und seine Prokris diese Aura für den Namen einer Nebenbuhlerin hält,
daß ich, sage ich, diese Stelle natürlicher finde, wenn ich aus den
Kunstwerken der Alten ersehe, daß sie wirklich die sanften Lüfte
personifieret, und eine Art weiblicher Sylphen, unter dem Namen Aurae,
verehret haben 4). Ich gebe es zu, daß wenn Juvenal einen vornehmen
Taugenichts mit einer Hermessäule vergleicht, man das Ähnliche in
dieser Vergleichung schwerlich finden dürfte, ohne eine solche Säule
zu sehen, ohne zu wissen, daß es ein schlechter Pfeiler ist, der bloß
das Haupt, höchstens mit dem Rumpfe, des Gottes trägt, und weil wir
weder Hände noch Füße daran erblicken, den Begriff der Untätigkeit
erwecket 5).--Erläuterungen von dieser Art sind nicht zu verachten,
wenn sie auch schon weder allezeit notwendig noch allezeit
hinlänglich sein sollten. Der Dichter hatte das Kunstwerk als ein
für sich bestehendes Ding, und nicht als Nachahmung, vor Augen; oder
Künstler und Dichter hatten einerlei angenommene Begriffe, demzufolge
sich auch Übereinstimmung in ihren Vorstellungen zeigen mußte, aus
welcher sich auf die Allgemeinheit jener Begriffe zurückschließen
läßt.
{4. "Ehe ich", sagt Spence (Polymetis Dialogue XIII. p. 208) "mit
diesen Aurae, Luftnymphen, bekannt ward, wußte ich mich in die
Geschichte vom Cephalus und Prokris, beim Ovid, gar nicht zu finden.
Ich konnte auf keine Weise begreifen, wie Cephalus durch seine
Ausrufung, Aura venias, sie mochte auch in einem noch so zärtlichen
schmachtenden Tone erschollen sein, jemanden auf den Argwohn bringen
können, daß er seiner Prokris untreu sei. Da ich gewohnt war, unter
dem Worte Aura, nichts als die Luft überhaupt, oder einen sanften
Wind insbesondere, zu verstehen, so kam mir die Eifersucht der
Prokris noch weit ungegründeter vor, als auch die
allerausschweifendste gemeiniglich zu sein pflegt. Als ich aber
einmal gefunden hatte, daß Aura ebensowohl ein schönes junges Mädchen,
als die Luft bedeuten könnte, so bekam die Sache ein ganz anderes
Ansehen, und die Geschichte dünkte mich eine ziemlich vernünftige
Wendung zu bekommen." Ich will den Beifall, den ich dieser Entdeckung,
mit der sich Spence so sehr schmeichelt, in dem Texte erteile, in
der Note nicht wieder zurücknehmen. Ich kann aber doch nicht
unangemerkt lassen, daß auch ohne sie die Stelle des Dichters ganz
natürlich und begreiflich ist. Man darf nämlich nur wissen, daß Aura
bei den Alten ein ganz gewöhnlicher Name für Frauenzimmer war. So
heißt z. E. beim Nonnus (Dionys. lib. XLVIII.) die Nymphe aus dem
Gefolge der Diana, die, weil sie sich einer männlichem Schönheit
rühmte, als selbst der Göttin ihre war, zur Strafe für ihre
Vermessenheit, schlafend den Umarmungen des Bacchus preisgegeben ward.}
{5. Juvenalis Satir. VIII. v. 52-55.
--At tu
Nil nisi Cecropides; truncoque simillimus Hermae:
Nullo quippe alio vincis discrimine, quam quod
Illi marmoreum caput est, tua vivit imago.
Wenn Spence die griechischen Schriftsteller mit in seinen Plan
gezogen gehabt hÄtte, so wÜrde ihm vielleicht, vielleicht aber auch
nicht, eine alte Aesopische Fabel beigefallen sein, die aus der
Bildung einer solchen Hermessäule ein noch weit schÖneres, und zu
ihrem Verständnisse weit unentbehrlicheres Licht erhält, als diese
Stelle des Juvenals. "Merkur", erzählet Aesopus, "wollte gern
erfahren, in welchem Ansehen er bei den Menschen stünde. Er verbarg
seine Gottheit, und kam zu einem Bildhauer. Hier erblickte er die
Statue des Jupiters, und fragte den Künstler, wie teuer er sie halte?,
Eine Drachme, war die Antwort. Merkur lächelte;,Und diese Juno?
fragte er weiter.,Ohngefähr--ebensoviel. Indem ward er sein eigenes
Bild gewahr, und dachte bei sich selbst: ich bin der Bote der Götter;
von mir kömmt aller Gewinn; mich müssen die Menschen notwendig weit
höher schätzen.,Aber hier dieser Gott? (Er wies auf sein Bild.),Wie
teuer möchte wohl der sein?,Dieser? antwortete der Künstler.,O,
wenn Ihr mir jene beide abkauft, so sollt Ihr diesen obendrein haben.
" Merkur war abgeführt. Allein der Bildhauer kannte ihn nicht, und
konnte also auch nicht die Absicht haben, seine Eigenliebe zu kränken,
sondern es mußte in der Beschaffenheit der Statuen selbst gegründet
sein, warum er die letztere so geringschätzig hielt, daß er sie zur
Zugabe bestimmte. Die geringere Würde des Gottes, welchen sie
vorstellte, konnte dabei nichts tun, denn der Künstler schätzet seine
Werke nach der Geschicklichkeit, dem Fleiße und der Arbeit, welche
sie erfordern, und nicht nach dem Range und dem Werte der Wesen,
welche sie ausdrücken. Die Statue des Merkurs mußte weniger
Geschicklichkeit, weniger Fleiß und Arbeit verlangen, wenn sie
weniger kosten sollte, als eine Statue des Jupiters oder der Juno.
Und so war es hier wirklich. Die Statuen des Jupiters und der Juno
zeigten die völlige Person dieser Götter; die Statue des Merkurs
hingegen war ein schlechter viereckichter Pfeiler, mit dem bloßen
Brustbilde desselben. Was Wunder also, daß sie obendrein gehen
konnte? Merkur übersahe diesen Umstand, weil er sein vermeintliches
überwiegendes Verdienst nur allein vor Augen hatte, und so war seine
Demütigung ebenso natürlich, als verdient. Man wird sich vergebens
bei den Auslegern und Übersetzern und Nachahmern der Fabeln des
Aesopus nach der geringsten Spur von dieser Erklärung umsehen; wohl
aber könnte ich ihrer eine ganze Reihe anführen, wenn es sich der
Mühe lohnte, die das Märchen geradezu verstanden, das ist, ganz und
gar nicht verstanden haben. Sie haben die Ungereimtheit, welche
darin liegt, wenn man die Statuen alle für Werke von einerlei
Ausführung annimmt, entweder nicht gefühlt, oder wohl noch gar
übertrieben. Was sonst in dieser Fabel anstößig sein könnte, wäre
vielleicht der Preis, welchen der Künstler seinem Jupiter setzet.
Für eine Drachma kann ja wohl auch kein Töpfer eine Puppe machen.
Eine Drachma muß also hier überhaupt für etwas sehr Geringes stehen.
(Fab. Aesop. 90. Edit. Haupt. p. 70.)}
Allein wenn Tibull die Gestalt des Apollo malet, wie er ihm im Traume
erschienen:--der schönste Jüngling, die Schläfe mit dem keuschen
Lorbeer umwunden; syrische Gerüche duften aus dem güldenen Haare, das
um den langen Nacken schwimmet; glänzendes Weiß und Purpurröte
mischen sich auf dem ganzen Körper, wie auf der zarten Wange der
Braut, die itzt ihrem Geliebten zugeführet wird:--warum müssen diese
Züge von alten berühmten Gemälden erborgt sein? Echions nova nupta
verecundia notabilis mag in Rom gewesen sein, mag tausend- und
tausendmal sein kopieret worden, war darum die bräutliche Scham
selbst aus der Welt verschwunden? Seit sie der Maler gesehen hatte,
war sie für keinen Dichter mehr zu sehen, als in der Nachahmung des
Malers 6)? Oder wenn ein anderer Dichter den Vulkan ermüdet, und
sein vor der Esse erhitztes Gesicht rot, brennend nennet: mußte er es
erst aus dem Werke eines Malers lernen, daß Arbeit ermattet und Hitze
rötet 7)? Oder wenn Lucrez den Wechsel der Jahreszeiten beschreibet,
und sie, mit dem ganzen Gefolge ihrer Wirkungen in der Luft und auf
der Erde, in ihrer natürlichen Ordnung vorüberführet: war Lucrez ein
Ephemeron, hatte er kein ganzes Jahr durchlebet, um alle die
Veränderungen selbst erfahren zu haben, daß er sie nach einer
Prozession schildern mußte, in welcher ihre Statuen herumgetragen
wurden? Mußte er erst von diesen Statuen den alten poetischen
Kunstgriff lernen, dergleichen Abstrakta zu wirklichen Wesen zu
machen 8)? Oder Virgils pontem indignatus Araxes, dieses
vortreffliche poetische Bild eines über seine Ufer sich ergießenden
Flusses, wie er die über ihn geschlagene Brücke zerreißt, verliert es
nicht seine ganze Schönheit, wenn der Dichter auf ein Kunstwerk damit
angespielet hat, in welchem dieser Flußgott als wirklich eine Brücke
zerbrechend vorgestellet wird 9)?--Was sollen wir mit dergleichen
Erläuterungen, die aus der klarsten Stelle den Dichter verdrängen, um
den Einfall eines Künstlers durchschimmern zu lassen?
{6. Tibullus Eleg. 4. lib. III. Polymetis Dial. VIII. p. 84.}
{7. Statius lib. I. Silv. 5. v. 8. Polymetis Dial. VIII. p. 81.}
{8. Lucretius de R. N. lib. V. v. 736-747
It Ver, et Venus, et Veneris praenuntius ante
Pinnatus graditur Zephyrus; vestigia propter
Flora quibus mater praespargens ante viai
Cuncta coloribus egregiis et odoribus opplet.
Inde loci sequitur Calor aridus, et comes una
Pulverulenta Ceres; et Etesia flabra Aquilonum.
Inde Autumnus adit; graditur simul Evius Evan:
Inde aliae tempestates ventique sequuntur,
Altitonans Volturnus et Auster fulmine pollens.
Tandem Bruma nives adfert, pigrumque rigorem
Reddit, Hiems sequitur, crepitans ac dentibus Algus.
{9. Aeneid. lib. VIII. v. 728. Polymetis Dial. XIV. p. 230.}
Spence erkennet diese Stelle fÜr eine von den schÖnsten in dem ganzen
Gedichte des Lucrez. Wenigstens ist sie eine von denen, auf welche
sich die Ehre des Lucrez als Dichter gründet. Aber wahrlich, es
heißt ihm diese Ehre schmÄlern, ihn völlig darum bringen wollen, wenn
man sagt: Diese ganze Beschreibung scheinet nach einer alten
Prozession der vergötterten Jahreszeiten, nebst ihrem Gefolge,
gemacht zu sein. Und warum das? "Darum," sagt der Engeländer, "weil
bei den Römern ehedem dergleichen Prozessionen mit ihren Göttern
überhaupt, ebenso gewöhnlich waren, als noch itzt in gewissen Ländern
die Prozessionen sind, die man den Heiligen zu Ehren anstellet; und
weil hiernächst alle Ausdrücke, welche der Dichter hier braucht, auf
eine Prozession recht sehr wohl passen" (come in very aptly, if
applied to a procession). Treffliche Gründe! Und wie vieles wäre
gegen den letzteren noch einzuwenden. Schon die Beiwörter, welche
der Dichter den personifierten Abstrakten gibt, Calor aridus, Ceres
pulverulenta, Volturnus altitonans, fulmine pollens Auster, Algus
dentibus crepitans, zeigen, daß sie das Wesen von ihm, und nicht von
dem Künstler haben, der sie ganz anders hätte charakterisieren müssen.
Spence scheinet übrigens auf diesen Einfall von einer Prozession
durch Abraham Preigern gekommen zu sein, welcher in seinen
Anmerkungen über die Stelle des Dichters sagt: Ordo est quasi pompae
cujusdam, Ver et Venus, Zephyrus et Flora etc. Allein dabei hätte es
auch Spence nur sollen bewenden lassen. Der Dichter führet die
Jahreszeiten gleichsam in einer Prozession auf; das ist gut. Aber er
hat es von einer Prozession gelernt, sie so aufzuführen; das ist sehr
abgeschmackt.}
Ich bedaure, daß ein so nützliches Buch, als "Polymetis" sonst sein
könnte, durch diese geschmacklose Grille, den alten Dichter statt
eigentümlicher Phantasie, Bekanntschaft mit fremder unterzuschieben,
so ekel, und den klassischen Schriftstellern weit nachteiliger
geworden ist, als ihnen die wäßrigen Auslegungen der schalsten
Wortforscher nimmermehr sein können. Noch mehr bedauere ich, daß
Spencen selbst Addison hierin vorgegangen, der aus löblicher Begierde,
die Kenntnis der alten Kunstwerke zu einem Auslegungsmittel zu
erheben, die Fälle ebensowenig unterschieden hat, in welchen die
Nachahmung des Künstlers dem Dichter anständig, in welchen sie ihm
verkleinerlich ist 10).
{10. In verschiedenen Stellen seiner Reisen und seines Gespräches
über die alten Münzen.}