Die Einwürfe, welche der ältere Scaliger, Perrault, Terrasson und
andere gegen das Schild des Homers machen, sind bekannt. Ebenso
bekannt ist das, was Dacier, Boivin und Pope darauf antworten. Mich
dünkt aber, daß diese letztern sich manchmal zu weit einlassen, und
in Zuversicht auf ihre gute Sache, Dinge behaupten, die ebenso
unrichtig sind, als wenig sie zur Rechtfertigung des Dichters
beitragen.
Um dem Haupteinwurfe zu begegnen, daß Homer das Schild mit einer
Menge Figuren anfülle, die auf dem Umfange desselben unmöglich Raum
haben könnten, unternahm Boivin, es mit Bemerkung der erforderlichen
Maße, zeichnen zu lassen. Sein Einfall mit den verschiedenen
konzentrischen Zirkeln ist sehr sinnreich, obschon die Worte des
Dichters nicht den geringsten Anlaß dazu geben, auch sich sonst keine
Spur findet, daß die Alten auf diese Art abgeteilte Schilder gehabt
haben. Da es Homer selbst sakoV pantose dedaidalmenon, ein auf allen
Seiten künstlich ausgearbeitetes Schild nennet, so würde ich lieber,
um mehr Raum auszusparen, die konkave Fläche mit zu Hilfe genommen
haben; denn es ist bekannt, daß die alten Künstler diese nicht leer
ließen, wie das Schild der Minerva vom Phidias beweiset 1). Doch
nicht genug, daß sich Boivin dieses Vorteils nicht bedienen wollte;
er vermehrte auch ohne Not die Vorstellungen selbst, denen er auf dem
sonach um die Hälfte verringerten Raume Platz verschaffen mußte,
indem er das, was bei dem Dichter offenbar nur ein einziges Bild ist,
in zwei bis drei besondere Bilder zerteilte. Ich weiß wohl, was ihn
dazu bewog; aber es hätte ihn nicht bewegen sollen: sondern, anstatt
daß er sich bemühte, den Forderungen seiner Gegner ein Gnüge zu
leisten, hätte er ihnen zeigen sollen, daß ihre Forderungen
unrechtmäßig wären.
{1.--scuto ejus, in quo Amazonum proelium caelavit intumescente
ambitu parmae; ejusdem concava parte Deorum et Gigantum dimicationem.
Plinius lib. XXXVI. sect. 4. p. 726. Edit. Hard.}
Ich werde mich an einem Beispiele faßlicher erklären können. Wenn
Homer von der einen Stadt sagt 2):
{2. Iliad. S. v. 497-508.}
Laoi d' ein agorh esan aJrooi· enJa de neikoV
Wrwrei· duo d' andreV eneikeon eineka poinhV
AndroV apojJimenou· o men euceto, pant' apodounai,
Dhmw pijauskwn· o d' anaineto, mhden elesJai·
Amjw d' iesJhn, epi istori peirar elesJai.
Laoi d' amjoteroisin ephpuon, amjiV arwgoi·
KhrukeV d' ara laon erhtuon· oi de geronteV
Eiat' epi xestoisi liJoiV, ierw eni kuklw·
Skhptra de khrukwn en cers' econ herojwnwn.
Toisin epeit' hisson, amoibhdiV d' edikazon.
Keito d' ar' en messoisi duo crusoio talanta--
so, glaube ich, hat er nicht mehr als ein einziges GemÄlde angeben
wollen: das Gemälde eines Öffentlichen Rechtshandels Über die
streitige Erlegung einer ansehnlichen Geldbuße für einen verübten
Todschlag. Der Künstler, der diesen Vorwurf ausführen soll, kann
sich auf einmal nicht mehr als einen einzigen Augenblick desselben
zunutze machen; entweder den Augenblick der Anklage, oder der
Abhörung der Zeugen, oder des Urtelspruches, oder welchen er sonst,
vor oder nach, oder zwischen diesen Augenblicken für den bequemsten
hält. Diesen einzigen Augenblick macht er so prägnant wie möglich,
und führt ihn mit allen den Täuschungen aus, welche die Kunst in
Darstellung sichtbarer Gegenstände vor der Poesie voraus hat. Von
dieser Seite aber unendlich zurückgelassen, was kann der Dichter, der
eben diesen Vorwurf mit Worten malen soll, und nicht gänzlich
verunglücken will, anders tun, als daß er sich gleichfalls seiner
eigentümlichen Vorteile bedienet? Und welches sind diese? Die
Freiheit sich sowohl über das Vergangene als über das Folgende des
einzigen Augenblickes in dem Kunstwerke auszubreiten, und das
Vermögen, sonach uns nicht allein das zu zeigen, was uns der Künstler
zeiget, sondern auch das, was uns dieser nur kann erraten lassen.
Durch diese Freiheit, durch dieses Vermögen allein, kömmt der Dichter
dem Künstler wieder bei, und ihre Werke werden einander alsdenn am
ähnlichsten, wenn die Wirkung derselben gleich lebhaft ist; nicht
aber, wenn das eine der Seele durch das Ohr nicht mehr oder weniger
beibringet, als das andere dem Auge darstellen kann. Nach diesem
Grundsatze hätte Boivin die Stelle des Homers beurteilen sollen, und
er würde nicht so viel besondere Gemälde daraus gemacht haben, als
verschiedene Zeitpunkte er darin zu bemerken glaubte. Es ist wahr,
es konnte nicht wohl alles, was Homer sagt, in einem einzigen Gemälde
verbunden sein; die Beschuldigung und Ableugnung, die Darstellung der
Zeugen und der Zuruf des geteilten Volkes, das Bestreben der Herolde
den Tumult zu stillen, und die Äußerungen der Schiedesrichter, sind
Dinge, die auf einanderfolgen, und nicht nebeneinander bestehen
können. Doch was, um mich mit der Schule auszudrücken, nicht actu in
dem Gemälde enthalten war, das lag virtute darin, und die einzige
wahre Art, ein materielles Gemälde mit Worten nachzuschildern, ist
die, daß man das letztere mit dem wirklich Sichtbaren verbindet, und
sich nicht in den Schranken der Kunst hält, innerhalb welchen der
Dichter zwar die Data zu einem Gemälde herzählen, aber nimmermehr ein
Gemälde selbst hervorbringen kann.
Gleicherweise zerteilt Boivin das Gemälde der belagerten Stadt 3) in
drei verschiedene Gemälde. Er hätte es ebensowohl in zwölfe teilen
können, als in drei. Denn da er den Geist des Dichters einmal nicht
faßte und von ihm verlangte, daß er den Einheiten des materiellen
Gemäldes sich unterwerfen müsse: so hätte er weit mehr Übertretungen
dieser Einheiten finden können, daß es fast nötig gewesen wäre, jedem
besondern Zuge des Dichters ein besonderes Feld auf dem Schilde zu
bestimmen. Meines Erachtens aber hat Homer überhaupt nicht mehr als
zehn verschiedene Gemälde auf dem ganzen Schilde; deren jedes er mit
einem en men eteuxe, oder en de poihse, oder en d' etiJei, oder en de
poikille AmjigueiV anfängt 4). Wo diese Eingangsworte nicht stehen,
hat man kein Recht, ein besonderes Gemälde anzunehmen; im Gegenteil
muß alles, was sie verbinden, als ein einziges betrachtet werden, dem
nur bloß die willkürliche Konzentration in einen einzigen Zeitpunkt
mangelt, als welchen der Dichter mit anzugeben, keinesweges gehalten
war. Vielmehr, hätte er ihn angegeben, hätte er sich genau daran
gehalten, hätte er nicht den geringsten Zug einfließen lassen, der in
der wirklichen Ausführung nicht damit zu verbinden wäre; mit einem
Worte, hätte er so verfahren, wie seine Tadler es verlangen: es ist
wahr, so würden diese Herren hier an ihm nichts auszusetzen, aber in
der Tat auch kein Mensch von Geschmack etwas zu bewundern gefunden
haben.
{3. v. 509-540.}
{4. Das erste fängt an mit der 483. Zeile, und gehet bis zur 489.;
das zweite von 490-509; das dritte von 510-540; das vierte von
541-549; das fünfte von 550-560; das sechste von 561-572; das
siebente von 573-586; das achte von 587-589; das neunte von 590 bis
605; und das zehnte von 606-608. Bloß das dritte Gemälde hat die
angegebenen Eingangsworte nicht: es ist aber aus den bei dem zweiten,
en de duw poihse poleiV, und aus der Beschaffenheit der Sache selbst,
deutlich genug, daß es ein besonders Gemälde sein muß.}
Pope ließ sich die Einteilung und Zeichnung des Boivin nicht allein
gefallen, sondern glaubte noch etwas ganz Besonders zu tun, wenn er
nunmehr auch zeigte, daß ein jedes dieser so zerstückten Gemälde nach
den strengsten Regeln der heutiges Tages üblichen Malerei angegeben
sei. Kontrast, Perspektiv, die drei Einheiten; alles fand er darin
auf das beste beobachtet. Und ob er schon gar wohl wußte, daß
zufolge guter glaubwürdiger Zeugnisse, die Malerei zu den Zeiten des
Trojanischen Krieges noch in der Wiege gewesen, so mußte doch
entweder Homer, vermöge seines göttlichen Genies, sich nicht sowohl
an das, was die Malerei damals oder zu seiner Zeit leisten konnte,
gehalten, als vielmehr das erraten haben, was sie überhaupt zu
leisten imstande sei; oder auch jene Zeugnisse selbst mußten so
glaubwürdig nicht sein, daß ihnen die augenscheinliche Aussage des
künstlichen Schildes nicht vorgezogen zu werden verdiene. Jenes mag
annehmen, wer da will; dieses wenigstens wird sich niemand überreden
lassen, der aus der Geschichte der Kunst etwas mehr, als die bloßen
Data der Historienschreiber weiß. Denn daß die Malerei zu Homers
Zeiten noch in ihrer Kindheit gewesen, glaubt er nicht bloß deswegen,
weil es ein Plinius oder so einer sagt, sondern vornehmlich weil er
aus den Kunstwerken, deren die Alten gedenken, urteilet, daß sie
viele Jahrhunderte nachher noch nicht viel weiter gekommen, und z. E.
die Gemälde eines Polygnotus noch lange die Probe nicht aushalten,
welche Pope die Gemälde des Homerischen Schildes bestehen zu können
glaubt. Die zwei großen Stücke dieses Meisters zu Delphi, von
welchen uns Pausanias eine so umständliche Beschreibung hinterlassen
5), waren offenbar ohne alle Perspektiv. Dieser Teil der Kunst ist
den Alten gänzlich abzusprechen, und was Pope beibringt, um zu
beweisen, daß Homer schon einen Begriff davon gehabt habe, beweiset
weiter nichts, als daß ihm selbst nur ein sehr unvollständiger
Begriff davon beigewohnet 6). "Homer", sagt er, "kann kein Fremdling
in der Perspektiv gewesen sein, weil er die Entfernung eines
Gegenstandes von dem andern ausdrücklich angibt. Er bemerkt, z. E.
daß die Kundschafter ein wenig weiter als die andern Figuren gelegen,
und daß die Eiche, unter welcher den Schnittern das Mahl zubereitet
worden, beiseite gestanden. Was er von dem mit Herden und Hütten und
Ställen übersäeten Tale sagt, ist augenscheinlich die Beschreibung
einer großen perspektivischen Gegend. Ein allgemeiner Beweisgrund
dafür kann auch schon aus der Menge der Figuren auf dem Schilde
gezogen werden, die nicht alle in ihrer vollen Größe ausgedruckt
werden konnten; woraus es denn gewissermaßen unstreitig, daß die
Kunst, sie nach der Perspektiv zu verkleinern, damaliger Zeit schon
bekannt gewesen." Die bloße Beobachtung der optischen Erfahrung, daß
ein Ding in der Ferne kleiner erscheinet, als in der Nähe, macht ein
Gemälde noch lange nicht perspektivisch. Die Perspektiv erfordert
einen einzigen Augenpunkt, einen bestimmten natürlichen Gesichtskreis,
und dieses war es, was den alten Gemälden fehlte. Die Grundfläche
in den Gemälden des Polygnotus war nicht horizontal, sondern nach
hinten zu so gewaltig in die Höhe gezogen, daß die Figuren, welche
hintereinander zu stehen scheinen sollten, übereinander zu stehen
schienen. Und wenn diese Stellung der verschiednen Figuren und ihrer
Gruppen allgemein gewesen, wie aus den alten Basreliefs, wo die
hintersten allezeit höher stehen als die vodersten, und über sie
wegsehen, sich schließen läßt: so ist es natürlich, daß man sie auch
in der Beschreibung des Homers annimmt, und diejenigen von seinen
Bildern, die sich nach selbiger in ein Gemälde verbinden lassen,
nicht unnötigerweise trennet. Die doppelte Szene der friedfertigen
Stadt, durch deren Straßen der fröhliche Aufzug einer Hochzeitfeier
ging, indem auf dem Markte ein wichtiger Prozeß entschieden ward,
erfordert diesem zufolge kein doppeltes Gemälde, und Homer hat es gar
wohl als ein einziges denken können, indem er sich die ganze Stadt
aus einem so hohen Augenpunkte vorstellte, daß er die freie Aussicht
zugleich in die Straßen und auf den Markt dadurch erhielt.
{5. Phocic. cap. XXV-XXXI.}
{6. Um zu zeigen, daß dieses nicht zu viel von Popen gesagt ist, will
ich den Anfang der folgenden aus ihm angeführten Stelle (Iliad. Vol.
V. Obs. p. 61) in der Grundsprache anführen: That he was no stranger
to aerial perspective, appears in his expressly marking the distance
of object from object: he tells us etc. Ich sage, hier hat Pope den
Ausdruck aerial perspective, die Luftperspektiv (perspective
aërienne), ganz unrichtig gebraucht, als welche mit den nach
Maßgebung der Entfernung verminderten Größen gar nichts zu tun hat,
sondern unter der man lediglich die Schwächung und Abänderung der
Farben nach Beschaffenheit der Luft oder des Medii, durch welches wir
sie sehen, verstehet. Wer diesen Fehler machen konnte, dem war es
erlaubt, von der ganzen Sache nichts zu wissen.}
Ich bin der Meinung, daß man auf das eigentliche Perspektivische in
den Gemälden nur gelegentlich durch die Szenenmalerei gekommen ist;
und auch als diese schon in ihrer Vollkommenheit war, muß es noch
nicht so leicht gewesen sein, die Regeln derselben auf eine einzige
Fläche anzuwenden, indem sich noch in den spätern Gemälden unter den
Altertümern des Herkulanums so häufige und mannigfaltige Fehler gegen
die Perspektiv finden, als man itzo kaum einem Lehrlinge vergeben
würde 7).
{7. Betracht. über die Malerei S. 185.}
Doch ich entlasse mich der Mühe, meine zerstreuten Anmerkungen über
einen Punkt zu sammeln, über welchen ich in des Herrn Winckelmanns
versprochener Geschichte der Kunst die völligste Befriedigung zu
erhalten hoffen darf 8).
{8. Geschrieben im Jahr 1763.}