Ein einziger unschicklicher Teil kann die übereinstimmende Wirkung
vieler zur Schönheit stören. Doch wird der Gegenstand darum noch
nicht häßlich. Auch die Häßlichkeit erfodert mehrere unschickliche
Teile, die wir ebenfalls auf einmal müssen übersehen können, wenn wir
dabei das Gegenteil von dem empfinden sollen, was uns die Schönheit
empfinden läßt.
Sonach würde auch die Häßlichkeit, ihrem Wesen nach, kein Vorwurf der
Poesie sein können; und dennoch hat Homer die äußerste Häßlichkeit in
dem Thersites geschildert, und sie nach ihren Teilen nebeneinander
geschildert. Warum war ihm bei der Häßlichkeit vergönnet, was er bei
der Schönheit so einsichtsvoll sich selbst untersagte? Wird die
Wirkung der Häßlichkeit, durch die aufeinanderfolgende Enumeration
ihrer Elemente, nicht ebensowohl gehindert, als die Wirkung der
Schönheit durch die ähnliche Enumeration ihrer Elemente vereitelt
wird?
Allerdings wird sie das; aber hierin liegt auch die Rechtfertigung
des Homers. Eben weil die Häßlichkeit in der Schilderung des
Dichters zu einer minder widerwärtigen Erscheinung körperlicher
Unvollkommenheiten wird, und gleichsam, von der Seite ihrer Wirkung,
Häßlichkeit zu sein aufhöret, wird sie dem Dichter brauchbar; und was
er vor sich selbst nicht nutzen kann, nutzt er als ein Ingrediens, um
gewisse vermischte Empfindungen hervorzubringen und zu verstärken,
mit welchen er uns, in Ermangelung rein angenehmer Empfindungen,
unterhalten muß.
Diese vermischte Empfindungen sind das Lächerliche, und das
Schreckliche.
Homer macht den Thersites häßlich, um ihn lächerlich zu machen. Er
wird aber nicht durch seine bloße Häßlichkeit lächerlich; denn
Häßlichkeit ist Unvollkommenheit, und zu dem Lächerlichen wird ein
Kontrast von Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten erfodert 1).
Dieses ist die Erklärung meines Freundes, zu der ich hinzusetzen
möchte, daß dieser Kontrast nicht zu krall und zu schneidend sein muß,
daß die Opposita, um in der Sprache der Maler fortzufahren, von der
Art sein müssen, daß sie sich ineinander verschmelzen lassen. Der
weise und rechtschaffene Aesop wird dadurch, daß man ihm die
Häßlichkeit des Thersites gegeben, nicht lächerlich. Es war eine
alberne Mönchsfratze, das Geloion seiner lehrreichen Märchen,
vermittelst der Ungestaltheit auch in seine Person verlegen zu wollen.
Denn ein mißgebildeter Körper und eine schöne Seele sind wie Öl und
Essig, die, wenn man sie schon ineinander schlägt, für den Geschmack
doch immer getrennet bleiben. Sie gewähren kein Drittes; der Körper
erweckt Verdruß, die Seele Wohlgefallen; jedes das seine für sich.
Nur wenn der mißgebildete Körper zugleich gebrechlich und kränklich
ist, wenn er die Seele in ihren Wirkungen hindert, wenn er die Quelle
nachteiliger Vorurteile gegen sie wird: alsdenn fließen Verdruß und
Wohlgefallen ineinander; aber die neue daraus entspringende
Erscheinung ist nicht Lachen, sondern Mitleid, und der Gegenstand,
den wir ohne dieses nur hochgeachtet hätten, wird interessant. Der
mißgebildete gebrechliche Pope mußte seinen Freunden weit
interessanter sein, als der schöne und gesunde Wycherley den seinigen.
--So wenig aber Thersites durch die bloße Häßlichkeit lächerlich wird,
ebensowenig würde er es ohne dieselbe sein. Die Häßlichkeit; die
Übereinstimmung dieser Häßlichkeit mit seinem Charakter; der
Widerspruch, den beide mit der Idee machen, die er von seiner eigenen
Wichtigkeit heget; die unschädliche, ihn allein demütigende Wirkung
seines boshaften Geschwätzes: alles muß zusammen zu diesem Zwecke
wirken. Der letztere Umstand ist das Ou jJartikon, welches
Aristoteles 2) unumgänglich zu dem Lächerlichen verlanget; so wie es
auch mein Freund zu einer notwendigen Bedingung macht, daß jener
Kontrast von keiner Wichtigkeit sein, und uns nicht sehr
interessieren müsse. Denn man nehme auch nur an, daß dem Thersites
selbst seine hämische Verkleinerung des Agamemnons teurer zu stehen
gekommen wäre, daß er sie, anstatt mit ein paar blutigen Schwielen,
mit dem Leben bezahlen müssen: und wir würden aufhören, über ihn zu
lachen. Denn dieses Scheusal von einem Menschen ist doch ein Mensch,
dessen Vernichtung uns stets ein größeres Übel scheinet, als alle
seine Gebrechen und Laster. Um die Erfahrung hiervon zu machen, lese
man sein Ende bei dem Quintus Calaber 3). Achilles bedauert, die
Penthesilea getötet zu haben: die Schönheit in ihrem Blute, so tapfer
vergossen, fodert die Hochachtung und das Mitleid des Helden; und
Hochachtung und Mitleid werden Liebe. Aber der schmähsüchtige
Thersites macht ihm diese Liebe zu einem Verbrechen. Er eifert wider
die Wollust, die auch den wackersten Mann zu Unsinnigkeiten verleite;
{1. Philos. Schriften des Hrn. Moses Mendelssohn T. II. S. 23.}
{2. De poetica cap. V.}
{3. Paralipom. lib. I. v. 720-775.}
--ht' ajrona jvta tiJhsi
Kai pinuton per eonta.--
Achilles ergrimmt, und ohne ein Wort zu versetzen, schlÄgt er ihn so
unsanft zwischen Back' und Ohr, daß ihm Zähne, und Blut und Seele mit
eins aus dem Halse stÜrzen. Zu grausam! Der jachzornige mÖrderische
Achilles wird mir verhaßter, als der tückische knurrende Thersites;
das Freudengeschrei, welches die Griechen über diese Tat erheben,
beleidiget mich; ich trete auf die Seite des Diomedes, der schon das
Schwert zucket, seinen Anverwandten an dem Mörder zu rächen: denn ich
empfinde es, daß Thersites auch mein Anverwandter ist, ein Mensch.
Gesetzt aber gar, die Verhetzungen des Thersites wären in Meuterei
ausgebrochen, das aufrührerische Volk wäre wirklich zu Schiffe
gegangen und hätte seine Heerführer verräterisch zurückgelassen, die
Heerführer wären hier einem rachsüchtigen Feinde in die Hände
gefallen, und dort hätte ein göttliches Strafgerichte über Flotte und
Volk ein gänzliches Verderben verhangen: wie würde uns alsdenn die
Häßlichkeit des Thersites erscheinen? Wenn unschädliche Häßlichkeit
lächerlich werden kann, so ist schädliche Häßlichkeit allezeit
schrecklich. Ich weiß dieses nicht besser zu erläutern, als mit ein
paar vortrefflichen Stellen des Shakespeare: Edmund, der Bastard des
Grafen von Gloster, im "König Lear", ist kein geringerer Bösewicht,
als Richard, Herzog von Gloucester, der sich durch die
abscheulichsten Verbrechen den Weg zum Throne bahnte, den er unter
dem Namen Richard der Dritte bestieg. Aber wie kommt es, daß jener
bei weitem nicht so viel Schaudern und Entsetzen erwecket als dieser?
Wenn ich den Bastard sagen höre 4):
{4. King Lear. Act. I. Sc. II.}
Thou, nature, art my goddess, to thy law
My services are bound; wherefore should I
Stand in the plague of custom, and permit
The courtesy of nations to deprive me,
For that I am some twelve, or fourteen moonshines
Lag of a brother? Why bastard? wherefore base?
When my dimensions are as well compact,
My mind as gen'rous, and my shape as true
As honest madam's issue? Why brand they thus
With base? with baseness? bastardy, base? base?
Who, in the lusty stealth of nature, take
More composition and fierce quality,
Than doth, within a dull, stale, tired bed,
Go to creating, a whole tribe of fops,
Got' 'tween a-sleep and wake?
so hÖre ich einen Teufel, aber ich sehe ihn in der Gestalt eines
Engels des Lichts. Höre ich hingegen den Grafen von Gloucester sagen
5):
{5. The life and death of Richard III. Act. I. Sc. 1.}
But I, that am not shap'd for sportive tricks
Nor made to court an am'rous looking-glass,
I, that am rudely stampt, and want love's majesty
To strut before a wanton, ambling nymph;
I, that am curtail'd of this fair proportion,
Cheated of feature by dissembling nature,
Deform'd, unfinish'd, sent before my time
Into this breathing world, scarce half made up,
And that so lamely and unfashionably,
That dogs bark at me, as I halt by them:
Why I (in this weak piping time of peace)
Have no delight to pass away the time;
Unless to spy my shadow in the sun,
And descant on mine own deformity.
And therefore, since I cannot prove a lover,
To entertain these fair well-spoken days,
I am determined, to prove a villain!
so hÖre ich einen Teufel, und sehe einen Teufel; in einer Gestalt,
die der Teufel allein haben sollte.