XV.

Nun kann der Dichter zu diesem Grade der Illusion, wie die Erfahrung

zeiget, auch die Vorstellungen anderer, als sichtbarer Gegenstände

erheben. Folglich müssen notwendig dem Artisten ganze Klassen von

Gemälden abgehen, die der Dichter vor ihm voraus hat. Drydens Ode

auf den Cäcilienstag ist voller musikalischen Gemälde, die den Pinsel

müßig lassen. Doch ich will mich in dergleichen Exempel nicht

verlieren, aus welchen man am Ende doch wohl nicht viel mehr lernet,

als daß die Farben keine Töne, und die Ohren keine Augen sind.

Ich will bei den Gemälden bloß sichtbarer Gegenstände stehen bleiben,

die dem Dichter und Maler gemein sind. Woran liegt es, daß manche

poetische Gemälde von dieser Art, für den Maler unbrauchbar sind, und

hinwiederum manche eigentliche Gemälde unter der Behandlung des

Dichters den größten Teil ihrer Wirkung verlieren?

Exempel mögen mich leiten. Ich wiederhole es: das Gemälde des

Pandarus im vierten Buche der Ilias ist eines von den ausgeführtesten,

täuschendsten im ganzen Homer. Von dem Ergreifen des Bogens bis zu

dem Fluge des Pfeiles, ist jeder Augenblick gemalt, und alle diese

Augenblicke sind so nahe und doch so unterschieden angenommen, daß,

wenn man nicht wüßte, wie mit dem Bogen umzugehen wäre, man es aus

diesem Gemälde allein lernen könnte 1). Pandarus zieht seinen Bogen

hervor, legt die Sehne an, öffnet den Köcher, wählet einen noch

ungebrauchten wohlbefiederten Pfeil, setzt den Pfeil an die Sehne,

zieht die Sehne mitsamt dem Pfeile unten an dem Einschnitte zurück,

die Sehne nahet sich der Brust, die eiserne Spitze des Pfeiles dem

Bogen, der große gerundete Bogen schlägt tönend auseinander, die

Sehne schwirret, ab sprang der Pfeil, und gierig fliegt er nach

seinem Ziele.

{1. Iliad. D. v. 105.

Autik' esula toxon euxoon--

Kai to men eu kateJhke tanussamenoV, poti gaih

AgklinaV--

Autar o sula pvma jaretrhV· ek d' elet' ion

Ablhta, pteroenta, melainvn erm' odunawn,

Aiya d' epi neurh katekosmei pikron oiston,--

Elke d' omou glujidaV te labwn kai neura boeia.

Neurhn men mazv pelasen, toxw de sidhron.--

Autar epei dh kuklotereV mega toxon eteine,

Ligxe bioV, neurh de meg' iacen, alto d' oistoV

OxubelhV, kaJ' omilon epiptesJai meneainwn.}

Übersehen kann Caylus dieses vortreffliche GemÄlde nicht haben. Was

fand er also darin, warum er es für unfähig achtete, seinen Artisten

zu beschäftigen? Und was war es, warum ihm die Versammlung der

ratpflegenden zechenden GÖtter zu dieser Absicht tauglicher dünkte?

Hier sowohl als dort sind sichtbare Vorwürfe, und was braucht der

Maler mehr, als sichtbare Vorwürfe, um seine Fläche zu füllen?

Der Knoten muß dieser sein. Obschon beide Vorwürfe, als sichtbar,

der eigentlichen Malerei gleich fähig sind: so findet sich doch

dieser wesentliche Unterschied unter ihnen, daß jener eine sichtbare

fortschreitende Handlung ist, deren verschiedene Teile sich nach und

nach, in der Folge der Zeit, ereignen, dieser hingegen eine sichtbare

stehende Handlung, deren verschiedene Teile sich nebeneinander im

Raume entwickeln. Wenn nun aber die Malerei, vermöge ihrer Zeichen

oder der Mittel ihrer Nachahmung, die sie nur im Raume verbinden kann,

der Zeit gänzlich entsagen muß: so können fortschreitende Handlungen,

als fortschreitend, unter ihre Gegenstände nicht gehören, sondern

sie muß sich mit Handlungen nebeneinander, oder mit bloßen Körpern,

die durch ihre Stellungen eine Handlung vermuten lassen, begnügen.

Die Poesie hingegen-

Laokoon: Oder, Über die Grenzen der Malerei und Poesie · 第 21 / 36 题