Es gibt stille Gründe im Bergwald, die sich der Herrgott als
Lieblingsplätzchen zum Rasthalten ausgesucht hat. Die Vögel dort singen
viel heimlicher. Die Quellen schwätzen leiser als anderswo. Der Wind
überm Wald verhält dort den Atem.
Ein Menschenkind mit einem Gottsucherherzen fühlt solche
Herrgottsplätze. Wenn aber einer, der kein Gottsucherherz hat, an
solchen Ort kommt, den zupfen Englein leis am Rockzipfel, daß er nicht
vorübergehen möchte. Manch einer hört auf die stillen Mahner und hat in
der Andacht des Waldes den Herrgott gefunden. Mehr aber gehen vorüber.
Für sie ist der Wald Holz. Ihr Herz ist nichts anderes.
Es gibt viele Herrgottsplätzlein im Harzheimatland. Aber eins weiß ich,
das ist das schönste von allen.
Kennt ihr den Waldteich im Tale Irgendwo?
Eigentlich ist’s nur ein Tümpelchen, der Rest von einem Teich, dem man
vor hundert Jahren oder mehr den Damm durchstach. Wenn der Eisvogel,
der an seinen Ufern nach Elritzen und Forellen fischt, fünfzehn,
zwanzig Flügelschläge tut, ist er drüber hinweg. Größer ist das
Waldteichlein nicht. Braucht’s auch nicht zu sein, denn seine Kleinheit
gehört zu seinem heimlichen Zauber. Fichten haben es mit Grün umsponnen
und haben sich so dicht herzugedrängt, daß kaum ein Streifen Rasen
übrigblieb für ein paar Fingerhüte und Erdbeeren. So wurde aus dem
Teich ein weltvergessenes Waldmärchen. Ein grünlockiges Dornröschen,
das mit offenem Träumerauge einen tiefen, süßen Schlaf schläft in den
Armen des Waldes. Es wird kein Märchenprinz kommen, es aufzuwecken. Es
wird erst aufwachen, wenn der Förster die Fichten ringsum mit seinem
Messer anritzt und hinterher Holzhauersägen und -äxte die Waldstille
verjagen. Dann ist’s aus mit der Märchenherrlichkeit. Wald-Dornröschen
verliert sein Krönlein und flieht und kommt nicht eher zurück, bis
neuer Wald wachsen will. -- Aber noch steht ja der alte. Wenn über
Mittag ein Weilchen die Sonne über seine Wipfel lugt, küßt sie heimlich
den Waldteich. Sie guckt nur mit einem Auge ins Waldtal hinab, als ob
sie die grüne Dämmerung im Dornröschenstübchen nicht fortschrecken
wolle. Das Waldteichlein merkt das, fühlt auch den heimlichen Kuß
und lächelt. Wenn aber Schatten über dem Tal lagern und nur an den
Gipfelquirlen der Fichten noch Sonnengold flackert, wird das Lächeln
des Teiches zu Sehnsucht. Und nachts, wenn Sterne in ihm ihre Zeit
verträumen, wird sein Auge ein tiefgründiges Rätsel.
Es ist ein großes Schweigen um den Waldteich herum. Sein Leben
ist still wie Wasserspinnenspiel und wie das Leuchten der
Wasserhahnenfußblüten auf seinem Spiegel.
Er weiß nichts vom Lärm jenseits der Wälder. Hast und Unrast von da
draußen drangen nie hinab in den Einsiedlerfrieden seiner verlassenen
Schlucht. Er hört nur das Fichtenrauschen über ihm, das leise Sirren
im Schilf, das Wehen in Lattichblättern. Und in stillen Nächten, wenn
von den Bäumen rings klingende Tauperlen in den Teich tropfen und das
Reh heimlich zur Tränke wechselt, hält er verschwiegene Zwiesprache mit
dem Quellchen, das ihm unter Kresse und Baldrian seine Wasser zuführt.
Zeisig und Goldhähnchen singen ihm stille Morgenlieder, und abends,
wenn warmer Waldwind durch den Talgrund weht und die Drossel schlafen
ging, läuten die Unken mit silbernen Glocken.
Hast du einmal in stiller Waldnacht gelauscht, wenn geheimnisvoll aus
dem Dunkel die feinen, ein wenig stumpf gestimmten Silberglocken zu
läuten beginnen? Es vergeht dir der Atem vor Freude!
Klünk -- klunk -- klunk -- klünk -- unk -- klunk -- klünk --.
Ein Glöcklein beginnt, zaghaft, lockend. Eins antwortet, viele folgen,
und bald läutet es in zauberischem Chor.
Das ist das Ave des Waldteichleins, wo der Herrgott am liebsten Rast
hält. --
Warum denke ich oft an dich, du Teich im Waldesgrunde?
Wenn doch des Menschen Seele ein so friedlich Ding wäre wie du!
Voll Ruhe und voll Träumen, klar, rein, wunschlos. Und wenn jede in
Feierstunden ihr heimliches Silbergeläut hätte!
[Illustration]