Aber, wird man einwenden, diese Zeichen der Poesie sind nicht bloß
aufeinanderfolgend, sie sind auch willkürlich; und als willkürliche
Zeichen sind sie allerdings fÄhig, KÖrper, so wie sie im Raume
existieren, auszudrücken. In dem Homer selbst fänden sich hiervon
Exempel, an dessen Schild des Achilles man sich nur erinnern dürfe,
um das entscheidendste Beispiel zu haben, wie weitläuftig und doch
poetisch man ein einzelnes Ding nach seinen Teilen nebeneinander
schildern könne.
Ich will auf diesen doppelten Einwurf antworten. Ich nenne ihn
doppelt, weil ein richtiger Schluß auch ohne Exempel gelten muß, und
Gegenteils das Exempel des Homers bei mir von Wichtigkeit ist, auch
wenn ich es noch durch keinen Schluß zu rechtfertigen weiß.
Es ist wahr; da die Zeichen der Rede willkürlich sind, so ist es gar
wohl möglich, daß man durch sie die Teile eines Körpers ebensowohl
aufeinanderfolgen lassen kann, als sie in der Natur nebeneinander
befindlich sind. Allein dieses ist eine Eigenschaft der Rede und
ihrer Zeichen überhaupt, nicht aber insoferne sie der Absicht der
Poesie am bequemsten sind. Der Poet will nicht bloß verständlich
werden, seine Vorstellungen sollen nicht bloß klar und deutlich sein;
hiermit begnügt sich der Prosaist. Sondern er will die Ideen, die er
in uns erwecket, so lebhaft machen, daß wir in der Geschwindigkeit
die wahren sinnlichen Eindrücke ihrer Gegenstände zu empfinden
glauben, und in diesem Augenblicke der Täuschung uns der Mittel, die
er dazu anwendet, seiner Worte, bewußt zu sein aufhören. Hierauf
lief oben die Erklärung des poetischen Gemäldes hinaus. Aber der
Dichter soll immer malen; und nun wollen wir sehen, inwieferne Körper
nach ihren Teilen nebeneinander sich zu dieser Malerei schicken.
Wie gelangen wir zu der deutlichen Vorstellung eines Dinges im Raume?
Erst betrachten wir die Teile desselben einzeln, hierauf die
Verbindung dieser Teile, und endlich das Ganze. Unsere Sinne
verrichten diese verschiedene Operationen mit einer so erstaunlichen
Schnelligkeit, daß sie uns nur eine einzige zu sein bedünken, und
diese Schnelligkeit ist unumgänglich notwendig, wann wir einen
Begriff von dem Ganzen, welcher nichts mehr als das Resultat von den
Begriffen der Teile und ihrer Verbindung ist, bekommen sollen.
Gesetzt nun also auch, der Dichter führe uns in der schönsten Ordnung
von einem Teile des Gegenstandes zu dem andern; gesetzt, er wisse uns
die Verbindung dieser Teile auch noch so klar zu machen: wie viel
Zeit gebraucht er dazu? Was das Auge mit einmal übersiehet, zählt er
uns merklich langsam nach und nach zu, und oft geschieht es, daß wir
bei dem letzten Zuge den ersten schon wiederum vergessen haben.
Jedennoch sollen wir uns aus diesen Zügen ein Ganzes bilden; dem Auge
bleiben die betrachteten Teile beständig gegenwärtig; es kann sie
abermals und abermals überlaufen: für das Ohr hingegen sind die
vernommenen Teile verloren, wann sie nicht in dem Gedächtnisse
zurückbleiben. Und bleiben sie schon da zurück: welche Mühe, welche
Anstrengung kostet es, ihre Eindrücke alle in eben der Ordnung so
lebhaft zu erneuern, sie nur mit einer mäßigen Geschwindigkeit auf
einmal zu überdecken, um zu einem etwanigen Begriffe des Ganzen zu
gelangen!
Man versuche es an einem Beispiele, welches ein Meisterstück in
seiner Art heißen kann 1).
{1. S. des Herrn v. Hallers Alpen.}
Dort ragt das hohe Haupt vom edeln Enziane
Weit übern niedern Chor der Pöbelkräuter hin,
Ein ganzes Blumenvolk dient unter seiner Fahne,
Sein blauer Bruder selbst bückt sich und ehret ihn.
Der Blumen helles Gold, in Strahlen umgebogen,
Türmt sich am Stengel auf und krönt sein grau Gewand,
Der Blätter glattes Weiß, mit tiefem Grün durchzogen,
Strahlt von dem bunten Blitz von feuchtem Diamant.
Gerechtestes Gesetz! daß Kraft sich Zier vermähle,
In einem schönen Leib wohnt eine schönre Seele.
Hier kriecht ein niedrig Kraut, gleich einem grauen Nebel,
Dem die Natur sein Blatt im Kreuze hingelegt;
Die holde Blume zeigt die zwei vergöldten Schnäbel,
Die ein von Amethyst gebildter Vogel trägt.
Dort wirft ein glänzend Blatt, in Finger ausgekerbet,
Auf einen hellen Bach den grünen Widerschein;
Der Blumen zarten Schnee, den matter Purpur färbet,
Schließt ein gestreifter Stern in weiße Strahlen ein.
Smaragd und Rosen blühn auch auf zertretner Heide,
Und Felsen decken sich mit einem Purpurkleide.
Es sind KrÄuter und Blumen, welche der gelehrte Dichter mit großer
Kunst und nach der Natur malet. Malt, aber ohne alle Täuschung malet.
Ich will nicht sagen, daß wer diese Kräuter und Blumen nie gesehen,
sich auch aus seinem Gemälde so gut als gar keine Vorstellung davon
machen kÖnne. Es mag sein, daß alle poetische Gemälde eine
vorläufige Bekanntschaft mit ihren Gegenständen erfordern. Ich will
auch nicht leugnen, daß demjenigen, dem eine solche Bekanntschaft
hier zustatten kömmt, der Dichter nicht von einigen Teilen eine
lebhaftere Idee erwecken könnte. Ich frage ihn nur, wie steht es um
den Begriff des Ganzen? Wenn auch dieser lebhafter sein soll, so
mÜssen keine einzelne Teile darin vorstechen, sondern das höhere
Licht muß auf alle gleich verteilet scheinen; unsere Einbildungskraft
muß alle gleich schnell überlaufen können, um sich das aus ihnen mit
eins zusammenzusetzen, was in der Natur mit eins gesehen wird. Ist
dieses hier der Fall? Und ist er es nicht, wie hat man sagen können,
"daß die ähnlichste Zeichnung eines Malers gegen diese poetische
Schilderung ganz matt und düster sein würde" 2)? Sie bleibet
unendlich unter dem, was Linien und Farben auf der Fläche ausdrücken
können, und der Kunstrichter, der ihr dieses übertriebene Lob
erteilet, muß sie aus einem ganz falschen Gesichtspunkte betrachtet
haben; er muß mehr auf die fremden Zieraten, die der Dichter darein
verwebet hat, auf die Erhöhung über das vegetative Leben, auf die
Entwickelung der innern Vollkommenheiten, welchen die äußere
Schönheit nur zur Schale dienet, als auf diese Schönheit selbst, und
auf den Grad der Lebhaftigkeit und Ähnlichkeit des Bildes, welches
uns der Maler, und welches uns der Dichter davon gewähren kann,
gesehen haben. Gleichwohl kömmt es hier lediglich nur auf das
letztere an, und wer da sagt, daß die bloßen Zeilen:
{2. Breitingers Kritische Dichtkunst T. II. S. 807.}
Der Blumen helles Gold, in Strahlen umgebogen,
Türmt sich am Stengel auf und krönt sein grau Gewand,
Der Blätter glattes Weiß, mit tiefem Grün durchzogen,
Strahlt von dem bunten Blitz von feuchtem Diamant--
daß diese Zeilen, in Ansehung ihres Eindrucks, mit der Nachahmung
eines Huysum wetteifern kÖnnen, muß seine Empfindung nie befragt
haben, oder sie vorsetzlich verleugnen wollen. Sie mögen sich, wenn
man die Blume selbst in der Hand hat, sehr schön dagegen rezitieren
lassen; nur vor sich allein sagen sie wenig oder nichts. Ich höre in
jedem Worte den arbeitenden Dichter, aber das Ding selbst bin ich
weit entfernet zu sehen.
Nochmals also: ich spreche nicht der Rede Überhaupt das Vermögen ab,
ein körperliches Ganze nach seinen Teilen zu schildern; sie kann es,
weil ihre Zeichen, ob sie schon aufeinander folgen, dennoch
willkürliche Zeichen sind: sondern ich spreche es der Rede als dem
Mittel der Poesie ab, weil dergleichen wörtlichen Schilderungen der
Körper das TÄuschende gebracht, worauf die Poesie vornehmlich gehet;
und dieses Täuschende, sage ich, muß ihnen darum gebrechen, weil das
Koexistierende des Körpers mit dem Konsekutiven der Rede dabei in
Kollision kömmt, und indem jenes in dieses aufgelöset wird, uns die
Zergliederung des Ganzen in seine Teile zwar erleichtert, aber die
endliche Wiederzusammensetzung dieser Teile in das Ganze ungemein
schwer, und nicht selten unmöglich gemacht wird.
Überall, wo es daher auf das Täuschende nicht ankömmt, wo man nur mit
dem Verstande seiner Leser zu tun hat, und nur auf deutliche und
soviel möglich vollständige Begriffe gehet: können diese aus der
Poesie ausgeschlossene Schilderungen der Körper gar wohl Platz haben,
und nicht allein der Prosaist, sondern auch der dogmatische Dichter
(denn da wo er dogmatisieret, ist er kein Dichter), können sich ihrer
mit vielem Nutzen bedienen. So schildert z. E. Virgil in seinem
Gedichte vom Landbaue eine zur Zucht tüchtige Kuh:
--Optima torvae
Forma bovis, cui turpe caput, cui plurima cervix,
Et crurum tenus a mento palearia pendent.
Tum longo nullus lateri modus: omnia magna:
Pes etiam, et camuris hirtae sub cornibus aures.
Nec mihi displiceat maculis insignis et albo,
Aut juga detractans interdumque aspera cornu,
Et faciem tauro propior; quaeque ardua tota,
Et gradiens ima verrit vestigia cauda.
Oder ein schönes Füllen:
--Illi ardua cervix
Argutumque caput, brevis alvus, obesaque terga
Luxuriatque toris animosum pectus etc. 3)
{3. Georg. lib. III. v. 51 et 79.}
Denn wer sieht nicht, daß dem Dichter hier mehr an der
Auseinandersetzung der Teile, als an dem Ganzen gelegen gewesen? Er
will uns die Kennzeichen eines schÖnen FÜllens, einer tüchtigen Kuh
zuzÄhlen, um uns in den Stand zu setzen, nachdem wir deren mehrere
oder wenigere antreffen, von der Güte der einen oder des andern
urteilen zu können; ob sich aber alle diese Kennzeichen in ein
lebhaftes Bild leicht zusammenfassen lassen, oder nicht, das konnte
ihm sehr gleichgültig sein.
Außer diesem Gebrauche sind die ausführlichen Gemälde körperlicher
Gegenstände, ohne den oben erwähnten Homerischen Kunstgriff, das
Koexistierende derselben in ein wirkliches Sukzessives zu verwandeln,
jederzeit von den feinsten Richtern für ein frostiges Spielwerk
erkannt worden, zu welchem wenig oder gar kein Genie gehöret. Wenn
der poetische Stümper, sagt Horaz, nicht weiter kann, so fängt er an,
einen Hain, einen Altar, einen durch anmutige Fluren sich
schlängelnden Bach, einen rauschenden Strom, einen Regenbogen zu
malen:
--Lucus et ara Dianae,
Et properantis aquae per amoenos ambitus agros,
Aut flumen Rhenum, aut pluvius describitur arcus 4)
{4. De A. P. v. 16.}
Der mÄnnliche Pope sahe auf die malerischen Versuche seiner
poetischen Kindheit mit großer Geringschätzung zurÜck. Er verlangte
ausdrücklich, daß wer den Namen eines Dichters nicht unwürdig führen
wolle, der Schilderungssucht so früh wie mÖglich entsagen müsse, und
erklärte ein bloß malendes Gedichte für ein Gastgebot auf lauter
Brühen 5). Von dem Herrn von Kleist kann ich versichern, daß er sich
auf seinen Frühling das wenigste einbildete. Hätte er länger gelebt,
so würde er ihm eine ganz andere Gestalt gegeben haben. Er dachte
darauf, einen Plan hinein zu legen, und sann auf Mittel, wie er die
Menge von Bildern, die er aus dem unendlichen Raume der verjüngten
Schöpfung, auf Geratewohl, bald hier bald da, gerissen zu haben
schien, in einer natürlichen Ordnung vor seinen Augen entstehen und
aufeinanderfolgen lassen wolle. Er würde zugleich das getan haben,
was Marmontel, ohne Zweifel mit auf Veranlassung seiner Eklogen,
mehrern deutschen Dichtern geraten hat; er würde aus einer mit
Empfindungen nur sparsam durchwebten Reihe von Bildern, eine mit
Bildern nur sparsam durchflochtene Folge von Empfindungen gemacht
haben 6).
{5. Prologue to the satires. v. 340.
That not in Fancy's maze he wander'd long,
But stoop'd to truth, and moraliz'd his song.
Ibid. v. 148.
--who could take offence,
While pure description held the place of sense?
Die Anmerkung, welche Warburton Über die letzte Stelle macht, kann
für eine authentische ErklÄrung des Dichters selbst gelten. He uses
PURE equivocally, to signify either chaste or empty; and has given in
this line what he esteemed the true character of descriptive poetry,
as it is called. A composition, in his opinion, as absurd as a feast
made up of sauces. The use of a pictoresque imagination is to
brighten and adorn good sense; so that to employ it only in
description, is like children's delighting in a prism for the sake of
its gaudy colours; which when frugally managed, and artifully
disposed, rnight be made to represent and illustrate the noblest
objects in nature. Sowohl der Dichter als Kommentator scheinen zwar
die Sache mehr auf der moralischen als kunstmäßigen Seite betrachtet
zu haben. Doch desto besser, daß sie von der einen ebenso nichtig
als von der andern erscheinet.}
{6. Poétique française. T. II. p. 501. J'écrivais ces réflexions
avant que les essais des Allemands dans ce genre (l'eglogue) fussent
connus parmi nous. Ils ont exécuté ce que j'avais conçu; et s'ils
parviennent à donner plus au moral et moins au détail des peintures
physiques, ils excelleront dans ce genre, plus riche, plus vaste,
plus fécond, et infiniment plus naturel et plus moral que celui de la
galanterie champêtre.}