XVI.

Doch ich will versuchen, die Sache aus ihren ersten Gründen

herzuleiten.

Ich schließe so. Wenn es wahr ist, daß die Malerei zu ihren

Nachahmungen ganz andere Mittel, oder Zeichen gebrauchet, als die

Poesie; jene nämlich Figuren und Farben in dem Raume, diese aber

artikulierte Töne in der Zeit; wenn unstreitig die Zeichen ein

bequemes Verhältnis zu dem Bezeichneten haben müssen: so können

nebeneinander geordnete Zeichen auch nur Gegenstände, die

nebeneinander, oder deren Teile nebeneinander existieren,

aufeinanderfolgende Zeichen aber auch nur Gegenstände ausdrücken, die

aufeinander, oder deren Teile aufeinander folgen.

Gegenstände, die nebeneinander oder deren Teile nebeneinander

existieren, heißen Körper. Folglich sind Körper mit ihren sichtbaren

Eigenschaften die eigentlichen Gegenstände der Malerei.

Gegenstände, die aufeinander, oder deren Teile aufeinander folgen,

heißen überhaupt Handlungen. Folglich sind Handlungen der

eigentliche Gegenstand der Poesie.

Doch alle Körper existieren nicht allein in dem Raume, sondern auch

in der Zeit. Sie dauern fort, und können in jedem Augenblicke ihrer

Dauer anders erscheinen, und in anderer Verbindung stehen. Jede

dieser augenblicklichen Erscheinungen und Verbindungen ist die

Wirkung einer vorhergehenden, und kann die Ursache einer folgenden,

und sonach gleichsam das Zentrum einer Handlung sein. Folglich kann

die Malerei auch Handlungen nachahmen, aber nur andeutungsweise durch

Körper.

Auf der andern Seite können Handlungen nicht für sich selbst bestehen,

sondern müssen gewissen Wesen anhängen. Insofern nun diese Wesen

Körper sind, oder als Körper betrachtet werden, schildert die Poesie

auch Körper, aber nur andeutungsweise durch Handlungen.

Die Malerei kann in ihren koexistierenden Kompositionen nur einen

einzigen Augenblick der Handlung nutzen, und muß daher den

prägnantesten wählen, aus welchem das Vorhergehende und Folgende am

begreiflichsten wird.

Ebenso kann auch die Poesie in ihren fortschreitenden Nachahmungen

nur eine einzige Eigenschaft der Körper nutzen, und muß daher

diejenige wählen, welche das sinnlichste Bild des Körpers von der

Seite erwecket, von welcher sie ihn braucht.

Hieraus fließt die Regel von der Einheit der malerischen Beiwörter,

und der Sparsamkeit in den Schilderungen körperlicher Gegenstände.

Ich würde in diese trockene Schlußkette weniger Vertrauen setzen,

wenn ich sie nicht durch die Praxis des Homers vollkommen bestätiget

fände, oder wenn es nicht vielmehr die Praxis des Homers selbst wäre,

die mich darauf gebracht hätte. Nur aus diesen Grundsätzen läßt sich

die große Manier des Griechen bestimmen und erklären, sowie der

entgegengesetzten Manier so vieler neuern Dichter ihr Recht erteilen,

die in einem Stücke mit dem Maler wetteifern wollen, in welchem sie

notwendig von ihm überwunden werden müssen.

Ich finde, Homer malet nichts als fortschreitende Handlungen, und

alle Körper, alle einzelne Dinge malet er nur durch ihren Anteil an

diesen Handlungen, gemeiniglich nur mit einem Zuge. Was Wunder also,

daß der Maler, da wo Homer malet, wenig oder nichts für sich zu tun

siehet, und daß seine Ernte nur da ist, wo die Geschichte eine Menge

schöner Körper, in schönen Stellungen, in einem der Kunst

vorteilhaften Raume zusammenbringt, der Dichter selbst mag diese

Körper, diese Stellungen, diesen Raum so wenig malen, als er will?

Man gehe die ganze Folge der Gemälde, wie sie Caylus aus ihm

vorschlägt, Stück vor Stück durch, und man wird in jedem den Beweis

von dieser Anmerkung finden.

Ich lasse also hier den Grafen, der den Farbenstein des Malers zum

Probiersteine des Dichters machen will, um die Manier des Homers

näher zu erklären.

Für ein Ding, sage ich, hat Homer gemeiniglich nur einen Zug. Ein

Schiff ist ihm bald das schwarze Schiff, bald das hohle Schiff, bald

das schnelle Schiff, höchstens das wohlberuderte schwarze Schiff.

Weiter läßt er sich in die Malerei des Schiffes nicht ein. Aber wohl

das Schiffen, das Abfahren, das Anlanden des Schiffes, macht er zu

einem ausführlichen Gemälde, zu einem Gemälde, aus welchem der Maler

fünf, sechs besondere Gemälde machen müßte, wenn er es ganz auf seine

Leinwand bringen wollte.

Zwingen den Homer ja besondere Umstände, unsern Blick auf einen

einzeln körperlichen Gegenstand länger zu heften: so wird

demohngeachtet kein Gemälde daraus, dem der Maler mit dem Pinsel

folgen könnte; sondern er weiß durch unzählige Kunstgriffe diesen

einzeln Gegenstand in eine Folge von Augenblicken zu setzen, in deren

jedem er anders erscheinet, und in deren letztem ihn der Maler

erwarten muß, um uns entstanden zu zeigen, was wir bei dem Dichter

entstehen sehn. Z. E. Will Homer uns den Wagen der Juno sehen lassen,

so muß ihn Hebe vor unsern Augen Stück vor Stück zusammensetzen.

Wir sehen die Räder, die Achsen, den Sitz, die Deichsel und Riemen

und Stränge, nicht sowohl wie es beisammen ist, als wie es unter den

Händen der Hebe zusammenkommt. Auf die Räder allein verwendet der

Dichter mehr als einen Zug, und weiset uns die ehernen acht Speichen,

die goldenen Felgen, die Schienen von Erzt, die silberne Nabe, alles

insbesondere. Man sollte sagen: da der Räder mehr als eines war, so

mußte in der Beschreibung ebensoviel Zeit mehr auf sie gehen, als

ihre besondere Anlegung deren in der Natur selbst mehr erforderte 1).

{1. Iliad. E. v. 722-731.}

Hbh d' amj' oceessi JovV bale kampula kukla

Calkea, oktaknhma, sidhrew axoni amjiV·

Tvn h toi cruseh ituV ajJitoV, autar uperJen

Calke episswtra, prosarhrota, Jauma idesJai·

Plhmnai d' argurou eisi peridromoi amjoterwJen·

DijroV de cruseoisi kai argureoisin imasin

Entetatai· doiai de peridromoi antugeV eisin·

Tou d' ex argureoV rumoV pelen· autar ep' akrw

Dhse cruseion kalon zugon, en de lepadna

Kal' ebale, cruseia·--

Will uns Homer zeigen, wie Agamemnon bekleidet gewesen, so muß sich

der KÖnig vor unsern Augen seine völlige Kleidung StÜck vor Stück

umtun; das weiche Unterkleid, den großen Mantel, die schönen

Halbstiefeln, den Degen; und so ist er fertig, und ergreift das

Zepter. Wir sehen die Kleider, indem der Dichter die Handlung des

Bekleidens malet; ein anderer würde die Kleider bis auf die geringste

Franze gemalet haben, und von der Handlung hÄtten wir nichts zu sehen

bekommen 2).

{2. Iliad. B. v. 43-47.}

--malakon d' endune citvna,

Kalon, nhgateon, peri d' au mega balleto jaroV·

Possi d' upai liparoisin edhsato kala pedila·

Amji d' ar' wmoisin baleto xijoV argurohlon,

Eileto de skhptron patrwion, ajJiton aiei.

Und wenn wir von diesem Zepter, welches hier bloß das vÄterliche,

unvergängliche Zepter heißt, so wie ein ähnliches ihm an einem andern

Orte bloß crouseioiV hloisi peparmenon, das mit goldenen Stiften

beschlagene Zepter ist, wenn wir, sage ich, von diesem wichtigen

Zepter ein vollständigeres, genaueres Bild haben sollen: was tut

sodann Homer? Malt er uns, außer den goldenen Nägeln, nun auch das

Holz, den geschnitzten Knopf? Ja, wenn die Beschreibung in eine

Heraldik sollte, damit einmal in den folgenden Zeiten ein anderes

genau darnach gemacht werden kÖnne. Und doch bin ich gewiß, daß

mancher neuere Dichter eine solche Wappenkönigsbeschreibung daraus

wÜrde gemacht haben, in der treuherzigen Meinung, daß er wirklich

selber gemalt habe, weil der Maler ihm nachmalen kann. Was bekümmert

sich aber Homer, wie weit er den Maler hinter sich läßt? Statt einer

Abbildung gibt er uns die Geschichte des Zepters: erst ist es unter

der Arbeit des Vulkans; nun glänzt es in den Händen des Jupiters; nun

bemerkt es die Würde Merkurs; nun ist es der Kommandostab des

kriegerischen Pelops; nun der Hirtenstab des friedlichen Atreus usw.

--Skhptron ecwn· to men HjaistoV kame teucwn·

HjaistoV men dvke Dii Kroniwni anakti·

Autar ara ZeuV dvke diaktorw Argeijonth·

ErmeiaV de anax dvken Pelopi plhxippw·

Autar o aute Peloy dvk' Atrei, poimeni lavn·

AtreuV de Jnhskwn elipe poluarni Questh·

Autar o aute Quest' Agamemnoni leipe jorhnai,

Pollhsi nhsoisi kai Argei panti anassein 3)

{3. Iliad. B. v. 101-108.}

So kenne ich endlich dieses Zepter besser, als mir es der Maler vor

Augen legen, oder ein zweiter Vulkan in die HÄnde liefern kÖnnte.--Es

wÜrde mich nicht befremden, wenn ich fände, daß einer von den alten

Auslegern des Homers diese Stelle als die vollkommenste Allegorie von

dem Ursprunge, dem Fortgange, der Befestigung und endlichen

Beerbfolgung der königlichen Gewalt unter den Menschen bewundert

hätte. Ich würde zwar lächeln, wenn ich läse, daß Vulkan, welcher

das Zepter gearbeitet, als das Feuer, als das, was dem Menschen zu

seiner Erhaltung das Unentbehrlichste ist, die Abstellung der

Bedürfnisse überhaupt anzeige, welche die ersten Menschen, sich einem

einzigen zu unterwerfen, bewogen; daß der erste König ein Sohn der

Zeit, (ZeuV Kroniwn) ein ehrwürdiger Alte gewesen sei, welcher seine

Macht mit einem beredten klugen Manne, mit einem Merkur, (Diaktorw

Argeijonth) teilen, oder gänzlich auf ihn übertragen wollen; daß der

kluge Redner zur Zeit, als der junge Staat von auswärtigen Feinden

bedrohet worden, seine oberste Gewalt dem tapfersten Krieger (Pelopi

plhxippw) überlassen habe; daß der tapfere Krieger, nachdem er die

Feinde gedämpfet und das Reich gesichert, es seinem Sohne in die

Hände spielen können, welcher als ein friedliebender Regent, als ein

wohltätiger Hirte seiner Völker (poimhn lavn), sie mit Wohlleben und

Überfluß bekannt gemacht habe, wodurch nach seinem Tode dem reichsten

seiner Anverwandten (poluarni Questh) der Weg gebahnet worden, das

was bisher das Vertrauen erteilet, und das Verdienst mehr für eine

Bürde als Würde gehalten hatte, durch Geschenke und Bestechungen an

sich zu bringen, und es hernach als ein gleichsam erkauftes Gut

seiner Familie auf immer zu versichern. Ich würde lächeln, ich würde

aber demohngeachtet in meiner Achtung für den Dichter bestärket

werden, dem man so vieles leihen kann. Doch dieses liegt außer

meinem Wege, und ich betrachte itzt die Geschichte des Zepters bloß

als einen Kunstgriff, uns bei einem einzeln Dinge verweilen zu machen,

ohne sich in die frostige Beschreibung seiner Teile einzulassen.

Auch wenn Achilles bei seinem Zepter schwöret, die Geringschätzung,

mit welcher ihm Agamemnon begegnet, zu rächen, gibt uns Homer die

Geschichte dieses Zepters. Wir sehen ihn auf den Bergen grünen, das

Eisen trennet ihn von dem Stamme, entblättert und entrindet ihn, und

macht ihn bequem, den Richtern des Volkes zum Zeichen ihrer

göttlichen Würde zu dienen 4).

{4. Iliad. A. v. 234-239.}

Nai ma tode skhptron, to men oupote julla kai ozouV

Fusei, epei dh prvta tomhn en oressi leloipen,

Oud' anaJhlhsei· peri gar ra e calkoV eleye,

Fulla te kai jloion· nun aute min uieV Acaivn

En palamhV joreousi dikaspoloi, oi te JemistaV

ProV DioV eiruatai·--

Dem Homer war nicht sowohl daran gelegen, zwei StÄbe von

verschiedener Materie und Figur zu schildern, als uns von der

Verschiedenheit der Macht, deren Zeichen diese Stäbe waren, ein

sinnliches Bild zu machen. Jener, ein Werk des Vulkans; dieser, von

einer unbekannten Hand auf den Bergen geschnitten: jener der alte

Besitz eines edeln Hauses; dieser bestimmt, die erste die beste Faust

zu fÜllen: jener, von einem Monarchen über viele Inseln und über ganz

Argos erstrecket; dieser, von einem aus dem Mittel der Griechen

geführet, dem man nebst andern die Bewahrung der Gesetze anvertrauet

hatte. Dieses war wirklich der Abstand, in welchem sich Agamemnon

und Achill voneinander befanden; ein Abstand, den Achill selbst, bei

allem seinem blinden Zorne, einzugestehen, nicht umhin konnte.

Doch nicht bloß da, wo Homer mit seinen Beschreibungen dergleichen

weitere Absichten verbindet, sondern auch da, wo es ihm um das bloße

Bild zu tun ist, wird er dieses Bild in eine Art von Geschichte des

Gegenstandes verstreuen, um die Teile desselben, die wir in der Natur

nebeneinander sehen, in seinem Gemälde ebenso natürlich aufeinander

folgen, und mit dem Flusse der Rede gleichsam Schritt halten zu

lassen. Z. E. Er will uns den Bogen des Pandarus malen; einen Bogen

von Horn, von der und der Länge, wohl polieret, und an beiden Spitzen

mit Goldblech beschlagen. Was tut er? Zählt er uns alle diese

Eigenschaften so trocken eine nach der andern vor? Mit nichten; das

würde einen solchen Bogen angeben, vorschreiben, aber nicht malen

heißen. Er fängt mit der Jagd des Steinbockes an, aus dessen HÖrnern

der Bogen gemacht worden; Pandarus hatte ihm in den Felsen aufgepaßt,

und ihn erlegt; die Hörner waren von außerordentlicher Größe,

deswegen bestimmte er sie zu einem Bogen; sie kommen in die Arbeit,

der Künstler verbindet sie, polieret sie, beschlägt sie. Und so, wie

gesagt, sehen wir bei dem Dichter entstehen, was wir bei dem Maler

nicht anders als entstanden sehen können 5).

{5. Iliad. D. v. 105-111.}

--toxon, euxoon, ixalou aigoV

Agriou, on ra pot' autoV, upo sternoio tuchsaV,

PetrhV ekbainonta dedegmenoV en prodokhsin,

Beblhkei proV sthJoV· o d' uptioV empese petrh·

Tou kera ek kejalhV ekkaidekadwra pejukai.

Kai ta men askhsaV keraoxooV hrare tektwn,

Pan d' eu leihnaV, krusehn epeJhke korwnhn.

Ich wÜrde nicht fertig werden, wenn ich alle Exempel dieser Art

ausschreiben wollte. Sie werden jedem, der seinen Homer innehat, in

Menge beifallen.

Laokoon: Oder, Über die Grenzen der Malerei und Poesie · 第 22 / 36 题