XIV.

Ist dem aber so, und kann ein Gedicht sehr ergiebig für den Maler,

dennoch aber selbst nicht malerisch, hinwiederum ein anderes sehr

malerisch, und dennoch nicht ergiebig für den Maler sein: so ist es

auch um den Einfall des Grafen Caylus getan, welcher die

Brauchbarkeit für den Maler zum Probiersteine der Dichter machen, und

ihre Rangordnung nach der Anzahl der Gemälde, die sie dem Artisten

darbieten, bestimmen wollen 1).

{1. Tableaux tirés de l'Iliade, Avert. p. V. On est toujours convenu,

que plus un poème fournissait d'images et d'actions, plus il avait

de supériorité en poésie. Cette réflexion m'avait conduit à penser

que le calcul des différents tableaux, qu'offrent les poèmes, pouvait

servir à comparer le mérite respectif des poàmes et des poètes. Le

nombre et le genre des tableaux que présentent ces grands ouvrages,

auraient été une espèce de pierre de touche, en plutôt une balance

certaine du mérite de ces poèmes et du génie de leurs auteurs.}

Fern sei es, diesem Einfalle, auch nur durch unser Stillschweigen,

das Ansehen einer Regel gewinnen zu lassen. Milton würde als das

erste unschuldige Opfer derselben fallen. Denn es scheinet wirklich,

daß das verächtliche Urteil, welches Caylus über ihn spricht, nicht

sowohl Nationalgeschmack, als eine Folge seiner vermeinten Regel

gewesen. Der Verlust des Gesichts, sagt er, mag wohl die größte

Ähnlichkeit sein, die Milton mit dem Homer gehabt hat. Freilich kann

Milton keine Galerien füllen. Aber müßte, solange ich das leibliche

Auge hätte, die Sphäre desselben auch die Sphäre meines innern Auges

sein, so würde ich, um von dieser Einschränkung frei zu werden, einen

großen Wert auf den Verlust des erstern legen.

Das Verlorne Paradies ist darum nicht weniger die erste Epopöe nach

dem Homer, weil es wenig Gemälde liefert, als die Leidensgeschichte

Christi deswegen ein Poem ist, weil man kaum den Kopf einer Nadel in

sie setzen kann, ohne auf eine Stelle zu treffen, die nicht eine

Menge der größten Artisten beschäftiget hätte. Die Evangelisten

erzählen das Faktum mit aller möglichen trockenen Einfalt, und der

Artist nutzet die mannigfaltigen Teile desselben, ohne daß sie

ihrerseits den geringsten Funken von malerischem Genie dabei gezeigt

haben. Es gibt malbare und unmalbare Fakta, und der

Geschichtschreiber kann die malbarsten ebenso unmalerisch erzählen,

als der Dichter die unmalbarsten malerisch darzustellen vermögend ist.

Man läßt sich bloß von der Zweideutigkeit des Wortes verführen, wenn

man die Sache anders nimmt. Ein poetisches Gemälde ist nicht

notwendig das, was in ein materielles Gemälde zu verwandeln ist;

sondern jeder Zug, jede Verbindung mehrerer Züge, durch die uns der

Dichter seinen Gegenstand so sinnlich macht, daß wir uns dieses

Gegenstandes deutlicher bewußt werden, als seiner Worte, heißt

malerisch, heißt ein Gemälde, weil es uns dem Grade der Illusion

näher bringt, dessen das materielle Gemälde besonders fähig ist, der

sich von dem materiellen Gemälde am ersten und leichtesten

abstrahieren lassen 2).

{2. Was wir poetische Gemälde nennen, nannten die Alten Phantasien,

wie man sich aus dem Longin erinnern wird. Und was wir die Illusion,

das Täuschende dieser Gemälde heißen, hieß bei ihnen die Enargie.

Daher hatte einer, wie Plutarchus meldet, (Erot. T. II. Edit. Henr.

Steph. p. 1351.) gesagt: die poetischen Phantasien wären, wegen

ihrer Enargie, Träume der Wachenden; Ai poihtikai jantasiai dia thn

enargeian egrhgorotwn enupnia eisin. Ich wünschte sehr, die neuern

Lehrbücher der Dichtkunst hätten sich dieser Benennung bedienen, und

des Worts Gemälde gänzlich enthalten wollen. Sie würden uns eine

Menge halbwahrer Regeln erspart haben, deren vornehmster Grund die

Übereinstimmung eines willkürlichen Namens ist. Poetische Phantasien

würde kein Mensch so leicht den Schranken eines materiellen Gemäldes

unterworfen haben; aber sobald man die Phantasien poetische Gemälde

nannte, so war der Grund zur Verführung gelegt.}

Laokoon: Oder, Über die Grenzen der Malerei und Poesie · 第 20 / 36 题