XIX.

Die Einwürfe, welche der ältere Scaliger, Perrault, Terrasson und

andere gegen das Schild des Homers machen, sind bekannt. Ebenso

bekannt ist das, was Dacier, Boivin und Pope darauf antworten. Mich

dünkt aber, daß diese letztern sich manchmal zu weit einlassen, und

in Zuversicht auf ihre gute Sache, Dinge behaupten, die ebenso

unrichtig sind, als wenig sie zur Rechtfertigung des Dichters

beitragen.

Um dem Haupteinwurfe zu begegnen, daß Homer das Schild mit einer

Menge Figuren anfülle, die auf dem Umfange desselben unmöglich Raum

haben könnten, unternahm Boivin, es mit Bemerkung der erforderlichen

Maße, zeichnen zu lassen. Sein Einfall mit den verschiedenen

konzentrischen Zirkeln ist sehr sinnreich, obschon die Worte des

Dichters nicht den geringsten Anlaß dazu geben, auch sich sonst keine

Spur findet, daß die Alten auf diese Art abgeteilte Schilder gehabt

haben. Da es Homer selbst sakoV pantose dedaidalmenon, ein auf allen

Seiten künstlich ausgearbeitetes Schild nennet, so würde ich lieber,

um mehr Raum auszusparen, die konkave Fläche mit zu Hilfe genommen

haben; denn es ist bekannt, daß die alten Künstler diese nicht leer

ließen, wie das Schild der Minerva vom Phidias beweiset 1). Doch

nicht genug, daß sich Boivin dieses Vorteils nicht bedienen wollte;

er vermehrte auch ohne Not die Vorstellungen selbst, denen er auf dem

sonach um die Hälfte verringerten Raume Platz verschaffen mußte,

indem er das, was bei dem Dichter offenbar nur ein einziges Bild ist,

in zwei bis drei besondere Bilder zerteilte. Ich weiß wohl, was ihn

dazu bewog; aber es hätte ihn nicht bewegen sollen: sondern, anstatt

daß er sich bemühte, den Forderungen seiner Gegner ein Gnüge zu

leisten, hätte er ihnen zeigen sollen, daß ihre Forderungen

unrechtmäßig wären.

{1.--scuto ejus, in quo Amazonum proelium caelavit intumescente

ambitu parmae; ejusdem concava parte Deorum et Gigantum dimicationem.

Plinius lib. XXXVI. sect. 4. p. 726. Edit. Hard.}

Ich werde mich an einem Beispiele faßlicher erklären können. Wenn

Homer von der einen Stadt sagt 2):

{2. Iliad. S. v. 497-508.}

Laoi d' ein agorh esan aJrooi· enJa de neikoV

Wrwrei· duo d' andreV eneikeon eineka poinhV

AndroV apojJimenou· o men euceto, pant' apodounai,

Dhmw pijauskwn· o d' anaineto, mhden elesJai·

Amjw d' iesJhn, epi istori peirar elesJai.

Laoi d' amjoteroisin ephpuon, amjiV arwgoi·

KhrukeV d' ara laon erhtuon· oi de geronteV

Eiat' epi xestoisi liJoiV, ierw eni kuklw·

Skhptra de khrukwn en cers' econ herojwnwn.

Toisin epeit' hisson, amoibhdiV d' edikazon.

Keito d' ar' en messoisi duo crusoio talanta--

so, glaube ich, hat er nicht mehr als ein einziges GemÄlde angeben

wollen: das Gemälde eines Öffentlichen Rechtshandels Über die

streitige Erlegung einer ansehnlichen Geldbuße für einen verübten

Todschlag. Der Künstler, der diesen Vorwurf ausführen soll, kann

sich auf einmal nicht mehr als einen einzigen Augenblick desselben

zunutze machen; entweder den Augenblick der Anklage, oder der

Abhörung der Zeugen, oder des Urtelspruches, oder welchen er sonst,

vor oder nach, oder zwischen diesen Augenblicken für den bequemsten

hält. Diesen einzigen Augenblick macht er so prägnant wie möglich,

und führt ihn mit allen den Täuschungen aus, welche die Kunst in

Darstellung sichtbarer Gegenstände vor der Poesie voraus hat. Von

dieser Seite aber unendlich zurückgelassen, was kann der Dichter, der

eben diesen Vorwurf mit Worten malen soll, und nicht gänzlich

verunglücken will, anders tun, als daß er sich gleichfalls seiner

eigentümlichen Vorteile bedienet? Und welches sind diese? Die

Freiheit sich sowohl über das Vergangene als über das Folgende des

einzigen Augenblickes in dem Kunstwerke auszubreiten, und das

Vermögen, sonach uns nicht allein das zu zeigen, was uns der Künstler

zeiget, sondern auch das, was uns dieser nur kann erraten lassen.

Durch diese Freiheit, durch dieses Vermögen allein, kömmt der Dichter

dem Künstler wieder bei, und ihre Werke werden einander alsdenn am

ähnlichsten, wenn die Wirkung derselben gleich lebhaft ist; nicht

aber, wenn das eine der Seele durch das Ohr nicht mehr oder weniger

beibringet, als das andere dem Auge darstellen kann. Nach diesem

Grundsatze hätte Boivin die Stelle des Homers beurteilen sollen, und

er würde nicht so viel besondere Gemälde daraus gemacht haben, als

verschiedene Zeitpunkte er darin zu bemerken glaubte. Es ist wahr,

es konnte nicht wohl alles, was Homer sagt, in einem einzigen Gemälde

verbunden sein; die Beschuldigung und Ableugnung, die Darstellung der

Zeugen und der Zuruf des geteilten Volkes, das Bestreben der Herolde

den Tumult zu stillen, und die Äußerungen der Schiedesrichter, sind

Dinge, die auf einanderfolgen, und nicht nebeneinander bestehen

können. Doch was, um mich mit der Schule auszudrücken, nicht actu in

dem Gemälde enthalten war, das lag virtute darin, und die einzige

wahre Art, ein materielles Gemälde mit Worten nachzuschildern, ist

die, daß man das letztere mit dem wirklich Sichtbaren verbindet, und

sich nicht in den Schranken der Kunst hält, innerhalb welchen der

Dichter zwar die Data zu einem Gemälde herzählen, aber nimmermehr ein

Gemälde selbst hervorbringen kann.

Gleicherweise zerteilt Boivin das Gemälde der belagerten Stadt 3) in

drei verschiedene Gemälde. Er hätte es ebensowohl in zwölfe teilen

können, als in drei. Denn da er den Geist des Dichters einmal nicht

faßte und von ihm verlangte, daß er den Einheiten des materiellen

Gemäldes sich unterwerfen müsse: so hätte er weit mehr Übertretungen

dieser Einheiten finden können, daß es fast nötig gewesen wäre, jedem

besondern Zuge des Dichters ein besonderes Feld auf dem Schilde zu

bestimmen. Meines Erachtens aber hat Homer überhaupt nicht mehr als

zehn verschiedene Gemälde auf dem ganzen Schilde; deren jedes er mit

einem en men eteuxe, oder en de poihse, oder en d' etiJei, oder en de

poikille AmjigueiV anfängt 4). Wo diese Eingangsworte nicht stehen,

hat man kein Recht, ein besonderes Gemälde anzunehmen; im Gegenteil

muß alles, was sie verbinden, als ein einziges betrachtet werden, dem

nur bloß die willkürliche Konzentration in einen einzigen Zeitpunkt

mangelt, als welchen der Dichter mit anzugeben, keinesweges gehalten

war. Vielmehr, hätte er ihn angegeben, hätte er sich genau daran

gehalten, hätte er nicht den geringsten Zug einfließen lassen, der in

der wirklichen Ausführung nicht damit zu verbinden wäre; mit einem

Worte, hätte er so verfahren, wie seine Tadler es verlangen: es ist

wahr, so würden diese Herren hier an ihm nichts auszusetzen, aber in

der Tat auch kein Mensch von Geschmack etwas zu bewundern gefunden

haben.

{3. v. 509-540.}

{4. Das erste fängt an mit der 483. Zeile, und gehet bis zur 489.;

das zweite von 490-509; das dritte von 510-540; das vierte von

541-549; das fünfte von 550-560; das sechste von 561-572; das

siebente von 573-586; das achte von 587-589; das neunte von 590 bis

605; und das zehnte von 606-608. Bloß das dritte Gemälde hat die

angegebenen Eingangsworte nicht: es ist aber aus den bei dem zweiten,

en de duw poihse poleiV, und aus der Beschaffenheit der Sache selbst,

deutlich genug, daß es ein besonders Gemälde sein muß.}

Pope ließ sich die Einteilung und Zeichnung des Boivin nicht allein

gefallen, sondern glaubte noch etwas ganz Besonders zu tun, wenn er

nunmehr auch zeigte, daß ein jedes dieser so zerstückten Gemälde nach

den strengsten Regeln der heutiges Tages üblichen Malerei angegeben

sei. Kontrast, Perspektiv, die drei Einheiten; alles fand er darin

auf das beste beobachtet. Und ob er schon gar wohl wußte, daß

zufolge guter glaubwürdiger Zeugnisse, die Malerei zu den Zeiten des

Trojanischen Krieges noch in der Wiege gewesen, so mußte doch

entweder Homer, vermöge seines göttlichen Genies, sich nicht sowohl

an das, was die Malerei damals oder zu seiner Zeit leisten konnte,

gehalten, als vielmehr das erraten haben, was sie überhaupt zu

leisten imstande sei; oder auch jene Zeugnisse selbst mußten so

glaubwürdig nicht sein, daß ihnen die augenscheinliche Aussage des

künstlichen Schildes nicht vorgezogen zu werden verdiene. Jenes mag

annehmen, wer da will; dieses wenigstens wird sich niemand überreden

lassen, der aus der Geschichte der Kunst etwas mehr, als die bloßen

Data der Historienschreiber weiß. Denn daß die Malerei zu Homers

Zeiten noch in ihrer Kindheit gewesen, glaubt er nicht bloß deswegen,

weil es ein Plinius oder so einer sagt, sondern vornehmlich weil er

aus den Kunstwerken, deren die Alten gedenken, urteilet, daß sie

viele Jahrhunderte nachher noch nicht viel weiter gekommen, und z. E.

die Gemälde eines Polygnotus noch lange die Probe nicht aushalten,

welche Pope die Gemälde des Homerischen Schildes bestehen zu können

glaubt. Die zwei großen Stücke dieses Meisters zu Delphi, von

welchen uns Pausanias eine so umständliche Beschreibung hinterlassen

5), waren offenbar ohne alle Perspektiv. Dieser Teil der Kunst ist

den Alten gänzlich abzusprechen, und was Pope beibringt, um zu

beweisen, daß Homer schon einen Begriff davon gehabt habe, beweiset

weiter nichts, als daß ihm selbst nur ein sehr unvollständiger

Begriff davon beigewohnet 6). "Homer", sagt er, "kann kein Fremdling

in der Perspektiv gewesen sein, weil er die Entfernung eines

Gegenstandes von dem andern ausdrücklich angibt. Er bemerkt, z. E.

daß die Kundschafter ein wenig weiter als die andern Figuren gelegen,

und daß die Eiche, unter welcher den Schnittern das Mahl zubereitet

worden, beiseite gestanden. Was er von dem mit Herden und Hütten und

Ställen übersäeten Tale sagt, ist augenscheinlich die Beschreibung

einer großen perspektivischen Gegend. Ein allgemeiner Beweisgrund

dafür kann auch schon aus der Menge der Figuren auf dem Schilde

gezogen werden, die nicht alle in ihrer vollen Größe ausgedruckt

werden konnten; woraus es denn gewissermaßen unstreitig, daß die

Kunst, sie nach der Perspektiv zu verkleinern, damaliger Zeit schon

bekannt gewesen." Die bloße Beobachtung der optischen Erfahrung, daß

ein Ding in der Ferne kleiner erscheinet, als in der Nähe, macht ein

Gemälde noch lange nicht perspektivisch. Die Perspektiv erfordert

einen einzigen Augenpunkt, einen bestimmten natürlichen Gesichtskreis,

und dieses war es, was den alten Gemälden fehlte. Die Grundfläche

in den Gemälden des Polygnotus war nicht horizontal, sondern nach

hinten zu so gewaltig in die Höhe gezogen, daß die Figuren, welche

hintereinander zu stehen scheinen sollten, übereinander zu stehen

schienen. Und wenn diese Stellung der verschiednen Figuren und ihrer

Gruppen allgemein gewesen, wie aus den alten Basreliefs, wo die

hintersten allezeit höher stehen als die vodersten, und über sie

wegsehen, sich schließen läßt: so ist es natürlich, daß man sie auch

in der Beschreibung des Homers annimmt, und diejenigen von seinen

Bildern, die sich nach selbiger in ein Gemälde verbinden lassen,

nicht unnötigerweise trennet. Die doppelte Szene der friedfertigen

Stadt, durch deren Straßen der fröhliche Aufzug einer Hochzeitfeier

ging, indem auf dem Markte ein wichtiger Prozeß entschieden ward,

erfordert diesem zufolge kein doppeltes Gemälde, und Homer hat es gar

wohl als ein einziges denken können, indem er sich die ganze Stadt

aus einem so hohen Augenpunkte vorstellte, daß er die freie Aussicht

zugleich in die Straßen und auf den Markt dadurch erhielt.

{5. Phocic. cap. XXV-XXXI.}

{6. Um zu zeigen, daß dieses nicht zu viel von Popen gesagt ist, will

ich den Anfang der folgenden aus ihm angeführten Stelle (Iliad. Vol.

V. Obs. p. 61) in der Grundsprache anführen: That he was no stranger

to aerial perspective, appears in his expressly marking the distance

of object from object: he tells us etc. Ich sage, hier hat Pope den

Ausdruck aerial perspective, die Luftperspektiv (perspective

aërienne), ganz unrichtig gebraucht, als welche mit den nach

Maßgebung der Entfernung verminderten Größen gar nichts zu tun hat,

sondern unter der man lediglich die Schwächung und Abänderung der

Farben nach Beschaffenheit der Luft oder des Medii, durch welches wir

sie sehen, verstehet. Wer diesen Fehler machen konnte, dem war es

erlaubt, von der ganzen Sache nichts zu wissen.}

Ich bin der Meinung, daß man auf das eigentliche Perspektivische in

den Gemälden nur gelegentlich durch die Szenenmalerei gekommen ist;

und auch als diese schon in ihrer Vollkommenheit war, muß es noch

nicht so leicht gewesen sein, die Regeln derselben auf eine einzige

Fläche anzuwenden, indem sich noch in den spätern Gemälden unter den

Altertümern des Herkulanums so häufige und mannigfaltige Fehler gegen

die Perspektiv finden, als man itzo kaum einem Lehrlinge vergeben

würde 7).

{7. Betracht. über die Malerei S. 185.}

Doch ich entlasse mich der Mühe, meine zerstreuten Anmerkungen über

einen Punkt zu sammeln, über welchen ich in des Herrn Winckelmanns

versprochener Geschichte der Kunst die völligste Befriedigung zu

erhalten hoffen darf 8).

{8. Geschrieben im Jahr 1763.}

Laokoon: Oder, Über die Grenzen der Malerei und Poesie · 第 25 / 36 题