Der am häufigsten vorkommende ~Getreiderost~ entsteht aus der

Vegetation der _Puccinia Graminis_ (Grasrost), welche sich sowohl

direct nach Art ähnlicher Pilze, als auch auf dem Wege des

Generationswechsels fortpflanzt. Diese _Puccinia_ giebt sich durch

rothgelbe Flecke auf dem Blatte des Grasgewächses kund, welche als

Mycelium, zuerst innerhalb der Blattsubstanz befindlich, später

die Epidermis durchbrechen und als rostfarbene Staubflecke auf der

Blattfläche auftreten. Ein solcher Fleck lässt bei der mikroskopischen

Untersuchung Myceliumfäden innerhalb des Blattgewebes und darauf

sprossende, aus der Blattfläche hervortretende Basidien erkennen.

Letztere tragen sogenannte Sommersporen, Uredosporen, Basidiensporen,

welche keimfähig sind und, auf eine andere oder dieselbe Grasart

übertragen, wieder die Bildung eines Pilzmyceliums (Fruchtlagers)

veranlassen können. Die Uredospore ist eiförmig und besteht aus 2

Häuten, von welchen die innere im Gürtelumfange 4 Löcher, Keimporen,

hat, durch welche die Keimschläuche hervortreten. Im Herbst verliert

diese Spore ihre Keimfähigkeit und verschwindet, dafür aber entwickelt

das Pilzmycelium Askobasidien, deren Sporen die sogenannten

Wintersporen, Teleutosporen (_Askobasidiensporen_) sich im Frühjahr

zu einem vorkeimartigen Organe (_Promycelium_) ausbilden, aus welchem

sich Sporenschläuche (_Sporidien_) entwickeln. Die Teleutosporen nehmen

jedoch ihren Entwickelungsgang auf keiner Graspflanze vor, sondern

finden auf den Blättern des Sauerdorns (_Berberis vulgaris_) ihren

Vegetationsboden, in deren Zellgewebe ihre Schläuche eindringen und zu

einem Mycelium auswachsen, aus welchem auf der Unterseite des Blattes

sogenannte Aecidiumbecherchen (Sporangien), angefüllt mit Spermogonien

und Spermatien, die später als eine klebrige Masse entleert

werden, hervortreten. Im Grunde der Aecidiumbecherchen entspringen

Askobasidien, deren Sporen beim Austritt auf feuchte Theile des

Getreides fallend sich wie die Sommersporen verhalten und wieder den

Grasrost erzeugen. Von anderer Seite wird behauptet, dass das Mycelium

der _Puccinia_ gleichzeitig Basidien und Askobasidien, also Uredo- und

Teleutosporen zu gleicher Zeit neben einander hervorbringe.

[Illustration: Fig. 85.

$Getreiderost.$

Aecidiumbecherchen (Sporangie) im Blatte des Sauerdorns im

Verticaldurchschnitt. 500mal vergr. _pp_ Blattparenchym. _z_

Epidermis. _m_ Mycelium. _pa_ Paraphysen als Bekleidung der Oeffnung

des Becherchens, welches mit Spermogonien oder Sterigmen _st_ und

Spermatien _sp_ angefüllt ist, welche letzteren entleert werden. _bs_

Askobasidien, _s_ Sporen. 500mal vergr.]

Mehlmilbe, Weizenschlängelchen.

Im verdorbenen Mehle des Weizens und Roggens findet man häufig

die ~gefiederte Mehlmilbe~ (_Acarus plumiger_), seltener die

~gemeine Mehlmilbe~ (_Acarus Farinae_), ferner Vibrionen, wie das

Weizenschlängelchen (_Vibrio Tritici_). Die gemeine Mehlmilbe findet

sich häufiger in dem Mehle der Hülsenfruchtsamen und unterscheidet sich

von der gefiederten nur dadurch, dass sie an Stelle der federartigen

Haare mit einfachen Borsten besetzt ist.

[Illustration: Fig. 86.

$Mehlmilbe,$

100mal vergr.]

[Illustration: Fig. 87.

$Weizenschlängelchen,$

120mal vergr.]

Kartoffelpilz.

~Kartoffelpilz~, _Peronospora devastatrix_, _Peronospora infestans_,

ein parasitischer Pilz und die Ursache der Kartoffelfäule oder

Kartoffelkrankheit, giebt sich im Juni bis Mitte Juli durch braune

Flecke auf den Blättern des Kartoffelkrautes und durch einen schwachen

weissen Schimmel auf der Unterfläche der Blätter zu erkennen. Die

braunen Flecke werden durch ein Mycelium (Trieblager) verursacht,

dessen Fäden (Hyphen) auf der Unterfläche, bei feuchter Witterung auch

an der Oberfläche des Blattes, durch die Spaltöffnungen hervortreten

und das Ansehen eines zarten Schimmels darbieten. Die Mycelienfäden

verästeln sich ausserhalb der Blattfläche und bilden an der Spitze

dieser Aeste Sporangien (Sporenbehälter), welche reif geworden

abfallen, sich bei Gegenwart von Feuchtigkeit ihrer Sporen in Portionen

durch eine Oeffnung an ihrer Spitze entledigen. Die Portionen Sporen

bilden sich in Schwärmsporen um, verlieren aber bald ihre Wimpern

und gestalten sich zu kugeligen Gebilden, welche sofort zu keimen

beginnen. Die Keime dringen durch die Epidermis anderer Theile der

Kartoffelpflanze und erzeugen ein neues Mycelium.

[Illustration: Fig. 88.

$Kartoffelpilz.$

_m_ Mycelium. _h_ Hyphen. _sp_ Sporangie (350mal vergr.). _p_ eine der

Sporenportion sich entleerende Sporangie (500mal vergrössert). _s_

Schwärmspore, links: keimende Spore.]

Weintraubenpilz.

~Weintraubenpilz~, ~Traubenpilz~, _Oidium Tuckeri_, ein parasitischer

Pilz und Ursache der ~Traubenkrankheit~, tritt im ersten Stadium

seiner Vegetation als ein zarter weisser Hauch oder Anflug auf den

jungen Weinstockzweigen, Blättern und den Weinbeeren auf, bildet

später bräunliche Flecke; die Trauben schrumpfen ein und vertrocknen

oder gehen bei nasser Witterung in eine faulige Masse über. Die

mikroskopische Prüfung ergiebt ein Mycelium (Trieblager), mit welchem

die Epidermis der genannten Weinpflanzentheile überzogen sind und

welches vermittelst Saug- oder Haftorganen den Zellen der Epidermis

fest anhängt, das Wachsthum der Epidermis verhindert und ein Bersten

derselben zur Folge hat. Durch die Spalten und Risse dringt das

Mycelium in das innere Gewebe der Beere und erzeugt hier Fäulniss. An

den nach aussen gewendeten Enden der Mycelienfäden entwickeln sich in

unserem Klima gewöhnlich in Stelle der Sporangien eiförmige Gebilde

(sogenannte Cicinobolusfrüchte, Oogonien, Oidiumformen), gleichsam

mit gitterförmiger Cuticula bekleidete Asken, welche abfallen und auf

Zweigen und Beeren des Weinstockes wieder zu einem Mycelium auswachsen.

An der Rinde des neugebildeten Holzes der Nährpflanze überwintert das

Mycelium.

[Illustration: Fig 89.

$Traubenpilz.$

_c_ Myceliumfäden. _c′_ Haftorgane. _a_ Cicinobolusfrüchte. _b_

keimende (Mycelium bildende) Cicinobolusfrucht (400mal vergr.). _d_

eine Cicinobolusfrucht noch mehr vergr. _e_ Sporen.]

Gespinnstfaser. Haar.

~Gespinnstfasern.~ Behufs der Erkennung und Unterscheidung der

Gespinnstfaser in einem Gewebe vermittelst des Mikroskops wird

das Gewebe zuvor von aller Appretur durch Auswaschen befreit, die

Kettenfäden (Längsfäden) und die Fäden des Einschlages (Querfäden) von

einander gesondert und jede Art geprüft. Der Faden wird mit einer Nadel

zerzasert und mit Wasser betropft unter das Mikroskop gebracht.

[Illustration: Fig. 90.

$Leinenfaser$

in 30facher Vergrösserung.]

[Illustration: Fig. 91.

$Leinenfaser$

200mal vergr.

_p_ Porenkanal.]

[Illustration: Fig. 92.

$Leinenfaser aus irländischer Leinwand.$ _p_ Porenkanal

200mal vergr.]

~Leinenfaser~ ist walzenförmig, nicht oder nur wenig hin- und

hergebogen, glatt, hin und wieder verdickt, der Länge nach von einem

engen Kanal (Zellhöhe) durchzogen. Letzterer erscheint bei 120facher

Vergrösserung wie eine schmale Linie. Die Leinenfaser läuft in eine

schmal zulaufende stumpfe Spitze aus. In kleineren oder grösseren

Zwischenräumen bemerkt man schräg oder schief über die Faser

verlaufende Linien, nämlich die Porenkanäle, in Form verdünnter Stellen

der Bastzelle. Je nach Art der Bearbeitung und der Behandlung ist

die Leinenfaser glatt oder rauh. Handgespinnst hat gemeiniglich eine

glattere Faser als Maschinengarn. Jodlösung und Schwefelsäure färben

unter Aufquellen und gleichzeitiger Verkürzung der Faser diese blau,

indem sich bei starker Vergrösserung wahrnehmbare blaue spiralförmige

Windungen bilden.

[Illustration: Fig. 93.

$Leinenfaser aus Handgespinnst, an der Oberfläche zerzasert.$

200mal vergrössert.]

[Illustration: Fig. 94.

$Baumwollenfaser,$

200mal vergrössert.]

[Illustration: Fig. 95.

$Baumwollenfaser$

bei 30facher Vergrösserung.]

[Illustration: Fig. 96.

$Baumwollenfaser mit gitterförmigen Streifen,$

200mal vergrössert.]

~Baumwollenfaser~ erscheint unter dem Mikroskop als eine platte

oder bandförmig-zusammengefallene, mehr oder weniger langgestreckt

schraubenähnlich gewundene, oder in der Art eines Pfropfenziehers um

sich selbst gedrehte, theils auch wohl wellig gebogene oder gekräuselte

Faser, welcher überdies die der Leinenfaser eigenen Porenkanäle fehlen,

doch zeigt sie sich häufig gitterartig schief gestreift, was bei der

Leinenfaser höchstens an den breiteren Stellen vorkommt.

Die Zellhöhle ist mehr oder weniger deutlich und breiter als bei der

Leinenfaser. Auch die Baumwollenfaser ist je nach Behandlung und

Bearbeitung glatt oder mehr oder weniger zerfasert.

Die durch Jodlösung und Schwefelsäure hervorgerufene Anschwellung und

Färbung tritt in derselben Art wie bei der Leinenfaser ein.

[Illustration: Fig. 97.

$Jute- oder Dschutefaser.$

100mal vergr.]

[Illustration: Fig. 98.

$Hanfbastfaser, am Ende gabelig gespalten.$

_v_ Querschnitt einer Bastfaser. 200mal vergr.]

Die ~Chinagrasfaser~, ~Jute~ (Dschute), ist starr und bandförmig,

ähnlich der Baumwollenfaser, aber nicht pfropfenzieherartig gewunden

wie diese. Sie hat wie die Leinenfaser schief gestellte Porenkanäle,

aber eine breitere Zellhöhle, und ist auch holziger und starrer. Ihre

Enden sind meist konisch. Der Durchmesser beträgt 0,04-0,11 _mm_. Die

Einwirkung der Jodlösung und Schwefelsäure ist ähnlich wie bei der

Leinenfaser, aber wegen der Holzfaser langsamer.

Die ~Hanfbastfaser~ ist sehr lang, im Durchmesser zu 0,01-0,027

_mm_. Die Contouren sind unregelmässig, die Enden stumpf abgerundet,

bisweilen gespalten. Bei starker Vergrösserung zeigt sich die

Hanfbastfaser parallelstreifig.

[Illustration: Fig. 99.

$Seide$ (_S_) $und Wolle$ (_W_).

400mal vergr.]

[Illustration: Fig. 100.

$Wolle$ (_W_), $mit Baumwolle$ (_b_),

30mal vergr.]

[Illustration: Fig. 101.

$Seide$ (_S_) und $Wolle$ (_W_),

bei 30facher Vergrösserung.]

Die ~Seide~ besteht aus glänzenden ~dichten~, walzenförmigen,

structurlosen, ~nicht hohlen~ Doppelfäden mit gleichförmiger

Lichtbrechung. Der Querschnitt eines Kokonfadens ist von stumpfeckigem

Umrisse. Gefärbte Seide erscheint mitunter an einzelnen Stellen

breitgedrückt oder mit kleinen Unebenheiten. Der Mangel einer

Innenhöhle unterscheidet sie von allen übrigen Gespinnstfasern.

Zuckerlösung mit Schwefelsäure färben den sich rasch auflösenden

Seidenfaden schneller als die Wolle rosenroth, und die hierbei

quellende äussere Schicht zeigt eine bogig gezackte Contour. Bei noch

nicht ganz erfolgter Auflösung bemerkt man innen einen noch festen

Längsfaden, der nicht mit einer Innenhöhle zu verwechseln und nur noch

unveränderte Seidensubstanz ist. Die sogenannte ~Jama-may-Seide~ (vom

chines. Eichenspinner) zeigt eine starke Längsstreifung und eine porige

Querschnittfläche.

Das ~Wollenhaar~ ist wie alle Haare der Säugethiere (man vergleiche

auch weiter unten unter Haar) ein cylindrisches röhrenförmiges, von

einem Markstrange der Länge nach durchzogenes Gebilde, bekleidet

mit ziegelartig sich deckenden Schüppchen, welche sich bei geringer

Vergrösserung durch dicht und unregelmässig neben einander liegende

Linien oder Risse kennzeichnen. Zuckerlösung und Schwefelsäure

färben das Wollenhaar rosenroth, nie wird es durch Jodlösung nebst

Schwefelsäure blau gefärbt. Das Wollenhaar ist von verschiedener Dicke.

Die Electoralwolle z. B. 1/4-1/3 so dick als grobe Schafwolle.

~Alpakawolle~ kommt von einer Lamaart Amerika’s, dem Paco oder Alpaca

(_Auchenia Paco_). Die rohe Wolle ist entweder weiss oder schwarz,

es kommt aber auch schwarzgefärbte Wolle vor. Die Structur ist der

der Schafwolle ähnlich, im Markstrange jedoch finden sich einzelne

dunkelgefärbte Conglomerate, wie dies in der folgenden Figur angegeben

ist.

[Illustration: Fig. 102.

$Alpakawolle.$

_a_ und _b_ 100mal vergr., _c_ 200mal vergr., _a_ und _c_ weisse, _b_

schwarze.]

[Illustration: Fig. 103.

$Mohairwolle.$

200mal vergrössert.]

~Mohairwolle~, Mohärwolle, Kameelziegenhaar, Angorawolle, _Poil de

chèvre_, stammt von der Angoraziege in Kleinasien. Das Haar ist von der

Structur der Schafwolle und unter dem Mikroskop von der Alpacawolle

leicht zu unterscheiden.

~Vicunnawolle~ ist das Wollhaar der Vicunna. Es ist ein zartes

flaumartiges zimmtfarbenes Haar, in der Structur der Schafwolle

ziemlich ähnlich. Es ist gemeiniglich mit einzelnen dreifach stärkeren

Haaren gemischt, welche unter dem Mikroskope schwarz erscheinen.

~Vigogne~ oder Vicunnagarn ist ein Gemisch aus Baumwolle und Schafwolle.

[Illustration: Fig. 104.

$Vicunnawolle$,

200mal vergr.]

[Illustration: Fig. 105.

$Hasenflaum$,

200mal vergr.]

~Hasenflaum~ unterscheidet sich durch die schräge Schuppung.

Zur ~chemischen Untersuchung~ eines ~Gewebes~ auf seine Zusammensetzung

genügen folgende drei Lösungen:

1. eine mit Zinkoxyd gesättigte concentrirte Chlorzinklösung;

2. eine 10prozentige Aetzkali- oder Aetznatronlauge;

3. eine ammoniakalische Kupferoxydlösung.

Seide wird von der Chlorzinklösung, schneller beim Erwärmen,

gelöst. Wolle wird von der Aetzlauge, die Pflanzenfaser von der

ammoniakalischen Kupferoxydlösung gelöst.

Eine Beimischung von ~Baumwolle~ in ~Leinen~ lässt sich (nach

R. Boettger) erkennen, wenn man die von der Appretur befreiten

Quer- und Längsfäden oder auch ein Stück des Gewebes zuerst in eine

spirituöse Lösung der Bosolsäure (Aurin, gelbes Corallin des Handels),

hierauf in eine concentrirte wässrige Lösung des kohlensauren Natrons

(Soda) eintaucht und endlich mit Wasser abspült. Die ~Leinenfaser~

erscheint dann rosaroth gefärbt, ~Baumwollenfaser~ nicht gefärbt. --

Zündet man einen herabhängenden (von Appretur befreiten) Faden an und

löscht die Flamme wieder aus, so zeigt der ~Leinenfaden~ ein glattes

zusammenhängendes, der ~Baumwollenfaden~ dagegen ein büschelförmig

ausgespreiztes verkohltes Ende. -- Hält man die Faser oder ein Stück

des Gewebes 2 Minuten lang in englischer Schwefelsäure untergetaucht

und spült dann mit Wasser aus, so findet man die ~Wollenfaser~

unverändert, die ~Seidenfaser~ in Lösung übergegangen.

[Illustration:

Fig. 106.

_W_ Schafwolle.

_E_ Electoralwolle.

_A_ Alpakawolle.

_S_ Seide.

_B_ Baumwollenfaser.

_J_ Dschute- (Jute)faser.

_H_ Hanffaser.

_L_ Leinenfaser.

300-400fache Vergrösserung.]

Die $Haare$ sind mehr oder weniger lange, dünne, elastische, biegsame,

empfindungslose Organe mit kreisrunder oder elliptischer oder eckiger

Querdurchschnittsfläche. Die Masse, woraus sie bestehen, gleicht

physikalisch und chemisch der Hornsubstanz. Das Haar tritt aus der Haut

hervor, in welcher es durch eine weiche Anschwellung oder Verdickung,

~Haarzwiebel~ oder ~Haarwurzel~ genannt, befestigt ist. Am Haar

unterscheidet man eine ~Cortical~substanz und eine ~Medullar~substanz.

Erstere entsteht bei der Entwickelung des Haares zuerst, letztere

später. Die Haupthaare eines unreifen Foetus sind daher gewöhnlich

ohne Medullarsubstanz. In der longitudinalen Ausdehnung des Haares

unterscheidet man die ~Wurzel~ oder Zwiebel, welche in der Lederhaut

innerhalb eines von Gefässen durchzogenen Balges festsitzt, und den

~Schaft~, den Haupttheil des Haares, welcher ausserhalb der Haut liegt.

Die Corticalschicht zeigt sich dem Auge bei starker Vergrösserung aus

drei Schichten bestehend: einer äussersten Schicht, ~Peridermaschicht~,

darunter die eigentliche ~Corticalschicht~ und unter dieser die

~Markscheide~, welche das Mark oder die Medullarsubstanz einschliesst.

Die Peridermaschicht ist aus schuppenähnlichem, dachziegelartig an

einander liegendem Epithelium gebildet. Die äussere Corticalschicht

besteht aus parallel an einander liegenden Hornsubstanzfasern mit

durchstreuten, einzelnen, theils unter sich zusammenhängenden,

röhrenförmigen Lufträumen. Die innere Corticalschicht, welche auch als

Markscheide bezeichnet ist, besteht ebenfalls aus dicht an einander

liegenden Hornsubstanzfasern, aber ohne oder fast ohne Lufträume, dafür

aber hier und da kleine mit Pigment gefüllte Räume, Pigmentzellen,

einschliessend.

Der Markstrang liegt mehr oder weniger in der Mitte, innerhalb

der Markscheide, und führt in zellenartigen Räumen, von der Form

rundlicher oder abgeplatteter Behälter, Pigment. Der Markstrang

verläuft nicht nothwendig von der Wurzel bis zur Spitze des Haares; er

kann auch mehrmals durch Corticalsubstanz unterbrochen sein.

Die Peridermaschicht stösst allmählich Epithelialsubstanz schuppig

ab und regenerirt das Abgestossene, welches die unter dem Mikroskop

sichtbaren häutigen Unebenheiten des Haares darstellt.

Das Wachsthum findet hauptsächlich zwischen Schaft und Wurzel statt,

indem der ~Haarkeim~, ~Haarpulpa~, der Centraltheil der Haarwurzel,

die Hornsubstanz ausschwitzt und zur Haarsubstanz ausbildet, welche

den alten Haarschaft vor sich herschiebt. Daher findet man den unteren

Theil des Haares bei eingetretener schlechter Ernährung dünner und

dürftiger als den oberen Theil, welcher seine Entstehung noch bei guter

Ernährung fand.

Nur Haare an gewissen Körpertheilen des Menschen wachsen anhaltend,

andere erreichen eine gewisse Länge und wachsen dann nicht mehr, wie

z. B. die Flaumhaare der Mädchen, die Haare auf den Handrücken der

Männer.

Die Querdurchschnittsfläche der Haare ist eine sehr verschiedene

und ihre Form für die Haargattung eine wenig charakteristische. Das

Kopfhaar des einen Individuums kann bald eine runde, bald eine ovale,

bald eine dreieckige Querdurchschnittsfläche zeigen. Diese Form ist

ganz von der Form der Hautöffnung abhängig, durch welche das Haar

hervorwächst.

Das Pigment des Markstranges und der Interfibralräume der Markscheide

und Corticalschicht ist nur zum Theil die Grundlage des Farbentones

der Haare. Dieser ist hauptsächlich von der Farbe der Corticalschicht

abhängig. Die Hornfasermasse ist bei schwarzem Haar schwarz oder

vielmehr in der einzelnen Faser dunkelgrau, bei rothem Haar röthlich,

bei braunem Haar bräunlich, bei blondem gelblich. Der dunklere Ton

der Farbe ist eine natürliche Folge des Haarfettes, welches das Haar

ausschwitzt. Jedes Fett macht eine matte Farbe dunkler und lebhafter,

wie wir dies aus der Oelmalerei wissen. Das weiss werdende Haar

entsteht daher auch nicht durch ein Verschwinden des Pigments des

Markes, sondern durch verminderte Fettausscheidung, oder gleichsam

durch Absterben der Corticalschicht, welche dadurch undurchsichtig

wird, und dessen Hornfasern dann in derselben Weise nicht mehr das

Licht durchlassen wie ein Bündel feingesponnenen Glases. Ein weisses

Haar kann daher in dem Markstrange und in den Zellen der Markscheide

das ursprüngliche dunklere Pigment noch enthalten.

Obgleich charakteristische Unterschiede der Haare der Menschen

scheinbar kaum hervortreten, so ergeben sich dennoch in forensischer

Beziehung viele Anhaltspunkte, welche für sich oder mit einander

combinirt, zu gewissen Schlüssen hinleiten.

Die mittlere Dicke der Haare von verschiedenen Körpertheilen des

Menschen fand Dr. ~Pfaff~[6]:

Flaumhaar der Säuglinge 0,008-0,01 _mm._

Flaumhaar am Arme eines Mädchens 0,015 _mm._

Flaumhaar an der Oberlippe einer Frau 0,018 „

Haar am Arme eines Mannes 0,03-0,04 _mm._

Augenwimper eines Mannes 0,04 _mm._

Haar aus dem Gehörgange 0,045 „

Haupthaar eines Weibes 0,06 „

Haar von der Hand eines Mannes 0,07 „

Haupthaar eines Mannes 0,08 „

Haar aus der Nase eines Mannes 0,08 „

Schamhaar eines Mannes 0,11 „

Augenbrauenhaar eines Mannes 0,12 „

Haar aus dem Schnurrbart 0,13-0,14 _mm._

Schamhaar eines Weibes 0,15 _mm._

Backenbarthaar 0,15 „

(Schweinsborste 0,27 „)

Diese Angaben bieten nur annähernde Zahlen, lassen auch manche

Abweichungen zu, z. B. kann ein Kopfhaar eines Mannes einen geringeren

Querdurchmesser haben als dasjenige eines Weibes.

[Illustration: Fig. 107.

$Kopfhaar,$

_a_ vor einem Vierteljahr verschnitten.

500mal vergr.]

[Illustration: Fig. 108.

$Kopfhaar,$

_b_ blondes Kopfhaar, _c_ weisses Kopfhaar eines Greises, _d_ sich

spaltendes Haar.

500mal vergr.]

Das ~Kopfhaar~ des Mannes unterscheidet sich von demjenigen eines

Weibes durch eine dickere Wurzel. Die Spitze läuft um so mehr verjüngt

aus, je entfernter der Zeitpunkt liegt, seit welchem es verschnitten

wurde. Die Spitze des Kopfhaares einer Frau ist gewöhnlich nicht

dünner als der Hauptschaft, häufig auch noch mehrfach gespalten. Wenn

bei älteren Frauen das Wachsthum der Haare nachlässt, fangen auch die

Haarenden an, dünner und spitziger zu werden. Frauenkopfhaar soll

durch Aetzlauge schneller zerstört werden als Männerkopfhaar. Kopfhaar

mit einer Querdurchschnittsfläche von der Form der Ellipse ist zur

natürlichen Kräuselung geneigt.

Die ~Augenbrauenhaare~ sind glatt, oval oder kantig im Durchschnitt und

laufen in eine feine Spitze aus, wenn sie nicht verschnitten wurden.

[Illustration: Fig. 109.

$Dunkelbraunes Frauenkopfhaar.$

Markstücke spitz. _a_ Spitze.

500mal vergr.]

[Illustration: Fig. 110.

$Kinnbarthaar.$

_br_ braunes, _gr_ grau werdendes.

500mal vergr.]

Das ~Augenwimperhaar~ ist meist scharfkantig, an den Kanten mit

scharfen, dornähnlichen Hervorragungen versehen, deren Spitzen nach

der Spitze des Haares gerichtet sind. Die Wurzel ist schlank und

rübenförmig.

Das ~Schnurrbarthaar~ ist dem vorigen ähnlich, aber glatter und mit

dickerer Wurzel.

Das ~Backenbarthaar~ ist ziemlich dick, mit sehr unebenem Periderma.

Seine Wurzel ist nur weniger dick als der Schaft. Das Backenbarthaar

derjenigen Männer, welche leicht und stark transspiriren, soll in der

Peridermaschicht hier und da dunkle punktartige Erhabenheiten zeigen.

Das ~Nasenhaar~ hat gemeiniglich eine sehr unebene Aussenfläche voller

warziger Auftreibungen. Es läuft in eine feine dünne Spitze aus, und

die Wurzel zeigt im Längendurchschnitt Guitarrenform. Das ~Härchen~ aus

dem Ohre ist dem Nasenhärchen sehr ähnlich, nur weniger uneben und mehr

konisch auslaufend.

Das ~Achselgrubenhaar~ tritt aus seiner Wurzel nicht allmählich,

sondern stielartig hervor. Am Austritt, also am untersten Theile seines

Schaftes, ist es glatt, dann aber längs seines Schaftes mit vielen

blättrigen und warzenförmigen Erhabenheiten bedeckt, in Folge der

Auflockerung der Peridermaschicht durch Schweiss und Reibung. Seine

Spitze ist konisch, aber nicht fein auslaufend. Die Farbe ist meist

röthlich.

Das ~Brusthaar~ ist dem vorigen sehr ähnlich, gewöhnlich aber kürzer,

nicht nothwendig röthlich. Die Wurzel ist fleischig und dick, die

Spitze kolbig.

Das ~Handrückenhaar~ des Mannes hat eine keulenförmige Spitze, ebenso

dick oder dicker als der Schaft. Die Wurzel ist lang und dünner als

der Schaft. Die Haare vom Vorder- und Oberarm des Mannes haben eine

ähnliche Form, es ist jedoch in Folge der Reibung durch die Bekleidung

die Spitze gespalten.

Das ~Haar~ an den Extremitäten der Frauen ist meist Flaumhaar.

Die ~Schamhaare~ sind durch die Neigung zur Kräuselung charakterisirt.

Die Querdurchschnittsfläche ist meist oval oder elliptisch, die

Markstücke sind stumpf. Die Peridermaschicht ist uneben, knorrig und

von abgelöster Hornsubstanz ästig. Das Schamhaar der Männer ist meist

dünner als das der Weiber, jedoch ist die Wurzel des ersteren dicker

und knolliger, die Wurzel des letzteren dagegen nicht dicker als der

Schaft. (Das weibliche Schamhaar ist wegen flach liegender Wurzel

leichter auszureissen). Das Haar vom ~Mons Veneris~ ist an der Spitze

keulenförmig, bei jungen Personen konisch-spitz. Das Haar vom ~Scrotum~

ist dem Achselgrubenhaar sehr ähnlich, jedoch häufig mit unegal dickem

Schafte.

Ob ein Haar unlängst oder vor längerer Zeit ~abgeschnitten~ ist,

beantwortet die Spitze des Haares. ~Ausgefallenes~ Haar hat eine

mehr glatte abgerundete Wurzel, ~ausgerissenes~ Haar eine rauhe

zackige oder ästige Wurzel. ~Zerrissenes~ Haar zeigt an der Rissfläche

Hornfaserstumpfe von verschiedener Länge. Eine Schnittfläche ist glatt,

flach oder convex.

[Illustration: Fig. 111.

$Schamhaare.$

500mal vergr.]

[Illustration: Fig. 112.

$Schamhaar mit darauf eingetrocknetem Sperma.$

_a_, _aa_ Spitzen des Schamhaares.

500mal vergr.]

Die Wurzeln der Haare junger Personen lösen sich nach _Pfaff_

schneller in Aetzlauge auf als diejenigen der Haare älterer Leute.

Die Marksubstanz geschwächter oder älterer Leute ist weniger

zusammenhängend und durch Hornsubstanz häufiger unterbrochen.

Bei der Frage der Nothzucht kann sich auch in den Schamhaaren der

Genothzüchtigten eingetrocknetes Sperma mit Fäden vorfinden, oft

untermischt mit kleinen Krystallen.

Der $Weichselzopf$ (_Plica Polonica_), im Weichselgebiet Polens

endemisch, ist dem Kopfgrind verwandt und besteht durch Verkittung

und Verfilzung der Kopfhaare zu einzelnen Bündeln. Haare und Kopfhaut

schwitzen eine klebrige Feuchtigkeit aus, welche aus den Sporen und

Schleimlagern eines Pilzes, _Trichomaphyton_ oder _Mycoderma plicae

Polonicae_, bestehen.

[Illustration: Fig. 113.

$Weichselzopfhaar mit seinem Pilze.$

500mal vergr.]

[Illustration: Fig. 114.

Biber.

_bc_ Oberhaar, _a_ Spitze, links Flaumhaar (Grundwolle). 300mal vergr.]

[Illustration: Fig. 115.

Biber.

Starkes Oberhaar (Grannen).

300mal vergr.]

Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen · 第 6 / 11 段