Der Kirchenbrink

Der Sonntagmorgen hatte für mich seine eigene Feierlichkeit.

Ich durfte meine Stulpenstiefel anziehen. Es gab in der ganzen Welt

nichts so Schönes wie meine Stulpenstiefel! Und zum Kaffee kaufte

die Mutter Salzkuchen. Für Salzkuchen hätte ich meine Seligkeit

eingetauscht. In der Küche bruzzelte ein Braten. Der Duft zog

verlockend durch das ganze Haus, in dem es nie so stille zuging wie

an diesem Morgen. Aber das Schönste war doch, auf der Lehne des alten

Ledersofas zu hocken und zuzuschauen, wenn den Kirchenbrink hinauf die

Bergstadtleute zur Kirche pilgerten.

Der Kirchenbrink war mein Freund. Es machte Spaß, vier, fünf Stufen

auf einmal herunterzuspringen und am Geländer herabzurutschen. Blumen

nickten von rechts und links über die alten Steintritte. Durch die

Zaunlatten guckten Kälberkropf und Bärenklau. Man konnte prächtige

Spritzen daraus machen. Und die roten und weißen Taubnesseln, die am

Kirchenbrink blühten, hatten den süßesten Honig.

Des Alltags lag er still und verlassen da. Er konnte die Leute zählen,

die auf ihm von der Bergstraße herabkamen oder zu der Bergstraße

hinaufgingen. Am Sonntag aber ist er voll Leben gewesen.

Alte Mütterchen mit Hauben und Bändern trippeln behutsam die Stufen

hinan. Die eine Hand hält das Geländer fest. Die andere umschließt

sorglich das Gesangbuch, damit der Pfennig für den Klingebeutel nicht

herausfällt und Taschentuch und Brillenfutteral nicht davon abrutschen.

Invaliden im Abendmahlsrock steigen hinterdrein, die lahmen Füße

bedachtsam von Tritt zu Tritt setzend. Jungens und Mädels hüpfen

an ihnen vorbei. Bürgersleute tragen Zylinder, Feiertagsmiene und

Goldschnittgesangbuch mit gemessener Würde treppan, vereinigen sich

oben mit der Schar derjenigen, die die Straße am Berg herunterkommen

und verschwinden in der Kirchentür.

Stieg viel alte Gläubigkeit und Frommheit den Kirchenbrink hinauf, den

Tag des Herrn würdig zu weihen. Es stieg auch viel Gram und Kummer und

grüblerisches Gottsuchertum hinauf, in der Kirchenstille Trost und

Vergessen zu finden oder den Unbekannten zu ergründen, der die Tanne

grünen und Erz wachsen läßt. War viel altes Gold unter abgeschabten

Wämsern.

Wenn das Sonntagsgeläut des Glockenhauses in den Bergen verhallt war,

tat der Kirchenjunge die Tür zu. Feierlich scholl das Orgelvorspiel

durch die Morgenstille. Der Sonntagsfrieden des Bergstädtchens war

nie fühlbarer als in diesem Augenblick. Das Orgelspiel klang aus

der geschlossenen Kirche wie eine ferne Engelsmusik. Sie machte mir

Gotteshaus und Gottesdienst zu einem Mysterium, zu dem der Kirchenbrink

der geheimnisvolle Zugang war.

Als der Knirps es unternahm, das Geheimnis zu ergründen, schwirrten

seine Gedanken bedenklich abseits.

Von meinem allerersten Kirchgang ist mir nur die Erinnerung an drei

merkwürdige Dinge geblieben. Das eine war ein schwarzer Mann. Er

hatte ein weißes Bäffchen um und stand auf einem grünen und goldenen

Balkon. Von dort aus sprach er irgendetwas vom lieben Gott. Die andere

Merkwürdigkeit war ein Mensch mit einem Hauskäppel. Der ging zwischen

den Bänken umher und hielt den Leuten einen klingelnden Sammetbeutel

unter die Nase. Das größte Wunder jedoch war der Taufengel. Er schwebte

von der Decke hernieder und hielt in den Händen ein Taufbecken. Ich

aber verstand seine Sendung nicht. Verstohlen fragte ich meine Mutter,

was denn eine »Biermamsell« in der Kirche solle.

So hatte mir das Gotteshaus sein Rätsel nicht erklärt. Und als ich

hernach den Kirchenbrink hinabstieg, blieb hinter mir das gleiche

Geheimnis, das es vordem gewesen.

Harzheimat: Das Heimatbuch eines Malers · 第 11 / 33 题