Nach dem Laokoon war ich auf nichts neugieriger, als auf das, was
Herr Winckelmann von dem sogenannten Borghesischen Fechter sagen
möchte. Ich glaube eine Entdeckung über diese Statue gemacht zu
haben, auf die ich mir alles einbilde, was man sich auf dergleichen
Entdeckungen einbilden kann.
Ich besorgte schon, Herr Winckelmann würde mir damit zuvorgekommen
sein. Aber ich finde nichts dergleichen bei ihm; und wenn nunmehr
mich etwas mißtrauisch in ihre Richtigkeit machen könnte, so würde es
eben das sein, daß meine Besorgnis nicht eingetroffen.
"Einige", sagt Herr Winckelmann 1), "machen aus dieser Statue einen
Discobolus, das ist, der mit dem Disco, oder mit einer Scheibe von
Metall, wirft, und dieses war die Meinung des berühmten Herrn von
Stosch in einem Schreiben an mich, aber ohne genugsame Betrachtung
des Standes, worin dergleichen Figur will gesetzt sein. Denn
derjenige, welcher etwas werfen will, muß sich mit dem Leibe
hinterwärts zurückziehen, und indem der Wurf geschehen soll, liegt
die Kraft auf dem nächsten Schenkel, und das linke Bein ist müßig:
hier aber ist das Gegenteil. Die ganze Figur ist vorwärts geworfen,
und ruhet auf dem linken Schenkel, und das rechte Bein ist
hinterwärts auf das äußerste ausgestrecket. Der rechte Arm ist neu,
und man hat ihm in die Hand ein Stück von einer Lanze gegeben, auf
dem linken Arme sieht man den Riem von dem Schilde, welchen er
gehalten hat. Betrachtet man, daß der Kopf und die Augen aufwärts
gerichtet sind, und daß die Figur sich mit dem Schilde vor etwas, das
von oben her kommt, zu verwahren scheint, so könnte man diese Statue
mit mehrerem Rechte für eine Vorstellung eines Soldaten halten,
welcher sich in einem gefährlichen Stande besonders verdient gemacht
hat: denn Fechtern in Schauspielen ist die Ehre einer Statue unter
den Griechen vermutlich niemals widerfahren: und dieses Werk scheinet
älter als die Einführung der Fechter unter den Griechen zu sein."
{1. Geschichte der Kunst, T. II. S. 394.}
Man kann nicht richtiger urteilen. Diese Statue ist ebensowenig ein
Fechter, als ein Discobolus; es ist wirklich die Vorstellung eines
Kriegers, der sich in einer solchen Stellung bei einer gefährlichen
Gelegenheit hervortat. Da Herr Winckelmann aber dieses so glücklich
erriet: wie konnte er hier stehen bleiben? Wie konnte ihm der
Krieger nicht beifallen, der vollkommen in dieser nämlichen Stellung
die völlige Niederlage eines Heeres abwandte, und dem sein
erkenntliches Vaterland eine Statue vollkommen in der nämlichen
Stellung setzen ließ?
Mit einem Worte: die Statue ist Chabrias.
Der Beweis ist folgende Stelle des Nepos in dem Leben dieses
Feldherrn 2). Hic quoque in summis habitus est ducibus: resque
multas memoria dignas gessit. Sed ex his elucet maxime inventum ejus
in proelio, quod apud Thebas fecit, quum Boeotiis subsidio venisset.
Namque in eo victoriae fidente summo duce Agesilao, fugatis jam ab eo
conductitiis catervis, reliquam phalangem loco vetuit cedere,
obnixoque genu scuto, projectaque hasta impetum excipere hostium
docuit. Id novum Agesilaus contuens, progredi non est ausus, suosque
jam incurrentes tuba revocavit. Hoc usque eo tota Graecia fama
celebratum est, ut illo statu Chabrias sibi statuam fieri voluerit,
quae publice ei ab Atheniensibus in foro constituta est. Ex quo
factum est, ut postea athletae, ceterique artifices his statibus in
statuis ponendis uterentur, in quibus victoriam essent adepti.
{2. cap. I.}
Ich weiß es, man wird noch einen Augenblick anstehen, mir Beifall zu
geben; aber ich hoffe, auch wirklich nur einen Augenblick. Die
Stellung des Chabrias scheinet nicht vollkommen die nämliche zu sein,
in welcher wir die Borghesische Statue erblicken. Die vorgeworfene
Lanze, projecta hasta, ist beiden gemein, aber das obnixo genu scuto
erklären die Ausleger durch obnixo in scutum, obfirmato genu ad
scutum: Chabrias wies seinen Soldaten, wie sie sich mit dem Knie
gegen das Schild stemmen, und hinter demselben den Feind abwarten
sollten; die Statue hingegen hält das Schild hoch. Aber wie, wenn
die Ausleger sich irrten? Wie, wenn die Worte obnixo genu scuto
nicht zusammen gehörten, und man obnixo genu besonders, und scuto
besonders, oder mit dem darauf folgenden projectaque hasta zusammen
lesen müßte? Man mache ein einziges Komma, und die Gleichheit ist
nunmehr so vollkommen als möglich. Die Statue ist ein Soldat, qui
obnixo genu 3), scuto projectaque hasta impetum hostis excipit; sie
zeigt, was Chabrias tat, und ist die Statue des Chabrias. Daß das
Komma wirklich fehle, beweiset das dem projecta angehängte que,
welches, wenn obnixo genu scuto zusammengehörten, überflüssig sein
würde, wie es denn auch wirklich einige Ausgaben daher weglassen.
{3. So sagt Statius obnixa pectora (Thebaid. lib. VI. v. 863).
--rumpunt obnixa furentes
Pectora.
welches der alte Glossator des Barths durch summa vi contra nitentia
erklÄrt. So sagt Ovid (Halieut. v. 11) obnixa fronte, wenn er von
der Meerbramse (Scaro) spricht, die sich nicht mit dem Kopfe, sondern
mit dem Schwanze durch die Reusen zu arbeiten sucht: