XXIV.

So nutzt der Dichter die HÄßlichkeit der Formen: welchen Gebrauch ist

dem Maler davon zu machen vergönnet?

Die Malerei, als nachahmende Fertigkeit, kann die Häßlichkeit

ausdrÜcken; die Malerei, als schöne Kunst, will sie nicht ausdrücken.

Als jener, gehören ihr alle sichtbare Gegenstände zu; als diese,

schließt sie sich nur auf diejenigen sichtbaren Gegenstände ein,

welche angenehme Empfindungen erwecken.

Aber gefallen nicht auch die unangenehmen Empfindungen in der

Nachahmung? Nicht alle. Ein scharfsinniger Kunstrichter 1) hat

dieses bereits von dem Ekel bemerkt. "Die Vorstellungen der Furcht,"

sagt er, "der Traurigkeit, des Schreckens, des Mitleids usw. können

nur Unlust erregen, insoweit wir das Übel für wirklich halten. Diese

können also durch die Erinnerung, daß es ein künstlicher Betrug sei,

in angenehme Empfindungen aufgelöset werden. Die widrige Empfindung

des Ekels aber erfolgt, vermöge des Gesetzes der Einbildungskraft auf

die bloße Vorstellung in der Seele, der Gegenstand mag für wirklich

gehalten werden, oder nicht. Was hilft's dem beleidigten Gemüte also,

wenn sich die Kunst der Nachahmung noch so sehr verrät? Ihre Unlust

entsprang nicht aus der Voraussetzung, daß das Übel wirklich sei,

sondern aus der bloßen Vorstellung desselben, und diese ist wirklich

da. Die Empfindungen des Ekels sind also allezeit Natur, niemals

Nachahmung."

{1. Briefe die neueste Literatur betreffend, T. V. S. 102.}

Eben dieses gilt von der Häßlichkeit der Formen. Diese Häßlichkeit

beleidiget unser Gesicht, widerstehet unserm Geschmacke an Ordnung

und Übereinstimmung, und erwecket Abscheu, ohne Rücksicht auf die

wirkliche Existenz des Gegenstandes, an welchem wir sie wahrnehmen.

Wir mögen den Thersites weder in der Natur noch im Bilde sehen; und

wenn schon sein Bild weniger mißfällt, so geschieht dieses doch nicht

deswegen, weil die Häßlichkeit seiner Form in der Nachahmung

Häßlichkeit zu sein aufhöret, sondern weil wir das Vermögen besitzen,

von dieser Häßlichkeit zu abstrahieren, und uns bloß an der Kunst des

Malers zu vergnügen. Aber auch dieses Vergnügen wird alle

Augenblicke durch die Überlegung unterbrochen, wie übel die Kunst

angewendet worden, und diese Überlegung wird selten fehlen, die

Geringschätzung des Künstlers nach sich zu ziehen.

Aristoteles gibt eine andere Ursache an 2), warum Dinge, die wir in

der Natur mit Widerwillen erblicken, auch in der getreuesten

Abbildung Vergnügen gewähren; die allgemeine Wißbegierde des Menschen.

Wir freuen uns, wenn wir entweder aus der Abbildung lernen können,

ti ekaston, was ein jedes Ding ist, oder wenn wir daraus schließen

können, oti outoV ekeinoV, daß es dieses oder jenes ist. Allein auch

hieraus folget, zum Besten der Häßlichkeit in der Nachahmung, nichts.

Das Vergnügen, welches aus der Befriedigung unserer Wißbegierde

entspringt, ist momentan, und dem Gegenstande, über welchen sie

befriediget wird, nur zufällig; das Mißvergnügen hingegen, welches

den Anblick der Häßlichkeit begleitet, permanent, und dem Gegenstande,

der es erweckt, wesentlich. Wie kann also jenes diesem das

Gleichgewicht halten? Noch weniger kann die kleine angenehme

Beschäftigung, welche uns die Bemerkung der Ähnlichkeit macht, die

unangenehme Wirkung der Häßlichkeit besiegen. Je genauer ich das

häßliche Nachbild mit dem häßlichen Urbilde vergleiche, desto mehr

stelle ich mich dieser Wirkung bloß, so daß das Vergnügen der

Vergleichung gar bald verschwindet, und mir nichts als der widrige

Eindruck der verdoppelten Häßlichkeit übrig bleibet. Nach den

Beispielen, welche Aristoteles gibt, zu urteilen, scheinet es, als

habe er auch selbst die Häßlichkeit der Formen nicht mit zu den

mißfälligen Gegenständen rechnen wollen, die in der Nachahmung

gefallen können. Diese Beispiele sind: reißende Tiere und Leichname.

Reißende Tiere erregen Schrecken, wenn sie auch nicht häßlich sind;

und dieses Schrecken, nicht ihre Häßlichkeit, ist es, was durch die

Nachahmung in angenehme Empfindung aufgelöset wird. So auch mit den

Leichnamen; das schärfere Gefühl des Mitleids, die schreckliche

Erinnerung an unsere eigene Vernichtung ist es, welche uns einen

Leichnam in der Natur zu einem widrigen Gegenstande macht; in der

Nachahmung aber verlieret jenes Mitleid, durch die Überzeugung des

Betrugs, das Schneidende, und von dieser fatalen Erinnerung kann uns

ein Zusatz von schmeichelhaften Umständen entweder gänzlich abziehen,

oder sich so unzertrennlich mit ihr vereinen, daß wir mehr

Wünschenswürdiges als Schreckliches darin zu bemerken glauben.

{2. De poetica cap. IV.}

Da also die Häßlichkeit der Formen, weil die Empfindung, welche sie

erregt, unangenehm, und doch nicht von derjenigen Art unangenehmer

Empfindungen ist, welche sich durch die Nachahmung in angenehme

verwandeln, an und vor sich selbst kein Vorwurf der Malerei, als

schöner Kunst, sein kann: so käme es noch darauf an, ob sie ihr,

nicht ebensowohl wie der Poesie, als Ingrediens, um andere

Empfindungen zu verstärken, nützlich sein könne.

Darf die Malerei, zu Erreichung des Lächerlichen und Schrecklichen,

sich häßlicher Formen bedienen?

Ich will es nicht wagen, so gradezu mit Nein hierauf zu antworten.

Es ist unleugbar, daß unschädliche Häßlichkeit auch in der Malerei

lächerlich werden kann; besonders wenn eine Affektation nach Reiz und

Ansehen damit verbunden wird. Es ist ebenso unstreitig, daß

schädliche Häßlichkeit, so wie in der Natur, also auch im Gemälde

Schrecken erwecket; und daß jenes Lächerliche und dieses Schreckliche,

welches schon vor sich vermischte Empfindungen sind, durch die

Nachahmung einen neuen Grad von Anzüglichkeit und Vergnügung erlangen.

Ich muß aber zu bedenken geben, daß demohngeachtet sich die Malerei

hier nicht völlig mit der Poesie in gleichem Falle befindet. In der

Poesie, wie ich angemerket, verlieret die Häßlichkeit der Form, durch

die Veränderung ihrer koexistierenden Teile in sukzessive, ihre

widrige Wirkung fast gänzlich; sie höret von dieser Seite gleichsam

auf, Häßlichkeit zu sein, und kann sich daher mit andern

Erscheinungen desto inniger verbinden, um eine neue besondere Wirkung

hervorzubringen. In der Malerei hingegen hat die Häßlichkeit alle

ihre Kräfte beisammen, und wirket nicht viel schwächer, als in der

Natur selbst. Unschädliche Häßlichkeit kann folglich nicht wohl

lange lächerlich bleiben; die unangenehme Empfindung gewinnet die

Oberhand, und was in den ersten Augenblicken possierlich war, wird in

der Folge bloß abscheulich. Nicht anders gehet es mit der

schädlichen Häßlichkeit; das Schreckliche verliert sich nach und nach,

und das Unförmliche bleibt allein und unveränderlich zurück.

Dieses überlegt, hatte der Graf Caylus vollkommen recht, die Episode

des Thersites aus der Reihe seiner Homerischen Gemälde wegzulassen.

Aber hat man darum auch recht, sie aus dem Homer selbst

wegzuwünschen? Ich finde ungern, daß ein Gelehrter, von sonst sehr

richtigem und feinem Geschmacke, dieser Meinung ist 3). Ich verspare

es auf einen andern Ort, mich weitläufiger darüber zu erklären.

{3. Klotzii epistolae Homericae, p. 32. et seq.}

Laokoon: Oder, Über die Grenzen der Malerei und Poesie · 第 30 / 36 题