XXVI.

Des Herrn Winckelmanns "Geschichte der Kunst des Altertums" ist

erschienen. Ich wage keinen Schritt weiter, ohne dieses Werk gelesen

zu haben. Bloß aus allgemeinen Begriffen über die Kunst vernünfteln,

kann zu Grillen verführen, die man über lang oder kurz, zu seiner

Beschämung, in den Werken der Kunst widerlegt findet. Auch die Alten

kannten die Bande, welche die Malerei und Poesie miteinander

verknüpfen, und sie werden sie nicht enger zugezogen haben, als es

beiden zuträglich ist. Was ihre Künstler getan, wird mich lehren,

was die Künstler überhaupt tun sollen; und wo so ein Mann die Fackel

der Geschichte vorträgt, kann die Spekulation kühnlich nachtreten.

Man pfleget in einem wichtigen Werke zu blättern, ehe man es

ernstlich zu lesen anfängt. Meine Neugierde war, vor allen Dingen

des Verfassers Meinung von dem Laokoon zu wissen; nicht zwar von der

Kunst des Werkes, über welche er sich schon anderwärts erkläret hat,

als nur von dem Alter desselben. Wem tritt er darüber bei? Denen,

welchen Virgil die Gruppe vor Augen gehabt zu haben scheinet? Oder

denen, welche die Künstler dem Dichter nacharbeiten lassen?

Es ist sehr nach meinem Geschmacke, daß er von einer gegenseitigem

Nachahmung gänzlich schweiget. Wo ist die absolute Notwendigkeit

derselben? Es ist gar nicht unmöglich, daß die Ähnlichkeiten, die

ich oben zwischen dem poetischen Gemälde und dem Kunstwerke in

Erwägung gezogen habe, zufällige und nicht vorsätzliche Ähnlichkeiten

sind; und daß das eine so wenig das Vorbild des andern gewesen, daß

sie auch nicht einmal beide einerlei Vorbild gehabt zu haben brauchen.

Hätte indes auch ihn ein Schein dieser Nachahmung geblendet, so

würde er sich für die erstern haben erklären müssen. Denn er nimmt

an, daß der Laokoon aus den Zeiten sei, da sich die Kunst unter den

Griechen auf dem höchsten Gipfel ihrer Vollkommenheit befunden habe,

aus den Zeiten Alexanders des Großen.

"Das gütige Schicksal", sagt er 1), "welches auch über die Künste bei

ihrer Vertilgung noch gewachet, hat aller Welt zum Wunder ein Werk

aus dieser Zeit der Kunst erhalten, zum Beweise von der Wahrheit der

Geschichte von der Herrlichkeit so vieler vernichteten Meisterstücke.

Laokoon, nebst seinen beiden Söhnen, vom Agesander, Apollodorus 2)

und Athenodorus aus Rhodus gearbeitet, ist nach aller

Wahrscheinlichkeit aus dieser Zeit, ob man gleich dieselbe nicht

bestimmen, und wie einige getan haben, die Olympias, in welcher diese

Künstler geblühet haben, angeben kann."

{1. Geschichte der Kunst, S. 347.}

{2. Nicht Apollodorus, sondern Polydorus. Plinius ist der einzige,

der diese Künstler nennet, und ich wüßte nicht, daß die Handschriften

in diesem Namen voneinander abgingen. Harduin würde es gewiß sonst

angemerkt haben. Auch die ältern Ausgaben lesen alle Polydorus.

Herr Winckelmann muß sich in dieser Kleinigkeit bloß verschrieben

haben.}

In einer Anmerkung setzet er hinzu: "Plinius meldet kein Wort von der

Zeit, in welcher Agesander und die Gehilfen an seinem Werke gelebet

haben; Maffei aber, in der Erklärung alter Statuen, hat wissen wollen,

daß diese Künstler in der achtundachtzigsten Olympias geblühet haben,

und auf dessen Wort haben andere, als Richardson, nachgeschrieben.

Jener hat, wie ich glaube, einen Athenodorus unter des Polykletus

Schülern für einen von unsern Künstlern genommen, und da Polykletus

in der siebenundachtzigsten Olympias geblühet, so hat man seinen

vermeinten Schüler eine Olympias später gesetzet: andere Gründe kann

Maffei nicht haben."

Er konnte ganz gewiß keine andere haben. Aber warum läßt es Herr

Winckelmann dabei bewenden, diesen vermeinten Grund des Maffei bloß

anzuführen? Widerlegt er sich von sich selbst? Nicht so ganz. Denn

wenn er auch schon von keinen andern Gründen unterstützt ist, so

macht er doch schon für sich selbst eine kleine Wahrscheinlichkeit,

wo man nicht sonst zeigen kann, daß Athenodorus, des Polyklets

Schüler, und Athenodorus, der Gehilfe des Agesander und Polydorus,

unmöglich eine und ebendieselbe Person können gewesen sein. Zum

Glücke läßt sich dieses zeigen, und zwar aus ihrem verschiedenen

Vaterlande. Der erste Athenodorus war, nach dem ausdrücklichen

Zeugnisse des Pausanias 3), aus Klitor in Arkadien; der andere

hingegen, nach dem Zeugnisse des Plinius, aus Rhodus gebürtig.

{3. AJhnoJvroV de kai DamiaV--outoi de ArkadeV eisin ek KleitoroV.

Phoc. cap. 9. p. 819. Edit. Kuh.}

Herr Winckelmann kann keine Absicht dabei gehabt haben, daß er das

Vorgeben des Maffei, durch Beifügung dieses Umstandes, nicht

unwidersprechlich widerlegen wollen. Vielmehr müssen ihm die Gründe,

die er aus der Kunst des Werks, nach seiner unstreitigen Kenntnis,

ziehet, von solcher Wichtigkeit geschienen haben, daß er sich

unbekümmert gelassen, ob die Meinung des Maffei noch einige

Wahrscheinlichkeit behalte oder nicht. Er erkennet, ohne Zweifel, in

dem Laokoon zu viele von den argutiis 4), die dem Lysippus so eigen

waren, mit welchen dieser Meister die Kunst zuerst bereicherte, als

daß er ihn für ein Werk vor desselben Zeit halten sollte.

{4. Plinius lib. XXXIV. sect. 19. p. 653. Edit. Hard.}

Allein, wenn es erwiesen ist, daß der Laokoon nicht älter sein kann,

als Lysippus, ist dadurch auch zugleich erwiesen, daß er ungefähr aus

seiner Zeit sein müsse? daß er unmöglich ein weit späteres Werk sein

könne? Damit ich die Zeiten, in welchen die Kunst in Griechenland,

bis zum Anfange der römischen Monarchie, ihr Haupt bald wiederum

emporhob, bald wiederum sinken ließ, übergehe: warum hätte nicht

Laokoon die glückliche Frucht des Wetteifers sein können, welchen die

verschwenderische Pracht der ersten Kaiser unter den Künstlern

entzünden mußte? Warum könnten nicht Agesander und seine Gehilfen

die Zeitverwandten eines Strongylion, eines Arcesilaus, eines

Pasiteles, eines Posidonius, eines Diogenes sein? Wurden nicht die

Werke auch dieser Meister zum Teil dem Besten, was die Kunst jemals

hervorgebracht hatte, gleich geschätzet? Und wann noch ungezweifelte

Stücke von selbigen vorhanden wären, das Alter ihrer Urheber aber

wäre unbekannt, und ließe sich aus nichts schließen, als aus ihrer

Kunst, welche göttliche Eingebung müßte den Kenner verwahren, daß er

sie nicht ebensowohl in jene Zeiten setzen zu müssen glaubte, die

Herr Winckelmann allein des Laokoons würdig zu sein achtet?

Es ist wahr, Plinius bemerkt die Zeit, in welcher die Künstler des

Laokoons gelebt haben, ausdrücklich nicht. Doch wenn ich aus dem

Zusammenhange der ganzen Stelle schließen sollte, ob er sie mehr

unter die alten oder unter die neuern Artisten gerechnet wissen

wollen: so bekenne ich, daß ich für das letztere eine größere

Wahrscheinlichkeit darin zu bemerken glaube. Man urteile.

Nachdem Plinius von den ältesten und größten Meistern in der

Bildhauerkunst, dem Phidias, dem Praxiteles, dem Skopas, etwas

ausführlicher gesprochen, und hierauf die übrigen, besonders solche,

von deren Werken in Rom etwas vorhanden war, ohne alle chronologische

Ordnung namhaft gemacht: so fährt er folgendergestalt fort 5): Nec

multo plurium fama est, quorundam claritati in operibus eximiis

obstante numero artificum, quoniam nec unus occupat gloriam, nec

plures pariter nuncupari possunt, sicut in Laocoonte, qui est in Titi

Imperatoris domo, opus omnibus et picturae et statuariae artis

praeponendum. Ex uno lapide eum et liberos draconumque mirabiles

nexus de consilii sententia fecere summi artifices, Agesander et

Polydorus et Athenodorus Rhodii. Similiter Palatinas domus Caesarum

replevere probatissimis signis Craterus cum Pythodoro, Polydectes cum

Hermolao, Pythodorus alius cum Artemone, et singularis Aphrodisius

Trallianus. Agrippae Pantheum decoravit Diogenes Atheniensis, et

Caryatides in columnis templi ejus probantur inter pauca operum:

sicut in fastigio posita signa, sed propter altitudinem loci minus

celebrata.

{5. Libr. XXXVI. sect. 4. p. 730.}

Von allen den Künstlern, welche in dieser Stelle genennet werden, ist

Diogenes von Athen derjenige, dessen Zeitalter am

unwidersprechlichsten bestimmt ist. Er hat das Pantheum des Agrippa

ausgezieret; er hat also unter dem Augustus gelebt. Doch man erwäge

die Worte des Plinius etwas genauer, und ich denke, man wird auch das

Zeitalter des Kraterus und Pythodorus, des Polydektes und Hermolaus,

des zweiten Pythodorus und Artemons, sowie des Aphrodisius Trallianus,

ebenso unwidersprechlich bestimmt finden. Er sagt von ihnen:

Palatinas domus Caesarum replevere probatissimis signis. Ich frage:

kann dieses wohl nur so viel heißen, daß von ihren vortrefflichen

Werken die Paläste der Kaiser angefüllet gewesen? In dem Verstande

nämlich, daß die Kaiser sie überall zusammensuchen und nach Rom in

ihre Wohnungen versetzen lassen? Gewiß nicht. Sondern sie müssen

ihre Werke ausdrücklich für diese Paläste der Kaiser gearbeitet, sie

müssen zu den Zeiten dieser Kaiser gelebt haben. Daß es späte

Künstler gewesen, die nur in Italien gearbeitet, läßt sich auch schon

daher schließen, weil man ihrer sonst nirgends gedacht findet.

Hätten sie in Griechenland in frühern Zeiten gearbeitet, so würde

Pausanias ein oder das andere Werk von ihnen gesehen, und ihr

Andenken uns aufbehalten haben. Ein Pythodorus kömmt zwar bei ihm

vor 6), allein Harduin hat sehr unrecht, ihn für den Pythodorus in

der Stelle des Plinius zu halten. Denn Pausanias nennet die

Bildsäule der Juno, die er von der Arbeit des erstern zu Koronea in

Böotien sahe, agalma arcaion, welche Benennung er nur den Werken

derjenigen Meister gibet, die in den allerersten und raschesten

Zeiten der Kunst, lange vor einem Phidias und Praxiteles, gelebt

hatten. Und mit Werken solcher Art werden die Kaiser gewiß nicht

ihre Paläste ausgezieret haben. Noch weniger ist auf die andere

Vermutung des Harduins zu achten, daß Artemon vielleicht der Maler

gleiches Namens sei, dessen Plinius an einer andern Stelle gedenket.

Name und Name geben nur eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit,

derenwegen man noch lange nicht befugt ist, der natürlichen Auslegung

einer unverfälschten Stelle Gewalt anzutun.

{6. Boeotic. cap. XXXIV. p. 778. Edit. Kuhn.}

Ist es aber sonach außer allem Zweifel, daß Kraterus und Pythodorus,

daß Polydektes und Hermolaus, mit den übrigen, unter den Kaisern

gelebet, deren Paläste sie mit ihren trefflichen Werken angefüllet:

so dünkt mich, kann man auch denjenigen Künstlern kein ander

Zeitalter geben, von welchen Plinius auf jene durch ein Similiter

übergehet. Und dieses sind die Meister des Laokoon. Man überlege es

nur: wären Agesander, Polydorus und Athenodorus so alte Meister, als

wofür sie Herr Winckelmann hält; wie unschicklich würde ein

Schriftsteller, dem die Präzision des Ausdruckes keine Kleinigkeit

ist, wenn er von ihnen auf einmal auf die allerneuesten Meister

springen müßte, diesen Sprung mit einem Gleichergestalt tun?

Doch man wird einwenden, daß sich dieses Similiter nicht auf die

Verwandtschaft in Ansehung des Zeitalters, sondern auf einen andern

Umstand beziehe, welchen diese, in Betrachtung der Zeit so unähnliche

Meister, miteinander gemein gehabt hätten. Plinius rede nämlich von

solchen Künstlern, die in Gemeinschaft gearbeitet, und wegen dieser

Gemeinschaft unbekannter geblieben wären, als sie verdienten. Denn

da keiner sich die Ehre des gemeinschaftlichen Werks allein anmaßen

können, alle aber, die daran teilgehabt, jederzeit zu nennen, zu

weitläuftig gewesen wäre (quoniam nec unus occupat gloriam, nec

plures pariter nuncupari possunt): so wären ihre sämtliche Namen

darüber vernachlässiget worden. Dieses sei den Meistern des Laokoons,

dieses sei so manchen andern Meistern widerfahren, welche die Kaiser

für ihre Paläste beschäftiget hätten.

Ich gebe dieses zu. Aber auch so noch ist es höchst wahrscheinlich,

daß Plinius nur von neuern Künstlern sprechen wollen, die in

Gemeinschaft gearbeitet. Denn hätte er auch von älteren reden wollen,

warum hätte er nur allein der Meister des Laokoons erwähnet? Warum

nicht auch anderer? Eines Onatas und Kalliteles; eines Timokles und

Timarchides, oder der Söhne dieses Timarchides, von welchen ein

gemeinschaftlich gearbeiteter Jupiter in Rom war 7). Herr

Winckelmann sagt selbst, daß man von dergleichen älteren Werken, die

mehr als einen Vater gehabt, ein langes Verzeichnis machen könne 8).

Und Plinius sollte sich nur auf die einzigen Agesander, Polydorus und

Athenodorus besonnen haben, wenn er sich nicht ausdrücklich nur auf

die neuesten Zeiten hätte einschränken wollen?

{7. Plinius lib. XXXVI. sect. 4. p. 730.}

{8. Geschichte der Kunst, T. II. S. 332.}

Wird übrigens eine Vermutung um so viel wahrscheinlicher, je mehrere

und größere Unbegreiflichkeiten sich daraus erklären lassen, so ist

es die, daß die Meister des Laokoons unter den ersten Kaisern

geblühet haben, gewiß in einem sehr hohen Grade. Denn hätten sie in

Griechenland zu den Zeiten, in welche sie Herr Winckelmann setzet,

gearbeitet; hätte der Laokoon selbst in Griechenland ehedem gestanden:

so müßte das tiefe Stillschweigen, welches die Griechen von einem

solchen Werke (opere omnibus et picturae et statuariae artis

praeponendo) beobachtet hätten, äußerst befremden. Es müßte äußerst

befremden, wenn so große Meister weiter gar nichts gearbeitet hätten,

oder wenn Pausanias von ihren übrigen Werken in ganz Griechenland

ebensowenig wie von dem Laokoon zu sehen bekommen hätte. In Rom

hingegen konnte das größte Meisterstück lange im Verborgenen bleiben,

und wenn Laokoon auch bereits unter dem Augustus wäre verfertiget

worden, so dürfte es doch gar nicht sonderbar scheinen, daß erst

Plinius seiner gedacht, seiner zuerst und zuletzt gedacht. Denn man

erinnere sich nur, was er von einer Venus des Skopas sagt 9), die zu

Rom in einem Tempel des Mars stand, quemcunque alium locum

nobilitatura. Romae quidem magnitudo operum eam obliterat, ac magni

officiorum negotiorumque acervi omnes a contemplatione talium

abducunt: quoniam otiosorum et in magno loci silentio apta admiratio

talis est.

{9. Plinius 1. c. p. 727.}

Diejenigen, welche in der Gruppe Laokoon so gern eine Nachahmung des

Virgilischen Laokoons sehen wollen, werden, was ich bisher gesagt,

mit Vergnügen ergreifen. Noch fiele mir eine Mutmaßung bei, die sie

gleichfalls nicht sehr mißbilligen dürften. Vielleicht, könnten sie

denken, war es Asinius Pollio, der den Laokoon des Virgils durch

griechische Künstler ausführen ließ. Pollio war ein besonderer

Freund des Dichters, überlebte den Dichter, und scheinet sogar ein

eigenes Werk über die Aeneis geschrieben zu haben. Denn wo sonst,

als in einem eigenen Werke über dieses Gedicht, können so leicht die

einzeln Anmerkungen gestanden haben, die Servius aus ihm anführt 10)?

Zugleich war Pollio ein Liebhaber und Kenner der Kunst, besaß eine

reiche Sammlung der trefflichsten alten Kunstwerke, ließ von

Künstlern seiner Zeit neue fertigen, und dem Geschmacke, den er in

seiner Wahl zeigte, war ein so kühnes Stück, als Laokoon, vollkommen

angemessen 11): ut fuit acris vehementiae, sic quoque spectari

monumenta sua voluit. Doch da das Kabinett des Pollio, zu den Zeiten

des Plinius, als Laokoon in dem Palaste des Titus stand, noch ganz

unzertrennet an einem besondern Orte beisammen gewesen zu sein

scheinet: so möchte diese Mutmaßung von ihrer Wahrscheinlichkeit

wiederum etwas verlieren. Und warum könnte es nicht Titus selbst

getan haben, was wir dem Pollio zuschreiben wollen?

{10. Ad ver. 7. lib. II. Aeneid. und besonders ad ver. 183 lib. XI.

Man dürfte also wohl nicht unrecht tun, wenn man das Verzeichnis der

verlornen Schriften dieses Mannes mit einem solchen Werke vermehrte.}

{11. Plinius lib. XXXVI. sect. 4. p. 729.}

Laokoon: Oder, Über die Grenzen der Malerei und Poesie · 第 32 / 36 题