XVIII.

Und dennoch sollte selbst Homer in diese frostigen Ausmalungen

kÖrperlicher Gegenstände verfallen sein?-Ich will hoffen, daß es nur

sehr wenige Stellen sind, auf die man sich desfalls berufen kann; und

ich bin versichert, daß auch diese wenige Stellen von der Art sind,

daß sie die Regel, von der sie eine Ausnahme zu sein scheinen,

vielmehr bestätigen.

Es bleibt dabei: die Zeitfolge ist das Gebiete des Dichters, so wie

der Raum das Gebiete des Malers.

Zwei notwendig entfernte Zeitpunkte in ein und ebendasselbe Gemälde

bringen, so wie Fr. Mazzuoli den Raub der sabinischen Jungfrauen,

und derselben Aussöhnung ihrer Ehemänner mit ihren Anverwandten; oder

wie Tizian die ganze Geschichte des verlornen Sohnes, sein

liederliches Leben und sein Elend und seine Reue: heißt ein Eingriff

des Malers in das Gebiete des Dichters, den der gute Geschmack nie

billigen wird.

Mehrere Teile oder Dinge, die ich notwendig in der Natur auf einmal

übersehen muß, wenn sie ein Ganzes hervorbringen sollen, dem Leser

nach und nach zuzählen, um ihm dadurch ein Bild von dem Ganzen machen

zu wollen: heißt ein Eingriff des Dichters in das Gebiete des Malers,

wobei der Dichter viel Imagination ohne allen Nutzen verschwendet.

Doch, so wie zwei billige freundschaftliche Nachbarn zwar nicht

verstatten, daß sich einer in des andern innerstem Reiche

ungeziemende Freiheiten herausnehme, wohl aber auf den äußersten

Grenzen eine wechselseitige Nachsicht herrschen lassen, welche die

kleinen Eingriffe, die der eine in des andern Gerechtsame in der

Geschwindigkeit sich durch seine Umstände zu tun genötiget siehet,

friedlich von beiden Teilen kompensieret: so auch die Malerei und

Poesie.

Ich will in dieser Absicht nicht anführen, daß in großen historischen

Gemälden der einzige Augenblick fast immer um etwas erweitert ist,

und daß sich vielleicht kein einziges an Figuren sehr reiches Stück

findet, in welchem jede Figur vollkommen die Bewegung und Stellung

hat, die sie in dem Augenblicke der Haupthandlung haben sollte; die

eine hat eine etwas frühere, die andere eine etwas spätere. Es ist

dieses eine Freiheit, die der Meister durch gewisse Feinheiten in der

Anordnung rechtfertigen muß, durch die Verwendung oder Entfernung

seiner Personen, die ihnen an dem, was vorgehet, einen mehr oder

weniger augenblicklichen Anteil zu nehmen erlaubet. Ich will mich

bloß einer Anmerkung bedienen, welche Herr Mengs über die Draperie

des Raffaels macht 1). "Alle Falten", sagt er, "haben bei ihm ihre

Ursachen, es sei durch ihr eigen Gewichte, oder durch die Ziehung der

Glieder. Manchmal siehet man in ihnen, wie sie vorher gewesen;

Raffael hat auch sogar in diesem Bedeutung gesucht. Man siehet an

den Falten, ob ein Bein oder Arm vor dieser Regung vor oder hinten

gestanden, ob das Glied von Krümme zur Ausstreckung gegangen, oder

gehet, oder ob es ausgestreckt gewesen, und sich krümmet." Es ist

unstreitig, daß der Künstler in diesem Falle zwei verschiedene

Augenblicke in einen einzigen zusammenbringt. Denn da dem Fuße,

welcher hinten gestanden und sich vorbewegt, der Teil des Gewands,

welcher auf ihm liegt, unmittelbar folget, das Gewand wäre denn von

sehr steifem Zeuge, der aber eben darum zur Malerei ganz unbequem ist:

so gibt es keinen Augenblick, in welchem das Gewand im geringsten

eine andere Falte machte, als es der itzige Stand des Gliedes

erfodert; sondern läßt man es eine andere Falte machen, so ist es der

vorige Augenblick des Gewandes und der itzige des Gliedes.

Demohngeachtet, wer wird es mit dem Artisten so genau nehmen, der

seinen Vorteil dabei findet, uns diese beiden Augenblicke zugleich zu

zeigen? Wer wird ihn nicht vielmehr rühmen, daß er den Verstand und

das Herz gehabt hat, einen solchen geringen Fehler zu begehen, um

eine größere Vollkommenheit des Ausdruckes zu erreichen?

{1. Gedanken über die Schönheit und über den Geschmack in der Malerei.

S. 69.}

Gleiche Nachsicht verdienet der Dichter. Seine fortschreitende

Nachahmung erlaubet ihm eigentlich, auf einmal nur eine einzige Seite,

eine einzige Eigenschaft seiner körperlichen Gegenstände zu berühren.

Aber wenn die glückliche Einrichtung seiner Sprache ihm dieses mit

einem einzigen Worte zu tun verstattet; warum sollte er nicht auch

dann und wann ein zweites solches Wort hinzufügen dürfen? Warum

nicht auch, wann es die Mühe verlohnet, ein drittes? Oder wohl gar

ein viertes? Ich habe gesagt, dem Homer sei zum Exempel ein Schiff,

entweder nur das schwarze Schiff, oder das hohle Schiff, oder das

schnelle Schiff, höchstens das wohlberuderte schwarze Schiff. Zu

verstehen von seiner Manier überhaupt. Hier und da findet sich eine

Stelle, wo er das dritte malende Epitheton hinzusetzet: Kampula kukla,

calkea, oktaknhma 2), "runde, eherne, achtspeichigte Räder". Auch

das vierte: aspida pantose ishn, kalhn, calkeihn, exhlaton 3) "ein

überall glattes, schönes, ehernes, getriebenes Schild". Wer wird ihn

darum tadeln? Wer wird ihm diese kleine Üppigkeit nicht vielmehr

Dank wissen, wenn er empfindet, welche gute Wirkung sie an wenigen

schicklichen Stellen haben kann?

{2. Iliad. E. v. 722.}

{3. Iliad. M. v. 294.}

Des Dichters sowohl als des Malers eigentliche Rechtfertigung

hierüber will ich aber nicht aus dem vorangeschickten Gleichnisse von

zwei freundschaftlichen Nachbarn hergeleitet wissen. Ein bloßes

Gleichnis beweiset und rechtfertiget nichts. Sondern dieses muß sie

rechtfertigen: so wie dort bei dem Maler die zwei verschiednen

Augenblicke so nahe und unmittelbar aneinander grenzen, daß sie ohne

Anstoß für einen einzigen gelten können; so folgen auch hier bei dem

Dichter die mehrern Züge für die verschiednen Teile und Eigenschaften

im Raume in einer solchen gedrängten Kürze so schnell aufeinander,

daß wir sie alle auf einmal zu hören glauben.

Und hierin, sage ich, kömmt dem Homer seine vortreffliche Sprache

ungemein zustatten. Sie läßt ihm nicht allein alle mögliche Freiheit

in Häufung und Zusammensetzung der Beiwörter, sondern sie hat auch

für diese gehäufte Beiwörter eine so glückliche Ordnung, daß der

nachteiligen Suspension ihrer Beziehung dadurch abgeholfen wird. An

einer oder mehreren dieser Bequemlichkeiten fehlt es den neuern

Sprachen durchgängig. Diejenigen, als die französische, welche z. E.

jenes Kampula kukla, calkea, oktaknhma umschreiben müssen: "die

runden Räder, welche von Erzt waren und acht Speichen hatten",

drücken den Sinn aus, aber vernichten das Gemälde. Gleichwohl ist

der Sinn hier nichts, und das Gemälde alles; und jener ohne dieses

macht den lebhaftesten Dichter zum langweiligsten Schwätzer. Ein

Schicksal, das den guten Homer unter der Feder der gewissenhaften

Frau Dacier oft betroffen hat. Unsere deutsche Sprache hingegen kann

zwar die Homerischen Beiwörter meistens in ebenso kurze

gleichgeltende Beiwörter verwandeln, aber die vorteilhafte Ordnung

derselben kann sie der griechischen nicht nachmachen. Wir sagen zwar

"die runden, ehernen, achtspeichigten"--aber Räder' schleppt hinten

nach. Wer empfindet nicht, daß drei verschiedne Prädikate, ehe wir

das Subjekt erfahren, nur ein sehr schwankes verwirrtes Bild machen

können? Der Grieche verbindet das Subjekt gleich mit dem ersten

Prädikate, und läßt die andern nachfolgen; er sagt: "runde Räder,

eherne, achtspeichigte". So wissen wir mit eins wovon er redet, und

werden, der natürlichen Ordnung des Denkens gemäß, erst mit dem Dinge,

und dann mit seinen Zufälligkeiten bekannt. Diesen Vorteil hat

unsere Sprache nicht. Oder soll ich sagen, sie hat ihn, und kann ihn

nur selten ohne Zweideutigkeit nutzen? Beides ist eins. Denn wenn

wir Beiwörter hintennach setzen wollen, so müssen sie im statu

absoluto stehen; wir müssen sagen: runde Räder, ehern und

achtspeichigt. Allein in diesem statu kommen unsere Adjektiva völlig

mit den Adverbiis überein, und müssen, wenn man sie als solche zu dem

nächsten Zeitworte, das von dem Dinge prädizieret wird, ziehet, nicht

selten einen ganz falschen, allezeit aber einen sehr schielenden Sinn

verursachen.

Doch ich halte mich bei Kleinigkeiten auf, und scheine das Schild

vergessen zu wollen, das Schild des Achilles; dieses berühmte Gemälde,

in dessen Rücksicht vornehmlich Homer vor alters als ein Lehrer der

Malerei 4) betrachtet wurde. Ein Schild, wird man sagen, ist doch

wohl ein einzelner körperlicher Gegenstand, dessen Beschreibung nach

seinen Teilen nebeneinander dem Dichter nicht vergönnet sein soll?

Und dieses Schild hat Homer, in mehr als hundert prächtigen Versen,

nach seiner Materie, nach seiner Form, nach allen Figuren, welche die

ungeheure Fläche desselben füllten, so umständlich, so genau

beschrieben, daß es neuern Künstlern nicht schwer gefallen, eine in

allen Stücken übereinstimmende Zeichnung darnach zu machen.

{4. Dionysius Halicarnass. in vita Homeri apud Th. Gale in Opusc.

Mythol. p. 401.}

Ich antworte auf diesen besondern Einwurf,--daß ich bereits darauf

geantwortet habe. Homer malet nämlich das Schild nicht als ein

fertiges vollendetes, sondern als ein werdendes Schild. Er hat also

auch hier sich des gepriesenen Kunstgriffes bedienet, das

Koexistierende seines Vorwurfs in ein Konsekutives zu verwandeln, und

dadurch aus der langweiligen Malerei eines Körpers das lebendige

Gemälde einer Handlung zu machen. Wir sehen nicht das Schild,

sondern den göttlichen Meister, wie er das Schild verfertiget. Er

tritt mit Hammer und Zange vor seinen Amboß, und nachdem er die

Platten aus dem Gröbsten geschmiedet, schwellen die Bilder, die er zu

dessen Auszierung bestimmt, vor unsern Augen, eines nach dem andern,

unter seinen feinern Schlägen aus dem Erzte hervor. Eher verlieren

wir ihn nicht wieder aus dem Gesichte, bis alles fertig ist. Nun ist

es fertig, und wir erstaunen über das Werk, aber mit dem gläubigen

Erstaunen eines Augenzeugens, der es machen sehen.

Dieses läßt sich von dem Schilde des Aeneas beim Virgil nicht sagen.

Der römische Dichter empfand entweder die Feinheit seines Musters

hier nicht, oder die Dinge, die er auf sein Schild bringen wollte,

schienen ihm von der Art zu sein, daß sie die Ausführung vor unsern

Augen nicht wohl verstatteten. Es waren Prophezeiungen, von welchen

es freilich unschicklich gewesen wäre, wenn sie der Gott in unserer

Gegenwart ebenso deutlich geäußert hätte, als sie der Dichter hernach

ausleget. Prophezeiungen, als Prophezeiungen, verlangen eine

dunkelere Sprache, in welche die eigentlichen Namen der Personen aus

der Zukunft, die sie betreffen, nicht passen. Gleichwohl lag an

diesen wahrhaften Namen, allem Ansehen nach, dem Dichter und Hofmanne

hier das meiste 5). Wenn ihn aber dieses entschuldiget, so hebt es

darum nicht auch die üble Wirkung auf, welche seine Abweichung von

dem Homerischen Wege hat. Leser von einem feinern Geschmacke werden

mir recht geben. Die Anstalten, welche Vulkan zu seiner Arbeit macht,

sind bei dem Virgil ungefähr eben die, welche ihn Homer machen läßt.

Aber anstatt daß wir bei dem Homer nicht bloß die Anstalten zur

Arbeit, sondern auch die Arbeit selbst zu sehen bekommen, läßt Virgil,

nachdem er uns nur den geschäftigen Gott mit seinem Cyklopen

überhaupt gezeiget,

{5. Ich finde, daß Servius dem Virgil eine andere Entschuldigung

leihet. Denn auch Servius hat den Unterschied, der zwischen beiden

Schilden ist, bemerkt: Sane interest inter hunc er Homeri clipeum:

illic enim singula dum fiunt narrantur; hic vero perfecto opere

noscuntur: nam et hic arma prius accipit Aeneas, quam spectaret; ibi

postquam omnia narrata sunt, sic a Thetide deferuntur ad Achillem (ad

v. 625 lib. VIII. Aeneid.). Und warum dieses? Darum, meinet

Servius, weil auf dem Schilde des Aeneas nicht bloß die wenigen

Begebenheiten, die der Dichter anführet, sondern

--genus omne futurae

Stirpis ab Ascanio, pugnataque in ordine bella

abgebildet waren. Wie wÄre es also mÖglich gewesen, daß mit eben der

Geschwindigkeit, in welcher Vulkan das Schild arbeiten mußte, der

Dichter die ganze lange Reihe von Nachkommen hätte namhaft machen,

und alle von ihnen nach der Ordnung gefÜhrte Kriege hätte erwähnen

können? Dieses ist der Verstand der etwas dunkeln Worte des Servius:

Opportune ergo Virgilius, quia non videtur simul et narrationis

celeritas potuisse connecti, et opus tam velociter expediri, ut ad

verbum posset occurrere. Da Virgil nur etwas weniges von dem non

enarrabili texto Clipei beibringen konnte, so konnte er es nicht

während der Arbeit des Vulkanus selbst tun; sondern er mußte es

versparen, bis alles fertig war. Ich wünschte für den Virgil sehr,

dieses Raisonnement des Servius wäre ganz ohne Grund; meine

Entschuldigung würde ihm weit rühmlicher sein. Denn wer hieß ihm,

die ganze römische Geschichte auf ein Schild bringen? Mit wenig

Gemälden machte Homer sein Schild zu einem Inbegriffe von allem, was

in der Welt vorgehet. Scheinet es nicht, als ob Virgil, da er den

Griechen nicht in den Vorwürfen und in der Ausführung der Gemälde

übertreffen können, ihn wenigstens in der Anzahl derselben

übertreffen wollen? Und was wäre kindischer gewesen?}

Ingentem clipeum informant--

--Alii ventosis follibus auras

Accipiunt, redduntque: alii stridentia tingunt

Aera lacu. Gemit impositis incudibus antrum.

Illi inter sese multa vi brachia tollunt

In numerum, versantque tenaci forcipe massam 6).

den Vorhang auf einmal niederfallen, und versetzt uns in eine ganz

andere Szene, von da er uns allmÄhlich in das Tal bringt, in welchem

die Venus mit den indes fertig gewordenen Waffen bei dem Aeneas

anlangt. Sie lehnet sie an den Stamm einer Eiche, und nachdem sie

der Held genug begaffet, und bestaunet, und betastet, und versuchet,

hebt sich die Beschreibung, oder das Gemälde des Schildes an, welches

durch das ewige: Hier ist, und Da ist, Nahe dabei stehet, und Nicht

weit davon siehet man--so kalt und langweilig wird, daß alle der

poetische Schmuck, den ihm ein Virgil geben konnte, nÖtig war, um es

uns nicht unerträglich finden zu lassen. Da dieses Gemälde

hiernächst nicht Aeneas macht, als welcher sich an den bloßen Figuren

ergötzet, und von der Bedeutung derselben nichts weiß,

--rerumque ignarus imagine gaudet;

auch nicht Venus, ob sie schon von den kÜnftigen Schicksalen ihrer

lieben Enkel vermutlich ebensoviel wissen mußte, als der gutwillige

Ehemann; sondern da es aus dem eigenen Munde des Dichters kÖmmt: so

bleibet die Handlung offenbar wÄhrend demselben stehen. Keine

einzige von seinen Personen nimmt daran teil; es hat auch auf das

Folgende nicht den geringsten Einfluß, ob auf dem Schilde dieses,

oder etwas anders, vorgestellet ist; der witzige Hofmann leuchtet

überall durch, der mit allerlei schmeichelhaften Anspielungen seine

Materie aufstutzet, aber nicht das große Genie, das sich auf die

eigene innere Stärke seines Werks verläßt, und alle äußere Mittel,

interessant zu werden, verachtet. Das Schild des Aeneas ist folglich

ein wahres Einschiebsel, einzig und allein bestimmt, dem

Nationalstolze der Römer zu schmeicheln; ein fremdes Bächlein, das

der Dichter in seinen Strom leitet, um ihn etwas reger zu machen.

Das Schild des Achilles hingegen ist Zuwachs des eigenen fruchtbaren

Bodens; denn ein Schild mußte gemacht werden, und da das Notwendige

aus der Hand der Gottheit nie ohne Anmut kömmt, so mußte das Schild

auch Verzierungen haben. Aber die Kunst war, diese Verzierungen als

bloße Verzierungen zu behandeln, sie in den Stoff einzuweben, um sie

uns nur bei Gelegenheit des Stoffes zu zeigen; und dieses ließ sich

allein in der Manier des Homers tun. Homer läßt den Vulkan Zieraten

künsteln, weil und indem er ein Schild machen soll, das seiner würdig

ist. Virgil hingegen scheinet ihn das Schild wegen der Zieraten

machen zu lassen, da er die Zieraten für wichtig genug hält, um sie

besonders zu beschreiben, nachdem das Schild lange fertig ist.

{6. Aeneid. lib. VIII. 447-454.}

Laokoon: Oder, Über die Grenzen der Malerei und Poesie · 第 24 / 36 题