche
Schönheit wohl das Opfer des Herzens und der Ehre wert war, und es
bereitete sich in ihrem Innern eine grenzenlose Hingebung gegen ihn vor,
zugleich mit dem Trieb, sich seiner, es koste, was es wolle, ganz und
ausschließlich zu bemächtigen.
Der Bischof hatte keinen Grund, sich der Leidenschaft, die er eingeflößt
hatte, zu entziehen, und verschloß sich den Vorzügen der Hermenegilde,
die zwar nicht jung und hold, aber desto saftiger und üppiger war,
nicht; doch verdrängten die Freuden dieses Umgangs Frau Lux nicht aus
seinem Herzen, nach deren Besitz er im Gegenteil sich um so mehr sehnte,
je mehr ihm täglich fühlbar wurde, welche Wonnen die Liebe zu verleihen
imstande ist.
Luxens Schwiegervater, Christoph Bernkule, bewohnte eins von den
einstöckigen kleinen Häusern, die an den Fuß der Burg angebaut und
einstmals für die Lehensleute des Burgherrn mochten errichtet worden
sein und die ängstlich geduckten Schafen glichen, die vor Gewitter
oder Sturm einen Unterschlupf suchen. Bei seinem ersten Anblick
fühlte Lux, daß sie dem alten Manne nicht gram sein könnte, so gut
gefielen ihr seine kleinen beschatteten, munteren und schlauen Augen,
die oft nach innen versanken und sich dort auszuruhen schienen, dann
plötzlich aufglommen und hierhin und dorthin sprühten, die letzte
Zuflucht der Jugend, die aus dem ganzen verschrumpften Körper die
Zeit vertrieben hatte. Aus seinem gelbfaltigen Gesicht sprang eine
scharfe, spitzhöckerige Nase, die ihn auffallend und kenntlich
machte, und er konnte bedrohlich böse aussehen, doch war es ihm
selten ernst damit, und das Lachen lauerte in Mund- und Augenwinkeln,
wenn er mit funkelnden Blicken und grimmigen Worten Kindern oder
ungelegenen Leuten Furcht einflößte. Seine Schwiegertochter sagte ihm
zu, am liebsten aber hielt er sich in Gesellschaft der kleinen Lisutt
auf, deren törichtes Geplauder ihn anmutete, wie wenn ein Bächlein
neben ihm herrieselte und mit kristallenen Zungen von den großen
Geheimnissen der Natur schwatzte.
Eine beliebte Unterhaltung war es für Lisutt, bei den Marienbildern
und Kruzifixen, die hier und da zwischen den Feldern errichtet waren,
stehen zu bleiben, eine winzige Verbeugung zu machen und sich zu
bekreuzigen, indem sie mit den kleinen Händen eifrig über Gesicht und
Brust wischte. Gab es ein Gebetbänkchen, so kniete sie darauf nieder
und veranlaßte den Großvater durch einen gebieterischen Wink, die
morschen Knie zu krümmen und sich neben sie zu kauern, worauf er
denn mit vergnügtem Augenzwinkern das ernste Gesicht neben sich mit
dem in leiser, flüsternder Bewegung das Beten nachahmenden Munde
betrachtete: die Oberlippe wölbte sich wie ein rosenblätteriger
Triumphbogen über seidener Schwelle und ließ den unschuldvollen Duft
der gedankenlosen Worte hindurchwallen. Vollends wenn eine Kirche
oder Kapelle am Wege lag, zog Lisutt ihren Begleiter unwiderstehlich
hinein und schnurstracks zum Weihwasserbecken, um ihn und sich
andächtig zu beplantschen. Häufig mußte der alte Bernkule von den
jenseitigen Verhältnissen erzählen, was anfangs nicht leicht war;
denn sie hatte eine bestimmte Vorstellung vom Himmel als einer Art
geräumiger und vollzähliger Menagerie oder Arche Noah, wo es nicht
nur Löwen und Giraffen, sondern auch Schnecken, Raupen, Grashüpfer
und Eidechsen in Menge gab, und wo die Seligen alle die guten Bären
und Wölfe, die man hienieden nur von ferne durch ein Gitter betrachten
durfte, nach Herzenslust streicheln könnten, und sie litt durchaus
keine Schilderung, die von dieser Anschauungsweise abwich. Übrigens
war dem Alten in seinem dämmernden Sinn oft nicht anders zumute, als
befände er sich in der Obhut eines Engels, der ihn allgemach auf
den Himmel vorbereitete und aus dessen sonnigem Fleisch, das so
aromatisch und süßsaftig war wie eine Südfrucht, eine neue, reinere
Lebensjugend auf ihn überströmte.
Mit der Maulwurfjagd nahm es indessen einen schlechten Anfang; das
Geschäft stellte sich angenehm dar, solange Lux mit den Kindern
umherging, den Boden untersuchte und Fallen aufrichtete, wobei namentlich
Brun sich anstellig zeigte; eines Tages aber hatte sich ein Maulwurf
gefangen und hing mit schlaffen Pfoten, den weichen Nacken von eiserner
Kralle durchstochen, wehmütig baumelnd an dem grausamen Galgen. In
Lisutts Gesicht malte sich bei diesem Anblick zuerst Erstaunen, dann, wie
sie allmählich begriff, was geschehen war, Schrecken und Jammer, worauf
ihre taufeuchten Mundwinkel sich herabzogen, die kleine Nase zwischen den
sich verbreiternden Wangen unterging und endlich ein durchbohrendes
Weinen ihre völlige Verzweiflung ankündigte. Lux litt nicht viel weniger,
denn das Mitgefühl, das sie selber mit dem listig erwürgten Gesellen
hatte, wurde verdoppelt und gleichsam geweiht durch die unschuldigen
Tränen ihres Kindes, die zu sehen ihr ohnehin unerträglich war. Sie
versuchte Lisutt durch Schilderung eines netten, mit Blutnelken und
Katzenpfötchen bepflanzten Grabes, in das man den Maulwurf legen würde,
zu trösten, hatte diese sich aber eben dabei ein wenig erholt, so fielen
ihre Augen wieder auf das hübsche Samtfell, und der Jammer brach von
neuem hervor. Brun, obwohl nicht gefühllos, nahm sich dem ausgelassenen
Schmerz seiner Mutter und Schwester gegenüber zusammen, sagte mit
gerunzelten Brauen, das gehöre zum Geschäft, und schickte sich an, dem
Toten das winzige Schwänzchen abzuschneiden, das, wie der Großvater ihm
gesagt hatte, nach erfolgtem Fang der zuständigen Behörde überreicht
werden mußte. Lisutt drang, um dies zu verhindern, mit geballten Fäusten
furchtlos auf ihn ein, und Lux hatte Mühe, die Kämpfenden zu trennen und
die Kleine nach Hause zu bringen, die nunmehr den Großvater tüchtig
ausschimpfte und ihm dieses und jenes androhte, wenn er fortfahren würde,
die guten Maulwürfe umzubringen. Der alte Bernkule lachte, daß ihm die
Augen naß wurden, nahm darauf seine Schwiegertochter beiseite und machte
ihr heimlich die folgende Erklärung: sie brauche sich wegen der
Maulwurfjagd keine Sorge zu machen, es sei nicht wichtig damit, seine
Einkünfte gründeten sich vornehmlich auf eine andre Arbeit, die ohne
Widerwärtigkeit im stillen Kämmerchen könne ausgeführt werden. Es sei
nämlich Herkommen, daß der Magistrat dem Maulwurfsfänger außer dem für
das Amt festgesetzten Gehalte einen jeden erjagten Maulwurf einzeln
bezahle, über deren Zahl er sich nach altem Gebrauche durch Ablieferung
der betreffenden Schwänze auszuweisen habe, die zu zwölfen an eine Schnur
gebunden, in Form kleiner Kränze überreicht zu werden pflegten. Da nun
das Gehalt zu gering sei, als daß ein einzelner, geschweige denn eine
Familie davon leben könne, und anderseits der Maulwurf in dieser Gegend
nicht so zahlreich wäre, daß das Fehlende durch große Ausbeute könnte
ausgeglichen werden, habe er sich von jeher bestrebt, künstliche
Maulwurfschwänze herzustellen, was ihm auch nach mannigfachen Versuchen
und Erfindungen über Erwarten gelungen sei. Mehr und mehr habe er die
Jagd hintangesetzt und anstatt dessen Schwänze angefertigt, da das
letztere sich als bei weitem einträglicher erwiesen habe und auch
dem Lande dienlicher sei; denn Gott habe den Maulwurf eigens mit
unersättlicher Gefräßigkeit begabt, um für die Vertilgung schädlicher
Insekten zu sorgen, und es empfehle sich deswegen, eine gewisse Anzahl am
Leben zu lassen. Schwierig sei es, den richtigen Wechsel von echten und
künstlichen Schwänzen zu treffen, und was die Menge der abzuliefernden
betreffe, sich immer auf der Grenze zu halten, über die hinausgehend man
das Mißtrauen des Magistrates zu erregen Gefahr laufe, unter der man aber
nicht bleiben könne, ohne den Vorteil des Geschäfts zu vernachlässigen.
Lux war über diese Einrichtung verwundert, und es fiel ihr sogleich
ein, daß dies die Ursache des Zwistes zwischen ihrem verstorbenen Manne
und seinem Vater gewesen sein könne, was derselbe auf ihre Frage ohne
weiteres bejahte. Freilich, freilich, erwiderte er kichernd und
blinzelnd, darüber sei es hergekommen; Henne sei ein guter Junge
gewesen, aber voll Eigensinn und Schrullen habe er gesteckt, und seine
Ehrbarkeit sei wie ein Stück Eisen gewesen, womit man den Leuten die
Köpfe habe zerschlagen können. Er habe es für Betrug erklärt, für
Schwänze aus Filz, Watte und Kleister Geld einzunehmen wie für ehrlich
abgefangene Maulwürfe, und habe nicht einsehen wollen, daß er sich gut
und die Obrigkeit nicht übel bei der Sache befände; zwar habe er den
Vater nicht verraten oder verklagen wollen, aber teilen habe er den
Frevel nicht können, sei davongegangen und nicht zurückgekehrt. Lux
sagte lächelnd, ja, so sei er gewesen, und dieselbe Sinnesart sei auf
seinen Sohn Brun übergegangen, weswegen es ratsam sei, die empfindliche
Angelegenheit vor ihm zu verheimlichen.