VIII.

Von der Ähnlichkeit, welche die Poesie und Malerei miteinander haben,

macht sich Spence die allerseltsamsten Begriffe. Er glaubet, daß

beide Künste bei den Alten so genau verbunden gewesen, daß sie

beständig Hand in Hand gegangen, und der Dichter nie den Maler, der

Maler nie den Dichter aus den Augen verloren habe. Daß die Poesie

die weitere Kunst ist, daß ihr Schönheiten zu Gebote stehen, welche

die Malerei nicht zu erreichen vermag; daß sie öfters Ursachen haben

kann, die unmalerischen Schönheiten den malerischen vorzuziehen:

daran scheinet er gar nicht gedacht zu haben, und ist daher bei dem

geringsten Unterschiede, den er unter den alten Dichtern und Artisten

bemerkt, in einer Verlegenheit, die ihn auf die wunderlichsten

Ausflüchte von der Welt bringt.

Die alten Dichter geben dem Bacchus meistenteils Hörner. Es ist also

doch wunderbar, sagt Spence, daß man diese Hörner an seinen Statuen

so selten erblickt 1). Er fällt auf diese, er fällt auf eine andere

Ursache; auf die Unwissenheit der Antiquare, auf die Kleinheit der

Hörner selbst, die sich unter den Trauben und Efeublättern, dem

beständigen Kopfputze des Gottes, möchten verkrochen haben. Er

windet sich um die wahre Ursache herum, ohne sie zu argwöhnen. Die

Hörner des Bacchus waren keine natürliche Hörner, wie sie es an den

Faunen und Satyren waren. Sie waren ein Stirnschmuck, den er

aufsetzen und ablegen konnte.

{1. Polymetis Dial. IX. p. 129.}

--Tibi, cum sine cornibus adstas

Virgineum caput est:--

heißt es in der feierlichen Anrufung des Bacchus beim Ovid 2). Er

konnte sich also auch ohne HÖrner zeigen; und zeigte sich ohne Hörner,

wenn er in seiner jungfrÄulichen Schönheit erscheinen wollte. In

dieser wollten ihn nun auch die KÜnstler darstellen, und mußten daher

alle Zusätze von übler Wirkung an ihm vermeiden. Ein solcher Zusatz

wären die Hörner gewesen, die an dem Diadem befestiget waren, wie man

an einem Kopfe in dem königlichen Kabinett zu Berlin sehen kann 3).

Ein solcher Zusatz war das Diadem selbst, welches die schöne Stirne

verdeckte, und daher an den Statuen des Bacchus ebenso selten

vorkömmt, als die Hörner, ob es ihm schon, als seinem Erfinder, von

den Dichtern ebenso oft beigeleget wird. Dem Dichter gaben die

Hörner und das Diadem feine Anspielungen auf die Taten und den

Charakter des Gottes: dem Künstler hingegen wurden sie Hinderungen

größere Schönheiten zu zeigen, und wenn Bacchus, wie ich glaube eben

darum den Beinamen Biformis, DimorjoV, hatte, weil er sich sowohl

schön als schrecklich zeigen konnte, so war es wohl natürlich, daß

der Künstler diejenige von seiner Gestalt am liebsten wählte, die der

Bestimmung seiner Kunst am meisten entsprach.

{2. Metamorph. lib. IV. v. 19. 20.}

{3. Begeri Thes. Brandenb. Vol. III. p. 240.}

Minerva und Juno schleudern bei den römischen Dichtern öfters den

Blitz. Aber warum nicht auch in ihren Abbildungen? fragt Spence 4).

Er antwortet: es war ein besonderes Vorrecht dieser zwei Göttinnen,

wovon man den Grund vielleicht erst in den samothracischen

Geheimnissen erfuhr; weil aber die Artisten bei den alten Römern als

gemeine Leute betrachtet, und daher zu diesen Geheimnissen selten

zugelassen wurden, so wußten sie ohne Zweifel nichts davon, und was

sie nicht wußten, konnten sie nicht vorstellen. Ich möchte Spencen

dagegen fragen: arbeiteten diese gemeinen Leute vor ihren Kopf, oder

auf Befehl Vornehmerer, die von den Geheimnissen unterrichtet sein

konnten? Stunden die Artisten auch bei den Griechen in dieser

Verachtung? Waren die römischen Artisten nicht mehrenteils geborne

Griechen? Und so weiter.

{4. Polymetis Dial. VI. p. 63.}

Statius und Valerius Flaccus schildern eine erzürnte Venus, und mit

so schrecklichen Zügen, daß man sie in diesem Augenblicke eher für

eine Furie, als für die Göttin der Liebe halten sollte. Spence

siehet sich in den alten Kunstwerken vergebens nach einer solchen

Venus um. Was schließt er daraus? Daß dem Dichter mehr erlaubt ist

als dem Bildhauer und Maler? Das hätte er daraus schließen sollen;

aber er hat es einmal für allemal als einen Grundsatz angenommen, daß

in einer poetischen Beschreibung nichts gut sei, was unschicklich

sein würde, wenn man es in einem Gemälde, oder an einer Statue

vorstellt 5). Folglich müssen die Dichter gefehlt haben. "Statius

und Valerius sind aus einer Zeit, da die römische Poesie schon in

ihrem Verfalle war. Sie zeigen auch hierin ihren verderbten

Geschmack, und ihre schlechte Beurteilungskraft. Bei den Dichtern

aus einer bessern Zeit wird man dergleichen Verstoßungen wider den

malerischen Ausdruck nicht finden 6)."

{5. Polymetis Dialogue XX. p. 31 1. Scarce any thing can be good in a

poetical description, which would appear absurd, if represented in a

statue or picture.}

{6. Polymetis Dial. VII. p. 74.}

So etwas zu sagen, braucht es wahrlich wenig Unterscheidungskraft.

Ich will indes mich weder des Statius noch des Valerius in diesem

Fall annehmen, sondern nur eine allgemeine Anmerkung machen. Die

Götter und geistigen Wesen, wie sie der Künstler vorstellet, sind

nicht völlig ebendieselben, welche der Dichter braucht. Bei dem

Künstler sind sie personifierte Abstrakta, die beständig die nämliche

Charakterisierung behalten müssen, wenn sie erkenntlich sein sollen.

Bei dem Dichter hingegen sind sie wirkliche handelnde Wesen, die über

ihren allgemeinen Charakter noch andere Eigenschaften und Affekten

haben, welche nach Gelegenheit der Umstände vor jenen vorstechen

können. Venus ist dem Bildhauer nichts als die Liebe; er muß ihr

also alle die sittsame verschämte Schönheit, alle die holden Reize

geben, die uns an geliebten Gegenständen entzücken, und die wir daher

mit in den abgesonderten Begriff der Liebe bringen. Die geringste

Abweichung von diesem Ideal läßt uns sein Bild verkennen. Schönheit,

aber mit mehr Majestät als Scham, ist schon keine Venus, sondern eine

Juno. Reize, aber mehr gebieterische, männliche, als holde Reize,

geben eine Minerva statt einer Venus. Vollends eine zürnende Venus,

eine Venus von Rache und Wut getrieben, ist dem Bildhauer ein wahrer

Widerspruch; denn die Liebe, als Liebe, zürnet nie, rächet sich nie.

Bei dem Dichter hingegen ist Venus zwar auch die Liebe, aber die

Göttin der Liebe, die außer diesem Charakter, ihre eigne

Individualität hat, und folglich der Triebe des Abscheues ebenso

fähig sein muß, als der Zuneigung. Was Wunder also, daß sie bei ihm

in Zorn und Wut entbrennet, besonders wenn es die beleidigte Liebe

selbst ist, die sie darein versetzet?

Es ist zwar wahr, daß auch der Künstler in zusammengesetzten Werken,

die Venus, oder jede andere Gottheit, außer ihrem Charakter, als ein

wirklich handelndes Wesen, so gut wie der Dichter, einführen kann.

Aber alsdenn müssen wenigstens ihre Handlungen ihrem Charakter nicht

widersprechen, wenn sie schon keine unmittelbare Folgen desselben

sind. Venus übergibt ihrem Sohne die göttlichen Waffen: diese

Handlung kann der Künstler, sowohl als der Dichter, vorstellen. Hier

hindert ihn nichts, der Venus alle die Anmut und Schönheit zu geben,

die ihr als Göttin der Liebe zukommen; vielmehr wird sie eben dadurch

in seinem Werke um so viel kenntlicher. Allein wenn sieh Venus an

ihren Verächtern, den Männern zu Lemnos, rächen will, in vergrößerter

wilder Gestalt, mit fleckigten Wangen, in verwirrtem Haare, die

Pechfackel ergreift, ein schwarzes Gewand um sich wirft, und auf

einer finstern Wolke stürmisch herabfährt: so ist das kein Augenblick

für den Künstler, weil er sie durch nichts in diesem Augenblicke

kenntlich machen kann. Es ist nur ein Augenblick für den Dichter,

weil dieser das Vorrecht hat, einen andern, in welchem die Göttin

ganz Venus ist, so nahe, so genau damit zu verbinden, daß wir die

Venus auch in der Furie nicht aus den Augen verlieren. Dieses tut

Flaccus:

--Neque enim alma videri

Jam tumet; aut tereti crinem subnectitur auro,

Sidereos diffusa sinus. Eadem effera et ingens

Et maculis suffecta genas; pinumque sonantem

Virginibus Stygiis, nigramque simillima pallam 7).

{7. Argonaut. lib. II. v. 102-106.}

Eben dieses tut Statius:

Illa Paphon veterem centumque altaria linquens,

Nec vultu nec crine prior, solvisse jugalem

Ceston, et Idalias procul ablegasse volucres

Fertur. Erant certe, media qui noctis in umbra

Divam, alios ignes majoraque tela gerentem,

Tartarias inter thalamis volitasse sorores

Vulgarent: utque implicitis arcana domorum

Anguibus et saeva formidine cuncta replerit

Limina 8).--

{8. Thebaid. lib. V. v. 61-69.}

Oder man kann sagen: der Dichter allein besitzet das KunststÜck, mit

negativen Zügen zu schildern, und durch Vermischung dieser negativen

mit positiven Zügen, zwei Erscheinungen in eine zu bringen. Nicht

mehr die holde Venus; nicht mehr das Haar mit goldenen Spangen

geheftet; von keinem azurnen Gewande umflattert; ohne ihren Gürtel;

mit andern Flammen, mit grÖßern Pfeilen bewaffnet; in Gesellschaft

ihr Ähnlicher Furien. Aber weil der Artist dieses Kunststückes

entbehren muß, soll sich seiner darum auch der Dichter enthalten?

Wenn die Malerei die Schwester der Dichtkunst sein will: so sei sie

wenigstens keine eifersüchtige Schwester; und die jüngere untersage

der älteren nicht alle den Putz, der sie selbst nicht kleidet.

Laokoon: Oder, Über die Grenzen der Malerei und Poesie · 第 13 / 36 题