XII.

Homer bearbeitet eine doppelte Gattung von Wesen und Handlungen;

sichtbare und unsichtbare. Diesen Unterschied kann die Malerei nicht

angeben: bei ihr ist alles sichtbar; und auf einerlei Art sichtbar.

Wenn also der Graf Caylus die Gemälde der unsichtbaren Handlungen in

unzertrennter Folge mit den sichtbaren fortlaufen läßt; wenn er in

den Gemälden der vermischten Handlungen, an welchen sichtbare und

unsichtbare Wesen teilnehmen, nicht angibt, und vielleicht nicht

angeben kann, wie die letztern, welche nur wir, die wir das Gemälde

betrachten, darin entdecken sollten, so anzubringen sind, daß die

Personen des Gemäldes sie nicht sehen, wenigstens sie nicht notwendig

sehen zu müssen scheinen können: so muß notwendig sowohl die ganze

Folge, als auch manches einzelne Stück dadurch äußerst verwirrt,

unbegreiflich und widersprechend werden.

Doch diesem Fehler wäre, mit dem Buche in der Hand, noch endlich

abzuhelfen. Das Schlimmste dabei ist nur dieses, daß durch die

malerische Aufhebung des Unterschiedes der sichtbaren und

unsichtbaren Wesen, zugleich alle die charakteristischen Züge

verloren gehen, durch welche sich diese höhere Gattung über jene

geringere erhebet.

Z. E. Wenn endlich die über das Schicksal der Trojaner geteilten

Götter unter sich selbst handgemein werden: so gehet bei dem Dichter

1) dieser ganze Kampf unsichtbar vor, und diese Unsichtbarkeit

erlaubet der Einbildungskraft die Szene zu erweitern, und läßt ihr

freies Spiel, sich die Personen der Götter und ihre Handlungen so

groß, und über das gemeine Menschliche so weit erhaben zu denken, als

sie nur immer will. Die Malerei aber muß eine sichtbare Szene

annehmen, deren verschiedene notwendige Teile der Maßstab für die

darauf handelnden Personen werden; ein Maßstab, den das Auge gleich

darneben hat, und dessen Unproportion gegen die höhern Wesen, diese

höhern Wesen, die bei dem Dichter groß waren, auf der Fläche des

Künstlers ungeheuer macht.

{1. Iliad. F. v. 385 et s.}

Minerva, auf welche Mars in diesem Kampfe den ersten Angriff waget,

tritt zurück, und fasset mit mächtiger Hand von dem Boden einen

schwarzen, rauhen, großen Stein auf, den vor alten Zeiten vereinigte

Männerhände zum Grenzsteine hingewälzet hatten:

H d' anacassamenh liJon eileto ceiri paceih,

Keimenon en pediw, melana, trhcun te, megan te,

Ton r' andres proteroi Jesan emmenai ouron arourhV.

Um die GrÖße dieses Steins gehörig zu schÄtzen, erinnere man sich,

daß Homer seine Helden noch einmal so stark macht, als die stärksten

Männer seiner Zeit, jene aber von den Männern, wie sie Nestor in

seiner Jugend gekannt hatte, noch weit an Stärke Übertreffen läßt.

Nun frage ich, wenn Minerva einen Stein, den nicht ein Mann, den

Männer aus Nestors Jugendjahren zum Grenzsteine aufgerichtet hatten,

wenn Minerva einen solchen Stein gegen den Mars schleudert, von

welcher Statur soll die Göttin sein? Soll ihre Statur der Größe des

Steins proportioniert sein, so fällt das Wunderbare weg. Ein Mensch,

der dreimal größer ist als ich, muß natürlicherweise auch einen

dreimal größern Stein schleudern können. Soll aber die Statur der

Göttin der Größe des Steins nicht angemessen sein, so entstehet eine

anschauliche Unwahrscheinlichkeit in dem Gemälde, deren Anstößigkeit

durch die kalte Überlegung, daß eine Göttin übermenschliche Stärke

haben müsse, nicht gehoben wird. Wo ich eine größere Wirkung sehe,

will ich auch größere Werkzeuge wahrnehmen.

Und Mars, von diesem gewaltigen Steine niedergeworfen,

Epta d' epesce peleJra-bedeckte sieben Hufen. Unmöglich kann der

Maler dem Gotte diese außerordentliche Größe geben. Gibt er sie ihm

aber nicht, so liegt nicht Mars zu Boden, nicht der Homerische Mars,

sondern ein gemeiner Krieger 2).

{2. Diesen unsichtbaren Kampf der Götter hat Quintus Calaber in

seinem zwölften Buche (v. 158-185) nachgeahmt, mit der nicht

undeutlichen Absicht, sein Vorbild zu verbessern. Es scheinet

nämlich, der Grammatiker habe es unanständig gefunden, daß ein Gott

mit einem Steine zu Boden geworfen werde. Er läßt also zwar auch die

Götter große Felsenstücke, die sie von dem Ida abreißen,

gegeneinander schleudern; aber diese Felsen zerschellen an den

unsterblichen Gliedern der Götter und stieben wie Sand um sie her:

--Oi de kolwnaV

Cersin aporrhxanteV ap' oudeoV Idaioio

Ballon ep' allhlouV· ai de yamaJoisi omoiai

Reia dieskidnanto· Jevn peri d' asceta guia

Rhgnumenai dia tutJa--

Eine KÜnstelei, welche die Hauptsache verdirbt. Sie erhÖhet unsern

Begriff von den Körpern der Götter und macht die Waffen, welche sie

gegeneinander brauchen, lÄcherlich. Wenn Götter einander mit Steinen

werfen, so müssen diese Steine auch die Götter beschädigen können,

oder wir glauben mutwillige Buben zu sehen, die sich mit Erdklößen

werfen. So bleibt der alte Homer immer der Weisere, und aller Tadel,

mit dem ihn der alte Kunstrichter belegt, aller Wettstreit, in

welchen sich geringere Genies mit ihm einlassen, dienen zu weiter

nichts, als seine Weisheit in ihr bestes Licht zu setzen. Indes will

ich nicht leugnen, daß in der Nachahmung des Quintus nicht auch sehr

treffliche Züge vorkommen, und die ihm eigen sind. Doch sind es Züge,

die nicht sowohl der bescheidenen Größe des Homers geziemen, als dem

stürmischen Feuer eines neuern Dichters Ehre machen würden. Daß das

Geschrei der Götter, welches hoch bis in den Himmel und tief bis in

den Abgrund ertönet, welches den Berg und die Stadt und die Flotte

erschüttert, von den Menschen nicht gehöret wird, dünket mich eine

sehr vielbedeutende Wendung zu sein. Das Geschrei war größer, als

daß es die kleinen Werkzeuge des menschlichen Gehörs fassen konnten.}

Longin sagt, es komme ihm öfters vor, als habe Homer seine Menschen

zu Göttern erheben, und seine Götter zu Menschen herabsetzen wollen.

Die Malerei vollführet diese Herabsetzung. In ihr verschwindet

vollends alles, was bei dem Dichter die Götter noch über die

göttlichen Menschen setzet. Größe, Stärke, Schnelligkeit, wovon

Homer noch immer einen höhern, wunderbarern Grad für seine Götter in

Vorrat hat, als er seinen vorzüglichsten Helden beileget 3), müssen

in dem Gemälde auf das gemeine Maß der Menschheit herabsinken, und

Jupiter und Agamemnon, Apollo und Achilles, Ajax und Mars, werden

vollkommen einerlei Wesen, die weiter an nichts als an äußerlichen

verabredeten Merkmalen zu kennen sind.

{3. In Ansehung der Stärke und Schnelligkeit wird niemand, der den

Homer auch nur ein einziges Mal flüchtig durchlaufen hat, diese

Assertion in Abrede sein. Nur dürfte er sich vielleicht der Exempel

nicht gleich erinnern, aus welchen es erhellet, daß der Dichter

seinen Göttern auch eine körperliche Größe gegeben, die alle

natürliche Maße weit übersteiget. Ich verweise ihn also, außer der

angezogenen Stelle von dem zu Boden geworfnen Mars, der sieben Hufen

bedecket, auf den Helm der Minerva (Kunehn ekaton polewn pruleess'

araruian. Iliad. E. v. 744), unter welchem sich so viel Streiter,

als hundert Städte in das Feld zu stellen vermögen, verbergen können;

auf die Schritte des Neptunus (Iliad. N. v. 20), vornehmlich aber

auf die Zeilen aus der Beschreibung des Schildes, wo Mars und Minerva

die Truppen der belagerten Stadt anführen: (Iliad. S. v. 516-519.)

--Hrce d' ara sjin ArhV kai PallaV AJhnh

Amjw cruseiw, cruseia de eimata esJhn,

Kalw kai megalw sun teucesin, wV te Jew per,

AmjiV arizhlw· laoi d' upolizoneV hsan.

Selbst Ausleger des Homers, alte sowohl als neue, scheinen sich nicht

allezeit dieser wunderbaren Statur seiner GÖtter genugsam erinnert zu

haben; welches aus den lindernden ErklÄrungen abzunehmen, die sie

Über den großen Helm der Minerva geben zu müssen glauben. (S. die

Clarkisch-Ernestische Ausgabe des Homers an der angezogenen Stelle.)

Man verliert aber von der Seite des Erhabenen unendlich viel, wenn

man sich die Homerischen Götter nur immer in der gewöhnlichen Größe

denkt, in welcher man sie, in Gesellschaft der Sterblichen, auf der

Leinewand zu sehen verwöhnet wird. Ist es indes schon nicht der

Malerei vergönnet, sie in diesen übersteigenden Dimensionen

darzustellen, so darf es doch die Bildhauerei gewissermaßen tun; und

ich bin überzeugt, daß die alten Meister, so wie die Bildung der

Götter überhaupt, also auch das Kolossalische, das sie öfters ihren

Statuen erteilten, aus dem Homer entlehnet haben. (Herodot. lib. II.

p. 130. Edit. Wessel.) Verschiedene Anmerkungen über dieses

Kolossalische insbesondere, und warum es in der Bildhauerei von so

großer, in der Malerei aber von gar keiner Wirkung ist, verspare ich

auf einen andern Ort.}

Das Mittel, dessen sich die Malerei bedienet, uns zu verstehen zu

geben, daß in ihren Kompositionen dieses oder jenes als unsichtbar

betrachtet werden müsse, ist eine dünne Wolke, in welche sie es von

der Seite der mithandelnden Personen einhüllet. Diese Wolke scheinet

aus dem Homer selbst entlehnet zu sein. Denn wenn im Getümmel der

Schlacht einer von den wichtigern Helden in Gefahr kömmt, aus der ihn

keine andere, als göttliche Macht retten kann: so läßt der Dichter

ihn von der schützenden Gottheit in einen dicken Nebel, oder in Nacht

verhüllen, und so davon führen; als den Paris von der Venus 4), den

Idäus vom Neptuns 5), den Hektor vom Apollo 6). Und diesen Nebel,

diese Wolke, wird Caylus nie vergessen, dem Künstler bestens zu

empfehlen, wenn er ihm die Gemälde von dergleichen Begebenheiten

vorzeichnet. Wer sieht aber nicht, daß bei dem Dichter das Einhüllen

in Nebel und Nacht weiter nichts, als eine poetische Redensart für

unsichtbar machen, sein soll? Es hat mich daher jederzeit befremdet,

diesen poetischen Ausdruck realisieret, und eine wirkliche Wolke in

dem Gemälde angebracht zu finden, hinter welcher der Held, wie hinter

einer spanischen Wand, vor seinem Feinde verborgen stehet. Das war

nicht die Meinung des Dichters. Das heißt aus den Grenzen der

Malerei herausgehen; denn diese Wolke ist hier eine wahre Hieroglyphe,

ein bloßes symbolisches Zeichen, das den befreiten Held nicht

unsichtbar macht, sondern den Betrachtern zuruft: ihr müßt ihn euch

als unsichtbar vorstellen. Sie ist hier nichts besser, als die

beschriebenen Zettelchen, die auf alten gotischen Gemälden den

Personen aus dem Munde gehen.

{4. Iliad. G. v. 381.}

{5. Iliad. E. v. 23.}

{6. Iliad. Y. v. 444.}

Es ist wahr, Homer läßt den Achilles, indem ihm Apollo den Hektor

entrücket, noch dreimal nach dem dicken Nebel mit der Lanze stoßen:

triV d' hera tuye baJeian 7). Allein auch das heißt in der Sprache

des Dichters weiter nichts, als daß Achilles so wütend gewesen, daß

er noch dreimal gestoßen, ehe er es gemerkt, daß er seinen Feind

nicht mehr vor sich habe. Keinen wirklichen Nebel sahe Achilles

nicht, und das ganze Kunststück, womit die Götter unsichtbar machten,

bestand auch nicht in dem Nebel, sondern in der schnellen Entrückung.

Nur um zugleich mit anzuzeigen, daß die Entrückung so schnell

geschehen, daß kein menschliches Auge dem entrückten Körper

nachfolgen können, hüllet ihn der Dichter vorher in Nebel ein; nicht

weil man anstatt des entrückten Körpers einen Nebel gesehen, sondern

weil wir das, was in einem Nebel ist, als nicht sichtbar denken.

Daher kehrt er es auch bisweilen um, und läßt, anstatt das Objekt

unsichtbar zu machen, das Subjekt mit Blindheit geschlagen werden.

So verfinstert Neptun die Augen des Achilles, wenn er den Aeneas aus

seinen mörderischen Händen errettet, den er mit einem Rucke mitten

aus dem Gewühle auf einmal in das Hintertreffen versetzt 8). In der

Tat aber sind des Achilles Augen hier ebensowenig verfinstert, als

dort die entrückten Helden in Nebel gehüllet; sondern der Dichter

setzt das eine und das andere nur bloß hinzu, um die äußerste

Schnelligkeit der Entrückung, welche wir das Verschwinden nennen,

dadurch sinnlicher zu machen.

{7. Ibid. v. 446.}

{8. Iliad. Y. v. 321.}

Den homerischen Nebel aber haben sich die Maler nicht bloß in den

Fällen zu eigen gemacht, wo ihn Homer selbst gebraucht hat, oder

gebraucht haben würde: bei Unsichtbarwerdungen, bei Verschwindungen,

sondern überall, wo der Betrachter etwas in dem Gemälde erkennen soll,

was die Personen des Gemäldes entweder alle, oder zum Teil, nicht

erkennen. Minerva war dem Achilles nur allein sichtbar, als sie ihn

zurückhielt, sich mit Tätigkeiten gegen den Agamemnon zu vergehen.

Dieses auszudrücken, sagt Caylus, weiß ich keinen andern Rat, als daß

man sie von der Seite der übrigen Ratsversammlung in eine Wolke

verhülle. Ganz wider den Geist des Dichters. Unsichtbar sein, ist

der natürliche Zustand seiner Götter; es bedarf keiner Blendung,

keiner Abschneidung der Lichtstrahlen, daß sie nicht gesehen werden

9); sondern es bedarf einer Erleuchtung, einer Erhöhung des

sterblichen Gesichts, wenn sie gesehen werden sollen. Nicht genug

also, daß die Wolke ein willkürliches, und kein natürliches Zeichen

bei den Malern ist; dieses willkürliche Zeichen hat auch nicht einmal

die bestimmte Deutlichkeit, die es als ein solches haben könnte; denn

sie brauchen es ebensowohl, um das Sichtbare unsichtbar, als um das

Unsichtbare sichtbar zu machen.

{9. Zwar läßt Homer auch Gottheiten sich dann und wann in eine Wolke

hüllen, aber nur alsdenn, wenn sie von andern Gottheiten nicht wollen

gesehen werden. Z. E. Iliad. X. v. 282, wo Juno und der Schlaf hera

essamenw sich nach dem Ida verfügen, war es der schlauen Göttin

höchste Sorge, von der Venus nicht entdeckt zu werden, die ihr, nur

unter dem Vorwande einer ganz andern Reise, ihren Gürtel geliehen

hatte. In eben dem Buche (v. 344.) muß eine güldene Wolke den

wollusttrunkenen Jupiter mit seiner Gemahlin umgeben, um ihren

züchtigen Weigerungen abzuhelfen:

PvV k' eoi, ei tiV nvi Jevn aieigenetawn

Eudont' aJrhseie;--

Sie fÜrchte sich nicht von den Menschen gesehen zu werden; sondern

von den GÖttern. Und wenn schon Homer den Jupiter einige Zeilen

darauf sagen lÄßt:

Hrh, mhte Jevn toge deidiJi, mhte tin' andrvn

OyesJai· toion toi egw nejoV amjikaluyw

Cruseon·

so folgt doch daraus nicht, daß sie erst diese Wolke vor den Augen

der Menschen wÜrde verborgen haben; sondern es will nur so viel, daß

sie in dieser Wolke ebenso unsichtbar den GÖttern werden solle, als

sie es nur immer den Menschen sei. So auch, wenn Minerva sich den

Helm des Pluto aufsetzet (Iliad. E. v. 845.), welches mit dem

Verhüllen in eine Wolke einerlei Wirkung hatte, geschieht es nicht,

um von den Trojanern nicht gesehen zu werden, die sie entweder gar

nicht, oder unter der Gestalt des Sthenelus erblicken, sondern

lediglich, damit sie Mars nicht erkennen möge.}

Laokoon: Oder, Über die Grenzen der Malerei und Poesie · 第 18 / 36 题