Und dennoch sollte selbst Homer in diese frostigen Ausmalungen
kÖrperlicher Gegenstände verfallen sein?-Ich will hoffen, daß es nur
sehr wenige Stellen sind, auf die man sich desfalls berufen kann; und
ich bin versichert, daß auch diese wenige Stellen von der Art sind,
daß sie die Regel, von der sie eine Ausnahme zu sein scheinen,
vielmehr bestätigen.
Es bleibt dabei: die Zeitfolge ist das Gebiete des Dichters, so wie
der Raum das Gebiete des Malers.
Zwei notwendig entfernte Zeitpunkte in ein und ebendasselbe Gemälde
bringen, so wie Fr. Mazzuoli den Raub der sabinischen Jungfrauen,
und derselben Aussöhnung ihrer Ehemänner mit ihren Anverwandten; oder
wie Tizian die ganze Geschichte des verlornen Sohnes, sein
liederliches Leben und sein Elend und seine Reue: heißt ein Eingriff
des Malers in das Gebiete des Dichters, den der gute Geschmack nie
billigen wird.
Mehrere Teile oder Dinge, die ich notwendig in der Natur auf einmal
übersehen muß, wenn sie ein Ganzes hervorbringen sollen, dem Leser
nach und nach zuzählen, um ihm dadurch ein Bild von dem Ganzen machen
zu wollen: heißt ein Eingriff des Dichters in das Gebiete des Malers,
wobei der Dichter viel Imagination ohne allen Nutzen verschwendet.
Doch, so wie zwei billige freundschaftliche Nachbarn zwar nicht
verstatten, daß sich einer in des andern innerstem Reiche
ungeziemende Freiheiten herausnehme, wohl aber auf den äußersten
Grenzen eine wechselseitige Nachsicht herrschen lassen, welche die
kleinen Eingriffe, die der eine in des andern Gerechtsame in der
Geschwindigkeit sich durch seine Umstände zu tun genötiget siehet,
friedlich von beiden Teilen kompensieret: so auch die Malerei und
Poesie.
Ich will in dieser Absicht nicht anführen, daß in großen historischen
Gemälden der einzige Augenblick fast immer um etwas erweitert ist,
und daß sich vielleicht kein einziges an Figuren sehr reiches Stück
findet, in welchem jede Figur vollkommen die Bewegung und Stellung
hat, die sie in dem Augenblicke der Haupthandlung haben sollte; die
eine hat eine etwas frühere, die andere eine etwas spätere. Es ist
dieses eine Freiheit, die der Meister durch gewisse Feinheiten in der
Anordnung rechtfertigen muß, durch die Verwendung oder Entfernung
seiner Personen, die ihnen an dem, was vorgehet, einen mehr oder
weniger augenblicklichen Anteil zu nehmen erlaubet. Ich will mich
bloß einer Anmerkung bedienen, welche Herr Mengs über die Draperie
des Raffaels macht 1). "Alle Falten", sagt er, "haben bei ihm ihre
Ursachen, es sei durch ihr eigen Gewichte, oder durch die Ziehung der
Glieder. Manchmal siehet man in ihnen, wie sie vorher gewesen;
Raffael hat auch sogar in diesem Bedeutung gesucht. Man siehet an
den Falten, ob ein Bein oder Arm vor dieser Regung vor oder hinten
gestanden, ob das Glied von Krümme zur Ausstreckung gegangen, oder
gehet, oder ob es ausgestreckt gewesen, und sich krümmet." Es ist
unstreitig, daß der Künstler in diesem Falle zwei verschiedene
Augenblicke in einen einzigen zusammenbringt. Denn da dem Fuße,
welcher hinten gestanden und sich vorbewegt, der Teil des Gewands,
welcher auf ihm liegt, unmittelbar folget, das Gewand wäre denn von
sehr steifem Zeuge, der aber eben darum zur Malerei ganz unbequem ist:
so gibt es keinen Augenblick, in welchem das Gewand im geringsten
eine andere Falte machte, als es der itzige Stand des Gliedes
erfodert; sondern läßt man es eine andere Falte machen, so ist es der
vorige Augenblick des Gewandes und der itzige des Gliedes.
Demohngeachtet, wer wird es mit dem Artisten so genau nehmen, der
seinen Vorteil dabei findet, uns diese beiden Augenblicke zugleich zu
zeigen? Wer wird ihn nicht vielmehr rühmen, daß er den Verstand und
das Herz gehabt hat, einen solchen geringen Fehler zu begehen, um
eine größere Vollkommenheit des Ausdruckes zu erreichen?
{1. Gedanken über die Schönheit und über den Geschmack in der Malerei.
S. 69.}
Gleiche Nachsicht verdienet der Dichter. Seine fortschreitende
Nachahmung erlaubet ihm eigentlich, auf einmal nur eine einzige Seite,
eine einzige Eigenschaft seiner körperlichen Gegenstände zu berühren.
Aber wenn die glückliche Einrichtung seiner Sprache ihm dieses mit
einem einzigen Worte zu tun verstattet; warum sollte er nicht auch
dann und wann ein zweites solches Wort hinzufügen dürfen? Warum
nicht auch, wann es die Mühe verlohnet, ein drittes? Oder wohl gar
ein viertes? Ich habe gesagt, dem Homer sei zum Exempel ein Schiff,
entweder nur das schwarze Schiff, oder das hohle Schiff, oder das
schnelle Schiff, höchstens das wohlberuderte schwarze Schiff. Zu
verstehen von seiner Manier überhaupt. Hier und da findet sich eine
Stelle, wo er das dritte malende Epitheton hinzusetzet: Kampula kukla,
calkea, oktaknhma 2), "runde, eherne, achtspeichigte Räder". Auch
das vierte: aspida pantose ishn, kalhn, calkeihn, exhlaton 3) "ein
überall glattes, schönes, ehernes, getriebenes Schild". Wer wird ihn
darum tadeln? Wer wird ihm diese kleine Üppigkeit nicht vielmehr
Dank wissen, wenn er empfindet, welche gute Wirkung sie an wenigen
schicklichen Stellen haben kann?
{2. Iliad. E. v. 722.}
{3. Iliad. M. v. 294.}
Des Dichters sowohl als des Malers eigentliche Rechtfertigung
hierüber will ich aber nicht aus dem vorangeschickten Gleichnisse von
zwei freundschaftlichen Nachbarn hergeleitet wissen. Ein bloßes
Gleichnis beweiset und rechtfertiget nichts. Sondern dieses muß sie
rechtfertigen: so wie dort bei dem Maler die zwei verschiednen
Augenblicke so nahe und unmittelbar aneinander grenzen, daß sie ohne
Anstoß für einen einzigen gelten können; so folgen auch hier bei dem
Dichter die mehrern Züge für die verschiednen Teile und Eigenschaften
im Raume in einer solchen gedrängten Kürze so schnell aufeinander,
daß wir sie alle auf einmal zu hören glauben.
Und hierin, sage ich, kömmt dem Homer seine vortreffliche Sprache
ungemein zustatten. Sie läßt ihm nicht allein alle mögliche Freiheit
in Häufung und Zusammensetzung der Beiwörter, sondern sie hat auch
für diese gehäufte Beiwörter eine so glückliche Ordnung, daß der
nachteiligen Suspension ihrer Beziehung dadurch abgeholfen wird. An
einer oder mehreren dieser Bequemlichkeiten fehlt es den neuern
Sprachen durchgängig. Diejenigen, als die französische, welche z. E.
jenes Kampula kukla, calkea, oktaknhma umschreiben müssen: "die
runden Räder, welche von Erzt waren und acht Speichen hatten",
drücken den Sinn aus, aber vernichten das Gemälde. Gleichwohl ist
der Sinn hier nichts, und das Gemälde alles; und jener ohne dieses
macht den lebhaftesten Dichter zum langweiligsten Schwätzer. Ein
Schicksal, das den guten Homer unter der Feder der gewissenhaften
Frau Dacier oft betroffen hat. Unsere deutsche Sprache hingegen kann
zwar die Homerischen Beiwörter meistens in ebenso kurze
gleichgeltende Beiwörter verwandeln, aber die vorteilhafte Ordnung
derselben kann sie der griechischen nicht nachmachen. Wir sagen zwar
"die runden, ehernen, achtspeichigten"--aber Räder' schleppt hinten
nach. Wer empfindet nicht, daß drei verschiedne Prädikate, ehe wir
das Subjekt erfahren, nur ein sehr schwankes verwirrtes Bild machen
können? Der Grieche verbindet das Subjekt gleich mit dem ersten
Prädikate, und läßt die andern nachfolgen; er sagt: "runde Räder,
eherne, achtspeichigte". So wissen wir mit eins wovon er redet, und
werden, der natürlichen Ordnung des Denkens gemäß, erst mit dem Dinge,
und dann mit seinen Zufälligkeiten bekannt. Diesen Vorteil hat
unsere Sprache nicht. Oder soll ich sagen, sie hat ihn, und kann ihn
nur selten ohne Zweideutigkeit nutzen? Beides ist eins. Denn wenn
wir Beiwörter hintennach setzen wollen, so müssen sie im statu
absoluto stehen; wir müssen sagen: runde Räder, ehern und
achtspeichigt. Allein in diesem statu kommen unsere Adjektiva völlig
mit den Adverbiis überein, und müssen, wenn man sie als solche zu dem
nächsten Zeitworte, das von dem Dinge prädizieret wird, ziehet, nicht
selten einen ganz falschen, allezeit aber einen sehr schielenden Sinn
verursachen.
Doch ich halte mich bei Kleinigkeiten auf, und scheine das Schild
vergessen zu wollen, das Schild des Achilles; dieses berühmte Gemälde,
in dessen Rücksicht vornehmlich Homer vor alters als ein Lehrer der
Malerei 4) betrachtet wurde. Ein Schild, wird man sagen, ist doch
wohl ein einzelner körperlicher Gegenstand, dessen Beschreibung nach
seinen Teilen nebeneinander dem Dichter nicht vergönnet sein soll?
Und dieses Schild hat Homer, in mehr als hundert prächtigen Versen,
nach seiner Materie, nach seiner Form, nach allen Figuren, welche die
ungeheure Fläche desselben füllten, so umständlich, so genau
beschrieben, daß es neuern Künstlern nicht schwer gefallen, eine in
allen Stücken übereinstimmende Zeichnung darnach zu machen.
{4. Dionysius Halicarnass. in vita Homeri apud Th. Gale in Opusc.
Mythol. p. 401.}
Ich antworte auf diesen besondern Einwurf,--daß ich bereits darauf
geantwortet habe. Homer malet nämlich das Schild nicht als ein
fertiges vollendetes, sondern als ein werdendes Schild. Er hat also
auch hier sich des gepriesenen Kunstgriffes bedienet, das
Koexistierende seines Vorwurfs in ein Konsekutives zu verwandeln, und
dadurch aus der langweiligen Malerei eines Körpers das lebendige
Gemälde einer Handlung zu machen. Wir sehen nicht das Schild,
sondern den göttlichen Meister, wie er das Schild verfertiget. Er
tritt mit Hammer und Zange vor seinen Amboß, und nachdem er die
Platten aus dem Gröbsten geschmiedet, schwellen die Bilder, die er zu
dessen Auszierung bestimmt, vor unsern Augen, eines nach dem andern,
unter seinen feinern Schlägen aus dem Erzte hervor. Eher verlieren
wir ihn nicht wieder aus dem Gesichte, bis alles fertig ist. Nun ist
es fertig, und wir erstaunen über das Werk, aber mit dem gläubigen
Erstaunen eines Augenzeugens, der es machen sehen.
Dieses läßt sich von dem Schilde des Aeneas beim Virgil nicht sagen.
Der römische Dichter empfand entweder die Feinheit seines Musters
hier nicht, oder die Dinge, die er auf sein Schild bringen wollte,
schienen ihm von der Art zu sein, daß sie die Ausführung vor unsern
Augen nicht wohl verstatteten. Es waren Prophezeiungen, von welchen
es freilich unschicklich gewesen wäre, wenn sie der Gott in unserer
Gegenwart ebenso deutlich geäußert hätte, als sie der Dichter hernach
ausleget. Prophezeiungen, als Prophezeiungen, verlangen eine
dunkelere Sprache, in welche die eigentlichen Namen der Personen aus
der Zukunft, die sie betreffen, nicht passen. Gleichwohl lag an
diesen wahrhaften Namen, allem Ansehen nach, dem Dichter und Hofmanne
hier das meiste 5). Wenn ihn aber dieses entschuldiget, so hebt es
darum nicht auch die üble Wirkung auf, welche seine Abweichung von
dem Homerischen Wege hat. Leser von einem feinern Geschmacke werden
mir recht geben. Die Anstalten, welche Vulkan zu seiner Arbeit macht,
sind bei dem Virgil ungefähr eben die, welche ihn Homer machen läßt.
Aber anstatt daß wir bei dem Homer nicht bloß die Anstalten zur
Arbeit, sondern auch die Arbeit selbst zu sehen bekommen, läßt Virgil,
nachdem er uns nur den geschäftigen Gott mit seinem Cyklopen
überhaupt gezeiget,
{5. Ich finde, daß Servius dem Virgil eine andere Entschuldigung
leihet. Denn auch Servius hat den Unterschied, der zwischen beiden
Schilden ist, bemerkt: Sane interest inter hunc er Homeri clipeum:
illic enim singula dum fiunt narrantur; hic vero perfecto opere
noscuntur: nam et hic arma prius accipit Aeneas, quam spectaret; ibi
postquam omnia narrata sunt, sic a Thetide deferuntur ad Achillem (ad
v. 625 lib. VIII. Aeneid.). Und warum dieses? Darum, meinet
Servius, weil auf dem Schilde des Aeneas nicht bloß die wenigen
Begebenheiten, die der Dichter anführet, sondern
--genus omne futurae
Stirpis ab Ascanio, pugnataque in ordine bella
abgebildet waren. Wie wÄre es also mÖglich gewesen, daß mit eben der
Geschwindigkeit, in welcher Vulkan das Schild arbeiten mußte, der
Dichter die ganze lange Reihe von Nachkommen hätte namhaft machen,
und alle von ihnen nach der Ordnung gefÜhrte Kriege hätte erwähnen
können? Dieses ist der Verstand der etwas dunkeln Worte des Servius:
Opportune ergo Virgilius, quia non videtur simul et narrationis
celeritas potuisse connecti, et opus tam velociter expediri, ut ad
verbum posset occurrere. Da Virgil nur etwas weniges von dem non
enarrabili texto Clipei beibringen konnte, so konnte er es nicht
während der Arbeit des Vulkanus selbst tun; sondern er mußte es
versparen, bis alles fertig war. Ich wünschte für den Virgil sehr,
dieses Raisonnement des Servius wäre ganz ohne Grund; meine
Entschuldigung würde ihm weit rühmlicher sein. Denn wer hieß ihm,
die ganze römische Geschichte auf ein Schild bringen? Mit wenig
Gemälden machte Homer sein Schild zu einem Inbegriffe von allem, was
in der Welt vorgehet. Scheinet es nicht, als ob Virgil, da er den
Griechen nicht in den Vorwürfen und in der Ausführung der Gemälde
übertreffen können, ihn wenigstens in der Anzahl derselben
übertreffen wollen? Und was wäre kindischer gewesen?}
Ingentem clipeum informant--
--Alii ventosis follibus auras
Accipiunt, redduntque: alii stridentia tingunt
Aera lacu. Gemit impositis incudibus antrum.
Illi inter sese multa vi brachia tollunt
In numerum, versantque tenaci forcipe massam 6).
den Vorhang auf einmal niederfallen, und versetzt uns in eine ganz
andere Szene, von da er uns allmÄhlich in das Tal bringt, in welchem
die Venus mit den indes fertig gewordenen Waffen bei dem Aeneas
anlangt. Sie lehnet sie an den Stamm einer Eiche, und nachdem sie
der Held genug begaffet, und bestaunet, und betastet, und versuchet,
hebt sich die Beschreibung, oder das Gemälde des Schildes an, welches
durch das ewige: Hier ist, und Da ist, Nahe dabei stehet, und Nicht
weit davon siehet man--so kalt und langweilig wird, daß alle der
poetische Schmuck, den ihm ein Virgil geben konnte, nÖtig war, um es
uns nicht unerträglich finden zu lassen. Da dieses Gemälde
hiernächst nicht Aeneas macht, als welcher sich an den bloßen Figuren
ergötzet, und von der Bedeutung derselben nichts weiß,
--rerumque ignarus imagine gaudet;
auch nicht Venus, ob sie schon von den kÜnftigen Schicksalen ihrer
lieben Enkel vermutlich ebensoviel wissen mußte, als der gutwillige
Ehemann; sondern da es aus dem eigenen Munde des Dichters kÖmmt: so
bleibet die Handlung offenbar wÄhrend demselben stehen. Keine
einzige von seinen Personen nimmt daran teil; es hat auch auf das
Folgende nicht den geringsten Einfluß, ob auf dem Schilde dieses,
oder etwas anders, vorgestellet ist; der witzige Hofmann leuchtet
überall durch, der mit allerlei schmeichelhaften Anspielungen seine
Materie aufstutzet, aber nicht das große Genie, das sich auf die
eigene innere Stärke seines Werks verläßt, und alle äußere Mittel,
interessant zu werden, verachtet. Das Schild des Aeneas ist folglich
ein wahres Einschiebsel, einzig und allein bestimmt, dem
Nationalstolze der Römer zu schmeicheln; ein fremdes Bächlein, das
der Dichter in seinen Strom leitet, um ihn etwas reger zu machen.
Das Schild des Achilles hingegen ist Zuwachs des eigenen fruchtbaren
Bodens; denn ein Schild mußte gemacht werden, und da das Notwendige
aus der Hand der Gottheit nie ohne Anmut kömmt, so mußte das Schild
auch Verzierungen haben. Aber die Kunst war, diese Verzierungen als
bloße Verzierungen zu behandeln, sie in den Stoff einzuweben, um sie
uns nur bei Gelegenheit des Stoffes zu zeigen; und dieses ließ sich
allein in der Manier des Homers tun. Homer läßt den Vulkan Zieraten
künsteln, weil und indem er ein Schild machen soll, das seiner würdig
ist. Virgil hingegen scheinet ihn das Schild wegen der Zieraten
machen zu lassen, da er die Zieraten für wichtig genug hält, um sie
besonders zu beschreiben, nachdem das Schild lange fertig ist.
{6. Aeneid. lib. VIII. 447-454.}