Des Herrn Winckelmanns "Geschichte der Kunst des Altertums" ist
erschienen. Ich wage keinen Schritt weiter, ohne dieses Werk gelesen
zu haben. Bloß aus allgemeinen Begriffen über die Kunst vernünfteln,
kann zu Grillen verführen, die man über lang oder kurz, zu seiner
Beschämung, in den Werken der Kunst widerlegt findet. Auch die Alten
kannten die Bande, welche die Malerei und Poesie miteinander
verknüpfen, und sie werden sie nicht enger zugezogen haben, als es
beiden zuträglich ist. Was ihre Künstler getan, wird mich lehren,
was die Künstler überhaupt tun sollen; und wo so ein Mann die Fackel
der Geschichte vorträgt, kann die Spekulation kühnlich nachtreten.
Man pfleget in einem wichtigen Werke zu blättern, ehe man es
ernstlich zu lesen anfängt. Meine Neugierde war, vor allen Dingen
des Verfassers Meinung von dem Laokoon zu wissen; nicht zwar von der
Kunst des Werkes, über welche er sich schon anderwärts erkläret hat,
als nur von dem Alter desselben. Wem tritt er darüber bei? Denen,
welchen Virgil die Gruppe vor Augen gehabt zu haben scheinet? Oder
denen, welche die Künstler dem Dichter nacharbeiten lassen?
Es ist sehr nach meinem Geschmacke, daß er von einer gegenseitigem
Nachahmung gänzlich schweiget. Wo ist die absolute Notwendigkeit
derselben? Es ist gar nicht unmöglich, daß die Ähnlichkeiten, die
ich oben zwischen dem poetischen Gemälde und dem Kunstwerke in
Erwägung gezogen habe, zufällige und nicht vorsätzliche Ähnlichkeiten
sind; und daß das eine so wenig das Vorbild des andern gewesen, daß
sie auch nicht einmal beide einerlei Vorbild gehabt zu haben brauchen.
Hätte indes auch ihn ein Schein dieser Nachahmung geblendet, so
würde er sich für die erstern haben erklären müssen. Denn er nimmt
an, daß der Laokoon aus den Zeiten sei, da sich die Kunst unter den
Griechen auf dem höchsten Gipfel ihrer Vollkommenheit befunden habe,
aus den Zeiten Alexanders des Großen.
"Das gütige Schicksal", sagt er 1), "welches auch über die Künste bei
ihrer Vertilgung noch gewachet, hat aller Welt zum Wunder ein Werk
aus dieser Zeit der Kunst erhalten, zum Beweise von der Wahrheit der
Geschichte von der Herrlichkeit so vieler vernichteten Meisterstücke.
Laokoon, nebst seinen beiden Söhnen, vom Agesander, Apollodorus 2)
und Athenodorus aus Rhodus gearbeitet, ist nach aller
Wahrscheinlichkeit aus dieser Zeit, ob man gleich dieselbe nicht
bestimmen, und wie einige getan haben, die Olympias, in welcher diese
Künstler geblühet haben, angeben kann."
{1. Geschichte der Kunst, S. 347.}
{2. Nicht Apollodorus, sondern Polydorus. Plinius ist der einzige,
der diese Künstler nennet, und ich wüßte nicht, daß die Handschriften
in diesem Namen voneinander abgingen. Harduin würde es gewiß sonst
angemerkt haben. Auch die ältern Ausgaben lesen alle Polydorus.
Herr Winckelmann muß sich in dieser Kleinigkeit bloß verschrieben
haben.}
In einer Anmerkung setzet er hinzu: "Plinius meldet kein Wort von der
Zeit, in welcher Agesander und die Gehilfen an seinem Werke gelebet
haben; Maffei aber, in der Erklärung alter Statuen, hat wissen wollen,
daß diese Künstler in der achtundachtzigsten Olympias geblühet haben,
und auf dessen Wort haben andere, als Richardson, nachgeschrieben.
Jener hat, wie ich glaube, einen Athenodorus unter des Polykletus
Schülern für einen von unsern Künstlern genommen, und da Polykletus
in der siebenundachtzigsten Olympias geblühet, so hat man seinen
vermeinten Schüler eine Olympias später gesetzet: andere Gründe kann
Maffei nicht haben."
Er konnte ganz gewiß keine andere haben. Aber warum läßt es Herr
Winckelmann dabei bewenden, diesen vermeinten Grund des Maffei bloß
anzuführen? Widerlegt er sich von sich selbst? Nicht so ganz. Denn
wenn er auch schon von keinen andern Gründen unterstützt ist, so
macht er doch schon für sich selbst eine kleine Wahrscheinlichkeit,
wo man nicht sonst zeigen kann, daß Athenodorus, des Polyklets
Schüler, und Athenodorus, der Gehilfe des Agesander und Polydorus,
unmöglich eine und ebendieselbe Person können gewesen sein. Zum
Glücke läßt sich dieses zeigen, und zwar aus ihrem verschiedenen
Vaterlande. Der erste Athenodorus war, nach dem ausdrücklichen
Zeugnisse des Pausanias 3), aus Klitor in Arkadien; der andere
hingegen, nach dem Zeugnisse des Plinius, aus Rhodus gebürtig.
{3. AJhnoJvroV de kai DamiaV--outoi de ArkadeV eisin ek KleitoroV.
Phoc. cap. 9. p. 819. Edit. Kuh.}
Herr Winckelmann kann keine Absicht dabei gehabt haben, daß er das
Vorgeben des Maffei, durch Beifügung dieses Umstandes, nicht
unwidersprechlich widerlegen wollen. Vielmehr müssen ihm die Gründe,
die er aus der Kunst des Werks, nach seiner unstreitigen Kenntnis,
ziehet, von solcher Wichtigkeit geschienen haben, daß er sich
unbekümmert gelassen, ob die Meinung des Maffei noch einige
Wahrscheinlichkeit behalte oder nicht. Er erkennet, ohne Zweifel, in
dem Laokoon zu viele von den argutiis 4), die dem Lysippus so eigen
waren, mit welchen dieser Meister die Kunst zuerst bereicherte, als
daß er ihn für ein Werk vor desselben Zeit halten sollte.
{4. Plinius lib. XXXIV. sect. 19. p. 653. Edit. Hard.}
Allein, wenn es erwiesen ist, daß der Laokoon nicht älter sein kann,
als Lysippus, ist dadurch auch zugleich erwiesen, daß er ungefähr aus
seiner Zeit sein müsse? daß er unmöglich ein weit späteres Werk sein
könne? Damit ich die Zeiten, in welchen die Kunst in Griechenland,
bis zum Anfange der römischen Monarchie, ihr Haupt bald wiederum
emporhob, bald wiederum sinken ließ, übergehe: warum hätte nicht
Laokoon die glückliche Frucht des Wetteifers sein können, welchen die
verschwenderische Pracht der ersten Kaiser unter den Künstlern
entzünden mußte? Warum könnten nicht Agesander und seine Gehilfen
die Zeitverwandten eines Strongylion, eines Arcesilaus, eines
Pasiteles, eines Posidonius, eines Diogenes sein? Wurden nicht die
Werke auch dieser Meister zum Teil dem Besten, was die Kunst jemals
hervorgebracht hatte, gleich geschätzet? Und wann noch ungezweifelte
Stücke von selbigen vorhanden wären, das Alter ihrer Urheber aber
wäre unbekannt, und ließe sich aus nichts schließen, als aus ihrer
Kunst, welche göttliche Eingebung müßte den Kenner verwahren, daß er
sie nicht ebensowohl in jene Zeiten setzen zu müssen glaubte, die
Herr Winckelmann allein des Laokoons würdig zu sein achtet?
Es ist wahr, Plinius bemerkt die Zeit, in welcher die Künstler des
Laokoons gelebt haben, ausdrücklich nicht. Doch wenn ich aus dem
Zusammenhange der ganzen Stelle schließen sollte, ob er sie mehr
unter die alten oder unter die neuern Artisten gerechnet wissen
wollen: so bekenne ich, daß ich für das letztere eine größere
Wahrscheinlichkeit darin zu bemerken glaube. Man urteile.
Nachdem Plinius von den ältesten und größten Meistern in der
Bildhauerkunst, dem Phidias, dem Praxiteles, dem Skopas, etwas
ausführlicher gesprochen, und hierauf die übrigen, besonders solche,
von deren Werken in Rom etwas vorhanden war, ohne alle chronologische
Ordnung namhaft gemacht: so fährt er folgendergestalt fort 5): Nec
multo plurium fama est, quorundam claritati in operibus eximiis
obstante numero artificum, quoniam nec unus occupat gloriam, nec
plures pariter nuncupari possunt, sicut in Laocoonte, qui est in Titi
Imperatoris domo, opus omnibus et picturae et statuariae artis
praeponendum. Ex uno lapide eum et liberos draconumque mirabiles
nexus de consilii sententia fecere summi artifices, Agesander et
Polydorus et Athenodorus Rhodii. Similiter Palatinas domus Caesarum
replevere probatissimis signis Craterus cum Pythodoro, Polydectes cum
Hermolao, Pythodorus alius cum Artemone, et singularis Aphrodisius
Trallianus. Agrippae Pantheum decoravit Diogenes Atheniensis, et
Caryatides in columnis templi ejus probantur inter pauca operum:
sicut in fastigio posita signa, sed propter altitudinem loci minus
celebrata.
{5. Libr. XXXVI. sect. 4. p. 730.}
Von allen den Künstlern, welche in dieser Stelle genennet werden, ist
Diogenes von Athen derjenige, dessen Zeitalter am
unwidersprechlichsten bestimmt ist. Er hat das Pantheum des Agrippa
ausgezieret; er hat also unter dem Augustus gelebt. Doch man erwäge
die Worte des Plinius etwas genauer, und ich denke, man wird auch das
Zeitalter des Kraterus und Pythodorus, des Polydektes und Hermolaus,
des zweiten Pythodorus und Artemons, sowie des Aphrodisius Trallianus,
ebenso unwidersprechlich bestimmt finden. Er sagt von ihnen:
Palatinas domus Caesarum replevere probatissimis signis. Ich frage:
kann dieses wohl nur so viel heißen, daß von ihren vortrefflichen
Werken die Paläste der Kaiser angefüllet gewesen? In dem Verstande
nämlich, daß die Kaiser sie überall zusammensuchen und nach Rom in
ihre Wohnungen versetzen lassen? Gewiß nicht. Sondern sie müssen
ihre Werke ausdrücklich für diese Paläste der Kaiser gearbeitet, sie
müssen zu den Zeiten dieser Kaiser gelebt haben. Daß es späte
Künstler gewesen, die nur in Italien gearbeitet, läßt sich auch schon
daher schließen, weil man ihrer sonst nirgends gedacht findet.
Hätten sie in Griechenland in frühern Zeiten gearbeitet, so würde
Pausanias ein oder das andere Werk von ihnen gesehen, und ihr
Andenken uns aufbehalten haben. Ein Pythodorus kömmt zwar bei ihm
vor 6), allein Harduin hat sehr unrecht, ihn für den Pythodorus in
der Stelle des Plinius zu halten. Denn Pausanias nennet die
Bildsäule der Juno, die er von der Arbeit des erstern zu Koronea in
Böotien sahe, agalma arcaion, welche Benennung er nur den Werken
derjenigen Meister gibet, die in den allerersten und raschesten
Zeiten der Kunst, lange vor einem Phidias und Praxiteles, gelebt
hatten. Und mit Werken solcher Art werden die Kaiser gewiß nicht
ihre Paläste ausgezieret haben. Noch weniger ist auf die andere
Vermutung des Harduins zu achten, daß Artemon vielleicht der Maler
gleiches Namens sei, dessen Plinius an einer andern Stelle gedenket.
Name und Name geben nur eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit,
derenwegen man noch lange nicht befugt ist, der natürlichen Auslegung
einer unverfälschten Stelle Gewalt anzutun.
{6. Boeotic. cap. XXXIV. p. 778. Edit. Kuhn.}
Ist es aber sonach außer allem Zweifel, daß Kraterus und Pythodorus,
daß Polydektes und Hermolaus, mit den übrigen, unter den Kaisern
gelebet, deren Paläste sie mit ihren trefflichen Werken angefüllet:
so dünkt mich, kann man auch denjenigen Künstlern kein ander
Zeitalter geben, von welchen Plinius auf jene durch ein Similiter
übergehet. Und dieses sind die Meister des Laokoon. Man überlege es
nur: wären Agesander, Polydorus und Athenodorus so alte Meister, als
wofür sie Herr Winckelmann hält; wie unschicklich würde ein
Schriftsteller, dem die Präzision des Ausdruckes keine Kleinigkeit
ist, wenn er von ihnen auf einmal auf die allerneuesten Meister
springen müßte, diesen Sprung mit einem Gleichergestalt tun?
Doch man wird einwenden, daß sich dieses Similiter nicht auf die
Verwandtschaft in Ansehung des Zeitalters, sondern auf einen andern
Umstand beziehe, welchen diese, in Betrachtung der Zeit so unähnliche
Meister, miteinander gemein gehabt hätten. Plinius rede nämlich von
solchen Künstlern, die in Gemeinschaft gearbeitet, und wegen dieser
Gemeinschaft unbekannter geblieben wären, als sie verdienten. Denn
da keiner sich die Ehre des gemeinschaftlichen Werks allein anmaßen
können, alle aber, die daran teilgehabt, jederzeit zu nennen, zu
weitläuftig gewesen wäre (quoniam nec unus occupat gloriam, nec
plures pariter nuncupari possunt): so wären ihre sämtliche Namen
darüber vernachlässiget worden. Dieses sei den Meistern des Laokoons,
dieses sei so manchen andern Meistern widerfahren, welche die Kaiser
für ihre Paläste beschäftiget hätten.
Ich gebe dieses zu. Aber auch so noch ist es höchst wahrscheinlich,
daß Plinius nur von neuern Künstlern sprechen wollen, die in
Gemeinschaft gearbeitet. Denn hätte er auch von älteren reden wollen,
warum hätte er nur allein der Meister des Laokoons erwähnet? Warum
nicht auch anderer? Eines Onatas und Kalliteles; eines Timokles und
Timarchides, oder der Söhne dieses Timarchides, von welchen ein
gemeinschaftlich gearbeiteter Jupiter in Rom war 7). Herr
Winckelmann sagt selbst, daß man von dergleichen älteren Werken, die
mehr als einen Vater gehabt, ein langes Verzeichnis machen könne 8).
Und Plinius sollte sich nur auf die einzigen Agesander, Polydorus und
Athenodorus besonnen haben, wenn er sich nicht ausdrücklich nur auf
die neuesten Zeiten hätte einschränken wollen?
{7. Plinius lib. XXXVI. sect. 4. p. 730.}
{8. Geschichte der Kunst, T. II. S. 332.}
Wird übrigens eine Vermutung um so viel wahrscheinlicher, je mehrere
und größere Unbegreiflichkeiten sich daraus erklären lassen, so ist
es die, daß die Meister des Laokoons unter den ersten Kaisern
geblühet haben, gewiß in einem sehr hohen Grade. Denn hätten sie in
Griechenland zu den Zeiten, in welche sie Herr Winckelmann setzet,
gearbeitet; hätte der Laokoon selbst in Griechenland ehedem gestanden:
so müßte das tiefe Stillschweigen, welches die Griechen von einem
solchen Werke (opere omnibus et picturae et statuariae artis
praeponendo) beobachtet hätten, äußerst befremden. Es müßte äußerst
befremden, wenn so große Meister weiter gar nichts gearbeitet hätten,
oder wenn Pausanias von ihren übrigen Werken in ganz Griechenland
ebensowenig wie von dem Laokoon zu sehen bekommen hätte. In Rom
hingegen konnte das größte Meisterstück lange im Verborgenen bleiben,
und wenn Laokoon auch bereits unter dem Augustus wäre verfertiget
worden, so dürfte es doch gar nicht sonderbar scheinen, daß erst
Plinius seiner gedacht, seiner zuerst und zuletzt gedacht. Denn man
erinnere sich nur, was er von einer Venus des Skopas sagt 9), die zu
Rom in einem Tempel des Mars stand, quemcunque alium locum
nobilitatura. Romae quidem magnitudo operum eam obliterat, ac magni
officiorum negotiorumque acervi omnes a contemplatione talium
abducunt: quoniam otiosorum et in magno loci silentio apta admiratio
talis est.
{9. Plinius 1. c. p. 727.}
Diejenigen, welche in der Gruppe Laokoon so gern eine Nachahmung des
Virgilischen Laokoons sehen wollen, werden, was ich bisher gesagt,
mit Vergnügen ergreifen. Noch fiele mir eine Mutmaßung bei, die sie
gleichfalls nicht sehr mißbilligen dürften. Vielleicht, könnten sie
denken, war es Asinius Pollio, der den Laokoon des Virgils durch
griechische Künstler ausführen ließ. Pollio war ein besonderer
Freund des Dichters, überlebte den Dichter, und scheinet sogar ein
eigenes Werk über die Aeneis geschrieben zu haben. Denn wo sonst,
als in einem eigenen Werke über dieses Gedicht, können so leicht die
einzeln Anmerkungen gestanden haben, die Servius aus ihm anführt 10)?
Zugleich war Pollio ein Liebhaber und Kenner der Kunst, besaß eine
reiche Sammlung der trefflichsten alten Kunstwerke, ließ von
Künstlern seiner Zeit neue fertigen, und dem Geschmacke, den er in
seiner Wahl zeigte, war ein so kühnes Stück, als Laokoon, vollkommen
angemessen 11): ut fuit acris vehementiae, sic quoque spectari
monumenta sua voluit. Doch da das Kabinett des Pollio, zu den Zeiten
des Plinius, als Laokoon in dem Palaste des Titus stand, noch ganz
unzertrennet an einem besondern Orte beisammen gewesen zu sein
scheinet: so möchte diese Mutmaßung von ihrer Wahrscheinlichkeit
wiederum etwas verlieren. Und warum könnte es nicht Titus selbst
getan haben, was wir dem Pollio zuschreiben wollen?
{10. Ad ver. 7. lib. II. Aeneid. und besonders ad ver. 183 lib. XI.
Man dürfte also wohl nicht unrecht tun, wenn man das Verzeichnis der
verlornen Schriften dieses Mannes mit einem solchen Werke vermehrte.}
{11. Plinius lib. XXXVI. sect. 4. p. 729.}