{2. Statius Theb. VIII. v. 551.}
warum soll er, in Rücksicht auf den Maler, darzusetzen: Urania, den
Radius in der Hand, die Himmelskugel vor sich? Wäre es nicht, als ob
ein Mensch, der laut reden kann und darf, sich noch zugleich der
Zeichen bedienen sollte, welche die Stummen im Serraglio des Türken,
aus Mangel der Stimme, unter sich erfunden haben?
Eben dieselbe Befremdung äußert Spence nochmals bei den moralischen
Wesen, oder denjenigen Gottheiten, welche die Alten den Tugenden und
der Führung des menschlichen Lebens vorsetzten 3). "Es verdient
angemerkt zu werden", sagt er, "daß die römischen Dichter von den
besten dieser moralischen Wesen weit weniger sagen, als man erwarten
sollte. Die Artisten sind in diesem Stücke viel reicher, und wer
wissen will, was jedes derselben für einen Aufzug gemacht, darf nur
die Münzen der römischen Kaiser zu Rate ziehen 4).--Die Dichter
sprechen von diesen Wesen zwar öfters, als von Personen; überhaupt
aber sagen sie von ihren Attributen, ihrer Kleidung und übrigem
Ansehen sehr wenig."-{3. Polym. Dial. X. p. 137.}
{4. Ibid. p. 139.}
Wenn der Dichter Abstrakta personifieret, so sind sie durch den Namen,
und durch das, was er sie tun läßt, genugsam charakterisierst.
Dem Künstler fehlen diese Mittel. Er muß also seinen personifierten
Abstraktis Sinnbilder zugeben, durch welche sie kenntlich werden.
Diese Sinnbilder weil sie etwas anders sind, und etwas anders
bedeuten, machen sie zu allegorischen Figuren.
Eine Frauensperson mit einem Zaum in der Hand; eine andere an eine
Säule gelehnet, sind in der Kunst allegorische Wesen. Allein die
Mäßigung, die Standhaftigkeit bei dem Dichter, sind keine
allegorische Wesen, sondern bloß personifierte Abstrakta.
Die Sinnbilder dieser Wesen bei dem Künstler hat die Not erfunden.
Denn er kann sich durch nichts anders verständlich machen, was diese
oder jene Figur bedeuten soll. Wozu aber den Künstler die Not
treibet, warum soll sich das der Dichter aufdringen lassen, der von
dieser Not nichts weiß?
Was Spencen so sehr befremdet, verdienet den Dichtern als eine Regel
vorgeschrieben zu werden. Sie müssen die Bedürfnisse der Malerei
nicht zu ihrem Reichtume machen. Sie müssen die Mittel, welche die
Kunst erfunden hat, um der Poesie nachzukommen, nicht als
Vollkommenheiten betrachten, auf die sie neidisch zu sein Ursache
hätten. Wenn der Künstler eine Figur mit Sinnbildern auszieret, so
erhebt er eine bloße Figur zu einem höhern Wesen. Bedienet sich aber
der Dichter dieser malerischen Ausstaffierungen, so macht er aus
einem höhern Wesen eine Puppe.
So wie diese Regel durch die Befolgung der Alten bewähret ist, so ist
die geflissentliche Übertretung derselben ein Lieblingsfehler der
neuern Dichter. Alle ihre Wesen der Einbildung gehen in Maske, und
die sich auf diese Maskeraden am besten verstehen, verstehen sich
meistenteils auf das Hauptwerk am wenigsten: nämlich, ihre Wesen
handeln zu lassen, und sie durch die Handlungen derselben zu
charakterisieren.
Doch gibt es unter den Attributen, mit welchen die Künstler ihre
Abstrakta bezeichnen, eine Art, die des poetischen Gebrauchs fähiger
und würdiger ist. Ich meine diejenigen, welche eigentlich nichts
Allegorisches haben, sondern als Werkzeuge zu betrachten sind, deren
sich die Wesen, welchen sie beigeleget werden, falls sie als
wirkliche Personen handeln sollten, bedienen würden oder könnten.
Der Zaum in der Hand der Mäßigung, die Säule, an welche sich die
Standhaftigkeit lehnet, sind lediglich allegorisch, für den Dichter
also von keinem Nutzen. Die Wage in der Hand der Gerechtigkeit, ist
es schon weniger, weil der rechte Gebrauch der Wage wirklich ein
Stück der Gerechtigkeit ist. Die Leier oder Flöte aber in der Hand
einer Muse, die Lanze in der Hand des Mars, Hammer und Zange in den
Händen des Vulkans, sind ganz und gar keine Sinnbilder, sind bloße
Instrumente, ohne welche diese Wesen die Wirkungen, die wir ihnen
zuschreiben, nicht hervorbringen können. Von dieser Art sind die
Attribute, welche die alten Dichter in ihre Beschreibungen etwa noch
einflechten, und die ich deswegen, zum Unterschiede jener
allegorischen, die poetischen nennen möchte. Diese bedeuten die
Sache selbst, jene nur etwas Ähnliches 5).
{5. Man mag in dem Gemälde, welches Horaz von der Notwendigkeit macht,
und welches vielleicht das an Attributen reichste Gemälde bei allen
alten Dichtern ist: (lib. I. Od. 35.)
Te semper anteit saeva Necessitas:
Clavos trabales et cuneos manu
Gestans ahenea; nec severus
Uncus abest liquidumque plumbum--
man mag, sage ich, in diesem GemÄlde die Nägel, die Klammern, das
fließende Blei, fÜr Mittel der Befestigung oder für Werkzeuge der
Bestrafung annehmen, so gehÖren sie doch immer mehr zu den poetischen,
als allegorischen Attributen. Aber auch als solche sind sie zu sehr
gehäuft, und die Stelle ist eine von den frostigsten des Horaz.
Sanadon sagt: J'ose dire que ce tableau pris dans le détail serait
plus beau sur la toile que dans une ode héroïque. Je ne puis
souffrir cet attirail patibulaire de clous, de coins, de crocs, et de
plomp fondu. J'ai cru en devoir décharger la traduction, en
substituant les idées générales aux idées singulières. C'est dommage
que le poète ait eu besoin de ce correctif. Sanadon hatte ein feines
und richtiges Gefühl, nur der Grund, womit er es bewähren will, ist
nicht der rechte. Nicht weil die gebrauchten Attributa ein attirail
patibulaire sind; denn es stand nur bei ihm, die andere Auslegung
anzunehmen, und das Galgengeräte in die festesten Bindemittel der
Baukunst zu verwandeln: sondern, weil alle Attributa eigentlich für
das Auge, und nicht für das Gehör gemacht sind, und alle Begriffe,
die wir durch das Auge erhalten sollten, wenn man sie uns durch das
Gehör beibringen will, eine größere Anstrengung erfordern, und einer
geringern Klarheit fähig sind.--Der Verfolg von der angeführten
Strophe des Horaz erinnert mich übrigens an ein paar Versehen des
Spence, die von der Genauigkeit, mit welcher er die angezogenen
Stellen der alten Dichter will erwogen haben, nicht den
vorteilhaftesten Begriff erwecken. Er redet von dem Bilde, unter
welchem die Römer die Treue oder Ehrlichkeit vorstellten. (Dial. X.
p. 145.) "Die Römer", sagt er, "nannten sie Fides; und wenn sie sie
Sola Fides nannten, so scheinen sie den hohen Grad dieser Eigenschaft,
den wir durch grundehrlich (im Englischen downright honesty)
ausdrücken, darunter verstanden zu haben. Sie wird mit einer freien
offenen Gesichtsbildung und in nichts als einem dünnen Kleide
vorgestellet, welches so fein ist, daß es für durchsichtig gelten
kann. Horaz nennet sie daher, in einer von seinen Oden,
dünnbekleidet; und in einer anderen, durchsichtig." In dieser kleinen
Stelle sind nicht mehr als drei ziemlich grobe Fehler. Erstlich ist
es falsch, daß sola ein besonderes Beiwort sei, welches die Römer der
Göttin Fides gegeben. In den beiden Stellen des Livius, die er
desfalls zum Beweise anführt (lib. I. c. 21. lib. II. c. 3.),
bedeutet es weiter nichts, als was es überall bedeutet, die
Ausschließung alles übrigen. In der einen Stelle scheinet den
Criticis das soli sogar verdächtig und durch einen Schreibefehler,
der durch das gleich danebenstehende solenne veranlasset worden, in
den Text gekommen zu sein. In der andern aber ist nicht von der
Treue, sondern von der Unschuld, der Unsträflichkeit, Innocentia, die
Rede. Zweitens: Horaz soll, in einer seiner Oden, der Treue das
Beiwort dünnbekleidet geben, nämlich in der oben angezogenen
fünfunddreißigsten des ersten Buchs:
Te spes, et albo rara fides colit Velata panno.
Es ist wahr, rarus heißt auch dünne; aber hier heißt es bloß selten,
was wenig vorkömmt, und ist das Beiwort der Treue selbst, und nicht
ihrer Bekleidung. Spence würde recht haben, wenn der Dichter gesagt
hätte: Fides raro velata panno. Drittens, an einem andern Orte soll
Horaz die Treue oder Redlichkeit durchsichtig nennen; um eben das
damit anzudeuten, was wir in unsern gewöhnlichen
Freundschaftsversicherungen zu sagen pflegen: ich wünschte, Sie
könnten mein Herz sehen. Und dieser Ort soll die Zeile der
achtzehnten Ode des ersten Buchs sein:
Arcanique Fides prodiga, pellucidior vitro.
Wie kann man sich aber von einem bloßen Worte so verfÜhren lassen?
Heißt denn Fides arcani prodiga die Treue? Oder heißt es nicht
vielmehr, die Treulosigkeit? Von dieser sagt Horaz, und nicht von
der Treue, daß sie durchsichtig wie Glas sei, weil sie die ihr
anvertrauten Geheimnisse eines jeden Blicke bloßstellet.}