Ist dem aber so, und kann ein Gedicht sehr ergiebig für den Maler,
dennoch aber selbst nicht malerisch, hinwiederum ein anderes sehr
malerisch, und dennoch nicht ergiebig für den Maler sein: so ist es
auch um den Einfall des Grafen Caylus getan, welcher die
Brauchbarkeit für den Maler zum Probiersteine der Dichter machen, und
ihre Rangordnung nach der Anzahl der Gemälde, die sie dem Artisten
darbieten, bestimmen wollen 1).
{1. Tableaux tirés de l'Iliade, Avert. p. V. On est toujours convenu,
que plus un poème fournissait d'images et d'actions, plus il avait
de supériorité en poésie. Cette réflexion m'avait conduit à penser
que le calcul des différents tableaux, qu'offrent les poèmes, pouvait
servir à comparer le mérite respectif des poàmes et des poètes. Le
nombre et le genre des tableaux que présentent ces grands ouvrages,
auraient été une espèce de pierre de touche, en plutôt une balance
certaine du mérite de ces poèmes et du génie de leurs auteurs.}
Fern sei es, diesem Einfalle, auch nur durch unser Stillschweigen,
das Ansehen einer Regel gewinnen zu lassen. Milton würde als das
erste unschuldige Opfer derselben fallen. Denn es scheinet wirklich,
daß das verächtliche Urteil, welches Caylus über ihn spricht, nicht
sowohl Nationalgeschmack, als eine Folge seiner vermeinten Regel
gewesen. Der Verlust des Gesichts, sagt er, mag wohl die größte
Ähnlichkeit sein, die Milton mit dem Homer gehabt hat. Freilich kann
Milton keine Galerien füllen. Aber müßte, solange ich das leibliche
Auge hätte, die Sphäre desselben auch die Sphäre meines innern Auges
sein, so würde ich, um von dieser Einschränkung frei zu werden, einen
großen Wert auf den Verlust des erstern legen.
Das Verlorne Paradies ist darum nicht weniger die erste Epopöe nach
dem Homer, weil es wenig Gemälde liefert, als die Leidensgeschichte
Christi deswegen ein Poem ist, weil man kaum den Kopf einer Nadel in
sie setzen kann, ohne auf eine Stelle zu treffen, die nicht eine
Menge der größten Artisten beschäftiget hätte. Die Evangelisten
erzählen das Faktum mit aller möglichen trockenen Einfalt, und der
Artist nutzet die mannigfaltigen Teile desselben, ohne daß sie
ihrerseits den geringsten Funken von malerischem Genie dabei gezeigt
haben. Es gibt malbare und unmalbare Fakta, und der
Geschichtschreiber kann die malbarsten ebenso unmalerisch erzählen,
als der Dichter die unmalbarsten malerisch darzustellen vermögend ist.
Man läßt sich bloß von der Zweideutigkeit des Wortes verführen, wenn
man die Sache anders nimmt. Ein poetisches Gemälde ist nicht
notwendig das, was in ein materielles Gemälde zu verwandeln ist;
sondern jeder Zug, jede Verbindung mehrerer Züge, durch die uns der
Dichter seinen Gegenstand so sinnlich macht, daß wir uns dieses
Gegenstandes deutlicher bewußt werden, als seiner Worte, heißt
malerisch, heißt ein Gemälde, weil es uns dem Grade der Illusion
näher bringt, dessen das materielle Gemälde besonders fähig ist, der
sich von dem materiellen Gemälde am ersten und leichtesten
abstrahieren lassen 2).
{2. Was wir poetische Gemälde nennen, nannten die Alten Phantasien,
wie man sich aus dem Longin erinnern wird. Und was wir die Illusion,
das Täuschende dieser Gemälde heißen, hieß bei ihnen die Enargie.
Daher hatte einer, wie Plutarchus meldet, (Erot. T. II. Edit. Henr.
Steph. p. 1351.) gesagt: die poetischen Phantasien wären, wegen
ihrer Enargie, Träume der Wachenden; Ai poihtikai jantasiai dia thn
enargeian egrhgorotwn enupnia eisin. Ich wünschte sehr, die neuern
Lehrbücher der Dichtkunst hätten sich dieser Benennung bedienen, und
des Worts Gemälde gänzlich enthalten wollen. Sie würden uns eine
Menge halbwahrer Regeln erspart haben, deren vornehmster Grund die
Übereinstimmung eines willkürlichen Namens ist. Poetische Phantasien
würde kein Mensch so leicht den Schranken eines materiellen Gemäldes
unterworfen haben; aber sobald man die Phantasien poetische Gemälde
nannte, so war der Grund zur Verführung gelegt.}