Es muß einer schon Märchenaugen haben, wenn er ihr heimliches Krönlein
sehen will. Aber soviel sieht jeder doch, daß sie ein königliches
Kleid anhat: welcher Fisch im Bergbach auf und ab hat so schöne rote
und orangegelbe Punkte auf dem Schuppenleib! Und so himmelblaue Ringe!
-- Das Rotfederle schmückt sich zum Hochzeitszug wohl mit roten
Brustflossen und das Elritzel hat einen silbernen Bauch. Der Rotzkopf
mit dem dicken Kopf und dem breiten Maul hat außer den goldenen Augen
eigentlich nichts an Schönem, womit er prunken könnte, und der stille
Schlammbeißer im Mühlengraben auch nicht viel: an die Schönheit der
Bergbachkönigin reicht keines heran.
Als noch der Dottersack an ihr baumelte, war sie ein unbeholfenes
Forellenkind, das mucksstill in der Uferhöhle eines Murmelwässerleins
lag. Es war dunkel in dieser Kinderstube. Das bißchen Tageslicht, das
sich dort hinein verlor, mußte sich durch Fichtendämmerung und einen
Vorhang von herabhängenden welken Wurmfarnwedeln und Rispensträhnen
hindurchstehlen. Das Wurzelgewirr einer Fichte griff tief in die Höhle
hinab und krallte mit hundert Fingern Kiesel und Geröll fest. Das gab
schützenden Halt, wenn die Schneewasser kamen und das Dotterkindchen
mitnehmen wollten. Seine Mutter hatte die Kinderstube mit Klugheit und
Fürsorge ausgesucht.
Als das Nesthäkchen einen langen dunklen Winter lang so in der Höhle
gelegen hatte und Wurmfarn und Rispen wieder grün wurden, fiel sein
unbehilflicher Dottersack ab. Mit diesem Ereignis begann ihr Leben. Sie
war ein flinkes Forellenprinzeßlein geworden, das flugs auszog, sich
die Welt zu besehen. Es war lustig, sich zwischen Steinen und Geröll
zu tummeln. Oder im ruhigen Wasser zu stehen, sich von Sonnengeflimmer
überfluten zu lassen und nach winzigen Mücken zu schnappen! Und das
hatte sie schnell gelernt.
Aber sie brachte nicht nur den richtigen Forellenhunger aus der
Kinderstube mit. Sie kam bald hinter alle die kleinen Schliche und
Kniffe, die eine Forelle kennen muß. Sie merkte, daß unruhige Wasser
schlechte Sicht nach oben gewähren und den Flossen viel Arbeit machen.
Sie war schon eingeweiht darin, daß ein sich bewegendes Etwas am Bach
selten etwas Gutes bedeutete und man gut tat, sich zu verstecken.
Sie wußte, daß Steine wohl Schutz boten, die Uferhöhle aber besseren
gewährte. Sie konnte sich im Falle der Not auch schon richtig drücken,
an einen Stein klemmen oder in eine Felsspalte und mit gekrümmtem
Schwanz unbeweglich verharren, als ob sie ein zufälliges Stück vom
Bachboden oder ein Bröcklein Tannenast war. Aber auch das wußte sie
bald, daß der allerletzte Ausweg aus aller Bedrängnis immer der
lebendige Strudel war, in den kein Harzjunge, kein Eisvogel und keine
Wasseramsel hinabschauen konnte.
Sie hat sie alle kennengelernt und ihretwegen Reißaus genommen
hundertmal bachauf und bachab.
Ein paar Sommer lang ist das Prinzeßlein dem Quellwässerchen treu
geblieben. Dann wurde es größer. Der Hunger wuchs auch, und es zog
hinab zum rauschenden Wildbach. In einem schwarzen Wasserloch fand es
ein herrliches Jagdrevier. Das Wurzeldach einer Wetterfichte schattete
darüber. Und so tief war die Höhle darunter, daß auch der längste Arm
eines Wildfischers nicht hineinreichen konnte.
In dem Loch kam das Bergwasser zur Ruhe, hielt einen Augenblick inne,
um Atem zu schöpfen vor der rastlosen Weiterfahrt. Dort wuchs das
Prinzeßlein zur Königin heran. Sie verbarg sich unter dem Wurzeldach,
lauernd, ob nicht das Wasser eine zappelnde Fliege hertrüge, eine
Spinne, einen ringelnden Wurm, ein verunglücktes Waldkäferlein oder
gar einen vorwitzigen Frosch. Ratsch -- ratsch gings dann, das Wasser
schlug einen schnellen, gurgelnden Wirbel, und die Buntgefleckte stand
wieder am alten Platze, als sei nichts geschehen.
Im November, als im Bergwald der Brunftschrei des Rothirsches verhallt
war, kam ihr die Wanderlust ins Blut, und eine geheimnisvolle Macht
trieb sie talauf in junge Gewässer. Ein Wandergespan gesellte sich zu
ihr, der der gleichen Naturstimme folgte und bachauf zog. Es war ein
glatter Forellenkavalier. Er umschwärmte und umwarb sie. Da merkte die
Bergbachkönigin, daß sie verliebt war. Und sie verlebten heimliche
Liebesnächte unter Steinen und in Uferhöhlen. --
In einer schwarzen Nacht stand sie allein im ruhigen Wasser, verlassen
von ihrem Galan. Über dem Bergwald wälzten sich Schneewolken. Da irrte
ein Lichtschimmer am Bach herauf. Die Bergbachkönigin hielt neugierig
still. Sie sah nicht die finsteren Schleichgestalten hinter dem Licht,
ahnte nicht ihr Verhängnis.
Ein Stich fuhr ihr schneidend in den Rücken. Ihr Leib krümmte sich, mit
letzter Kraft schlug der Schwanz. Sie wollte fliehen. Aber zu fest saß
die Gabel des Wildfischers ...
Der hob die Zappelnde heraus. Ihr Krönlein fiel klingend ins Wasser.
Die Bergbachkönigin war Fischfleisch in roher Hand.
[Illustration]
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