XVII.

Aber, wird man einwenden, diese Zeichen der Poesie sind nicht bloß

aufeinanderfolgend, sie sind auch willkürlich; und als willkürliche

Zeichen sind sie allerdings fÄhig, KÖrper, so wie sie im Raume

existieren, auszudrücken. In dem Homer selbst fänden sich hiervon

Exempel, an dessen Schild des Achilles man sich nur erinnern dürfe,

um das entscheidendste Beispiel zu haben, wie weitläuftig und doch

poetisch man ein einzelnes Ding nach seinen Teilen nebeneinander

schildern könne.

Ich will auf diesen doppelten Einwurf antworten. Ich nenne ihn

doppelt, weil ein richtiger Schluß auch ohne Exempel gelten muß, und

Gegenteils das Exempel des Homers bei mir von Wichtigkeit ist, auch

wenn ich es noch durch keinen Schluß zu rechtfertigen weiß.

Es ist wahr; da die Zeichen der Rede willkürlich sind, so ist es gar

wohl möglich, daß man durch sie die Teile eines Körpers ebensowohl

aufeinanderfolgen lassen kann, als sie in der Natur nebeneinander

befindlich sind. Allein dieses ist eine Eigenschaft der Rede und

ihrer Zeichen überhaupt, nicht aber insoferne sie der Absicht der

Poesie am bequemsten sind. Der Poet will nicht bloß verständlich

werden, seine Vorstellungen sollen nicht bloß klar und deutlich sein;

hiermit begnügt sich der Prosaist. Sondern er will die Ideen, die er

in uns erwecket, so lebhaft machen, daß wir in der Geschwindigkeit

die wahren sinnlichen Eindrücke ihrer Gegenstände zu empfinden

glauben, und in diesem Augenblicke der Täuschung uns der Mittel, die

er dazu anwendet, seiner Worte, bewußt zu sein aufhören. Hierauf

lief oben die Erklärung des poetischen Gemäldes hinaus. Aber der

Dichter soll immer malen; und nun wollen wir sehen, inwieferne Körper

nach ihren Teilen nebeneinander sich zu dieser Malerei schicken.

Wie gelangen wir zu der deutlichen Vorstellung eines Dinges im Raume?

Erst betrachten wir die Teile desselben einzeln, hierauf die

Verbindung dieser Teile, und endlich das Ganze. Unsere Sinne

verrichten diese verschiedene Operationen mit einer so erstaunlichen

Schnelligkeit, daß sie uns nur eine einzige zu sein bedünken, und

diese Schnelligkeit ist unumgänglich notwendig, wann wir einen

Begriff von dem Ganzen, welcher nichts mehr als das Resultat von den

Begriffen der Teile und ihrer Verbindung ist, bekommen sollen.

Gesetzt nun also auch, der Dichter führe uns in der schönsten Ordnung

von einem Teile des Gegenstandes zu dem andern; gesetzt, er wisse uns

die Verbindung dieser Teile auch noch so klar zu machen: wie viel

Zeit gebraucht er dazu? Was das Auge mit einmal übersiehet, zählt er

uns merklich langsam nach und nach zu, und oft geschieht es, daß wir

bei dem letzten Zuge den ersten schon wiederum vergessen haben.

Jedennoch sollen wir uns aus diesen Zügen ein Ganzes bilden; dem Auge

bleiben die betrachteten Teile beständig gegenwärtig; es kann sie

abermals und abermals überlaufen: für das Ohr hingegen sind die

vernommenen Teile verloren, wann sie nicht in dem Gedächtnisse

zurückbleiben. Und bleiben sie schon da zurück: welche Mühe, welche

Anstrengung kostet es, ihre Eindrücke alle in eben der Ordnung so

lebhaft zu erneuern, sie nur mit einer mäßigen Geschwindigkeit auf

einmal zu überdecken, um zu einem etwanigen Begriffe des Ganzen zu

gelangen!

Man versuche es an einem Beispiele, welches ein Meisterstück in

seiner Art heißen kann 1).

{1. S. des Herrn v. Hallers Alpen.}

Dort ragt das hohe Haupt vom edeln Enziane

Weit übern niedern Chor der Pöbelkräuter hin,

Ein ganzes Blumenvolk dient unter seiner Fahne,

Sein blauer Bruder selbst bückt sich und ehret ihn.

Der Blumen helles Gold, in Strahlen umgebogen,

Türmt sich am Stengel auf und krönt sein grau Gewand,

Der Blätter glattes Weiß, mit tiefem Grün durchzogen,

Strahlt von dem bunten Blitz von feuchtem Diamant.

Gerechtestes Gesetz! daß Kraft sich Zier vermähle,

In einem schönen Leib wohnt eine schönre Seele.

Hier kriecht ein niedrig Kraut, gleich einem grauen Nebel,

Dem die Natur sein Blatt im Kreuze hingelegt;

Die holde Blume zeigt die zwei vergöldten Schnäbel,

Die ein von Amethyst gebildter Vogel trägt.

Dort wirft ein glänzend Blatt, in Finger ausgekerbet,

Auf einen hellen Bach den grünen Widerschein;

Der Blumen zarten Schnee, den matter Purpur färbet,

Schließt ein gestreifter Stern in weiße Strahlen ein.

Smaragd und Rosen blühn auch auf zertretner Heide,

Und Felsen decken sich mit einem Purpurkleide.

Es sind KrÄuter und Blumen, welche der gelehrte Dichter mit großer

Kunst und nach der Natur malet. Malt, aber ohne alle Täuschung malet.

Ich will nicht sagen, daß wer diese Kräuter und Blumen nie gesehen,

sich auch aus seinem Gemälde so gut als gar keine Vorstellung davon

machen kÖnne. Es mag sein, daß alle poetische Gemälde eine

vorläufige Bekanntschaft mit ihren Gegenständen erfordern. Ich will

auch nicht leugnen, daß demjenigen, dem eine solche Bekanntschaft

hier zustatten kömmt, der Dichter nicht von einigen Teilen eine

lebhaftere Idee erwecken könnte. Ich frage ihn nur, wie steht es um

den Begriff des Ganzen? Wenn auch dieser lebhafter sein soll, so

mÜssen keine einzelne Teile darin vorstechen, sondern das höhere

Licht muß auf alle gleich verteilet scheinen; unsere Einbildungskraft

muß alle gleich schnell überlaufen können, um sich das aus ihnen mit

eins zusammenzusetzen, was in der Natur mit eins gesehen wird. Ist

dieses hier der Fall? Und ist er es nicht, wie hat man sagen können,

"daß die ähnlichste Zeichnung eines Malers gegen diese poetische

Schilderung ganz matt und düster sein würde" 2)? Sie bleibet

unendlich unter dem, was Linien und Farben auf der Fläche ausdrücken

können, und der Kunstrichter, der ihr dieses übertriebene Lob

erteilet, muß sie aus einem ganz falschen Gesichtspunkte betrachtet

haben; er muß mehr auf die fremden Zieraten, die der Dichter darein

verwebet hat, auf die Erhöhung über das vegetative Leben, auf die

Entwickelung der innern Vollkommenheiten, welchen die äußere

Schönheit nur zur Schale dienet, als auf diese Schönheit selbst, und

auf den Grad der Lebhaftigkeit und Ähnlichkeit des Bildes, welches

uns der Maler, und welches uns der Dichter davon gewähren kann,

gesehen haben. Gleichwohl kömmt es hier lediglich nur auf das

letztere an, und wer da sagt, daß die bloßen Zeilen:

{2. Breitingers Kritische Dichtkunst T. II. S. 807.}

Der Blumen helles Gold, in Strahlen umgebogen,

Türmt sich am Stengel auf und krönt sein grau Gewand,

Der Blätter glattes Weiß, mit tiefem Grün durchzogen,

Strahlt von dem bunten Blitz von feuchtem Diamant--

daß diese Zeilen, in Ansehung ihres Eindrucks, mit der Nachahmung

eines Huysum wetteifern kÖnnen, muß seine Empfindung nie befragt

haben, oder sie vorsetzlich verleugnen wollen. Sie mögen sich, wenn

man die Blume selbst in der Hand hat, sehr schön dagegen rezitieren

lassen; nur vor sich allein sagen sie wenig oder nichts. Ich höre in

jedem Worte den arbeitenden Dichter, aber das Ding selbst bin ich

weit entfernet zu sehen.

Nochmals also: ich spreche nicht der Rede Überhaupt das Vermögen ab,

ein körperliches Ganze nach seinen Teilen zu schildern; sie kann es,

weil ihre Zeichen, ob sie schon aufeinander folgen, dennoch

willkürliche Zeichen sind: sondern ich spreche es der Rede als dem

Mittel der Poesie ab, weil dergleichen wörtlichen Schilderungen der

Körper das TÄuschende gebracht, worauf die Poesie vornehmlich gehet;

und dieses Täuschende, sage ich, muß ihnen darum gebrechen, weil das

Koexistierende des Körpers mit dem Konsekutiven der Rede dabei in

Kollision kömmt, und indem jenes in dieses aufgelöset wird, uns die

Zergliederung des Ganzen in seine Teile zwar erleichtert, aber die

endliche Wiederzusammensetzung dieser Teile in das Ganze ungemein

schwer, und nicht selten unmöglich gemacht wird.

Überall, wo es daher auf das Täuschende nicht ankömmt, wo man nur mit

dem Verstande seiner Leser zu tun hat, und nur auf deutliche und

soviel möglich vollständige Begriffe gehet: können diese aus der

Poesie ausgeschlossene Schilderungen der Körper gar wohl Platz haben,

und nicht allein der Prosaist, sondern auch der dogmatische Dichter

(denn da wo er dogmatisieret, ist er kein Dichter), können sich ihrer

mit vielem Nutzen bedienen. So schildert z. E. Virgil in seinem

Gedichte vom Landbaue eine zur Zucht tüchtige Kuh:

--Optima torvae

Forma bovis, cui turpe caput, cui plurima cervix,

Et crurum tenus a mento palearia pendent.

Tum longo nullus lateri modus: omnia magna:

Pes etiam, et camuris hirtae sub cornibus aures.

Nec mihi displiceat maculis insignis et albo,

Aut juga detractans interdumque aspera cornu,

Et faciem tauro propior; quaeque ardua tota,

Et gradiens ima verrit vestigia cauda.

Oder ein schönes Füllen:

--Illi ardua cervix

Argutumque caput, brevis alvus, obesaque terga

Luxuriatque toris animosum pectus etc. 3)

{3. Georg. lib. III. v. 51 et 79.}

Denn wer sieht nicht, daß dem Dichter hier mehr an der

Auseinandersetzung der Teile, als an dem Ganzen gelegen gewesen? Er

will uns die Kennzeichen eines schÖnen FÜllens, einer tüchtigen Kuh

zuzÄhlen, um uns in den Stand zu setzen, nachdem wir deren mehrere

oder wenigere antreffen, von der Güte der einen oder des andern

urteilen zu können; ob sich aber alle diese Kennzeichen in ein

lebhaftes Bild leicht zusammenfassen lassen, oder nicht, das konnte

ihm sehr gleichgültig sein.

Außer diesem Gebrauche sind die ausführlichen Gemälde körperlicher

Gegenstände, ohne den oben erwähnten Homerischen Kunstgriff, das

Koexistierende derselben in ein wirkliches Sukzessives zu verwandeln,

jederzeit von den feinsten Richtern für ein frostiges Spielwerk

erkannt worden, zu welchem wenig oder gar kein Genie gehöret. Wenn

der poetische Stümper, sagt Horaz, nicht weiter kann, so fängt er an,

einen Hain, einen Altar, einen durch anmutige Fluren sich

schlängelnden Bach, einen rauschenden Strom, einen Regenbogen zu

malen:

--Lucus et ara Dianae,

Et properantis aquae per amoenos ambitus agros,

Aut flumen Rhenum, aut pluvius describitur arcus 4)

{4. De A. P. v. 16.}

Der mÄnnliche Pope sahe auf die malerischen Versuche seiner

poetischen Kindheit mit großer Geringschätzung zurÜck. Er verlangte

ausdrücklich, daß wer den Namen eines Dichters nicht unwürdig führen

wolle, der Schilderungssucht so früh wie mÖglich entsagen müsse, und

erklärte ein bloß malendes Gedichte für ein Gastgebot auf lauter

Brühen 5). Von dem Herrn von Kleist kann ich versichern, daß er sich

auf seinen Frühling das wenigste einbildete. Hätte er länger gelebt,

so würde er ihm eine ganz andere Gestalt gegeben haben. Er dachte

darauf, einen Plan hinein zu legen, und sann auf Mittel, wie er die

Menge von Bildern, die er aus dem unendlichen Raume der verjüngten

Schöpfung, auf Geratewohl, bald hier bald da, gerissen zu haben

schien, in einer natürlichen Ordnung vor seinen Augen entstehen und

aufeinanderfolgen lassen wolle. Er würde zugleich das getan haben,

was Marmontel, ohne Zweifel mit auf Veranlassung seiner Eklogen,

mehrern deutschen Dichtern geraten hat; er würde aus einer mit

Empfindungen nur sparsam durchwebten Reihe von Bildern, eine mit

Bildern nur sparsam durchflochtene Folge von Empfindungen gemacht

haben 6).

{5. Prologue to the satires. v. 340.

That not in Fancy's maze he wander'd long,

But stoop'd to truth, and moraliz'd his song.

Ibid. v. 148.

--who could take offence,

While pure description held the place of sense?

Die Anmerkung, welche Warburton Über die letzte Stelle macht, kann

für eine authentische ErklÄrung des Dichters selbst gelten. He uses

PURE equivocally, to signify either chaste or empty; and has given in

this line what he esteemed the true character of descriptive poetry,

as it is called. A composition, in his opinion, as absurd as a feast

made up of sauces. The use of a pictoresque imagination is to

brighten and adorn good sense; so that to employ it only in

description, is like children's delighting in a prism for the sake of

its gaudy colours; which when frugally managed, and artifully

disposed, rnight be made to represent and illustrate the noblest

objects in nature. Sowohl der Dichter als Kommentator scheinen zwar

die Sache mehr auf der moralischen als kunstmäßigen Seite betrachtet

zu haben. Doch desto besser, daß sie von der einen ebenso nichtig

als von der andern erscheinet.}

{6. Poétique française. T. II. p. 501. J'écrivais ces réflexions

avant que les essais des Allemands dans ce genre (l'eglogue) fussent

connus parmi nous. Ils ont exécuté ce que j'avais conçu; et s'ils

parviennent à donner plus au moral et moins au détail des peintures

physiques, ils excelleront dans ce genre, plus riche, plus vaste,

plus fécond, et infiniment plus naturel et plus moral que celui de la

galanterie champêtre.}

Laokoon: Oder, Über die Grenzen der Malerei und Poesie · 第 23 / 36 题