XI.

Auch der Graf Caylus scheinet zu verlangen, daß der Dichter seine

Wesen der Einbildung mit allegorischen Attributen ausschmücken solle

1). Der Graf verstand sich besser auf die Malerei, als auf die

Poesie.

{1. Apollo übergibt den gereinigten und balsamierten Leichnam des

Sarpedon dem Tode und dem Schlafe, ihn nach seinem Vaterlande zu

bringen. (Il. p. v. 681. 82.)

Pempe de min pompoisin ama kraipnoisi jeresJai

Upnw kai QanaJw didumaosin.

Caylus empfiehlt diese Erdichtung dem Maler, fÜgt aber hinzu: Il est

fâcheux, qu'Homère ne nous ait rien laissé sur les attributs qu'on

donnait de son temps au Sommeil; nous ne connaissons, pour

caractériser ce dieu, que son action même, et nous le couronnons de

pavots. Ces idées sont modernes; la première est d'un médiocre

service, mais elle ne peut être employée dans le cas présent, où même

les fleurs me paraissent déplacées, surtout pour une figure qui

groupe avec la mort. (S. Tableaux tirés de l'Iliade, de l'Odyssée

d'Homère et de l'Enéide de Virgile, avec des observations générales

sur le costume, à Paris 1757. 8.) Das heißt von dem Homer eine von

den kleinen Zieraten verlangen, die am meisten mit seiner großen

Manier streiten. Die sinnreichsten Attributa, die er dem Schlafe

hÄtte geben kÖnnen, würden ihn bei weitem nicht so vollkommen

charakterisierst, bei weitem kein so lebhaftes Bild bei uns erregt

haben, als der einzige Zug, durch den er ihn zum Zwillingsbruder des

Todes macht. Diesen Zug suche der Künstler auszudrücken, und er wird

alle Attributa entbehren können. Die alten Künstler haben auch

wirklich den Tod und den Schlaf mit der Ähnlichkeit unter sich

vorgestellet, die wir an Zwillingen so natürlich erwarten. Auf einer

Kiste von Zedernholz, in dem Tempel der Juno zu Elis, ruhten sie

beide als Knaben in den Armen der Nacht. Nur war der eine weiß, der

andere schwarz; jener schlief, dieser schien zu schlafen; beide mit

übereinander geschlagenen Füßen. Denn so wollte ich die Worte des

Pausanias (Eliac. cap. XVIII. p. 422. Edit. Kuh.) amjoterouV

diestrammenouV touV podaV lieber übersetzen, als mit krummen Füßen,

oder wie es Gedoyn in seiner Sprache gegeben hat: les pieds

contrefaits. Was sollten die krummen Füße hier ausdrücken?

Übereinander geschlagene Füße hingegen sind die gewöhnliche Lage

der Schlafenden, und der Schlaf beim Maffei (Raccol. Pl. 151) liegt

nicht anders. Die neuen Artisten sind von dieser Ähnlichkeit, welche

Schlaf und Tod bei den Alten miteinander haben, gänzlich abgegangen,

und der Gebrauch ist allgemein geworden, den Tod als ein Skelett,

höchstens als ein mit Haut bekleidetes Skelett vorzustellen. Vor

allen Dingen hätte Caylus dem Künstler also hier raten müssen, ob er

in Vorstellung des Todes dem alten oder dem neuen Gebrauche folgen

solle. Doch er scheinet sich für den neuern zu erklären, da er den

Tod als eine Figur betrachtet, gegen die eine andere mit Blumen

gekrönet, nicht wohl gruppieren möchte. Hat er aber hierbei auch

bedacht, wie unschicklich diese moderne Idee in einem Homerischen

Gemälde sein dürfte? Und wie hat ihm das Ekelhafte derselben nicht

anstößig sein können? Ich kann mich nicht bereden, daß das kleine

metallene Bild in der herzoglichen Galerie zu Florenz, welches ein

liegendes Skelett vorstellet, das mit dem einen Arme auf einem

Aschenkruge ruhet (Spence's Polymetis Tab. XLI.), eine wirkliche

Antike sei. Den Tod überhaupt kann es wenigstens nicht vorstellen

sollen, weil ihn die Alten anders vorstellten. Selbst ihre Dichter

haben ihn unter diesem widerlichen Bilde nie gedacht.}

Doch ich habe in seinem Werke, in welchem er dieses Verlangen äußert,

Anlaß zu erheblichern Betrachtungen gefunden, wovon ich das

Wesentlichste, zu besserer Erwägung, hier anmerke.

Der Künstler, ist des Grafen Absicht, soll sich mit dem größten

malerischen Dichter, mit dem Homer, mit dieser zweiten Natur, näher

bekannt machen. Er zeigt ihm, welchen reichen noch nie genutzten

Stoff zu den trefflichsten Schildereien die von dem Griechen

behandelte Geschichte darbiete, und wie so viel vollkommner ihm die

Ausführung gelingen müsse, je genauer er sich an die kleinsten von

dem Dichter bemerkten Umstände halten könne.

In diesem Vorschlage vermischt sich also die oben genannte doppelte

Nachahmung. Der Maler soll nicht allein das nachahmen, was der

Dichter nachgeahmt hat, sondern er soll es auch mit den nämlichen

Zügen nachahmen; er soll den Dichter nicht bloß als Erzähler, er soll

ihn als Dichter nutzen.

Diese zweite Art der Nachahmung aber, die für den Dichter so

verkleinerlich ist, warum ist sie es nicht auch für den Künstler?

Wenn vor dem Homer eine solche Folge von Gemälden, als der Graf

Caylus aus ihm angibt, vorhanden gewesen wäre, und wir wüßten, daß

der Dichter aus diesen Gemälden sein Werk genommen hätte: würde er

nicht von unserer Bewunderung unendlich verlieren? Wie kömmt es, daß

wir dem Künstler nichts von unserer Hochachtung entziehen, wenn er

schon weiter nichts tut, als daß er die Worte des Dichters mit

Figuren und Farben ausdrücket?

Die Ursach' scheinet diese zu sein. Bei dem Artisten dünket uns die

Ausführung schwerer, als die Erfindung; bei dem Dichter hingegen ist

es umgekehrt, und seine Ausführung dünket uns gegen die Erfindung das

Leichtere. Hätte Virgil die Verstrickung des Laokoon und seiner

Kinder von der Gruppe genommen, so würde ihm das Verdienst, welches

wir bei diesem seinem Bilde für das schwerere und größere halten,

fehlen, und nur das geringere übrigbleiben. Denn diese Verstrickung

in der Einbildungskraft erst schaffen, ist weit wichtiger, als sie in

Worten ausdrücken. Hätte hingegen der Künstler diese Verstrickung

von dem Dichter entlehnet, so würde er in unsern Gedanken doch noch

immer Verdienst genug behalten, ob ihm schon das Verdienst der

Erfindung abgehet. Denn der Ausdruck in Marmor ist unendlich

schwerer als der Ausdruck in Worten; und wenn wir Erfindung und

Darstellung gegeneinander abwägen, so sind wir jederzeit geneigt, dem

Meister an der einen so viel wiederum zu erlassen, als wir an der

andern zu viel erhalten zu haben meinen.

Es gibt sogar Fälle, wo es für den Künstler ein größeres Verdienst

ist, die Natur durch das Medium der Nachahmung des Dichters

nachgeahmt zu haben, als ohne dasselbe. Der Maler, der nach der

Beschreibung eines Thomsons eine schöne Landschaft darstellet, hat

mehr getan, als der sie gerade von der Natur kopieret. Dieser siehet

sein Urbild vor sich; jener muß erst seine Einbildungskraft so

anstrengen, bis er es vor sich zu sehen glaubst. Dieser macht aus

lebhaften sinnlichen Eindrücken etwas Schönes; jener aus schwanken

und schwachen Vorstellungen willkürlicher Zeichen.

So natürlich aber die Bereitwilligkeit ist, dem Künstler das

Verdienst der Erfindung zu erlassen, ebenso natürlich hat daraus die

Lauigkeit gegen dasselbe bei ihm entspringen müssen. Denn da er sahe,

daß die Erfindung seine glänzende Seite nie werden könne, daß sein

größtes Lob von der Ausführung abhange, so ward es ihm gleich viel,

ob jene alt oder neu, einmal oder unzähligmal gebraucht sei, ob sie

ihm oder einem anderen zugehöre. Er blieb in dem engen Bezirke

weniger, ihm und dem Publico geläufig gewordener Vorwürfe, und ließ

seine ganze Erfindsamkeit auf die bloße Veränderung in dem Bekannten

gehen, auf neue Zusammensetzungen alter Gegenstände. Das ist auch

wirklich die Idee, welche die Lehrbücher der Malerei mit dem Worte

Erfindung verbinden. Denn ob sie dieselbe schon sogar in malerische

und dichterische einteilen, so gehet doch auch die dichterische nicht

auf die Hervorbringung des Vorwurfs selbst, sondern lediglich auf die

Anordnung oder den Ausdruck 2). Es ist Erfindung, aber nicht

Erfindung des Ganzen, sondern einzelner Teile, und ihrer Lage

untereinander. Es ist Erfindung, aber von jener geringern Gattung,

die Horaz seinem tragischen Dichter anriet:

{2. v. Hagedorn, "Betrachtungen über die Malerei" S. 159 u. f.}

--Tuque

Rectius Iliacum carmen deducis in actus,

Quam si proferres ignota indictaque primus 3).

{3. Ad. Pisones v. 128-130.}

Anriet, sage ich, aber nicht befahl. Anriet, als fÜr ihn leichter,

bequemer, zutrÄglicher; aber nicht befahl, als besser und edler an

sich selbst.

In der Tat hat der Dichter einen großen Schritt voraus, welcher eine

bekannte Geschichte, bekannte Charaktere behandelt. Hundert frostige

Kleinigkeiten, die sonst zum Verständnisse des Ganzen unentbehrlich

sein würden, kann er übergehen; und je geschwinder er seinen ZuhÖrern

verständlich wird, desto geschwinder kann er sie intressieren.

Diesen Vorteil hat auch der Maler, wenn uns sein Vorwurf nicht fremd

ist, wenn wir mit dem ersten Blicke die Absicht und Meinung seiner

ganzen Komposition erkennen, wenn wir auf eins seine Personen nicht

bloß sprechen sehen, sondern auch hören, was sie sprechen. Von dem

ersten Blicke hangt die größte Wirkung ab, und wenn uns dieser zu

mühsamen Nachsinnen und Raten nötiget, so erkaltet unsere Begierde

gerühret zu werden; um uns an dem unverständlichen Künstler zu rächen,

verhärten wir uns gegen den Ausdruck, und weh ihm, wann er die

Schönheit dem Ausdrucke aufgeopfert hat! Wir finden sodann gar

nichts, was uns reizen könnte, vor seinem Werke zu verweilen; was wir

sehen, gefällt uns nicht, und was wir dabei denken sollen, wissen wir

nicht.

Nun nehme man beides zusammen; einmal, daß die Erfindung und Neuheit

des Vorwurfs das Vornehmste bei weitem nicht ist, was wir von dem

Maler verlangen; zweitens, daß ein bekannter Vorwurf die Wirkung

seiner Kunst befördert und erleichtert: und ich meine, man wird die

Ursache, warum er sich so selten zu neuen Vorwürfen entschließt,

nicht mit dem Grafen Caylus, in seiner Bequemlichkeit, in seiner

Unwissenheit, in der Schwierigkeit des mechanischen Teiles der Kunst,

welche allen seinen Fleiß, alle seine Zeit erfordert, suchen dürfen;

sondern man wird sie tiefer gegründet finden, und vielleicht gar, was

anfangs Einschränkung der Kunst, Verkümmerung unsers Vergnügens, zu

sein scheinet, als eine weise und uns selbst nützliche Enthaltsamkeit

an dem Artisten zu loben geneigt sein. Ich fürchte auch nicht, daß

mich die Erfahrung widerlegen werde. Die Maler werden dem Grafen für

seinen guten Willen danken, aber ihn schwerlich so allgemein nutzen,

als er es erwartet. Geschähe es jedoch: so würde über hundert Jahr'

ein neuer Caylus nötig sein, der die alten Vorwürfe wieder ins

Gedächtnis brächte, und den Künstler in das Feld zurückführte, wo

andere vor ihm so unsterbliche Lorbeeren gebrochen haben. Oder

verlangt man, daß das Publikum so gelehrt sein soll, als der Kenner

aus seinen Büchern ist? Daß ihm alle Szenen der Geschichte und der

Fabel, die ein schönes Gemälde geben können, bekannt und geläufig

sein sollen? Ich gebe es zu, daß die Künstler besser getan hätten,

wenn sie seit Raffaels Zeiten, anstatt des Ovids, den Homer zu ihrem

Handbuche gemacht hätten. Aber da es nun einmal nicht geschehen ist,

so lasse man das Publikum in seinem Gleise, und mache ihm sein

Vergnügen nicht saurer, als ein Vergnügen zu stehen kommen muß, um

das zu sein, was es sein soll.

Protogenes hatte die Mutter des Aristoteles gemalt. Ich weiß nicht

wie viel ihm der Philosoph dafür bezahlte. Aber entweder anstatt der

Bezahlung, oder noch über die Bezahlung, erteilte er ihm einen Rat,

der mehr als die Bezahlung wert war. Denn ich kann mir nicht

einbilden, daß sein Rat eine bloße Schmeichelei gewesen sei. Sondern

vornehmlich weil er das Bedürfnis der Kunst erwog, allen verständlich

zu sein, riet er ihm, die Taten des Alexanders zu malen; Taten, von

welchen damals alle Welt sprach, und von welchen er voraussehen

konnte, daß sie auch der Nachwelt unvergeßlich sein würden. Doch

Protogenes war nicht gesetzt genug, diesem Rate zu folgen; impetus

animi, sagt Plinius, et quaedam artis libido 4), ein gewisser Übermut

der Kunst, eine gewisse Lüsternheit nach dem Sonderbaren und

Unbekannten, trieben ihn zu ganz andern Vorwürfen. Er malte lieber

die Geschichte eines Jalysus 5), einer Cydippe und dergleichen, von

welchen man itzt auch nicht einmal mehr erraten kann, was sie

vorgestellet haben.

{4. lib. XXXV. sect. 36. p. 700. Edit. Hard.}

{5. Richardson nennet dieses Werk, wenn er die Regel erläutern will,

daß in einem Gemälde die Aufmerksamkeit des Betrachters durch nichts,

es möge auch noch so vortrefflich sein, von der Hauptfigur abgezogen

werden müsse. "Protogenes", sagt er, "hatte in seinem berühmten

Gemälde Jalysus ein Rebhuhn mit angebracht, und es mit so vieler

Kunst ausgemalet, daß es zu leben schien, und von ganz Griechenland

bewundert ward; weil es aber aller Augen, zum Nachteil des Hauptwerks,

zu sehr an sich zog, so löschte er es gänzlich wieder aus." (Traité

de la peinture T. I. p. 46.) Richardson hat sich geirret. Dieses

Rebhuhn war nicht in dem Jalysus, sondern in einem andern Gemälde des

Protogenes gewesen, welches der ruhende oder müßige Satyr, SaturoV

anapauomenoV, hieß. Ich würde diesen Fehler, welcher aus einer

mißverstandenen Stelle des Plinius entsprungen ist, kaum anmerken,

wenn ich ihn nicht auch beim Meursius fände: (Rhodi lib. I. cap. 14.

p. 38.) In eadem, tabula sc. in qua Ialysus, Satyrus erat, quem

dicebant Anapauomenon, tibias tenens. Desgleichen bei dem Herrn

Winckelmann selbst. (Von der Nachahm. der Gr. W. in der Mal. und

Bildh. S. 56.) Strabo ist der eigentliche Währmann dieses

Histörchens mit dem Rebhuhne, und dieser unterscheidet den Jalysus,

und den an eine Säule sich lehnenden Satyr, auf welcher das Rebhuhn

saß, ausdrücklich. (lib. XIV. p. 750. Edit. Xyl.) Die Stelle des

Plinius (lib. XXXV. sect. 36. p. 699) haben Meursius und Richardson

und Winckelmann deswegen falsch verstanden, weil sie nicht

achtgegeben, daß von zwei verschiedenen Gemälden daselbst die Rede

ist: dem einen, dessenwegen Demetrius die Stadt nicht überkam, weil

er den Ort nicht angreifen wollte, wo es stand; und dem andern,

welches Protogenes während dieser Belagerung malte. Jenes war der

Jalysus, und dieses der Satyr.}

Laokoon: Oder, Über die Grenzen der Malerei und Poesie · 第 17 / 36 题