Jürgen Traumelin wußte nicht, wie fest die Harzheimat in sein Herz
gewachsen war. Er wußte nicht, wie seine Seele am Fichtenwald hing,
an Bächen und Wiesen und an allen Bergdingen, an denen sich seine
Kinderzeit abspann. Es war stille, unbewußte Liebe. Ein Feuerlein,
das sich aus sich selbst erhielt und in der Brust glühte wie eine
Selbstverständlichkeit.
Jedem Bergkind gibt der Herrgott ein solches Feuerlein mit. Bei wenigen
verflackert’s. Die meisten tragen es mit sich herum und denken nicht
darüber nach, woher die Wärme kommt, die so wohlig das Herz umschlägt.
Und bei vielen wird’s zur verzehrenden Flamme, wenn man ihre Wurzel
herauszieht aus dem Boden, der ihre Heimat ist.
Das alles wußte Jürgen Traumelin nicht. Aber es sollte sein Schicksal
sein, daß er es zur Genüge erfuhr.
Eines Tages war der Traum der Jugend zu Ende. Man brachte
den Bergjungen in die Fremde. Jürgen Traumelin zog seinen
Konfirmationsanzug an, aus dem er längst herausgewachsen war, und sagte
der Heimat Ade. Es war kein herzhafter Gruß. Etwas Neues lockte. Und
doch wollte das Alte nicht loslassen. So begann die Reise mit Hangen
und Bangen. Ein wenig Neugier prickelte in der Brust. Aber in der Kehle
saß ein würgender Knoten.
Wenn die Postkutsche doch nicht so unbarmherzig schnell talwärts führe!
Als wenn sie es eilig hätte, nur fortzukommen von der Harzheimat. Geht
doch langsam, ihr Traber! Eines Bergjungen Seele ist nicht so flink
wie eure Beine. Sie weilt noch in den Bergen, woher das Wasser kommt,
das euren Weg begleitet, streift in Tann und Dickicht, derweilen ihr
bereits ins Flachland trappelt ...
Sie stiegen in den Zug. Die Maschine pfiff.
Warum guckst du nicht fröhlich drein, Jürgen Traumelin? Heute machst du
deine erste große Fahrt in die Fremde und deine Fahrt ins Leben dazu!
Er konnte nicht fröhlich sein. Hätte aber auch nicht sagen können,
welche zwiespältigen Geister in ihm stritten. Eine stumpfe Ergebung
kam über ihn. Nur still sein, nicht antworten brauchen und träumen, --
träumen.
Wenn doch nicht dieser Knoten im Halse säße und das trockene Schlucken
nicht wäre!
Der Zug rollte an den Harzheimatbergen vorüber. Sie wurden kleiner
und verloren sich im Blau der Ferne. In Traumelins Seele verloren
sie sich nicht. Buchenwälder huschten vorüber, Kornfeldbreiten,
Dörfer und Menschen. Dem Bergkind sagte die neue Welt nichts. Seine
Gedanken tasteten sich in Wiesentäler und Fichtengründe zurück. Kaum,
daß ihn ein fremder Vogel draußen, den er daheim nie sah, aus seinen
Bergträumen riß.
Dann waren sie in der fremden Stadt, in der Jürgen Traumelin
hochgelahrter Schüler werden sollte.
Puh, -- diese Stadt!
Haus an Haus, eng, steinern, frostig. Nirgends ein Gäßlein zum
Durchlugen, kein Garten an den Straßen und keine Lauben mit
Rotschwänzelnestern. Und in den Höfen keine Holzbansen. Keine
Stalltüren, aus denen braune Kühe traten. Und die Menschen gingen
aneinander vorbei. Es bot keiner dem andern guten Tag oder ein
freundliches Glückauf. Und grüßte kein Berg in die Straßen hinab. Ein
paar Hügel lagen rings. Aber sie waren fern und fremd und nicht mit
Stadt und Menschen verwachsen. Ihre Hänge waren zerrissen, geflickt,
parzelliert. Und nirgends bot sich ein Wiesenplan, an dem das Auge
hätte ausruhen können. Die Wiesen in dem breiten Flußtal, in das sich
die Stadt hingelagert hatte, waren lustlose Eintönigkeit. Wieviel
lichter und lustiger war das alles daheim! Und der große Fluß! Ach
ja, er war größer als alle Harzbächlein zusammen. Aber sein Wasser
kroch grau und träge dahin. Es konnte nicht rauschen und brausen und
platschen und plantschen, kein Berglied jauchzen und fröhliche Hopser
machen. Und man sah keine Forellen darin und keine Sonnenkräusel über
blanke Steine rieseln. Wie langweilig der graue Fluß war!
Und wie Traumelin über die Eisenbrücke schritt und hinabsah in die
trübe Flut, schien ihm das Wasser wie ein Spiegel der Zukunft. Die
fremde Stadt war ihm Enttäuschung geworden. Ein Schauder kroch ihm aus
ihr entgegen. Und das Gefühl des Naturkindes sagte ihm, daß sie ihm
immer fremd bleiben würde. Wo keine klaren Wasser fließen, findet ein
Bergjunge keine Heimstatt.
Würgt nicht schon wieder der Knoten im Halse, Jürgen Traumelin?
Ein langer Seufzer ging ihm aus der Brust. Und seine Gedanken
flogen heimwärts, ein Heilkräutlein zu pflücken gegen die grausame
Ernüchterung. Die Erinnerung begann goldene Bogen zu bauen.
Dann war der Bergjunge allein unter fremden Menschen. Zum ersten Male
in seinem Leben. Er teilte seine Behausung mit ein paar Altersgenossen,
die das gleiche Ziel in die Stadt führte.
Wo seid ihr her? Und sie nannten ihre Dörfer.
Ach, ihr Flachlandkinder! Ihr habt alle keine Harzheimat mit Bergen und
Fichtenwäldern und Bächen und Blumenwiesen!
Habt ihr schon Hirsche gesehen? Oder schon Forellen gefangen? Wißt ihr,
wie Zeisige singen, oder könnt ihr pfeifen wie der Dompfaff?
Sie lachten über ihn. Und als er zu Bett ging, wußte er, daß ihm diese
Menschen, die das Schicksal ihm zu Weggenossen bestimmte, fremd bleiben
würden wie die fremde Stadt.
Wie frisch die Bettwäsche roch, die ihm die Mutter sorglich mitgab!
Genau wie daheim, wenn die Betten neu überzogen waren. Wie daheim ...
Hupp, machten seine Gedanken. Und fort waren sie ins Harzheimatland.
Was mögen sie um diese Stunde zu Hause tun? In der Stube ist ein
wohliges Ausruhen vom Tagwerk. Gewiß sitzen sie um den Tisch und denken
an den, der heute in die Fremde zog. Am warmen Ofen räkelt sich der
Wolf und knurrt im Traum ... Das Katzengretel schnurrt im Stiefelkasten
... Im Kuhstall draußen ruft das braune Herschel. Im Pferdestall wird
der Futterkasten zugeklappt. Tränkeimer klirren. Vater füttert die
Pferde ab ... Gestern hast du es noch getan, Jürgen Traumelin! ...
Ob der Bläß nicht wartet, daß du ihm einen Leckerbissen reichst? Und
der Rappe es nicht vermißt, daß du ihm den Hals streichelst und in
Schopf und Mähne kraust? -- Nun löscht Vater die Laterne aus. Der
Stalltürriegel knarrt ... Müde Schritte im Hof ...
Ein Heimattraum gab Jürgen das Geleit durch die erste Nacht in der
Fremde. Er wachte früh auf.
Singt denn keine Schwalbe auf dem Fensterflügel?
Und plätschert im Hof kein Brunnen?
Ach nein. Es ist alles still. Und es grüßt kein Wiesenhang ins
Kammerfenster hinein. Kein Ahorn sagt guten Morgen und kein Eschenbaum
und keine Bergstraße.
Der neue Tag ging mit neuen Enttäuschungen auf.
In grauer Trübseligkeit machte sich Jürgen auf den Schulweg. Er
pilgerte ihn wie einer, der den Galgen ragen sieht.
Wirf ab alles, was dich an die Heimat kettet, Wildling vom Berg!
Und deine Jugend wirf hinter dich! Auf den Kathedern sitzen sie und
warten und wetzen das Messer. Sie werden dich hacken und hobeln und
werden dich schaben, dich stutzen und säuberlich solange an dir
herumschneiden, bis dein rotes Blut saftlos sein wird.
Dann hockte er in der Schule. Diese Schule, -- puh! Den Bergjungen
schüttelte es. Als er heimkehrte, war sein Leben um ein paar
Moralpredigten reicher geworden und das Säcklein seiner Enttäuschungen
zum Überquellen voll. In der Schule lachten sie über seine Sprache.
Harzer Roller! hänselten sie und feixten, wenn auf seiner Zunge harte
Laute weich und weiche hart wurden und das ü zum i oder das ö zum e.
Seine Lehrer mäkelten an ihm herum. Es ging ihnen nicht schnell genug,
daß er die Sprache der Harzheimat abtat und ihr aalglattes Hochdeutsch
redete. Als wenn sich alle gegen ihn verschworen hätten. Es war nichts,
das ihm die Fremde hätte lieb machen können.
Wie der weite Flachlandhimmel drückt!
Kommt doch heran, ihr Berge, und stützt ihn, daß er nicht einfalle! Und
recken sich nirgends ein paar Fichten in die Wolken?
Ach nein, Jürgen Traumelin. Der Wald hier ist nicht dein Heimatwald.
Es ist kein dunkelgrünes Hangauf und Hangab und kein fröhliches
Weiterwellen Berg an Berg. Jedes Berglein hier ist abgemessen, steigt
an, fällt ab und hört auf. Und an jedem Wald kannst du die Grenzpfähle
stecken sehen. Es gibt kein Träumen in meilenlangem Fichtenduster.
Der Buchenwald ist kahl und nicht für Traumelins geschaffen. Kein
traulicher Waldwinkel lädt dich zu Gast. Und findest kein verschlafenes
Flecklein Weltferne, kein Erlenbruch, in dem die Spechte hacken, keinen
Rauschebach und keinen Bergquell.
Er wollte ein Stück Heimat suchen und suchte vergebens. Eine Scholle
Erde nur, auf der er sich heimisch fühlen, die er liebkosen könnte und
mit den Händen streicheln und der er hätte sagen können: Du bist wie
meine Heimat! Du bist geheiligtes Land.
Es ward ihm keines beschert.
Heimatlos und doch unendlich heimathungrig irrte seine Seele durch
Wolken und Weiten, ihre Ruhestatt zu finden daheim. Träume wurden
Zauberinnen. Im Sonnengold der Erinnerung wandelte sich die ferne
Harzheimat zum Zaubergarten, über dem strahlend der Maientag der Berge
leuchtete. Und Wiese und Wald darin waren voll Sirenengesang. Jedes
Fichtenrauschen ward ein Locken: Kehr wieder, Bergbube!
Komm doch! zwitscherten die Vögel. Und die Bergblumen nickten: Kehr um!
Wir warten auf dich! plätscherten die Bäche. O, fühlst du nicht, wie
wir auf dich warten!
Tausend Bilder stürmten in des Heimwehkranken Seele, süß, betörend,
verführerisch. Und blieb doch keine Frohheit in ihr zurück. Furchtbare
Dämonen krallten sich in sie hinein, zogen, zerrten, rissen.
Blutsauger waren sie und verführerische Gaukler. Sie spielten mit dem
Bergjungenherzen ein grausames Spiel, wirbelten das verzagte Ding in
goldene Himmel und ließen es abstürzen in Höllenschlünde.
In einsamen Stunden flüchtete der Knabe auf seine Kammer. Ach, einmal
nur hinschauen in die Richtung, wo die Heimat liegt. Drüben muß
es sein. Wenn doch nur ein einziges blaues Berglein hersähe! Aber
eine schwarze Wolke lag vor dem Paradies. Und so war es Traumelins
Schicksal, den bitteren Kelch Heimweh auszutrinken bis auf die Neige.
Sein Leben war Qual. Jeder Heimatgedanke riß eine Wunde durch sein Herz.
An einem grauen Tag saß Jürgen Traumelin auf seinem Bettrand wie so
oft. Seine Augen verloren sich in der Ferne. Heimliche Glocken läuteten
irgendwo. Die Stimmen der Heimat lockten und sangen. Sie hatten ihre
bestrickendsten Saiten aufgespannt. Da geschah das Wunder, daß dies
Singen ihm nicht zum Schmerz wurde, sondern daß es heimlich in ihm
mitzusingen begann. Die schwarze Wolke auf seinem Gemüt war ein wenig
zur Seite gerutscht. Irgendwo lachte ein Sonnenstrählchen. Es war, als
ob nach langer Zeit ein Glück leise ans Herz zu tippen wagte. Und als
Traumelin die Treppe hinabstieg, flüsterte es über seine Lippen: Ich
komme! Und es begab sich, daß zu dieser Stunde das Knäuel im Halse
hinabzugleiten begann.
Unten zählte er seine Heller. Es war das Geld, für das er sich eine
bunte Mütze hatte kaufen sollen. Es reichte just. Dann schrieb er ein
Zettelchen. Ein paar heimwehkranke Worte standen drauf. Die andern
sollten wissen, was ihn forttrieb.
Auf heimlichen Wegen erreichte er den Bahnhof. Gott sei Dank, es hatte
ihn keiner gesehen. Und kam keiner, ihn zurückzuhalten.
Als er im Zuge saß, der ihn der Heimat nähertragen sollte, war zum
ersten Male ein richtiges Aufatmen in ihm. Die Kette um seine Seele
sprang. Der Kampf schwieg. Es kam eine Müdigkeit über ihn, die ihm
Erlösung ward.
Jürgen Traumelin auf Heimatpilgerfahrt!
Zwei Tage und eine Nacht hat er gehungert und gefroren. Herbstnebel
umwehten ihn. Zwischen Fichten und Felsen pfiff der Wind. Er grüßte
sie als freundliche Boten der Heimat. Mit leichtbeschwingter Seele
schritt er aus. An einem Bergbach kniete er nieder und trank. Einmal
wieder Bergwasser schlürfen zu können, war einer seiner heimlichsten
und heißesten Wünsche gewesen. Nun war er in Erfüllung gegangen. Seid
umarmt, Berge und Wälder, Harzheimat!
Als Jürgen Traumelin am zweiten Abend unter sich im Tal die Lichter der
Bergstadt sah, stieg er beglückt hinab.
Im Glockenhaus läutete es sieben. Es war der Willkommengruß, den die
Harzheimat dem heimkehrenden Fremdepilger bot.
[Illustration]