XXIII.

Ein einziger unschicklicher Teil kann die übereinstimmende Wirkung

vieler zur Schönheit stören. Doch wird der Gegenstand darum noch

nicht häßlich. Auch die Häßlichkeit erfodert mehrere unschickliche

Teile, die wir ebenfalls auf einmal müssen übersehen können, wenn wir

dabei das Gegenteil von dem empfinden sollen, was uns die Schönheit

empfinden läßt.

Sonach würde auch die Häßlichkeit, ihrem Wesen nach, kein Vorwurf der

Poesie sein können; und dennoch hat Homer die äußerste Häßlichkeit in

dem Thersites geschildert, und sie nach ihren Teilen nebeneinander

geschildert. Warum war ihm bei der Häßlichkeit vergönnet, was er bei

der Schönheit so einsichtsvoll sich selbst untersagte? Wird die

Wirkung der Häßlichkeit, durch die aufeinanderfolgende Enumeration

ihrer Elemente, nicht ebensowohl gehindert, als die Wirkung der

Schönheit durch die ähnliche Enumeration ihrer Elemente vereitelt

wird?

Allerdings wird sie das; aber hierin liegt auch die Rechtfertigung

des Homers. Eben weil die Häßlichkeit in der Schilderung des

Dichters zu einer minder widerwärtigen Erscheinung körperlicher

Unvollkommenheiten wird, und gleichsam, von der Seite ihrer Wirkung,

Häßlichkeit zu sein aufhöret, wird sie dem Dichter brauchbar; und was

er vor sich selbst nicht nutzen kann, nutzt er als ein Ingrediens, um

gewisse vermischte Empfindungen hervorzubringen und zu verstärken,

mit welchen er uns, in Ermangelung rein angenehmer Empfindungen,

unterhalten muß.

Diese vermischte Empfindungen sind das Lächerliche, und das

Schreckliche.

Homer macht den Thersites häßlich, um ihn lächerlich zu machen. Er

wird aber nicht durch seine bloße Häßlichkeit lächerlich; denn

Häßlichkeit ist Unvollkommenheit, und zu dem Lächerlichen wird ein

Kontrast von Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten erfodert 1).

Dieses ist die Erklärung meines Freundes, zu der ich hinzusetzen

möchte, daß dieser Kontrast nicht zu krall und zu schneidend sein muß,

daß die Opposita, um in der Sprache der Maler fortzufahren, von der

Art sein müssen, daß sie sich ineinander verschmelzen lassen. Der

weise und rechtschaffene Aesop wird dadurch, daß man ihm die

Häßlichkeit des Thersites gegeben, nicht lächerlich. Es war eine

alberne Mönchsfratze, das Geloion seiner lehrreichen Märchen,

vermittelst der Ungestaltheit auch in seine Person verlegen zu wollen.

Denn ein mißgebildeter Körper und eine schöne Seele sind wie Öl und

Essig, die, wenn man sie schon ineinander schlägt, für den Geschmack

doch immer getrennet bleiben. Sie gewähren kein Drittes; der Körper

erweckt Verdruß, die Seele Wohlgefallen; jedes das seine für sich.

Nur wenn der mißgebildete Körper zugleich gebrechlich und kränklich

ist, wenn er die Seele in ihren Wirkungen hindert, wenn er die Quelle

nachteiliger Vorurteile gegen sie wird: alsdenn fließen Verdruß und

Wohlgefallen ineinander; aber die neue daraus entspringende

Erscheinung ist nicht Lachen, sondern Mitleid, und der Gegenstand,

den wir ohne dieses nur hochgeachtet hätten, wird interessant. Der

mißgebildete gebrechliche Pope mußte seinen Freunden weit

interessanter sein, als der schöne und gesunde Wycherley den seinigen.

--So wenig aber Thersites durch die bloße Häßlichkeit lächerlich wird,

ebensowenig würde er es ohne dieselbe sein. Die Häßlichkeit; die

Übereinstimmung dieser Häßlichkeit mit seinem Charakter; der

Widerspruch, den beide mit der Idee machen, die er von seiner eigenen

Wichtigkeit heget; die unschädliche, ihn allein demütigende Wirkung

seines boshaften Geschwätzes: alles muß zusammen zu diesem Zwecke

wirken. Der letztere Umstand ist das Ou jJartikon, welches

Aristoteles 2) unumgänglich zu dem Lächerlichen verlanget; so wie es

auch mein Freund zu einer notwendigen Bedingung macht, daß jener

Kontrast von keiner Wichtigkeit sein, und uns nicht sehr

interessieren müsse. Denn man nehme auch nur an, daß dem Thersites

selbst seine hämische Verkleinerung des Agamemnons teurer zu stehen

gekommen wäre, daß er sie, anstatt mit ein paar blutigen Schwielen,

mit dem Leben bezahlen müssen: und wir würden aufhören, über ihn zu

lachen. Denn dieses Scheusal von einem Menschen ist doch ein Mensch,

dessen Vernichtung uns stets ein größeres Übel scheinet, als alle

seine Gebrechen und Laster. Um die Erfahrung hiervon zu machen, lese

man sein Ende bei dem Quintus Calaber 3). Achilles bedauert, die

Penthesilea getötet zu haben: die Schönheit in ihrem Blute, so tapfer

vergossen, fodert die Hochachtung und das Mitleid des Helden; und

Hochachtung und Mitleid werden Liebe. Aber der schmähsüchtige

Thersites macht ihm diese Liebe zu einem Verbrechen. Er eifert wider

die Wollust, die auch den wackersten Mann zu Unsinnigkeiten verleite;

{1. Philos. Schriften des Hrn. Moses Mendelssohn T. II. S. 23.}

{2. De poetica cap. V.}

{3. Paralipom. lib. I. v. 720-775.}

--ht' ajrona jvta tiJhsi

Kai pinuton per eonta.--

Achilles ergrimmt, und ohne ein Wort zu versetzen, schlÄgt er ihn so

unsanft zwischen Back' und Ohr, daß ihm Zähne, und Blut und Seele mit

eins aus dem Halse stÜrzen. Zu grausam! Der jachzornige mÖrderische

Achilles wird mir verhaßter, als der tückische knurrende Thersites;

das Freudengeschrei, welches die Griechen über diese Tat erheben,

beleidiget mich; ich trete auf die Seite des Diomedes, der schon das

Schwert zucket, seinen Anverwandten an dem Mörder zu rächen: denn ich

empfinde es, daß Thersites auch mein Anverwandter ist, ein Mensch.

Gesetzt aber gar, die Verhetzungen des Thersites wären in Meuterei

ausgebrochen, das aufrührerische Volk wäre wirklich zu Schiffe

gegangen und hätte seine Heerführer verräterisch zurückgelassen, die

Heerführer wären hier einem rachsüchtigen Feinde in die Hände

gefallen, und dort hätte ein göttliches Strafgerichte über Flotte und

Volk ein gänzliches Verderben verhangen: wie würde uns alsdenn die

Häßlichkeit des Thersites erscheinen? Wenn unschädliche Häßlichkeit

lächerlich werden kann, so ist schädliche Häßlichkeit allezeit

schrecklich. Ich weiß dieses nicht besser zu erläutern, als mit ein

paar vortrefflichen Stellen des Shakespeare: Edmund, der Bastard des

Grafen von Gloster, im "König Lear", ist kein geringerer Bösewicht,

als Richard, Herzog von Gloucester, der sich durch die

abscheulichsten Verbrechen den Weg zum Throne bahnte, den er unter

dem Namen Richard der Dritte bestieg. Aber wie kommt es, daß jener

bei weitem nicht so viel Schaudern und Entsetzen erwecket als dieser?

Wenn ich den Bastard sagen höre 4):

{4. King Lear. Act. I. Sc. II.}

Thou, nature, art my goddess, to thy law

My services are bound; wherefore should I

Stand in the plague of custom, and permit

The courtesy of nations to deprive me,

For that I am some twelve, or fourteen moonshines

Lag of a brother? Why bastard? wherefore base?

When my dimensions are as well compact,

My mind as gen'rous, and my shape as true

As honest madam's issue? Why brand they thus

With base? with baseness? bastardy, base? base?

Who, in the lusty stealth of nature, take

More composition and fierce quality,

Than doth, within a dull, stale, tired bed,

Go to creating, a whole tribe of fops,

Got' 'tween a-sleep and wake?

so hÖre ich einen Teufel, aber ich sehe ihn in der Gestalt eines

Engels des Lichts. Höre ich hingegen den Grafen von Gloucester sagen

5):

{5. The life and death of Richard III. Act. I. Sc. 1.}

But I, that am not shap'd for sportive tricks

Nor made to court an am'rous looking-glass,

I, that am rudely stampt, and want love's majesty

To strut before a wanton, ambling nymph;

I, that am curtail'd of this fair proportion,

Cheated of feature by dissembling nature,

Deform'd, unfinish'd, sent before my time

Into this breathing world, scarce half made up,

And that so lamely and unfashionably,

That dogs bark at me, as I halt by them:

Why I (in this weak piping time of peace)

Have no delight to pass away the time;

Unless to spy my shadow in the sun,

And descant on mine own deformity.

And therefore, since I cannot prove a lover,

To entertain these fair well-spoken days,

I am determined, to prove a villain!

so hÖre ich einen Teufel, und sehe einen Teufel; in einer Gestalt,

die der Teufel allein haben sollte.

Laokoon: Oder, Über die Grenzen der Malerei und Poesie · 第 29 / 36 题