So nutzt der Dichter die HÄßlichkeit der Formen: welchen Gebrauch ist
dem Maler davon zu machen vergönnet?
Die Malerei, als nachahmende Fertigkeit, kann die Häßlichkeit
ausdrÜcken; die Malerei, als schöne Kunst, will sie nicht ausdrücken.
Als jener, gehören ihr alle sichtbare Gegenstände zu; als diese,
schließt sie sich nur auf diejenigen sichtbaren Gegenstände ein,
welche angenehme Empfindungen erwecken.
Aber gefallen nicht auch die unangenehmen Empfindungen in der
Nachahmung? Nicht alle. Ein scharfsinniger Kunstrichter 1) hat
dieses bereits von dem Ekel bemerkt. "Die Vorstellungen der Furcht,"
sagt er, "der Traurigkeit, des Schreckens, des Mitleids usw. können
nur Unlust erregen, insoweit wir das Übel für wirklich halten. Diese
können also durch die Erinnerung, daß es ein künstlicher Betrug sei,
in angenehme Empfindungen aufgelöset werden. Die widrige Empfindung
des Ekels aber erfolgt, vermöge des Gesetzes der Einbildungskraft auf
die bloße Vorstellung in der Seele, der Gegenstand mag für wirklich
gehalten werden, oder nicht. Was hilft's dem beleidigten Gemüte also,
wenn sich die Kunst der Nachahmung noch so sehr verrät? Ihre Unlust
entsprang nicht aus der Voraussetzung, daß das Übel wirklich sei,
sondern aus der bloßen Vorstellung desselben, und diese ist wirklich
da. Die Empfindungen des Ekels sind also allezeit Natur, niemals
Nachahmung."
{1. Briefe die neueste Literatur betreffend, T. V. S. 102.}
Eben dieses gilt von der Häßlichkeit der Formen. Diese Häßlichkeit
beleidiget unser Gesicht, widerstehet unserm Geschmacke an Ordnung
und Übereinstimmung, und erwecket Abscheu, ohne Rücksicht auf die
wirkliche Existenz des Gegenstandes, an welchem wir sie wahrnehmen.
Wir mögen den Thersites weder in der Natur noch im Bilde sehen; und
wenn schon sein Bild weniger mißfällt, so geschieht dieses doch nicht
deswegen, weil die Häßlichkeit seiner Form in der Nachahmung
Häßlichkeit zu sein aufhöret, sondern weil wir das Vermögen besitzen,
von dieser Häßlichkeit zu abstrahieren, und uns bloß an der Kunst des
Malers zu vergnügen. Aber auch dieses Vergnügen wird alle
Augenblicke durch die Überlegung unterbrochen, wie übel die Kunst
angewendet worden, und diese Überlegung wird selten fehlen, die
Geringschätzung des Künstlers nach sich zu ziehen.
Aristoteles gibt eine andere Ursache an 2), warum Dinge, die wir in
der Natur mit Widerwillen erblicken, auch in der getreuesten
Abbildung Vergnügen gewähren; die allgemeine Wißbegierde des Menschen.
Wir freuen uns, wenn wir entweder aus der Abbildung lernen können,
ti ekaston, was ein jedes Ding ist, oder wenn wir daraus schließen
können, oti outoV ekeinoV, daß es dieses oder jenes ist. Allein auch
hieraus folget, zum Besten der Häßlichkeit in der Nachahmung, nichts.
Das Vergnügen, welches aus der Befriedigung unserer Wißbegierde
entspringt, ist momentan, und dem Gegenstande, über welchen sie
befriediget wird, nur zufällig; das Mißvergnügen hingegen, welches
den Anblick der Häßlichkeit begleitet, permanent, und dem Gegenstande,
der es erweckt, wesentlich. Wie kann also jenes diesem das
Gleichgewicht halten? Noch weniger kann die kleine angenehme
Beschäftigung, welche uns die Bemerkung der Ähnlichkeit macht, die
unangenehme Wirkung der Häßlichkeit besiegen. Je genauer ich das
häßliche Nachbild mit dem häßlichen Urbilde vergleiche, desto mehr
stelle ich mich dieser Wirkung bloß, so daß das Vergnügen der
Vergleichung gar bald verschwindet, und mir nichts als der widrige
Eindruck der verdoppelten Häßlichkeit übrig bleibet. Nach den
Beispielen, welche Aristoteles gibt, zu urteilen, scheinet es, als
habe er auch selbst die Häßlichkeit der Formen nicht mit zu den
mißfälligen Gegenständen rechnen wollen, die in der Nachahmung
gefallen können. Diese Beispiele sind: reißende Tiere und Leichname.
Reißende Tiere erregen Schrecken, wenn sie auch nicht häßlich sind;
und dieses Schrecken, nicht ihre Häßlichkeit, ist es, was durch die
Nachahmung in angenehme Empfindung aufgelöset wird. So auch mit den
Leichnamen; das schärfere Gefühl des Mitleids, die schreckliche
Erinnerung an unsere eigene Vernichtung ist es, welche uns einen
Leichnam in der Natur zu einem widrigen Gegenstande macht; in der
Nachahmung aber verlieret jenes Mitleid, durch die Überzeugung des
Betrugs, das Schneidende, und von dieser fatalen Erinnerung kann uns
ein Zusatz von schmeichelhaften Umständen entweder gänzlich abziehen,
oder sich so unzertrennlich mit ihr vereinen, daß wir mehr
Wünschenswürdiges als Schreckliches darin zu bemerken glauben.
{2. De poetica cap. IV.}
Da also die Häßlichkeit der Formen, weil die Empfindung, welche sie
erregt, unangenehm, und doch nicht von derjenigen Art unangenehmer
Empfindungen ist, welche sich durch die Nachahmung in angenehme
verwandeln, an und vor sich selbst kein Vorwurf der Malerei, als
schöner Kunst, sein kann: so käme es noch darauf an, ob sie ihr,
nicht ebensowohl wie der Poesie, als Ingrediens, um andere
Empfindungen zu verstärken, nützlich sein könne.
Darf die Malerei, zu Erreichung des Lächerlichen und Schrecklichen,
sich häßlicher Formen bedienen?
Ich will es nicht wagen, so gradezu mit Nein hierauf zu antworten.
Es ist unleugbar, daß unschädliche Häßlichkeit auch in der Malerei
lächerlich werden kann; besonders wenn eine Affektation nach Reiz und
Ansehen damit verbunden wird. Es ist ebenso unstreitig, daß
schädliche Häßlichkeit, so wie in der Natur, also auch im Gemälde
Schrecken erwecket; und daß jenes Lächerliche und dieses Schreckliche,
welches schon vor sich vermischte Empfindungen sind, durch die
Nachahmung einen neuen Grad von Anzüglichkeit und Vergnügung erlangen.
Ich muß aber zu bedenken geben, daß demohngeachtet sich die Malerei
hier nicht völlig mit der Poesie in gleichem Falle befindet. In der
Poesie, wie ich angemerket, verlieret die Häßlichkeit der Form, durch
die Veränderung ihrer koexistierenden Teile in sukzessive, ihre
widrige Wirkung fast gänzlich; sie höret von dieser Seite gleichsam
auf, Häßlichkeit zu sein, und kann sich daher mit andern
Erscheinungen desto inniger verbinden, um eine neue besondere Wirkung
hervorzubringen. In der Malerei hingegen hat die Häßlichkeit alle
ihre Kräfte beisammen, und wirket nicht viel schwächer, als in der
Natur selbst. Unschädliche Häßlichkeit kann folglich nicht wohl
lange lächerlich bleiben; die unangenehme Empfindung gewinnet die
Oberhand, und was in den ersten Augenblicken possierlich war, wird in
der Folge bloß abscheulich. Nicht anders gehet es mit der
schädlichen Häßlichkeit; das Schreckliche verliert sich nach und nach,
und das Unförmliche bleibt allein und unveränderlich zurück.
Dieses überlegt, hatte der Graf Caylus vollkommen recht, die Episode
des Thersites aus der Reihe seiner Homerischen Gemälde wegzulassen.
Aber hat man darum auch recht, sie aus dem Homer selbst
wegzuwünschen? Ich finde ungern, daß ein Gelehrter, von sonst sehr
richtigem und feinem Geschmacke, dieser Meinung ist 3). Ich verspare
es auf einen andern Ort, mich weitläufiger darüber zu erklären.
{3. Klotzii epistolae Homericae, p. 32. et seq.}