Ich werde in meiner Meinung, daß die Meister des Laokoons unter den
ersten Kaisern gearbeitet haben, wenigstens so alt gewiß nicht sein
können, als sie Herr Winckelmann ausgibt, durch eine kleine Nachricht
bestärket, die er selbst zuerst bekannt macht. Sie ist diese 1):
{1. Geschichte der Kunst, T. II. S. 347.}
"Zu Nettuno, ehemals Antium, hat der Herr Kardinal Alexander Albani,
im Jahre 1717, in einem großen Gewölbe, welches im Meere versunken
lag, eine Vase entdecket, welche von schwarz greulichem Marmor ist,
den man itzo Bigio nennet, in welche die Figur eingefüget war; auf
derselben befindet sich folgende Inschrift:
AQANODWROS AGHSANDROU
RODIOS EPOIHSE
"Athanodorus, des Agesanders Sohn, aus Rhodus, hat es gemacht." Wir
lernen aus dieser Inschrift, daß Vater und Sohn am Laokoon gearbeitet
haben, und vermutlich war auch Apollodorus (Polydorus) des Agesanders
Sohn; denn dieser Athanodorus kann kein anderer gewesen sein, als der,
welchen Plinius nennet. Es beweiset ferner diese Inschrift, daß
sich mehr Werke der Kunst, als nur allein drei, wie Plinius will,
gefunden haben, auf welche die KÜnstler das Wort,gemacht in
vollendeter und bestimmter Zeit gesetzet, nÄmlich epoihse, fecit: er
berichtet, daß die übrigen Künstler aus Bescheidenheit sich in
unbestimmter Zeit ausgedrücket, epoiei, faciebat."
Darin wird Herr Winckelmann wenig Widerspruch finden, daß der
Athanodorus in dieser Inschrift kein anderer, als der Athenodorus
sein kÖnne, dessen Plinius unter den Meistern des Laokoons gedenket.
Athenodorus und Athanodorus ist auch völlig ein Name; denn die
Rhodier bedienten sich des dorischen Dialekts. Allein über das, was
er sonst daraus folgern will, muß ich einige Anmerkungen machen.
Das erste, daß Athenodorus ein Sohn des Agesanders gewesen sei, mag
hingehen. Es ist sehr wahrscheinlich, nur nicht unwidersprechlich.
Denn es ist bekannt, daß es alte Künstler gegeben, die, anstatt sich
nach ihrem Vater zu nennen, sich lieber nach ihrem Lehrmeister nennen
wollen. Was Plinius von den Gebrüdern Apollonius und Tauriskus saget,
leidet nicht wohl eine andere Auslegung 2).
{2. Libr. XXXVI. sect. 4. p. 730.}
Aber wie? Diese Inschrift soll zugleich das Vorgeben des Plinius
widerlegen, daß sich nicht mehr als drei Kunstwerke gefunden, zu
welchen sich ihre Meister in der vollendeten Zeit (anstatt des epoiei,
durch epoihse) bekannt hätten? Diese Inschrift? Warum sollen wir
erst aus dieser Inschrift lernen, was wir längst aus vielen andern
hätten lernen können? Hat man nicht schon auf der Statue des
Germanicus KleomenhV--epoihse gefunden? Auf der sogenannten
Vergötterung des Homers ArcelaoV epoihse? Auf der bekannten Vase zu
Gaeta Salpiwn epoihse 3)? usw.
{3. Man sehe das Verzeichnis der Aufschriften alter Kunstwerke beim
Mar. Gudius (ad Phaedri fab. V. lib. I.) und ziehe zugleich die
Berichtigung desselben vom Gronov (Praef. ad tom. IX. Thesauri
antiqu. Graec.) zu Rate.}
Herr Winckelmann kann sagen: "Wer weiß dieses besser als ich? Aber",
wird er hinzusetzen, "desto schlimmer für den Plinius. Seinem
Vorgeben ist also um so öfterer widersprochen; es ist um so gewisser
widerlegt."
Noch nicht. Denn wie, wenn Herr Winckelmann den Plinius mehr sagen
ließe, als er wirklich sagen wollen? Wenn also die angeführten
Beispiele nicht das Vorgeben des Plinius, sondern bloß das Mehrere,
welches Herr Winckelmann in dieses Vorgeben hineingetragen,
widerlegten? Und so ist es wirklich. Ich muß die ganze Stelle
anführen. Plinius will in seiner Zueignungsschrift an den Titus, von
seinem Werke mit der Bescheidenheit eines Mannes sprechen, der es
selbst am besten weiß, wie viel demselben zur Vollkommenheit noch
fehle. Er findet ein merkwürdiges Exempel einer solchen
Bescheidenheit bei den Griechen, über deren prahlende,
vielversprechende Büchertitel (inscriptiones, propter quas vadimonium
deseri possit) er sich vorher ein wenig aufgehalten, und sagt 4): Et
ne in totum videar Graecos insectari, ex illis mox velim intelligi
pingendi fingendique conditoribus, quos in libellis his invenies,
absoluta opera, et illa quoque quae mirando non satiamur, pendenti
titulo inscripsisse: ut APELLES FACIEBAT, aut POLYCLETUS: tanquam
inchoata semper arte et imperfecta: ut contra judiciorum varietates
superesset artifici regressus ad veniam, velut emendaturo quidquid
desideraretur, si non esset interceptus. Quare plenum verecundiae
illud est, quod omnia opera tamquam novissima inscripsere, et tamquam
singulis fato adempti. Tria non amplius, ut opinor, absolute
traduntur inscripta ILLE FECIT, quae suis locis reddam: quo apparuit,
summam artis securitatem auctori placuisse, et ob id magna invidia
fuere omnia ea. Ich bitte auf die Worte des Plinius, pingendi
fingendique conditoribus, aufmerksam zu sein. Plinius sagt nicht,
daß die Gewohnheit, in der unvollendeten Zeit sich zu seinem Werke zu
bekennen, allgemein gewesen; daß sie von allen Künstlern, zu allen
Zeiten beobachtet worden: er sagt ausdrücklich, daß nur die ersten
alten Meister, jene Schöpfer der bildenden Künste, pingendi
fingendique conditores, ein Apelles, ein Polyklet, und ihre
Zeitverwandte, diese kluge Bescheidenheit gehabt hätten; und da er
diese nur allein nennet, so gibt er stillschweigend, aber deutlich
genug, zu verstehen, daß ihre Nachfolger, besonders in den spätern
Zeiten, mehr Zuversicht auf sich selber geäußert.
{4. Libr. I. p. 5. Edit. Hard.}
Dieses aber angenommen, wie man es annehmen muß, so kann die
entdeckte Aufschrift von dem einen der drei Künstler des Laokoons
ihre völlige Richtigkeit haben, und es kann demohngeachtet wahr sein,
daß, wie Plinius sagt, nur etwa drei Werke vorhanden gewesen, in
deren Aufschriften sich ihre Urheber der vollendeten Zeit bedienet;
nämlich unter den ältern Werken, aus den Zeiten des Apelles, des
Polyklets, des Nicias, des Lysippus. Aber das kann sodann seine
Richtigkeit nicht haben, daß Athenodorus und seine Gehilfen,
Zeitverwandte des Apelles und Lysippus gewesen sind, zu welchen sie
Herr Winckelmann machen will. Man muß vielmehr so schließen: Wenn es
wahr ist, daß unter den Werken der ältern Künstler, eines Apelles,
eines Polyklets und der übrigen aus dieser Klasse, nur etwa drei
gewesen sind, in deren Aufschriften die vollendete Zeit von ihnen
gebraucht worden; wenn es wahr ist, daß Plinius diese drei Werke
selbst namhaft gemacht hat 5): so kann Athenodorus, von dem keines
dieser drei Werke ist, und der sich demohngeachtet auf seinen Werken
der vollendeten Zeit bedienet, zu jenen alten Künstlern nicht gehören;
er kann kein Zeitverwandter des Apelles, des Lysippus sein, sondern
er muß in spätere Zeiten gesetzt werden.
{5. Er verspricht wenigstens ausdrücklich, es zu tun: quae suis locis
reddam. Wenn er es aber nicht gänzlich vergessen, so hat er es doch
sehr im Vorbeigehen und gar nicht auf eine Art getan, als man nach
einem solchen Versprechen erwartet. Wenn er z. E. schreibet (Lib.
XXXV. sect. 39.): Lysippus quoque Aeginae picturae suae inscripsit,
enekausen: quod profecto non fecisset, nisi encaustica inventa: so
ist es offenbar, daß er dieses enekausen zum Beweise einer ganz
andern Sache braucht. Hat er aber, wie Harduin glaubt, auch zugleich
das eine von den Werken dadurch angeben wollen, deren Aufschrift in
dem Aoristo abgefaßt gewesen: so hätte es sich wohl der Mühe
verlohnet, ein Wort davon mit einfließen zu lassen. Die andern zwei
Werke dieser Art, findet Harduin in folgender Stelle: Idem (Divus
Augustus) in curia quoque, quam in comitio consecrabat, duas tabulas
impressit parieti: Nemeam sedentem supra leonem, palmigeram ipsam,
adstante cum baculo sene, cujus supra caput tabula bigae dependet.
Nicias scripsit se inussisse: tali enim usus est verbo. Alterius
tabulae admiratio est, puberem filium seni patri similem esse, salva
aetatis differentia, supervolante aquila draconem complexa.
Philochares hoc suum opus esse testatus est. (lib. XXXV. sect. 10.)
Hier werden zwei verschiedene Gemälde beschrieben, welche Augustus in
dem neuerbauten Rathause aufstellen lassen. Das zweite ist vom
Philochares, das erste vom Nicias. Was von jenem gesagt wird, ist
klar und deutlich. Aber bei diesem finden sich Schwierigkeiten. Es
stellte die Nemea vor, auf einem Löwen sitzend, einen Palmenzweig in
der Hand, neben ihr ein alter Mann mit einem Stabe; cujus supra caput
tabula bigae dependet. Was heißt das? Über dessen Haupte eine
Tafel hing, worauf ein zweispänniger Wagen gemalt war? Das ist noch
der einzige Sinn, den man diesen Worten geben kann. Also war auf das
Hauptgemälde noch ein anderes kleineres Gemälde gehangen? Und beide
waren von dem Nicias? So muß es Harduin genommen haben. Denn wo
wären hier sonst zwei Gemälde des Nicias, da das andere ausdrücklich
dem Philochares zugeschrieben wird? Inscripsit Nicias igitur geminae
huic tabulae suum nomen in hunc modum: O NIKIAS ENEKAUSEN; atque adeo
e tribus operibus, quae absolute fuisse inscripta, ILLE FECIT,
indicavit praefatio ad Titum, duo haec sunt Niciae. Ich möchte den
Harduin fragen: wenn Nicias nicht den Aoristum, sondern wirklich das
Imperfektum gebraucht hätte, Plinius hätte aber bloß bemerken wollen,
daß der Meister, anstatt des grajein, egkaiein gebraucht hätte; würde
er in seiner Sprache auch nicht noch alsdenn haben sagen müssen,
Nicias scripsit se inussisse? Doch ich will hierauf nicht bestehen;
es mag wirklich des Plinius Wille gewesen sein, eines von den Werken,
wovon die Rede ist, dadurch anzudeuten. Wer aber wird sich das
doppelte Gemälde einreden lassen, deren eines über dem andern
gehangen? Ich mir nimmermehr. Die Worte cujus supra caput tabula
bigae dependet, können also nicht anders als verfälscht sein. Tabula
bigae, ein Gemälde, worauf ein zweispänniger Wagen gemalet, klingt
nicht sehr Plinianisch, wenn auch Plinius schon sonst den Singularem
von bigae braucht. Und was für ein zweispänniger Wagen? Etwan,
dergleichen zu den Wettrennen in den Nemeäischen Spielen gebraucht
wurden; so daß dieses kleinere Gemälde in Ansehung dessen, was es
vorstellte, zu dem Hauptgemälde gehört hätte? Das kann nicht sein;
denn in den Nemeäischen Spielen waren nicht zweispännige, sondern
vierspännige Wagen gewöhnlich. (Schmidius in prol. ad Nemeonicas, p.
2.) Einsmals kam ich auf die Gedanken, daß Plinius anstatt des bigae
vielleicht ein griechisches Wort geschrieben, welches die Abschreiber
nicht verstanden, ich meine ptucion. Wir wissen nämlich aus einer
Stelle des Antigonus Karystius, beim Zenobius (conf. Gronovius T. IX.
Antiquit. Graec. Praef. p. 8), daß die alten Künstler nicht immer
ihre Namen auf ihre Werke selbst, sondern auch wohl auf besondere
Täfelchen gesetzet, welche dem Gemälde, oder der Statue angehangen
wurden. Und ein solches Täfelchen hieß ptucion. Dieses griechische
Wort fand sich vielleicht in einer Handschrift durch die Glosse,
tabula, tabella erkläret; und das tabula kam endlich mit in den Text.
Aus ptucion ward bigae; und so entstand das tabula bigae. Nichts
kann zu dem Folgenden besser passen, als dieses ptucion; denn das
Folgende eben ist es, was darauf stand. Die ganze Stelle wäre also
so zu lesen: cujus supra caput ptucion dependet, quo Nicias scripsit
se inussisse. Doch diese Korrektur, ich bekenne es, ist ein wenig
kühn. Muß man denn auch alles verbessern können, was man verfälscht
zu sein beweisen kann? Ich begnüge mich, das letztere hier geleistet
zu haben, und überlasse das erstere einer geschicktern Hand. Doch
nunmehr wiederum zur Sache zurückzukommen; wenn Plinius also nur von
einem Gemälde des Nicias redet, dessen Aufschrift im Aoristo abgefaßt
gewesen, und das zweite Gemälde dieser Art das obige des Lysippus ist:
welches ist denn nun das dritte? Das weiß ich nicht. Wenn ich es
bei einem andern alten Schriftsteller finden dürfte, als bei dem
Plinius, so würde ich nicht sehr verlegen sein. Aber es soll bei dem
Plinius gefunden werden; und noch einmal: bei diesem weiß ich es
nicht zu finden.}
Kurz; ich glaube, es ließe sich als ein sehr zuverlässiges Kriterium
angeben, daß alle Künstler, die das epoihse gebraucht, lange nach den
Zeiten Alexanders des Großen, kurz vor oder unter den Kaisern,
geblühet haben. Von dem Kleomenes ist es unstreitig; von dem
Archelaus ist es höchst wahrscheinlich; und von dem Salpion kann
wenigstens das Gegenteil auf keine Weise erwiesen werden. Und so von
den übrigen; den Athenodorus nicht ausgeschlossen.
Herr Winckelmann selbst mag hierüber Richter sein! Doch protestiere
ich gleich im voraus wider den umgekehrten Satz. Wenn alle Künstler,
welche epoihse gebraucht, unter die späten gehören: so gehören darum
nicht alle, die sich des epoiei bedienet, unter die ältern. Auch
unter den spätern Künstlern können einige diese einem großen Manne so
wohl anstehende Bescheidenheit wirklich besessen, und andere sie zu
besitzen sich gestellet haben.